Brüchige Männlichkeit

 

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Foto von Victorgrigas (own work) via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

Männlichkeit. Für einen Mann ein naheliegendes Thema  😉

Dass ich nicht der einzige bin, der darüber nachdenkt, merkt man schnell, wenn man z.B. mal „Spiritualität für Männer“ in seine Suchmaschine eingibt.

Wie interessiert Menschen an diesem Thema sind, kann man auch einfach austesten, indem man ein Gespräch auf die Frage „typisch Mann/Frau“ lenkt. Nach meiner Erfahrung gibt es dann in der Regel eine angeregte Diskussion …

 

… „Weil du auf die Stimme deines Weibes gehört hast und von dem Baum gegessen hast, den ich dir verbot, sprechend: Iß nicht davon!, sei verflucht der Acker um deinetwillen, in Beschwer sollst du von ihm essen alle Tage deines Lebens. Dorn und Stechstrauch läßt er dir schießen, so iß denn das Kraut des Feldes! Im Schweiß deines Antlitzes magst du Brot essen, bis du zum Acker kehrst, denn aus ihm bist du genommen. Denn Staub bist du und zum Staub wirst du kehren.“

Der Mensch rief den Namen seines Weibes: Chawwa, Leben! Denn sie wurde Mutter alles Lebendigen.

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose, 3. Kapitel, Verse 17-20)

 

Die gute alte Zeit …

Frauen werden schwanger, bringen neues Leben in die Welt. Sie sind die Nahrungs-Quelle des Lebens für ihre Säuglinge, welche völlig abhängig und allein nicht überlebensfähig sind.

Früher waren es hauptsächlich die Frauen, die sich um den Nachwuchs kümmerten, und um die Nahrungszubereitung, um die Kleidung, um das Lager des Klans …; sie sammelten Beeren und Pilze, …

Die stärkeren, muskulösen Männer joggten durch die Steppe, spähten nach Gefahren und Beutetieren, kämpften mit Feinden und wilden Tieren …

[Wikipedia hat zwar nicht immer recht, aber hier  kann man ein bisschen dazu nachlesen.]

Männer von heute erleben solche tollen Abenteuer fast nur noch in virtuellen Welten. – Muskulöse Männer, die mit wilden Bestien kämpfen, Helden, die Drachen töten, Einzelkämper, die ganze Armeen auslöschen, … – In der Fantasie kann ein Mann noch ein richtiger Mann sein  😉

Der Klassiker zum Thema:

 

 

„Typisch männlich!“ – „typisch menschlich“

Wie viel von dem, was uns als Männer und Frauen ausmacht, stammt noch aus einer vergangenen Zeit? Wie viel Potential schlummert noch in uns, das eigentlich für andere Lebensverhältnisse „gedacht“ war? – Was wäre überhaupt eine „artgerechte Haltung“ für den Menschen? Wie sieht es aus mit Ergonomie und Gesundheit an Arbeitsplätzen und in den Wohnbereichen? „Menschen-gerechte“ Beschäftigungsverhältnisse? Wie „menschlich“ sind Mega-Cities? Wie viel ungenutzte Instinkte schlummern in uns …

Was ist „typisch männlich„? Gibt es z.B. einen „männlichen Beschützer-Instinkt“ wirklich? Welche Überzeugungen sind bloße Tradition, urban legend oder fake news?

 

„Der deutsche Mann, Mann, Mann …“

 

 

Interessanterweise ein von einem Mann geschriebenes Gedicht. 1931. Nicht lange vor der Machtergreifung.

Früher waren die Männer noch die HERREN auf dem Fußballplatz. Mittlerweile gibt es sogar professionellen FRAUENFUSSBALL !!!  (Ein Thema, das manche männlichen Gemüter besonders erregt.) – Wenn mann da mal Gelegenheit hat, ein Gurkenglas zu öffnen, welches die Frau nicht aufgekriegt hat, fühlt mann sich endlich mal wieder in seiner Männlichkeit bestätigt: Wir werden als Männer doch noch gebraucht!  – Und Männer können sich Bärte wachsen lassen!

 

Mein starker Körper

Der Körper einer Frau kann schwanger werden, ein Kind zur Welt bringen und es stillen. Etwas, was kein Mann kann. (Zumindest nicht auf natürliche Weise.) – Aber was kann ein Mann, das eine Frau heutzutage nicht auch kann? Viele Frauen leben genauso wie viele Männer als Singles. Offenbar sind Frauen stark genug für alle Aufgaben, die im alltäglichen Leben anfallen.

Bei allen Pauschalisierungen und Stereotypen setzt man sich immer der Gefahr aus, durch Einzelfälle widerlegt zu werden. Und auch die Frage, ob es überhaupt noch nötig ist, sich über Unterschiede zwischen Frauen und Männer den Kopf zu zerbrechen, scheint berechtigt. – Soll doch einfach jeder machen, was sie/er will. – Eine lange Geschichte von Menschen, die in vorgegebene Rollen gezwängt worden sind, kann für uns eine Warnung sein.

 

Der Mann als Oberhaupt der Familie

Die Konservativen haben eine Antwort: Der Mann ist das Oberhaupt der Familie! Gruppen brauchen Anführer, und Männer können das besser bzw. haben dafür sogar eine göttliche Berufung. – Eine Antwort, die heute viele nicht mehr überzeugt; und eine Antwort, die mit der wichtigen Frage zu tun hat, wie wir mit unseren heiligen Texten umgehen.

Männern, die mit der Vormachtstellung des Mannes in einer konservativen Familie liebäugeln, sei gesagt, dass wir im Christentum da noch eine ganz andere, jesuanische, Tradition haben:

 

Da setzte sich Jesus, rief die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: »Wenn jemand der Erste sein will, soll er der Letzte von allen und der Diener aller sein.«

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(Bibel, Neues Testament, Markus-Evangelium 9,35)

 

In einer Gesellschaft, in der immer noch die Frauen die Kinder kriegen, oft auch eine eigene berufliche Karriere haben und – wie die Männer – zum Unterhalt der Familie beitragen oder sogar alleinerziehend sind und sich um den Haushalt kümmern, erscheinen Männer manchmal wie Assistenten ihrer Frauen. Auch wenn die Frauen dies nicht so wahrnehmen sollten, so ist eine Angst, in der Familie an Bedeutung zu verlieren, sicherlich bei manchen Männern vorhanden.

Frauen, die schwanger werden, Kinder kriegen und Babys stillen zur Seite zu stehen, könnte das nicht auch eine tolle Berufung sein? – Außerdem besteht das Leben auch nicht nur aus Kindern …

 

Männliche Identität

Für Aufgaben, für die Frauen körperlich zu schwach sind, gibt es heute auch Maschinen und Roboter. Wo bleibt da noch Platz für männliche Identität? Was können Männer, das nur Männer können? Und brauchen wir diese Einzigartigkeit des Männlichen überhaupt, um zu wissen, wer wir sind oder sein wollen?

Reicht es nicht aus, als Mensch einzigartig zu sein, so wie jeder Mensch, Mann oder Frau, einzigartig ist? Wäre es nicht am besten, wenn jeder schaut, was gemacht werden muss, und sich bemüht, seine eigenen Fähigkeiten, so gut wie möglich miteinzubringen? Ist eine Identität als neuer Mensch und Anhänger von Jesus nicht besser als ein künstliches Profil von zweifelhafter Männlichkeit?

 

Die große Verunsicherung

Verunsicherung ist mit Sicherheit ein prägendes Lebensgefühl unserer Generation. Und kaum ein Thema geht dabei so unter die Haut wie die Anfragen an unsere Sexualität.

Gender. Für manche ist das Wort eines der großen Zeichen der Endzeit. Einen ausgewogenen Artikel dazu findet ihr hier:

Alles Gender oder was?

 

Frühsexualisierung

Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel zu diesem Thema.

Kinder und Jugendliche, die in unserer Gesellschaft aufwachsen, werden in Familie, Schule und Medien einer Flut von sexuellen Eindrücken ausgesetzt. – Eltern wissen ein Lied davon zu singen. – Ist der Schutz von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft und die Hilfsangebote in Familien, Schule und Gesellschaft ausreichend?

Was passiert mit denen, die dabei durchs „Betreuungs-Netz“ rutschen? Wie bringt man die notwendige Freiheit und den nötigen Schutz in eine Balance, die eine gesunde Entwicklung ermöglicht?

 

Christliche Identität – der neue Mensch

Das Bewusstsein einer neuen Identität, die Gott durch seinen Geist in uns bewirkt, erscheint mir als die gesündeste Grundlage für das Verhältnis zwischen Frauen und Männern und sexuelle Identität. Ein solches Bewusstsein ist auch keine Erfindung der Moderne:

 

Hier gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Griechen, zwischen Sklaven und freien Menschen, zwischen Mann und Frau. Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden.

(Die Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Galater, 3. Kapitel, Vers 28)

 

Sexuelle Not und Not-wendigkeit

Nicht alle Frauen werden schwanger, und nicht alle Männer gründen eine Familie oder sind in der Lage wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen. Die persönliche Erfahrung, Kinder in die Welt zu setzen und Teil der langen Kette der Generationen menschlichen Lebens zu sein, ist eine der existentiellen Erfahrungen des Menschseins. Kinderlosigkeit kann Einzelne und Paare an den Rand der Verzweiflung bringen. (Kinderlosigkeit ist übrigens auch ein biblisches Thema.)

Jesus wandte sich besonders den Ausgegrenzten und Benachteiligten zu. In guter jüdischer Tradition. Der Gott Israels war immer ein Gott, der sich der schwachen erbarmt hat, und die Stimme der Unterdrückten hörte – auch der Kinderlosen. Ein Gott, der denen besonders nah ist, die gesellschaftliche Erwartungen nicht erfüllen können und häufig am Rande stehen und nur zugucken dürfen, was die anderen machen …

Es ist eine  wesentliche  Aufgabe für alle Menschen, die sich mit der jüdisch-christlichen Tradition identifizieren, solche am Rande der Gesellschaft stehenden Menschen in die Mitte ihrer Gemeinschaft einzuladen.

 

Eine neue Kultur

Wir brauchen eine neue, eine andere, bessere Kultur. Eine Kultur des Miteinanders, die Menschen zusammenführt und verbindet, und sie nicht gegeneinander in Stellung bringt. Eine Kultur, die unsere Lebenswelt vor dem Auseinanderfallen rettet, heilt und als „ganz“ und stimmig erfahrbar macht.

 

Buchempfehlung:  „Die verborgene Spiritualität des Mannes“ von Matthew Fox

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Marion Küstenmacher: Integrales Christentum

 

Vor zwei Wochen erschien Marion Küstenmachers Buch „Integrales Christentum – Einübung in eine neue spirituelle Intelligenz.“ Ein Buch, das die deutschsprachige Christenheit hoffentlich endlich ein bisschen mehr in Bewegung setzen wird. Bei Amazon gibt es schon zwei Rezensionen.

Kennt jemand von euch noch andere Rezensionen?

Wer auf Facebook ist, findet hier in der Gruppe „Gott 9.0 – Wohin unsere Gesellschaft spirituell wachsen wird“ (eine Diskussionsgruppe zum „Vorgänger-Buch“ von Frau Küstenmacher) eine Diskussion zur Erscheinung des Buches.  🙂

 

Orthodox und Byzanz

 

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Hagia Sophia; von Dennis Jarvis from Halifax, Canada (Turkey-3019 – Hagia Sophia) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Byzanz

Das Wort hatte für mich schon immer einen gewissen Zauber und etwas Geheimnisvolles. Ein Grund dafür war sicherlich auch, dass ich fast nichts darüber wusste. Beim Kiosk sah ich vor einer Weile eine Zeitschrift: „Geo Epoche: Byzanz“. Eine weitere Erinnerung an ein geheimnisvolles Thema, das sich vielleicht lohnt …

Byzanz. Eine Stadt, ein Reich, eine Epoche, ein Kulturraum.

Das Wort „Byzanz“ stammt von der Lateinischen Version des griechischen Namens  Βυζάντιον (Byzántion). Diese Stadt am Bosporus wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. von dorischen (griechischen) Siedlern als Koloniestadt gegründet. Die Herkunft des Namens ist nicht geklärt. Möglicherweise stammt er vom Personennamen eines legendären griechischen Königs. Der heutige Name der Stadt ist Istanbul. (Übrigens hat sich laut Wiktionary der Name „Istanbul“ aus der Wendung Konstantinou-polis = Konstantins-Stadt entwickelt.)

 

Konstantin

Als der römische Kaiser Konstantin Byzanz 326 bis 330 zur neuen Reichshauptstadt machte, war es schon eine alte Stadt, und bekam den offiziellen Namen „Nova Roma“ („Neues Rom“). Dies war derselbe Konstantin, nach dem auch die „konstantinische Wende“ benannt ist und unter dem das Christentum zur wichtigsten Religion im römischen Reich wurde. Nach dem Tode Konstantins wurde die Stadt offiziell in „Constantinopolis“ („Konstantinopel“) umbenannt.

 

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor zum Verderben ist breit und der Weg dorthin bequem. Viele Menschen gehen ihn. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dorthin schmal! Deshalb finden ihn nur wenige.
———
(aus der sogenannten „Bergpredigt“ von Jesus: Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 7. Kapitel, Verse 13-14)

 

Interessant ist, dass das Zentrum der „offiziellen“ Kirche in Rom blieb und nicht mit dem Kaiser nach Nova Roma umzug. Der römische Patriarch Siricius, zum Beispiel, wurde vom Kaiser Valentinian II. im Jahre 385 in seiner Vorrangstellung als Papst im Amt bestätigt – während das Zentrum der weltlichen Macht ja schon im Osten war.

 

Byzantinisches Reich

Die Teilung der Herrschaft zwischen den Söhnen des Kaisers Theodosius im Jahre 395 wird als Beginn des byzantinischen Reiches angesehen. Der ältere Sohn von Theodosius, Arcadius, wurde erster römischer Kaiser des östlichen Teiles des römischen Reiches. Mit dem Ende der weströmischen Herrschaft schaffte der spätere byzantinische Kaiser Justinian dann auch 554 den weströmischen Hof ab. Dies ist derselbe Justinian der mit dem „Corpus Iuris Civilis“ bleibende Bedeutung für die Rechtsgeschichte hat.

 

Schisma und Trennung

Die Herrschaft im römischen Reich teilte sich 395, aber zum sogenannten großen „Morgenländischen Schisma“ kam es erst mehr als 600 Jahre später „als Humbert de Silva Candida, der Gesandte Papst Leos IX., und Patriarch Michael I. von Konstantinopel sich nach gescheiterten Unionsverhandlungen gegenseitig exkommunizierten.“ (Wikipedia) Dieser Bann hatte allerdings praktisch für die darauf folgende Zeit kaum Bedeutung und zur offiziellen Trennung zwischen West- und Ostkirche kam es erst im 18. (!) Jahrhundert.

 

Hagia Sophia

Eine der bekanntesten byzantinischen Kirchen und eines der bekanntesten Wahrzeichens Istanbuls ist sicherlich die Hagia Sophia. Sie war Krönungskirche der byzantinischen Kaiser und Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. „Hagia Sophia“ bedeutet „Heilige Weisheit“. (Interessanter Name für eine Kirche.) Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen wurde sie 1453 zur Hauptmoschee.

 

Ausdehnung und Ende des byzantinischen Reiches

Das Byzantinische Reich begann 395 mit der Reichsteilung und endete 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. Mehr als 1000 Jahre! Von Wikipedia hier noch eine Animation über die Ausbreitung:

 

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Wikipedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Byzantine_Empire_animated.gif#file

 

550 erstreckte sich das Reich über den gesamten Mittelmeerraum, einschließlich Nordafrikas, bis nach Gibraltar!

 

Multikulti

Wieviel in zeitlicher und räumlicher Ausbreitung vergleichbare Reiche gab es in der Menschheitsgeschichte? (Das Dritte Reich dauerte zum Glück nur 12 Jahre.) Wodurch bekam dieses multi-ethnische Reich seine Stabilität? Können wir daraus noch etwas lernen für Multikulti heute?

Warum sind die meisten Deutschen vertrauter mit dem Römischen Reich als mit dem Byzantinischen Reich?

 

Orthodoxie

Über das Byzantinische Reich gelangten auch orientalische Einflüsse nach Europa und altes Kulturgut der Region wurde an weiter entfernte Regionen und an zukünftige Generationen überliefert. Byzantinische Kultur war von Bedeutung für die Renaissance in Westeuropa und hat eine gewaltige kulturelle Bedeutung für den Balkan, Osteuropa und das orthodoxe Christentum.

 

Die byzantinische Kultur und Denkweise hat alle orthodoxen Völker tief geprägt.

(Wikipedia)

 

Westeuropa und weite Gebiete der restlichen Welt wurden durch römisch-katholisches Christentum geprägt. Da die Reformation eine Gegenreaktion auf den Katholizismus war, sind auch überwiegend protestantische Regionen somit indirekt durch katholische Frömmigkeit beeinflusst. (Abgesehen davon, dass viele protestantische Regionen ja vorher sowieso katholisch waren.)

Was wäre bei unserem Verständnis und der Beschreibung unseres Glaubens heute in Deutschland anders, wenn wir nicht aus römisch-katholischem Christentum, sondern aus byzantinisch-orthodoxen Christentum erwachsen wären? Wäre das vielleicht sogar in unseren säkularen Kultur spürbar? Und wenn ja: wo und wie?

 

Dialog

In einer globalisierten Welt kann sich kaum eine Tradition der Auseinandersetzung mit anderen Traditionen entziehen. So gibt es auch ein Nachdenken über andere Traditionen im orthodoxen Christentum. Bei „orthodoxes-forum.de“ gibt es z.B. eine Diskussion zum Thema „Römisch-Katholisch vs Orthodox“ mit immerhin 29 Beiträgen.

 

Mutter unser

 

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Fridolin Leiber (1853–1912) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Mutter unser im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 

Ich hatte nicht wirklich gedacht, dass ich der Erste bin, der auf die Idee kommt:

„Mutter unser“.

Schon 1999 gab es einen Artikel bei „Die Welt“ und 2014 einen bei „derFreitag.“ Beides offensichtlich Reaktionen auf eine Diskussion, die schon längst im Gange war. Und das Thema ist noch lange nicht vom Tisch.

Ist das Vater-unser nicht mehr gut genug? Geben wir als Christen mal wieder dem Zeitgeist nach? Passen uns an?

Ist ein „Mutterunser“ nicht eine Verfälschung der Bibel? Vielleicht sogar Gotteslästerung?

 

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet …

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jesaja 66,13)

 

Gott ist kein Mann – das ist klar. Wo ist also das Problem von Gott als Mutter zu sprechen? Beides, „Vater“ und „Mutter“, sind sprachliche Bilder, um sich einer Wirklichkeit anzunähern, die sich mit Sprache nie einfangen lässt.

Wie so viele andere Diskussionen in der Christenheit, führt uns die Frage nach der Männlich- bzw. Weiblichkeit Gottes tief hinein in die Grundlagen unseres Glaubens:

  • Wie können wir heutzutage sinnvoll mit den antiken biblischen Texten umgehen?
  • Was ist die zeitlose Wahrheit des Evangeliums, und was ist ihr kultur- und zeitabhängiger Ausdruck?
  • Wer oder was ist eigentlich Gott, und wie können wir halbwegs angemessen von IHM/ IHR reden?

Und es gibt auch Fragen, die mir etwas über mich selbst offenbaren können:

  • Ist mir der Gedanke an einen männlichen, weiblichen oder sächlichen Gott sympathischer?
  • Warum?

 

Progressive Theologie

 

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Innenansicht eines Stanford-Torus. Gemälde von Donald E. Davis [Public domain], via Wikimedia Commons

Seit September gibt es die Facebook-Gruppe „Progressive Theologie“ mit inzwischen 50 Mitgliedern, schon über 100 Beiträgen und Diskussion.

 

„Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.“

(Bereschit / Genesis / 1. Mose 19,26)

 

Theologie ist oft rückwärtsgewandt und beschäftigt sich mit Ideen aus der Vergangenheit. In dieser Gruppe geht es um gute, bessere Theologie für die Zukunft. Mir ist dabei auch ganz wichtig, dass es nicht eine Diskussion zwischen „Experten“ ist, sondern dass die wichtigen theologischen Themen endlich auch mehr in die breite Christenheit hineinkommen.

Theologie wird meist auf Professoren-Schreibtischen gemacht. Dort bringt sie noch nicht viel. Was wir brauchen, ist ein Denken über Gott und ein Reden von Gott, dass für Menschen funktioniert und im Alltag spürbar ist. Kann dies eine Theologie sein, die von Profis dem einfachen Gläubigen verklickert werden muss?

 

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden …

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jirmejahu / Jeremia, 31. Kapitel, Verse 31-34)

 

Schon in den biblischen Texten selbst erkennen wir eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und seinen Menschen. Manche sprechen von einer fortschreitenden Offenbarung. Eine grundlegende Frage in der Christenheit ist, in welchem Umfang sich das Reden von Gott nach dem Abfassen der biblischen Texte noch ändern darf. Das Beantworten dieser Frage ist von entscheidender Bedeutung für das geistliche Leben der Christenheit heute und für das christliche Leben eines jeden einzelnen. Dabei ist zu erwarten, dass verschiedene Christen diese Frage auch unterschiedlich beantworten werden, denn unsere Traditionen sind unterschiedlich und unsere persönlichen Erfahrungen und Rahmenbedingungen auch.

Es gibt schon viele gute Projekte und Webseiten zu Themen wie Bibel, Theologie, christlicher Glaube, Kirche, Religionen, …  Die Beschäftigung mit Vergangenem nimmt bei Religionen notwendigerweise auch einen großen Raum ein, da Überlieferung wichtig ist, damit gute Traditionen nicht abreißen und wichtige Werte nicht verloren gehen.

Gerade in der jüdisch-christlichen Überlieferung begegnet uns allerdings auch eine starke Ausrichtung auf die Zukunft (messianische Erwartungen, Wiederkunft Christi, …). Der Geist Gottes ist eine innovative Kraft. In dieser Facebook-Gruppe soll es darum gehen, wie unsere Überlieferung für die Zukunft fruchtbar sein kann und was wir an Neuem brauchen. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet ihr schon Links zu interessanten Inhalten, Projekten, …

Ich habe beim flüchtigen Googeln keinen einheitlichen Begriff „Progressive Theologie“ gefunden. Er wird z.B. auch für bestimmte islamische Theologie benutzt. Könnt ihr euch erinnern, ob und in welchem Zusammenhang ihr den Begriff schon einmal gehört habt? (Im Englischen gibt auch den Begriff „Progressive Christianity„.)

 

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Anmerkungen zu „Vom Wandern und Wundern“ (hg. von Maria Herrmann und Sandra Bils), Kirche² & Co., mit anschließender Diskussion:

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