Mirra Alfassa, Stadtgründerin

 

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Mirra Alfassa – Foto von Henri Cartier Bresson (via Wikimedia Commons) – Public domain

 

Ich interessiere mich für Mirra Alfassa, weil sie gemacht hat, was ich selbst gerne machen würde. Sie ist keine typische Sozialunternehmerin. Sie hat nicht ein einzelnes Unternehmen gegründet, sondern eine ganze Stadt.

 

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Modell des Stadtkerns von Auroville – Foto von IM3847 (via Wikimedia Commons) – CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

 

Warum Auroville?

Meine letzte Stelle als Gemeindepädagoge war bei der ev. Vaterunser-Kirchengemeinde in Berlin-Wilmersdorf. Dort hielt eine Frau einen Vortrag über ihre Reise nach Auroville. Der Name „Auroville“ fiel mir auf, da ich durch den vorletzten Kirchentag auf die Integrale Bewegung und Integrales Christentum gestoßen war. Sri Aurobindo ist eine der vielen Quellen der Integralen Theorie, und er kann auch als „Vater“ von Auroville gesehen werden.

 

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Sri Aurobindo (via Wikimedia Commons) – Public domain

 

Sri Aurobindo Ghose

Aurobindo wird manchmal als Philosoph bezeichnet. Er selbst verstand sich allerdings als Politiker und Poet. Noch vor Gandhi war er ein indischer Revolutionär und saß ein Jahr in britischer Untersuchungshaft in einer Einzelzelle, wurde dann allerdings frei gesprochen. Im Jahr vor seiner Inhaftierung praktizierte er bereits Yoga. Dies und folgende spirituelle Erfahrungen während der Haft wurden grundlegend für sein späteres Wirken.

 

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Mirra Alfassa als Kind, ca. 1885 (via Wikimedia Commons) – Public domain

 

Mirra Alfassa

Mirra Alfassa wurde 1878 in eine wohlhabende Familie jüdischer Abstammung geboren – ein türkisch-persischer Vater und eine ägyptische Mutter. Die Eltern waren kurz zuvor in Frankreich immigriert.

Schon als Kind hat Mirra Alfassa mystische Erfahrungen. Sie hatte auch Berührungen mit anderen Mystikern und war später dann der erste Mensch aus dem Westen der in Indien als Guru verehrt wurde.

1914 traf sie Sri Aurobindo und zog dann 1920 nach Indien. Dort leitete sie bald den Aschram, der sich um Aurobindo gebildet hatte. Der Aschram existiert immer noch, hat mittlerweile ca. 1500 Mitglieder, betreibt eine Schule und hat internationale Aktivitäten – u.a. auch in Berlin.

 

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Auroville Beach, ca. 12 km östlich von Auroville am Golf von Bengalen (Indischer Ozean) – Foto von Karthikragu 19 (via Wikimedia Commons) – CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

 

Auroville – Die grüne Stadt der Zukunft

Auroville, „The City of Dawn“. – Der Name „Auroville“ bedeutet „Stadt der Morgendämmerung“ (von französisch „aurore“ und „ville“). Er kann allerdings auch als als Wortspiel mit dem Namen „Auro-bindo“ verstanden werden. – Während Aurobindo der „Vater“ von Auroville ist, ist Mirra Alfassa „die Mutter“ („The Mother“), wie sie auch von vielen Anhängern genannt wird.

 

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Der Auroville Banyan Baum. Foto von Bagavath G via Wikimedia Commons – CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

 

Auroville versteht sich als Labor für die ganze Menschheit. Die Vision von Aurobindo wurde von Alfassa nach Aurobindos Tod weiter vorangetrieben und erhielt 1966 Unterstützung durch die UNESCO. Das Schlagwort „lebenslanges Lernen“ hat in Auroville die Gestalt einer menschlichen Gemeinschaft und eines neuen Lebensstiles angenommen.

1968 wurde Auroville dann um einen einzelnen Baum herum in einer wüsten, unwirtlichen Gegend gegründet. Bei der Gründung waren Vertreter der meisten Staaten Indiens und der Welt anwesend und hatten jeweils Erde aus ihrer Heimat mitgebracht, welche dort in einer großen Urne aufbewahrt wird. Später kam noch das Matrimandir als zentraler Sakralbau hinzu.

 

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Das Matrimandir in Auroville – Foto von sillybugger (via Wikimedia Commons) – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

In Auroville bemüht man sich um die Vermeidung von Hierarchie und Regeln. Grundlage des Zusammenlebens ist die Charta, welche bei der Gründung 1968 live im indischen Rundfunk übertragen wurde:

 

Die Charta Aurovilles

  1. Auroville gehört niemandem im besonderen. Auroville gehört der ganzen Menschheit. Aber um in Auroville zu leben, muss man bereit sein, dem Göttlichen Bewusstsein zu dienen.
  2. Auroville wird der Ort des lebenslangen Lernens, ständigen Fortschritts und einer Jugend sein, die niemals altert.
  3. Auroville möchte die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft sein. Durch Nutzung aller äußeren und inneren Entdeckungen wird Auroville zukünftigen Verwirklichungen kühn entgegenschreiten.
  4. Auroville wird der Platz materieller und spiritueller Forschung für eine lebendige Verkörperung einer wirklichen menschlichen Einheit sein.

 

Neugierig?

Hier findet ihr eine Dokumentation vom SRF (Schweizer Radio und Fernsehen):

 

 

Ein nettes, kurzes (10 min.)  Video könnt ihr hier sehen (Engl., mit schwer zu verstehendem Akzent, aber schönen Bildern):

 

 

Eine weitere ausführlichere Doku gibt es hier:

 

 

Wär das nicht was? Eine „Aurostadt“, eine „Zukunftsstadt“ in Brandenburg, ganz in der Nähe von Berlin? Eine von vielen Städten eines Auroville-Netzwerkes einer besseren Zivilisation? – Es gibt auch in Deutschland Menschen, die sich für eine bessere Zukunft engagieren…

 

 

Die Idee einer Stadt der Zukunft ist keine ganz neue Idee…

 

Der Engel zeigte mir auch einen Strom, der wie Kristall glänzte; es war der Strom mit dem Wasser des Lebens. Er entspringt bei dem Thron Gottes und des Lammes und fließt die breite Straße entlang, die mitten durch die Stadt führt.

An beiden Ufern des Stroms wächst der Baum des Lebens. Zwölfmal im Jahr trägt er Früchte, sodass er jeden Monat abgeerntet werden kann, und seine Blätter bringen den Völkern Heilung.

In dieser Stadt wird es nichts mehr geben, was unter dem Fluch Gottes steht. Der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt sein, und alle ihre Bewohner werden Gott dienen und ihn anbeten. Sie werden sein Angesicht sehen und werden seinen Namen auf ihrer Stirn tragen.

Es wird auch keine Nacht mehr geben, sodass man keine Beleuchtung mehr braucht. Nicht einmal das Sonnenlicht wird mehr nötig sein; denn Gott selbst, der Herr, wird ihr Licht sein. Und zusammen mit ihm werden sie für immer und ewig regieren.“

.
(Das Buch der Offenbarung, 22. Kapitel, Verse 1-5 – Bibel, Neues Testament)

 

„Hungrige Missionierende“ (10.Teil): 1. Ansatzpunkt: Die individuelle religiöse Erfahrung von Christus ernst nehmen

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Religionen, von Neitram via Wkimedia Commons – public domain

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Die nächsten Schritte

Ich will nun versuchen zu skizzieren, was die nächsten Schritte sein könnten. Bestimmt gibt es auch sinnvolle Ansätze, an die ich nicht gedacht habe. Benutzt also gerne die Kommentar-Funktion und lasst eurer Fantasie freien Lauf…  😉

 

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Segensgestus auf einer Christus-Ikone (14. Jahrhundert) via Wikimedia Commons, public domain

 

1. Ansatzpunkt: Die individuelle religiöse Erfahrung von Christus ernst nehmen

Bei dieser Überschrift werden bei einigen Traditionsliebhabern wahrscheinlich die Alarmglocken läuten. Manche Christen werden bei Begriffen wie „Liebe“, „Freiheit“, „Heiliger Geist“, „Spiritualität“, u. Ä. nervös, und sicherlich haben viele von uns schon negative Erfahrungen mit bestimmten christlichen Individualisten gemacht, die gerne ihren Stil leben wollen, sich nicht gut in die Gemeinschaft einfügen und sich nichts sagen lassen. – Am Umgang mit solchen Typen wird so einiges deutlich von christlicher Freiheit und der Qualität christlicher Gemeinschaft.

 

„Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf.“

.
(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 10,23 – Neues Testament)

 

Als soziale Wesen bedeutet Leben für uns immer individuelles und kollektives Leben zugleich – so auch beim geistlichen Leben. Kein Baby überlebt, wenn nicht andere Menschen da sind, die sich um es kümmern. Im Johannes-Evangelium wird das Entstehen geistlichen Lebens („ins Reich Gottes kommen“) mit der Geburt eines Kindes verglichen. Gut, wenn auch dann eine Gemeinschaft da ist, die sich um zartes geistliches Leben kümmert.

 

„Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

.
(Jesus im Johannes-Evangelium 3,3 – Neues Testament)

 

Die authentische, subjektive religiöse Erfahrung des Einzelnen ist der Ausgangspunkt für geistliche Gemeinschaft. Geistliche Gemeinschaft ist die Gemeinschaft von Menschen, welche eine solche Erfahrung gemacht haben. Eine „geistliche Geburt“ ist Teil der persönlichen Biografie. Diese Erfahrungen und Biografien gilt es angemessen zu würdigen und Menschen in ihrer spirituellen Entfaltung zu begleiten und Verbindendes aufzuspüren.

Religiöse Gruppen haben oft einen Hang zum Konservativen, und die Bedürfnisse des Einzelnen kommen da manchmal gegenüber den Interessen der Gruppe und der Tradition zu kurz. Dabei ist es doch der Einzelne, der erlöst und neu geboren wird. Christliche Gemeinschaft besteht doch gerade aus Menschen, welche solch eine individuelle Erfahrung gemacht haben und machen.

 

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Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher – via Wikimedia Commons

 

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher

Schleiermacher (1786-1834) ist in diesem Zusammenhang sicherlich immer noch einer, der maßgeblichen Theologen:

 

„Schleiermacher hatte einen klaren Blick für die Selbständigkeit der Religion, er bekräftigte die Bedeutung des religiösen Erlebens des einzelnen Glaubenden und leitete damit eine entscheidende Wende ein.“

.
(Lauster, Die Verzauberung der Welt)

 

In Wissenschaft und Theologie ist in den vergangenen 200 Jahren viel passiert. In der Breite der real-existierenden Christenheit, in kirchlicher Praxis und persönlicher Frömmigkeit sind wir allerdings kaum weiter als vor 200 Jahren. Es ist höchste Zeit, dass wir eine (selbst-)kritische Bestandsaufnahme machen und den Mut haben für einen weiten Blick auf unseren christlichen Glauben.

 

 

 

Gedeutete Erfahrung

Erfahrung ist immer gedeutete Erfahrung. Unsere Biografie und unsere Kultur stellen uns Deutungsmuster zur Verfügung. Die religiöse Erfahrung selbst ist nicht mangelhaft, die Deutung der religiösen Erfahrung kann dies allerdings schon sein.

Erst die Verbindung zur christlichen Tradition (Kollektiv) macht eine Erfahrung zu einer „christlichen“ Erfahrung, und die Deutung unserer Erfahrungen mag sich im Laufe unseres Lebens auch verändern. Im ersten Teil unserer Bibeln können wir beobachten, wie das jüdische Volk im Lauf ihrer Geschichte immer wieder erwogen hat, welche Bedeutung ihre Tradition (die Erfahrungen der Ahnen) für ihr gegenwärtiges Leben hat.

 

„Höre, mein Volk; lass dich warnen, Israel! – Wenn du doch auf mich hören würdest!

Du sollst keine anderen Götter neben mir haben, wie sie bei fremden Völkern verehrt werden – bete solche Götzen nicht an!

Denn ich bin der HERR, dein Gott, ich habe dich aus Ägypten herausgebracht. Von mir sollst du alles erwarten, und ich werde dir geben, was du brauchst!“

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(81. Psalm, Verse 9-11 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

Individuelle religiöse Erfahrungen haben ihren eigenständigen Wert, auch wenn die „kollektive Verwertbarkeit“ in der christlichen Gemeinschaft nicht immer erkennbar ist.

Wenn es in der jüdisch-christlichen Überlieferung etwas gibt, das zeitlos bestand hat und für jeden Menschen aller Zeiten, Kulturen und Sprachen (also auch für die Menschen bei uns auf der Straße) von Bedeutung ist, dann muss auch jede echte religiöse Gotteserfahrung – logischerweise – mit diesen zeitlosen Werten Überschneidungen haben. Diese Überschneidungen gilt es jeweils aufzuspüren und zu integrieren, um Kontinuität und Zukunftstauglichkeit einer lebendigen religiösen Kultur zu gewährleisten.

 

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„Lasst doch die Kinder zu mir kommen, und hindert sie nicht daran! Gottes Reich ist ja gerade für solche wie sie bestimmt.“ (Markus 10,14) – Gemälde von Carl Heinrich Bloch, 19. Jahrhundert, via Wikimedia Commons – Public domain

 

Jesus und die Kinder

Komplizierter wird es durch die Kinder, welche in die christliche Gemeinschaft hineinwachsen. Sie lernen christliche Inhalte und Werte kennen, ohne dass sie notwendigerweise ein tiefgreifendes religiöses Erlebnis im Sinne von Joh 3 haben. In christlichen Traditionslinien ist dieses Problem unterschiedlich gelöst worden. Die Praxis der Konfirmation scheint mir dabei allerdings keine optimale Lösung zu sein.

 

„Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.“

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(Jesus im Lukas-Evangelium 18,17 – Neues Testament)

 

Die Frage, ob es eine „christliche Sozialisation“ im Geiste Jesu überhaupt gibt bzw. was das denn genau sein soll, trifft das Herz des Christentums. Sie hat grundlegende Bedeutung für die Geschichte und Gegenwart der Christenheit und hat mit wichtigen Begriffen der Theologie und Praxis zu tun (z.B. „Taufe“).

 

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Der Apostel Paulus. Ein Gemälde von Bartolomeo Montagna, via Wikimedia Commons. – Unwahrscheinlich, dass Paulus eine Bibel auf dem Arm gehabt hat.  😉  – Public domain

 

Paulus – ein hungriger Missionierender

Die Briefe von Paulus gehören wahrscheinlich zu den ältesten erhaltenen christlichen Texten und geben uns tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Missionierenden. Obgleich wir bei Paulus kaum Details aus dem Leben Jesu finden, ist die Nähe des Jesus, von dem die Evangelien erzählen, auch bei Paulus greifbar.

Wir sehen in seinen Briefen auch die große Bedeutung, welche seine persönlichen mystischen Erfahrungen des Christus für seine Mission gespielt haben, und wir können erkennen, welch große Bedeutung er dem Wirken des Geistes Gottes im Leben des Einzelnen beigemessen hat (z.B. Röm 7-8, Gal 5).

 

„Paulus, Apostel, berufen nicht von Menschen oder durch menschliche Vermittlung, sondern unmittelbar von Jesus Christus…

Das Evangelium, das ich verkünde, ist nicht menschlichen Ursprungs. Ich habe diese Botschaft ja auch nicht von einem Menschen empfangen und wurde auch nicht von einem Menschen darin unterwiesen; nein, Jesus Christus selbst hat sie mir offenbart…

…dann hat Gott beschlossen, mir seinen Sohn zu offenbaren…

Als er mir nun seinen Sohn offenbarte – mir ganz persönlich – , gab er mir den Auftrag, die gute Nachricht von Jesus Christus unter den nichtjüdischen Völkern zu verkünden…“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien, 1. Kapitel – Neues Testament)

 

Mein Eindruck ist, dass wir heutzutage weitgehend eine bessere Balance zwischen der Übermacht der Traditionsgemeinschaft (2000 Jahre Christentum in einer Vielfalt von Traditionslinien) und dem religiösen Erleben und der Lebenserfahrung des Einzelnen brauchen.

Manche Menschen neigen dazu, sich der Mehrheitsmeinung anzupassen. Dies ist nicht immer gut. Auch in der „Heiligen allgemeinen Kirche“ und der “Gemeinschaft der Heiligen” gibt es stinknormale gruppendynamische Prozesse.

 

„Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen.

Was will ich damit sagen?

Lasst den Geist Gottes euer Verhalten bestimmen, dann werdet ihr nicht mehr den Begierden eurer eigenen Natur nachgeben.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 5,15-16)

 

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Jesus und die samaritanische Frau am Brunnen, Johannes-Evangelium 4. Kapitel; Gemälde von Henryk Siemiradzki via Wikimedia Commons – Public domain

 

Jesus und Du

In den Erzählungen über Jesus lesen wir, wie er einzelnen Menschen besondere Aufmerksamkeit schenkte und sich Ausgegrenzten zuwendete. – Die Beachtung des Einzelnen mit seinen Bedürfnissen und Nöten, mit seiner persönlichen Biografie und seinen Lebensumständen ist beste jüdische und jesuanische Tradition.

 

„Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt:

‚Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer,‘ [Hosea 6,6]

dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt.“

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(Jesus im Matthäus-Evangelium 12,7)

 

Mitgefühl und Barmherzigkeit sind grundlegende Begriffe nicht nur im Christentum, sondern auch in anderen Religionen. Empathie ist auch nicht nur eine menschliche Fähigkeit.

 

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Bonobo, Foto von Kabir via Wikimedia Commons – CC BY-SA 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

 

„Grau ist alle Theorie…“

Die theoretische Beschäftigung mit der Überlieferung von Jesus ist nicht der einzig mögliche Zugang zum christlichen Glauben. Man kann auch einfach das, was man über diesen Mann lernen kann, als Einzelner und in christlicher Gemeinschaft praktisch ausprobieren.

Ein Christ, der sich nicht real in seinem alltäglichen Leben auf den Weg Jesu begibt und die Lehre von Jesus selbst ausprobiert, ist ein toter Christ. Es gibt kein lebendiges Christsein, das sich nur im Kopf abspielt.

„Darum gleicht jeder, der meine Worte hört und danach handelt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut…“

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(Jesus im Matthäus-Evangelium 7,24)

 

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Kampf auf der Karriereleiter: Plastik von Peter Lenk an der Invesitionsbank, Bundesallee 210, Berlin; von Bukk [Public domain], from Wikimedia Commons

Geistliche Armut – individuell und kollektiv

Auch wenn Christen vom „erfüllten Leben“ durch Jesus sprechen, fühlt man sich auch als Christ manchmal leer und hofft auf Erbauung durch die Gemeinschaft mit anderen Christen. Anstatt dem Mangel Aufmerksamkeit zu schenken und Gründe zu erforschen, wird leider häufig oberflächlich darüber hinweggegangen.

Ich habe in Gemeinden und Kirchen auch manchmal den Eindruck bekommen, dass das Interesse an „erfolgreichen“ Veranstaltungen und soliden Finanzen größer war, als das Interesse an der Seele des einzelnen Menschen.

 

„Du sagst:

‚Ich bin reich und habe alles im Überfluss, es fehlt mir an nichts‘,

und dabei merkst du nicht, in was für einem jämmerlichen und erbärmlichen Zustand du bist – arm, blind und nackt.“

.
(Offenbarung 3,17 – Neues Testament)

 

Natürlich kann das Interesse am Einzelnen auch übergriffig werden und zu geistlichem Missbrauch führen, aber Gefahren sind immer die Begleiterscheinung von Freiheit. Wo Menschen frei sind, können sie diese Freiheit auch missbrauchen oder einfach Fehler machen. Eine grundsätzlich gesunde Kultur des Umgangs mit einander ist da ein guter Schutz.

Wenn wir den erlebten geistlichen Mangel transparent machen würden und offen damit umgingen, als Einzelne und als Gruppen, dann wäre dies schon der erste Schritt in die richtige Richtung. Das Um-denken im Wahrnehmen des Mangels könnte zur Quelle von Leben werden. Stattdessen wird leider häufig die Not überspielt und man will sich lieber an scheinbar „christlichen“ Aktivitäten erfreuen. Die Musik spielt, während die Seele lautlos schreit…

 

„Wenn jemand an mich glaubt, werden aus seinem Inneren, wie es in der Schrift heißt, Ströme von lebendigem Wasser fließen.“

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(Johannes-Evangelium 7,38)

 

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Big Spring (Missouri, USA), Foto von Kbh3rd, via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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„Hungrige Missionierende“ (7. Teil): Solidarität der Suchenden

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Herbst, Foto von Martin.Heiss via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Solidarität der Suchenden

Sattheit macht träge. Hunger setzt uns in Bewegung, auf der Suche nach etwas, das die Sehnsucht unseres Herzens stillt und Körper und Seele satt machen. Unsere Bedürfnisse sind allerdings je nach Lebensphase und -umständen unterschiedlich. Es gibt geistliche Reifungsprozesse…

Der Glaube eines Erwachsenden ist nicht dasselbe, wie der Glaube eines Kindes. Wenn ein Mensch ein Bekehrungserlebnis hin zum Christentum hat, sind damit noch nicht alle Fragen für alle Zeit beantwortet. Die Vielfalt des weltweiten Christentums heutzutage ist nicht identisch mit dem Christentum zur Zeit der ersten Apostel. Wir sind alle noch auf dem Weg und suchen Erfahrungen (Phil. 3,10-12) und Antworten…

 

„Um Christus allein geht es mir. Ihn will ich immer besser kennen lernen: Ich will die Kraft seiner Auferstehung erfahren, aber auch seine Leiden möchte ich mit ihm teilen und mein Leben ganz für Gott aufgeben, so wie es Jesus am Kreuz getan hat…
.
Dabei ist mir klar, dass ich dies alles noch lange nicht erreicht habe und ich noch nicht am Ziel bin. Doch ich setze alles daran, es zu ergreifen, weil ich von Jesus Christus ergriffen bin…“
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(Paulus im Brief an die Christen in Philippi 3,10-12)

 

Gute Erfahrungen machen uns Hoffnung, Ähnliches könnte sich noch einmal ereignen. Sie öffnen die Augen für die Schönheiten des Lebens: Es gibt erfahrbare Vergebung, die Kraft eines guten Gewissens, echte Liebe, Solidarität aus tiefer Überzeugung, Hilfsbereitschaft im Glauben an zeitlose Werte, Leben in einer größeren Dimension, tieferes Verstehen, erweitertes Bewusstsein, Sinn im Leben,…

Es gibt viele Menschen, die etwas suchen, und manchmal sind die Probleme und Fragen von Christen und Nichtchristen dieselben:

Wie können wir als Menschheit eine Zukunft haben? Wie können wir verantwortungsvoll und nachhaltig leben? Wie macht unser Alltag Sinn? Wie werde ich meine Depressionen los? Wie können wir in Frieden miteinander leben? Wie schaffe ich es, das Richtige zu tun? Wie werde ich glücklich? Wie findet und pflegt man belastbare Beziehungen? Wie funktioniert Familie? Wie wird meine Seele satt?…

Wie könnte Mission im Auftrag Gottes etwas anderes sein, als die Antwort auf die tiefsten Sehnsüchte des Menschen?

 

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Wolken über Afrika; Foto von Muhammad Mahdi Karim via Wikimedia Commons [GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)%5D

 

Das Bild, das die Evangelien von Jesus malen, ist das Bild eines Menschen, der sich radikal mit allen Menschen solidarisiert. Er wendet sich den Ausgegrenzten zu und ruft sogar zur Feindesliebe auf. Der Gott dieses Jesus ist der Gott des Jona, welcher sich auch um die Feinde sorgt – und sogar um die Tiere (Jona 4,11; Matthäus 10,29; Johannes 2,15-16). In der Bergpredigt spricht er zu seinen Jüngern (!):

 

Bittet, so wird euch gegeben;  suchet, so werdet ihr finden;  klopfet an, so wird euch aufgetan.”

.
(Matthäus-Evangelium 7,7 – Hervorhebung von mir)

 

Wir bräuchten in der Christenheit eine deutliche Zäsur: Weg von der Besserwisserei und hin zur Solidarität mit der Not und den Fragen jedes Menschen. Was sich in meinem Leben bewährt hat, sollte ich sicherlich nicht so einfach wieder aufgeben. Es gehört jedoch auch zu einem Leben im Geist Jesu, die Nöte und Fragen anderer wirklich ernst zu nehmen.

Angesichts der Geschichte und Gegenwart der Christenheit wäre ein Beharren auf der Position “man selbst vertrete aber die richtige Variante des Christentums” etwas peinlich. Gelebter Pluralismus und eine Kultur gesunden, konstruktiven Austauschs könnten selbstgemachtes Christentum überwinden (2 Kor 10, 4-5) und uns weit bringen. Da wir noch nicht am Ziel sind, können wir bereits Erreichtes immer wieder in Frage stellen. Wenn man bereit ist, Gutes loszulassen, könnte man vielleicht Besseres empfangen...

 

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Symbol der Ökumene; von Rechtfertigungslehre_St.-Anna_Augsburg, Emkaer derivative work: ARvєδuι via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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„Hungrige Missionierende“ (6. Teil): Haben oder Sein?

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Petersplatz im Morgengrauen, mit Petersdom (Vatikan), Foto von Islandoftrees via Wikimedia Commons – CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Haben oder Sein?

Besitz als Statussymbol hat lange Tradition. Es kann ein teures Auto, die gestylte äußere Erscheinung oder persönliche Kompetenz sein, mit denen man oder frau versucht andere zu beeindrucken. – Macht und Ohnmacht liegen dabei oft dicht beieinander. – In einer Konsumgesellschaft fällt es uns schwer Mängel wahrzunehmen, welche sich nicht durch Konsum abstellen lassen.

Missionierung ist älter als das Christentum (Mt 23,15). Menschen ziehen durch die Welt, um andere für ihre Sache zu gewinnen – auch in unserer heutigen Zeit. Wer missioniert besitzt etwas: eine Idee, ein Produkt, eine Botschaft, usw., und die Beweggründe zum Missionieren sind unterschiedlich.

 

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Selbst geht ihr nicht hinein, und die, die hineingehen wollen, lasst ihr nicht hinein…
.
Ihr reist über Land und Meer, um auch nur einen einzigen Anhänger zu gewinnen, und wenn ihr einen gewonnen habt, macht ihr ihn zu einem Anwärter auf die Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr.
.
Wehe euch, ihr verblendeten Führer!…Matthäus-Evangelium“
.
(Matthäus-Evangelium 23,13-16)

 

Auch Christen missionieren, und auch bei Christen sind die Beweggründe unterschiedlich. Die Bergpredigt fordert uns auf, uns Schätze im Himmel zu sammeln (Mt 6,20). Christen sind Christen nicht wegen dem, was sie besitzen, sondern wegen dem, was sie sind: Sie sind Menschen, die von Jesus lernen, und ein lebendiges Zeugnis der Veränderung, die in ihrem Leben stattfindet.

Es gehört zu den Grundüberzeugungen des Christentums, dass Gott sich “am besten” nicht in Lehrsätzen oder in einem Buch, sondern in einem Menschen aus Fleisch und Blut offenbart. Das Wesen von Mission ist Ausdruck der Identität der Missionierenden. Als Missionierende sind wir lebendiges, authentisches Zeugnis dessen, was Jesus im Leben eines Menschen bedeuten kann.

 

Gott ist kein Schriftsteller

 

Wir können als Christen bezeugen, welche Erfahrungen wir selbst mit Jesus gemacht haben. Wir können jedoch nicht Zeugen sein von dem, was Christen früherer Generationen mit Jesus erlebt haben. Da können wir nur weitererzählen, was wir von anderen gehört oder gelesen haben. – Haben oder Sein?

Es geht bei Mission im Geiste Jesu kaum um die Informationen, die wir besitzen, sondern es geht darum, was für Menschen wir sind (Apg 19,13-15). Sind wir Menschen, die dem Auferstandenen begegnet sind (Gal 3,1; Mt 25,40)? …die Vergebung und Veränderung erfahren haben und aus Gnade leben? …die das Heilige berührt haben? …welche die Kraft eines guten Gewissens kennen (2 Kor 1,12)? …welche die Kräfte einer neuen Welt gespürt haben (Hebr 6,5)? …in denen der Geist Jesu weiterlebt (Röm 8,9)? …die noch Hungrige und Lernende sind?

 

“Jesus kenne ich und Paulus auch. Aber wer seid ihr?”

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(Apostelgeschichte 19,15 – Neues Testament)

 

Wer  bist  du ??

 

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„Sky Walker – Heaven of Dreams“ von Hartwig HKD via flickr (CC BY-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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Sabine Bobert | Einheitserfahrungen

 

Sabine Bobert veröffentlichte auf ihrem Blog „Mystik und Coaching“ das Gedicht einer Teilnehmerin eines Aufbauseminars:

Die Welt ein- und ausatmen

 

Die Christengemeinschaft, Rudolf Steiner und Anthroposophie

 

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Kirchenraum der Johannes-Kirche der Christengemeinschaft in Dresden, Foto von Odysseetheater via Wikimedia Commons – CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

 

„Die Christengemeinschaft wurde 1922 gegründet und war zwischen 1941 und 1945 in Deutschland verboten. Von der Gründung an wirkt sie als selbständige christliche Kirche.“

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(Die Christengemeinschaft international – Bewegung für religiöse Erneuerung)

 

Die Christengemeinschaft

In meiner fundamentalistisch-christlichen Jugend hatte ich Rudolf Steiner, Anthroposophie und die Christengemeinschaft als etwas Seltsames in meinem Gedächtnis abgespeichert. Jetzt stelle ich fest, dass das alles interessante Themen sind. Vorher hatte ich schon besonders positive Erfahrungen in einem anthroposophischen Krankenhaus gemacht.

Offenbar gab es Anfang der 20er Jahre eine Gruppe von Menschen, die ihre Reformbemühungen nicht innerhalb der bestehenden christlichen Kirchen umsetzen konnten. Deshalb wurde 1922 die Christengemeinschaft gegründet.

 

„Die Christengemeinschaft, Bewegung für religiöse Erneuerung, ist eine christliche Kirche, die sich als der Anthroposophie nahestehende, aber selbständige Kultusgemeinschaft versteht. Sie wurde nach Anregungen Rudolf Steiners, der den Kultus entwarf, am 16. September 1922 in Dornach (Schweiz) von einer Gruppe von 45 Theologen, Pfarrern und Studierenden überwiegend evangelischer Herkunft unter der Leitung von Friedrich Rittelmeyer gegründet.“

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(Wikipedia)

 

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Altar der Christengemeinschaft in Helsinki, Foto von Kristiyhteisö, Helsinki via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

 

Rudolf Steiner und Anthroposophie

Sebastian Gronbach ist eine umstrittene Person. (Mehr Infos dazu findet ihr z.B. hier.) Ich finde das Video von ihm dennoch sehenswert. Dort spricht er über die Verehrung, die er für Rudolf Steiner empfindet und über die Bedeutung von Mystik und Anthroposophie in der modernen spirituellen Szene.

 

 

Ein anderes Evangelium?

 

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Calvary Church bei Nacht; eine „non-denominational evangelical church“ in Charlotte, North Carolina; Foto von Fartbarker, via Wikimedia Commons – public domain

 

Die Lage der Christenheit ist sehr ernst; uns sie ist es nicht erst seit gestern, sondern schon seit langem.

 

„Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen.“

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(Paulus im Brief an die Christen (!) in Galatien; Bibel, Neues Testament; 5. Kapitel, Vers 15)

 

Eine gute Nachricht?

Das ist, was das Wort „Evangelium“ wörtlich bedeutet. Antike Fromme dachten da an Rettung von Gott, Bedrohungen, die abgewendet werden konnten, Überwindung des Bösen und Zukunft, die möglich geworden ist.

Die ersten Christen waren überzeugt, dass sie eine gute Nachricht für die ganze Welt haben. Diese Überzeugung war entstanden durch die Erfahrungen, die sie mit Jesus aus Nazareth als Teil der spirituellen Bewegung gemacht hatten, die von diesem Menschen ausging.

Sie waren überzeugt, dass sie in einer Zeit leben, wo Gottes Geist auf Menschen herabkommt, sie erfasst, neu belebt und befähigt ein Leben zu führen, das Gott gefällt.

 

„Der Geist Gottes dagegen lässt als Frucht eine Fülle von Gutem wachsen, nämlich: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Freundlichkeit und Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung. Gegen all dies hat die Tora nichts einzuwenden.
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Menschen, die zum Messias Jesus gehören, haben ja doch ihre selbstsüchtige Natur mit allen Leidenschaften und Begierden ans Kreuz genagelt.“
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 5,22-24)

 

Was glauben Christen heutzutage noch?

Wenn man sich heutzutage in der christlichen Szene umschaut, ist es gar nicht so leicht zu erkennen, was all diese Christen noch gemeinsam haben. Ich wohne in Berlin und die christliche Szene ist hier (besonders seit dem Mauerfall) sehr bunt geworden. Wenn man mit Christen ins Gespräch kommt, weiß man oft nicht, was einen erwartet, und einem wird dann alles Mögliche erzählt.

Was für eine gute Nachricht haben wir als Christen heutzutage noch für die Menschen um uns herum? Was ist unsere Message an die Welt? Ist das Christentum noch ein gutes Angebot?

 

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Apostel Paulus (rechts mit Buch, Schwert und Halbglatze) und Markus. Eine der beiden Tafeln des Diptychons (Die vier Apostelvon Albrecht Dürer (1526) via Wikimedia Commons – public domain

 

Ein anderes Evangelium

Der bibel-kundige Leser hat es sofort gemerkt:

Der Titel ist eine Anspielung auf einen Bibelvers im Brief des Apostels Paulus an die Christen in Galatien:

 

„Ich wundere mich sehr über euch. Gott hat euch doch in seiner Gnade das neue Leben durch den Messias Jesus  geschenkt, und ihr seid so schnell bereit, ihm wieder den Rücken zu kehren. Ihr meint, einen anderen Weg zur Rettung gefunden zu haben?

Doch es gibt keinen anderen! Es gibt nur gewisse Leute, die unter euch Verwirrung stiften, indem sie die Botschaft vom Messias verfälschen. Wer euch aber einen anderen Weg zum Heil zeigen will als die rettende Botschaft, die wir euch verkündet haben, den wird Gottes Urteil treffen – auch wenn wir selbst das tun würden oder gar ein Engel vom Himmel.

Ich sage es noch einmal: Wer euch eine andere Botschaft verkündet, als ihr angenommen habt, den wird Gottes Urteil treffen!“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 1,6-9, in der Übersetzung der „Hoffnung für alle“; die Formulierung „anderes Evangelium“ stammt aus der Luther-Übersetzung)

 

Hatten die Galater Jesus den Rücken gekehrt und sich wieder den Vergnügungen der Welt zugewandt? Oder sich von „modernen“ Irrlehren verführen lassen?

 

Ist Jesus allein nicht genug?

Das Problem war nicht, dass sich die Galater völlig von Jesus abgewandt hätten, sondern dass nachdem Paulus die gute Nachricht vom  neuen  Leben in Jesus verkündet hatte, andere kamen, die gesagt haben: Jesus ist zwar der Messias, aber Jesus allein genügt nicht, sondern ihr müsst auch nach der alten Tora leben.

 

„Allerdings mussten wir uns mit einigen falschen Brüdern auseinander setzen, mit Eindringlingen, die sich bei uns eingeschlichen hatten und ausspionieren wollten, wie wir mit der Freiheit umgehen, die Jesus, der Messias, uns gebracht hat. Ihr Ziel war, uns wieder zu Sklaven der Tora zu machen.

Aber wir haben ihnen nicht einen Augenblick nachgegeben und haben uns ihren Forderungen nicht gebeugt; denn die Wahrheit, die uns mit dem Evangelium gegeben ist, sollte euch unter allen Umständen erhalten bleiben.“

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(Galaterbrief 2,4-5)

 

Die Leute, gegen die sich Paulus im Galaterbrief wehrt, waren Menschen, die sich auf die heiligsten Texte ihrer heiligen Schriften beriefen: Die Tora. Der Galaterbrief selbst zeigt uns also schon, dass es nicht nur theoretisch möglich ist, sondern dass in der Geschichte der Christenheit es schon real passiert ist, dass Menschen mit heiligen Texten ein anderes Evangelium verkündet  haben .

 

„Biblisch an Jesus glauben“

Das Problem der Galater damals scheint mir sehr ähnlich dem Problem, das wir schon seit langem in der Christenheit haben. Vielleicht ist es im Wesentlichen sogar dasselbe. Der Glaube an die Bibel ist bei vielen Christen an die Stelle des Glaubens an Jesus getreten. Jesus wird „verpackt“ in der Bibel und nur wer „biblisch“ an Jesus glaubt, wird gerettet.

 

„Bevor uns Gott diesen Weg des Glaubens geöffnet hat, waren wir unter der Aufsicht des Gesetzes in das Gefängnis der Sünde eingeschlossen. Das sollte so lange dauern, bis Gott den vertrauenden Glauben als Weg in die Freiheit bekannt machen würde,  und das heißt: bis Christus kam.
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So lange war das Gesetz unser Aufseher; es war für uns wie der Sklave, der die Kinder mit dem Stock zur Ordnung anhält. Denn nicht durch das Gesetz, sondern einzig und allein durch vertrauenden Glauben sollten wir vor Gott als gerecht bestehen.
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Jetzt ist der Weg des Glaubens geöffnet; darum sind wir nicht mehr unter dem Aufseher mit dem Stock.“
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(Galaterbrief 3,23-25)

 

Eine andere Welt

Die Welt, in der wir heute leben, ist nicht mehr dieselbe, wie die Welt der ersten Christen. Ganz abgesehen davon, dass die ersten Christen keine Mitteleuropäer waren und nicht Deutsch sprachen.

In unser modernen Zeit verändert sich unsere Gesellschaft und unser Leben schneller als jemals zuvor, und wir stehen vor Herausforderungen, die die Menschheit in ihrer Geschichte noch nie erlebt hat.

 

 

Eine andere Situation

Alle  neutestamentlichen Texte entstanden im Zusammenhang bzw. Umfeld jüdischer Frömmigkeit des 1. Jahrhunderts. Diese religiöse Situation ist für  fast alle  Christen heutzutage eine andere.

Leider trennt das Christentum und das Judentum heute eine tiefe Kluft, die auch durch viel Leid entstanden ist. Die Christenheit hatte sich im Laufe seiner Geschichte schnell von der jüdischen Kultur und seinen jüdischen Wurzeln entfernt. Die Adressaten der neutestamentlichen Texte waren allerdings noch eng mit dieser Kultur verbunden.

 

„… Im Übrigen finden sich alle diese Forderungen im Gesetz des Mose, das seit vielen Generationen in allen Städten verkündet und Sabbat für Sabbat in allen Synagogen vorgelesen wird …
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Der Heilige Geist selbst und unter seiner Führung auch wir haben nämlich beschlossen, euch nur die folgenden unbedingt nötigen Anweisungen zu geben und euch darüber hinaus keine weitere Last aufzuerlegen:
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Esst kein Fleisch, das den Götzen geopfert wurde, unterlasst den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch und haltet euch fern von jeder Unmoral!“
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(Apostelgeschichte; Neues Testament; 15,21-29)

 

Ein anderer Leser

Wir sind auf Grund des historischen Wandels und einer anderen kulturellen und religiösen Situation heutzutage gar nicht mehr in der Lage, die biblischen Texte so zu lesen wie ein antiker Christ im 1. Jahrhundert.

Wen wollen wir fragen, ob wir einen Bibeltext richtig verstanden haben?

Und wie werden wir zu mündigen Christen, die befähigt sind, ihre Glaubensentscheidungen selbst zu vertreten, ohne am Rockzipfel eines Pastors oder Propheten zu hängen?

 

„Euch aber hat der, der heilig ist, Jesus Christus, seinen Geist gegeben, und durch diese Salbung habt ihr alle die nötige Erkenntnis.“

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(Erster Johannesbrief 2,20)

 

Tradition oder Erfahrung? Vermittelte Glaubensinhalte oder unmittelbare Gotteserfahrung?

Manchmal ist der Unterschied kaum erkennbar, aber er ist dennoch fundamental. Ist das Fundament meines Glaubens eine bestimmte christliche Tradition, die ich von anderen gelernt habe, oder ist es meine eigene Wahrnehmung und die Erfahrung, die ich selbst im Glauben an Jesus gemacht habe?

 

„Wer nun auf das hört, was ich gesagt habe, und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut.

Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,24-25)

 

Durch die Überlieferung über Jesus haben wir von ihm gelernt. Aber es ist nicht nur ein theoretisches Wissen, sondern es sind lebendige Worte, die etwas in unserer Seele berühren und uns in ein neues Leben locken. Es ist das unmittelbare geistige Wirken Gottes durch Jesus, das Menschen zu einem neuen Menschen werden lässt. Und das nicht nur am Anfang bei der Bekehrung, sondern auch danach, in einem Leben aus dem Vertrauen.

Ein Leben des Lernens von Jesus kann sich verkehren in ein Leben nach heiligen Texten und schriftlichen Anweisungen; und ein göttliches Buch, eine Heilige Schrift, kann zum Vermittler der Gnade werden. Und da die antiken, biblischen Texte nicht so leicht zu übersetzen und zu interpretieren sind, brauchen wir dann auch noch ein Heer an Experten, Bibel-Lehrern, Schriftgelehrten, Pastoren, Theologen, … die uns verklickern, wie wir die Bibel richtig zu verstehen haben.

 

„Beantwortet mir nur diese eine Frage: Wodurch habt ihr den Geist Gottes empfangen? Indem ihr die Forderungen der Tora erfüllt habt oder weil ihr die Botschaft des Glaubens gehört und angenommen habt?

Wie könnt ihr nur so blind sein! Wollt ihr jetzt etwa aus eigener Kraft zu Ende führen, was Gottes Geist in euch begonnen hat?“

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(Galaterbrief 3,2-3)

 

Die Balance zwischen dem Einzelnen und der Gruppe

Die christliche Traditions-Gemeinschaft ist dennoch wichtig. Es ist in der Gemeinschaft der Liebenden, in der ich selber lerne zu lieben. In einer solchen Gemeinschaft wird man auch sensibel für Gefahren von Gruppendruck und geistlichem Missbrauch sein.

Ein weiterer Grund für die Bedeutung von Gemeinschaft ist die Deutung meiner eigenen Erfahrungen. Ich deute meine persönlichen Gotteserfahrungen im Rahmen meiner kulturellen Prägung und der religiösen Tradition, die ich gelernt habe. Ich kann mich auch irren. Austausch mit anderen schenkt mir zusätzliche Perspektiven und erweitert meinen Horizont.

Wir haben – abgesehen von persönlichen Visionen und Träumen von Jesus – nur den Jesus der Tradition und den in der Gemeinschaft erlebten Jesus durch prophetische Worte und das gemeinsame Leben im Geiste von Jesus. Bei all dem ist eine gesunde Balance zwischen dem Einzelnen und der Gruppe existentiell.

 

„Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,5)

 

Wann wird das „Wir-Gefühl“ zu eng?

Wir sind alle noch Menschen mit unseren persönlichen Interessen und Bedürfnissen; und auch eine christliche Gemeinschaft hat Gruppeninteressen. Wenn Freiheit nicht mehr spürbar ist und Gemeinschaft als einengend empfunden wird, ist das ein Alarmsignal.

Gemeinschaft ist auch Träger von Kultur. In christlicher Gemeinschaft können wir eine liebevolle Kultur schaffen, in der die Botschaft von Jesus Gestalt in Fleisch und Blut gewinnt und christlicher Glaube berührbar und berührend wird.

Liebe und Freiheit eröffnen den Raum, in dem wir lernen, vertrauen und wachsen können. In Freiheit und Liebe lernen wir gemeinsam geistlichen Missbrauch und Gruppendruck einerseits, und ein Dominieren durch Einzelne andererseits zu verhindern und können das Entstehen einer echten Gegenkultur zur Welt erleben.

 

„‚Der Wind weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber woher er kommt und wohin er geht, weißt du nicht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.‘

‚Aber wie kann das geschehen?‘, fragte Nikodemus.

‚Du als Lehrer Israels weißt das nicht?‘, entgegnete Jesus.“

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(Johannes-Evangelium 3,8-10)

 

Das Wesen der Jesus-Bewegung

Die Jesus-Bewegung im ersten Jahrhundert war vom Wesen her eine spirituelle Bewegung, die an die jüdische Kultur und Tradition anknüpfte. Ihre geistliche Kraft entstand aus dem individuellen spirituellen Erleben der einzelnen Gläubigen. Jede Form von Christentum, die sich auf diese Jesus-Bewegung und ihre Texte bezieht, muss dies ernst nehmen, wenn sie nicht in einen inneren Widerspruch geraten will.

Einer der wichtigsten Texte der Christenheit, die sogenannte „Bergpredigt“ von Jesus, stellt einer „äußeren“ Frömmigkeit, die durch Traditionen und ein oberflächliches Erfüllen von Normen der Glaubensgemeinschaft geprägt ist, eine tiefe „innere“ Frömmigkeit gegenüber, bei der äußeres Verhalten und innere Haltung in Übereinstimmung sind.

Es ist dieser „innere Weg“ aus dem Herzen heraus, durch den Glaube und Tradition zu etwas werden können, das als ein in sich stimmiges Ganzes erfahren werden kann.

 

„Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 5,8)

 

Ein anderes Evangelium?

Obwohl wir in einer anderen Zeit und Welt leben, machen auch heute Menschen ähnliche Erfahrungen wie die Christen in Galatien zur Zeit von Paulus. Menschen finden durch den inneren Weg im Vertrauen zu Jesus zu einer Gotteserfahrung und werden erneuert, belebt und befähigt durch seinen Geist. – Es gibt eigentlich noch eine gute Nachricht für Menschen heute!

Wir sind Empfangende. Menschen, die durch diesen inneren Weg des Vertrauens zu Jesus zu Christen werden, erleben dies nicht, weil sie so ein tolles Bibelverständnis haben oder in Übereinstimmung mit der Bibel leben, sondern weil Gott selbst durch seinen Geist dort etwas Neues geschaffen hat.

Wer die Bibel ins Zentrum des Glaubens rückt oder zur Voraussetzung von neuem Leben macht, hat ein  anderes  Evangelium geschaffen, das auch in sich nicht mehr stimmig sein kann, weil die biblischen Text von einer anderen Frömmigkeit reden.

Wenn all diejenigen, die sich so gern „bibeltreu“ nennen doch endlich aufhören würden, die biblischen Texte für ihre Bibel-Ideologie und zur Durchsetzung ihrer eigenen Meinung zu missbrauchen. Anstatt zu versuchen, im Austausch mit anderen zu einem besseren Bibelverständnis und einer tieferen Einsicht in den christlichen Glauben zu finden, lassen sie sich von ihrer Angst dazu verleiten, alles kontrollieren und bestimmen zu wollen und schotten sich ab.

 

„In unserem Inneren fehlt es nicht an Platz für euch; eng ist es in euren eigenen Herzen. Macht es doch wie wir – ich spreche zu euch als zu meinen Kindern – und öffnet auch ihr euch weit!“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 6,12-13)

 

Eine  g u t e  Nachricht

Religion ist eine komplexe Angelegenheit, und auch das mittlerweile fast 2000 Jahre alte Christentum ist vielfältig und vielschichtig. Da kann es schnell passieren, dass ein Mensch, der Jesus lieb hat und Gott gefallen möchte, abhängig wird von den religösen Profis, die ihm den christlichen Glauben erklären.

Oder ein anderer Mensch, bei dem gerade die Hoffnung aufgekeimt ist, dass sein hartes und verrücktes Leben vielleicht doch irgendwie Sinn machen könnte und spirituelle Tiefe spürt, wird frustriert wegen all den endlosen Diskussionen und Streitereien in der Christenheit. – Eine gute Nachricht muss auch für einen Menschen als gut-tuend erfahrbar sein.

Es gibt eine Alternative. Menschen könnten christliche Spiritualität und die Offenbarung Gottes in dem Menschen aus Nazareth wieder als ein kraftvolles, faszinierendes Geheimnis für sich entdecken, das nicht sofort alle Fragen beantwortet, aber den Menschen auf einen spürbar guten Weg bringt.

 

„… Groß und einzigartig ist das Geheimnis unseres Glaubens: In die Welt kam der Messias als ein Mensch, und der Geist Gottes bestätigte seine Würde. Er wurde gesehen von den Engeln und gepredigt den Völkern der Erde. In aller Welt glaubt man an ihn, und er wurde aufgenommen in Gottes Herrlichkeit.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 3,16)

 

Die Zeit ist reif für Veränderung

Heute, nachdem die Bibel-Ideologie schon seit Jahrhunderten ihre Wirkung entfaltet hat, sollten wir klare Glaubensentscheidungen treffen und Konsequenzen für unsere religiöse Praxis ziehen. Jeder für sich persönlich und auch gemeinsam.

Wäre es nicht viel besser, wenn Christentum, anstatt die moderne Zeit bloß misstrauisch zu beäugen und kritisch zu kommentieren, wieder selbst als eine wirklich  gute  Nachricht für Menschen und als gesellschaftliche Kraft erfahrbar würde?

 

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen …

So trägt jeder gute Baum gute Früchte; ein schlechter Baum hingegen trägt schlechte Früchte.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,16-17)

 

Den Schatten fest im Blick

Viele christliche und andere Persönlichkeiten sind schon über ihren eigenen Schatten gestolpert, und der Schaden ist oft groß. Ich glaube Schattenarbeit ist die wichtigste Hausaufgabe für engagierte Christen. – Haben wir genug Glauben und den Mut uns unserem persönlichen und kollektiven Schatten zu stellen?

Viele Christen lieben schöne Gefühle und mögen es, Jesus im Worship zu feiern oder neue trendige Projekte anzustoßen. Wenn wir nachhaltig arbeiten und Menschen nicht schaden wollen, müssen wir aber unbedingt auch bereit sein, uns die dunklen Seiten unserer Aktivitäten anzuschauen und gerade da genau hinzuschauen, wo Dinge nicht so schön sind und nicht funktionieren.

Es gibt immer auch Wirkungen, die uns überraschen oder die wir eigentlich nicht beabsichtigen. Auch Fresh X oder irgendein anderer moderner Anstrich wird uns nicht retten, wenn wir uns dem negativen Anteil des Christentums und der christlichen Geschichte nicht stellen.

 

 Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,3)

 

Eine gute Nachricht auch für die kommenden Generationen

Um den Herausforderungen unserer Zeit begegnen zu können und unsere Kinder gut für die Zukunft vorzubereiten, brauchen wir eine nachhaltig gute christliche Kultur. Einen christlichen Glauben, den wir selbst als einen guten Weg in unserem persönlichen Leben erfahren und der auch unsere Kinder befähigt, sich in unserer real-existierenden modernen Welt zurecht zu finden. Neugieriges Erkunden wäre hier wahrscheinlich hilfreicher als kritische Distanz.

Das beste, was ich in dieser Hinsicht gefunden habe, ist die Integrale Theorie. Integrales Christentum und Integrale Spiritualität sind  meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang die spannendsten Themen zur Zeit und werden zum Glück auch immer bekannter.

Vielleicht wird das Christentum mit Jesus und Jesus mit dem Christentum doch noch zu einer guten Nachricht für die leidende Welt von heute?

 

„Ihr seid das Licht der Welt“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 5,14)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]