Was haben Atommüll-Endlager und heilige Texte gemeinsam? [Fundamentalismus-Kritik]

 

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Behälter mit radioaktivem Abfall in den USA; Foto der Nuclear Regulatory Commission, via Wikimedia Commons – public domain

 

Die Suche nach einem stabilen Aufbewahrungsort.

 

„Aufgrund der langen Zeiträume sowie durch die Radioaktivität sind die Lagermaterialien nicht notwendigerweise dauerhaft in der Lage, die eingebundenen Stoffe zurückzuhalten. Daher ist die sichere Lagerung des verarbeiteten Mülls entscheidend. Selbst nach Zerfall der Lagerbehälter soll ein Transport der radioaktiven Substanzen durch das Gestein sehr langsam erfolgen.“

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(Wikipedia)

 

Atommüll-Endlager

Bei der Suche nach einem geeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager geht es in der Diskussion sogar nicht nur um einen Ort, wo über einen sehr langen Zeitraum sehr wenig Veränderung ist, um radioaktives Material „relativ sicher“ einlagern zu können, sondern man diskutiert auch über die Möglichkeit der Rückholbarkeit des Mülls, falls dies notwendig werden sollte.

 

„Der Himmel erzählt die Herrlichkeit Gottes,
und das Firmament verkündet das Werk seiner Hände.
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Ein Tag sagt es dem andern,
und eine Nacht tut es der anderen kund,
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ohne Sprache, ohne Worte, mit unhörbarer Stimme.
In alle Länder hinaus geht ihr Schall, bis zum Ende der Welt ihr Reden …“
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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Psalm 19,2-5)

 

Offenbarung in der Konservendose

Die Herrlichkeit und Kraft Gottes offenbart sich jeden Tag neu, in der Majestät des Kosmos und der Beständigkeit der göttlichen Schöpfung. Lebewesen vergehen und neue kommen in die Welt, belebt durch Gottes Geist. – Gottes lebendige Schöpfung.

Texte haben eine Wirkung noch lange, nachdem sie geschrieben worden sind – jedes Mal, wenn sie jemand liest. Aber die Wirkung, die älter werdende Texte auf Menschen haben verändert sich …

Die Sprache, in der der Text geschrieben worden ist, ist lebendig und verändert sich weiter – aber der Text nicht. Tote Buchstaben auf leblosem Pergament. Der Inhalt des Textes ist für alle Zeit erstarrt (abgesehen von den Fehlern oder absichtlichen Veränderungen, die bei der Überlieferung passieren) – eingefroren in leblosen Buchstaben.

 

„Er hat uns fähig gemacht, Diener des neuen Bundes zu sein – eines Bundes nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Wenn aber der Dienst, der den Tod bringt und der mit Buchstaben in Stein gehauen war, Herrlichkeit hatte, … wie sollte nicht der Dienst, der den Geist gibt, viel mehr Herrlichkeit haben?“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth; Bibel; Neues Testament; 3,6-8)

 

Schriftrollen zerfallen und Bruchstücke müssen mühsam wieder zusammensortiert werden.

Textkritiker, unter Zuhilfenahme sämtlicher relevanten und verfügbaren wissenschaftlichen Hilfsmittel, versuchen die Originale antiker Texte zu rekonstruieren. Altsprachler erforschen die antiken Sprachen, und Bedeutung und Funktion antiker Wörter. Altertumswissenschaftler versuchen sich mit vor langer Zeit vergangenen Kulturen vertraut zu machen …

Sprache und Texte sind kein stabiler Ort, um den Inhalt der göttlichen Offenbarung für alle Zeit zu konservieren.

 

Kommunikation

1 Etymologie
2 Verschiedene Zugangsweisen
2.1 Zugang über eigene Erfahrungen
2.2 Zugang über handlungstheoretische Grundannahmen
2.3 Zugang über problemtheoretische Grundannahmen
2.4 Zugang über signaltheoretische Grundannahmen
2.5 Zugang über naturwissenschaftliche und biologische Grundannahmen
2.6 Zugang über psychologische Grundannahmen
2.7 Zugang über verhaltenstheoretische Grundannahmen
2.8 Zugang über systemtheoretische Grundannahmen
2.9 Zugang über die interdisziplinäre Perspektive
2.10 Folgen der Zugangsweisen für die Beschreibung
3 Verschiedene Kommunikationsmodelle
4 Kommunikationsprobleme
4.1 Gründe und Auswirkungen
4.2 Kommunikationsprobleme auf der Ebene der Verständigung und der Ebene übergeordneter Probleme
4.2.1 Ebene der Verständigung (Kommunikationsziel)
4.2.2 Ebene der übergeordneten Problemstellungen (Kommunikationszweck)
4.3 Lügen und Probleme der Kommunikation

(Wikipedia)

 

„Du verstehst mich nicht!“

Schon, wenn man mit jemandem redet, den man sehr gut kennt (Partner, Kind, Eltern, …) kommt es zu Missverständnissen. Manchmal ist man trotz ausgiebiger Diskussionen und besten Absichten nicht in der Lage, einander zu verstehen.

Wie gut, wenn man wenigstens immer wieder nachfragen kann:

„Hab ich dich jetzt richtig verstanden?“

 

Ich habe noch so vieles auf dem Herzen, aber das möchte ich euch lieber persönlich sagen und nicht schreiben. Ich hoffe, bald bei euch zu sein. Dann können wir alles miteinander besprechen …“

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(Zweiter Johannesbrief; Neues Testament; Vers 12)

 

schwer zu verstehen

Bei schriftlicher Kommunikation passieren Missverständnisse oft noch leichter, weil der Klang der Stimme, Mimik und Gestik fehlen.

Bei Texten hat man oft nicht die Möglichkeit nachzufragen:

„Hab ich das jetzt richtig verstanden?“

 

„… Das hat euch ja auch schon unser lieber Bruder Paulus geschrieben, dem Gott in all diesen Fragen viel Weisheit geschenkt hat. Er spricht in seinen Briefen mehrfach darüber. Allerdings ist manches davon nur schwer zu verstehen …“
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(Bibel, Neues Testament, Zweiter Petrusbrief 3,15-16)

 

Veraltende Sprachen

Bei älteren Texten wird das Verstehen noch schwerer, weil eine lebendige Sprache sich verändert. Wir müssen nur an das deutsche Wort „toll“ denken, dessen Bedeutung sich völlig umgekehrt hat.

Sprache lässt sich auch nie von ihrem kulturellen Zusammenhang trennen. – Eine Fremdsprache lernen, heißt auch, eine Kultur kennenzulernen. – Und weder Sprache noch Kultur sind einheitlich: Es gibt regionale Unterschiede, Dialekte, …

Auch im alten Israel gab es Dialekte, und das Entstehen der biblischen Texte erstreckte sich über eine sehr lange Zeit.

 

„Und es geschah, wenn ephraimitische Flüchtlinge sagten:
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‚Lass mich hinübergehen!‘,
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dann sagten die Männer von Gilead zu ihm:
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‚Bist du ein Ephraimiter?‘
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Und sagte er: ‚Nein!‘,
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so sprachen sie zu ihm:
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‚Sag mal: Schibbolet!‘
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Und sagte er:
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‚Sibbolet!‘,
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und brachte es nicht fertig, richtig zu sprechen, dann packten sie ihn und schlachteten ihn an den Furten des Jordan. So fielen in jener Zeit von Ephraim 42000 Mann.“
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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Schoftim / Richter 12,6)

 

Es ist eine Illusion zu glauben, man bräuchte nur Wörterbücher für die biblischen Sprachen, um richtig verstehen zu können, was die Verfasser der Texte den Menschen damals sagen wollten. Wir brauchen auch entsprechend gute Kenntnisse der damaligen Kultur. Wenn wir z.B. flächendeckend aus allen sozialen Schichten und allen Epochen die Tagebücher von Menschen hätten, in denen wir lesen könnten, wie sie gedacht, gefühlt und gelebt haben, dann hätten wir eine viel bessere Chance, die biblischen Texte richtig zu verstehen.

 

Die Intention des Verfassers – Literaturtheorie

Auch die literarischen Gattungen, welche wir heute haben, sind nicht identisch mit den literarischen Gattungen der Antike.

Ist das Buch Jona, z.B., der Bericht eines Wissenschaftlers, eine Kurzgeschichte oder eine Satire, oder vielleicht eine Gattung, die es heute gar nicht mehr gibt? Oder ein Unikat, das man gar keiner Gattung zuordnen kann? Und spielte das für das Verstehen des Textes bei den Menschen damals und bei uns heute eine Rolle?

Wenn wir einen Text lesen und meinen, alles wäre klar zu verstehen; muss unsere Interpretation eines Textes dann richtig sein, nur weil uns keine weiteren Deutungs-Möglichkeiten einfallen? Und falls sogar zwei Theologen einen Text unterschiedlich verstehen, wer soll dann entscheiden, wie der Text gemeint war?

 

Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt.“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 13,12)

 

Gott ist absolut. – Texte sind es nicht!

Ich glaube schon, dass es zeitlose menschliche und göttliche Wahrheiten gibt, die wir mit Hilfe des Lesens von biblischen Texten aufspüren können. Aber dies passiert auf einer subjektiven Ebene in einem Menschen und ist ein persönlicher Lernvorgang, und nicht eine objektive Wahrheit, über die wir verfügen könnten.

Gottes Offenbarungen leuchten auf in einem Augenblick, aber sie lassen sich nicht vergegenständlichen, sich nicht mit cleveren Formulierungen einfangen oder mit totsicheren Überlieferungs-Systemen über die Zeiten transportieren. Jede Generation muss sie für sich neu er-leben und ihre eigenen Gotteserfahrungen machen. Leben mit Gott ist aktuell und frisch und nicht eine Neuauflage eines alten Buches.

 

„… Richtet eure Gedanken auf das, was schon bei euren Mitmenschen als rechtschaffen, ehrbar und gerecht gilt, was rein, liebenswert und ansprechend ist, auf alles, was Tugend heißt und Lob verdient.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Philippi 4,8)

 

Hässlicher Fundamentalismus

Aber es werden wohl weiterhin biblische Besserwisser die Texte der Bibel missbrauchen, um ihrer eigenen Meinung einen „göttlichen“ Anstrich zu geben und ihre scheinheiligen Motive zu verschleiern. Sicherlich manchmal mehr oder weniger gut gemeint – aber schlecht gemacht.

Vielleicht werden Fundamentalisten auch deshalb manchmal wenig ernst genommen, weil sie kaum in der Lage zu sein scheinen, ihre eigene Begrenztheit wahrzunehmen. – Selbsterkenntnis könnte ein erster Schritt zur Besserung sein.

Leider kann auch ein schöner Glaube an Jesus abrutschen in kranke, hässliche Engstirnigkeit. Deshalb ist es wichtig, wie wir zum Glauben kommen und mit welchen Leuten wir uns umgeben.

 

„… Hier in Antiochia kam für die Jünger und Jüngerinnen zum ersten Mal die Bezeichnung ‚Christen‘ auf.“

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(Apostelgeschichte; Neues Testament 11,26)

 

„Ich bin Christ.“

Christen nennen sich „Christen“, und nicht „Biblizisten“ oder „Bibilianer“. Als Christen glauben wir eigentlich, dass Gott sich am besten nicht in einem heiligen Buch, sondern in einem Menschen aus Fleisch und Blut offenbart hat: dem Juden Jesus aus Nazareth in Galiläa, zur Zeit der Besatzung Palästinas durch das Römische Imperium, noch vor der Zerstörung des jüdischen Heiligtums im ersten und der Auslöschung jüdischen gesellschaftlichen Lebens in Palästina im zweiten Jahrhundert.

Dieser Mensch Jesus lebt schon lange nicht mehr. Aber ich schreibe gerade über ihn, weil die Bewegung, die er angestoßen hat, nicht am Kreuz geendet hatte. In den biblischen und anderen Texten lesen wir über ihn, und wer sich auf ihn einlässt, wird seine eigenen Erfahrungen machen.

Wenn doch das Christentum bloß zurückkehren würde zu seinem eigentlichen Wesen, und die Christenheit sich versammeln würde, um ihren eigentlichen Mittelpunkt:

Das Geheimnis der Offenbarung Gottes in Jesus.

 

„Ihnen wollte er zu erkennen geben, welch wunderbaren Reichtum für die nichtjüdischen Völker dieses Geheimnis umschließt. Und wie lautet dieses Geheimnis? ‚Christus in euch  – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit!'“

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(Kolosserbrief 1,27)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

2 Kommentare zu „Was haben Atommüll-Endlager und heilige Texte gemeinsam? [Fundamentalismus-Kritik]

  1. Huuh, wieder mal tief und heftig.
    Danke für dein Spotlight.
    Ich dampfe mal provokativ auf einen Dreiklang ein:
    Fundamentalismus – Radikalität – Essenz

    Was passiert, wenn wir uns nicht mehr bewegen – auf dem Weg zur Quelle?

    Liebe Grüße,
    Raffa.

    Gefällt 1 Person

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