DAS BUCH VOM GROSSEN FISCH

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Jona und der Wal, Gemälde von Pieter Lastman, 1621, [Public domain], via Wikimedia Commons

Wäre das nicht ein guter Titel für das Buch, das üblicherweise unter dem Titel „Jona“ gehandelt wird? Das scheint zumindest oft der Aspekt zu sein, der die meisten an diesem Buch interessiert. Wäre auch ein sehr kinderfreundlicher Titel. Ohne seinen Freund den Fisch (hat Jona ja schließlich vor’m Ertrinken gerettet) wäre Jona bestimmt nicht einmal halb so bekannt.

Warum ist „Das Buch vom großen Fisch“ KEIN guter Titel?  (Ist diese Frage manipulativ?)  😉

Ich finde ein guter Titel wäre: „Buch von der großen Geduld und Barmherzigkeit Gottes – gegenüber ALLEN Menschen“ (allerdings ein bisschen lang). ALLE in Bezug auf Juden UND Nicht-Juden, gegenüber „Ungläubigen“ und auch Gottes Schein-Heiligen.

Gibt natürlich auch einen Wikipedia-Artikel zu diesem Buch:

https://de.wikipedia.org/wiki/Buch_Jona

Dieses Buch ist einer meiner Lieblingstexte in der Bibel. Eine einzigartige Erzählung. Ich kenne keinen zweiten antiken jüdischen Text, der diesem Buch ähnlich ist. Eine Karikatur jüdischer Frömmigkeit …  –  und offensichtlich von einem Juden geschrieben!  –  Vielleicht der einzige satirische Text in der Bibel?

Die Nicht-Juden kommen in diesem Text erstaunlich gut weg. Sogar die Niniviten (samt Tieren!) bereuen und zeigen sich einsichtig! Nur Jona erscheint wie ein bockiges Kind:  „Mit vollem Recht bin ich wütend, am liebsten wäre ich tot!“  –  Nur gut, dass wir Christen nicht so eine Jona-Einstellung haben.  😉

Hat dieser Text andere biblische Autoren inspiriert? Jesus (kein biblischer Autor) kannte laut den Evangelien diesen Text oder zumindest die Erzählung. Die Jesus-Worte sind (abgesehen von EINER alttestamentlichen Stelle in 2. Könige!) auch die einzigen Verse, wo der Name „Jona“ in der Bibel auftaucht. Warum wurde auf diese Erzählung von Jona nicht öfter in anderen Texten Bezug genommen?

Was ist eigentlich das „Zeichen des Jona“? Und warum haben sich die Einwohner von Ninive bekehrt? Warum eigentlich ausgerechnet Ninive? Und warum hat sich Jona geärgert? Und warum ist er dann doch noch in der Nähe von Ninive geblieben? Und interessiert sich Gott wirklich für die Tiere in Ninive?

Das Buch passt in seinem Charakter eigentlich auch gar nicht richtig in die Zwölfprophetensammlung. Die Königsbücher mit den Elia-Erzählungen (in denen ja die einzige andere alttestamentliche Bibelstelle ist, welche Jona erwähnt) passen eigentlich besser zum Stil des Buches. Man fragt sich, ob die Länge des Buches vielleicht der einzige Grund war, weshalb es in der Zwölfprophetensammlung gelandet ist. (Oder vielleicht auch die ZEIT der Verfasserschaft?) Wer ist überhaupt dafür verantwortlich, dass dieser krasse Text in der Bibel gelandet ist?

Wer hat das Buch überhaupt geschrieben?

Keine Ahnung.

Und das geht nicht nur mir so. Das Jona diese Erzählung über sich selbst auch noch selber aufgeschrieben hat, wird zumindest in den biblischen Texten meines Wissens nirgendwo behauptet. (Dass man nicht weiß, wer der Verfasser ist, betrifft auch nicht nur das sogenannte Buch „Jona“, sondern viele Texte in der Bibel.)

Wann wurde Jona geschrieben?

„Keine Ahnung!“

Stimmt hier nicht ganz. Man kann wahrscheinlich vom Text selbst ausgehend am besten einschätzen, wann der Text WAHRSCHEINLICH UNGEFÄHR geschrieben worden ist. Außerdem lässt das Auftreten des Begriffs „Zwölfprophetenbuch“ (bei Jesus Sirach, 49,10) eine spätere Entstehung kaum zu.

Benannt wird es im Allgemeinen nach dem „Anti-Helden“ der Erzählung: Jona. Oder sollte es „Jonas“ heißen?. Interessant auch der Wikipedia-Artikel zum Namen „Jona(s)“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Jonas

Da steht u.a. zur Herkunft und Bedeutung:

„Die hebräische Version des Namens bedeutet Taube und stammt ursprünglich vom griechischen Wort οιωνός für Zeichen. Im antiken Griechenland glaubte man, dass Vögel als Zeichen der Götter an die Menschen geschickt wurden. Es wird daher angenommen, dass der Name Jonas für ein friedvolles Wesen steht. Die biblische Version des Namens umfasst die hebräische Bedeutung, aber auch die Bedeutung Zerstörer und Unterdrücker. Als Variante von Jonah kann der Name auch als mit erreichen und Geschenk Gottes in Verbindung gesetzt werden.“

Alles sehr interessante Gedanken, wenn man an den Inhalt des Buches und auch an die Worte Jesu denkt. Klingt fast wie eine ironische Randbemerkung zum Buch.

Dass das Buch nach Jona benannt wird, macht Sinn; steht er doch am Anfang und am Ende der Erzählung (neben Gott natürlich). Geht es um ihn als historische Person oder steht seine prophetische Figur und sein Verhalten für etwas Anderes?

Ein richtig guter Titel für das Buch wäre vielleicht:  “ die güte gottes “

Vielleicht ein bisschen Lust gemacht, mein Lieblingsbuch (mal wieder) zu lesen?

Die Würde des Menschen …

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Der Kyros-Zylinder aus Persien (538 v. Chr.), der gemeinhin als „erste Menschenrechtscharta“ gilt, Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

…aktuell wie eh und je. Menschenrechte. Menschenwürde. Wo kommt das eigentlich her? Gibt es diese Begriffe schon in den biblischen Texten? Menschenwürde und Gottebenbildlichkeit (was für ein Wort!) – ist das dasselbe? Lässt sich das nur mit dem Kopf erfassen? Theologische Gehirnakrobatik und viele Fragezeichen … (Was hätte Jesus wohl dazu gesagt?)

 

http://tobiasfaix.de/2016/06/menschenwuerde-zwischen-moralischer-allmachtsphantasie-oekonomischer-anpassung-und-existenzieller-notwendigkeit-die-diskussion-um-die-menschenwuerde-und-die-aufgabe-der-christen/           Tobias Faix  auf  tobiasfaix.de

PAPA !

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Tafel mit dem deutschen Text in der Paternosterkirche (Jerusalem), by de:User:Etc. gamma (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

„Papa!“ – Damit ist eigentlich schon alles gesagt.

(Meinetwegen darf es auch „Mama!“ sein.)

Gott SO anreden zu können, mit dem hemmungslosen Vertrauen eines Kindes, das ist das Reich der Himmel. Alle Glaubensverkündigung, Evangelisieren oder Theologie ist eigentlich nur eine Erklärung, wie man dahin kommt und dabei bleibt.

Das Aramäische Wort „Abba“ (Vater/Papa) kommt dreimal im Neuen Testament vor. Davon finden sich zwei Stellen ausgerechnet bei Paulus. Sprach Paulus überhaupt Aramäisch? Es war wahrscheinlich nicht seine Muttersprache. War er nicht von Tarsus? Aus der Diaspora? Warum finden wir das Wort nicht z.B. in den Petrusbriefen? (Simon aus Galiläa).

Gerade Paulus war es offensichtlich wichtig, dieses Fremdwort aus dem Aramäischen zu benutzen, um das Leben zu erklären, dass durch Jesus möglich geworden ist. Manchmal sind es Kleinigkeiten, wie dieses kleine Wort, das nur 3mal vorkommt, die in ihrer Auffälligkeit Indizien sind für etwas Wesentliches. Ist der Begriff „Abba“ fundamental für jesuanische Theologie? Ist das der Grund, weshalb Paulus ihn nicht übersetzt, sondern als Fremdwort benutzt hat?

Bei Paulus finden wir das Wort interessanterweise im Römer- und Galaterbrief. Haben die beiden irgendetwas gemeinsam? (Seit wann liegt Rom in Galatien?) Römerbrief = „dogmatischster“ Brief an Christen, die er nicht kennt. Galaterbrief = krassester Brief an Leute, die er kennt.

In beiden Briefen beschäftigt sich Paulus mit dem Unterschied zwischen dem, was Gott durch die Tora gewirkt hat, und der Erlösung, die durch Jesus möglich geworden ist; im Römerbrief ruhig, im Galaterbrief leidenschaftlich (fast verzweifelnd).

Tada! Jubiläum!

Vor 50 Jahren (als ich geboren wurde; aber unabhängig davon) erschien ein Buch des bekannten Theologen Joachim Jeremias: „Abba“ (Studien zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte) – den genauen Tag weiß ich allerdings nicht. Offensichtlich war ihm der Begriff und was damit zusammenhängt ein ganzes Buch wert.

Stünde das Vaterunser bei Markus, hieße es dann Abbaunser?

Wir finden das Vaterunser bei Matthäus und Lukas – aber nicht Markus. (Markus ist ja auch das kürzeste Evangelium. Vielleicht hatte er nicht genug Platz.) Wir finden bei Markus allerdings die dritte Stelle, wo das Wort „Abba“ vorkommt. Und erstaunlicherweise benutzt gerade Matthäus in der Parallelstelle dazu das Wort nicht, sondern erzählt einfach mit dem Wort „Vater“. Warum kommt „Abba“ nicht auch bei den anderen beiden Synoptikern vor? Oder bei Johannes? (Interessiere mich für eure Vorschläge …)

Ich hatte eine Weile die Idee im Kopf, das Wort „Abba“ hätte etwas mit dem Vaterunser zu tun. Wer weiß …, wenn das Vaterunser bei Markus stünde, vielleicht hieße es dann ja „Abbaunser“.

„Papa“ oder „Mama“?

In einer patriarchalischen Gesellschaft ist es logischerweise problematisch Gott mit „Mama!“ anzureden – Frauen spielen ja nur die zweite Geige. Gott aber nicht.

In einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, macht es eine Menge Sinn, Gott mit „Mama!“ anzusprechen, denn es sind die Mütter, die unmittelbarer als die Väter das neue Leben nähren und in die Welt bringen.

Ich las das Buch eines Mannes, der versuchte jugendlichen Strafgefangenen Jesus zu erklären. „Gott liebt dich wie ein Vater“ machte für viele keinen Sinn, da ihr Vater immer abwesend war. „Gott liebt dich wie eine Mutter“ machte Sinn, denn es waren bei vielen die Mütter, die sich abrackerten, um ihren Söhnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Emergente Christina Brudereck

Christina wer? Ich war mir nicht sicher, ob ich den Namen schon einmal gehört hatte. – Kann von mir leider nicht behaupten, dass ich schon den großen Überblick über die christliche Szene habe.  😦

Ich hätte an dieser Stelle auch gerne ihr Foto eingebaut, war mir aber nicht sicher, wie das ist mit einem Pressefoto und dem Urheberrecht bei einer privaten Webseite. Ihr findet das Foto jedenfalls auf ihrer Webseite:

http://www.christinabrudereck.de/

Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel über sie:

https://de.wikipedia.org/wiki/Christina_Brudereck

(Das ist immerhin fast so gut, wie eine Briefmarke bei der Deutschen Post.)

 

Kai Darnstaedt veröffentlichte vor zwei Tagen einen lesenswerten Post auf dem Emergent Deutschland Blog:

10 Fragen an Christina Brudereck

10 Fragen an Christina Brudereck

JESUS. EINE BIOGRAFIE.

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Herz-Jesu-Statue in Osttimor als König mit timoresischen Herrscherinsignien Kaibauk und Belak, by José Fernando Real [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Eine Biografie …?  –  Haben wir leider nicht.  😦  Aber wie wär’s mit einem Evangelium? Jemand ist vielleicht schon der Gedanke gekommen, dass die Evangelien Jesus-Biografien sind; aber, wer anfängt sie zu lesen, merkt bald, dass dies keine Biografien sind, so wie wir sie heute kennen. Dennoch erzählen die Evangelien eine Menge interessanter Details. Der bei Weitem größere Anteil seiner Lebensgeschichte ist uns allerdings unbekannt. Es sind schon Interviews mit Jesus aufgetaucht, aber die Echtheit ist umstritten.  😉

Der Evangelist (= Verfasser eines Evangeliums) Lukas erzählt davon, dass es in der Verwandtschaft von Jesus einen Priester gab, der auch im Tempel Dienst hatte. (Gibt es eigentlich noch andere Texte, die dies berichten?) Dieser Priester war auch der Papa von Johannes, dem sogenannten Täufer, der dann eine der wohl bekanntesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zur Zeit Jesu war. (Find ich schon interessant, dass Jesus solche Leute in seiner Verwandtschaft hatte.)

Auch in anderen Erzählungen in den Evangelien lesen wir davon, dass Jesus im Tempel war, insbesondere in den letzten Tagen vor seiner Hinrichtung, als es sogar zu einer öffentlichen Auseinandersetzung im Tempel kam. In Lukas 2,49, als Jesus noch ein kleiner Junge und seinen Eltern abhandengekommen war (Alptraum aller Eltern), antwortete er ihnen, als sie ihn endlich gefunden hatten: „Warum habt ihr mich denn gesucht? … Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“ – Der Tempel war offensichtlich für Jesus kein fremder Ort.

Dank unseres Weihnachtsfestes sind die Umstände der Geburt von Jesus zum Glück hinreichend bekannt.  ; )  Jesu erste Wochen außerhalb des Bauchs seiner Mutter waren anscheinend recht dramatisch; wobei man sich fragen kann, wie viel er davon mitbekommen hat. (Vielleicht hat das Stroh in der Krippe etwas gepiekt.) Wie oft mögen Jesu Eltern ihm wohl von den Umständen um seine Geburt herum erzählt haben?

Mit welchem Namen haben ihn seine Eltern eigentlich gerufen? Höchstwahrscheinlich nicht „Jesus“. Auch waren seine Eltern nicht Herr und Frau Christus („Christus“ ist nicht sein Nachnahme!). „Jesus“ ist die lateinische Version des Griechischen „Ἰησοῦς“. (Waren die Eltern von Jesus verkappte Hellenisten?) Die messianischen Juden nennen Jesus, so weit ich weiß, „Jeschua„. Aber ist der Name in irgendeiner historischen Quelle belegt? Und wie schreibt man das auf Aramäisch? – Der eigene Name hat einen besonderen Klang. Wie klang der eigene Name in den Ohren Jesu?

Matthäus erzählt von einem unfreiwilligen Abstecher nach Ägypten; genauer gesagt: Josef und Maria schützten das Leben ihres Kindes, indem sie nach Ägypten flohen. (In den heiligen Texten der Juden zu dieser Zeit übrigens keine ganz ungewöhnliche Geschichte.) Wie alt war Jesus, als er dann nach Nazareth kam? In Matthäus heißt es, dass Josef den Auftrag bekommt, nach Israel zurückzukehren, als Herodes gestorben war. Kann man daraus das ungefähre Alter Jesu bestimmen, als er nach Nazareth kam?

Jesus‘ Adoptiv-Vater war übrigens Bauhandwerker von Beruf. (Die Berufsbezeichnung „Zimmermann“ stimmt wohl nicht so ganz.) Hat auch Jesus diesen Beruf erlernt? Vielleicht von seinem Adoptiv-Papa? Hat Jesus dann auch als Bauhandwerker gearbeitet? Hat er noch irgend etwas anderes gemacht? Karriere vielleicht? – So weit ich weiß, haben wir dazu keine Informationen – mit Ausnahme der Karriere, die er später als Wanderprediger und Messias gemacht hat.

War Jesus irgendwann einmal verliebt? Verlobt? Verheiratet? Verwitwet? Kinder? Er war schließlich so richtig Mensch, stimmt’s? Und besonders in der antiken orientalischen Kultur war Familie-gründen Standard. – Was hälst du von der Vorstellung, dass Jesus vielleicht Frau und Kinder hatte?

Ich denke, Kinder hatte er wohl eher nicht. Sonst wären sie wahrscheinlich irgendwo erwähnt worden. Auch eine Ehefrau hatte er wohl eher nicht (mehr?), als er öffentlich in Erscheinung trat. Aus demselben Grund.

Was hat Jesus eigentlich die ganze Zeit gemacht, bevor er öffentlich in Erscheinung trat? Wie viel kann man spekulieren über seine Beziehung zu Johannes den Täufer und Zeit, die er eventuell mit ihm verbracht hat? – Auf jeden Fall hat Jesus, anscheinend im Unterschied zum Rest seiner Familie, irgendwann sein Heimatdorf Nazareth verlassen. (Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb die nicht so gut auf ihn zu sprechen waren.?)

Auf jeden Fall war Jesus Migrant. Er migrierte durch Israel. (Und zurück nach Hause wollte er wahrscheinlich auch nicht, nachdem seine Nachbarn und Bekannten versucht hatten, ihn umzubringen.) Als Wanderprediger verkündete er (wie schon Johannes) die hereinbrechende Herrschaft Gott. Und wie er selbst es tat, so schickte er auch seine Schüler aus, von Ort zu Ort zu gehen und diese Nachricht bekannt zu machen. Auch warnte er vor der Vorstellung einer bequemen „christlichen Ausbildung“:

„Die Füchse haben ihren Bau, die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat keinen Platz, an dem er sich ausruhen kann.“ (Lukas 9,58)  😦

LERNEN, SCHWACH ZU SEIN

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Cethosia cyane, by AirBete via Wikipedia, (CC BY-SA 3.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

Warum sollte man das lernen wollen? Schwach sein, ist ja nicht gerade erstrebenswert, oder?

Demonstration von Stärke ist eine Lebensstrategie: Imponiergehabe, Muskeln, Beeindrucken, Macht, Abschreckung, Waffen, Einschüchtern, Gewaltandrohung …

Der Weg Jesu erscheint als ein Entgegengesetzter: Das Leben von Schwachheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.

Schwachheit ist eine grundlegende Lebenserfahrung aller Menschen – vielleicht die grundlegendste überhaupt. Bevor wir die Welt uns er-denken, werden wir im Bauch unser Mutter herumgetragen. Passivität. Geboren-werden. Wir erleiden all die Dinge, die uns als Werdende entgegenkommen.

Auch in der vollen Blüte des Lebens, des Er-wachsen-seins und der Fruchtbarkeit, ist Leben ständig bedroht. Leben existiert nur im Schatten des Todes. Von einer Sekunde zur nächsten kann das Leben zu Ende sein oder eine Katastrophe über uns hereinbrechen, dass nichts mehr so ist, wie wir es kennen.

Der Vergänglichkeit unterworfen. Wenn es uns geschenkt ist, alt zu werden, spüren wir, wie die Kräfte nachlassen und wir zerbrechlicher werden. – Es ist nicht erstrebenswert, schwach zu sein; aber die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens zu erkennen und anzuerkennen, ist eine Frage der Wahrheit.

„Was ist denn der Mensch, Herr, dass du ihn beachtest? Was bedeutet er dir, der vergängliche Mensch, dass du dich mit ihm abgibst? Wie ein Hauch ist der Mensch und sein Leben gleicht dem schwindenden Schatten.“  (Psalm 144, Verse 3-4)

Das Wahrnehmen, Bejahen, Annehmen dieser Tatsache erscheint mir als grundlegend für den Weg Jesu. Leben ist ein Geschenk. Jeder Atemzug. Nichts ist selbstverständlich oder verdient, könnte eingefordert werden. Unser Leben kann nur bestehen als Teil von etwas Größerem, das wir nicht in der Hand haben oder kontrollieren. Wir brauchen Vertrauen und Mut, um schwach sein zu können. Verabschiedung von Selbsttäuschung. Nachhaltigkeit, anstelle von kurzsichtigen Zielen.

„… Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Ordnet euch also Gott unter …“  (Jakobus 4,6-7)

„Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.“  (Psalm 139,5)

Starrheit zerbricht, Flexibeles gibt nach. Beim harten Aufschlag geht etwas kaputt – Weichheit kann Energie aufnehmen und einen Schlag abfedern. Elastisch. „Der Klügere gibt nach!“ Ich kann ein Teil des Problems sein, oder ein Teil der Lösung.

Vielleicht ist das auch der beste Zugang zu der Bibelstelle, zu der schon so viel gesagt worden ist:

„… Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“  (Matthäus 18,3)

Wenn wir die Perfektion, Heiligkeit, Vollkommenheit, zu der wir aufgefordert werden, versuchen darzustellen, sind wir zum Burnout verdammt. Allein das AUSSTRECKEN nach Vollkommenheit ist leb-bar. Ein Leben aus Gnade und Vergebung, des Immer-neu-anfangen-dürfens.

„Wenn wir behaupten, ohne Schuld zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit.“  (1. Johannes 1,8)

Unser Wille und Denken stören, solange wir nicht mit der Wirklichkeit und dem Wirken Gottes übereinstimmen. Ob wir Öl oder Sand im Getriebe der Herrschaft Gottes sind, entscheidet sich daran, wie sehr wir mit seinem Wesen im Einklang sind. Wir können entweder ein festverwurzelter Stein im Fluss sein, an dem sich das Wasser bricht, oder wir können uns ausrichten an der Strömung des Wirkens Gottes und uns mitnehmen lassen, dahin, wohin Gott uns trägt.

Manche Menschen, die schon dem Tode nahe, vielleicht todkrank, waren, haben dadurch zu einem intensiven Leben gefunden. Als Christen leben wir unser Leben im Schatten des Kreuzes Jesu, an dem Gott schwach wurde und an dem wir selbst gestorben sind.