„Hungrige Missionierende“ (10.Teil): 1. Ansatzpunkt: Die individuelle religiöse Erfahrung von Christus ernst nehmen

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Religionen, von Neitram via Wkimedia Commons – public domain

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Die nächsten Schritte

Ich will nun versuchen zu skizzieren, was die nächsten Schritte sein könnten. Bestimmt gibt es auch sinnvolle Ansätze, an die ich nicht gedacht habe. Benutzt also gerne die Kommentar-Funktion und lasst eurer Fantasie freien Lauf…  😉

 

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Segensgestus auf einer Christus-Ikone (14. Jahrhundert) via Wikimedia Commons, public domain

 

1. Ansatzpunkt: Die individuelle religiöse Erfahrung von Christus ernst nehmen

Bei dieser Überschrift werden bei einigen Traditionsliebhabern wahrscheinlich die Alarmglocken läuten. Manche Christen werden bei Begriffen wie „Liebe“, „Freiheit“, „Heiliger Geist“, „Spiritualität“, u. Ä. nervös, und sicherlich haben viele von uns schon negative Erfahrungen mit bestimmten christlichen Individualisten gemacht, die gerne ihren Stil leben wollen, sich nicht gut in die Gemeinschaft einfügen und sich nichts sagen lassen. – Am Umgang mit solchen Typen wird so einiges deutlich von christlicher Freiheit und der Qualität christlicher Gemeinschaft.

 

„Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf.“

.
(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 10,23 – Neues Testament)

 

Als soziale Wesen bedeutet Leben für uns immer individuelles und kollektives Leben zugleich – so auch beim geistlichen Leben. Kein Baby überlebt, wenn nicht andere Menschen da sind, die sich um es kümmern. Im Johannes-Evangelium wird das Entstehen geistlichen Lebens („ins Reich Gottes kommen“) mit der Geburt eines Kindes verglichen. Gut, wenn auch dann eine Gemeinschaft da ist, die sich um zartes geistliches Leben kümmert.

 

„Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

.
(Jesus im Johannes-Evangelium 3,3 – Neues Testament)

 

Die authentische, subjektive religiöse Erfahrung des Einzelnen ist der Ausgangspunkt für geistliche Gemeinschaft. Geistliche Gemeinschaft ist die Gemeinschaft von Menschen, welche eine solche Erfahrung gemacht haben. Eine „geistliche Geburt“ ist Teil der persönlichen Biografie. Diese Erfahrungen und Biografien gilt es angemessen zu würdigen und Menschen in ihrer spirituellen Entfaltung zu begleiten und Verbindendes aufzuspüren.

Religiöse Gruppen haben oft einen Hang zum Konservativen, und die Bedürfnisse des Einzelnen kommen da manchmal gegenüber den Interessen der Gruppe und der Tradition zu kurz. Dabei ist es doch der Einzelne, der erlöst und neu geboren wird. Christliche Gemeinschaft besteht doch gerade aus Menschen, welche solch eine individuelle Erfahrung gemacht haben und machen.

 

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Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher – via Wikimedia Commons

 

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher

Schleiermacher (1786-1834) ist in diesem Zusammenhang sicherlich immer noch einer, der maßgeblichen Theologen:

 

„Schleiermacher hatte einen klaren Blick für die Selbständigkeit der Religion, er bekräftigte die Bedeutung des religiösen Erlebens des einzelnen Glaubenden und leitete damit eine entscheidende Wende ein.“

.
(Lauster, Die Verzauberung der Welt)

 

In Wissenschaft und Theologie ist in den vergangenen 200 Jahren viel passiert. In der Breite der real-existierenden Christenheit, in kirchlicher Praxis und persönlicher Frömmigkeit sind wir allerdings kaum weiter als vor 200 Jahren. Es ist höchste Zeit, dass wir eine (selbst-)kritische Bestandsaufnahme machen und den Mut haben für einen weiten Blick auf unseren christlichen Glauben.

 

 

 

Gedeutete Erfahrung

Erfahrung ist immer gedeutete Erfahrung. Unsere Biografie und unsere Kultur stellen uns Deutungsmuster zur Verfügung. Die religiöse Erfahrung selbst ist nicht mangelhaft, die Deutung der religiösen Erfahrung kann dies allerdings schon sein.

Erst die Verbindung zur christlichen Tradition (Kollektiv) macht eine Erfahrung zu einer „christlichen“ Erfahrung, und die Deutung unserer Erfahrungen mag sich im Laufe unseres Lebens auch verändern. Im ersten Teil unserer Bibeln können wir beobachten, wie das jüdische Volk im Lauf ihrer Geschichte immer wieder erwogen hat, welche Bedeutung ihre Tradition (die Erfahrungen der Ahnen) für ihr gegenwärtiges Leben hat.

 

„Höre, mein Volk; lass dich warnen, Israel! – Wenn du doch auf mich hören würdest!

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben, wie sie bei fremden Völkern verehrt werden – bete solche Götzen nicht an!

Denn ich bin der HERR, dein Gott, ich habe dich aus Ägypten herausgebracht. Von mir sollst du alles erwarten, und ich werde dir geben, was du brauchst!“

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(81. Psalm, Verse 9-11 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

Individuelle religiöse Erfahrungen haben ihren eigenständigen Wert, auch wenn die „kollektive Verwertbarkeit“ in der christlichen Gemeinschaft nicht immer erkennbar ist.

Wenn es in der jüdisch-christlichen Überlieferung etwas gibt, das zeitlos bestand hat und für jeden Menschen aller Zeiten, Kulturen und Sprachen (also auch für die Menschen bei uns auf der Straße) von Bedeutung ist, dann muss auch jede echte religiöse Gotteserfahrung – logischerweise – mit diesen zeitlosen Werten Überschneidungen haben. Diese Überschneidungen gilt es jeweils aufzuspüren und zu integrieren, um Kontinuität und Zukunftstauglichkeit einer lebendigen religiösen Kultur zu gewährleisten.

 

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„Lasst doch die Kinder zu mir kommen, und hindert sie nicht daran! Gottes Reich ist ja gerade für solche wie sie bestimmt.“ (Markus 10,14) – Gemälde von Carl Heinrich Bloch, 19. Jahrhundert, via Wikimedia Commons – Public domain

 

Jesus und die Kinder

Komplizierter wird es durch die Kinder, welche in die christliche Gemeinschaft hineinwachsen. Sie lernen christliche Inhalte und Werte kennen, ohne dass sie notwendigerweise ein tiefgreifendes religiöses Erlebnis im Sinne von Joh 3 haben. In christlichen Traditionslinien ist dieses Problem unterschiedlich gelöst worden. Die Praxis der Konfirmation scheint mir dabei allerdings keine optimale Lösung zu sein.

 

„Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.“

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(Jesus im Lukas-Evangelium 18,17 – Neues Testament)

 

Die Frage, ob es eine „christliche Sozialisation“ im Geiste Jesu überhaupt gibt bzw. was das denn genau sein soll, trifft das Herz des Christentums. Sie hat grundlegende Bedeutung für die Geschichte und Gegenwart der Christenheit und hat mit wichtigen Begriffen der Theologie und Praxis zu tun (z.B. „Taufe“).

 

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Der Apostel Paulus. Ein Gemälde von Bartolomeo Montagna, via Wikimedia Commons. – Unwahrscheinlich, dass Paulus eine Bibel auf dem Arm gehabt hat.  😉  – Public domain

 

Paulus – ein hungriger Missionierender

Die Briefe von Paulus gehören wahrscheinlich zu den ältesten erhaltenen christlichen Texten und geben uns tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Missionierenden. Obgleich wir bei Paulus kaum Details aus dem Leben Jesu finden, ist die Nähe des Jesus, von dem die Evangelien erzählen, auch bei Paulus greifbar.

Wir sehen in seinen Briefen auch die große Bedeutung, welche seine persönlichen mystischen Erfahrungen des Christus für seine Mission gespielt haben, und wir können erkennen, welch große Bedeutung er dem Wirken des Geistes Gottes im Leben des Einzelnen beigemessen hat (z.B. Röm 7-8, Gal 5).

 

„Paulus, Apostel, berufen nicht von Menschen oder durch menschliche Vermittlung, sondern unmittelbar von Jesus Christus…

Das Evangelium, das ich verkünde, ist nicht menschlichen Ursprungs. Ich habe diese Botschaft ja auch nicht von einem Menschen empfangen und wurde auch nicht von einem Menschen darin unterwiesen; nein, Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart…

…dann hat Gott beschlossen, mir seinen Sohn zu offenbaren…

Als er mir nun seinen Sohn offenbarte – mir ganz persönlich – , gab er mir den Auftrag, die gute Nachricht von Jesus Christus unter den nichtjüdischen Völkern zu verkünden…“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien, 1. Kapitel – Neues Testament)

 

Mein Eindruck ist, dass wir heutzutage weitgehend eine bessere Balance zwischen der Übermacht der Traditionsgemeinschaft (2000 Jahre Christentum in einer Vielfalt von Traditionslinien) und dem religiösen Erleben und der Lebenserfahrung des Einzelnen brauchen.

Manche Menschen neigen dazu, sich der Mehrheitsmeinung anzupassen. Dies ist nicht immer gut. Auch in der „Heiligen allgemeinen Kirche“ und der “Gemeinschaft der Heiligen” gibt es stinknormale gruppendynamische Prozesse.

 

„Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen.

Was will ich damit sagen?

Lasst den Geist Gottes euer Verhalten bestimmen, dann werdet ihr nicht mehr den Begierden eurer eigenen Natur nachgeben.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 5,15-16)

 

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Jesus und die samaritanische Frau am Brunnen, Johannes-Evangelium 4. Kapitel; Gemälde von Henryk Siemiradzki via Wikimedia Commons – Public domain

 

Jesus und Du

In den Erzählungen über Jesus lesen wir, wie er einzelnen Menschen besondere Aufmerksamkeit schenkte und sich Ausgegrenzten zuwendete. – Die Beachtung des Einzelnen mit seinen Bedürfnissen und Nöten, mit seiner persönlichen Biografie und seinen Lebensumständen ist beste jüdische und jesuanische Tradition.

 

„Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt:

‚Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer,‘ [Hosea 6,6]

dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt.“

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(Jesus im Matthäus-Evangelium 12,7)

 

Mitgefühl und Barmherzigkeit sind grundlegende Begriffe nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Religionen. Empathie ist auch nicht nur eine menschliche Fähigkeit.

 

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Bonobo, Foto von Kabir via Wikimedia Commons – CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

 

„Grau ist alle Theorie…“

Die theoretische Beschäftigung mit der Überlieferung von Jesus ist nicht der einzig mögliche Zugang zum christlichen Glauben. Man kann auch einfach das, was man über diesen Mann lernen kann, als Einzelner und in christlicher Gemeinschaft praktisch ausprobieren.

Ein Christ, der sich nicht real in seinem alltäglichen Leben auf den Weg Jesu begibt und die Lehre von Jesus selbst ausprobiert, ist ein toter Christ. Es gibt kein lebendiges Christsein, das sich nur im Kopf abspielt.

„Darum gleicht jeder, der meine Worte hört und danach handelt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut…“

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(Jesus im Matthäus-Evangelium 7,24)

 

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Kampf auf der Karriereleiter: Plastik von Peter Lenk an der Invesitionsbank, Bundesallee 210, Berlin; von Bukk [Public domain], from Wikimedia Commons

Geistliche Armut – individuell und kollektiv

Auch wenn Christen vom „erfüllten Leben“ durch Jesus sprechen, fühlt man sich auch als Christ manchmal leer und hofft auf Erbauung durch die Gemeinschaft mit anderen Christen. Anstatt dem Mangel Aufmerksamkeit zu schenken und Gründe zu erforschen, wird leider häufig oberflächlich darüber hinweggegangen.

Ich habe in Gemeinden und Kirchen auch manchmal den Eindruck bekommen, dass das Interesse an „erfolgreichen“ Veranstaltungen und soliden Finanzen größer war, als das Interesse an der Seele des einzelnen Menschen.

 

„Du sagst:

‚Ich bin reich und habe alles im Überfluss, es fehlt mir an nichts‘,

und dabei merkst du nicht, in was für einem jämmerlichen und erbärmlichen Zustand du bist – arm, blind und nackt.“

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(Offenbarung 3,17 – Neues Testament)

 

Natürlich kann das Interesse am Einzelnen auch übergriffig werden und zu geistlichem Missbrauch führen, aber Gefahren sind immer die Begleiterscheinung von Freiheit. Wo Menschen frei sind, können sie diese Freiheit auch missbrauchen oder einfach Fehler machen. Eine grundsätzlich gesunde Kultur des Umgangs mit einander ist da ein guter Schutz.

Wenn wir den erlebten geistlichen Mangel transparent machen würden und offen damit umgingen, als Einzelne und als Gruppen, dann wäre dies schon der erste Schritt in die richtige Richtung. Das Um-denken im Wahrnehmen des Mangels könnte zur Quelle von Leben werden. Stattdessen wird leider häufig die Not überspielt und man will sich lieber an scheinbar „christlichen“ Aktivitäten erfreuen. Die Musik spielt, während die Seele lautlos schreit…

 

„Wenn jemand an mich glaubt, werden aus seinem Inneren, wie es in der Schrift heißt, Ströme von lebendigem Wasser fließen.“

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(Johannes-Evangelium 7,38)

 

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Big Spring (Missouri, USA), Foto von Kbh3rd, via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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„Hungrige Missionierende“ (8. Teil): Gemischte Gefühle, Kreuzweg und tragende Kraft

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Simon von Cyrene, Lebendiger Kreuzweg, Ulm, Karfreitag 2011, von Unterillertaler (Own work) via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Gemischte Gefühle, Kreuzweg und tragende Kraft

Gemischte Gefühle scheinen eine regelmäßige Begleiterscheinung des Lebens zu sein – auch bei Christen. Freude und Dankbarkeit für überströmenden Segen und Ungeduld mit der Verwirklichung nötiger Veränderungen können dicht beieinander liegen. Wir erleben Segen und Mangel zugleich.

Diese gemischten Gefühle transparent zu machen, erscheint mir wesentlich für eine gesunde Mission: Wissen und Unkenntnis, Glaube und Zweifel, Schuld und Gnade, Freude und Leid, Klarheit und Unsicherheit, Vollmacht und Schwachheit, Befähigung und Unfähigkeit, Fehler und Vergebung, Traurigkeit und Selbstmitgefühl,…

 

„Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendwelche Gewalten, weder Hohes noch Tiefes oder sonst irgendetwas auf der Welt können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, schenkt.“
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(Paulus im Brief an die Christen in Rom 8,38-39)

 

Es sind auch nicht nur die Fülle des Segens und Dankbarkeit, welche uns antreiben, sondern auch das Wahrnehmen des Mangels. “Die Liebe Christi drängt uns…” (2.Kor.5,14). Innere und äußere Not werden durch Hoffnung und Liebe zu Motivation. -Auch Barmherzigkeit ist ein grundlegender Wert jüdisch-christlicher Tradition.

In einem Leben im Geist Jesu kann eine Kraft erfahren werden, die über die unzulänglichen Möglichkeiten unseres kleinen Lebens hinausgeht. Wir bleiben Begnadete und Empfangende.

 

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Feldkreuz Hochtannbergpass, Foto von böhringer friedrich, via Wikimedia Commons – CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

 

Die Aneignung des Weges und Wesens Jesu ist ein lebenslanges Ringen, ein Kreuzesweg, ein ständiges Sterben und Auferstehen, ein Reifungsprozess. Nimmt man sein Kreuz auf sich, erlebt man die Kraft, es zu tragen. Das Kreuz ist somit nicht nur Symbol eines historischen Ereignisses, sondern Symbol eines Lebensstils und einer Gegenkultur zur Welt: Christenheit als begnadete Gemeinschaft der Liebenden, unterm Kreuz und vor dem leeren Grab, die ihr altes Leben loslassen und Kraft aus der Höhe empfangen.

Wenn wir mit unseren eigenen Möglichkeiten ans Ende kommen, ist Gott noch lange nicht am Ende. In Schwachheit, Ohnmacht, Scheitern und Leiden erfahren wir Sterben und Auferstehung als Lebensstil (2.Kor. 6,8-10; Gal. 2,20).

 

„…Mein altes Leben ist mit Christus am Kreuz gestorben. Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!…“
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 2,19-20)

 

Die Fülle des Lebens kommt in unsere Welt durch den Tod, den Mangel an Leben, hindurch. Das Prinzip des Kreuzes und der Auferstehung: Leben aus dem Tod. Mission im Sinne Jesu ist Ausdruck von Erniedrigung und Erhöhung, von Scheitern und Wieder-aufgerichtet-werden. Im Sterben des Egos werden wir erfasst und emporgehoben von heiligem Geist.

Missionierende haben sich nicht selbst erfunden, sondern sind in Bewegung gesetzt worden von einem Moment, einer Kraft, welche weit über die eigenen Möglichkeiten hinaus geht. – Die lukanischen Texte, insbesondere die Apostelgeschichte, stellen dies eindrücklich dar. – Sie sind Träger eines Impulses und einer Überlieferung, welche sie empfangen haben und weitergeben. Es ist nicht unsere Macht, welche das Himmelreich aufrichtet, sondern Gottes Macht.

 

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Himmlische Kraft: Der Kapokbaum in Indien, Foto von Chrishibbard7  (Self-photographed) via Wikimedia Commons – Public domain

 

Aktives Vertrauen verwirklicht sich in Entscheidungen und Taten. Der Friede Gottes und seine Kraft wird erfahrbar im Ausgleich unseres Mangels. Lebensenergie, ewiges Leben, fließt durch mich hindurch in die Welt: Geistliches, erfülltes Leben nicht als Status, sondern als dynamischer Prozess. – Vielleicht ist es diese Erfahrung, die auch schon in dem alten Sprichwort zum Ausdruck kommt:

 

“Hilft dir selbst, dann hilft dir Gott!”

(Sprichwort)

 

Strömen oder Fließen ist ein wichtiges Motiv in der Kulturgeschichte der Menschheit. Der Mensch nährt sich am Busen der Natur, und zum Baby fließt die Milch aus der Brust der stillenden Mutter. Nehmen und Geben, Leben empfangen und weitergeben. In der jüdisch-christlichen Überlieferung kommt dies in besonderer Weise im Reden vom Heiligen Geist zum Ausdruck (Joh. 3).

Eine geheimnisvolle, heilige Macht, die durchs Leben trägt und den Menschen selbst zur Quelle von Leben macht (Joh. 7,38). Leben im göttlichen Flow. Stetigkeit und Beständigkeit im Wechselspiel von Mangel und Ausgleich (2.Kor. 6,8-10). Christen sind Dienende und Liebende mit gemischten Gefühlen, Scheiternde und Aufgerichtet-werdende, Tanzende im Ausgleich stärkerer Kräfte.

 

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Moderne Tänzer; Foto von Barry Goyette from San Luis Obispo, USA via Wikimedia Commons – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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„Hungrige Missionierende“ (6. Teil): Haben oder Sein?

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Petersplatz im Morgengrauen, mit Petersdom (Vatikan), Foto von Islandoftrees via Wikimedia Commons – CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Haben oder Sein?

Besitz als Statussymbol hat lange Tradition. Es kann ein teures Auto, die gestylte äußere Erscheinung oder persönliche Kompetenz sein, mit denen man oder frau versucht andere zu beeindrucken. – Macht und Ohnmacht liegen dabei oft dicht beieinander. – In einer Konsumgesellschaft fällt es uns schwer Mängel wahrzunehmen, welche sich nicht durch Konsum abstellen lassen.

Missionierung ist älter als das Christentum (Mt 23,15). Menschen ziehen durch die Welt, um andere für ihre Sache zu gewinnen – auch in unserer heutigen Zeit. Wer missioniert besitzt etwas: eine Idee, ein Produkt, eine Botschaft, usw., und die Beweggründe zum Missionieren sind unterschiedlich.

 

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Selbst geht ihr nicht hinein, und die, die hineingehen wollen, lasst ihr nicht hinein…
.
Ihr reist über Land und Meer, um auch nur einen einzigen Anhänger zu gewinnen, und wenn ihr einen gewonnen habt, macht ihr ihn zu einem Anwärter auf die Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr.
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Wehe euch, ihr verblendeten Führer!…Matthäus-Evangelium“
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(Matthäus-Evangelium 23,13-16)

 

Auch Christen missionieren, und auch bei Christen sind die Beweggründe unterschiedlich. Die Bergpredigt fordert uns auf, uns Schätze im Himmel zu sammeln (Mt 6,20). Christen sind Christen nicht wegen dem, was sie besitzen, sondern wegen dem, was sie sind: Sie sind Menschen, die von Jesus lernen, und ein lebendiges Zeugnis der Veränderung, die in ihrem Leben stattfindet.

Es gehört zu den Grundüberzeugungen des Christentums, dass Gott sich “am besten” nicht in Lehrsätzen oder in einem Buch, sondern in einem Menschen aus Fleisch und Blut offenbart. Das Wesen von Mission ist Ausdruck der Identität der Missionierenden. Als Missionierende sind wir lebendiges, authentisches Zeugnis dessen, was Jesus im Leben eines Menschen bedeuten kann.

 

Gott ist kein Schriftsteller

 

Wir können als Christen bezeugen, welche Erfahrungen wir selbst mit Jesus gemacht haben. Wir können jedoch nicht Zeugen sein von dem, was Christen früherer Generationen mit Jesus erlebt haben. Da können wir nur weitererzählen, was wir von anderen gehört oder gelesen haben. – Haben oder Sein?

Es geht bei Mission im Geiste Jesu kaum um die Informationen, die wir besitzen, sondern es geht darum, was für Menschen wir sind (Apg 19,13-15). Sind wir Menschen, die dem Auferstandenen begegnet sind (Gal 3,1; Mt 25,40)? …die Vergebung und Veränderung erfahren haben und aus Gnade leben? …die das Heilige berührt haben? …welche die Kraft eines guten Gewissens kennen (2 Kor 1,12)? …welche die Kräfte einer neuen Welt gespürt haben (Hebr 6,5)? …in denen der Geist Jesu weiterlebt (Röm 8,9)? …die noch Hungrige und Lernende sind?

 

“Jesus kenne ich und Paulus auch. Aber wer seid ihr?”

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(Apostelgeschichte 19,15 – Neues Testament)

 

Wer  bist  du ??

 

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„Sky Walker – Heaven of Dreams“ von Hartwig HKD via flickr (CC BY-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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Der Heilige Paulus, auch Rabbi Schaul genannt, und eine nicht mehr ganz so neue „New Perspective“

 

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Römische Straße bei Tarsus, Foto von Nedim Ardoğa via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

„… ich bin zusammen mit dem Messias gekreuzigt worden. Nicht mehr ich bin es, der jetzt lebt, nein, sondern der Messias lebt in mir. Und solange ich noch dieses irdische Leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.“
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien; Bibel; Neues Testament; 2. Kapitel, Verse 19-20)

 

Paulos von Tarsus (Tarsos)

„Paulus“ ist schon die latinisierte Version des griechischen Namens „Paulos“, welcher wiederum vom hebräischen Namen „Schaul“ (= Saul) abgeleitet bzw. an ihn angelehnt ist.

Paulus, der „Heidenapostel“, ist sicherlich der bedeutendste Christ, der je gelebt hat. Man denke nur an seine Bedeutung für die Reformation und den Protestantismus. Aber schon in der Antike hatten seine Missions-Aktivitäten und seine Texte gewaltige Bedeutung. Wer sich fürs Christentum interessiert, sollte sich unbedingt auch mit diesem antiken orientalischen Missionar und Bürger des Imperium Romanum mit jüdischer Abstammung beschäftigen.

Viele Themen würden in der christlichen Welt heutzutage anders diskutiert werden, wenn es nicht bestimmte Aussagen in Texten von Paulus gäbe: Homosexualität, Ehescheidung, Kindertaufe, Geistesgaben, Gemeindeleitung, Auferstehung, Gemeindedisziplin, Bibel-Inspiration, …  Schon allein deswegen ist das Verstehen, Missverstehen und Missbrauchen seiner Texte von so großer Bedeutung.

 

„Denn das steht unumstößlich fest, darauf dürfen wir vertrauen: Jesus Christus ist in diese Welt gekommen, um uns gottlose Menschen zu retten. Ich selbst bin der Schlimmste von ihnen.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,15)

 

Ein Mann mit einer Vergangenheit

Heute scheint immer mehr religiösen Menschen bewusst zu werden, wie wichtig die eigene Biografie ist für das, was man glaubt – oder auch nicht glaubt.

Paulus. Wer war dieser Mann? Wo und wie ist er aufgewachsen? Wie war seine Familie? Was hat ihn geprägt? Wie hat er Jesus kennengelernt? Wie ist er ein Anhänger und Botschafter für Jesus geworden?

 

„Was meinen früheren Lebensweg betrifft, so gibt es daran nichts, was nicht allen Juden bekannt wäre, habe ich doch von meiner Jugend an mitten unter meinem Volk in Jerusalem gelebt.
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Alle wissen – und können es, wenn sie nur wollen, jederzeit bezeugen – , dass ich damals der strengsten Richtung unserer Religion angehörte, derjenigen der Pharisäer, und ihren Regeln entsprechend gelebt habe.“
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(Paulus in der Apostelgeschichte; Neues Testament; 26,4-5)

 

Magst du Paulus?

Ich bin Paulus-Fan. Nicht, dass ich alles an ihm gut finde oder seine Texte als „Wort Gottes“ betrachte. Mich beeindruckt vor allem sein Engagement für Menschen und für die Sache Gottes. Sein Brief an Philemon ist einer meiner Lieblingstexte in der Bibel. Auch viele andere Paulus-Texte begleiten mich schon seit meiner Kindheit und sind mir wertvoll.

Magst du Paulus? Wie stehst du so rein emotional zu ihm? Würdest du mit ihm gerne mal ein Bier trinken gehen? Oder würdest du um den Super-Heiligen eher einen weiten Bogen machen? Oder hältst du ihn für einen komischen antiken Christen mit verstaubten Vorstellungen von Christsein und Gemeinde? Oder vielleicht sogar für einen Irrlehrer, der die wahre Botschaft Jesu verdreht hat?

Paulus war  nicht  einer von den Jüngern des Rabbis Jesus aus Galiläa gewesen, der mit Jesus durch die Gegend gezogen war. Er war kein Augenzeuge der Taten von Jesus oder Ohrenzeuge der Worte von Jesus. Er hatte sogar die Anhänger von Jesus gewaltsam verfolgt, und es gab damals so manchen Christen, der zu Paulus auf Distanz ging.

 

„Dann sagten sie zu Paulus:
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‚Du siehst, lieber Bruder, dass auch bei den Juden Tausende zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind, und alle halten sich weiterhin streng an das Gesetz des Mose.
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Über dich jedoch hat man ihnen erzählt, du würdest die Juden, die unter den anderen Völkern leben, samt und sonders zum Abfall von Mose auffordern, indem du lehrst, sie müssten ihre Söhne nicht mehr beschneiden lassen und müssten überhaupt nicht länger nach den Vorschriften des Gesetzes leben.
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Was können wir tun, um diesen Behauptungen entgegenzutreten? Schließlich werden unsere Geschwister hier mit Sicherheit erfahren, dass du nach Jerusalem gekommen bist.
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Unser Vorschlag ist, dass du Folgendes machst:
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Vier Männer aus unseren Reihen haben sich Gott mit einem Gelübde geweiht und sich dazu verpflichtet, eine Zeitlang keinen Wein zu trinken und sich das Haar nicht schneiden zu lassen. Sei ihnen dabei behilflich, indem du dich zusammen mit ihnen der vorgeschriebenen Reinigung unterziehst und alle anfallenden Kosten übernimmst, damit sie die Weihezeit ordnungsgemäß mit den erforderlichen Opfern und dem Abschneiden der Haare beenden können.
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Dann werden alle sehen, dass von dem, was ihnen über dich erzählt wurde, kein Wort wahr ist und dass auch du in Übereinstimmung mit dem Gesetz lebst und seine Vorschriften befolgst.'“

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(Apostelgeschichte 21,20-24)

 

Wenn du mit Paulus reden könntest, worüber würdest du reden? Würdest du ihn gerne was fragen? Was denn genau?

Wie wir persönlich zu diesem Mann stehen, hat dann auch damit zu tun, wie wir mit seinen Texten umgehen. Eine andere Sicht auf diesen Mann würde auch das Christentum verändern.

 

 

 

Die „Neue Perspektive auf Paulus“

Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel mit diesem Titel.

Seit den 60er Jahren wird die Frage diskutiert, ob man die Paulus-Texte nicht mit einer falschen theologischen Brille gelesen hat, indem man spätere theologische Fragestellungen in die Texte hinein gelesen hat.

E. P. Sanders versuchte die Texte im Zusammenhang der jüdischen Frömmigkeit des 1. Jahrhunderts zu verstehen. Gemäß James Dunn war es dann N. T. Wright der den Ausdruck „new perspective on Paul“ das erste Mal benutzte.

Die Diskussion darüber, wie wir Paulus am besten verstehen können, wird sicherlich noch lange andauern. Dies hat u.a. auch damit zu tun, in welchem Umfang die Bibelübersetzungen, die wir benutzen, von bestimmten theologischen Vorverständnissen und Annahmen beeinflusst sind, die eventuell korrigiert werden müssen.

 

„Einiges in seinen [Paulus] Briefen ist allerdings schwer zu verstehen, was dazu führt, dass die Unbelehrbaren und Ungefestigten es verdrehen.“

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(Zweiter Petrusbrief 3,16)

 

„Vom Saulus zum Paulus“

Es gibt kaum eine andere neutestamentliche Gestalt, bei der der Bruch so drastisch ist. Vom Verfolger zum Verfolgten. Hat das Schwert abgelegt und das Wort ergriffen. Freunde wurden zu Feinden, und Feinde zu Schwestern und Brüdern. Und sogar die unreinen Heiden wurden Teil der Familie.

 

„Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob ihr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen seid: In Christus seid ihr alle eins.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 3,28)

 

Einen  Bruch hat Paulus allerdings nicht vollzogen: Den Bruch mit dem Judentum.

So, wie die ersten Christen, verstand sich auch Paulus nicht als jemand, der sich vom Judentum verabschiedet hat, sondern er verstand sich als ein „wahrer Jude“.

 

„Auch die Beschneidung nützt euch [beschnittenen Juden] nur, wenn ihr das Gesetz befolgt. Wenn ihr es übertretet, steht ihr in Wahrheit den Unbeschnittenen gleich.

Wenn aber nun Unbeschnittene nach den Vorschriften des Gesetzes leben – werden sie dann nicht von Gott den Beschnittenen gleichgestellt? So kommt es dahin, dass Unbeschnittene einst über euch Juden das Urteil sprechen werden. Solche nämlich, die das Gesetz Gottes befolgen, während ihr es übertretet, obwohl ihr es schriftlich habt und beschnitten seid.

Beim Judesein geht es nicht um äußerliche Merkmale und bei der Beschneidung nicht um den äußeren, körperlichen Vollzug. Die wahren Juden sind die, die es innerlich sind, und die wahre Beschneidung ist die Beschneidung des Herzens, die nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes erfolgt, sondern durch den Geist Gottes.

Juden in diesem Sinn suchen nicht den Beifall der Menschen, aber sie werden bei Gott Anerkennung finden.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Rom 2,25-29)

 

Im Laufe der Kirchengeschichte distanzierten sich bald Menschen, die sich für Christen hielten, von Juden und vom Judentum. Der Gläubige sägte den Ast ab, auf dem er saß. Der eingepropfte Zweig riss sich selber aus. Man braucht sich nicht darüber zu wundern, dass mancher Christ seinen eigenen Glauben nicht mehr verstand und dem Namen nach „Christliches“ zur Unkenntlichkeit entstellt wurde.

Der jüdisch-christliche Dialog wird sicherlich auch eine Chance sein, unser Paulusbild und sogar unser Verständnis des christlichen Glaubens zu korrigieren, und im ökumenischen und inter-religiösen Dialog besser zu verstehen, worum es eigentlich geht.

 

Der Mystiker Paulus

In letzter Zeit wird auch einer Seite von Paulus noch mehr Beachtung geschenkt, die in all den theologischen Diskussionen seiner Texte bisher vernachlässigt worden ist:

Paulus war ein Mystiker.

 

„Auf dem Weg nach Damaskus – es war gegen Mittag, und wir hatten die Stadt schon fast erreicht – leuchtete plötzlich vom Himmel her ein Licht auf. Von allen Seiten umgab mich ein unbeschreiblich heller Glanz, sodass ich geblendet zu Boden stürzte. Dann hörte ich eine Stimme zu mir sagen:
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›Saul, Saul, warum verfolgst du mich?‹
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›Wer bist du, Herr?‹
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fragte ich, worauf die Stimme antwortete:
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›Ich bin der, den du verfolgst – Jesus von Nazaret.‹
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Meine Begleiter sahen zwar das Licht, verstanden aber nicht, was die Stimme sagte, die mit mir sprach.
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›Herr‹, sagte ich, ›was soll ich tun?‹
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›Steh auf und geh nach Damaskus!‹ antwortete der Herr. ›Dort wird dir genau gesagt werden, wozu du beauftragt bist und was du tun sollst.‹ …
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Später, als ich wieder in Jerusalem war und im Tempel betete, hatte ich eine Vision. Ich sah Jesus, und er sagte zu mir: ›Verlass Jerusalem, so schnell du kannst! Lass dich durch nichts aufhalten! Denn die Menschen hier werden nicht annehmen, was du ihnen als mein Zeuge über mich berichtest.‹
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›Aber Herr‹, wandte ich ein, ›gerade sie müssten mir doch Glauben schenken. Sie wissen ja, dass ich von einer Synagoge zur anderen ging, um die, die an dich glauben, gefangen nehmen und auspeitschen zu lassen. Und sie wissen auch, dass ich damals, als dein Zeuge Stephanus sein Leben ließ, voll und ganz mit seiner Hinrichtung einverstanden war. Ich stand nicht nur dabei, sondern bewachte die Kleider, die seine Gegner abgelegt hatten, um ihn zu steinigen.‹
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Aber Jesus erwiderte: ›Mach dich auf den Weg! Ich werde dich zu anderen Völkern in weit entfernten Ländern senden.‹“
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(Rede von Paulus in der Apostelgeschichte 22,6-21)

 

Der weite Blick

Heute, fast zwei Jahrtausende nach Paulus, haben wir die Möglichkeit, sein Leben in einem noch größeren Zusammenhang zu sehen. Einen brauchbaren theoretischen Rahmen dafür bietet z.B. die Integrale Theorie. Auf diese Weise kann man das Leben und die Frömmigkeit von Paulus in einem religions- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang betrachten und auch moderne entwicklungspsychologische Aspekte berücksichtigen. Anregungen dazu findet ihr z.B. hier.

 

„Reformation war gestern. Die Zukunft des Christentums gehört der Transformation.“

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(Marion Küstenmacher auf dem Cover ihres Buches „Integrales Christentum“)

 

Paulus, der Mystiker

 

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Der Apostel Paulus, Gemälde von Bartolomeo Montagna (1482), via Wikimedia Commons – public domain

 

„Paulus, Diener Jesu Christi, an die Gemeinde in Rom. Gott hat mich zum Apostel berufen und dazu bestimmt, seine Botschaft bekannt zu machen …“

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(Anfang von Paulus‘ Brief an die Christen in Rom; Bibel, Neues Testament; 1. Kapitel, Vers 1)

 

Ein sonderbarer Apostel – ein komischer Heiliger

Paulus war ein merkwürdiger Apostel – denn er war ja gar nicht einer von den Zwölfen und gehörte nicht zur Jesus-Community, als dieser als Wanderprediger durch Palästina gezogen war.

Kein Wunder, dass er seine Berufung und seinen Dienst als Apostel immer wieder verteidigen musste. (Noch dazu hatte er die Christen verfolgt, bevor er selbst zum Anhänger von Jesus wurde.)

Die ausführlichste Verteidigung seiner Autorität haben wir im zweiten Brief an die Christen in Korinth. Eine Gemeinde, mit der er eng verbunden war.

Die Verteidigung seiner Autorität findet ihren Höhepunkt in der Erwähnung einer mystischen Erfahrung:

 

„Ich bin – wie gesagt – gezwungen, mich selbst zu rühmen. Eigenlob nützt zwar nichts; trotzdem will ich nun noch auf Visionen und Offenbarungen vonseiten des Herrn zu sprechen kommen:

Ich kenne einen Menschen, der zu Christus gehört und der – es ist jetzt vierzehn Jahre her – bis in den dritten Himmel versetzt wurde. Ob er dabei in seinem Körper war, weiß ich nicht; ob er außerhalb seines Körpers war, weiß ich genauso wenig; Gott allein weiß es.

Auf jeden Fall weiß ich, dass der Betreffende ins Paradies versetzt wurde (ob in seinem Körper oder ohne seinen Körper, weiß ich – wie gesagt – nicht; nur Gott weiß es) und dass er dort geheimnisvolle Worte hörte, Worte, die auszusprechen einem Menschen nicht zusteht.

Im Hinblick auf diesen Menschen will ich mich rühmen; an mir selbst jedoch will ich nichts rühmen – nichts außer meinen Schwachheiten …

Jetzt hab ich mich wie ein Clown aufgeführt, und ihr habt mich dazu gezwungen!“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 12,1-11)

 

Der Mystiker Paulus

Dies ist nicht der einzige Paulus-Text mit einer mystischen Dimension. Schon die Ursache seiner radikalen Lebenswende war eine mystische Erfahrung gewesen (Apostelgeschichte 9). Und auch später in der Szene seiner Gefangennahme in Jerusalem erwähnt Paulus eine mystische Erfahrung (Apostelgeschichte 22,17-21).

 

„… ich bin durch das Urteil des Gesetzes dem Gesetz gegenüber gestorben, um von jetzt an für Gott zu leben. Ich bin mit Christus gekreuzigt.
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Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir. Und solange ich noch dieses irdische Leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.“
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 2,19-20)

 

Ein gekreuzigter Apostel

Paulus identifizierte sich mit Jesus. Nicht nur Jesus war am Kreuz hingerichtet worden, sondern er, Paulus, ist auch dort gestorben, und ist mit Jesus auferstanden in ein neues Leben.

In blindem religiösen Eifer hatte er das Volk Gottes verfolgt. Eine Erfahrung, die ihn tief prägte.

Nach seiner Bekehrung wurde er zum Bruder und Mitarbeiter derer, die er zuvor mit aller Schärfe verfolgt hatte. Dies war nur möglich, weil er als Bruder angenommen worden war. Er hatte Vergebung erfahren – von Gott und Menschen.

 

„… ausgerechnet mich, der ich ihn früher verhöhnt und seine Gemeinde mit äußerster Härte verfolgt hatte. Aber er hat sich über mich erbarmt, weil ich in meinem Unglauben nicht wusste, was ich tat.
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Geradezu überwältigend war die Gnade, die unser Herr mir erwiesen hat, und sie hat in mir einen Glauben und eine Liebe entstehen lassen, wie sie nur durch Jesus Christus möglich sind.
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Ja, Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um Sünder zu retten. Auf dieses Wort ist Verlass; es ist eine Botschaft, die vollstes Vertrauen verdient. Und einen größeren Sünder als mich gibt es nicht!
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Doch gerade deshalb hat sich Jesus Christus über mich erbarmt: An mir als dem größten aller Sünder wollte er zeigen, wie unbegreiflich groß seine Geduld ist; ich sollte ein ermutigendes Beispiel für alle sein, die sich ihm künftig im Glauben zuwenden, um das ewige Leben zu erhalten.“
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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,13-16)

 

Paulus als Schriftsteller

Fast die Hälfte der neutestamentlichen Texte werden Paulus zugeschrieben. Er ist mit Sicherheit der bedeutendste Christ, der jemals gelebt hat. Seinen Einfluss kann man kaum überschätzen. Man braucht nur an Martin Luther und die Reformation denken.

Auch in der Theologie-Geschichte hat er überragende Bedeutung. Römerbrief-Kommentare waren Meilensteine.

Dennoch kann man ihn eigentlich gar nicht als Schriftsteller bezeichnen. Paulus war ein Mann der Praxis. Seine neutestamentlichen Texte sind alles Briefe (!) – also Gelegenheitsschriften. Es waren konkrete Anlässe, die ihn jeweils motiviert hatten zur Feder zur Greifen und einen Brief zu schreiben. Auch beim so „dogmatisch“ erscheinenden Römerbrief.

 

„… Die Geduld, die unser Herr mit uns hat, bedeutet unsere Rettung.
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So hat es euch ja auch unser lieber Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben, und dasselbe sagt er in allen Briefen, wenn er über diese Dinge spricht.
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Einiges in seinen Briefen ist allerdings schwer zu verstehen …“
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(Zweiter Petrusbrief 3,15-16)

 

Ein missverstandener Apostel

Seit fast 2000 Jahren wird Paulus kommentiert und erklärt; und meistens von Menschen, die kein Gespür für die Tiefe und das Wesen der mystischen Seite von Paulus haben.

 

Lese-Empfehlung

Richard Rohr: „Paulus – der unbekannte Mystiker“

 

„Was ich auch immer für euch erleiden muss, nehme ich gern auf mich; ich freue mich sogar darüber. Das Maß der Leiden, die ich für Christus auf mich nehmen muss, ist noch nicht voll. Und ich leide für seinen Leib, für seine Gemeinde.“

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(Kolosserbrief 1,24)

 

Lernen, schwach zu sein

 

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Cethosia cyane, by AirBete via Wikipedia, (CC BY-SA 3.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

schwach

Warum sollte man das lernen wollen? Schwach sein, ist ja nicht gerade erstrebenswert, oder?

 

… Was nach dem Urteil der Welt ungebildet ist, das hat Gott erwählt, um die Klugheit der Klugen zunichte zu machen, und was nach dem Urteil der Welt schwach ist, das hat Gott erwählt, um die Stärke der Starken zunichte zu machen.

 

(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 1. Kapitel, Vers 27)

 

stark

Demonstration von Stärke ist eine Lebens- und Überlebensstrategie: Imponiergehabe, Muskeln, Beeindrucken, Macht, Abschreckung, Waffen, Einschüchtern, Gewaltandrohung …

 

Der Weg Jesu

Der Weg Jesu erscheint als ein Entgegengesetzter: Das Leben von Schwachheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.

 

 Von sich aus kann der Sohn gar nichts tun, sondern er tut nur das, was er den Vater tun sieht. Was immer aber der Vater tut, das tut auch der Sohn!

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(Neues Testament, Johannes-Evangelium 5,19)

 

zerbrechlich

Schwachheit ist eine grundlegende Lebenserfahrung aller Menschen – vielleicht die grundlegendste überhaupt. Bevor wir die Welt uns er-denken, werden wir im Bauch unser Mutter herumgetragen. Passivität. Geboren-werden. Wir erleiden all die Dinge, die uns als Werdende entgegenkommen.

Auch in der vollen Blüte des Lebens, des Er-wachsen-seins und der Fruchtbarkeit, ist Leben ständig bedroht. Leben existiert nur im Schatten des Todes. Von einer Sekunde zur nächsten kann das Leben zu Ende sein oder eine Katastrophe über uns hereinbrechen, dass nichts mehr so ist, wie wir es kennen.

 

vergänglich

Der Vergänglichkeit unterworfen. Wenn es uns geschenkt ist, alt zu werden, spüren wir, wie die Kräfte nachlassen und wir zerbrechlicher werden. – Es ist nicht erstrebenswert, schwach zu sein; aber die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens zu erkennen und anzuerkennen, ist eine Frage der Wahrheit.

 

Was ist denn der Mensch, Herr, dass du ihn beachtest? Was bedeutet er dir, der vergängliche Mensch, dass du dich mit ihm abgibst? Wie ein Hauch ist der Mensch und sein Leben gleicht dem schwindenden Schatten.

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(Altes Testament / Tanach, Psalm 144, Verse 3-4)

 

Das Wahrnehmen, Bejahen, Annehmen dieser Tatsache erscheint mir als grundlegend für den Weg Jesu.

 

Dem Leben vertrauen

Leben ist ein Geschenk. Jeder Atemzug. Nichts ist selbstverständlich oder verdient, könnte eingefordert werden. Unser Leben kann nur bestehen als Teil von etwas Größerem, das wir nicht in der Hand haben oder kontrollieren können.

Wir brauchen Vertrauen und Mut, um schwach sein zu können. Verabschiedung von Selbsttäuschung. Nachhaltigkeit, anstelle von kurzsichtigen Zielen.

 

… Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Ordnet euch also Gott unter …

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(Neues Testament, Jakobusbrief 4,6-7)

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Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.

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(Psalm 139,5)

 

weich, flexibel und formbar

Starrheit zerbricht, Flexibeles gibt nach. Beim harten Aufschlag geht etwas kaputt – Weichheit kann Energie aufnehmen und einen Schlag abfedern. Elastisch.

 

Der Klügere gibt nach!

 

Ich kann ein Teil des Problems sein, oder ein Teil der Lösung.

Die Bibel benutzt manchmal das Bild des Töpferns. Wir sind der weiche, formbare Ton, und Gott ist der Töpfer, der aus uns etwas machen will, das ihm gefällt.

Vielleicht ist das auch der beste Zugang zu der Bibelstelle, zu der schon so viel gesagt worden ist:

 

… Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.

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(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 18,3)

 

wahrhaftig

Wenn wir die Perfektion, Heiligkeit, Vollkommenheit, zu der wir aufgefordert werden, versuchen darzustellen, sind wir zum Burnout verdammt. Allein das AUSSTRECKEN nach Vollkommenheit ist leb-bar. Ein Leben aus Gnade und Vergebung, des Immer-neu-anfangen-dürfens. Authentisch.

 

Wenn wir behaupten, ohne Schuld zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit.

(1. Brief des Johannes 1,8)

 

Unser Wille und Denken stören, solange wir nicht mit der Wirklichkeit und dem Wirken Gottes übereinstimmen.

 

Im Fluss

Ob wir Öl oder Sand im Getriebe der Herrschaft Gottes sind, entscheidet sich daran, wie sehr wir mit seinem Wesen im Einklang sind. Wir können entweder ein festverwurzelter Stein im Fluss sein, an dem sich das Wasser bricht, oder wir können uns ausrichten an der Strömung des Wirkens Gottes und uns mitnehmen lassen, dahin, wohin Gott uns trägt.

 

… die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes.

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(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom, 8,14)

 

sterben und auferstehen

Manche Menschen, die schon dem Tode nahe, vielleicht todkrank, waren, haben dadurch zu einem intensiven Leben gefunden. Als Christen leben wir unser Leben im Schatten des Kreuzes Jesu, an dem Gott schwach wurde und an dem wir selbst gestorben sind, um zu einem besseren Leben aufzuerstehen.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Papa!

 

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„Got you, daddy!“ von Clarence Goss from USA (Flickr:Got You Daddy) [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

„Papa!“

Damit ist eigentlich schon alles gesagt.

(Meinetwegen darf es auch „Mama!“ sein.)

 

Vertrauen

Gott  so  anreden zu können, mit dem hemmungslosen Vertrauen eines Kindes, das ist Himmelreich. Alle Glaubensverkündigung, alles Evangelisieren und alle Theologie ist eigentlich nur eine Erklärung, wie man dahin kommt und dabei bleibt.

 

Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.

(Bibel, Neues Testament, Markus-Evangelium, 10. Kapitel, Vers 15)

 

„Abba“ und Joachim Jeremias

Vor ca. 50 Jahren erschien ein Buch des bekannten Theologen Joachim Jeremias: „Abba“ (Studien zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte) Offensichtlich war ihm das Wort „Abba“ und was damit zusammenhängt ein ganzes Buch wert.

Das Aramäische Wort „Abba“ (Vater/Papa) kommt dreimal im Neuen Testament vor. Davon finden sich zwei Stellen ausgerechnet bei Paulus.

 

Weil ihr nun seine Kinder seid, schenkte euch Gott seinen Geist, denselben Geist, den auch der Sohn hat. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: »Abba, lieber Vater!«

(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Christen in Galatien, 4. Kapitel, Vers 6)

 

Paulus

Sprach Paulus überhaupt Aramäisch? – Es war wahrscheinlich nicht seine Muttersprache. War er nicht von Tarsus? Aus der Diaspora? Warum finden wir das Wort nicht z.B. in den Petrusbriefen? (Petrus, Simon, stammte ja, im Gegensatz zu Paulus, aus Galiläa – wie Jesus.)

Gerade Paulus war es offensichtlich wichtig, dieses Fremdwort aus dem Aramäischen zu benutzen, um auf das Leben hinzuweisen, dass durch Jesus möglich geworden ist. Manchmal sind es Kleinigkeiten, wie dieses kleine Wort, das nur dreimal vorkommt, die in ihrer Auffälligkeit Indizien sind für etwas Wesentliches.

 

Dann – vierzehn Jahre später – ging ich wieder nach Jerusalem hinauf … Der Grund für meine Reise war, dass Gott mir in einer Offenbarung eine entsprechende Weisung gegeben hatte. Ich legte der Gemeinde von Jerusalem das Evangelium vor, das ich unter den nichtjüdischen Völkern verkünde … Denn ich wollte sicherstellen, dass die Arbeit, die ich getan hatte und noch tun würde, nicht vergeblich war.
(Paulus‘ Brief an die Christen in Galatien, 2,1-2)

 

Verbundenheit

Paulus war die meiste Zeit in der Diaspora unterwegs, um Menschen für die Sache Jesu zu gewinnen. Dabei war ein ständiges, riesiges, alltägliches Problem, wie Christen jüdischer Abstammung und nicht-jüdische Christen zusammenleben können. Die kulturellen Unterschiede waren groß (wie wir aus den neutestamentlichen Schriften leicht erkennen können).

Das aramäische Wort „Abba“ war durch die sprachliche Fremdheit und die Vertrautheit zu Gott, auf die es verweist, eine spielerische Art und Weise die Verbundenheit der gemischten christlichen Gemeinden in der Diaspora zu den Aramäisch sprechenden Christen im jüdischen Mutterland zum Ausdruck zu bringen. Auch die Spenden, die er für Christen in Palästina sammelte, zeigen, wie wichtig ihm diese Verbundenheit war.

 

Briefe an Rom und Galatien

Bei Paulus finden wir das Wort interessanterweise im Römer- und im Galaterbrief. – Haben die beiden irgendetwas gemeinsam? – Seit wann liegt Rom in Galatien?  😉

Römerbrief = „dogmatischster“ Brief an Christen, die er nicht kennt

Galaterbrief = krassester Brief an Christen, die er kennt

In beiden Briefen beschäftigt sich Paulus mit dem Unterschied zwischen dem, was Gott durch die Tora gewirkt hat, und der Erlösung, die durch Jesus möglich geworden ist; im Römerbrief ruhig, im Galaterbrief leidenschaftlich (fast verzweifelnd).

 

»Abba, Vater«, sagte er, »alles ist dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.«

(Markus-Evangelium 14,36)

 

Stünde das Vaterunser bei Markus, hieße es dann Abbaunser?

Wir finden das Vaterunser bei Matthäus und Lukas – aber nicht bei Markus. – Markus ist ja auch das kürzeste Evangelium. Vielleicht hatte er nicht genug Platz.  😉

Wir finden bei Markus allerdings die dritte Stelle, wo das Wort „Abba“ vorkommt. Und erstaunlicherweise benutzt gerade Matthäus in der Parallelstelle dazu das Wort nicht, sondern erzählt die Szene einfach mit dem Wort „Vater“. – Warum kommt „Abba“ nicht auch bei den anderen beiden Synoptikern vor? Oder bei Johannes? (Bin neugierig auf eure Ideen.)

Ich hatte eine Weile die Idee im Kopf, das Wort „Abba“ hätte etwas mit dem Vaterunser zu tun. Wer weiß …, wenn das Vaterunser bei Markus stünde, vielleicht hieße es dann ja „Abbaunser“.

 

„Vatersprache“?

Interessanterweise wird dieses Wort im Deutschen kaum benutzt. Wir sprechen meistens von der „Muttersprache“, wenn wir die erste, vertrauteste Sprache meinen, die ein Mensch als kleines Kind gelernt hat. (Auch dann, wenn beide Elternteile dieselbe „Muttersprache“ besitzen.) – Wie männlich ist, im Gegensatz dazu, noch unsere „christliche Sprache“, wenn wir von Gott reden?

 

„Papa“ oder „Mama“?

In einer patriarchalischen Gesellschaft ist es logischerweise problematisch Gott mit „Mama!“ anzureden – Frauen spielen ja nur die zweite Geige. Gott aber nicht.

In einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, macht es eine Menge Sinn, Gott mit „Mama!“ anzusprechen, denn es sind die Mütter, die unmittelbarer als die Väter das neue Leben nähren und in die Welt bringen.

Ich las einmal von einem Mann, der versuchte, männlichen, jugendlichen Strafgefangenen Jesus zu erklären. „Gott liebt dich wie ein Vater“ machte für viele keinen Sinn, da ihr Vater immer abwesend gewesen war. „Gott liebt dich wie eine Mutter“ machte für sie eine Menge Sinn, denn es waren bei vielen die Mütter, die sich abrackerten, um ihren Söhnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

 

Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr immer noch Angst haben müsstet – sondern einen kindlichen Geist, so dass ihr „Mama“ sagen könnt.

( inspiriert von Römerbrief 8,15  😉 )