ökumenisch Bibel lesen

 

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By Friedrich Meier-Vermeersch (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

 

Viele Christen sehnen sich, nach einer innigeren Verbundenheit und größeren Einigkeit in der Christenheit.

 

Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete sein Eigentum als privaten Besitz, sondern alles gehörte ihnen gemeinsam.

(Die Bibel, Neues Testament, Die Apostelgeschichte, 4. Kapitel, Vers 32)

 

Die Christenheit hat manchmal ein schlechtes Image, und das liegt u.a. an ihrer Zerstrittenheit. Das Problem ist nicht, dass es verschiedene christliche Traditionen gibt. Das Problem ist, dass sich Christen bewusst von einander abgrenzen.

Im Ortsteil von Berlin, wo ich wohne, gibt es mindestens vier verschiedene christliche Gemeinden, die mehr oder weniger ihr eigenes Ding machen. Der wesentliche Grund dafür ist, dass die Menschen, die dort hingehen, sich einbinden in Traditionen und Strukturen, die sich von einander abgrenzen. „Christliche“ Glaubensbekenntnisse dienen oft dazu, sich von den „falschen Christen“ zu distanzieren.

Ich bin aufgewachsen in einer kleinen exklusiven Freikirche („Gemeinde Christi“), wo manche glaubten, dass sie die einzig wahren Christen sind, weil sie biblischer sind als alle anderen. Ein „unbiblischer Christ“ ist nach dieser Logik gar kein Christ, und man erhält so eine „künstliche“ Einheit von Christen, die alle dieselbe Meinung haben.

 

 »Ich versichere dir«, entgegnete Jesus, »nur wer durch Wasser und durch Gottes Geist neu geboren wird, kann in Gottes Reich kommen! Ein Mensch kann immer nur menschliches Leben hervorbringen. Wer aber durch Gottes Geist geboren wird, bekommt neues Leben.«
(Neues Testament, Johannes-Evangelium 3,5-6)

 

EIN  LEIB

Die Gemeinschaft der Christen, der Leib Jesu (Epheser 4,4), ist nicht etwas, das wir Christen schaffen und verwalten können, sondern sie ist eine neue Schöpfung Gottes. Die biblischen Texte sind etwas Gemeinsames, das uns verbindet. Aber der eigentliche Grund für unsere Verbundenheit ist nicht ein einheitliches Bibelverständnis.

Viele Veränderungen reifen in unserem Kopf heran. Unsere Wahrnehmung und unser Denken verändern sich, und wir haben dann die Chance, dass sich auch unser Verhalten und die Wirklichkeit verändern.

Wir leben in einer Zeit, wo wir besser als je zuvor verstehen, das Alles mit Allem zusammenhängt. Quantenphysik und Ökosysteme sind dazu nur zwei Stichworte. Dieses neue Bewusstsein trifft in besonderer und tiefer Weise auch auf die Christenheit zu. Wir SIND als Christen ein Organismus, und alles, was die Verbundenheit zwischen Christen stört oder sie von einander trennt, beschädigt diesen Organismus.

Wenn alle Christen die Christenheit als Organismus wahrnehmen und denken lernen, besteht die Chance, dass wir auch praktisch im Alltag immer enger und tiefer mit einander verbunden leben.

 

öKuBi

Dies könnte eine niedliche Abkürzung für eine schöne Sache sein: „Ökumenischer Bibelkreis“. Vielleicht an manchen Orten ein erster Schritt zu einer besseren Christenheit.

Mehr als 6.000 Suchergebnisse für „Ökumenischer Bibelkreis“ in meiner Ecosia-Suchmaschine (die, die Bäume pflanzt). Viele solche Gruppen gibt es offensichtlich schon!

Leider habe ich noch keine zentrale Webseite gesehen, wo es mehr Informationen oder Austausch dazu gäbe. – Wäre es nicht toll, wenn alle, die sich dafür interessieren oder über Erfahrungen austauschen möchten, ein Internet-Portal dafür hätten? Wäre das nicht ein sinnvoller Beitrag für die Ökumene im deutschsprachigen Raum? (Vielleicht sogar mehrsprachig?)

Der Begriff erklärt sich fast von selbst. Es geht um Menschen verschiedener christlicher Traditionen (eben „ökumenisch“), die zusammenkommen, um in der  Bibel zu lesen und darüber zu sprechen. Man muss sich nicht darüber streiten, welche Bibelausgabe man benutzen sollte. Jeder nimmt einfach die Bibel, die er/sie gerne liest, und man tauscht sich aus. Vielfalt schafft unterschiedliche Perspektiven und Bereicherung.

Warum machen Menschen so etwas?

Weiß ich nicht. Ich hab noch keinen gefragt. Ich wünschte, ich hätte schon die Zeit gefunden, mir so etwas einmal persönlich anzuschauen. Jede Gruppe ist natürlich immer nur so gut wie die Menschen, die grad da sind. Ökubi’s sind ganz bestimmt nicht alle gleich.

Ein paar Ideen hätte ich schon, warum so etwas sinnvoll sein kann:

Wenn Christen sich immer nur im Rahmen ihrer eigenen Gruppe und Tradition bewegen, ist der Horizont doch stark begegrenzt. „Ökumenisch“ erweitert den Horizont! Anhänger Jesu sollten sich sowieso für einander und das GEMEINSAME interessieren – egal wo und wie sie zum Glauben gefunden haben. So eine „gemischte“ Gruppe erfordert natürlich Respekt für die Tradition und Glaubenserfahrungen des anderen. (Sollte man ja aber eigentlich sowieso haben. Gerade als Christ!)

Ein zweiter Punkt (der offensichtlich mit dem ersten zusammenhängt) ist das Finden des Wesentlichen am christlichen Glauben. Schon zur Zeit Jesu gab es eine Vielzahl von Texten, Traditionen und religiösen Gruppen im Judentum. Jetzt, nach 2000 Jahren Christentum, ist die Fülle an „Christlichem“ schier unüberschaubar. Es ist unbedingt notwendig zu fragen: Was wollte Jesus von Nazareth eigentlich? Und was hat das mit uns heute zu tun?

Ziel kann auch kaum die Ökumene um jeden Preis sein. Selbst wenn es christliche Kirchen schaffen sollten, sich zu vereinigen, ist damit noch nicht garantiert, dass am Ende auch etwas Gutes dabei herausgekommen ist. Wir brauchen unbedingt ein klares Verständnis von dem, was eigentlich „christlich“ ist!

 

GEFAHREN

Es gibt grundsätzliche Probleme bzgl. ökumenischen Bibelkreisen:

  1.   Die Bibel ist ein dickes Buch. Wie entscheidet man, was man liest? Wo fängt man an?
  2.  Der Teufel steckt im Detail. Man kann sich mit biblischen Detailfragen beschäftigen, bis man schwarz wird. Hat da jemand was davon?
  3.  Die Bibel ist eine Sammlung antiker Schriften. Wenn wir die Bibel lesen, blicken wir zurück in eine längst vergangene Zeit. Es geht aber darum, etwas für heute zu lernen. Wenn man den Blick nicht nach vorne richtet, bleibt man im Alten verhaftet.
  4.  Es ist der Geist, der Leben schafft. Texte sind begrenzte Hilfsmittel – auch heilige Texte. Wir brauchen die Öffnung für und das Streben nach den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes. Wo der Geist ist, da ist Freiheit.
  5. Bibelstudium ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. (2. Timotheus 3,16-17)
  6.  Es kommt auf die Wirkung an. Gottes Geist hat bestimmte Wirkungen (Galater 5,22-23). Können die Teilnehmer eines Bibelkreises spüren, dass das gemeinsame Bibellesen diese Wirkungen bei ihnen hat? Können die anderen Teilnehmer der Gruppe wahrnehmen, dass der Einzelne sich zum Positiven verändert?
  7.  Es kommt auf die Liebe an (1. Korinther 13). Lieblos ist auch die Bibel für die Katz.

Hat jemand von euch schon persönliche Erfahrungen mit ökumenischen Bibelkreisen?

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Posts. Den älteren Post mit Kommentar findet ihr hier.]

 

besseres Bibelverständnis

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By Torsten Schleese [Public domain], via Wikimedia Commons

angreifbar

Wer sich für ein besseres Bibel-Verständnis interessiert, lässt eine Schwäche erkennen und macht sich vielleicht sogar angreifbar. – Wenn du dies liest, ist es also schon zu spät. 😉 – Er lässt ja erkennen, dass er sein eigenes Verständnis für mangelhaft hält oder Mängel zumindest nicht ausschließt. Für jemanden, der schon mit Überzeugung die Bibel gepredigt hat, nicht unbedingt ein einfacher Schritt.

Sich als schwach zu präsentieren kostet Mut, und braucht Vertrauen, dass dabei auch etwas Gutes herauskommen kann. Es ist auch eine Frage von Charakter, persönlicher Integrität und Authentizität. Auch keine ganz einfachen Angelegenheiten, aber für die Sache Gottes unbedingt notwendig.

 

… „Gott widersetzt sich den Hochmütigen, nur den Demütigen erweist er Gnade.“

(Die Bibel, Neues Testament, 1. Brief von Petrus, 5. Kapitel, Vers 5)

 

Die Klärung der Frage, wie wir mit unseren heiligen Texten umgehen, ist eine der wichtigsten Fragen der Christenheit; und die Diskussion dieser Frage macht auch Konfessionen, Kirchen und andere christliche Institutionen angreifbar.

Ehrfurcht vor Gott und der Größe des Themas ist ein guter Ausgangspunkt auf dem Weg zu einem besseren Bibelverständnis.

Jesus

Als Christen glauben wir nicht, dass es die Bibel ist, die uns erlöst, sondern unser Vertrauen zu Jesus. Die biblischen Texte sind für uns wichtig, weil wir durch sie Jesus kennenlernen. Offensichtlich haben einige der biblischen Texte dafür größere Bedeutung als andere.

Gott begegnen

Bibelkenntnis ist nicht das Ziel des Evangeliums, sondern die Erlösung von Menschen. Die biblischen Texte erzählen davon, wie Menschen Gott begegnen und schaudern. Wenn Licht in die Dunkelheit unseres Lebens bricht, passiert etwas mit uns. Manche Menschen geraten sogar in eine Krise. – Wenn biblische Texte dazu dienen, dass Menschen heil werden, dann ist das eine gute Nachricht.

Zu viel Bibel?

Die Beschäftigung mit der Bibel kann auch ablenken von Wichtigerem oder Flucht vor Problemen sein. Wir brauchen Gottes Hilfe und Leitung, um die biblischen Texte und die Beschäftigung mit ihnen zu einem guten und sinnvollen Bestandteil unseres Alltags zu machen. In welchem Umfang die Beschäftigung mit der Bibel eine gute Sache ist, entscheidet nicht der Pfarrer und auch nicht ich selbst, sondern meine Lebensumstände.

Bevor man sich hastig der Bibelwissenschaft widmet oder mit seiner Bibel in einem Kämmerlein zur intensiven Lektüre einschließt, sollte man auch versuchen abzuschätzen, was machbar ist und was man erwartet. Seit mehr als 2000 Jahren haben viele Menschen große Teile ihrer Lebenszeit diesen heiligen Texten gewidmet. Dennoch sind noch viele, auch grundsätzliche, Fragen offen. Am Ende steht oft eine persönliche Einschätzung und eine Entscheidung, was man denn glauben will.

Die eigenen Vorstellungen und Erwartungen

Manche Christen scheinen zu denken, dass sie das „RICHTIGE“ Bibelverständnis kaufen können, indem sie entsprechende Produkte erwerben. Was man kauft, ist aber natürlich immer nur die Darstellung eines Menschen – egal welche christliche Organisation dies auch abgesegnet haben mag. Gute Bibel-Kommentare präsentieren nicht nur EINE Sichtweise, sondern stellen die Breite der Diskussion zu einzelnen Bibelstellen dar.

Keiner von uns liest die Bibel „objektiv“. Wir bringen alle ein kulturell geprägtes Vorverständnis mit und lesen die Bibel durch unsere persönliche „Brille“. Ein tolles Projekt zu diesem Thema ist Worthaus, welches jetzt bereits ins siebente (!) Jahr geht.

Was erwartest du, wenn du dich mit der Bibel beschäftigst?

Dies ist keine unwichtige Frage. Hast du die Vorstellung, dass sich all die einzelnen Verse wie bei einem Puzzle zu einem Gesamtbild zusammensetzen werden, dass dann alle wichtigen Fragen beantwortet? Oder erwartest du eher einzutreten in eine Diskussion aus unterschiedlichen Stimmen zu dem Glauben an den einen wahren Gott? Oder rechnest du damit historische Beispiele zu finden, wie Glauben vor 2000 Jahren funktioniert hat? Oder …? …

Die Texte wurden allerdings alle NICHT geschrieben, um UNSERE Erwartungen zu erfüllen. Wenn wir uns falsche Vorstellungen und Erwartungen bewusst machen, kann dies vielleicht Enttäuschungen oder Missverständnisse verhindern. Vielleicht würde es sich für dich ja sogar lohnen, wenn du einmal wild drauf los schreibst, was dir zur Bibel für Assoziationen und Gedanken kommen und danach auch versuchst auszuformulieren, welche Gefühle, Meinungen, Überzeugungen, u.ä., du in Bezug auf die Bibel hast und was du dir erhoffst.

Wieviel kommt, z.B., zusammen, wenn du alles aufschreibst, was du sicher über die Entstehung der biblischen Texte, ihre Überlieferung und die Entstehung des biblischen Kanons weißt?

Sind dir bei dir selbst schon einmal Fehleinschätzungen oder Irrtümer in Bezug auf die Bibel aufgefallen?

Wäre es dir lieber, die Bibel wäre anders, oder findest du die Bibel gut, so wie sie ist (inklusive aller Geschlechtsregister und schwierigen Stellen)? Kennst du die Bibel überhaupt gut genug, um sagen zu können, dass du sie so gut findest, wie sie ist? (Ist die Frage vielleicht schon ein Sakrileg?)

Grundverständnis

Um richtig zu verstehen, was eine (christliche) Bibel objektiv ist, braucht man nur 1 Minute:

Eine Bibel ist eine Sammlung von Schriften, die grundlegend für das Christentum geworden sind. – War noch nicht einmal ganz eine Minute. 😉

Damit ist natürlich längst noch nicht alles gesagt. Aber es ist, glaube ich, ein sehr guter Ausgangspunkt; insbesondere dann, wenn man mit anderen Menschen ins Gespräch über diese Texte kommen will. Apologetische Gehirnakrobatik über die „Wahrheit des Wortes Gottes“ ist ein gewagtes Unterfangen. (Mit welcher Testmethode verifiziert man Göttlichkeit?)

Eine grobe Kenntnis von biblischen Motiven und biblischer Erzähltradition ist eine große Hilfe, wenn man einen Einzeltext verstehen möchte. Das kleine Emergent-Büchlein von Dominik Sikinger „Wie die Bibel Sinn macht“  (2013) gibt einen guten Überblick.

Qualität von Bibelübersetzungen

Wichtig ist, dass du das Meiste beim Lesen verstehst, sonst ist es für dich keine gute Übersetzung. Wenn man die verschiedenen Übersetzungen vergleicht, merkt man, dass es keine gewaltigen Unterschiede im Inhalt gibt. Wichtig beim Bibellesen ist, dass man größere zusammenhängende Texte liest und sich nicht an einzelnen Wörtern aufhängt. Dann versteht man auch was.

objektiv

Der objektive Zugang zu den biblischen Texten ist natürlich der wissenschaftliche; was in Bezug auf die Bibel dann der bibel-, religions- oder literaturwissenschaftliche wäre. (Allerdings ist nicht überall, wo „Wissenschaft“ drauf steht, auch Wissenschaft drin; und auch bei „echter“ Wissenschaft gibt es Qualitätsunterschiede.)

Allgemeinverständlich gibt es bei Wikipedia ein Bibel-Portal; für den, der es wissenschaftlicher mag, auch noch eins von der Deutschen Bibelgesellschaft. Darüber hinaus gibt es natürlich noch eine Fülle weiterer Informationsquellen im Netz.

Es geht bei der wissenschaftlichen Annäherung an die biblischen Texte, sowohl darum, wie die Texte in ihrer Zeit gemeint waren, als auch, um die Wirkung, die sie danach gehabt haben. Beides lässt sich natürlich nicht 100%ig erfassen.

Zum Verstehen der Bibel aus ihrer Kultur heraus gibt es im Englischen zwei bedeutende, relative neue Veröffentlichungen: Die „Jewish Study Bible“ und das „Jewish Annotated New Testament„. (Mir ist leider nicht bekannt, ob es Vergleichbares auf Deutsch gibt oder geplant ist.)

subjektiv

Es gibt ein „subjektives“ Verstehen oder Erahnen dessen, was ein Text Gutes in deinem eigenen Leben bewirken kann. Dies gilt für dich. Es ist kein „objektives Bibelverstehen“, das so auch für jemand anders gelten muss. Aber wenn du anderen davon erzählst und die dann neugierig auf die Bibel werden, dann passiert vielleicht auch etwas Gutes im Leben der anderen.

Das Potential der biblischen Texte ist allerdings nicht nur positiv. Biblische Texte oder einzelne Verse haben auch Schaden angerichtet und tun es immer noch. Die Beurteilung dessen, ist natürlich auch eine Frage der persönlichen Einschätzung. Die Erzählung von Jesu Versuchung in der Wüste, sollte uns zu Denken geben:

Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«

Neues Testament, Matthäus-Evangelium 4,6

Die Einteilung in objektiv und subjektiv ist natürlich auch nur ein Modell, dass nicht 100%ig passt. Es gibt kein 100%ig objektives Verstehen von Texten. Sprache ist ein wildes Wesen und Ausdruck kollektiver geistiger Prozesse. Sprachwissenschaftliche Analysen und Aussagen haben immer eine gewisse Begrenztheit.

Allgemein muss man allerdings schon sagen, dass zu einem besseres Verstehen der biblischen Texte notwendigerweise auch eine verbesserte Kenntnis der Originalsprachen und Kulturen der Bibel gehört, und damit verbunden die Frage, wie sich dies in anderen Sprachen & Kulturen wiedergeben lässt. Diese Aufgabe muss nicht jeder einzelne Gläubige stemmen, aber es ist eine wichtige Aufgabe für die Christenheit.

besser

Die Frage nach einem BESSEREN Bibelverständnis kann man „objektiv-wissenschaftlich“ verstehen, im Sinne von: Welche Erklärungen machen im Licht des derzeitigen Forschungsstandes mehr Sinn. Man kann sich allerdings auch fragen: Besser wofür oder wozu?

Ein großes Thema in den biblischen Texten ist die Verwirklichung der guten Absicht Gottes für seine Schöpfung. Jeglicher Lernzuwachs in Sachen Bibel muss sich an diesem großen Ziel messen lassen. (Werte- und ziellose Wissenschaft fände ich höchtst problematisch angesichts der extrem ernsten Situation der Menschheit.)

Eine regelmäßige Kontroll-Frage beim Bibelstudium könnte sein: Führt meine Beschäftigung mit der Bibel wirklich dazu, dass ich mehr so werde, wie Gott mich haben möchte, und der ganze Rest der Schöpfung auch? (Oder sollte ich bei meinem Studium etwas ändern?)

Die Frage, ob es einen guten Gott gibt und was genau seine Absichten sind, dies ist natürlich wieder eine Frage des persönlichen Glaubens. In der Bibel können wir lesen, was fromme Menschen in der Antike dazu gesagt haben; und, ich meine, davon können wir auch eine Menge lernen.

anfangen

Die Bibel ist ein dickes Buch. Man kann nicht alles auf einmal lesen, und man muss auch nicht unbedingt ganz vorne anfangen. Die Bibel besteht aus mehr als 200 Einzeltexten. Wenn dir schon ein Text aufgefallen ist, der dich interessiert, dann wäre das vielleicht ein guter Anfangspunkt.

Ich habe für mich selbst das Verstehen der biblischen Texte als ein lebenslanges Projekt ins Auge gefasst. Natürlich kann man mit Lebens-Entscheidungen nicht warten, bis man eine passende Bibelkenntnis erworben hat. Wir müssen im Leben, privat und auch als Glaubensgemeinschaft manchmal Entscheidungen treffen, die nicht aufschiebbar sind. Im Ringen um diese Entscheidungen, wird es wichtig sein, zu welchem Verständnis der biblischen Texte und zu welchem Umgang mit der Bibel wir bis dahin gekommen sind.

Wenn Gott wirklich etwas mit der Überlieferung dieser Texte zu tun hatte, dann haben wir Grund zu hoffen, dass sie gut sind für uns und andere.

BIBEL. JETZT. (6) – Bibel 4D (vier-dimensional)

 

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By Jason Hise at English Wikipedia (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Häh? 4D?

Das geht doch gar nicht. – Oder?

Dimensionen

Der Text, den du gerade liest, ist ein bzw. zwei-dimensional. Der Raum oder die Umgebung, in der du dich gerade befindest ist drei-dimensional: Breite x Höhe x Länge/Tiefe. So wie ein Würfel oder andere Körper.

In diesem Post geht es nun um Vier-Dimensionales. Aber, keine Angst, hier geht’s nicht um Mathematik; und es geht auch nicht, um ein neues Computer-Game zur Bibel, sondern …

 

„Darum gleicht jeder, der auf meine Worte hört und tut, was ich sage, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, stürzt es nicht ein, denn es ist auf Felsen gegründet. Doch wer meine Worte hört und sich nicht danach richtet, gleicht einem unvernünftigen Mann, der sein Haus einfach auf den Sand setzt. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten, wenn der Sturm tobt und an dem Haus rüttelt, bricht es zusammen und wird völlig zerstört.“

(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 7. Kapitel, Verse 24-27)

 

Sicherheit und Denkgebäude

Wohl dem, der ein festes Fundament für sein Leben gefunden hat; und dies gilt ganz besonders für Menschen, die eine Familie gründen wollen oder auf andere Art und Weise Verantwortung für das Leben anderer Menschen übernehmen. Leben braucht Sicherheit und Orientierung.

Sinn-Zusammenhänge erkennen können sogar Tiere (sonst könnte man Tiere ja gar nicht dressieren); und auch schon für Säuglinge und Kleinkinder ist die richtige Deutung ihrer Wahrnehmungen und Erfahrungen überlebenswichtig. Deutung passiert nicht nur auf gedanklicher Ebene.

Für Kinder werden zusätzlich dann noch Regeln aufgestellt. Geht auch gar nicht anders. „Nicht auf die Straße rennen!“ – „Nicht die heiße Herdplatte anfassen!“ – Bevor wir das so richtig kapieren, finden wir uns in einer Art Denk-Gebäude wieder aus Regeln, Traditionen, Gewohnheiten, Argumenten, Fakten, Vermutungen, … und wir arbeiten dann unser Leben lang an diesem Puzzle des Lebens, um Sinnzusammenhänge richtig zu deuten und uns auf sie einzustellen.

Gut zu leben, bedeutet u.a. seine Wahrnehmungen und Erfahrungen richtig deuten zu können: Was ist da gerade passiert? Was hat derjenige gemeint? Warum ist die Sache wieder schief gegangen? Warum mag mich keiner? …

Als Erwachsener hat man sich in der Regel irgendwann sein „Denk-System“ aus Meinungen, Wertevorstellungen, Überzeugungen, usw. zusammengebastelt und hofft, in diesem Fahrzeug gut durchs Leben zu rollen. Mit dem Bild des Hauses gesprochen: Man sitzt in seinem Denkgebäude und guckt aus dem Fenster. Doch,

 

„… wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst.“

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Psalm 127, Vers 1)

 

Die vierte Dimension

Leben bleibt nicht stehen. Die Uhr tickt, und der Zeiger dreht sich weiter. Das ist die vierte Dimension. Leben ist nicht statisch, eingefroren oder einbetoniert. Es ist gerade das eigentliche Wesensmerkmal des Lebens, dass Lebewesen wachsen, sich verändern und bewegen. Leben ist VIER-dimensional: Bewegung und Veränderung im Laufe der Zeit. (Die obige Animation dient übrigens nur dazu, Bewegungen im drei-dimensionalen Raum zu illustrieren.)

Bibel 4D

Die Bibel ist eine Sammlung von ein bzw. zwei-dimensionalen Texten. Buchstabe hinter Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz. Wörter auf einem platten Blatt Papier bzw. einer Schriftrolle. Aber diese Worte sind im Leben entstanden; und das auch nicht zu EINEM festen Zeitpunkt, sondern über eine lange Zeit erstreckt. Die Bibel ist weder das Stillleben eines Malers, noch das Standbild in einem Film.

Dieser vier-dimensionale Zusammenhang der Bibel ist in den Texten selbst nicht vollständig erhalten. Wir können allerdings versuchen, so gut es eben geht, den geschichtlichen Zusammenhang und das Leben der Menschen von damals zu rekonstruieren, und dann versuchen die Texte in diesem Zusammenhang zu verstehen.

Schon die Verfasser der biblischen Texte selber versuchten durch das Schreiben der Texte, ihre Erfahrungen zu verarbeiten und zu deuten. Die religiöse jüdische Geschichtsschreibung ist ein andauerndes Ringen darum zu verstehen, warum Gott so mit ihnen umgegangen ist. Die Texte selbst schon eröffnen einen Deutungsraum, in dem es darum geht, Gottes Wirken in seiner Schöpfung zu erkennen und zu verstehen; und dieser Deutungsraum erstreckt sich durch die Zeit bis zu uns heute.

Das Buch Hiob, z.B., beschäftigt sich mit einer der schwersten Frage überhaupt: unverdientes, schweres Leid. Die Frage wird in dem Buch diskutiert, und die Rahmenhandlung erklärt auch den Grund für Hiobs Leiden. Ob dies jedoch immer und überall eine ausreichende Erklärung für Leid ist, bleibt dem Urteil des Lesers überlassen.

Die Bible-Community

Die biblischen Texte sind nicht zum Zeitpunkt des Verfassens versiegelt worden, so dass wir heute die ersten Leser wären, die diese Texte zu Gesicht bekämen und über sie diskutieren könnten. (Sie wurden ja auch gar nicht direkt für uns geschrieben.) Vielmehr sind die Texte über all die Jahrhunderte Teil des religiösen Lebens der Menschen gewesen, die diese Texte geschätzt, gelesen und diskutiert haben.

Wenn wir die Bibel lesen, stellen wir bald fest, dass manche biblischen Aussagen schon ihrerseits auf noch ältere biblische Texte Bezug nehmen. Die Bibel zitiert sozusagen sich selbst. Dies zeigt uns, wie diese Texte Teil des geistlichen Lebens von religiösen Gemeinschaften gewesen sind. Man las die alten Texte und schrieb neue. Als Bibel-Leser tauchen wir ein in eine Welt von „Bibel-Leuten“, sozusagen eine Bible-Community, die sich über Zeit und Raum erstreckt bis hin zu zu mir.

Deutungsraum

Die Freunde von Skizzen und Modellen können versuchen sich das so vorzustellen (auf eine optische Darstellung habe ich aus naheliegenden Gründen verzichtet):

Menschen schreiben Texte für Menschen, und Menschen lesen diese Texte (Horizontale Beziehungsebene). Menschen sprechen zu Gott (Gebet, Hilferuf, Schwur, Lob, Dank, …), und Gott spricht zu den Menschen (Propheten, Engel, Traum, brennender Dornbusch, …) – vertikale Beziehungsebene.

Horizontale: Kommunikation zwischen Menschen
Vertikale: Gott spricht zu Menschen und Menschen sprechen zu Gott

Da dies alles allerdings nicht zu einem einzigen Zeitpunkt stattfand und -findet, dehnt sich dieser Raum auch zeitlich aus. Sozusagen in einer vierten Dimension. (Kann man sich logischerweise optisch nicht mehr räumlich vorstellen.) Es entsteht ein zeitlich-räumlicher Deutungsraum des Redens über, zu und von Gott her. Die Wirkung der biblischen Texte dehnt sich sozusagen in einem vierdimensionalen Deutungsraum aus bis hin zu meinem Stuhl (falls ich im Sitzen lese).

Platte Deutungen biblischer Texte sind fragwürdig. Wahrheit ist nicht eindimensional; und Sprache transportiert mehr, als dem Sprechenden oder Schreibenden bewusst ist. Wie man richtig oder gewinnbringend (nicht finanziell gemeint) mit biblischen Texten umgeht, ist eine für das Christentum entscheidende Frage.

Wirkung

In der Literaturwissenschaft betrachtet man immer auch die Wirkungsgeschichte von Texten und deren „Rezeption“; d.h. man untersucht, wer die Texte wo zitiert hat, welche Wirkungen sie gehabt haben, wie der Stoff weiter verarbeitet worden ist, usw. In den letzten 100 Jahren sind auch viele Bücher verfilmt worden – darunter auch die Bibel oder biblische Texte.

Durch die Jahrhunderte wurden die biblischen Texte und ihre Wirkungen ein wesentlicher Teil der Menschheitsgeschichte, insbesondere in der westlichen Welt und im Vorderen Orient. Man kann sich kaum vorstellen, wie unsere Welt die letzten 2000+ Jahre ausgesehen hätte, wenn es diese Texte nicht gegeben hätte. Nicht alle Wirkungen waren allerdings positiv; und auch heute noch kann „Bibel“ Menschen auch Schaden, wenn schlecht damit umgegangen wird.

Manche scheinen zu glauben, dass heilige Texte über solche kritische, literaturwissenschaftliche Untersuchungen erhaben sind. Aber nichts in unserer Welt ist so heilig, dass es nicht auch missverstanden oder missbraucht werden könnte. Gerade bei Texten, die einen göttlichen Anspruch haben, ist es unbedingt notwendig genau hinzuschauen, wie sie benutzt werden und welche Wirkungen sie haben.

Ich komme regelmäßig an einem kleinen Büro vorbei, in dem mitgearbeitet wird am Entstehen einer internationalen, Englisch-sprachigen Enzyklopädie über die Bibel und ihre Wirkungsgeschichte: „Encyclopedia of the Bible and its Reception“.

Leben für Betonköpfe

Es ist ein zentrales Problem aller Buchreligionen: Texte sind starr – das Leben nicht. Im Laufe der Kirchengeschichte ist vielerorts das christliche Denken erstarrt. Obwohl das Leben ständig weitergeht, versuchen manche Christen ihren Glauben aus einem perfekten „Glaubenssystem“ abzuleiten, dass sie sich aus Bibelversen, Glaubensbekenntnissen und Dogmen konstruiert haben. Ein frag-würdiges Projekt. Schon Paulus wusste:

 

„… der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

(Neues Testament, 2. Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth, 3. Kapitel, Vers 6)

 

Steinernde Herzen

Wie wir die Bibel lesen, hat auch damit zu tun, was für Menschen wir sind. Manch einem ist die Sicherheit eines starren Denkgebäudes lieber als die Unsicherheit des Lebens und des Glaubens. Kinder brauchen auch noch mehr Regeln als erfahrene Erwachsene. Und manche hat schon das Leben hart gemacht.

 

„Ich will euch ein anderes Herz und einen neuen Geist geben. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und gebe euch ein lebendiges Herz. Mit meinem Geist erfülle ich euch, damit ihr nach meinen Weisungen lebt, meine Gebote achtet und sie befolgt.“

(Tanach / Altes Testament, Hesekiel 36,26-27)

 

In Jesus nahm das Wort Gottes menschliche Züge an und lebte unter uns, wie wir. Gott wohnt bei seinen Menschen. Und auch nach Jesu Aufnahme in den Himmel hat er uns hier nicht allein gelassen.

Ein für allemal: JESUS !

 

„… zu ermahnen, dass ihr für den Glauben kämpft, der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist.“

(Neues Testament, Judas-Brief, Vers 3)

 

Manche Menschen haben Angst vor Veränderungen – andere sehnen sich danach.

Ist unser christlicher Glaube nicht etwas Unveränderliches, auf das man sich verlassen kann?

Die Gestalt unseres Glaubens ist Jesus. Auf IHN können wir uns verlassen. Das allein ist christlicher Glaube.

Lebendiger Glaube – Haben oder sein

Glaube ist kein Besitz, den man sich in die Tasche stecken kann. LEBEN-diger Glaube kann nur ge-LEBT werden; und Leben ist Vier-dimensional. Vier-dimensional müsste auch die Art und Weise sein, wie biblische Texte gelesen und verstanden werden, und wie sie für Menschen heute noch wertvoll werden können.

Bibellesen im Geiste Gottes und Jesu. Das ist das Ziel, dem ich in dieser Artikelreihe auf die Spur zu kommen suche. Dazu gehört es, sensibel zu werden für Veränderungen und genau hinzuschauen, welche Gestalt der Glaube an den EINEN Gott in den unterschiedlichen biblischen Texten gefunden hat. Wie ging Jesus mit seinen heiligen Texten um? Und wie unterscheidet sich Paulus‘ Verständnis vom Leben im Geist vom Dienst des Buchstabens?

In diesem Artikel geht es nicht darum, dass sich die Texte verändern würden, sondern darum, dass sich UNSER VERSTÄNDNIS der Texte verändert und die WIRKUNG die sie haben. Ich lese heute die biblischen Texte nicht mehr so, wie ich sie vor 40 Jahren gelesen habe. Je vertrauter uns die Texte und ihre Welt werden, desto eher verstehen wir auch den ursprünglichen Sinn.

Die Bibel ist ein Buch des Lebens: Aus dem Leben heraus entstanden und in das Leben von Menschen hinein gesprochen. Wenn wir lernen würden, Bibel 4-dimensional zu denken, könnten wir vielleicht die Engstirnigkeiten überwinden, die geistliches Leben so oft behindern.

 

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STÜRZT DAS BIBEL-DOGMA VOM SOCKEL !

 

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Die nicht ausreichend geklärte Frage unseres Umgangs mit der Bibel, ist eines der größten Probleme des Christentums. Wir haben einen Hunderte von Jahren alten Bibel-Mythos, der wie ein gewaltiger Klotz am Bein des wunderbaren Evangeliums ist. Es ist mehr als überfällig, dass das Dogma der Unfehlbarkeit der Bibel von seinem Sockel gestoßen wird, um zum Jesus-Glauben zurückzukehren. Wenn all die Frommen der Jahrhunderte Jesus und die biblischen Texte ernster genommen hätten, wäre es nie zu diesem Dogma gekommen.

 

Wehe euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten …

Weh euch, … die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen.  … Weh euch, ihr verblendeten Führer …

(Jesus von Nazareth, in Lukas 11,46 und Matthäus 23,13-16)

 

Nehmt doch endlich das Joch eurer Bibel-Verehrung von den Schultern so vieler Gläubiger! Jesus hat keinen heiligen Text aufgeschrieben und auch zu Pfingsten kam keine neue Tora vom Himmel. Es war gerade der normative Charakter heiliger Schriften, der in der frühen Christenheit zur Diskussion Stand. Um Gottes und der Menschen willen müssen wir DEUTLICH widersprechen:

Die Bibel ist NICHT das Wort Gottes !!!

(Auch wenn Luther und manche andere sich an dieser Stelle vielleicht im Grabe umdrehen.)

Ich sage dies nicht, weil ich GEGEN die biblischen Texte bin, sondern FÜR sie! Und für die MENSCHEN, die sie lesen. – Wer es nicht glauben will, soll doch einfach selbst mal in seiner Bibel nachschauen:

Lukas, zum Beispiel. – Behauptet der Verfasser des Lukas-Evangelium an irgendeiner Stelle, dass seine Worte die Worte Gottes sind oder er sie von Gott empfangen hat? Gibt es irgendeinen anderen Vers in der Bibel, der  behauptet, dass das Lukas-Evangelium Gottes Worte sind? Wann hat überhaupt in der Kirchengeschichte sich zum ersten Mal jemand angemaßt zu behaupten, dass dies Evangelium Wort Gottes ist? Und warum?

Die biblischen Texte wurden im Glauben überliefert, dass sie Zeugnisse des Wirken Gottes sind. Dadurch werden sie aber nicht zu vollkommenen Worten Gottes. Nehmt doch die Texte selbst ernst, anstatt einfach eure liebgewonnenen Ideen in die Texte hineinzulesen! Und all dies auch noch unter dem Deckmantel von Frömmigkeit und mit dem Anspruch auf Wahrheit!!!

Auch Theologen, die Fundamentalismus ablehnen, sind in ihrem Gebrauch der biblischen Texte und in ihrem Reden über die Bibel nicht immer „sauber“ (mich eingeschlossen). Wir, die „Wissenden“, tragen Verantwortung dafür, wie wir die Bibel darstellen und welche Erwartungen an diese Texte wir erzeugen. Wie wäre es, wenn wir endlich einmal eine Bibelausgabe hätten, wo nicht „Bibel“ oder sogar „Heilige Schrift“ drauf steht, sondern „Sammlung der grundlegenden Schriften des Christentums“? Das Wort „Bibel“ allein suggeriert schon eine Homogenität des Buches, die nicht gegeben ist. (Wer weiß schon, dass das Wort „Bibel“ eigentlich ein Plural ist?)

Denen, die sich schon freuen, dass sie jetzt vielleicht auch als Christen endlich machen dürfen, was Spaß macht, sei gesagt:  Ihr durftet schon immer machen, was Spaß macht; es ist nur nicht alles gut! (1. Korinther 6,12; 10,23)

Das Bibel-Dogma aufzugeben bedeutet überhaupt nicht, dass christlicher Glaube dadurch beliebig wird, es keine Orientierung mehr gibt oder die Nachfolge Jesu weniger verbindlich wird. Aber so vielfältig wie Kulturen und Menschen und das Leben müssen auch unsere Antworten sein. Und wer sagt überhaupt, dass ich die richtige Antwort für jemand anderen haben muss?

Haben wir Angst vor „der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“?  (Römer 8)

[Eine neuere Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]