FRAGEN AN UNS

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Torarolle, ehemalige Synagoge Glockengasse in Köln, by HOWI – Horsch, Willy (eigenes Foto (Zeughaus)) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Welche Fragen meinst du durch das Studium der Bibel beantworten zu können und welche nicht?  Mit welchen Erwartungen gehst du an die Bibel heran?

Ist eine gute Bibelkenntnis alles, was wir heute brauchen, um im Glauben leben zu können, oder brauchen wir noch etwas Anderes?  Was wäre ggf. das Andere?

 

VISION

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By 3268zauber (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Wie wäre es, …

… wenn wir als Christenheit mal dahin kämen, uns ernsthaft und intensiv mit den Texten selbst zu beschäftigen, anstatt mit unseren Lieblings-Versen Ping-Pong zu spielen?

… wenn wir uns von den Texten inspirieren ließen, anstatt uns über die Inspiration der Bibel zu streiten? Mehr hören würden als reden?

… wenn uns die Botschaften der Texte packen würden, anstatt dass wir versuchen die Bibel in den Griff zu kriegen?

… wenn wir ein Bewußtsein für die Weite und Tiefe der Themen und Fragen hätten, anstatt die Wahrheit der Bibel auf unser Niveau herabzuziehen?

… wenn wir um die Begrenztheit unseres eigenen Verstehens wissen würden, anstatt anderen unsere Meinung als die biblische Wahrheit unter die Nase zu reiben?

… wenn wir kreativ darin wären, uns selbst und anderen einen Zugang zu diesen alten Texten zu schaffen?

… wenn Liebe uns beflügeln würde, die biblischen Worte so zu gebrauchen, dass Menschen dadurch in ihrer Seele gesund werden?

… wenn wir neugierig wären, Neues zu lernen und unser Denken verändern zu lassen?

… wenn Kinder oder Menschen, die noch jung im Glauben sind, durch das Vorbild der anderen eine demütige und gesunde Wertschätzung der Texte lernen würden und den entsprechenden Umgang mit ihnen?

 

[Eine neuere Überarbeitung des Artikels findet ihr hier.]

GLAUBE AN DIE BIBEL ǂ GLAUBE AN JESUS

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Christus Pantokrator, Ikone im Katharinenkloster auf dem Sinai (6. Jh), ,by Anonymous ([1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Der Glaube an die Bibel ist nicht dasselbe wie der Glaube an Jesus, sondern geht über den Glauben an Jesus hinaus. Natürlich beinhaltet der Glaube an die Bibel auch den Glauben an Jesus, aber umgekehrt muss ich nicht an die Bibel glauben, um an Jesus glauben zu können.

Die ersten Christen hatten noch keine Bibel. Die neutestamentlichen Schriften entstanden erst in den nachfolgenden Jahrzehnten. Wir sehen im NT selbst, wie Paulus z.B. um seine Anerkennung unter den Gläubigen kämpfen musste (er war ja auch nicht einer von den Zwölf). Heute würde vielleicht jemand sagen: „Hey Leute, natürlich hat Paulus recht. Seine Briefe stehen doch in der Bibel!“  😉

Wie kann man an Jesus glauben ohne die Bibel? Tja, die ersten Christen waren selbst noch relativ nahe dran an der Quelle und es lebten noch Menschen, die Jesus gekannt hatten. Dank sei Gott, haben wir heute die Bibel. Sie ist mit Sicherheit die beste Quelle, um zu verstehen, wer Jesus war, was er wollte und wie die ersten Christen an ihn geglaubt haben. Die Wertschätzung der biblischen Texte ist eine wunderbare Grundlage, die wir haben, um uns als Christen miteinander über unseren Glauben auszutauschen und Nicht-Christen unseren Glauben zu erklären. Wertschätzung der Texte ist wiederum aber nicht dasselbe wie der Glaube an das Dogma von der Unfehlbarkeit der Bibel als Wort Gottes.

GANZHEITLICHES BIBELVERSTÄNDNIS

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By Photography by Ardon Bar Hama (see [2], author of original document is unknown. (Website of The Israel Museum, Jerusalem: [1].) [Public domain], via Wikimedia Commons

(Bin übrigens auch als Christian Schmill auf Facebook 🙂 )

Um was es mir geht, ist das „richtige“ und „angemessene“ Verstehen der Bibel. Solche Begriffe sind allerdings nicht besonders erhellende – wollen das nicht alle? Deshalb hab‘ ich nach einem Wort gesucht, mit dem man am ehesten das assoziiert, worum es mir geht. Und das ist ein Verstehen, dass sowohl die menschliche als auch die göttliche Seite unserer heiligen Schriften angemessen berücksichtigt.

Es geht um ein Überwinden von Einseitigkeiten und Schwarz-Weiss-Denken. Ähnlich wie bei der Diskussion über die Natur Jesu (Gott-Mensch) so wird allerdings wohl auch die Diskussion über Natur und Verstehen der Bibel noch so einige Zeit weitergehen.

Das Thema an sich ist ja riesig. Ich möchte das mal in meinem Kopf sortieren in den Bereich „die Vorstellung, die ich von der Bibel habe“ und „wie ich mit ihr umgehe“ (Umgang). Die beiden Aspekte hängen natürlich zusammen und beeinflussen sich wechselseitig. Ich möchte gleich auch noch sagen (damit kein falscher Eindruck entsteht), dass es mir nicht darum geht, dass wir die Bibel weniger wichtig nehmen, sondern dass sie durch ein besseres Verstehen wertvoller für uns wird. Dazu fallen mir dann auch noch Fragen ein, wie: Warum beschäftigst Du Dich eigentlich mit der Bibel? Hat sich das bis jetzt für Dich gelohnt? Bringt Dir das was? Was genau? Was wünscht Du Dir von der Bibel? (Ich hab mir die Fragen auch selbst grad gestellt und war überrascht.)

Zur Vorstellung von der Bibel:

Wer darf behaupten, dass die Bibel das fehlerfreie Wort Gottes ist? Glaubst Du das? Und falls ja, weißt Du, ob Du das glaubst, weil Du selber durch das Studium der Texte zu diesem Schluss gekommen bist oder weil andere es Dir gesagt haben oder Du es immer wieder gelesen hast?

Bei der Frage haben wir zunächst schon einmal das Problem, was wir uns denn unter dem „Wort Gottes“ vorstellen. Es ist eigentlich ein symbolischer Ausdruck. Wir kennen Worte nur als Bestandteile menschlicher Sprache. Welche Sprache spricht Gott? Keine? Alle? Hat Gott eine Muttersprache? Paulus erwähnt in 1.Kor 13 die Sprachen von Engeln – aber wir kennen eigentlich nur menschliche Sprache.

Von der Religionsgeschichte her kennen wir das Phänomen, dass manchmal Sprachen als „heilig“ betrachtet werden – z.B. das Hebräische im Judentum oder das Arabische im Islam. Dahinter steht die Überzeugung, dass Gott sich sprachlich offenbart hat, und das Bewusstsein, dass jede Sprache eine ihr eigene Natur besitzt, welche sie von anderen Sprachen unterscheidet. Wenn Gott eine Sprache erwählt hat, um sich durch sie zu offenbaren, wird diese dadurch heilig. Nicht alle Juden fanden es z.B. so toll, als ihre heiligen Schriften ins Griechische übersetzt wurden (Septuaginta) und die Übersetzung des Koran in andere Sprachen ist auch für Muslime ein problematisches Thema.

Natürliche Sprachen sind lebendig und verändern sich. Gott aber verändert sich nicht. Kann es überhaupt eine heilige Sprache geben? Beim Hebräischen sehen wir in der Geschichte, wie es über Jahrhunderte zu einer liturgischen Sprache erstarrt gewesen war, bevor es dann in der Neuzeit wiederbelebt wurde. Interessant ist, dass im Christentum meines Wissens „heilige Sprache“ nie ein Thema war. Vielleicht liegt das daran, dass unsere Bibel ja ursprünglich in mehreren Sprachen geschrieben worden ist.

Ich bin überzeugt, dass viel zu viel Fromme nicht darüber nachdenken, was Kommunikation eigentlich ist und wie sie funktioniert. Müsste jemandem, dem die geschichtliche Veränderung von Sprache bewusst ist, es nicht eigenartig und problematisch erscheinen, dass Gott sich in einem Text offenbart?

Während ich diese Zeilen schreibe, wird mir wieder einmal bewusst, wie begrenzt das ist, was wir mit Worten ausdrücken können. Man möchte nicht zu viel Worte machen, aber auch nicht etwas so verkürzen, dass es missverständlich ist. Jeder, der es gewöhnt ist, öffentlich zu sprechen oder regelmäßig Texte verfasst, kennt diese Spannung.

Wie können wir den Anspruch haben, dass Gott sich in Texten absolut offenbart? Wie soll man einzelne Verse als Gottes Wort bezeichnen, wenn der Text doch offensichtlich von einem Menschen formuliert worden ist und sich der Sinn doch erst durch den Kontext erschließt und Sinnerfassung immer auch schon Interpretation ist?

Sprache ist untrennbar mit dem historischen kulturellen Kontext verbunden. Jeder, der schon einmal versucht hat, eine Fremdsprache zu lernen, kann das verstehen. Manche Worte beschreiben grundlegende menschliche Erfahrungen, wie Atmen, Essen, Laufen, usw. – aber selbst da gibt es Nuancen (tief/flach atmen, schnell/langsam laufen/gehen/rennen …). Andere Worte haben einen sehr spezifischen Kontext, wie z. B. Passah, Abendmahl, Weihnachten, … Und Sprache ist grundsätzlich der Veränderung in der Zeit unterworfen, was man sofort merkt, wenn man Luther im Original liest, oder wenn man an die Bedeutung von Worten wie „toll“ oder „geil“ denkt.

In den religiösen Schriften wird nun der Text durch die Tradition konserviert, aber löst sich zunehmend von dem historischen Kontext. Es wird zunehmend schwieriger den Text richtig zu interpretieren (es sei denn man schafft es, den ursprünglichen Kontext mitzuerhalten oder zu rekonstruieren) und die Gefahr von Missverständnissen steigt. Je fremder einem Leser der historische Kontext ist, desto schwieriger wird das Verstehen.

Wir glauben an Jesus, aber wir haben keinen einzigen Satz, den Jesus selber aufgeschrieben hat. Wir haben auch keine Originale von den biblischen Texten und können sie auch nicht 100%ig rekonstruieren. Die Frage des Kanons ist nie allgemein in der Christenheit geklärt worden. (Diese Aussage ist natürlich abhängig davon, wen man als Christ akzeptiert.) Kaum jemand weltweit kann die biblischen Sprachen auf muttersprachlichen Niveau. (Wie sollte das auch möglich sein?) Wir müssen auch davon ausgehen, dass nicht alle Schreiber der Bibel die Sprache, die sie benutzen, auf muttersprachlichen Niveau beherrscht haben. Das meiste, was über die Bibel gesagt wird und gesagt worden ist, wird von Menschen gesagt, die Übersetzungen benutzen und kaum genauere Kenntnisse von Textkritik und der Entstehung der Bibel haben. Auch können wir den historischen Kontext nur sehr begrenzt rekonstruieren.

Ist es eine den Texten und Sachverhalten angemessene Strategie, alles wörtlich zu nehmen, außer dann, wenn es offensichtlich nicht funktioniert? Selbst wenn die Originale vollkommen gewesen wären und sich Gott in ihnen absolut offenbart hätte, welche Bedeutung hätte dies für uns heute und wie könnten wir absolute Aussagen über die Inhalte machen, wenn doch unser Verstehen der Texte begrenzt ist? Und welche praktische Bedeutung hat Autorität und Fehlerlosigkeit, wenn es z. T. sehr schwer ist die Bedeutung eines Textes für uns heute zu erschließen? Selbst Petrus sagt schon vor fast 2000 Jahren, dass Paulus schwer zu verstehen ist. Wie können wir verifizieren, dass wir einen Text richtig verstanden haben? Und ist das überhaupt bei der Beschäftigung mit der Bibel das Wichtigste?

Ganz offensichtlich erheben viele Texte in der Bibel auch gar nicht den Anspruch, dass Gott sie geschrieben oder gesprochen hat. Und an den Stellen, wo der Schreiber sagt „Gott hat gesagt“ können wir ihn nicht mehr fragen, was genau er denn damit meint. Ich kenne persönlich niemanden, der behauptet, dass Gott zu ihm gesprochen hat, und wenn ich mal jemand treffen sollte, würde ich mich wahrscheinlich fragen, was es damit auf sich hat. Die Entstehung vieler biblischen Texte liegt im Dunkel und wir können oft nur vom Text selbst her versuchen zu rekonstruieren, wer, wann genau, warum, etc. etwas geschrieben hat.

Können wir bei der Unterschiedlichkeit der bibl. Bücher überhaupt eine Hermeneutik formulieren, die für alle funktioniert? Sollten wir das überhaupt versuchen oder vielleicht eher einfach mit allgemeinen literaturwissenschaftl. Methoden an die Bibel herangehen? Ist es sinnvoll sich zu bemühen, ein Bibelverständnis zu verteidigen, was an sich schon fraglich ist oder sollte man sich nicht eher auf die Arbeit an den Texten selbst konzentrieren, sowohl als einzelne, als auch als Christenheit?

Jemand kann eigentlich auch nur behaupten, dass die biblischen Texte fehlerfrei sind, wenn er Vers für Vers alles persönlich überprüft hat. Wie sollte das aber möglich sein? Zu manchen biblischen Aussagen haben wir gar keine weiteren historischen Quellen. Die Korrektheit historischer Dokumente ist ja auch nicht nur ein theologisches Thema und immer relativ zum wissenschaftlichen Standpunkt. Wir wissen auch das wissenschaftliche Erkenntnis sich wandelt. Und wie will man die Korrektheit von Aussagen über die Schöpfung oder Gott beurteilen? Die Frage nach der Wahrheit der Bibel führt ganz tief hinein in grunglegende erkenntnistheoretische und religiöse Fragen.

Ich möchte Dir eine ehrlich gemeinte Frage stellen: Wie alt ist eigentlich das fundamentalistische Bibelverständnis, das uns heute so vertraut ist? (Die ersten Christen hatten es offensichtlich noch nicht!) Genauer gesagt: Wann hat in der Geschichte das erste Mal jemand die Überzeugung gehabt, dass die 66 Bücher unserer heutigen protestantischen Bibel das fehlerfreie Wort Gottes sind und wie schnell hat sich diese Überzeugung verbreitet?

Damit zu tun hat natürlich auch die Frage der Kanonisierung des AT. Gab es jemals ein dem evangelikalen Fundamentalismus entsprechendes Bibelverständnis im Judentum? Und wenn ja, wann? Und wer hat es vertreten?

Der Glaube an die Bibel ist bei vielen Christen Teil eines theologischen Systems. Ein Glaube an die Bibel (wie auch immer er aussieht) kann allerdings niemals identisch mit dem Glauben der ersten Christen sein, denn die ersten Christen hatten die Bibel noch nicht.

Wenn es uns wirklich um die Sache Jesu geht und nicht um die Verteidigung unseres persönlichen theologischen Standpunkts, müssen wir diese theologische Theorie hinterfragen – egal wer und wieviele diesen Standpunkt mit uns vertreten oder in der Vergangenheit vertreten haben. Natürlich kann jeder für sich persönlich an eine perfekte Bibel glauben. Es gibt auch Amerikaner, die glauben, dass die King-James-Bible perfekt ist. Aber mit welchem Recht oder welcher Begründung, darf ich andere dazu drängen, dass auch so zu sehen oder die Konsequenzen, die ich ziehe, auch zu ziehen?

Ein Beispiel macht das alles vielleicht noch ein bisschen klarer und hilft ein Gefühl für die Problematik zu bekommen. Manche sagen mit Verweis auf den ersten Brief von Paulus an die Korinther (Kapitel 6), dass es uns als Christen verboten ist gegen andere Christen vor Gericht zu ziehen. Das klingt für mich wie ein Verweis auf einen Gesetzestext. Der Text ist aber nicht aus der Torah oder einem anderen Gesetz, sondern aus einem Brief. Ich finde Paulus‘ Standpunkt auch gut und würde mich dem vom Grundsatz her anschließen. Aber wie kommt jemand darauf, dass diese Worte wörtlich Worte Gottes sind? Nur weil sie in der Bibel stehen?

Oder was machst Du mit 1. Kor. 7,25-40? Laut Paulus‘ eigener Aussage sind doch mindestens diese 16 Verse nicht Gottes sondern Menschen Wort! Er beruft sich auf eine gewisse Inspiration, eine gewisse Autorität, aber macht gleichzeitig deutlich, dass er dies nicht direkt von dem Herrn hat.

Jetzt kann man natürlich sagen, auch diese Verse sind Gottes Wort – Paulus hat das nur nicht gewusst. Oder man könnte sagen, die Bibel ist überall da Gottes Wort, wo nicht ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es nicht Gottes Wort ist. Aber wird das wirklich der Natur der Texte gerecht oder tragen wir hier nicht unsere eigenen Vorstellungen an die Bibel heran und machen sie uns so zu recht, wie wir sie haben wollen?

Manche verteidigen ein theologisches System und ein monolithisches Bibelverständnis, das sich im Laufe der Kirchengeschichte herausgebildet hat. Man geht dabei von dem Ergebnis einer Entwicklung aus und schaut durch diese Brille in die Vergangenheit. Weder das AT noch NT ist zu einem bestimmten Zeitpunkt vom Himmel gefallen, sondern sie sind über einen längeren Zeitpunkt entstanden und die Diskussion darüber, welche Schriften zum Kanon gehören, hat sogar nie aufgehört.

Für mich war es sehr hilfreich die Bibel mit dem Koran zu vergleichen. Manche Christen gehen mit der Bibel um, wie manche Muslime mit dem Koran. Es gibt aber deutliche Unterschiede im Charakter der beiden Bücher und in ihrer Entstehung. Bei Wikipedia heisst es: „Ein wichtiges Kennzeichen des Korans ist seine Selbstreferentialität. Das bedeutet, dass der Koran sich an vielen Stellen selbst thematisiert.“ In der Bibel finden wir dies so nicht und können es auch gar nicht finden, weil die Bibel anders entstanden ist. Wir finden in der Bibel auch keine einzige Verheißung, dass es einmal ein solches Buch geben wird!!!

Wenn Gott der Christenheit ein vollkommenes Buch als Maßstab hätte geben wollen, warum hat er das dann nicht schon im 1.Jahrhundert gemacht? Ich beanspruche für mich nicht erklären zu können, was Gott sich dabei gedacht hat, aber auffallen tut es mir schon und wundern tue ich mich auch. Muss der Charakter der biblischen Schriften und die besondere Geschichte der Entstehung dieser Sammlung nicht auch Konsequenzen darauf haben, wie wir mit dieser Sammlung umgehen?

Zum Umgang mit der Bibel:

Dabei kann man auch wieder zwei Aspekte berücksichtigen. Zum einen, wie ich die Bibel für mich selbst benutze, und dann, wie ich sie gegenüber anderen benutze. Hängt natürlich auch wieder beides zusammen.

Alles bis jetzt Gesagte zwingt mich dazu, vorsichtig und mit Bescheidenheit über die bibl. Texte zu sprechen und sie zu benutzen. In unserem Umgang mit und Reden über die Bibel muss auch die Begrenztheit und Unvollkommenheit unseres Verstehens zum Ausdruck kommen. Wenn ich mich von Gott oder meinem Gewissen verpflichtet fühle, aber mir gleichzeitig die Fehlerhaftigkeit meines Verstehens bewusst ist, stehe ich in einer Spannung, die sich nicht auflösen lässt. Solche Spannungen sind aber alltägliche Erfahrungen und gehören zum Leben.

Wenn die Bibel wirklich ein besonders scharfes Schwert ist, sollten wir vorsichtig damit umgehen. Wenn wir das Gefühl haben, mit meinem Auto stimmt vielleicht was nicht, sollten wir vorsichtig weiterfahren – vielleicht sogar anhalten. Es geht bei diesen Fragen nicht um akademische Spielereien, sondern um Fragen um Leben und Tod, und um Seelsorge.

Die Frage des Bibelverständnis ist offensichtlich eng verbunden mit christlicher Ethik. Die Diskussion um Situationsethik hat z.B. ganz viel mit Bibelverständnis zu tun.

Man hat der Situationsethik, glaube ich, zu Recht vorgeworfen, dass der Mensch damit überfordert ist. Kein Mensch kann in einer Situation rein logisch eine perfekte Entscheidung treffen. Alleine schon deshalb nicht, weil unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit immer begrenzt ist. Aber wer sagt, dass wir vollkommene Denkfähigkeit besitzen müssen? Oder Vollkommenes leisten? Wie wäre es, wenn wir getragen von Gnade und in einer Gewissheit leben könnten, die der Heilige Geist schenkt? Und aus manchen Situationen werden wir nicht herausgehen, ohne anderen etwas schuldig zu bleiben.

Was sollten wir z. B. Homosexuellen heute von der Bibel her sagen? Oder Geschiedenen, die wieder geheiratet haben und vielleicht sogar Kinder aus zweiter Ehe haben? Oder Gläubigen, die mit einem Ungläubigen zusammenleben und ein gemeinsames Kind haben? Und spielen die Kinder dabei überhaupt eine Rolle? Von meiner christlichen Herkunft her, würde ich bei solchen Fragen fast reflexartig mit der Konkordanz passende Bibelverse suchen – aber heute gruselt es mir bei Christen, die auf alle Fragen eine „passende“ Antwort parat haben.

Es ist natürlich wenig hilfreich, wenn man nur sagt „du musst tun, was Du für richtig hälst“, und dennoch kennt jeder sicherlich Situationen, in denen man einfach keinen Rat hat, wo man nur dem anderen zur Seite stehen kann. Aber vielleicht ist das gerade genau, was der andere braucht, um für sich selbst zu einer Entscheidung zu finden.

Manchmal hab ich das Gefühl, dass jemand möchte, dass man ihm immer genau sagt, was er tun soll. Richtig – falsch, wahr – gelogen, geistlich – fleischlich? Das klingt für mich nach Orientierung in einer Schwarz-Weiss-Welt, im Eindimensionalen. Die Wirklichkeit ist aber bunt und mindestens Vierdimensional!

Die Bibel hat auch mehr als nur eine ethische Dimension. Warum kommt mir das so vor, als ob diese moralische Fragen oft im Vordergrund stehen? Ist das so sinnvoll? Selbst eine Hilfe zur Orientierung ist schon etwas anderes als eine klare Arbeitsanweisung.

Eine große Rolle spielt, glaube ich, dass Bedürfnis nach Sicherheit. Aber die einzige Sicherheit, die Gott uns schenkt, ist die Sicherheit des Glaubens. Wir sollten nicht die Bibel dazu missbrauchen, uns ein theologisches System zu bauen, welches uns dann die Sicherheit liefert, die wir in den bibl. Schriften selbst nicht finden. Gott hat uns nicht zu Pfingsten nach dem mosaischen Gesetz ein zweites Gesetz in Form der Bibel geben, sondern den heiligen Geist!

Interessant ist auch, was Paulus über Lehre und Heilige Schrift in den Timotheus-Briefen schreibt:

„Die Hauptsumme aller Unterweisung aber ist Liebe aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungefärbtem Glauben. Davon sind einige abgeirrt und haben sich hingewandt zu unnützem Geschwätz, wollen die Schrift meistern und verstehen selber nicht, was sie sagen oder was sie so fest behaupten.“ (1. Tim. 1,5-7)

„Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“ (2. Tim 3,16-17).

Hier geht es um Veränderung des Menschen, nicht nur um „richtig – falsch“.

Wie wäre es, wenn wir die Bibel einfach als Anthologie der wichtigsten christlichen Schriften lesen würden? Und wenn auf unseren Bibelausgaben nicht „Heilige Schrift“, sondern „Sammlung der grundlegenden Schriften des Christentums“ stehen würde? Wie wär’s, wenn an Stelle uns über die Inspiration der Bibel zu streiten, wir ausprobieren, ob die Texte uns inspirieren? Jemand hat mal gesagt, dass ihn nicht die Stellen in der Bibel beunruhigen, die er nicht versteht, sondern die, welche er versteht.

Bei Gottesvertrauen und Wiedergeburt geht es um Gotteserfahrungen im Menschen. Glaubensbekenntnissen und Normen hingegen werden von außen an den Menschen herangetragen. Es ist, meiner Meinung nach, von entscheidender Bedeutung, ob ein Mensch die Stimmigkeit dieser äußeren Dinge in sich selbst erfahren kann, ob er sich von Gott angesprochen fühlt (Apg 2,37).

Ich selbst bin aufgewachsen in einer kleinen Freikirche, einer „Gemeinde Christi“. Das ist eine Denomination, die nach dem 2. Weltkrieg durch amerikanische Missionare nach Deutschland gekommen ist. In den USA heißen diese Gemeinden „Churches of Christ“ (non-instrumental) und die Ausbildungsstätten Pepperdine University, Abilene University, Harding University u.a. sind mit Ihnen affiliiert. Die sogenannte „Boston-Bewegung“ / International Churches of Christ sind aus ihnen hervorgegangen.

Entstanden ist diese Denomination aus dem sogenannten „restoration movement“ im 18. Jh. in den USA. Damals hatten ein paar Christen (ganz im Sinne der Renaissance – „zurück zu den Quellen“) die Idee, man müsste die Spaltung in der Christenheit überwinden können durch eine Rückkehr zu den Wurzeln. Bald kam es in dieser Bewegung dann auch wieder zu Spaltungen und neuen Denominationen.

Die Churches of Christ haben das Ziel, neutestamentliches Christentum zu verwirklichen und leben in der Vorstellung, dass sie das erreichen, indem sie die Bibel möglichst wörtlich nehmen und selbst das Vorbild der ersten Christen als verbindlich ansehen. Das hat dazu geführt, dass sie den Gebrauch von Musikinstrumenten im Gottesdienst ablehnen. Die Vielfalt der Meinungen in der frühen Christenheit wird kaum wahrgenommen bzw. die in den ntl. Schriften zum Ausdruck kommende Ansichten als die richtigen angesehen – Unterschiede werden harmonisiert. Der protestantische Kanon wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Heute kann ich kaum noch nachvollziehen, wie unkritisch ich das damals geglaubt habe.