Sandra Hauser | Interview mit Marion Küstenmacher

 

Im August, nach dem Erscheinen von „Integrales Christentum“, führte Sandra Hauser ein Interview mit der Autorin des Buches, Marion Küstenmacher:

Interview mit Marion Küstenmacher

 

Ein Kurs zum GLAUBEN ? Oder eher Kurse zum Wundern?

 

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Foto von Pål Berge (http://www.flickr.com/photos/paalb/49636016/) via Wikimedia Commons – CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

Glaubenskurse sind ziemlich populär. – Wo viel Religiöses nicht mehr funktioniert und Kirche „out“ ist, ist hier vielleicht ein Hoffnungsschimmer?

Sind Glaubenskurse nicht irgendwie auch cooler und auch frommer als Religions- oder Konfirmationsunterricht?

Aber kann man Glauben überhaupt lehren und lernen?

Der klassische „Glaubenslehrer“ in unserem Kulturkreis ist ja der Pfarrer, der ein Theologie-Studium absolviert hat; und an dieser Stelle läuft schon was schief:

Theologie = Wissenschaft von Gott? Kann es so etwas überhaupt geben? Und ist eine akademische Ausbildung an einer Universität dafür geeignet, Gott kennenzulernen? Oder sollte man eher zu einem Guru nach Indien fahren? Welche Qualifikationen müsste denn jemand besitzen, um ein Glaubenslehrer zu sein?

Inwieweit sind all die theoretischen akademischen Ausbildungen an den Universitäten überhaupt dazu geeignet, all die Studenten für ihren späteren harten Berufsalltag vorzubereiten? Wie sieht’s denn so aus mit den Soft Skills oder der Verwertbarkeit des Gelernten in der Praxis?

 

„… ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Wer zu Gott kommen will, muss glauben, dass es ihn gibt und dass er die belohnt, die ihn aufrichtig suchen.“

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(Bibel, Neues Testament, Hebräerbrief, 11. Kapitel, Vers 6)

 

sola fide

In der lutherischen Tradition spielt Glaube eine überragende Rolle. Es ist der Glaube des Menschen, der über Himmel und Hölle entscheidet. Und dies hat Luther sich nicht neu ausgedacht. Es steht ja in so mancher Bibel:

 

Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“

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(Markus-Evangelium; Neues Testament; 16,16)

 

Worum geht es eigentlich?

Oft, wenn über Glaube gesprochen wird, ist nicht ganz klar, was denn eigentlich gemeint ist.

 

„Das Wort Glaube (auch Glauben; lateinisch fides; indogermanisch leubh ‚begehren‘, ‚lieb haben‘, ‚für lieb erklären‘, ‚gutheißen‘, ‚loben‘) bezeichnet eine Grundhaltung des Vertrauens, vor allem im Kontext religiöser Überzeugungen.“

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(Wikipedia)

 

Wenn man Glauben so versteht, ist es viel mehr als ein theoretischer Inhalt oder Wissen, das man irgendwie versuchen kann in einem Glaubensbekenntnis zusammenzufassen oder das man in einer Theologie-Prüfung abfragen kann. Eine Grundhaltung ist etwas Tiefes, das bis ins Unterbewusste reicht.

Glauben hat mit Gedanken und mit meiner Vorstellungswelt zu tun. Aber auch mit meinem Gewissen, mit meinen Entscheidungen und mit meinem Verhalten. Als religiöser und kultureller Begriff ist „Glaube“ so dicht und vielschichtig, wie Religion und Kultur selbst es sind.

 

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Der Glaube (1752–53), Allegorie von L.S. Carmona; Foto von Luis García via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

Wer sich gerne Videos anschaut, kann hier einen interessanten Beitrag der Philosophin Prof. Dr. Alma von Stockhausen zum Thema Glaube sehen & hören:

 

 

Theorie und Praxis

Was ich in der Kirche als Glaubensbekenntnis mitspreche, muss nicht unbedingt mit dem übereinstimmen, was ich wirklich glaube, oder was andere sich bei demselben Glaubensbekenntnis darunter vorstellen.

Erst unser Leben macht deutlich, was wir wirklich glauben. Die Summe all der vielen kleinen und großen Entscheidungen jeden Tag erschafft meine Biographie; und an der kann man dann ablesen, was mir wichtig ist. Auch bei jemanden, der sich nie groß Gedanken darüber gemacht hat, was er glaubt, und dies niemals versucht hat, in Worte zu fassen, zeigt trotzdem das Leben, was dieser Mensch glaubt. Und sei es nur der Glaube, dass das Leben ein endloses Leiden ist.

Mir geht es hier nicht um irgendeinen Glauben, sondern mir geht es um Glauben, der für einen Menschen „funktioniert“; Glaube, der in sich stimmig ist und im harten Alltag auch die Früchte wachsen lässt, die man erwarten würde. „Ganzheitlicher Glaube“ sozusagen, der für den Glaubenden selbst und auch für sein Umfeld positive Auswirkungen hat. Glaube, der retten und erlösen kann.

 

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

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(Johannes-Evangelium; Neues Testament; 3,16)

 

Christlicher Glaube

Kann man  diesen  Glauben lernen? Jesuanischen Glauben? An Gott so glauben, wie Jesus es vorgelebt hat? Glaube, der von Jesus ausgeht und durch ihn möglich wird?

Zur Frage, ob man diesen christlichen Glauben lernen kann, fallen mir dann gleich noch mehr Fragen ein:

Falls „Ja.“ – Wie lernt man dann diesen Glauben?

Falls „Nein“ – Warum kann man diesen Glauben nicht lernen?

Ich habe in meinem Leben schon verschiedene Antworten auf diese Frage kennengelernt.

 

„Dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben … einem andern Glaube …“
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(Paulus im Brief an die Christen in Korinth 12,9)

 

Antwort: „Nein“

1.  „Nein.“ – Glaube kann man nicht lernen, weil er ein Geschenk ist und eine Frucht des Heiligen Geistes. (Galaterbrief 5,22 in der Lutherübersetzung von 1956!)

2.  „Nein.“ – Glaube ist eine Entscheidung, ein Willensakt. Deshalb kann auch dazu aufgerufen werden. Man kann ihn aber nicht erlernen.

Ich habe so auf Anhieb in meiner Bibel auch keinen Vers gefunden, wo vom „Glauben lernen“ die Rede ist.

 

„… dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten …“

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(Paulus in der Apostelgeschichte, 17,27)

 

Antwort: „Ja“

Um sich für Jesus entscheiden zu können, muss man erst einmal die Überlieferung über Jesus kennenlernen. Alles zusammen ist also auch ein Lernvorgang.

 

„Den Herrn anrufen kann man nur, wenn man an ihn glaubt. An ihn glauben kann man nur, wenn man von ihm gehört hat. Von ihm hören kann man nur, wenn jemand da ist, der die Botschaft von ihm verkündet …

Wie wir gesehen haben, setzt der Glaube das Hören der Botschaft von Christus voraus.“
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(Paulus im Brief an die Christen in Rom 10,14-17)

 

„spürbar“

Ich war 2016 auf einer Informationsveranstaltung zum Glaubenskurs „spürbar“(www.spuerbar.org). Dies ist nicht der allererste Glaubenskurs, der erfunden worden ist und wahrscheinlich auch nicht der letzte. Für diesen „Nachfolge-Kurs“ zeichnet das Evangelische Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. verantwortlich. Er ist wohl als eine Art Aufbaukurs zu spur8 gedacht.

Ein Untertitel auf dem Flyer heißt „Spüren Sie in acht Veranstaltungen auf, wie der Glaube lebendig wird.“  – Klingt ein bisschen wie ein Wiederbelebungskurs für einen toten Glauben.

Das Konzept und die Vorstellung des Kurses war mir sympathisch. Lebensnah und mit Offenheit für die Erfahrungen der Teilnehmer. Ich bin mir allerdings noch nicht sicher, ob auch deutlich wird, an was oder wem man glaubt.

Soll man dem Kursleiter glauben? Oder einander? An die christliche Überlieferung? Und falls ja: Welche Version des Christentums denn? Es hat ja anscheinend noch nie eine einheitliche christliche Lehre gegeben …

Das ist wohl ein grundsätzliches Problem aller Glaubenskurse: Auf welcher Grundlage befindet man sich? Was ist das Ziel? Wie viel Bedeutung haben die persönlichen Lebenserfahrungen der Teilnehmer? Wie wägt man die unterschiedlichen Interessen gegen einander ab? In welche Richtung leitet man ein Gespräch? Leitet man überhaupt, oder schaut man einfach zu, was sich ereignet?

Was ist die beste Methode, um Glauben zu lernen?

 

„Der Wind weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber woher er kommt und wohin er geht, weißt du nicht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

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(Johannes-Evangelium 3,8)

 

„Ein Kurs in Wundern“

„Was soll denn das sein?“ – Hab ich mich jedenfalls gefragt …

Kennt den „Kurs in Wundern“ jemand von euch und hat vielleicht sogar persönliche Erfahrungen damit gemacht? – Mir ist der Name des Kurses in letzter Zeit öfter mal begegnet.

 

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Helen Schucman; Porträt von Brian Whelan (1981), via Wikimedia Commons – CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

 

Glaube und/oder Spiritualität?

Es fällt auf, dass in letzter Zeit das Wort „Spiritualität“ immer mehr in Mode kommt. Anscheinend können viele Menschen mit dem alten Wort „Glaube“ nicht mehr so viel anfangen.

Wo Christen sich seit Jahrhunderten streiten, sich gegenseitig Unglaube oder Ketzertum oder Mangel an Heiligem Geist vorwerfen und auf Scheiterhaufen verbrannt haben, ist das ja irgendwo auch verständlich.

Es gibt ein Christsein und ein Verständnis des christlichen Glaubens, das in unsere postmoderne Zeit passt und unser Menschsein ganzheitlich erkennt. So könnten wir auch die Bedeutung des christlichen Glaubens als Teil der Kulturgeschichte der Menschheit besser verstehen.

 

„… Gott ist Liebe, und die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott, und Gott in ihnen.“

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(Erster Johannesbrief 4,16b)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Sandra Hauser | Die spirituelle Rolltreppe

 

Sandra Hauser auf ihrem Blog „Integrales Christsein“ über die Entwicklung des christlichen Glaubens:

Die spirituelle Rolltreppe – Die Entwicklung des christlichen Glaubens

 

Das Worthaus-Projekt – ein Blick in die falsche Richtung?

 

Worthaus

 

„Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.
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Abraham aber machte sich früh am Morgen auf an den Ort, wo er vor YHWH gestanden hatte, und wandte sein Angesicht gegen Sodom und Gomorra und alles Land dieser Gegend und schaute, und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie der Rauch von einem Schmelzofen.“
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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose 19. Kapitel, Verse 26-28)

 

Meine persönliche Worthaus-Geschichte

Ich bin bekennender Worthaus-Fan. Habe 2016 das Projekt durch eine Freundin meiner Mutter kennengelernt und bin immer noch begeistert. Ich hab schon ganz viel von den Vorträgen gelernt, teile sie in den sozialen Netzwerken und empfehle sie oft und gerne weiter. – Ein herzliches Dankeschön an das ganze Worthaus-Team!

Der erste Vortrag, den ich gehört hab und durch den ich bei Worthaus hängen blieb, war dieser:

 

 

Seitdem habe ich schon viele andere Worthaus-Vorträge gesehen, z.T. zusammen mit anderen, und warte immer noch darauf, dass ich mal einen Vortrag erwische, den ich  nicht  gut finde.  😉

 

„… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.“
 .

(Paulus im zweiten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus; Bibel, Neues Testament; 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

Worthaus macht Sinn!

Die Bibel ist ein Buch mit überragender kulturgeschichtlicher Bedeutung – ganz besonders für unseren Teil der Welt. Deshalb macht Worthaus auch ganz viel Sinn.

Hören wir heute die Bibel noch so, wie die antiken Menschen die Texte gehört haben?

Natürlich nicht. Geht ja gar nicht. Wir haben eine andere Muttersprache und (fast) alle lesen die Texte in der Regel auch nicht in der Originalsprache. Außerdem leben wir in einer anderen Kultur und Zeit. An diesen krass anderen Voraussetzungen des Hörens hängt schon eine ganze Menge, und man braucht die Hilfe der Bibelwissenschaft, um sich in die Hörer der Antike hineinzuversetzen.

 

„… Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt …“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 13,12)

 

Die Illusion des unverstellten Blicks

Das man eigentlich gar keinen unverstellten Blick auf die Bibel haben kann, wissen auch die Macher von Worthaus. Deshalb heißt ihr Slogan ja auch „unverstellterer Blick“. „Unverstellterer“ als die traditionelle Sicht auf die Bibel, aber halt auch nicht ganz unverstellt. Wir haben nun mal alle unsere Brillen, durch die wir die Wirklichkeit wahrnehmen.

Eine Idee von Worthaus ist, sich der eigenen Vorstellungen bewusst zu werden, mit denen man an die Bibel herangeht, und zu versuchen die biblischen Texte so zu lesen, wie sie die ursprünglichen Adressaten gelesen haben. In diesem Prozess kann man sich dann auch fragen, was die Texte uns heute noch zu sagen haben.

 

“ … Es lenkt uns ab von der Aufgabe, die Gott uns gegeben hat und die wir im Glauben ausführen.
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Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.“
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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,4-5)

 

Die Bibel-Falle

Die Beschäftigung mit der Bibel ist unbedingt notwendig, und Worthaus ist das beste Bibel-Projekt, das ich kenne. Aber die Beschäftigung mit der Bibel kann immer auch zur Falle werden.

Die Bibel hat die Aura eines Heiligen Buches. Als solches kann sie schnell auch zum Götzen werden. – Nichts, was wir als Menschen produzieren, ist vollkommen. Und die biblischen Texte sind Texte von Menschen für die Menschen einer anderen Zeit.

 

„Ihr sucht in den Schriften, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie sind’s, die von mir zeugen; aber ihr wollt nicht zu mir kommen …“
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(Jesus im Johannes-Evangelium 5,39)

 

Veraltetes Christentum

Die biblischen Texte führen uns in unseren Gedanken und unserer Vorstellungswelt immer zurück in ein antikes Christentum. Unsere Welt hat sich seit dem aber dramatisch verändert. Wenn wir nicht aufpassen, schenken wir der Vergangenheit zu viel Aufmerksamkeit und bleiben an veralteten Denkmustern kleben.

Die Beschäftigung mit der Bibel kann auch eine Form von Weltflucht sein. Wir sind als Christen aber nicht nur aus der Welt herausgerufen, wir werden auch von Gott zu den Menschen geschickt. Und das sind Menschen des 21. Jahrhunderts, von denen sich die meisten nicht besonders für antike Religion interessieren.

Manche Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens mit der Bibel. Man kann dies tun und trotzdem verpassen, worum es in den biblischen Texten im Wesentlichen geht.

 

Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.
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Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.“
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(Offenbarung 3,15-17)

 

Die Persönlichkeit des Theologen – Bedeutungs-Sucht

Was sind Theologen für Menschen?

Die Referenten von Worthaus finde ich eigentlich alle ganz toll. Aber da ich mich auch selber ein bisschen kenne, mach ich mir auch ein bisschen Sorge.

Wir haben alle eine Sehnsucht danach, dass unser eigenes kleines Leben Bedeutung hat. Das ist auch gut so. – Wenn man die Bibel, und vielleicht dazu sogar noch Theologie studiert hat, hat man sicherlich den Wunsch, dass das alles nicht umsonst gewesen ist.

Die Herausforderungen unserer Zeit fragen allerdings nicht nach unseren Hobbies und unserem Wissen, und lassen sich nicht durch theologische Qualifikationen beeindrucken. Es kommt darauf an, was funktioniert und wo Kraft erfahrbar ist, die verändert. Auch Theologen müssen die Bedeutung ihrer Arbeit daran messen lassen, welche positiven Wirkungen davon für die Menschen unserer Zeit ausgehen.

Wir versuchen oft uns vor notwendigen Auseinandersetzungen zu drücken. Auch davor, uns mit unseren eigenen Macken zu konfrontieren. Die Beschäftigung mit der Bibel ist eine hervorragende scheinheilige Methode, um der Wirklichkeit der eigenen spirituellen Armut auszuweichen. Auf diese Weise zementieren wir unseren eigenen Mangel und unsere institutionalisierte Mangelhaftigkeit des Christentums.

 

„… bloßes Wissen macht überheblich. Was uns wirklich voranbringt, ist die Liebe.“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 8,1)

 

Kopf und Herz und authentische Spiritualität

Wir brauchen eine einfache, ganzheitliche Spiritualität für die Menschen unserer Zeit. Nicht nur für den Kopf, sondern auch für das Herz und die Seele, und tief genug, dass sie auch das Unbewusste erfasst.

Nicht nur heilige Texte können uns spirituell inspirieren. Auch die Sprache selbst, mit der wir uns verstehen, hat z.B. schon eine transzendente Qualität.

Ich werde mir bestimmt auch weiterhin Worthaus-Vorträge ansehen und weiterempfehlen, aber ich mache mich auch mit aktuellen spirituellen Bewegungen vertraut.

 

„… der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 3,6)

 

Der Blick nach vorn

Wir haben die großen Schätze der Religionen und Weisheits-Traditionen. Wir haben moderne Wissenschaft und interdisziplinäre Forschung. Wir haben globale spirituelle Bewegungen, inter-religiösen Dialog, ein Weltethos-Projekt und vieles mehr …

Wir haben schon mehr als genug, um den Blick nach vorn zu richten.

 

„Reformation war gestern. Die Zukunft des Christentums gehört der Transformation.“

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(Marion Küstenmacher auf dem Buchrücken ihres Buches „Integrales Christentum„)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Sandra Hauser | Wiedergeburt denken

 

Sandra Hauser auf ihrem Blog „Integrales Christsein“ zum Thema Reinkarnation:

Wiedergeburt denken

 

Was haben Atommüll-Endlager und heilige Texte gemeinsam? [Fundamentalismus-Kritik]

 

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Behälter mit radioaktivem Abfall in den USA; Foto der Nuclear Regulatory Commission, via Wikimedia Commons – public domain

 

Die Suche nach einem stabilen Aufbewahrungsort.

 

„Aufgrund der langen Zeiträume sowie durch die Radioaktivität sind die Lagermaterialien nicht notwendigerweise dauerhaft in der Lage, die eingebundenen Stoffe zurückzuhalten. Daher ist die sichere Lagerung des verarbeiteten Mülls entscheidend. Selbst nach Zerfall der Lagerbehälter soll ein Transport der radioaktiven Substanzen durch das Gestein sehr langsam erfolgen.“

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(Wikipedia)

 

Atommüll-Endlager

Bei der Suche nach einem geeigneten Standort für ein Atommüll-Endlager geht es in der Diskussion sogar nicht nur um einen Ort, wo über einen sehr langen Zeitraum sehr wenig Veränderung ist, um radioaktives Material „relativ sicher“ einlagern zu können, sondern man diskutiert auch über die Möglichkeit der Rückholbarkeit des Mülls, falls dies notwendig werden sollte.

 

„Der Himmel erzählt die Herrlichkeit Gottes,
und das Firmament verkündet das Werk seiner Hände.
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Ein Tag sagt es dem andern,
und eine Nacht tut es der anderen kund,
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ohne Sprache, ohne Worte, mit unhörbarer Stimme.
In alle Länder hinaus geht ihr Schall, bis zum Ende der Welt ihr Reden …“
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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Psalm 19,2-5)

 

Offenbarung in der Konservendose

Die Herrlichkeit und Kraft Gottes offenbart sich jeden Tag neu, in der Majestät des Kosmos und der Beständigkeit der göttlichen Schöpfung. Lebewesen vergehen und neue kommen in die Welt, belebt durch Gottes Geist. – Gottes lebendige Schöpfung.

Texte haben eine Wirkung noch lange, nachdem sie geschrieben worden sind – jedes Mal, wenn sie jemand liest. Aber die Wirkung, die älter werdende Texte auf Menschen haben verändert sich …

Die Sprache, in der der Text geschrieben worden ist, ist lebendig und verändert sich weiter – aber der Text nicht. Tote Buchstaben auf leblosem Pergament. Der Inhalt des Textes ist für alle Zeit erstarrt (abgesehen von den Fehlern oder absichtlichen Veränderungen, die bei der Überlieferung passieren) – eingefroren in leblosen Buchstaben.

 

„Er hat uns fähig gemacht, Diener des neuen Bundes zu sein – eines Bundes nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Wenn aber der Dienst, der den Tod bringt und der mit Buchstaben in Stein gehauen war, Herrlichkeit hatte, … wie sollte nicht der Dienst, der den Geist gibt, viel mehr Herrlichkeit haben?“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth; Bibel; Neues Testament; 3,6-8)

 

Schriftrollen zerfallen und Bruchstücke müssen mühsam wieder zusammensortiert werden.

Textkritiker, unter Zuhilfenahme sämtlicher relevanten und verfügbaren wissenschaftlichen Hilfsmittel, versuchen die Originale antiker Texte zu rekonstruieren. Altsprachler erforschen die antiken Sprachen, und Bedeutung und Funktion antiker Wörter. Altertumswissenschaftler versuchen sich mit vor langer Zeit vergangenen Kulturen vertraut zu machen …

Sprache und Texte sind kein stabiler Ort, um den Inhalt der göttlichen Offenbarung für alle Zeit zu konservieren.

 

Kommunikation

1 Etymologie
2 Verschiedene Zugangsweisen
2.1 Zugang über eigene Erfahrungen
2.2 Zugang über handlungstheoretische Grundannahmen
2.3 Zugang über problemtheoretische Grundannahmen
2.4 Zugang über signaltheoretische Grundannahmen
2.5 Zugang über naturwissenschaftliche und biologische Grundannahmen
2.6 Zugang über psychologische Grundannahmen
2.7 Zugang über verhaltenstheoretische Grundannahmen
2.8 Zugang über systemtheoretische Grundannahmen
2.9 Zugang über die interdisziplinäre Perspektive
2.10 Folgen der Zugangsweisen für die Beschreibung
3 Verschiedene Kommunikationsmodelle
4 Kommunikationsprobleme
4.1 Gründe und Auswirkungen
4.2 Kommunikationsprobleme auf der Ebene der Verständigung und der Ebene übergeordneter Probleme
4.2.1 Ebene der Verständigung (Kommunikationsziel)
4.2.2 Ebene der übergeordneten Problemstellungen (Kommunikationszweck)
4.3 Lügen und Probleme der Kommunikation

(Wikipedia)

 

„Du verstehst mich nicht!“

Schon, wenn man mit jemandem redet, den man sehr gut kennt (Partner, Kind, Eltern, …) kommt es zu Missverständnissen. Manchmal ist man trotz ausgiebiger Diskussionen und besten Absichten nicht in der Lage, einander zu verstehen.

Wie gut, wenn man wenigstens immer wieder nachfragen kann:

„Hab ich dich jetzt richtig verstanden?“

 

Ich habe noch so vieles auf dem Herzen, aber das möchte ich euch lieber persönlich sagen und nicht schreiben. Ich hoffe, bald bei euch zu sein. Dann können wir alles miteinander besprechen …“

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(Zweiter Johannesbrief; Neues Testament; Vers 12)

 

schwer zu verstehen

Bei schriftlicher Kommunikation passieren Missverständnisse oft noch leichter, weil der Klang der Stimme, Mimik und Gestik fehlen.

Bei Texten hat man oft nicht die Möglichkeit nachzufragen:

„Hab ich das jetzt richtig verstanden?“

 

„… Das hat euch ja auch schon unser lieber Bruder Paulus geschrieben, dem Gott in all diesen Fragen viel Weisheit geschenkt hat. Er spricht in seinen Briefen mehrfach darüber. Allerdings ist manches davon nur schwer zu verstehen …“
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(Bibel, Neues Testament, Zweiter Petrusbrief 3,15-16)

 

Veraltende Sprachen

Bei älteren Texten wird das Verstehen noch schwerer, weil eine lebendige Sprache sich verändert. Wir müssen nur an das deutsche Wort „toll“ denken, dessen Bedeutung sich völlig umgekehrt hat.

Sprache lässt sich auch nie von ihrem kulturellen Zusammenhang trennen. – Eine Fremdsprache lernen, heißt auch, eine Kultur kennenzulernen. – Und weder Sprache noch Kultur sind einheitlich: Es gibt regionale Unterschiede, Dialekte, …

Auch im alten Israel gab es Dialekte, und das Entstehen der biblischen Texte erstreckte sich über eine sehr lange Zeit.

 

„Und es geschah, wenn ephraimitische Flüchtlinge sagten:
.
‚Lass mich hinübergehen!‘,
.
dann sagten die Männer von Gilead zu ihm:
.
‚Bist du ein Ephraimiter?‘
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Und sagte er: ‚Nein!‘,
.
so sprachen sie zu ihm:
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‚Sag mal: Schibbolet!‘
.
Und sagte er:
.
‚Sibbolet!‘,
.
und brachte es nicht fertig, richtig zu sprechen, dann packten sie ihn und schlachteten ihn an den Furten des Jordan. So fielen in jener Zeit von Ephraim 42000 Mann.“
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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Schoftim / Richter 12,6)

 

Es ist eine Illusion zu glauben, man bräuchte nur Wörterbücher für die biblischen Sprachen, um richtig verstehen zu können, was die Verfasser der Texte den Menschen damals sagen wollten. Wir brauchen auch entsprechend gute Kenntnisse der damaligen Kultur. Wenn wir z.B. flächendeckend aus allen sozialen Schichten und allen Epochen die Tagebücher von Menschen hätten, in denen wir lesen könnten, wie sie gedacht, gefühlt und gelebt haben, dann hätten wir eine viel bessere Chance, die biblischen Texte richtig zu verstehen.

 

Die Intention des Verfassers – Literaturtheorie

Auch die literarischen Gattungen, welche wir heute haben, sind nicht identisch mit den literarischen Gattungen der Antike.

Ist das Buch Jona, z.B., der Bericht eines Wissenschaftlers, eine Kurzgeschichte oder eine Satire, oder vielleicht eine Gattung, die es heute gar nicht mehr gibt? Oder ein Unikat, das man gar keiner Gattung zuordnen kann? Und spielte das für das Verstehen des Textes bei den Menschen damals und bei uns heute eine Rolle?

Wenn wir einen Text lesen und meinen, alles wäre klar zu verstehen; muss unsere Interpretation eines Textes dann richtig sein, nur weil uns keine weiteren Deutungs-Möglichkeiten einfallen? Und falls sogar zwei Theologen einen Text unterschiedlich verstehen, wer soll dann entscheiden, wie der Text gemeint war?

 

Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt.“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 13,12)

 

Gott ist absolut. – Texte sind es nicht!

Ich glaube schon, dass es zeitlose menschliche und göttliche Wahrheiten gibt, die wir mit Hilfe des Lesens von biblischen Texten aufspüren können. Aber dies passiert auf einer subjektiven Ebene in einem Menschen und ist ein persönlicher Lernvorgang, und nicht eine objektive Wahrheit, über die wir verfügen könnten.

Gottes Offenbarungen leuchten auf in einem Augenblick, aber sie lassen sich nicht vergegenständlichen, sich nicht mit cleveren Formulierungen einfangen oder mit totsicheren Überlieferungs-Systemen über die Zeiten transportieren. Jede Generation muss sie für sich neu er-leben und ihre eigenen Gotteserfahrungen machen. Leben mit Gott ist aktuell und frisch und nicht eine Neuauflage eines alten Buches.

 

„… Richtet eure Gedanken auf das, was schon bei euren Mitmenschen als rechtschaffen, ehrbar und gerecht gilt, was rein, liebenswert und ansprechend ist, auf alles, was Tugend heißt und Lob verdient.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Philippi 4,8)

 

Hässlicher Fundamentalismus

Aber es werden wohl weiterhin biblische Besserwisser die Texte der Bibel missbrauchen, um ihrer eigenen Meinung einen „göttlichen“ Anstrich zu geben und ihre scheinheiligen Motive zu verschleiern. Sicherlich manchmal mehr oder weniger gut gemeint – aber schlecht gemacht.

Vielleicht werden Fundamentalisten auch deshalb manchmal wenig ernst genommen, weil sie kaum in der Lage zu sein scheinen, ihre eigene Begrenztheit wahrzunehmen. – Selbsterkenntnis könnte ein erster Schritt zur Besserung sein.

Leider kann auch ein schöner Glaube an Jesus abrutschen in kranke, hässliche Engstirnigkeit. Deshalb ist es wichtig, wie wir zum Glauben kommen und mit welchen Leuten wir uns umgeben.

 

„… Hier in Antiochia kam für die Jünger und Jüngerinnen zum ersten Mal die Bezeichnung ‚Christen‘ auf.“

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(Apostelgeschichte; Neues Testament 11,26)

 

„Ich bin Christ.“

Christen nennen sich „Christen“, und nicht „Biblizisten“ oder „Bibilianer“. Als Christen glauben wir eigentlich, dass Gott sich am besten nicht in einem heiligen Buch, sondern in einem Menschen aus Fleisch und Blut offenbart hat: dem Juden Jesus aus Nazareth in Galiläa, zur Zeit der Besatzung Palästinas durch das Römische Imperium, noch vor der Zerstörung des jüdischen Heiligtums im ersten und der Auslöschung jüdischen gesellschaftlichen Lebens in Palästina im zweiten Jahrhundert.

Dieser Mensch Jesus lebt schon lange nicht mehr. Aber ich schreibe gerade über ihn, weil die Bewegung, die er angestoßen hat, nicht am Kreuz geendet hatte. In den biblischen und anderen Texten lesen wir über ihn, und wer sich auf ihn einlässt, wird seine eigenen Erfahrungen machen.

Wenn doch das Christentum bloß zurückkehren würde zu seinem eigentlichen Wesen, und die Christenheit sich versammeln würde, um ihren eigentlichen Mittelpunkt:

Das Geheimnis der Offenbarung Gottes in Jesus.

 

„Ihnen wollte er zu erkennen geben, welch wunderbaren Reichtum für die nichtjüdischen Völker dieses Geheimnis umschließt. Und wie lautet dieses Geheimnis? ‚Christus in euch  – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit!'“

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(Kolosserbrief 1,27)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]