Das Ende vom biblischen Theoretisieren

 

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Sonnenaufgang über der Mojave-Wüste; von Jessie Eastland (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

… ich werde bald bei euch sein, wenn der Herr es zulässt! Dann interessieren mich nicht die großen Sprüche dieser aufgeblasenen Leute, sondern was dahintersteckt. Denn Gottes Reich gründet sich nicht auf Worte, sondern auf seine Kraft.
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(Die Bibel, Neues Testament, 1. Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth, 4. Kapitel, Verse 19-20)

 

Wir reden uns den Mund fusselig. Die Kraft unserer Worte zeigt sich in ihrer Wirkung. Worte, die nichts bewirken, sind Worte, die keiner braucht.

 

… und seine Stimme dröhnte wie das Tosen einer mächtigen Brandung. In seiner rechten Hand hielt er sieben Sterne, und aus seinem Mund kam ein scharfes, doppelschneidiges Schwert. Sein Gesicht leuchtete strahlend hell wie die Sonne. Als ich das sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder …
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(Neues Testament, Offenbarung des Johannes, 1,15-17)

 

Jüdisch-christliche Traditionen werden schon seit langer Zeit überliefert. Imperien sind aufgestiegen und wieder verschwunden. Die biblischen Texte haben die Zeit überdauert. Es gibt heute immer noch Millionen von Menschen, die aus diesen Überlieferungen Hoffnung und Kraft für ihr Leben schöpfen.

Der Artikel auf meinem Blog, der die größte Aufmerksamkeit erregt hat, scheint dieser zu sein:

STÜRZT DAS BIBEL-DOGMA VOM SOCKEL !

Seit fast 2000 Jahren theoretisieren Christen über biblische Texte und den christlichen Glauben. Dieses Theoretisieren hat auch seinen Platz – aber es ist begrenzt durch unsere Fähigkeiten zu verstehen und in Worte zu fassen. Der Wert unserer Theorien zeigt sich in ihrer Wirkung.

Die Vorstellung, dass wir aus einem geschlossenen, in sich stimmigen christlichen Glaubenssystem alles Wichtige für Glauben & Leben ableiten können, ist Illusion, Irrlehre und Götzendienst; und die schädigenden Auswirkungen solchen Denkens sind in Vergangenheit und Gegenwart des Christentums wahrnehmbar.

Die biblischen Texte selbst sind mehr als Theorie. Sie berühren unsere Seele. Gute Texte begleiten uns auf unserem Weg, helfen uns und machen uns zu besseren Menschen.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

Mein Anliegen ist nicht, dass wir die biblischen Texte weniger ernst nehmen oder uns weniger mit ihnen beschäftigen. Mir geht es darum, dass wir so mit ihnen umgehen, dass sie Gottes Wirken in unserer Zeit nicht behindern, sondern fördern.

Ich habe den Eindruck, dass in unserer postmodernen Zeit die Bedeutung „biblischen Theoretisierens“ immer mehr zum Ende kommt. Die Herausforderungen für uns Menschen heutzutage sind überwältigend, und es hängt alles davon ab, dass wir Worte sprechen und hören, welche die Macht haben, Trost und Kraft zu spenden und uns aufzurichten.

 

„Das Ende vom biblischen Theoretisieren“

 

Dieser Titel ist auch Ausdruck von Hoffnung. Hoffnung, dass unser Glaube vom Kopf ins Herz rutscht. – Gott will unser Herz! – Hoffnung, dass der Glaube vom Kopf wieder auf die Füße gestellt wird.

Wir brauchen Worte, die aus geisterfülltem Leben entstehen und auf offene Ohren stoßen. Worte, die vom Herzen verstanden werden, die uns berichtigen und auf einen guten Weg bringen.

 

Gottes Geist allein schafft Leben. Ein Mensch kann dies nicht. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.

(Johannes-Evangelium 6,63)

 

 

Jens Stangenberg

 

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Jens Stangenberg (Mitte), Quelle: Senatskanzlei Bremen (Pressestelle)

 

Vielleicht ein Name, den man in der christlichen Szene kennen sollte:

Zellgemeinde Bremen

Serve the City Bremen

Mir ist Jens Stangenberg beim Emergent Forum 2016 begegnet und sein Name noch einige Male danach. Sein Name taucht sogar bei Wikipedia auf:

Radikale Reformation (Weblinks)

Ich verweise auf meinem Blog normalerweise nicht auf Podcasts. Diesmal mach‘ ich es aber:

RADIKALE REFORMATION # 41 : Schwärmender Christus

 

Der Traum von einem besseren Christentum

 

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Abraham by József Molnár [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Und ich blickte auf, und ich sah ein Meer aus Menschen, die keiner zählen konnte. Menschen aus allen Kirchen und christlichen Organisationen.

Sie waren aufgestanden und haben sich auf den Weg gemacht, ohne den Ort zu kennen, den sie suchen …

 

Dieser Artikel ist kein Aufruf dazu, dass du deine Gruppe verlässt. Es kann zwar sein, dass du dich innerlich schon längst verabschiedet hast und auf der Suche bist. Aber ob und wann der Zeitpunkt zu gehen gekommen ist, musst du selbst entscheiden. Vielleicht ändert sich auch was, und du wirst bleiben?!

Es gibt schon unzählige frustrierte Christen, die allen christlichen Gemeinden und Gruppen den Rücken gekehrt haben und versuchen, allein zurecht zu kommen. Privates Christentum.

 

 

Mit ihm [Jesus] seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

(Die Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Kolosser, Kapitel 2, Vers 12)

 

Abraham ist ein wichtiger Mensch im Judentum, Christentum und Islam. Deshalb werden diese drei Religionen manchmal auch als die „abrahamitischen“ Religionen bezeichnet.

Paulus bezeichnet Abraham im Brief an die Gemeinde in Rom als „Vater aller, die glauben“ (Römerbrief 4,11). Das Richtige, was Abraham getan hatte, war, Gott zu vertrauen. Auf Gottes Wort hin zog er aus seinem vertrauten Leben in eine nicht-vertraute Zukunft. Abraham war Migrant.

Auch die Männer und Frauen, die sich um Jesus als ihren Lehrer geschart hatten, hatten sich im Vertrauen auf Gott auf einen neuen Weg eingelassen. Und dieselbe Lebenskraft Gottes, welche Jesus aus dem Totenreich zurückgeholt hatte, befähigte seine Anhänger dann zu Pfingsten als Zeugen seiner Auferstehung aufzutreten. Petrus zitiert bei dieser Gelegenheit die alte Schrift des jüdischen Propheten Joel, in der es heißt:

 

… dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus und sie werden als Propheten reden.

(Neues Testament, Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 17-18; Joel, Kapitel 3, Verse 1-2)

 

Die ersten Christen hatten durch Jesus eine neue Identität bekommen. Sie waren nicht länger nur Juden, die die Traditionen der Vorväter pflegten, sondern sie waren auch Anhänger des Messias Gottes, Jesus Christus. Sie verstanden sich als Menschen, die unmittelbar von Gottes Geist befähigt werden, Neues zu sehen, von Gott her zu reden und sich von Gott gebrauchen zu lassen.

In der Apostelgeschichte wird für die Nachfolge Jesu auch der Begriff „Weg“ benutzt (Apostelgeschichte, Kapitel 9, Vers 2; Kapitel 19, Vers 23); Nachfolger Jesu wurden als Anhänger „des Weges“ bezeichnet. Sie hatten, wie Abraham, ihre Zelte abgerissen und sich auf einen neuen Weg eingelassen.

Wie innovativ ist das Christentum heute noch? Sind wir inspirierte und von Gottes Geist bewegte Menschen? Vorwärts-gewandt? Unfertig, noch auf dem Weg und lernbereit? Hat christlicher Glaube noch eine kreative Kraft? Oder pflegen wir nur die alten Traditionen unserer Vorfahren und streiten uns über unsere Unterschiede?

Wenn es irgendwo klemmt, liegt es manchmal an mir, manchmal an den anderen und oft an uns allen. Oft wird es keine Veränderung in meinem Leben geben, wenn ich nicht bereit bin, mich selbst zu ändern. Ich kann andererseits Veränderung aber auch nicht alleine leben. Wir brauchen einander, so wie sich unsere Körperteile gegenseitig brauchen und ergänzen. – Leib Jesu.

Viele neue Kirchen oder christliche Projekte sind nach einer Weile wieder verschwunden oder haben ihre Kraft verloren. Ich vermute, dass dabei zwei Dinge eine entscheidende Rolle gespielt haben:

  1. Wir kommen nicht klar mit unseren Unterschieden.
  2. Wir verlieren die Verbindung zu einander. Ein Teil geht voran, während zu viele zurück bleiben.

Vor einer Weile bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass wahrscheinlich nach der Bibel das wichtigste Buch in meinem Leben sein wird: „Gott 9.0„. (Und ich habe schon viele Bücher gelesen…)  Ich stimme zwar nicht mit allem überein, aber habe durch das Buch entscheidende Klarheit über unsere Unterschiede und mein eigenes geistliches Wachstum bekommen. Nach dem Lesen werden die meisten sicherlich auch die Geschichte und die gegenwärtige Situation der Menschheit in einem anderen Licht sehen.

In christlichen Kirchen und Gruppen geht es noch zu viel um die richtige Theorie und man macht sich zu wenig Gedanken über die Praxis. Wenn es uns gelänge, eine Kultur des Aufeinander-achtens zu etablieren, bei der sich Menschen nicht bedrängt oder in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, dann würden auch nicht so leicht Menschen zurückfallen.

Verbindung hat auch mit Verbindlichkeit zu tun. Verbindliches gemeinsames Leben, Beten, Arbeiten, Anbeten, …  – Ein geduldiges und hartnäckiges Warten auf das Wirken Gottes.

 

… »Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!«

(Altes Testament / Tanach, Bereschit / Genesis / 1. Mose 32,27)

 

 

Das Anbrechen der christlichen Weltherrschaft

 

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„The Ascension“, attributed to Dosso Dossi [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.

(Jesus im Matthäus-Evangelium; die Bibel, Neues Testament, Matthäus 28. Kapitel, Vers 18)

 

Vier unserer deutschen Feiertage erinnern an wichtige Ereignisse aus den Erzählungen über den Mann aus Nazareth: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt. Ein jedes Jahr wiederkehrendes Zeichen dafür, wie tief unsere abendländische Kultur durch den christlichen Glauben geprägt worden ist.

„Himmelfahrt“. Wer in Deutschland lebt, kennt dieses Wort ziemlich bald. Nicht jeder verbindet damit allerdings noch etwas Religiöses. Wer sich ein kleines bisschen auskennt, weiß allerdings, dass das Wort sich auf die Himmelfahrt von Jesus bezieht.

 

… aufgefahren in den Himmel …

(aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis)

 

Ich selbst bin christlich aufgewachsen und habe, wenn ich an Himmelfahrt denke, immer die Szene auf dem Ölberg im Kopf, wo Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet und dann auf einer Wolke gen Himmel entschwindet und zwei Engel dabei sind. Diese Vorstellung stammt von der Beschreibung im ersten Kapitel der Apostelgeschichte. Am Ende des Johannes-Evangeliums kommt diese Szene überhaupt nicht vor. In der ursprünglichen Fassung von Markus kommt dies Szene wahrscheinlich auch nicht vor. Einige Handschriften haben allerdings ein paar Verse am Ende von Markus, wo Jesus den Jüngern bei einer Mahlzeit erscheint, zu ihnen spricht und dann „in den Himmel aufgenommen wird“. Auch keine Szene mit Berg und Wolke und Engeln.

Am Ende von Matthäus erscheint Jesus den Jüngern erstaunlicherweise auf einen Berg in Galiläa und es wird gar nichts von einer Himmelfahrt erzählt. Nur am Ende vom Lukas-Evangelium finden wir auch eine Himmelfahrt in der Nähe von Jerusalem und Bethanien (Ölberg), was als Buch natürlich eine große Nähe zur Apostelgeschichte hat. Die Apostelgeschichte knüpft genau an der Stelle wieder an.

Ich war überrascht, dass sich die Szene, so wie ich sie im Kopf hatte, nur in der Apostelgeschichte findet. Was wollen all diese Erzählungen zum Ausdruck bringen? Und in welcher Form finden wir das in den restlichen neutestamentlichen Schriften? Und knüpft all das an Motive an, die den Menschen zur Zeit Jesu schon vertraut waren?

Menschen in der Antike, so z.B. Ägypter, Griechen und Römer, kannten das religiöse Motiv der Himmelfahrt. So finden wir bei den Römern die Himmelfahrt des Romulus und die Griechen hatten die Legende von der Aufnahme des Herakles in den Olymp. Wahrscheinlich waren dem antiken Menschen solche Vorstellungen sogar vertrauter als dem Menschen heute.

Auch im Judentum finden wir dieses Motiv. So wird Henoch von Gott hinweggenommen, ohne dass er stirbt (Genesis 5,24), und ebenso Elija (2. Könige 2,11). Aus späterer Zeit stammt die apokryphe Schrift der Himmelfahrt des Mose.

 

Und weil er mit Gott wandelte, nahm ihn Gott hinweg und er ward nicht mehr gesehen.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Bereschith /Genesis / 1. Mose, 5. Kapitel, Vers 24)

 

Was in dem Motiv der Himmelfahrt zusammenfließt und zum Ausdruck kommt, ist religionsgeschichtlich im Einzelnen nicht ganz einfach zu klären. Klar scheint allerdings zu sein, dass es ein Protest gegen die Vergänglichkeit und Glaube an die Unsterblichkeit ist. Das Menschliche geht ins Göttliche über.

 

Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

(Neues Testament, 2. Brief des Paulus an die Korinther, 5,4)

 

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist von großer Bedeutung in der jüdisch-christlichen Überlieferung und ist auch in anderen Kulturen und Religionen zu finden. Es entspricht der Sehnsucht von vielen Menschen auch heute, dass ihr Leben nicht nur für sie selbst, sondern auch für andere Menschen von Bedeutung ist – auch über den Tod hinaus.

Befreites, unaufhaltsames Leben, das auch der Tod nicht mehr aufhalten kann. Anteilhaben an der Lebenskraft Gottes, die sich in seiner Schöpfung Bahn bricht. Ein spirituelles Sein, gegründet auf einer mystischen Vereinigung mit dem Anfänger des christlichen Glaubens: Jesus.

 

… Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben …
(Johannes-Evangelium, 11,25-26)

 

Die christliche Weltherrschaft besteht nicht im Durchsetzen „christlicher Werte“, sondern im Hereinbrechen der Wirklichkeit Gottes in seine Welt. Wahre Macht liegt nicht bei den Mächtigen dieser Welt (egal ob römischer Kaiser oder amerikanischer Präsident), sondern im Vertrauen zu Gott. Menschen, die von Gottes Geist erfasst und belebt worden sind, können nicht nur in ihrem eigenen Leben herrschen, sondern können auch Mitarbeiter Gottes sein dabei, die Strukturen des Bösen in dieser Welt auszuhebeln.

 

… die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom, 5,5)

 

Schalom. Gottes ewiges Friedensreich bricht an. Liebe ist stärker als der Tod.

 

Heilige Texte = gute Texte ?

 

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Der Anfang der Gutenberg-Bibel [Text von Hieronymus (* ca 347, † 420), Druck durch Johannes Gutenberg (* ca. 1400, † 1468), Illustrationen von verschiedenen Angestellten], public domain, via Wikimedia Commons

 

Die Frage selbst scheint schon ein bisschen blasphemisch und ein bisschen absurd: Wenn heilige Texte keine guten Texte sind, was dann?

Ich bin mit der Bibel aufgewachsen, und sie hat mich ein Leben lang begleitet. Wenn ich auf eine einsame Insel müsste und könnte nur  ein  Buch mitnehmen, wäre die Frage für mich nur,  welche Bibel-Ausgabe  ich mitnehme. Und doch gibt es immer noch Teile der Bibel, denen ich nicht viel abgewinnen kann. Liegt das an mir oder am Text?

Als ich in der Oberschule war, beschloss ich, in einem Jahr die Bibel durchzulesen, und ich hab es auch geschafft.  🙂  Ca. 3 Kapitel Altes Testament und 1 Kapitel Neues Testament pro Tag. Ich hätte natürlich auch einfach Alles von vorne bis hinten durchlesen können, aber ich wollte nicht so lange aufs Neue Testament warten müssen.

Manchmal war es so spannend, dass ich nach 3 Kapiteln gar nicht aufhören wollte, und andere Male war es ziemlich öde. – Darf man das überhaupt zugeben? – 3. Buch Mose / Leviticus / Wajikra ist für einen Teenager nicht unbedingt fesselnde Lektüre. – Wie wär’s mit etwas Harry Potter? Oder Stephen King?

Es ist allerdings auch eine absurde Vorstellung, dass antike heilige Texte für Kinder, Teenager oder auch Erwachsene spannende Lektüre sein müssen. Wenn man dies von den Texten oder deren Lesern verlangt, ist man in Gefahr, die Texte so verbiegen zu wollen, dass sie für den Leser interessant werden. Auch sich selbst oder anderen vorzumachen, dass man die biblischen Texte ganz toll findet, klingt nicht nach einer christlichen Strategie.

Oft habe ich es erlebt, dass man mit Gewalt versucht die Texte zu „aktualisieren“:

 

Dies sind aber die Namen der Männer, die euch beistehen sollen: von Ruben: Elizur, der Sohn Schedëurs; von Simeon: Schelumiël, der Sohn Zurischaddais; von Juda: Nachschon, der Sohn Amminadabs; von Issachar: Netanel, der Sohn Zuars; von Sebulon: Eliab, der Sohn Helons; von den Söhnen Josefs: von Ephraim: Elischama, der Sohn Ammihuds; und von Manasse: Gamliël, der Sohn Pedazurs; von Benjamin: Abidan, der Sohn des Gidoni; von Dan: Ahiëser, der Sohn Ammischaddais; von Asser: Pagiël, der Sohn Ochrans; von Gad: Eljasaf, der Sohn Deguëls; von Naftali: Ahira, der Sohn Enans.

(Die Bibel, Altes Testament, 4. Buch Mose / Numeri / Bemidbar, 1. Kapitel, Verse 5-15)

 

„Wie kannst du diese Verse heute praktisch in deinem Alltag anwenden?“

Die Gefahr, dass man gerade bei diesem Zitat „falsche Schlüsse“ zieht, ist sicherlich gering: Man „zieht“ wahrscheinlich einfach gar nichts. Für Bibelforscher vielleicht interessante Verse, aber wieviel Zeit und Nachschlagewerke braucht man, um von diesen Versen etwas für sein Leben zu lernen?

Bei anderen Versen ist es viel einfacher, etwas Praktisches abzuleiten:

 

Nun gebe ich dir noch einen persönlichen Rat: Trink nicht länger nur Wasser. Du bist so oft krank, und da würde etwas Wein deinem Magen gut tun.

(Neues Testament, Paulus‘ 1. Brief an Timotheus)

 

Das, was man hier lernen kann, scheint auf der Hand zu liegen. Bei anderen Versen, hingegen, ist es nicht ganz so einfach. Aber wenn man lange genug auf einem Vers herumgekaut hat, kann man da vielleicht auch etwas Brauchbares heraussaugen. Dies ist auch nicht unbedingt schlecht, aber die Frage ist, ob das, was man gelernt hat, der Text auch lehren wollte.

Selbst bei einem göttlichen Gebot, wie „Du sollst den Sabbat heiligen!“, kann ich mich fragen, ob das auch für mich heute gilt. (Gott hat es schließlich nicht direkt zu mir gesagt.) Und noch schlimmer wird es, wenn man jemand anderem einen Bibelvers unter die Nase reibt und behauptet: „Dies ist Gottes Wille für  dein  Leben heute !“

Man kann aus vielen Büchern irgendwelche mehr oder weniger guten Ideen ableiten – auch aus der Bibel. Wie kann ich aber überprüfen, ob ich einen biblischen Text auf eine sinnvolle Weise benutzt habe, bzw., ob ich ihn „richtig“ verstanden habe?

Was sind überhaupt  gute  Texte?  Was macht einen guten Text aus?  „Gut“ für was oder wen?

Das Prädikat „gut“ hat mindestens zwei Aspekte:

1. Hat es der Schreiber geschafft, das auszudrücken, was er sagen wollte? Hat der Herausgeber des Textes, den Text so veröffentlicht, dass er die gewünschte Wirkung erzielt hat? Hat der Text „funktioniert“?

2. Kann der Leser dem Text etwas Positives abgewinnen? Bewirkt das Lesen des Texts etwas Gutes im Leser?

Die erste Frage ist schwer zu beantworten, da wir nur wenig oder gar nichts über den unmittelbaren Zusammenhang der Texte wissen.

Die zweite Frage wird wohl am besten der Leser selbst beantworten können.

Texte werden auch nicht dadurch gut oder besser, dass sie jahrhundertelang verehrt werden. Im Gegenteil, macht der zeitliche Abstand zur Zeit der Entstehung das Verstehen immer schwieriger. Wer bestimmt überhaupt, welche Texte heilig sind? Und gibt es da Unterschiede oder sind alle heiligen Texte gleich heilig? Sind wir irgendwie in der Lage Prozent von Heiligkeit zu messen, oder ist es Gott allein, der sagen könnte, wie heilig ein Text ist? Ist Heiligkeit zeitlos oder hat sie ein Verfallsdatum?

Ein wesentliches Merkmal der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) ist, dass sie die klassischen Buchreligionen verkörpern. Heilige Texte sind fundamental; in diesem Sinne sind auch alle drei Religionen fundamentalistisch. Deshalb ist die folgende Frage für alle drei Religionen von zentraler Bedeutung:

Können unsere heiligen Texte für den heutigen Menschen noch gute Texte sein? Oder anders formuliert: Wie muss man mit diesen Texten umgehen, damit sie für Menschen heute gut sein können?

Wir hätten gerne ein Paradies. Ein Schlaraffenland. Kein Stress. Mit Bedienung. Alles Inklusive. Rundum-Sorglos. Wir hätten auch gerne Texte, die uns einfache Antworten geben und alles für uns regeln. Nicht viel anstrengendes Nachdenken. Einfach umrühren – und fertig! Instant-Glauben aus der Bibel-Tüte. Das Leben ist schon anstrengend genug.

Deshalb ist die Bibel auch für manche Christen nicht mehr so attraktiv. Man liest lieber sein Andachtsbuch oder sein Kalender-Blättchen oder guckt einen christlichen Film. Man lässt andere für sich denken und Entscheidungen treffen, und lässt sich die Bibel und den christlichen Glauben erklären: „Es sage mir doch bitte jemand, was ich glauben und wie ich leben soll! Bibel und Theologie ist mir zu kompliziert.“

Die Verantwortung für die Entscheidungen in unserem Leben und in unserem Glauben kann uns kein Mensch und auch kein heiliger Text abnehmen. Die geistliche Reife eines Frommen drückt sich auch nicht darin aus, dass er die biblischen Texte möglichst wörtlich nimmt.

Gute Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie uns begleiten; uns auf unterschiedliche Art und Weise ein Stückchen weiter helfen. Sie bewahren uns vorm Absturz eher, indem sie uns in der Schwebe halten, als dass sie uns in ein Paradies retten, wo uns nichts mehr passieren kann. Sie helfen eher, indem sie unsere Situation erhellen, als dass sie die eindeutige Richtung weisen.

Das Lesen eines von Gottes Geist inspirierten oder benutzten Text kann zur inneren Klärung in meiner Seele beitragen. Der Zweck ist in erster Linie nicht ein Zuwachs an Wissen, sondern die Veränderung des  ganzen  Menschen im Sinne Gottes.

Es ist ja gerade eine erstaunliche Tatsache bzgl. der Bibel, dass diese Texte bis heute gelesen, studiert und geschätzt werden. Es gibt biblische Texte, die Kinder mögen, und Texte, die Professoren mit Begeisterung studieren. Es gibt wohl kaum ein zweites Buch, mit dem Menschen sich so intensiv beschäftigt haben, und das schon für so viele Menschen ein Lebensbegleiter gewesen ist.

Eine abergläubische Verehrung der Bibel und ein schlechter Umgang mit ihren Texten erschweren leider so manchen Lernprozess. Die biblischen Texte sind für uns heute immer noch ein großer Schatz; aber wie wir mit ihnen umgehen, ist entscheidend dafür, ob diese Texte gut für uns sind, oder nicht. Kein Text ist so heilig, dass er nicht auch missbraucht werden und Schaden anrichten kann.

Für mich als Christ sind die biblischen Texte vor allem gut, weil ich durch sie Jesus kennenlerne. Dazu ist eines der Evangelien dann sicherlich auch besser geeignet als z.B. Numeri / 4. Buch Mose. Aber alle biblischen Texte sind Zeugnisse der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Und vor diesem Hintergrund fange ich dann auch an zu verstehen, wer Jesus war, wie er gelebt hat, was er wollte und warum er eine solche Wirkung hatte, dass heute auf der ganzen Welt eine gute Nachricht über ihn verbreitet wird.

Wenn wir doch bloß gute, verstehbare Worte finden könnten für die Menschen unserer Welt heute. Worte, die neugierig machen. Worte eines Vetrauens, wie es Jesus gelehrt und vorgelebt hat:

 

Dein Vertrauen hat dir geholfen.

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 22,9)

 

GekreuzSiegt.de | Ehe für Alle?!

Eins der von vielen gelesenen christlichen Blogs: GekreuzSiegt.de. Mehr als 15.000 Likes auf Facebook.

Gestern veröffentlichte Mandy dort ihren Artikel zur „Ehe für Alle“. Der Austausch daraufhin war lebhaft: bis jetzt schon 571 Kommentare:

http://www.gekreuzsiegt.de/2017/07/03/ehe-fuer-alle/

neolog | Und was glaubst Du?

 

Noch vor ein paar Jahren hätte man kaum geglaubt, dass Religion und Glaube wieder einen so großen Raum in den Medien einnehmen würden. Die Frage, was jemand glaubt, erscheint vielen Menschen wieder interessant und relevant.

 

Der multi-autor Neolog-Blog bemüht sich um einen möglichst weiten christlichen Glauben. Letzte Woche wurde dort ein Artikel von Pastor Marko Jesske aus Frankfurt/M. veröffentlicht, in dem er ein persönliches Glaubensbekenntnis abgibt und über Veränderungen des Glaubens schreibt:

http://neolog-blog.de/und-was-glaubst-du/