Um Gottes und der Menschen willen: Stürzt doch endlich das Bibel-Dogma vom Sockel!

 

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Altarbibel auf einem lutherischen Altar; von Leon Brooks [Public domain], via Wikimedia Commons

 

[ Dies ist die Überarbeitung eines meiner älteren Artikel, der mit Abstand die heftigsten Reaktionen hervorgerufen hat. Hier findet ihr den älteren Artikel. ]

Dies ist kein Artikel gegen die Bibel. (Ich bin bekennender Bibel-Fan.) Es  ist  allerdings ein Artikel gegen einen schlechten Umgang mit ihr. Und es ist ein Artikel für einen wahrhaft christlichen Glauben im Sinne Jesu. – Es gibt etwas Besseres als Biblizismus: Evangelium! Es gibt eine gute Nachricht.

Die nicht ausreichend geklärte Frage unseres Umgangs mit der Bibel, ist eines der größten Probleme des Christentums. Wir haben einen Hunderte von Jahren alten Bibel-Mythos, der wie ein gewaltiger Klotz am Bein des wunderbaren Evangeliums ist. Es ist mehr als überfällig, dass das Dogma der Unfehlbarkeit der Bibel von seinem Sockel gestoßen wird, um zu einem Glauben im Sinne Jesu und der ersten Christen zurückzukehren. (Wenn all die Frommen der Jahrhunderte Jesus und die biblischen Texte ernster genommen hätten, wäre es nie zu diesem Dogma gekommen.)

 

Wehe euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten …

Weh euch, … die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen.  … Weh euch, ihr verblendeten Führer …

(Jesus von Nazareth; Bibel, Neues Testament, Lukas-Evangelium 11. Kapitel, Vers 46 und Matthäus 23,13-16)

 

Nehmt doch endlich das Joch eurer Bibel-Verehrung von den Schultern so vieler Gläubiger! Jesus hat keinen heiligen Text aufgeschrieben und auch zu Pfingsten kam keine neue Tora vom Himmel. Es war gerade der normative Charakter heiliger Schriften, der in der frühen Christenheit zur Diskussion Stand. Um Gottes und der Menschen willen müssen wir DEUTLICH widersprechen:

Die Bibel ist NICHT das Wort Gottes !!!

Ich sage dies nicht, weil ich GEGEN die biblischen Texte bin, sondern FÜR sie! Und für die MENSCHEN, die sie lesen.

Wer es nicht glauben will, soll doch einfach selbst mal in seiner Bibel nachschauen:

Lukas, zum Beispiel. Behauptet der Verfasser des Lukas-Evangelium an irgendeiner Stelle, dass seine Worte die Worte Gottes wären oder dass er sie von Gott empfangen hätte? Gibt es irgendeinen anderen Vers in der Bibel, der  behauptet, dass das Lukas-Evangelium Gottes Worte sind? Wann hat überhaupt in der Kirchengeschichte sich zum ersten Mal jemand angemaßt zu behaupten, dass dies Evangelium Wort Gottes ist? Und warum?

Die biblischen Texte wurden im Glauben überliefert, dass sie Zeugnisse des Wirken Gottes sind. Dadurch werden sie aber nicht zu vollkommenen Worten Gottes für den modernen Leser. Nehmt doch die Texte selbst ernst, anstatt einfach eure liebgewonnenen Ideen in die Texte hineinzulesen! Und all dies auch noch unter dem Deckmantel von Frömmigkeit und mit dem Anspruch auf Wahrheit!!!

Ich glaube auch, dass Gott spricht. Ich glaube auch, dass er durch einen biblischen Text zu einem Menschen sprechen kann. Dies ist dann aber eine persönliche, subjektive religiöse Erfahrung und sollte auch als solche behandelt werden.

Auch Theologen, die Fundamentalismus ablehnen, sind in ihrem Gebrauch der biblischen Texte und in ihrem Reden über die Bibel nicht immer „sauber“. (Mich eingeschlossen.) Wir, die „Wissenden“, tragen aber Verantwortung dafür, wie wir die Bibel darstellen und welche Erwartungen an diese Texte wir erzeugen.

Wie wäre es, wenn wir endlich einmal eine Bibelausgabe hätten, wo nicht „Bibel“ oder sogar „Heilige Schrift“ drauf steht, sondern „Sammlung der grundlegenden Schriften des Christentums“? Das Wort „Bibel“ allein suggeriert schon eine Homogenität des Buches, die nicht gegeben ist. (Wer weiß schon, dass das Wort „Bibel“ eigentlich ein Plural ist?)

Denen, die sich schon freuen, dass sie jetzt vielleicht auch als Christen endlich machen dürfen, was Spaß macht, sei gesagt:  Ihr durftet schon immer machen, was Spaß macht; es ist nur nicht alles gut!  😉

 

Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht haben über mich.

Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf.

(Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth; 6,12 und 10,23)

 

Das Bibel-Dogma aufzugeben, bedeutet überhaupt nicht, dass christlicher Glaube dadurch beliebig würde, es keine Orientierung mehr gäbe oder die Nachfolge Jesu weniger verbindlich wäre. Aber so vielfältig wie Kulturen und Menschen und das Leben selbst, so vielfältig müssen auch unsere Antworten sein. – Und wer sagt überhaupt, dass ich selbst die richtige Antwort für einen anderen Menschen haben muss?

Haben wir Angst vor der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes?

 

Alle, die sich von Gottes Geist regieren lassen, sind Kinder Gottes. Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er hat euch vielmehr zu Gottes Söhnen und Töchtern gemacht. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: »Abba, lieber Vater!
(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom; 8,14-15)

 

13 Kommentare zu „Um Gottes und der Menschen willen: Stürzt doch endlich das Bibel-Dogma vom Sockel!

  1. Interessanter Artikel! Was sagst du zu 2. Tim. 3,16?
    In meinem Bibelkommentar von William MacDonald steht dazu:
    „Wenn Paulus von der ganzen „Schrift“ spricht, dann bezieht er sich auf das vollständige AT, und auch auf die Teile des NT, die damals schon existierten. In 1. Tim. 5,18 zitiert er das Lukasevangelium (10,7) als Schriftstelle […] [Der Vers] lehrt, dass die Schrift von Gott „eingehaucht“ wurde. […] ist es ebenso wahr, dass jedes Wort, das verwendet wurde, vom Heiligen Geist „eingegeben“ wurde. So lesen wir in 1. Kor. 2,13: „Davon reden wir auch, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in [Worten] gelehrt durch den Geist, indem wir Gesitliches durch Geistliches deuten.“ Wenn diese Verse überhaupt eine Bedeutung haben, dann diese, dass die inspirierten Autoren WORTE gebrauchten, die sie der Heilige Geist lehrte. Das ist mit Verbalinspiration gemeint.“ Als weiterer Beleg für diese These wird auch 2. Petr. 1,20.21 angeführt.
    Persönlich habe ich aber auch den Eindruck, die Bibel ist nicht ganz einheitlich.

    Gefällt mir

  2. Hab zu 2. Tim. 3,16-17 auch schon einmal einen Artikel geschrieben:

    https://schmillblog.wordpress.com/2017/10/19/soft-skills/

    Die Biblizisten versuchen immer wieder mit ein paar Begriffen und ein paar Bibelversen eine wasserdichte Begründung für die Autorität der Bibel zu schaffen. Wenn man allerdings genauer hinschaut, sieht man schnell wie wacklig die ganze Geschichte ist. Man muss sich fragen, warum einige ein so starkes Interesse daran haben, sich ein heiliges Buch als Machtinstrument zu schaffen, um ihre persönlichen Überzeugungen durchzusetzen.

    Wenn man die biblischen Texte besser verstehen und ernster nehmen würde, würde man auch erkennen, dass der biblizistische Bibel-Glaube dem Evangelium widerspricht:

    https://schmillblog.wordpress.com/2018/03/11/das-ende-des-weisung-prinzips/

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    1. Jetzt geht es doch richtig rund – durch deinen frischen Artikel bin ich glücklicherweise auch hier gelandet.
      Stimme dir voll zu bei deiner Frage und deiner Schlußfolgerung der Frage: …warum einige ein so starkes Interesse daran haben, sich ein heiliges Buch als Machtinstrument zu schaffen…?
      Das Evangelium, selbst die „alten“ 10 Gebote haben etwas wunderbares anarchisches und radikales. Sie führen uns zur Wurzel (Radix) und zur Quelle, wenn wir uns SELBST und bewußt damit auseinandersetzen und zur Erkenntnis kommen.
      Genau so wie unser „persönlicher“ Weg zu Gott, der, wie ich schon öfter „postuliert“ habe, so was von einzigartig und individuell ist.
      Frage 144 „wiedergeborene Christen“ und du erhälst 144 verschiedene wie spannende, erstaunliche „Geschichten“. Es sind also Christen, die ein besonderes, eigenes und starkes Band zu Gott haben. Da paßt dann auch nichts mehr dazwischen, an Büchern, Pastoren und erst recht nicht an menschlichen Manipulationen und Machtgelüsten.

      „Halt du sie dumm, ich halt sie arm“ (Reinhard Mey – hatte es letztens auf meiner Seite).

      Erlaube einen kleinen Sprung: Mein Eindruck ist, das in der Masse den Amtskirchen nicht wirklich etwas daran liegt, ihren Mitgliedern eine Begleitung auf dem Weg zu Gott zu sein – um eine persönliche Beziehung aufzubauen – , sie sollen eher in der „Abhängigkeit“ der Kirchen bleiben, sich nicht weiter entwickeln – hin zu Gott… — da ist das Macht- und Geschäftsmodell gefährdet,

      Starker Tobak und ja, nicht alle Pastoren und Priester sind so, die Boden- und Fronttruppe ist meist sehr bemüht, kann jedoch manchmal auch nicht raus aus ihren Ketten und Fesseln.

      Ich hoffe, ich war mit meinen subjektiven Ansichten nicht zu heftig,
      auf bald,
      Raffa.

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      1. Die Verbindung von Kirche und Macht ist ja gerade in unserer deutschen Geschichte kaum zu übersehen.

        Die Freikirchen haben allerdings auch so ihre Probleme – selbst wenn man von den beruflichen Karrieren der einzelnen bezahlten „Funktionäre“ absieht. Schon wenn Eltern sich christliche moralische Unterstützung für die Erziehung ihrer Kinder erhoffen, besteht die Gefahr, Gott für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen.

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      2. Ja, die Kinder sind der Schlüssel, auch wenn wir die „Erwachsenen nicht aufgeben sollten“.
        Die Frage ist, was denn „vermittelt“ werden soll.
        Wie eine „solche Missionierung“ aussehen kann, darüber habe ich mir auch schon meine Gedanken gemacht.

        Die Bibel ist ein Werkzeug und die Kirchen sollte man auch nicht außen vor lassen – es steht ja noch ein „Restposten“ an Infra-Struktur und sie sind ja noch Anlaufstellen- und Gott-sei-Dank gibt es noch einige wahrlich be-Geist-erte Mitarbeiter.

        Meine Idee hört sich anfänglich etwas widersprüchlich an:
        Es wäre hilfreich in eine „Diktatur der Liebe und Logik“ zu kommen, welche dann autarke, anarchische und radikale „Kinder Gottes“ und Nachfolger formt und „auswirft“, um bei Zeiten das diktatorische über Bord zu werfen – was dann jedoch folgerichtig ehe passiert.

        Es darf gerne wieder werden wie zu Zeiten der Apostel, wo der Glaube über (nahezu anarchische bzw. nicht-institutionale) kleine Gemeinden getragen wird. Ähnlich wie beim heute läufigen Begriff des „Guerilla-Marketing“ oder der Graswurzel-Bewegungen – der Heilige Geist wird uns schon führen…(;-)

        oder was denkst du?

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      3. Ich denke auch, dass wir viel mehr Vertrauen in die Wirklichkeit der Gegenwart Gottes haben müssen. Mündige Menschen, die Verantwortung für ihr eigenes Denken und Handeln übernehmen und sich einfügen in das Wirken Gottes in dieser Welt. Eine geschärfte Wahrnehmung für das Heilige und ewige Werte.

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      4. Lieber Christian,

        bin knapp 550 km in westlicher Richtung „verortet“. Das scheint erstmal eine Menge räumlicher Abstand zu sein – jedoch, die Wege Gottes sind unergründlich… Zu dem gibt es das Internet und andere Kommunikationsmöglichkeiten, über die sich auch ein paar Dinge finden und auch fügen lassen.

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