Der Griff zur Bibel

 

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Verbotenes Lesen von Karel Ooms (1876) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

[Den folgenden Artikel bereite ich gerade für das Online-Magazin theologiestudierende.de vor, wo ich mitschreibe.]

 

WOZU BIBELLESEN?

Es gibt viele interessante Bücher, die man lesen könnte, und manche, die man lesen muss. Für Theologie-Studierende ist die Bibel allerdings nicht einfach ein Lehrbuch unter vielen, sie ist DAS Buch. „Christliche Theologie“ ist fast synonym mit „Bibelwissenschaft“.

Die Bibel ist ein sehr dickes Buch. Im ersten Semester kann einem die Bibel wie ein Hochhaus vorkommen, dessen oberste Stockwerke von Nebel und Wolken verhüllt sind. Und wenn man dann irgendwann sein Studium abgeschlossen hat, ist man mit der Bibel noch lange nicht fertig…

Aber nicht jeder Mensch interessiert sich für die Bibel.

 

„Bibel“ ???

Und diejenigen, die wenigstens schon einmal das Wort kennen, wissen deswegen nicht unbedingt auch, was da drin ist.

Es gibt viele verschiedene Gründe, weshalb Menschen zur Bibel greifen; und die folgende Liste ist bestimmt nicht vollständig (die verlinkten Seiten bitte nicht als Empfehlung verstehen, sondern als Illustration):

  1. ANGST:  Ich will nicht in die Hölle kommen. Vielleicht enthält die Bibel wichtige Informationen, die ich noch nicht kenne; oder Gott verdammt mich, weil ich nicht genug in der Bibel gelesen habe. Ich will die himmlische Chance nicht verpassen.
  2. GEHORSAM: Irgendjemand hat mir gesagt, dass ich in der Bibel lesen soll. – Pfarrer, Lehrer, Eltern, Oma, Professor, Arbeitgeber, Kirche…
  3. ANPASSUNG: In meiner Clique lesen alle die Bibel. Ich will mitreden können.
  4. GEMÜTLICHKEIT: Bibellesen versetzt mich in eine so andächtige Stimmung. Und wenn ich mit anderen zusammen in der Bibel lese, ist das so ein schönes Gemeinschaftsgefühl.
  5. ALLGEMEINBILDUNG: Bibelkenntnis gehört einfach zur Allgemeinbildung. Punkt.
  6. GESCHICHTE: Ich bin History-Freak. Geschichte hat mich schon immer fasziniert; und es gibt wohl kaum ein anderes Buch, das kulturgeschichtlich eine so große Bedeutung hat.
  7. NEUGIER: Der Name dieses Buches taucht immer wieder auf. Manche behaupten sogar, dass in der Bibel Prophezeiungen über die Zukunft sind. Ich schau jetzt mal rein und mach mich schlau.
  8. HOFFNUNG: Seit vielen hundert Jahren schon werden diese Texte von Menschen geschätzt. Vielleicht hab ich ja auch was davon, wenn ich in der Bibel lese.
  9. SUCHE: Ich will wissen, was es mit Gott auf sich hat. Die Bibel scheint für diese Frage ein wichtiges Buch zu sein. Zumindest behaupten das viele.
  10. HUNGER & DURST: Ich habe Wissensdurst und Seelenhunger. Ich will wissen, wie Leben besser funktionieren kann; und meine Seele hungert nach Worten, die satt machen.
  11. HÄNGEN GEBLIEBEN: Ich hab angefangen in der Bibel zu lesen, und irgendwas hat mich berührt und gepackt. Es zieht mich immer wieder zu diesem Buch.
  12. ÜBERZEUGUNGSTÄTER: Ich bin überzeugt, dass dieses Buch, mehr als alle anderen Bücher, für mein Leben und das anderer Menschen, wichtig ist.
  13. VERÄNDERUNG: Ich hab den Eindruck, dass das Bibellesen mir und anderen gut tut. Menschen, die viel in der Bibel lesen, sind irgendwie anders.
  14. REFORMATION: Im Christentum ist schon zu viel schief gelaufen, und die gegenwärtige Situation ist vielerorts traurig. Ich gehe zurück zu den biblischen Texten, um zu verstehen, worauf es ankommt.
  15. BEWAFFNUNG: Damit ich in der nächsten Diskussion mit einem Frommen oder Pseudo-Frommen schlagkräftige Bibel-Argumente habe. Vielleicht auch zur Teufel&Dämonen-Abwehr.
  16. GEWOHNHEIT: Bibellesen gehört für mich zur alltäglichen Routine. Bei einem Tag ohne Bibel fehlt mir was.
  17. PFLICHT: Ich muss in der Bibel lesen, weil ich Theologie-Studierender bin. Ich habe keine andere Wahl.

 

Enttäuschung

Es gibt viele mögliche Gründe, warum jemand in der Bibel liest – oder auch nicht. Ich glaube, ich war neun, als ich das erste Mal völlig freiwillig zur Bibel griff. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, warum. Ich fing gleich mit dem Neuen Testament an (ein bisschen wusste ich schon über die Bibel) und blieb dann bei Markus stecken, weil mir alles so bekannt vorkam.

Nicht immer, wenn man in der Bibel liest, erzielt man auch die gewünschte Wirkung. Bibellesen kann frustrierend sein; und dies wird man auch kaum verhindern können. Die Bibel wurde nicht unmittelbar für uns geschrieben, und auch nicht, damit wir spannende Lektüre haben. Es ist oft mühsam, wenn man versucht, die ursprüngliche Bedeutung eines Textes herauszufinden. (Übersetzungen verschleiern dies natürlich systematisch im Interesse der Lesbarkeit.)

 

Relevanz

In diesem Artikel geht es um Wirkungsgeschichte und Relevanz. Wie kommt es, dass Menschen überhaupt zur Bibel greifen? – Dass die Bibel kulturgeschichtlich gewaltige Bedeutung hat, kann niemand leugnen. Aber wie wichtig ist die Beschäftigung mit Kulturgeschichte? Was hat der einzelne Mensch oder die gesamte Menschheit davon? Hätten wir vielleicht Wichtigeres zu tun?

Ich bin bekennender Bibel-Fan; und das vor allem wegen Jesus. ER hat’s mir angetan. Und die Bibel ist die beste Quelle, wenn man verstehen will, wer Jesus war und was er wollte. (Auch wenn sicherlich manche biblischen Texte für diese Frage eine größere Bedeutung haben als andere.)

 

Jesus

Wir finden in der Bibel krasse Aussagen über Jesus, wie z.B.:

 

„Ich bin der Weg“, antwortete Jesus, „ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben. Zum Vater kommt man nur durch mich.“

(Neues Testament, Johannes-Evangelium, 14. Kapitel, Vers 6)

 

Wenn man diesen Vers liest oder zitiert, ist damit allerdings noch lange nicht klar, was denn damit genau gemeint ist. Und wenn mir jemand verklickern will, dass er das weiß, würde ich mir einmal genau erklären lassen, wie er denn zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Es werden leider viel zu oft traditionelle Erklärungen wiederholt, die nicht richtig sein müssen.

Wenn wir Jesus besser verstehen wollen, reicht es nicht aus, nur einzelne Verse zu zitieren, sondern wir sollten uns möglichst viele relevante Texte anschauen und versuchen diese im Kontext der Bibel und im Zusammenhang ihrer Zeit zu sehen.

Die Apostel verkündeten Jesus als den Messias. Diesen Titel hatten sie sich nicht selber ausgedacht, sondern ihr Glaubensbekenntnis beruhte auf den heiligen Texten der Juden und deren Interpretation. Ohne diesen Hintergrund zu kennen, kann man die Aussage kaum richtig verstehen.

 

Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu finden. Aber gerade die Schrift weist auf mich hin.

(Johannes-Evangelium 5,39)

 

Der Verfasser des Johannes-Evangeliums sah in Jesus offensichtlich die Erfüllung jüdischer Messias-Erwartung. Eine Überzeugung, die wir auch in vielen anderen neutestamentlichen Texten finden.

Auch in der paulinischen Theologie hat Jesus fundamentale Bedeutung. Nicht nur in der persönlichen Berufungsgeschichte des Apostels (Galater 1,12), sondern auch in seiner Verkündigung:

 

… ich hatte mir vorgenommen, eure Aufmerksamkeit einzig und allein auf Jesus Christus zu lenken – auf Jesus Christus, den Gekreuzigten.

(1. Korintherbrief 2,2)

Zeit

Die Bibel wurde nicht für Menschen geschrieben, die keine Zeit haben. Sie ist keine Sammlung von Kalenderblättchen oder guten Zitaten. Wer zur Bibel greift, sollte damit rechnen, dass er Zeit braucht, um herauszufinden, was die Texte damals bedeutet haben und wozu sie heute noch gut sein können. Fragen, die eng verbunden sind mit der Frage, welche Bedeutung die Überlieferung über den Mann aus Nazareth nach fast 2.000 Jahren für uns heute noch hat.

Die Wirkungsgeschichte der biblischen Texte ist komplex und nicht nur positiv. Herauszuarbeiten, wie diese Texte auch heute Gutes bewirken können, ist eine Aufgabe für Menschen mit einem langen Atem und göttlicher Berufung.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier.]

AWAKE – Ein Reiseführer ins Erwachen

 

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Aussicht bei Sonnenuntergang von der Rückseite des Wasserfalls Seljalandsfoss (Island); von Diego Delso [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons  [Wird nicht im Film gezeigt.]

 

„Awake“. – Wikipedia kennt leider nur den US-amerikanischen Thriller aus dem Jahr 2007. Fünf Jahre später wurde allerdings eine österreichische Produktion mit demselben Titel veröffentlicht (Untertitel: „Ein Reiseführer ins Erwachen“) und erhielt im selben Jahr den „Cosmis Cine Award“.

 

Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe.

(Die Bibel, 1. Johannesbrief, 4. Kapitel, Vers 8)

 

„Awake“ ist kein christlicher Film. Die österreichische Regisseurin Catharina Roland machte sich – aus einer inneren Not heraus – auf eine Reise um die Welt, um mit Gelehrten und spirituellen Lehrern über die tiefen Fragen des Lebens zu sprechen. Herausgekommen ist ein beeindruckender Dokumentarfilm über praxistaugliche Spiritualität in unserer Zeit.

Zu Wort kommen in dem Film Menschen wie Bruce Lipton, Neale Donald Walsch, Rüdiger Dahlke, Dieter Broers, Ervin László, Arjuna Ardagh, Barbara Marx Hubbard, Eric Pearl, Kiara Windrider, Daniel Pinchbeck, Canamay-Te und Esther Kochte.

Zum Film gibt es ein Praxis-Buch, das die ganze Sache noch praxistauglicher macht. (Für alle, die gerne auch ein Buch zum Lesen haben …)

Wie immer, braucht man nicht mit allem Gesagten übereinstimmen, und kann dennoch Wertvolles für sich mitnehmen. Mit den Bildern und der Musik ist es auf jedem Fall einfach ein schöner Film.

Den YouTube-Trailer findet ihr hier.

Allen Christen, die über solche Produktionen die Nase rümpfen, sei gesagt:

Zeigt doch mal her, wie tiefgehend, einfach, belebend, schön, nachhaltig, in sich stimmig und praxistauglich das ist, was ihr anzubieten habt.  😉

 

Schließlich, meine lieben Brüder und Schwestern, orientiert euch an dem, was wahrhaftig, vorbildlich und gerecht, was redlich und liebenswert ist und einen guten Ruf hat. Beschäftigt euch mit den Dingen, die auch bei euren Mitmenschen als Tugend gelten und Lob verdienen.

(Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeide in Philippi, 4,8)

 

[ Allen Bibelvers-auswendig-Lernern ist wahrscheinlich aufgefallen, dass beide Bibelstellen der 8. Vers im 4. Kapitel sind.  🙂  ]

 

Sandra Hauser | Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve

 

Sandra Hauser auf ihrem Blog zum Buch von Paul Smith:

Integral Christianity. The Spirit’s Call to Evolve

 

ökumenisch Bibel lesen

 

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By Friedrich Meier-Vermeersch (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

 

Viele Christen sehnen sich, nach einer innigeren Verbundenheit und größeren Einigkeit in der Christenheit.

 

Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete sein Eigentum als privaten Besitz, sondern alles gehörte ihnen gemeinsam.

(Die Bibel, Neues Testament, Die Apostelgeschichte, 4. Kapitel, Vers 32)

 

Die Christenheit hat manchmal ein schlechtes Image, und das liegt u.a. an ihrer Zerstrittenheit. Das Problem ist nicht, dass es verschiedene christliche Traditionen gibt. Das Problem ist, dass sich Christen bewusst von einander abgrenzen.

Im Ortsteil von Berlin, wo ich wohne, gibt es mindestens vier verschiedene christliche Gemeinden, die mehr oder weniger ihr eigenes Ding machen. Der wesentliche Grund dafür ist, dass die Menschen, die dort hingehen, sich einbinden in Traditionen und Strukturen, die sich von einander abgrenzen. „Christliche“ Glaubensbekenntnisse dienen oft dazu, sich von den „falschen Christen“ zu distanzieren.

Ich bin aufgewachsen in einer kleinen exklusiven Freikirche („Gemeinde Christi“), wo manche glaubten, dass sie die einzig wahren Christen sind, weil sie biblischer sind als alle anderen. Ein „unbiblischer Christ“ ist nach dieser Logik gar kein Christ, und man erhält so eine „künstliche“ Einheit von Christen, die alle dieselbe Meinung haben.

 

 »Ich versichere dir«, entgegnete Jesus, »nur wer durch Wasser und durch Gottes Geist neu geboren wird, kann in Gottes Reich kommen! Ein Mensch kann immer nur menschliches Leben hervorbringen. Wer aber durch Gottes Geist geboren wird, bekommt neues Leben.«
(Neues Testament, Johannes-Evangelium 3,5-6)

 

EIN  LEIB

Die Gemeinschaft der Christen, der Leib Jesu (Epheser 4,4), ist nicht etwas, das wir Christen schaffen und verwalten können, sondern sie ist eine neue Schöpfung Gottes. Die biblischen Texte sind etwas Gemeinsames, das uns verbindet. Aber der eigentliche Grund für unsere Verbundenheit ist nicht ein einheitliches Bibelverständnis.

Viele Veränderungen reifen in unserem Kopf heran. Unsere Wahrnehmung und unser Denken verändern sich, und wir haben dann die Chance, dass sich auch unser Verhalten und die Wirklichkeit verändern.

Wir leben in einer Zeit, wo wir besser als je zuvor verstehen, das Alles mit Allem zusammenhängt. Quantenphysik und Ökosysteme sind dazu nur zwei Stichworte. Dieses neue Bewusstsein trifft in besonderer und tiefer Weise auch auf die Christenheit zu. Wir SIND als Christen ein Organismus, und alles, was die Verbundenheit zwischen Christen stört oder sie von einander trennt, beschädigt diesen Organismus.

Wenn alle Christen die Christenheit als Organismus wahrnehmen und denken lernen, besteht die Chance, dass wir auch praktisch im Alltag immer enger und tiefer mit einander verbunden leben.

 

öKuBi

Dies könnte eine niedliche Abkürzung für eine schöne Sache sein: „Ökumenischer Bibelkreis“. Vielleicht an manchen Orten ein erster Schritt zu einer besseren Christenheit.

Mehr als 6.000 Suchergebnisse für „Ökumenischer Bibelkreis“ in meiner Ecosia-Suchmaschine (die, die Bäume pflanzt). Viele solche Gruppen gibt es offensichtlich schon!

Leider habe ich noch keine zentrale Webseite gesehen, wo es mehr Informationen oder Austausch dazu gäbe. – Wäre es nicht toll, wenn alle, die sich dafür interessieren oder über Erfahrungen austauschen möchten, ein Internet-Portal dafür hätten? Wäre das nicht ein sinnvoller Beitrag für die Ökumene im deutschsprachigen Raum? (Vielleicht sogar mehrsprachig?)

Der Begriff erklärt sich fast von selbst. Es geht um Menschen verschiedener christlicher Traditionen (eben „ökumenisch“), die zusammenkommen, um in der  Bibel zu lesen und darüber zu sprechen. Man muss sich nicht darüber streiten, welche Bibelausgabe man benutzen sollte. Jeder nimmt einfach die Bibel, die er/sie gerne liest, und man tauscht sich aus. Vielfalt schafft unterschiedliche Perspektiven und Bereicherung.

Warum machen Menschen so etwas?

Weiß ich nicht. Ich hab noch keinen gefragt. Ich wünschte, ich hätte schon die Zeit gefunden, mir so etwas einmal persönlich anzuschauen. Jede Gruppe ist natürlich immer nur so gut wie die Menschen, die grad da sind. Ökubi’s sind ganz bestimmt nicht alle gleich.

Ein paar Ideen hätte ich schon, warum so etwas sinnvoll sein kann:

Wenn Christen sich immer nur im Rahmen ihrer eigenen Gruppe und Tradition bewegen, ist der Horizont doch stark begegrenzt. „Ökumenisch“ erweitert den Horizont! Anhänger Jesu sollten sich sowieso für einander und das GEMEINSAME interessieren – egal wo und wie sie zum Glauben gefunden haben. So eine „gemischte“ Gruppe erfordert natürlich Respekt für die Tradition und Glaubenserfahrungen des anderen. (Sollte man ja aber eigentlich sowieso haben. Gerade als Christ!)

Ein zweiter Punkt (der offensichtlich mit dem ersten zusammenhängt) ist das Finden des Wesentlichen am christlichen Glauben. Schon zur Zeit Jesu gab es eine Vielzahl von Texten, Traditionen und religiösen Gruppen im Judentum. Jetzt, nach 2000 Jahren Christentum, ist die Fülle an „Christlichem“ schier unüberschaubar. Es ist unbedingt notwendig zu fragen: Was wollte Jesus von Nazareth eigentlich? Und was hat das mit uns heute zu tun?

Ziel kann auch kaum die Ökumene um jeden Preis sein. Selbst wenn es christliche Kirchen schaffen sollten, sich zu vereinigen, ist damit noch nicht garantiert, dass am Ende auch etwas Gutes dabei herausgekommen ist. Wir brauchen unbedingt ein klares Verständnis von dem, was eigentlich „christlich“ ist!

 

GEFAHREN

Es gibt grundsätzliche Probleme bzgl. ökumenischen Bibelkreisen:

  1.   Die Bibel ist ein dickes Buch. Wie entscheidet man, was man liest? Wo fängt man an?
  2.  Der Teufel steckt im Detail. Man kann sich mit biblischen Detailfragen beschäftigen, bis man schwarz wird. Hat da jemand was davon?
  3.  Die Bibel ist eine Sammlung antiker Schriften. Wenn wir die Bibel lesen, blicken wir zurück in eine längst vergangene Zeit. Es geht aber darum, etwas für heute zu lernen. Wenn man den Blick nicht nach vorne richtet, bleibt man im Alten verhaftet.
  4.  Es ist der Geist, der Leben schafft. Texte sind begrenzte Hilfsmittel – auch heilige Texte. Wir brauchen die Öffnung für und das Streben nach den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes. Wo der Geist ist, da ist Freiheit.
  5. Bibelstudium ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. (2. Timotheus 3,16-17)
  6.  Es kommt auf die Wirkung an. Gottes Geist hat bestimmte Wirkungen (Galater 5,22-23). Können die Teilnehmer eines Bibelkreises spüren, dass das gemeinsame Bibellesen diese Wirkungen bei ihnen hat? Können die anderen Teilnehmer der Gruppe wahrnehmen, dass der Einzelne sich zum Positiven verändert?
  7.  Es kommt auf die Liebe an (1. Korinther 13). Lieblos ist auch die Bibel für die Katz.

Hat jemand von euch schon persönliche Erfahrungen mit ökumenischen Bibelkreisen?

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Posts. Den älteren Post mit Kommentar findet ihr hier.]

 

Der Schatten der Bibel

 

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Hieronymus (im Bild) machte im 4. Jahrhundert eine Bibel in lateinischer Sprache, bekannt als „Vulgata“, welche die offizielle Übersetzung der Katholischen Kirche wurde; Marinus van Reymerswaele [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Jahrhunderte, nachdem Jesus aus Nazareth über die staubigen Wege Palästinas gegangen war, hatten Menschen die Idee, man könnte doch, um Klarheit zu schaffen, einige frühchristlichen Texte zusammennehmen und sie gemeinsam mit den vorausgegangenen jüdischen heiligen Schriften in einem Band veröffentlichen. Dies war auch buchtechnisch eine große Leistung. Solche riesigen Bücher (z.B. der Codex Sinaiticus) waren allerdings nicht gerade handlich und wegen des horrenden Preises auch noch nicht als Bestseller geeignet.

Ungefähr ein Jahrtausend (!) später sollte sich dies allerdings ändern. Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und dem Ausbruch der Reformation wurde die Bibel allmählich für viele Menschen zum häuslichen Begleiter in vielen Lebensfragen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die biblischen Texte allerdings schon längst eine gewaltige Wirkungsgeschichte und hatten ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen.

Viele Jahrhunderte lang war die Bibel nicht das weit verbreitete und gern gelesene Buch der Christenheit, sondern es waren Texte für eine sehr begrenzte Leserschaft. Diese wenigen Menschen bestimmten, welche Inhalte die einfachen Gläubigen erreichen würden – und auf welche Weise.

Keine Texte können so heilig sein, dass sie nicht missbraucht werden können. – Aber wer bestimmt, was ein guter, und was ein schlechter Umgang mit diesen Texten ist?

Die Wirkungsgeschichte der Bibel ist gewaltig – und nicht nur positiv. Wer die Schattenseite der Bibel ausblendet, läuft Gefahr, auch in der Gegenwart nicht wahrzunehmen, wo die Bibel Menschen schadet. Bibel verstehen ist Arbeit – auch Schattenarbeit.

Die biblischen Texte sind einer der großen Schätze in meinem Leben. Auch deshalb liegt mir sehr daran, dass auch andere Menschen diese Texte als Bereicherung in ihrem Leben erfahren. Dies ist allerdings leider nicht selbstverständlich …

Bibel. Jetzt. (1)

 

 

BIBEL. JETZT. (7) – heftig und klettig

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Christian Fischer [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

… „Komm, wir gehen aufs Feld hinaus.“ Als sie dort waren, fiel Kain über seinen Bruder her und schlug ihn tot.

Da fragte der Herr Kain: „Wo ist dein Bruder Abel? … Das Blut deines Bruders schreit zu mir? … Von jetzt an sollst du ein Flüchtling sein, der heimatlos von Ort zu Ort irrt.“

Kain entgegnete dem Herrn: „Meine Strafe ist zu hart, ich kann sie nicht ertragen!“

                                                                 (Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose, 4. Kapitel, Verse 8-13)

 

Es gibt krasse Szenen in der Bibel, in denen es an die Substanz menschlichen Zusammenlebens geht. Gleich auf den ersten Seiten ermordet Kain seinen nichts ahnenden Bruder. Ein paar Seiten später werden zwei Schwestern von ihrem Vater schwanger, und ein Mann ist bereit seinen eigenen Sohn für Gott zu schlachten.

 

Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

(Bereschith / Genesis / 1. Mose 22,9-10)

 

Viele biblische Erzählungen sind nicht glatt und geschmeidig und rutschen mal so eben gefällig durch das Gehirn; sondern sie sind sperrig und verstörend. – Gott lässt fast die ganze Menschheit, inkl. vieler Tiere, in einer gewaltigen Flut absaufen. Nur ein paar überleben in einer Rettungskapsel – und dann fängt wieder alles von vorne an …

Wer etwas Kuscheliges zum Einschlafen sucht, sollte besser zu einem anderen Buch greifen. Es gibt zwar einige utopische Texte und Verse, in denen eine bessere Welt beschrieben oder verheißen wird, aber die meisten biblischen Texte beschreiben keine heile Welt, sondern sind Texte des realen Lebens: Menschen, Alltag, Macht, Freude und Leid, Blut und Schweiß und Tränen. Sie laden nicht nur zum Nachdenken ein, sondern sie berühren im Kern der eigenen Existenz. Sie fordern uns heraus, indem sie verlangen, dass wir alles auf eine Karte setzen.

Eine der großen Sünden der Christenheit ist das Glattbügeln biblischer Texte und Aussagen. Wir hätten gerne ein harmonisches, erbauliches Ganzes; aber was wir haben, ist eine Sammlung von Texten, die nicht so geschmeidig zusammen passen und die auch nicht gefallen wollen. Die Bibel ist das historische Zeugnis eines Prozesses des Nachdenkens und des Austauschs von Gott-Suchenden und Glaubenden. Gemeinschaft von Frommen als Diskursgemeinschaft.

Viele biblischen Verse sind Worte mit Widerhaken – wie Kletten. Sie setzen sich fest. Sie berühren, und sie stören und verstören. Sie nagen an unseren Vorstellungen und Sehnsüchten von Gott und der Welt. Bleiben irgendwo hängen und werden weitergetragen …

 

… Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht …

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 13,3-8)

 

Evangelium. Eine gute Nachricht für eine ausgehungerte Welt. Licht in der Dunkelheit. Worte des Vertrauens und der Liebe, die uns drängen, Teil der Bewegung Gottes in seiner Welt zu werden und uns selbst ganz hinzugeben. Der Mann des Leidens aus Nazareth hat Gott vertraut und das Himmelreich für uns aufgeschlossen.

 

Was wir auch tun, wir tun es aus der Liebe, die Christus uns geschenkt hat – sie lässt uns keine andere Wahl. Wir sind davon überzeugt: Weil einer für alle Menschen starb, sind sie alle gestorben. Und Christus ist deshalb für alle gestorben, damit alle, die leben, nicht länger für sich selbst leben, sondern für Christus, der für sie gestorben und auferstanden ist.

(Paulus‘ 2. Brief an die Gemeinde in Korinth, 5,14-15)

 

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