Orthodox und Byzanz

 

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Hagia Sophia; von Dennis Jarvis from Halifax, Canada (Turkey-3019 – Hagia Sophia) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Byzanz

Das Wort hatte für mich schon immer einen gewissen Zauber und etwas Geheimnisvolles. Ein Grund dafür war sicherlich auch, dass ich fast nichts darüber wusste. Beim Kiosk sah ich vor einer Weile eine Zeitschrift: „Geo Epoche: Byzanz“. Eine weitere Erinnerung an ein geheimnisvolles Thema, das sich vielleicht lohnt …

Byzanz. Eine Stadt, ein Reich, eine Epoche, ein Kulturraum.

Das Wort „Byzanz“ stammt von der Lateinischen Version des griechischen Namens  Βυζάντιον (Byzántion). Diese Stadt am Bosporus wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. von dorischen (griechischen) Siedlern als Koloniestadt gegründet. Die Herkunft des Namens ist nicht geklärt. Möglicherweise stammt er vom Personennamen eines legendären griechischen Königs. Der heutige Name der Stadt ist Istanbul. (Übrigens hat sich laut Wiktionary der Name „Istanbul“ aus der Wendung Konstantinou-polis = Konstantins-Stadt entwickelt.)

 

Konstantin

Als der römische Kaiser Konstantin Byzanz 326 bis 330 zur neuen Reichshauptstadt machte, war es schon eine alte Stadt, und bekam den offiziellen Namen „Nova Roma“ („Neues Rom“). Dies war derselbe Konstantin, nach dem auch die „konstantinische Wende“ benannt ist und unter dem das Christentum zur wichtigsten Religion im römischen Reich wurde. Nach dem Tode Konstantins wurde die Stadt offiziell in „Constantinopolis“ („Konstantinopel“) umbenannt.

 

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor zum Verderben ist breit und der Weg dorthin bequem. Viele Menschen gehen ihn. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dorthin schmal! Deshalb finden ihn nur wenige.
———
(aus der sogenannten „Bergpredigt“ von Jesus: Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 7. Kapitel, Verse 13-14)

 

Interessant ist, dass das Zentrum der „offiziellen“ Kirche in Rom blieb und nicht mit dem Kaiser nach Nova Roma umzug. Der römische Patriarch Siricius, zum Beispiel, wurde vom Kaiser Valentinian II. im Jahre 385 in seiner Vorrangstellung als Papst im Amt bestätigt – während das Zentrum der weltlichen Macht ja schon im Osten war.

 

Byzantinisches Reich

Die Teilung der Herrschaft zwischen den Söhnen des Kaisers Theodosius im Jahre 395 wird als Beginn des byzantinischen Reiches angesehen. Der ältere Sohn von Theodosius, Arcadius, wurde erster römischer Kaiser des östlichen Teiles des römischen Reiches. Mit dem Ende der weströmischen Herrschaft schaffte der spätere byzantinische Kaiser Justinian dann auch 554 den weströmischen Hof ab. Dies ist derselbe Justinian der mit dem „Corpus Iuris Civilis“ bleibende Bedeutung für die Rechtsgeschichte hat.

 

Schisma und Trennung

Die Herrschaft im römischen Reich teilte sich 395, aber zum sogenannten großen „Morgenländischen Schisma“ kam es erst mehr als 600 Jahre später „als Humbert de Silva Candida, der Gesandte Papst Leos IX., und Patriarch Michael I. von Konstantinopel sich nach gescheiterten Unionsverhandlungen gegenseitig exkommunizierten.“ (Wikipedia) Dieser Bann hatte allerdings praktisch für die darauf folgende Zeit kaum Bedeutung und zur offiziellen Trennung zwischen West- und Ostkirche kam es erst im 18. (!) Jahrhundert.

 

Hagia Sophia

Eine der bekanntesten byzantinischen Kirchen und eines der bekanntesten Wahrzeichens Istanbuls ist sicherlich die Hagia Sophia. Sie war Krönungskirche der byzantinischen Kaiser und Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. „Hagia Sophia“ bedeutet „Heilige Weisheit“. (Interessanter Name für eine Kirche.) Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen wurde sie 1453 zur Hauptmoschee.

 

Ausdehnung und Ende des byzantinischen Reiches

Das Byzantinische Reich begann 395 mit der Reichsteilung und endete 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. Mehr als 1000 Jahre! Von Wikipedia hier noch eine Animation über die Ausbreitung:

 

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Wikipedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Byzantine_Empire_animated.gif#file

 

550 erstreckte sich das Reich über den gesamten Mittelmeerraum, einschließlich Nordafrikas, bis nach Gibraltar!

 

Multikulti

Wieviel in zeitlicher und räumlicher Ausbreitung vergleichbare Reiche gab es in der Menschheitsgeschichte? (Das Dritte Reich dauerte zum Glück nur 12 Jahre.) Wodurch bekam dieses multi-ethnische Reich seine Stabilität? Können wir daraus noch etwas lernen für Multikulti heute?

Warum sind die meisten Deutschen vertrauter mit dem Römischen Reich als mit dem Byzantinischen Reich?

 

Orthodoxie

Über das Byzantinische Reich gelangten auch orientalische Einflüsse nach Europa und altes Kulturgut der Region wurde an weiter entfernte Regionen und an zukünftige Generationen überliefert. Byzantinische Kultur war von Bedeutung für die Renaissance in Westeuropa und hat eine gewaltige kulturelle Bedeutung für den Balkan, Osteuropa und das orthodoxe Christentum.

 

Die byzantinische Kultur und Denkweise hat alle orthodoxen Völker tief geprägt.

(Wikipedia)

 

Westeuropa und weite Gebiete der restlichen Welt wurden durch römisch-katholisches Christentum geprägt. Da die Reformation eine Gegenreaktion auf den Katholizismus war, sind auch überwiegend protestantische Regionen somit indirekt durch katholische Frömmigkeit beeinflusst. (Abgesehen davon, dass viele protestantische Regionen ja vorher sowieso katholisch waren.)

Was wäre bei unserem Verständnis und der Beschreibung unseres Glaubens heute in Deutschland anders, wenn wir nicht aus römisch-katholischem Christentum, sondern aus byzantinisch-orthodoxen Christentum erwachsen wären? Wäre das vielleicht sogar in unseren säkularen Kultur spürbar? Und wenn ja: wo und wie?

 

Dialog

In einer globalisierten Welt kann sich kaum eine Tradition der Auseinandersetzung mit anderen Traditionen entziehen. So gibt es auch ein Nachdenken über andere Traditionen im orthodoxen Christentum. Bei „orthodoxes-forum.de“ gibt es z.B. eine Diskussion zum Thema „Römisch-Katholisch vs Orthodox“ mit immerhin 29 Beiträgen.

 

Eintauchen ins Leid

 

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Vincent van Gogh: Der gute Samariter (nach Delacroix), 1890 [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Wir leben in einer Multi-Options-Gesellschaft. Wir genießen das vielfältige Angebot. – Aber wer würde schon gern freiwillig leiden? Ist das nicht Masochismus? Krank?

 

… stark wie der Tod ist die Liebe
und ihre Leidenschaft so unentrinnbar wie das Totenreich.
Ihre Glut lodert wie Feuer;
sie ist eine Flamme des Herrn.
Große Wassermassen können die Liebe nicht auslöschen,
Ströme sie nicht überfluten.
Und wenn einer seinen ganzen Besitz hergäbe, um sich die Liebe zu erkaufen,
so würde man nur über ihn spotten …
(Bibel / Tanach, Hoheslied, 8. Kapitel, Verse 6-7)

 

Liebe ist freiwillig. Man kann sie nicht kaufen und nicht erzwingen. Sie wendet sich aus sich selbst heraus dem anderen zu – weil dies ihr Wesen ist.

Liebe führt mich ins Leiden. Mitleid ereignet sich spontan in mir, weil ich mich selbst in meinem Menschsein in dir wiedererkenne. Du bist ich – und ich bin du. Dein Schmerz ist mein Schmerz. Die Liebe jedoch ist es, die nicht zulässt, dass ich mich abwende, um mich selbst zu schützen. Sie macht mein Herz weich und wendet mich dir zu. Sie führt mich ins Leiden.

Alles ist miteinander verbunden. Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft, von der ich mich nicht verabschieden kann. Wir sind wie  ein Organismus. Dein Problem ist auch mein Problem.

 

 … der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

(Neues Testament, Lukas-Evangelium 19,10)

 

Ich bin nicht gut im Leiden. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich mich nicht wohl fühle. Aber es ist die göttliche Liebe, die mich magisch anzieht; das Vorbild von Jesus und alles Leid um mich herum, die nicht locker lassen …

 

… Angst und Entsetzen überfielen Jesus …
»Ich zerbreche beinahe unter der Last, die ich zu tragen habe …«
»Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch des Leidens an mir vorübergehen …«
Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.
(Markus-Evangelium 12,33-36; Lukas-Evangelium 22,44)

 

Jesus hat uns vorgelebt, was wir ihm nachmachen sollen. Er ist dem Leiden nicht ausgewichen – um unsertwillen.

 

… Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und auf meinem Weg hinter mir hergehen.

(Markus-Evangelium 8,34)

 

Christsein ist kein Spaziergang, und die Liebe Christi in uns ist ein todesmutiger Trieb. Das Blut der Märtyrer bezeugt dies durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag.

 

Glücklich zu preisen sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Glücklich zu preisen seid ihr, wenn man euch um meinetwillen beschimpft und verfolgt und euch zu Unrecht die schlimmsten Dinge nachsagt. Freut euch und jubelt! Denn im Himmel wartet eine große Belohnung auf euch. Genauso hat man ja vor euch schon die Propheten verfolgt. Ihr seid das Salz der Erde …
(Matthäus-Evangelium 5,10-13)

 

In vieler Hinsicht ist das Christentum eine Gegenkultur zur weltlichen Kultur, die uns alltäglich umgibt. Himmelreich an Stelle von egoistischen Individualismus, und Erbarmen anstatt Spaßkultur.

 

Jesus. Punkt.

 

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Gerard van Honthorst [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… in Antiochia kam für die Jünger und Jüngerinnen zum ersten Mal die Bezeichnung »Christen« auf.

——-

(Bibel, Neues Testament, Apostelgeschichte, 11. Kapitel, Vers 26)

 

„Christus“ ist der Name, über den sich alle Christen definieren. Wenn man in der Bibel die Apostelgeschichte liest, bekommt man den Eindruck, dass die Bezeichnung „Christen“ ursprünglich eine Fremdbezeichnung durch Nicht-Christen gewesen ist. Offensichtlich erschien „Christen“ als ein passender Name für die Anhänger von Jesus aus Nazareth, mit dem sich dann auch innerhalb kurzer Zeit die Christen selbst identifiziert haben.

 

Wer dagegen leidet, weil er ein Christ ist, der braucht sich nicht zu schämen. Er soll Gott dafür danken, dass er zu Christus gehört und seinen Namen trägt.

(Neues Testament, 1. Brief von Petrus, 4,16)

 

Es ist interessant, dass sich nicht ein anderer Name durchgesetzt hat. Mann hätte die Anhänger von Jesus ja auch einfach Jesuaner oder Jesuiten  😉  nennen können. Aber offensichtlich stand das Bekenntnis  “ Jesus ist der  Christus “ (hebr. „Jeschua Ha-Maschiach“) im Vordergrund. Auch moderne Jesus-gläubige Juden nennen sich oft „messianische Juden“ und nicht „Jesuaner“ o.ä.

Was die ersten (jüdischen!) Christen von den anderen Juden unterschied, waren auch nicht ihre heiligen Texte (sie hatten ja dieselben Texte), sondern ihr Bekenntnis, dass Jesus aus Nazareth der in diesen alten Texten verheißene Messias Gottes ist. Die ersten Christen hätten niemals „Biblianer“ o.ä. genannt werden können, denn die Bibel gab es noch nicht. Erst im Laufe der Kirchengeschichte rückte die Bibel immer mehr ins Zentrum des christlichen Glaubens.

 

Als Bibel … bezeichnet man eine Schriftensammlung, die im Judentum und Christentum als Heilige Schrift mit normativem Anspruch für die ganze Religionsausübung gilt.

(Wikipedia)

[Interessant, dass der Verfasser des Wikipedia-Artikels hier offensichtlich keinen großen Unterschied in der Funktion der heiligen Texte bei Judentum und Christentum sieht.]

 

Im Zentrum des Glaubens der ersten Christen stand jedenfalls noch unangefochten der Mensch Jesus aus Nazareth, vom dem sie glaubten, dass er in einzigartiger Weise durch Gottes Geist befähigt und bevollmächtigt worden war, Gottes Plan der Erlösung auszuführen.

 

… im Namen von Jesus, dem Messias aus Nazaret, … In keinem anderen ist Rettung zu finden, denn unterm ganzen Himmel gibt es keinen vergleichbaren Namen. Nur dieser Name ist den Menschen gegeben worden. Durch ihn müssen wir gerettet werden.
(Apostelgeschichte 4,10-12)

 

Das Meiste aus dem Leben von Jesus kennen wir nicht. Erstaunlicherweise hat er uns auch selbst keinen einzigen Text hinterlassen.

Den einzigen Jesus, den wir kennen, ist der Jesus der frühchristlichen Überlieferung. In dieser Überlieferung hat die Wirkung, die von diesem Menschen ausging, eine schriftliche Gestalt gefunden. Und auf diese Wirkung, die Jesus hatte und immer noch hat, kommt es an.

 

 Jetzt lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir …

(Paulus‘ Brief an die Galater, 2,20)

 

Nur 4 (!) Texte über das Leben von Jesus sind in unserem neuen Testament enthalten. Die restlichen 23 Texte sind Texte aus dem Leben der frühen Christenheit. Dies mag auch damit zu tun haben, dass die ersten Christen überzeugt waren, dass Jesus auch nach seiner Himmelfahrt immer noch gegenwärtig ist, in der Gemeinschaft seiner Anhänger.

Das wäre doch ein einfaches Christentum, wenn einfach alle dazu gehörten, die Azubis bei Jesus sind; alle, die sich mit Jesus auf den Weg gemacht haben und einen Ausbildungsvertrag mit ihm eingegangen sind.

 

 

Jesus, höchster Name,
teurer Erlöser, siegreicher Herr.
Immanuel, Gott ist mit uns,
herrlicher Heiland, lebendiges Wort.

Er ist der Friedefürst und der allmächt’ge Gott,
Ratgeber wunderbar, ewiger Vater,
und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter,
und seines Friedensreichs wird kein Ende sein.

 

(Klassiker der Anbetungsmusik aus den 70er Jahren)

 

Hier noch einmal für die Ohren:  Jesus, höchster Name

Unterschiedliche Überzeugungen und Traditionen müssen uns als Christen nicht blockieren, trennen und Kraft kosten, sondern können uns helfen zu verstehen, wer wir als Menschen sind und wer Jesus war und ist.

Bereicherung durch die Perspektiven der anderen anstatt Begrenzung des eigenen Blicks. Freiheit des Denkens an Stelle eines Diktats der Tradition und Mehrheitsmeinung. Nicht menschliche Macher, sondern nur  ein  Chef:  Jesus.

Uns als Christen definieren über das, was uns verbindet, und nicht durch das, was uns trennt: Orthodoxie, liberales Christentum, Fundamentalismus, Katholizismus, Protestantismus, Methodismus, Baptismus, Biblizismus, …

Einfach Christen. Einfach Jesus.  Jesus einfach.

Punkt.

 

abgenutzte Liebe

 

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Graffito in Osttimor; Foto von Tatoli ba Kultura (Tatoli ba Kultura) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

… Liebe hört niemals auf …

(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth, 13, Kapitel, Vers 8)

 

Liebe. Wofür das Wort im Deutschen schon so alles herhalten musste; und in anderen Sprachen können wir Ähnliches finden. – Wir Menschen sind gar nicht so verschieden …

 

Liebesfähig zu werden ist das Ziel des Lebens.

(Dorothee Sölle)

 

Liebe. Das schönste Thema der Welt. – Wer könnte da was dagegen haben?

Ein riesiges Thema – wenn es um die Praxis geht.

Die Theorie scheint noch recht einfach. Wenn es heißt „Liebe deinen Nächsten!“, geht es natürlich nicht um Erotik, sondern um ein Wohlwollen, dass meine Einstellung und mein Verhalten bestimmt. Wohlwollen gegenüber mir selbst und meinen Mitmenschen. So soll ich sein – so soll ich handeln.

 

… Liebe deinen Nächsten als dich selbst …

(Neues Testament, Markus-Evangelium 12,31)

 

Hier scheint es allerdings um mehr zu gehen, als nur um eine moralische Aufforderung. „Lieben als mich selbst“ beinhaltet auch eine entsprechende Wahrnehmung: Ich erkenne mich selbst als Mensch in dem anderen, und verstehe, dass  sein  Wohlergehen auch das meine ist.

Aber wie geht das praktisch? Kann man dazu überhaupt etwas Allgemeines sagen oder ist das rein subjektiv und individuell und funktioniert bei jedem anders? Kann man Liebe erklären oder kann man Liebe nur praktisch von Menschen lernen, die lieben?

In der Bibel steht eine ganze Menge zu dem Thema. Zum Beispiel im Neuen Testament im sogenannten 1. Johannesbrief. Der Verfasser lässt sich sogar zu der Aussage hinreißen:

 

… Gott ist Liebe.

(1. Johannesbrief 4,8)

 

In der jüdisch-christlichen Tradition (und bei Religionen im Allgemeinen) spielt auch der Begriff „heilig“ und „Heiligung“ eine wichtige Rolle. Wenn das stimmt, was im Johannesbrief über Gott und die Liebe steht, bedeutet Heiligung dann vielleicht, Lieben zu lernen?

Es gibt christliche Traditionen, wo Heiligung aufs Moralische reduziert zu sein scheint: Was man machen darf und was nicht. Bei Liebe geht es um viel mehr. Was macht mich fähig zu lieben und wie lerne ich, besser zu lieben? Es geht nicht um eine Checkliste, sondern um die Frage, wer ich bin. Liebe ist auch in christlichen Kreisen weder eine Selbstverständlichkeit noch eine Nebensächlichkeit der göttlichen Heilsgeschichte. Liebe ist, worum es geht!

 

Wenn ich in allen Sprachen der Welt, ja, mit Engelszungen reden kann, aber ich habe keine Liebe, so bin ich nur wie eine dröhnende Pauke oder ein lärmendes Tamburin. Wenn ich in Gottes Auftrag prophetisch reden kann, alle Geheimnisse Gottes weiß, seine Gedanken erkennen kann und einen Glauben habe, der Berge versetzt, aber ich habe keine Liebe, so bin ich nichts. Selbst wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenke und für meinen Glauben das Leben opfere, aber ich habe keine Liebe, dann nützt es mir gar nichts.

Liebe ist geduldig und freundlich. Sie ist nicht verbissen, sie prahlt nicht und schaut nicht auf andere herab. Liebe verletzt nicht den Anstand und sucht nicht den eigenen Vorteil, sie lässt sich nicht reizen und ist nicht nachtragend. Sie freut sich nicht am Unrecht, sondern freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Liebe ist immer bereit zu verzeihen, stets vertraut sie, sie verliert nie die Hoffnung und hält durch bis zum Ende.
Die Liebe wird niemals vergehen. … Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Liebe aber ist das Größte.

(Ein biblischer Standardtext zur Liebe: Paulus‘ erster Brief an die Korinther, 13. Kapitel)

 

Dass es viele biblische Verse zur Liebe gibt, lässt vermuten, dass man lernen kann, Liebe zu denken. Und wenn man viel Liebe sieht, hört, liest und Liebe im Kopf hat, dann kommt hoffentlich auch irgendwann mal etwas bei Händen und Füßen und im Herzen an und mein Mund fließt davon über. Ein Herz voll Liebe formt eine Sprache der Liebe.

Eine Sprache lernt man am besten von einem Muttersprachler, mit dem man sich unterhalten und dessen Sprache man sich von ihm erklären lassen kann. Liebe kann man gut von einem Menschen lernen, den man liebt und von dem man geliebt wird. Und man kann es gut lernen, wenn man mit einem Arschloch zu tun hat. Liebe ist ein Muskel, den man trainieren kann.

Können Menschen lieben, die selbst noch nicht so viel Liebe erfahren haben? Besonders in der Kindheit?

Ich finde das Wort „beziehungsunfähig“ ganz schlimm. Es gibt sicherlich Menschen, die sich sehr schwer tun mit einer festen Partnerschaft. Aber es gibt ja sehr viele Formen menschlichen Kontakts und menschlicher Beziehung und nicht nur die Lebenspartnerschaft. Mit jedem Blick und jedem Wort bin ich in einer Beziehung zu einem anderen Menschen. Man muss schon mindestens schwerstbehindert sein, um beziehungsunfähig zu sein. (Und ich habe selbst bei Schwerstbehinderten Schwierigkeiten, mir einen beziehungsunfähigen Menschen vorzustellen.)

Sollten unsere Bibelstunden und Gottesdienste vielleicht mehr aussehen wie Workshops und Gruppentherapie-Sitzungen, wo wir Raum haben, Liebe zu lernen und über die Schwierigkeiten dabei zu sprechen? Beschäftigen wir uns lieber mit Sachfragen als Menschlichkeit zu riskieren? – Open the can of worms …  – Glauben wir wirklich, dass Liebe stärker ist?

Wie lernt man gemeinsam zu lieben? Die Gegenwart des Anderen zu genießen. Einander zu ertragen. Gemeinsam neue Kraft zu schöpfen. Den anderen zu stützen. Sich an einander zu freuen. Sich tief und unbefangen in die Augen zu schauen. Einander in den Arm zu nehmen und auch wahrzunehmen, wenn der andere sich dabei nicht wohlfühlt. Etwas riskieren und darunter zu leiden, wenn es schief geht. Sich entschuldigen. Vergeben und Vergebung annehmen. Zuhören und sich das Herz ausschütten. Helfen und sich helfen lassen. Sich einladen lassen und selbst Gastgeber sein.

Wer lernen möchte, besser zu lieben, hat da unendlich viel Möglichkeiten. 7 Milliarden Menschen. Und noch ganz viele Tiere und Pflanzen. Familie. Verwandte. Nachbarn. Kollegen. Alltägliche Begegnungen. Kinder. Altenheime. Kranke. Selbsthilfegruppen. Bücher. Internet …

Zum Beispiel 8 Tipps zur Achtsamkeit im Alltag:  https://dfme-achtsamkeit.de/8-tipps-achtsamkeit-alltag/

Übrigens, viele Tipps, die für Partnerschaften gegeben werden, funktionieren auch im Umgang mit Singles ganz gut.

Hier noch was fürs Ohr und Auge:

Love is All

Wie wunderbar!

Wir sind Wesen, die lieben können. Jeden Tag. – Herrlich …  🙂

 

Integrales Christentum

 

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Ken Wilber; Foto von Kanzeon Zen Center ([1]) [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Kirchentag auf dem Weg in Leipzig

Im letzten Jahr war ich als Pressevertreter für das Online-Magazin „theologiestudierende.de“ auf dem „Kirchentag auf dem Weg“ in Leipzig. Dort veranstaltete das „Forum für Gemeinschaft und Theologie“ eine Podiumsdiskussion, an der u.a. Marion Küstenmacher teilnahm (ecclesia semper reformanda).

Marion Küstenmacher erzählte wie sie und ihr Mann, Werner Tiki Küstenmacher, die Integrale Theorie kennenlernten und deren Bedeutung für die Religionen und das Christentum erkannten. Sie rechneten damit, dass sich die Universitäts-Theologie des Themas annehmen würde, aber nichts passierte. So taten sie sich mit Tilmann Haberer zusammen und schrieben selbst ein Buch: „Gott 9.0″.

 

Gott 9.0

Nicht gerade ein typischer Titel für ein theologisches oder christliches Buch. Untertitel: „Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird.“

Inspiriert von der Veranstaltung in Leipzig kauft ich mir gleich das Buch und begann zu lesen. Vieles, was ich schon in den Jahren davor bruchstückhaft kennengelernt hatte und wonach ich mich sehnte, wurde durch die Integrale Theorie zu einem in sich stimmigen Ganzen. – Ich war begeistert.

 

Die Integrale Theorie

Bekanntestes Gesicht der Integralen Theorie dürfte Ken Wilber sein. Dies ist auch kein Zufall, denn Wilber hat die Theorie entwickelt. Dabei baute er auf den Arbeiten von Jean Gebser, Sri Aurobindo, Habermas, Schelling, Hegel, u.a. auf.

 

Spiral Dynamics

Wilber hat u.a. auch das psychosoziale Entwicklungsmodell „Spiral Dynamics“ integriert, welches auf den Arbeiten von Clare Graves beruht. Dessen Schüler Cowan und Beck bauten auf seinen Arbeiten auf und schrieben das Buch „Spiral Dynamics“. Unter demselben Namen wird die entsprechende Theorie auch kommerziell vermarktet. Becks Arbeiten bekamen in den 80er Jahren auch geopolitische Bedeutung, als er mit der südafrikan. Regierung und Nelson Mandela am Friedensprozess in Südafrika mitarbeitete.

 

Integrales Christentum

Das Buch „Gott 9.0“ erschien 2010. Im Juli diesen Jahres soll dann ein auf Gott 9.0 aufbauendes, weiteres Buch von Marion Küstenmacher (ebenfalls beim Gütersloher-Verlagshaus) erscheinen: Integrales Christentum.

Ein ähnliches Buch auf Englisch existiert schon längst: „Integral Christianity“ von Paul Smith. Kein Wunder, kommt die ganze Integrale Theorie ja auch aus den USA. Dort gibt es auch schon seit einiger Zeit integrale Gemeinden. So, z.B., in St. Petersburg, Florida und Kansas City, Kansas. Unter der Pastorenschaft von Paul Smith wurde die Broadway Church (Southern Baptist!) in Kansas City zu einer integralen Gemeinde. Dies allein zeigt schon das enorme Potential des integralen Christentums.

Ähnliche Formen des Christentums gibt es auch schon seit einiger Zeit in Indien. Aufgrund der religiösen Situation und Geschichte in Indien auch nicht verwunderlich. So war ja auch die ökumenische Bewegung in Indien ein bisschen schneller als im Rest der Welt.

Da die Integrale Theorie über religiöse Traditionen hinausgeht bzw. diese miteinschließt, existiert auch Integrales Judentum, und auch die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit eines integralen Islam wird diskutiert.

 

Deutschland

Leider scheint Integrales Christentum noch nicht so richtig im deutschen Sprachraum angekommen zu sein. Die Integrale Theorie, hingegen, ist auch in Deutschland längst durchaus präsent und hat auch eine spirituelle Dimension. Dies zeigt leider mal wieder, wie verstaubt real-existierendes Christentum oft ist und wie es gesellschaftlichen Entwicklungen  leider oft hinterherläuft anstatt selbst visionär und kreativ zu sein.

Es gibt allerdings Hoffnung, wie nicht nur die Bücher von Marion Küstenmacher und die anderen aus dem Amerikanischen übersetzten Bücher zeigen. Es existiert schon seit einiger Zeit eine Facebook-Gruppe „Gott 9.0“ und auch ein Blog zum Thema: „Integrales Christsein“.

 

Einladung

Integrales Christentum ist keine kurzlebige Modeerscheinung. Wie Richard Rohr (kein Unbekannter in der progressiven christlichen Szene) im Vorwort zu Gott 9.0 schreibt, reichen die Wurzeln bis tief in die Geschichte und Anfänge des Christentums. Laut Rohr herrscht über die Stufen menschlicher Entwicklung und spirituellen Wachstums „ein ruhiger, klarer Konsens“ (Gott 9.0, S.8).

Integrales Christentum ist eine Einladung. Es ist ein Werben für ein erneuertes Christentum im Geiste Jesu, für alle, die von alten christlichen Traditionen nicht mehr satt werden und die es hinzieht zum Wirken Gottes im Hier-und-Jetzt in unserer Zeit.

An alle, die es zum Integralen Christentum hinzieht, eine herzliche Einladung: Bitte vernetzt euch mit mir und lasst uns gemeinsam Teil sein des Wirkens Gottes in unserer Zeit!

 

Lasst endlich die Kinder zu IHM kommen!

 

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Spielende Kinder, römisches Relief, 2. Jh. nach Chr.; Louvre [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Da sagte Jesus: »Lasst doch die Kinder! Hindert sie nicht, zu mir zu kommen; denn für Menschen wie sie steht Gottes neue Welt offen.« Dann legte er den Kindern segnend die Hände auf …
(Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 19.Kapitel, Verse 14-15)

 

Ein beliebter Bibelvers. Viel wurde schon gesagt und geschrieben.

Es wird theologisch dogmatisiert und diskutiert über Kindertaufe, Kinder-Evangelisation, Religionsunterricht für Kinder, … – Das Thema geht uns aber noch viel tiefer und ganz persönlich an. Das Himmelreich beginnt bei mir: in meinem Herzen, meinem Alltag, meiner Familie, …

Eltern kennen das: Wir können uns den Mund fusselig reden … – doch Kinder machen oft nicht das, was wir sagen. Aber das Leben, das wir ihnen vorleben, bleibt in ihnen für den Rest ihres Lebens.

Eine rauchende Mutter mag ihrem Kind den guten Rat geben: „Fang bloß nicht an zu rauchen …“ – Aber Kinder scheinen sich mehr an dem zu orientieren, was wir vorleben, als an dem, was wir sagen.

Manche von uns haben viel Bibelwissen und können mitreden. Manche haben schon eine lange Geschichte als Christen und tragen mit sich viel liebgewordene christliche Tradition. Wir bringen das auch unseren Kindern bei: Glaubensbekenntnis, Katechismus, Christenlehre, Familienandachten, … – Christentum im Kopf und ein leeres Herz. In den Kirchen und Gemeinden sind wir engagiert und nett und zuhause geht die Familie den Bach runter …

 

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Heuchler! Ihr versperrt anderen den Zugang zu Gottes himmlischem Reich. Denn ihr selbst geht nicht hinein, und die hineinwollen, hindert ihr auch noch daran.

(Matthäus-Evangelium 23,13)

 

Wir sind alle bedürftig. Es gibt so viel Mangel und Not …

Kinder sind klein und schwach und abhängig.

Wenn Jesus unser Leben ist, wenn ER uns lebt, dann können auch unsere Kinder zu ihm kommen. Sie werden mit hinein genommen in das göttliche Leben, das aus uns ausfließt.

 

Wer an mich glaubt, wird erfahren, was die Heilige Schrift sagt: Von seinem Inneren wird Leben spendendes Wasser ausgehen wie ein starker Strom.

(Johannes-Evangelium 7,38)

 

Heiligung. Gott macht unsere Seele gesund und „heilt all unsere Gebrechen“. Er ist der gute Hirte, der uns mit allem versorgt. Bei ihm ist kein Mangel. Wenn wir unser Altes loslassen, macht er alles neu.

Er fügt uns ein in die Gemeinschaft der Heiligen. Eine Generation aus Königen und Priestern. Wie  ein  Organismus wirken alle zusammen. Was einer nicht kann, kann der andere. Gott schenkt Befähigung, so wie es der Organismus braucht; und alle wachsen gemeinsam und zusammen der Ganzheit entgegen. Gott ist Liebe.

Christus in uns – die Hoffnung der Herrlichkeit. Immer wieder suchen wir seinen Frieden, und er wird uns geschenkt, in einer Weise, die wir nicht verstehen. Gottes Wirken erfasst uns und führt uns mit sich im Strom des Lebens.

Er macht unser Leben hell und führt uns auf einem guten Weg. Er gießt seine Liebe in unsere Herzen …

Wir sind das Licht der Welt. Unsere Kinder finden Sicherheit und Orientierung in dem Licht, das von uns ausgeht. Unsere Liebe wärmt ihre Seelen.

 

 Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.

(Lukas-Evangelium 18,17)

 

Lasst doch endlich die Kinder zu ihm kommen …