Der Fundamentalisten-Test

 

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Eruption eines submarinen Vulkans; by NOAA/National Science Foundation [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Liebe fundamentalistische Schwester und Brüder. Wo euch die Bibel ja doch so wichtig ist, lasst uns mal sehen, wie gut eure Bibelkenntnisse sind. (Keine Angst, es kommen keine exotischen Spezial-Fragen, sondern Elementares.)

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! …

.

(Bibel, Tanach / Altest Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose, 1. Kapitel, Verse 1-3)

 

Das Wasser

Wir fangen am Anfang an: 1. Kapitel. Die Schöpfung.

FRAGE : Wann und wie erschafft Gott das Wasser? (Grundlage allen Lebens.)

Vielleicht am ersten Tag? Oder schon davor? (Geht das überhaupt? Gibt es eine „Stunde Null“?)

Jetzt denken die Meisten von euch wahrscheinlich gleich an „Evolution oder Schöpfung“, doch darum geht es mir hier nur am Rand. Mir geht es hauptsächlich um ein aufmerksames Lesen und Ernstnehmen des Textes. Diejenigen, denen die Bibel angeblich so wichtig ist, die sollten doch auch die biblischen Texte wirklich ernst nehmen, oder?

Also : Woher kommt das Wasser?

(Und wo wir schon dabei sind, können wir auch gleich noch darauf achten, wo die Finsternis, die Tiefe und die Erde herkommen.)

Die ersten Kapitel der Bibel gehören übrigens zu meinen Lieblingstexten. 🙂 Bevor ihr weiterlest, solltet ihr vielleicht schnell mal das erste Kapitel lesen, falls es euch nicht mehr so vertraut im Kopf ist. Dauert ja nicht lange.

Fertig? – Gut.

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe …

.

(Verse 1-2)

 

Himmel & Erde

Bei der Finsternis und der Tiefe könnte man einwenden „das is ja nix … nur leerer Raum“ – leerer Weltraum sozusagen. OK., vielleicht. – Aber was ist mit der Erde und dem Wasser? Das sind ja nun wirklich zwei wichtige Zutaten.

Beim Lesen fällt jedem die sorgfältige, fast poetische Gestaltung des Textes auf. Reim-artig kehren dieselben Formulierungen immer wieder, wie bei einem Gedicht oder Lied. Gott erschafft Himmel und Erde und alles andere allein dadurch, dass er spricht. Und es geschieht! – So hatte ich es jedenfalls in Erinnerung. Aber wird es auch so erzählt?

Wir schauen genauer hin :

 

Und Gott sprach: …
Und es geschah so.

 

Die Tage der Schöpfungserzählung

Am ersten Tag erschafft Gott das Licht. Am zweiten die Wölbung (im Wasser) = Himmel. Am dritten Tag Gras / Kraut und Bäume. Am vierten Sonne, Mond und Sterne. Am fünften Tag Wassertiere und Vögel. Am sechsten Tag: Vieh, kriechende Tiere, wilde Tiere und die Menschen – quasi die land-gebundenen Lebewesen.

Noch ein paar Kleinigkeiten :

Mir fällt auf, dass es sogar MEHR als 6-mal heißt „und Gott sprach“, aber nur genau 6-mal „und es geschah so“. Auf die Wendung „es wurde Abend, und es wurde Morgen“ folgt immer ein „und Gott sprach“. Bis auf den 6. Tag. Nach ihm ist Gott fertig und es folgt kein „Und Gott sprach …“.

Am ersten Tag heißt es, dass das Licht gut war. Am zweiten Tag sagt Gott NICHT, dass etwas gut ist. Am dritten Tag heißt es dafür gleich 2-mal, dass etwas gut ist. Das erste Mal, nachdem sich das Wasser gesammelt hat und Erdboden zum Vorschein gekommen ist; das zweite Mal nach der Erschaffung der Pflanzen.

Auch am vierten Tag, nach der Erschaffung von Sonne, Mond und Sterne, heißt es, dass es gut war; und genauso am fünften Tag, nach der Erschaffung von Wassertieren und Vögeln. Am sechsten Tag beurteilt Gott  wieder 2-mal: Nach der Erschaffung der Landtiere sieht Gott, dass es gut ist, und nach der Erschaffung des Menschen, als Gott seine Schöpfung vollendet hat, sieht er sogar, dass es „sehr gut“ ist.

Der zweite Tag ist der einzige Tag, an dem es nicht heißt, dass es gut oder sehr gut war. Zufall?

 

Wie Ton in der Hand des Töpfers, den er nach seinem Wohlgefallen formt, so sind auch die Menschen in der Hand dessen, der sie gemacht hat: …

.

(Jesus Sirach 33,13)

 

Ton und Töpfer

Interessant ist auch, dass mehrfach etwas nicht auf Gottes Wort hin wie aus dem Nichts entsteht, sondern Gott „gestaltend“ wirkt. Gott scheidet Licht und Finsternis und er scheidet die Wasser. Er befiehlt dem Wasser unter dem Himmel sich zu sammeln und befiehlt der Erde hervorzubringen. Auffällt auch, dass es bei der Erschaffung des Menschen weder heißt „es werde Mensch“ noch „Gott befahl der Erde den Menschen hervorzubringen“.

Wir sehen in dieser Erzählung sowohl ein Ins-Dasein-Rufen als auch ein Ordnen des Bestehenden. Gott schafft ganz neu, und er schafft Lebensraum und Möglichkeiten des Lebens, indem er das Geschaffene ordnet.

 

Wenn Gottes Herrlichkeit schon bei der Ordnung sichtbar wurde, die zum Vergehen bestimmt war, wie viel mehr wird sie dann von der Ordnung ausstrahlen, die für immer bleibt!

.

(Neues Testament, Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,11)

 

Wann nun wurden die Erde und das Wasser erschaffen?  In welchem Vers steht: „Erde!“ oder „Es werde Wasser!“

Diese Verse gibt es nicht! Es wird nicht ausdrücklich gesagt, wann oder wie die Erde und das Wasser geschaffen wurden.

Bei der Erde könnte man sagen „steht doch gleich im ersten Vers“. Im ersten Vers steht aber auch das Gott den Himmel schuf, und in den Versen 7-8 wird dann erklärt, wie er das gemacht hat. Wie die Erde gemacht worden ist, wird nirgends erklärt, und auch nicht, wie das Wasser gemacht worden ist.

 

Antworten und Fragen

Bei der offensichtlich sorgfältigen Gestaltung des Textes dürfen wir vermuten, dass keine Formulierungen hier rein zufällig sind. Daher die Frage, warum die Erschaffung des Universums (= Himmel & Erde) hier so erzählt wird?

Falls der Text wirklich erzählen wollte, wie ALLES entstanden ist, warum bleiben dann Fragen offen? Oder geht es in diesem Text vielleicht wirklich eher um etwas Anderes?

 

Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.

.

(Paulus‘ erster Brief an Timotheus, 1,5)

 

Zur Frage, wie und wann das Wasser und die Erde geschaffen wurden, sagt die Erzählung jedenfalls überraschenderweise gar nichts.

 

Schöpfungsmythen

Besonders interessant wird die ganze Geschichte, wenn man sie mit dem babylonischen Schöpfungsmythos  Enūma eliš vergleicht . Während im babylonischen Schöpfungsmythos Himmel und Erde durch Gewalt und Tod im Kampf der Götter erschaffen werden, ist in der biblischen Schöpfungserzählung alles harmonisch. Es gibt noch nicht einmal eine Spur von Konkurrenz zur gestaltenden Macht Gottes. Alles gut! (bzw. sehr gut)

Wichtig für die Interpretation sind natürlich auch die Fragen: Für wen wurde die Erzählung geschrieben und was sollte sie bewirken? Welche Assoziationen hatten die ursprünglichen Leser (Hörer)? Wurde die ursprüngliche Fassung vielleicht sogar überarbeitet? Wann entstand die endgültige Fassung und wer war dafür verantwortlich?

Bin gespannt auf eure Kommentare …

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Posts. Den älteren Post findet ihr hier.]

 

3 Kommentare zu „Der Fundamentalisten-Test

  1. Zwar nicht fundamentalistisch, aber dennoch Bibelleser, aber ohne die Einzelheiten auswendig parat zu haben.
    Ich habe den Eindruck, dass man aus der Beschreibung erschließen kann, wie aus dem unbelebten Planeten, auf dem noch alle Materie gasförmig ist, ein Planet mit Ozeanen und Erdteilen wird.
    Andererseits steht die ältere Schöpfungsgeschichte von Kapitel 2 Vers 4-7 der von Kapitel 1 entgegen.

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    1. Ich denke, man muss beim Lesen der biblischen Texte immer aufpassen, dass man nicht modernes Wissen an die antiken Texte heranträgt. Es ist eigentlich gar nicht möglich, die Texte wie ein antiker Mensch zu lesen. Umso erstaunlicher ist es, dass sie uns heute trotzdem noch etwas geben und uns inspirieren.

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