Spiritualität Berlin

 

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Ausdehnung des Stadtraums vom Zentrum in Richtung Norden, Foto von Avda / http://www.avda-foto.de – CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

1.  Nicht nur Berlin

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich in Berlin in Sachen Spiritualität etwas bewegen will. Was ich hier schreibe, lässt sich aber bestimmt auch irgendwie auf deine Region übertragen.

 

„Das, was du heute denkst, wirst du morgen sein.“

.
(Buddha)

 

2.  Angesagt – Spiritualität ist  DAS  Thema

Die Frage, die man letztes Jahr Tobias Faix gestellt hat, wird man sicherlich noch eine ganze Weile vielen Leuten stellen können?

„Warum ist Spiritualität so in und Kirche so out, Herr Faix?

Einerseits gibt es in der Welt eine wachsende Zahl von Menschen, die sich von etablierten religiösen Institutionen verabschiedet haben, andererseits ist das Thema Spiritualität so angesagt wie nie; und der Bedarf an kompetenten Gesprächspartnern und geeigneten Angeboten ist riesig.

 

„Der Christ von heute muss ein Mystiker sein.“

(Karl Rahner – vgl. H. Vorgrimler, „Gotteserfahrung im Alltag. Der Beitrag Karl Rahners zu Spiritualität und Mystik“, Vor dem Geheimnis Gottes den Menschen verstehen, hrsg. von K. Lehmann (Zürich, 1984), 62–78, mit Zitaten und Literatur)

 

„… dass der Christ der Zukunft ein Mystiker sei oder nicht mehr sei“

(Rahner in „Zur Theologie und Spiritualität der Pfarrseelsorge“, in: ders., Schriften zur Theologie, XIV (Zürich, 1980), 161.

 

3.  Sichten / Überblick verschaffen

In Berlin sind die spirituellen Angebote so zahlreich, dass es schon ein Vollzeit-Job ist, sich überhaupt einen Überblick zu verschaffen. Manche Angebote sind selbst übers Internet nicht zu finden, und manche sind kostenpflichtig.

 

 

Eine wichtige Aufgabe wäre schon einmal, Medien zu schaffen, über die man sich einfach und gut informieren kann, und finden kann, was für einen passt.

 

 Ihr könnt doch alle der Reihe nach in Gottes Auftrag reden, damit alle lernen und alle ermutigt werden.“

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(Apostel Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth; Bibel, Neues Testament, 14. Kapitel, Vers 31)

 

4.  Gesellschaftliche Kraft

Spiritualität scheint eine wichtige Kompetenz zu sein, um in unserer komplexen Welt das Leben zu bewältigen; und in der Zukunft wird die Bedeutung von Spiritualität wohl eher noch weiter zunehmen.

Darüber hinaus können spirituelle Menschen aber auch gesellschaftlich und global-politisch etwas bewegen. Dieses Engagement kann man auch organisieren und Synergie-Effekte nutzen. Aber auch hier ist es wieder schwierig, passende Projekte zu finden, und manche sinnvollen Strukturen scheinen auch noch gar nicht zu existieren.

 

„Die Kirche der Zukunft muss vor allem eine Kirche lebendiger Spiritualität sein.“

.
(Karl Rahner)

 

5.  Öffentlicher Diskurs

Spiritualität ist auch eine Aufgabe für alle Bildungseinrichtungen, von den Schulen bis hin zur Erwachsenenbildung. Sprache spielt dabei eine große Rolle, sowohl was soziale Kompetenz, Toleranz und Kommunikationsfähigkeit betrifft, als auch bezüglich der Begriffe und sprachlichen Elemente selbst.

Ich erlebe es fast täglich, dass selbst Menschen, welche  dieselbe  religiöse Tradition haben, kaum noch in der Lage sind, sich über die spirituellen Fragen, die ihnen wichtig sind, zu verständigen. Wie soll dann interreligiöser Dialog funktionieren, wenn wir nicht an unserer Kommunikationsfähigkeit arbeiten?

 

„Man soll schweigen oder Dinge sagen, die noch besser sind als das Schweigen.“

.
(Pythagoras von Samos)

 

„Public Theology“ ist mittlerweile ein Begriff, aber entsprechende Angebote sind noch zu wenig, und scheinen oft eher Veranstaltungen von und für Insider zu sein. Es ist höchste Zeit zu beweisen, dass Theologie auch relevant für den normalen Bürger sein kann. Wenn sie das nicht schafft, braucht man sie dann überhaupt noch?

Worthaus ist sicherlich ein Vorzeige-Projekt in dieser Hinsicht. Ich kenne leider aber auch kein zweites vergleichbares Projekt im deutschsprachigen Raum.

 

„Liebe und Spiritualität erschließen schließlich jene Resonanzen, die über unser Selbst hinausweisen.“

.
(Matthias Horx)

 

6.  Neue Projekte

Spiritualität will nicht nur gefühlt und gedacht, sondern auch er-lebt und ge-lebt werden. Dafür braucht es spirituelle Communities mit Menschen aus Fleisch und Blut.

Spiritualität und Wir-Gefühl brauchen Zeit. Einmal im Monat ein spirituelles Event ist viel zu wenig. Wir brauchen menschliche Beziehungen mit Zeit, wo Vertrauen wachsen kann, und Orte und Treffen, die solche Gemeinschaft initiieren und inspirieren.

 

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Auroville, Foto von sillybugger, via Wikimedia Commons – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

Vielleicht erreiche ich über diesen Artikel ja ein paar Leute, die sich über dieselben Fragen Gedanken machen, und wir können zusammen etwas bewegen …

 

Sehnsucht nach dem Fernnahen

 

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Friedhof im Schnee, von Caspar David Friedrich, via Wikimedia Commons – public domain

 

 

„Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen,
wie er gewesen ist,
und der Geist wieder zu Gott,
der ihn gegeben hat.“

.
(Kohelet / Prediger 12. Kapitel, Vers 7 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

Fernnähe

Fernnähe“ – kein neues Wort. Ich kann auch nicht für mich beanspruchen, diesen Begriff erfunden zu haben. Er drückt die Spannung aus zwischen körperlicher Entfernung und gefühlter Nähe – und umgekehrt.

 

„Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.“

.
(139. Psalm, Vers 5 – Tanach / Altes Testament)

 

Der Fernnahe

In der jüdisch-christlichen Überlieferung ist Gott der Inbegriff der Fernnähe. Er ist einerseits als Schöpfer das Gegenüber unserer Welt und somit innerhalb unserer Welt für uns unerreichbar, andererseits ist er uns näher, als uns ein Mensch jemals sein kann.

 

„Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag.“
.
(Psalm 139, 9-12)

 

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Quelle: publicdomainpictures.net

 

Marguerite Porète

Im 13. Jahrhundert zeigte die französischsprachige theologische Schriftstellerin Margareta Porete (französisch Marguerite Porète oder Porrette) eine besondere Vorliebe für die Gottesbezeichnung „der Fernnahe“ (le Loingprés). Die Inquisition ist verantwortlich für ihr Ende auf dem Scheiterhaufen.

Das Bewusstsein der Gegenwart Gottes hebt uns heraus aus all den Verflechtungen unseres alltäglichen Lebens. Gottes Geist öffnet unseren Horizont ins Unendliche und lässt die Mächte, die uns umgeben, verblassen.

Mit Gott stehen wir auf einem festen Fundament.

 

„‚Wer nun auf das hört, was ich gesagt habe, und danach handelt, der ist klug.

Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist …‘

Als Jesus dies alles gesagt hatte, waren die Zuhörer von seinen Worten tief beeindruckt. Denn Jesus lehrte sie mit einer Vollmacht, die Gott ihm verliehen hatte – ganz anders als ihre Schriftgelehrten.“

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(Worte der sogenannten „Bergpredigt“ von Jesus aus Nazareth – Matthäus-Evangelium 7, 24-29 – Bibel, Neues Testament)

 

„Die Unerschrockenheit, mit der Petrus und Johannes sich verteidigten, machte großen Eindruck auf die Mitglieder des Hohen Rates, zumal es sich bei den beiden offensichtlich um einfache Leute ohne besondere Ausbildung in der Heiligen Schrift handelte. Sie wussten, dass Petrus und Johannes mit Jesus zusammen gewesen waren …

Petrus und Johannes aber antworteten…

‚Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.'“

.
(Apostelgeschichte 4,13-20 – Neues Testament)

 

 

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Feldkreuz Hochtannbergpass, Foto von böhringer friedrich, via Wikimedia Commons – CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

 

Der fernnahe Christus

So wie Gott, so ist auch Christus fern und nah zugleich.

Jesus war ein antiker, orientalischer, jüdischer Mann, hingerichtet vom Imperium Romanum vor langer Zeit. Von Menschen verachtet, aber von Gott selbst rehabilitiert. Auferstanden. Unsterblich.

Als Christen ist er unser Vorbild. Wir identifizieren uns mit ihm, und auf mystische Weise erfüllt er uns, und ist unser Leben. Er in Gott, und Gott in ihm, und er in uns, und Gott alles in allen.

 

„Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Keiner von euch fragt mich, wohin ich gehe,  denn ihr seid voller Trauer über meine Worte.

Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist besser für euch, wenn ich gehe. Sonst käme der Helfer nicht, der an meiner Stelle für euch da sein wird. Wenn ich nicht mehr bei euch bin, werde ich ihn zu euch senden.“

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(Johannes-Evangelium 16,5-7 – Neues Testament)

 

„Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! …“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien, 2,20 – Neues Testament)

 

Fernnahe Menschen

Die Fernnähe Gottes und Christi sollte uns nicht ganz fremd sein. Wir erfahren dies ja auch in der Beziehung zu Menschen. Wenn unsere Liebsten Tausende von Kilometern entfernt sind, so können sie unserem Herzen doch spürbar nahe sein.

Menschen erfahren allerdings manchmal auch das Gegenteil:  Ein Mensch ist uns fremd, der in unseren Armen ist …

Unsere Beziehungen sind wie ein Tanz, wo sich Nähe und Ferne abwechseln; und manchmal fühlen wir einander näher gerade dann, wenn wir räumlich voneinander getrennt sind.

 

„… damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, auch in ihnen ist, ja damit ich selbst in ihnen bin.“

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(Jesus im „hohepriesterlichen Gebet“ – Johannes-Evangelium 17,26)

 

Im Tod getrennt und im Geist vereint

Die tiefste Trennung zwischen Menschen ist der Tod. Die körperliche Nähe eines geliebten Menschen ist in dieser Welt damit endgültig zu Ende gegangen, in unserem Herzen jedoch leben sie weiter, und in Liebe sind wir mit ihnen eins.

 

Was hat Hebräisch mit dem Christentum zu tun?

 

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By W.pseudon (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Wenn man einen Juden fragen würde, so würde dieser vielleicht antworten: „Gar nichts!“ – Das stimmt so natürlich nicht ganz. Die allerersten Christen waren ja alle Juden (auch wenn Juden aus Galiläa vielleicht Juden zweiter Klasse waren), Jesus (Jeschua) war ihr Rabbi und Hebräisch war die Sprache ihrer heiligen Texte.

Aber es gibt leider sehr viele Gründe, weshalb die Beziehung zwischen Christen und Juden belastet ist. Eine Verbesserung dieser Beziehung könnte zum Segen für die ganze Menschheit werden – immerhin sind statistisch ein Drittel der Weltbevölkerung Christen.

Die Überwindung der Kluft zwischen Juden, dem auserwählten Volk Gottes, und den anderen Völkern wurde schon in den Texten des Neuen Testaments als einer der bedeutendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte gewertet.

 

… Ihr seid Gott jetzt nahe, obwohl ihr vorher so weit von ihm entfernt lebtet. Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint, die Mauer zwischen ihnen niedergerissen und ihre Feindschaft beendet …
(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Ephesus, 2. Kapitel, Verse 13-14)

 

Hebräisch

Mehr als alle anderen Sprachen ist Hebräisch die Sprache „unserer christlichen“ Bibel, und damit auch die grundlegende Sprache der jüdisch-christlichen Überlieferung vom Glauben an den einen Gott und seinem Messias/Christus (bzw. Messiassen). – Auch wenn manche Liebhaber der King-James-Bible  mit dem Gedanken liebäugeln, ob die wahrhaft göttlich inspirierte Sprache nicht vielleicht doch Englisch ist.

Die meisten biblischen Texte wurden ursprünglich in Hebräisch verfasst, und auch die heiligen Texte der ersten Christen waren fast alles hebräische Texte. (Ein paar Textabschnitte im Alten Testament sind in Aramäisch.)

 

mündlich – schriftlich

In antiken Gesellschaften war Schreiben ein Luxus, der nur von einer kleinen Elite beherrscht wurde. Parallel zur Textproduktion gab es eine breite mündliche Erzähltradition, von der uns natürlich nur das überliefert ist, was in Textform für die Nachwelt erhalten blieb. Hebräisch war zunächst nur eine gesprochene Sprache; und auch nach der Erfindung von hebräischer Schrift war der weit überwiegende Sprachgebrauch selbstverständlich mündlich.

 

Aramäisch

Wie alle Sprachen, so hat auch Hebräisch eine Herkunft und Geschichte. Und wie alle anderen lebendigen Sprachen auch, so hat auch Hebräisch Einflüsse aus anderen Sprachen aufgenommen. Die augenscheinlichste Folge „fremder“ Einflüsse ist die hebräische Quadratschrift selbst, welche noch heute in Gebrauch ist. Diese Schrift wurde vom Reichsaramäisch entlehnt, das Verkehrssprache im Persischen Reich war und auch noch lange nach Alexander dem Großen große Bedeutung in der Region hatte.

Aramäisch war sicherlich auch die Muttersprache Jesu, und wir finden Spuren davon auch im Neuen Testament. (So sind z.B. die letzten Worte Jesu „Eli, Eli, lama asabtani“ ein Zitat aus dem 22. Psalm in  aramäischer  Übersetzung.)

 

 Gegen drei Uhr rief Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« Das heißt übersetzt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

(Neues Testament, Markus-Evangelium 15,34)

 

Griechisch

Mit Alexander breitete sich die griechische Sprache und der Hellenismus im Mittelmeerraum aus, sodass bald auch unter den Diaspora-Juden der Bedarf an griechischer Übersetzung wuchs. Es war dann die Septuaginta, die  große Bedeutung als griechische Übersetzung der hebräischen heiligen Texte erlangte.

Jeder, der schon einmal eine Fremdsprache gelernt hat, weiß, dass es unmöglich ist, eine andere Sprache zu lernen, ohne nicht auch etwas mit der fremden Kultur vertraut zu werden. Sprache transportiert Kultur und ist an sie gebunden.

Der kulturelle Druck, der durch die verbreitete griechische Sprache und dem Hellenismus auf die jüdische Tradition ausgeübt wurde, war enorm, und die Übertragung der heiligen Texte in eine fremde Sprache war eine große Herausforderung. – Bei Übersetzungen geht zwangsläufig immer etwas verloren bzw. wird verändert.

Es ist nur selten möglich den Spielraum für Deutung und Assoziation exakt in einer anderen Sprache zu reproduzieren. – Wie übersetzt man überhaupt ein grammatikalisches System, das grundsätzlich ein bisschen anders funktioniert? – Während Hebräisch und Aramäisch semitische Sprachen sind, ist Griechisch (und auch Latein, Deutsch, Englisch, …) eine indoeuropäische Sprache.

 

Latein

Nach den Griechen kamen die Römer, und in der Kirchengeschichte gewann Latein zunehmend an Bedeutung. Der im Judentum und der hebräischen Sprache verwurzelte Glaube an Jesus den Messias wurde in „fremden“ Sprachen gedacht, formuliert, gepredigt und erklärt. – Ist dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren gegangen? Ist „theos“ oder „deus“ derselbe wie JHWH? Und hatten Christen beim Titel „Christus“ noch dieselben Assoziationen wie Juden beim erwarteten Maschiach?

Ich habe 2015 angefangen ein bisschen Hebräisch zu lernen und empfinde es als wunderbare Bereicherung zum Verstehen der biblischen Texte. (Ist allerdings wirklich nicht einfach.) Auch mit Hebräisch-Kenntnissen und dem „Urtext“ lassen sich allerdings nicht alle Fragen beantworten. Auch führt das gründlichere Studium der biblischen Texte nicht automatisch zu mehr oder besserem Glauben.

 

Heilige Texte

Schreiben von Gott ist der stammelnde Versuch mit Worten menschlicher Kategorien das Geheimnis des ewigen Gottes mit Buchstaben auf Papier zu heften. – Wie funktioniert so etwas überhaupt? Und wie kann es dann noch in eine andere Kultur übertragen werden? Ist das mündliche inspirierte Wort vielleicht besser als alte Texte? Solange Erzählungen noch mündlich überliefert werden, können sie sich an eine veränderte Wirklichkeit anpassen. Wenn sie erst in Textform erstarrt sind, veralten sie, während das Leben weitergeht …

Alle Buchreligionen haben das Problem, dass sich göttliche Offenbarung nicht auf vollkommene Weise in Texten konservieren lässt, weil Sprache sich verändert und erfolgreiche Kommunikation immer vom Zusammenhang abhängt. – Sollte das „richtige“ Verstehen der uralten heiligen Texte wirklich einer kleinen Elite von Altertumswissenschaftlern und Philologen vorbehalten sein, die den ursprünglichen Sinn noch am ehesten rekonstruieren können?

Paulus gab schon vor fast 2000 Jahren einem Mitarbeiter einen Rat:

 

 … Damals habe ich dich gebeten, in Ephesus zurückzubleiben und dafür zu sorgen, dass bestimmte Leute dort keine falschen Lehren verbreiten. Sie sollten sich nicht mit uferlosen Spekulationen über die Anfänge der Welt und die ersten Geschlechterfolgen befassen; denn das führt nur zu unfruchtbaren Spitzfindigkeiten, anstatt dem Heilsplan Gottes zu dienen, der auf den Glauben zielt. Jede Unterweisung der Gemeinde muss nämlich zur Liebe hinführen, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt. Davon haben sich einige abgewandt und haben sich in leeres Gerede verloren. Sie wollen Lehrer des göttlichen Gesetzes sein; aber sie wissen nicht, was sie sagen, und haben keine Ahnung von dem, worüber sie so selbstsicher ihre Behauptungen aufstellen.

(Die Bibel, Neues Testament, der erste Brief von Paulus an Timotheus, 1. Kapitel, Vers 3-7)

 

Authentisch von Gott reden

Wir brauchen ein gründlicheres Nachdenken über göttliche Offenbarung und darüber, wie wir authentisch von Gott reden können – erfasst vom Wirken Gottes in dieser Welt und himmlisch inspiriert. Vielleicht könnte man dann das traditionelle Theologisieren auf niedrigem Niveau überwinden.

Die kolossalen kulturellen Umbrüche, die wir heute erleben, sind eine riesige Chance, das Wesentliche am christlichen Glauben neu zu entdecken. Ein besseres Verstehen unserer jüdischen Wurzeln hilft dabei auch.

 

Sehnsucht

[Eine neuere Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]

 

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Friedhof im Schnee, von Caspar David Friedrich [Public domain], via Wikimedia Commons

 

 

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,
so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag.
(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Psalm 139, Verse 9-12)

 

 

Fernnähe“ – kein neues Wort. Ich kann auch nicht für mich in Anspruch nehmen, diesen Begriff erfunden zu haben. Er drückt die Spannung aus zwischen körperlicher Entfernung und gefühlter Nähe – und umgekehrt.

In der jüdisch-christlichen Überlieferung ist Gott der Inbegriff der Fernnähe. Er ist einerseits als Schöpfer das Gegenüber unserer Welt und somit innerhalb unserer Welt für uns unerreichbar, andererseits ist er uns näher, als uns ein Mensch jemals sein kann.

 

Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.

(Tanach / Altes Testament, Kohelet / Prediger 12,7)

 

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

(Tanach / Altes Testament, Psalm 139,5)

 

Im 13. Jahrhundert zeigte die französischsprachige theologische Schriftstellerin Margareta Porete (französisch Marguerite Porète oder Porrette) eine besondere Vorliebe für die Gottesbezeichnung „der Fernnahe“ (le Loingprés). Die Inquisition ist verantwortlich für ihr Ende auf dem Scheiterhaufen.

Das Bewusstsein der Gegenwart Gottes hebt uns heraus aus all den Verflechtungen unseres alltäglichen Lebens. Gottes Geist öffnet unseren Horizont ins Unendliche und lässt die Mächte, die uns umgeben, verblassen. Mit Gott stehen wir auf einem festen Fundament.

 

Sie sahen aber den Freimut des Petrus und Johannes und wunderten sich; denn sie merkten, dass sie ungelehrte und einfache Leute waren …

Petrus aber und Johannes antworteten… „Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, dass wir euch mehr gehorchen als Gott. Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“

(Neues Testament, Apostelgeschichte 4,13-20)

 

»Wer nun auf das hört, was ich gesagt habe, und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist …“ Als Jesus dies alles gesagt hatte, waren die Zuhörer von seinen Worten tief beeindruckt. Denn Jesus lehrte sie mit einer Vollmacht, die Gott ihm verliehen hatte – ganz anders als ihre Schriftgelehrten.

(Worte der sogenannten „Bergpredigt“ von Jesus aus Nazareth; Neues Testament, Matthäus-Evangelium 7, 24-29)

 

So wie Gott, so ist auch Christus fern und nah zugleich. Als Christen ist er unser Vorbild. Wir identifizieren uns mit ihm, und auf mystische Weise erfüllt er uns, und ist unser Leben.

 

Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat. Keiner von euch fragt mich, wohin ich gehe,  denn ihr seid voller Trauer über meine Worte. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist besser für euch, wenn ich gehe. Sonst käme der Helfer nicht, der an meiner Stelle für euch da sein wird. Wenn ich nicht mehr bei euch bin, werde ich ihn zu euch senden.

(Johannes-Evangelium 16,5-7)

 

Darum lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! …

(Paulus in seinem Brief an die Galater, 2,20)

 

Die Fernnähe Gottes und Christi sollte uns nicht fremd erscheinen. Wir erfahren dies ja auch in der Beziehung zu Menschen. Wenn unsere Liebsten Tausende von Kilometern entfernt sind, so können sie unserem Herzen doch spürbar nahe sein.

Menschen erfahren allerdings manchmal auch das Gegenteil:  Ein Mensch ist uns fremd, der in unseren Armen ist …

Unsere Beziehungen sind wie ein Tanz, wo sich Nähe und Ferne abwechseln; und manchmal fühlen wir einander näher gerade dann, wenn wir räumlich voneinander getrennt sind.

Die tiefste Trennung zwischen Menschen ist der Tod. Die körperliche Nähe eines geliebten Menschen ist in dieser Welt damit endgültig zu Ende gegangen. In unserem Herzen jedoch leben all die Erfahrungen und Gefühle von Ferne und Nähe zu diesem Menschen weiter …

[Eine neuere Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]

 

Spucke, ein Schuh, „Barfüßer“ und Todesstrafe bei Coitus Interruptus

 

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Judaic halizah shoe for declining to marry a childless widow, United States, NY, shoe museum, by Daderot (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

 

Klingt etwas krass – kann man aber in seiner Bibel nachlesen:

 

Juda nahm dann für seinen erstgeborenen Sohn Ger eine Frau namens Thamar. Aber Ger, der Erstgeborene Judas, zog sich das Missfallen des HERRN zu; daher ließ der HERR ihn sterben. Da sagte Juda zu Onan: »Gehe zu der Frau deines Bruders ein und leiste ihr die Schwagerpflicht, damit du das Geschlecht deines Bruders fortpflanzest!« Da Onan aber wusste, dass die Kinder nicht als seine eigenen gelten würden, ließ er, sooft er zu der Frau seines Bruders einging, (den Samen) zur Erde fallen, um seinem Bruder keine Nachkommen zu verschaffen. Dieses sein Tun missfiel aber dem HERRN, und so ließ er auch ihn sterben.

(Die Bibel / Tanach, Tora, Bereschith / Genesis / 1. Mose, 38. Kapitel, Verse 6-10)

 

Die Hauptfigur dieser Erzählung ist eigentlich eine Frau: Tamar. „Berühmt“ geworden ist diese Erzählung allerdings durch den Begriff „Onanie“, eine alternative Bezeichnung für Masturbation, abgeleitet von dem Mann Onan in dieser Erzählung, der von Gott mit dem Tode bestraft wird.

Onan hat allerdings weder masturbiert, noch wurde er bestraft, weil er Coitus Interruptus praktiziert hat, sondern er wurde bestraft, weil er seiner verwitweten Schwägerin keine Kinder machen wollte. Dieser Text hatte leider in der Geschichte „christlicher“ Sexualethik keine gute Wirkungsgeschichte; wie so manch anderer Text auch.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Es geht in dieser Erzählung also weder um Masturbation noch um Coitus Interruptus, sondern um die Verweigerung Onans, seiner verwitweten Schwägerin, und damit seinem verstorbenen Bruder, Kinder zu machen. Man spricht hier auch von „Schwagerehe“ oder „Leviratsehe„, zu der auch ein paar andere Verse in der Tora etwas zu sagen haben:

 

Wenn ein verheirateter Mann kinderlos stirbt und in der Nähe ein Bruder von ihm lebt, muss dieser die Witwe zur Frau nehmen. Sie soll keinen Mann außerhalb der Familie heiraten, sondern ihren Schwager. Der erste Sohn, den sie dann zur Welt bringt, soll als Sohn des Verstorbenen gelten, damit sein Name in Israel weiterlebt. Will aber der Bruder seine Schwägerin nicht heiraten, dann soll sie zu den führenden Männern gehen, die am Stadttor Gericht halten. Sie soll sagen: »Mein Schwager weigert sich, mich zu heiraten. Er will nicht dafür sorgen, dass der Name seines Bruders weiterlebt.« Die führenden Männer der Stadt sollen ihn rufen und ihn zur Rede stellen. Bleibt er bei seiner Ablehnung, dann soll seine Schwägerin ihm dort vor den führenden Männern einen Schuh ausziehen, ihm ins Gesicht spucken und ausrufen: »So behandelt man jemanden, der die Familie seines Bruders nicht am Leben erhalten will.« Ganz Israel soll es erfahren und ihn und seine Familie von da an
»Barfüßer« nennen.

(Die Bibel / Tanach, Tora, Devarim / Deuteronomium / 5. Mose, 25,5-10)

 

Besonders interessant ist diese Regelung, da sie moderne „christliche“ Moralvorstellungen vom Sex in einer monogamen Beziehung etwas stört. Der Bruder, der seine verwitwete Schwägerin heiraten soll, wird, wenn er alt genug gewesen ist, in der Regel zur damaligen Zeit auch schon verheiratet gewesen sein. Dennoch soll er, auf Gottes Gebot hin, seine Schwägerin heiraten, ohne dass dies als Ehebruch gewertet wird oder moralisch verwerflich ist. Im Gegenteil, wird die  Verweigerung  dieser moralischen und religiösen Pflicht als verwerflich eingestuft und entsprechend geahndet.

Dies ist selbstverständlich KEIN Freibrief für Sex außerhalb einer Beziehung. Die Regelung zeigt aber, dass es in der Bibel kein durchgehendes ABSOLUTES Verbot für Sex außerhalb einer monogamen Beziehung gibt, bzw. auch Polygamie in der Tora für diesen Fall möglich war. Die gesamte Vorstellung mancher Konservativen, dass sich das Sexualverhalten von Christen eindeutig durch Bibelverse regeln lässt, ist an sich natürlich schon eine abenteuerliche Vorstellung.

 

Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

(Die Bibel, Neues Testament, 1. Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth 6,12)

Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen.

(1. Korintherbrief 10,23-24)

 

Die Frage: „Wie weit darf ich denn gehen ohne gegen Gottes Willen zu verstoßen?“ verrät an sich schon ein schlechtes Verständnis von der Freiheit eines Christen. Vor Gott hat ein Christ  volle  Freiheit und  volle  Verantwortung.