An welchem Tag wurden die Erde und das Wasser erschaffen?

 

schoepfungslehre_marienstern
By Gunnar Richter Namenlos.net (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Jetzt denken die meisten von euch wahrscheinlich gleich an „Evolution oder Schöpfung“; doch darum geht es mir hier gar nicht, sondern um ein aufmerksames Lesen des Textes. Die ersten Kapitel der Bibel gehören zu meinen Lieblingstexten.  🙂  (Bevor ihr weiterlest, solltet ihr vielleicht schnell mal das Kapitel lesen.  😉  )

Bei der Finsternis und der Tiefe könnte man einwenden „das is ja nix … nur leerer Raum“ (leerer Weltraum sozusagen). OK. Kann sein. Aber was ist mit der Erde und dem Wasser?

Beim Lesen fällt jedem die sorgfältige, poetische Gestaltung des Textes auf. Reim-artig kehren dieselben Formulierungen immer wieder, wie bei einem Gedicht oder Lied. Gott erschafft Himmel und Erde und alles andere allein dadurch, dass er spricht. Und es geschieht! – So hatte ich es jedenfalls in Erinnerung. Aber wird es auch so erzählt?

Am ersten Tag erschafft Gott das Licht. Am zweiten die Wölbung (im Wasser) = Himmel. Am dritten Tag Gras / Kraut und Bäume. Am vierten Sonne, Mond und Sterne. Am fünften Tag Wassertiere und Vögel. Am sechsten Tag: den Rest !?

Nicht ganz.  😉  Was wörtlich steht, sind nur: Vieh, kriechende Tiere, wilde Tiere und die Menschen – quasi die land-gebundenen Lebewesen.

Mir fällt auf, dass es sogar mehr als 6x heißt „und Gott sprach“, aber nur 6x „und es geschah so“. Auf die Wendung „es wurde Abend, und es wurde Morgen“ folgt immer ein „und Gott sprach“. Bis auf den 6. Tag. Nach ihm ist Gott fertig und es folgt kein „Und Gott sprach …“.

Am ersten Tag heißt es, dass das Licht gut war. Am zweiten Tag sagt Gott nicht, dass etwas gut ist. Am dritten Tag heißt es dafür gleich 2x, dass etwas gut ist. Das erste Mal, nachdem sich das Wasser gesammelt hat und Erdboden zum Vorschein gekommen ist; das zweite Mal nach der Erschaffung der Pflanzen.

Auch am vierten Tag, nach der Erschaffung von Sonne, Mond und Sterne, heisst es, dass es gut war; und genauso am fünften Tag, nach der Erschaffung von Wassertieren und Vögeln. Am sechsten Tag beurteilt Gott wieder zweimal: Nach der Erschaffung der Landtiere sieht Gott, dass es gut ist, und nach der Erschaffung des Menschen, als Gott seine Schöpfung vollendet hat, sieht er sogar, dass es „sehr gut“ ist.

Der zweite Tag ist der einzige Tag, an dem es nicht heißt, dass es gut oder sehr gut war. Zufall?

Interessant ist, dass mehrfach etwas nicht wie aus dem Nichts entsteht, sondern Gott „gestaltend“ wirkt. Gott scheidet Licht und Finsternis und er scheidet die Wasser. Er befiehlt dem Wasser unter dem Himmel sich zu sammeln und befiehlt der Erde hervozubringen. Interessant ist auch, dass es bei der Erschaffung des Menschen weder heißt „es werde Mensch“ noch „Gott befahl der Erde den Menschen hervorzubringen“.

In der Erzählung wird nur 4 Dingen von Gott ein Name gegeben: Tag und Nacht, Himmel und Erde. Der Mensch wird in einer zweiten Erzählung (Kapitel 2, Verse 19-20) dann den Tieren Namen geben. Gott erschafft die Tiere des Feldes und Vögel des Himmels (2,19) und der Mensch gibt dann den Tieren des Feldes, den Vögeln des Himmels und auch noch dem Vieh (das in Vers 19 gar nicht erwähnt wird) einen Namen. Nur Gott und der Mensch sind Namensgeber. Liegt darin ein Teil seiner Gott-Ebenbildlichkeit? (Hat dies einen tieferen Sinn?)

Auffällt im ersten Kapitel, dass Gott noch vor der Erschaffung der Pflanzen, also bevor die Erde belebt wird, aufhört mit den Namensgebungen. Dazu passt gut, dass es im zweiten Kapitel der Mensch ist, der die Lebewesen benennt. Soll hier zum Ausdruck kommen, dass das Leben auf unserem Planeten in die Veranwortung des Menschen gestellt ist? Auch die Aufgabe, den Garten Eden zu bewahren, beinhaltet Verantwortung und passt gut dazu.

Wir sehen in dieser Erzählung sowohl ein Ins-Dasein-Rufen als auch ein Ordnen des Bestehenden. Gott schafft ganz neu, und er schafft Lebensraum, indem er das Erschaffene ordnet.

Wann nun wurden die Erde und das Wasser erschaffen?  In welchem Vers steht: „Erde!“ oder „Es werde Wasser!“

Diese Verse gibt es nicht! Es wird nicht ausdrücklich gesagt, wann oder wie die Erde und das Wasser geschaffen wurden.

Bei der Erde könnte man sagen „steht doch gleich im ersten Vers“. Im ersten Vers steht aber auch das Gott den Himmel schuf, und in den Versen 7-8 wird dann erklärt, wie er das gemacht hat. Wie die Erde gemacht worden ist, wird nirgends erklärt, auch nicht, wie das Wasser gemacht worden ist. Interessant ist dabei noch, dass die Worte für Himmel und Wasser im Hebräischen sehr ähnlich sind; hier also wahrscheinlich zumindest ein Wortspiel vorliegt. Mehr kann ich zum Hebräischen leider noch nicht sagen, da ich gerade erst angefangen habe, es zu lernen.  😦

Bei der offensichtlich sorgfältigen Gestaltung des Textes dürfen wir vermuten, dass keine Formulierungen hier rein zufällig sind. Daher die Frage: Warum die Erschaffung des Universum (= Himmel & Erde) hier so erzählt?

[Eine Fortsetzung des Themas findet ihr hier.]

Bin gespannt auf eure Kommentare.  😉

 

6 Kommentare zu „An welchem Tag wurden die Erde und das Wasser erschaffen?

  1. Interessante Gedanken! 🙂 Ich kann mich noch grob an die Ausführungen von einem meiner AT-Dozenten dazu erinnern. Er meinte, dass das hebräische Wort für Wasser, das an dieser Stelle verwendet wurde, mit dem Wort „tiamat“ verwandt sei und „Tiamat“ sei die babylonische Göttin für das Salzwasser. In Enuma Elish (der babylonischen Schöpfungssage) wird aus ihr später der Himmel und die Erde gebildet (ebenfalls durch Spaltung). Mein Prof hatte daher die Theorie, dass der Autor hier im ersten Schöpfungsbericht zahlreiche (Tiamat ist nicht der einzige Verweis) Verknüpfungen zu dem babylonischen Schöpfungsmythos verwendet. Während aber in der babylonischen Variante die Welt durch Götterkriege und -streitereien entsteht, findet sich im biblischen Schöpfungsbericht nur Elohim und ein Gemeinschaftswerk („Lasset uns…“). D. h. im Schöpfungsbericht der Bibel haben wir 1. schon eine gewisse Art der Entmystifizierung und 2. wird der biblische Gott als der mächtigere Gott dargestellt: In 1. Mose 1,1 heißt es: „… und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser (Tiamat).“ Das fand ich damals einen sehr spannenden Gedanken.

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    1. Wieviele AT-Dozenten hattest Du denn und wo war das? (Ich hoffe, ich bin nicht zu neugierig.)

      Ich selbst war nach der Oberschule an der „Bibelschule Heidelberg“ für zwei Jahre. Das war eine deutschsprachige Einrichtung für Gemeindemitarbeiter der „Gemeinden Christi“ unter dem Dach der Amerikan. Pepperdine University. Die Bibelschule gibt es allerdings schon eine ganze Weile nicht mehr. Dort hatte ich einen tollen AT-Dozenten, der war ehemaliger kath. Priester.

      Später hatte ich dann noch mal ein Stipendium und hab ca. ein Jahr am Luther Seminary der ELCA in den USA studiert, allerdings kaum AT.

      Genesis 1 im Licht der damaligen Schöpfungsmythen zu sehen, ist, glaub ich, ein ganz wichtiger Gedanke. Wir wissen heute im Allgemeinen kaum etwas darüber und denken eher an „Evolution oder Schöpfung“ – ein ziemlich schiefer Blick auf die Erzählung.

      Den Eindruck einer gewissen „Entmystifizierung“ hatte ich auch, denn die Gottheit(en) in Genesis 1 erscheint doch deutlich „abstrakter“ oder „verborgener“ als die eher menschlich wirkenden Götter der anderen Kulturen. Interessant sind auch hier wieder ja gerade die Unterschiede zu Überlieferung, die wir auch anderswo finden. Eine Art Mythos ist die Erzählung in Genesis 1 sachlich natürlich auch: Eine überlieferte Erzählung mit Wahrheitsanspruch.

      Deutlich ist der monotheistische Charakter. Es gibt keine konkurrienden Götter. Es entsteht eine harmonische Sicht der Welt, in der Gott Lebensraum schafft, alles Lebendige ins Dasein ruft und alles ordnet. Eine Störung tritt dann erst in Kapitel 3 auf. Die spannende Frage ist natürlich: Woher hatte der Erzähler diese deutlich andere Sicht der Wirklichkeit?

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      1. Also ich war auf der Theologischen Hochschule Friedensau in der Nähe von Magdeburg. Der Dozent, von dem ich sprach, war dort Gastdozent (eigentlich im Ruhestand, aber mit einem unheimlichen Fachwissen auf das die Hochschule nicht verzichten wollte). Wenn ich es jetzt richtig zusammenkriege, hatte ich sechs Dozenten für AT (drei davon waren Gastdozenten und bei den festen Dozenten gab es dann einen Wechsel – fest vor Ort ist zur Zeit aber eine Dozentin für AT und noch ein Dozent, der die Sprachen und einen Kurs über die AT-Propheten unterrichtet). Ich habe jetzt ab März vor, wieder hinzugehen und auch noch meinen Master in Theologie zu machen, um dann als Pastorin arbeiten zu können.

        Evolution und Schöpfung in Genesis reinzulassen, ist für mich auch ziemlich schräg. Ich glaube, dass es darum dem Autor gar nicht ging. Viel interessanter finde ich da die Abgrenzung zu den damaligen Schöpfungsmythen.

        Die Frage, die Du zum Schluss aufwirfst, woher der Erzähler diese andere Sicht hatte, ist schon sehr spannend. So ad hoc, ohne länger darüber nachgedacht zu haben, würde ich sagen, dass das vllt. das Maß an göttlicher Inspiration ist, das die biblischen Schreiber hatten. De facto kann es ja keiner sagen, was vor Tag 6 geschehen war. Daher bleiben für mich im Moment nur zwei Möglichkeiten übrig: 1. Der Erzähler hat sich das alles nur ausgedacht und eine neue Religion gegründet, 2. Gott hat ihn dazu inspiriert (womit wir wieder bei der Inspirationsfrage wären^^).

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