Schlachtruf „Bibel!“

[Eine neuere Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]

 

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„Saladin und Guy de Lusignan nach der Schlacht von Hattin in 1187“ von Said Tahsine (1904-1985 Syrien) via Wikimedia Commons – public domain

 

Im Mittelalter wurden Kriege im Zeichen des Kreuzes geführt. Heute taucht das Wort „unbiblisch“ mancherorts als Kampfbegriff auf; vor allem in der Auseinandersetzung zwischen Christen. Manche haben sich das Dogma von der Unfehlbarkeit der Bibel auf die Fahne geschrieben und sind ausgezogen, die Wahrheit und göttliche Autorität der Bibel zu verteidigen. Heutzutage passiert das zum Glück ohne körperliche Gewaltanwendung.

In Hamburg gab es an diesem Wochenende eine Konferenz der Initiative Evangelium21, zu der internationale Redner angereist waren, um die Autorität der Bibel zu verteidigen. In ihren Blog finden wir dazu Sätze wie diese:

„Christen sollen der Autorität der Heiligen Schrift ganz vertrauen.“

„Die Bibel ist ein zutiefst verlässliches und vertrauenswürdiges Buch, unfehlbar, heilig und göttlich.“

Das Dogma von der Unfehlbarkeit der Bibel wird wiedereinmal unkritisch mit dem richtigen christlichen Glauben an Jesus von Nazareth gleichgesetzt und die göttliche Autorität der Bibel verteidigt. Woher kommt es, dass so viele Christen mit Eifer eine Lehre verteidigen, die sich noch nicht einmal in dem Buch findet, für dessen Autorität sie sich einsetzen?

Was ist „biblisch“?

„Biblisch“ im engeren Sinne wäre einfach etwas, das zur Bibel gehört oder mit ihr zu tun hat. So könnte man z. B. sagen, dass Matthäus-Evangelium ist ein biblischer Text, weil es ja zur Bibel gehört. Es würde hingegen wegen Sinn machen zu sagen „Kriege sind biblisch“, nur weil Kriege in der Bibel vorkommen. Eher könnte man denken, dass Kriege unbiblisch sind, da es ja in der Bibel heißt: „Du sollst nicht töten!“

Wenn man anfängt, so zu denken, hat schon eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden. Es geht nicht mehr nur darum, ob etwas sachlich mit dem Buch der Bibel zu tun hat, sondern hier wird die Bibel schon als ein Maßstab verwendet für Denken und Handeln. Das Wort „unbiblisch“ ist auch nicht der genaue Gegensatz zum Begriff „biblisch“, denn es würde z. B . komisch klingen zu sagen, Goethes Zauberlehrling wäre unbiblisch, weil der Text nicht in der Bibel steht (zumindest für meine Ohren). Hingegen könnte man durchaus sagen, dass der Zauberlehrling kein biblischer Text ist.

Unausgesprochen transportiert das Wort „biblisch“ oft, wenn es gebraucht wird, die Vorstellung, dass man Gottes Offenbarung oder seine Anweisungen für unser Leben eindeutig aus der Bibel ableiten kann. Nicht nur die Bibel selbst soll fehlerfrei sein, sondern auch die Art und Weise, wie wir sie anwenden. Es würde z. B. keinen Sinn machen zu behaupten, Alkohol trinken sei unbiblisch, wenn es widersprüchliche Aussagen dazu in der Bibel gäbe oder man dies nicht EIN-deutig von ihr ableiten könnte.

Jeder, der sich nur ein bisschen mit dem Christentum beschäftigt hat, weiß, dass es u.a. die unterschiedliche Interpretation der biblischen Texte ist, die zu einer unüberschaubaren Vielzahl von christlichen Kirchen und Gruppen geführt hat. Es drängen sich alleine schon deshalb die Fragen auf: Sprechen überhaupt alle biblischen Texte deutlich mit EINER Stimme? Wie interpretiert man sie RICHTIG? Und wie lässt sich prüfen, ob etwas richtig interpretiert worden ist?

Mich erinnern diese Überlegungen an die schier unglaubliche Fülle an Regeln für die Anwendung der Tora (5. Bücher Mose), wie wir sie im Rabbinischen Judentum finden. Wer schon einmal vor einer ungekürzten (!) Ausgabe des Talmud stand, weiß wovon ich rede. In den Evangelien lesen wir, wie Jesus selbst sich mit dieser jüdischen Tradition auseinandersetzt. (Der Talmud selbst hat so zu Jesu Zeiten noch nicht existiert, aber ein Teil davon, in mündlicher Überlieferung.)

Wir brauchen Mut liebgewonnene Traditionen aufzugeben oder zumindest ersteinmal in Frage zu stellen. Ich kann die Sorge um den Verlust wichtiger Werte verstehen. Aber ist es intellektuell redlich, wenn man an einem Konzept festhält und es verkündigt, nur weil man keine Alternative dazu sieht? Man sollte nicht eine Erklärung, die man für etwas hat, als die Wahrheit verkaufen, nur weil man keine andere Erklärung hat. Oft habe ich die Aussage gehört, dass wenn man an der Autorität der Bibel rüttelt, bleibt am Ende nichts mehr übrig. Eine Überzeugung, die ich nicht teile.

Es ist Inhalt, Qualität und Vielfalt der Texte, die mich inspirieren. Vor allem ist es das Leben und die Lehre Jesu, das mich gepackt hat. Durch die Begegnung mit ihm, wurde ich von neuem geboren. Die neutestamentlichen Texte sind die besten Zeugnisse über Jesus, die wir haben. Deshalb sind sie auch so wichtig. Es geht beim christlichen Glauben in ERSTER Linie um einen Menschen, Jesus von Nazareth (von dem wir glauben, dass er der Messias Gottes ist) und um Menschlichkeit; nicht um Texte und deren Anwendung. Alle anderen Fragen sind zweitrangig.

Es ist Not-wendig, dass wir uns von einer unsäglichen Kultur der Rechthaberei distanzieren, um uns einen frischen, heilsamen Zugang zu den biblischen Texten zu erarbeiten. Ein enges Bibelverständnis nur zu kritisieren ist allerdings etwas unbefriedigend, wenn man nicht auch Wege aufzeigt, wie die biblischen Texte heute noch Licht in unsere Dunkelheit bringen.

Das leidenschaftliche Engagement für die Wahrheit der Bibel ist oft gut gemeint, aber das alleine verhindert leider nicht, dass wir mit der Bibel Menschen schaden. Gute Absichten alleine sind nicht ausreichend, sondern wir müssen auch verstehen und brauchen eine Kultur der kritischen Distanz zur eigenen Überzeugung.

[Eine neuere Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]

 

8 Kommentare zu „Schlachtruf „Bibel!“

  1. Ich möchte da einen anderen Aspekt entgegensetzen.

    Denn die Kirchengeschichte ist nicht so eindeutig. Man kann immer von zwei Seiten vom Pferd fallen.

    Du kritisierst, dass eine enge Bibelauslegung im Mittelalter für Kriege instrumentalisiert wurde.

    Auf der anderen Seite könnte man erwidern, dass im 3. Reich gerade die Kritiker der liberalen Theologie Widerstand leisteten. Sie waren es hauptsächlich, die sich sich gegen die Vereinnahmung durch die Nazi Diktatur in vorm der „Deutschen Christen“ und ihres an die NS-Ideologie angepassten positiven Christentums wehrten.

    Die Bibel hat einen elementaren Stellenwert. Man wird ihr nicht gerecht, wenn man sie als Waffe oder als Gesetzesbuch mit Versen statt Paragraphen behandelt. Man kann andererseits aber auch in die Falle tappen Kerninhalte des christlichen Glaubens zu verlieren, wenn man die in Bonnhoeffers Worten „einfältige“ Deutung direkt theologisch in ihr Gegenteil verkehrt.

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    1. Tut mir leid, dass ich nicht mehr/eher dazu komme auf Kommentare zu reagieren.

      Ich stimme dir zu: „Die Bibel hat einen elementaren Stellenwert.“ Dazu gäbe es natürlich noch eine Menge zu sagen. Offensichtlich für alle ist, glaube ich, dass es die Texte sind, die grundlegend für den christlichen Glauben geworden sind.

      „Man kann immer von zwei Seiten vom Pferd fallen.“ Stimmt auch. Das andere Extrem dazu, der Bibel zu viel Autorität beizumessen, wäre, ihr gar keine Autoriät zu geben. Das kann’s natürlich auch nicht sein.

      Ich denke allerdings, bei der Frage nach dem Heil-werden des Menschen geht es nicht darum wieviel oder welche Regeln braucht er, sondern noch mehr um die Frage des Vertrauens: Wem oder was vertraue ich, wofür lebe ich, wie ist meine Einstellung zu Gott, mir selbst, Menschen, …

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  2. Meiner meinung hat der unfehlbarkeits anspruch der bibel eine klare berechtigung. Den Jesus selbst sieht das AT als unfehlbare autorität an. Z.b. Bei der versuchung durch Satan, oder die disskusionen mit den Pharisäern. Doch wie wir in diesen stellen auch sehen,kann die aussage der Bibel durchaus missverstanden, falsch ausgelegt und interpretiert werden. Gutes Beispiel, Satan hat mit Bibelstellen versucht Jesus zu verführen. Die Bibel ansicht ist also durchaus autoritär, nur unsere auslegungen nicht. Ich hatte einmal die aussage gehört, dass die Bibel das stärkste argument für einen Atheisten ist. Dieser aussage stimme ich zu,denn wer die Bibel ohne Heilige Geist liest wird auf ein Buch voller Rätsel, wiedersprüchen und unverständliche dingen treffen. Erst durch die Offenbarung des HG können wir erst fassen was die Bibel uns wirklich sagen will. Auch sollen wir alle Prüfen und nicht einfach annehmen, Gott möchte, dass wir unser gesammtes sein inkl. Verstand ihm witmen. Wir dürfen die Bibel also nicht als

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    1. Es stimmt, dass Jesus die heiligen Schriften seines Volkes als Autorität anerkannt hat. Er hat sie allerdings auch auf eine bestimmte Art und Weise interpretiert. Markus kommentiert z.B. in 7,19 „… damit erklärte er alle Speisen für rein.“ Das geht klar über den Text in der Tora hinaus.

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      1. Da stimme ich dir wie unten geschrieben zu. Ich glaube das die Bibel als Wort Gottes nicht durch uns sondern nur durch Gott(HG) wirklich richtig ausgelegt werden kann. Es gibt durchaus sehr viel fehlinterpretationen usw. Und das ist ja auch dies was Jesus gemacht hat,er hat die fehlinterpretation der Bibel knall hart verurteilt.
        Ich bin auch der meinung., das nicht die abibel uns rettet sondern nur Jesus. Die bibel kann uns aber zu Jesus führen und wenn wir dan im Glauben sind die Beziehung zu Gott fördern (Klar gibt es noch weitere punkte, wie z.b gebet, lobpreis usw.) Für mich ist die bibel aber auch eine ‚gebrauchsanleitung‘ welche mir zeigt wie ich mit, für und in gottes willen leben kann.
        Ich denke man darf die Bibel nicht als „gott“ anschauen aber nach der bibel leben und den inhalt in gottes willen zu befolgen gehört für mich zum christ sein dazu, auch wen wir nicht durch die bibel gerettet sind, sondern genau weil wir gerettet sind (durch jesus), durch die bibel leben sollten.

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  3. einfaches buch sehen, sondern müssen dies also Wort Gottes betrachten. Doch wie es bei uns auch Missverständnisse über aussagen gibt, wenn wir eine Person nicht richtig kennen. Gibt es dies auch mit Gottes Wort. Jeh besser wir Gott kennen lehrnen desto klarer wird uns sein Wort und desto weniger, fehl interpretationen gibt es. Ich möchte noch ein persönliches beispiel mitgeben. Bevor ich Christ wurde habe ich die Bibel gelesen und mit jedem kapitel mehr weniger davon verstanden. Als ich mich bekehrt habe hat sich das blatt extrem geändert. Plötzlich fing ich an zu verstehen und ich verstehe immer ein bischen mehr, doch bin ich noch weit entfernt vom „alles versteher“ genau so ist es auch mit den theologen, niemand kann die bibel vollständig verstehen so nah können wir gott gar nicht kommen, desshalb gibt es auch vielemiss interpretationen. Doch ist es desshalb wichtig hier eine offene disskusion führen zu können. Und nicht die Theologie als unfehlbar sondern nur das Wort Gottes als unfehlbar zu betrachten.

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