Verkaufe alles, was du hast!

 

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Einsammeln der Kollekte in einer schottischen Kirche. Gemälde von John Phillip, via Wikimedia Commons – Public domain

 

„Verkaufe alles, was du hast!“ – Radikaler Minimalismus?

Sorry, wenn ich dir mit dieser Aufforderung zu nahe getreten bin. Die Idee stammt nicht von mir….

 

Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn:

„Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“

Aber Jesus sprach zu ihm:

„Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.«…“

Er aber sprach zu ihm:

„Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“

Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm:

„Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!“

Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern:

„Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“

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(Markus-Evangelium 10. Kapitel, Verse 17-23 – Bibel, Neues Testament)

 

Wenn wir ein bisschen mehr in den Evangelien lesen, werden wir auch merken, dass Jesus nicht allen Menschen dasselbe sagt. Er hat auch nicht alle dazu aufgefordert, ihm hinterher zu gehen.

 

 

Geh nach Afrika!

 

„Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden…“

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(Apostelgeschichte 8,26 – Neues Testament)

 

„… geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern…“

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(„Missionsbefehl“ von Jesus im Matthäus-Evangelium 28,19 – Neues Testament)

 

Wenn wir ein bisschen mehr im Neuen Testament lesen, werden wir allerdings feststellen, dass nicht alle Christen nach Süden geschickt wurden, und dass auch nicht alle Christen dazu aufgefordert werden, als Wanderprediger durch die Welt zu ziehen.

Es geschieht allerdings immer wieder, dass Christen einen Vers aus der Bibel nehmen und meinen, er muss für alle gelten

 

 

Hätte nicht einer gereicht?

 

„…die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.

Schreib an den Engel der Gemeinde in Ephesus…

An den Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Pergamon…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Thyatira…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Sardes…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Philadelphia…“

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(Offenbarung 1-3 – Neues Testament)

 

Sieben Gemeinden bekommen sieben jeweils unterschiedliche Briefe, und es gibt auch noch etliche andere Briefe in der Bibel, und nicht in allen steht dasselbe.

Wenn man in einem einzigen Text alles Wichtige hätte sagen können, warum haben dann Jesus und die Apostel nicht schon einen solchen „Universal-Text“ verfasst? – Es ist doch gerade die Vielfalt an Texten, Menschen und Situationen, die uns zum Denken anregt und uns hilft, das Wesentliche besser zu verstehen.

Wenn schon den Menschen in der Antike, nicht allen dasselbe gesagt worden ist, warum behaupten dann manche Christen heute, dass Gott durch die biblischen Texte allen Menschen dasselbe sagen will?

Der normative Missbrauch der Bibel macht keinen Sinn!

Gottvertrauen braucht keine Glaubenszwänge und kein todsicheres theologisches System.

 

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir…“

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(Jesus im Johannes-Evangelium 10,27 – Neues Testament)

 

Worte in der Wüste

 

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Caravaggio [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Worte einer Stimme, die gewaltsam für immer zum Schweigen gebracht wird – wie so viele andere Stimmen davor und danach. Menschen, die niemandem Gewalt angetan hatten und doch Gewalt erlitten und erleiden.

Wüste. Ort der Klärung und Findung. Ort der Begegnung mit Gott und Satan. Ort der Veränderung und Berufung. Ort der Vorbereitung. – Gott führt in die Wüste, und aus ihr heraus.

 

Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen …

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(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jesaja, 40. Kapitel, Verse 3-5)

 

Die Menschen verließen das Treiben der Stadt, um eine Stimme in der Wüste zu hören. Viele beschlossen ihr Leben zu ändern.

Aber nicht alle waren begeistert. Licht und Schatten. Die Botschaft führt in die Krise, und die Entscheidungen fallen unterschiedlich aus. Es ist ein langer Weg bis die Herrlichkeit des Herrn anbricht.

Eine Situation vieler Paare: Man sehnt sich nach einem Kind, aber es kommt keins. Von Natur aus hängt die Entstehung von Leben nicht nur von einer menschlichen Entscheidung ab. Jetzt waren sie schon alt – wie Sara und Abraham. Und als der Engel dem Priester Zacharias seinen zukünftigen Sohn Johannes ankündigt, kann dieser es kaum glauben.

In den ersten Kapiteln aller vier Evangelien wird von Johannes dem Täufer erzählt. Lukas erzählt sogar von seiner Geburt und, dass seine Mutter und Maria, die Mutter von Jesus, verwandt sind. Dennoch wissen wir kaum etwas über die Beziehung zwischen Jesus und Johannes bis Jesus von Johannes getauft wird. (Übrigens ein sehr beliebtes Motiv in der Kunstgeschichte. – Warum?) Auch in der Apostelgeschichte taucht Johannes‘ Name auf.

Es gibt kaum eine andere Gestalt im Neuen Testament (mit Ausnahme von Jesus), die von so großer Bedeutung ist wie Johannes der Täufer, und gleichzeitig so geheimnisvoll. Und obwohl er, wie Jesus, relativ jung gestorben ist und sein Leben nun schon fast 2000 Jahre zurückliegt, reden wir heute immer noch über ihn.

 

Was habt ihr von Johannes erwartet, als ihr zu ihm in die Wüste hinausgegangen seid? Wolltet ihr ein Schilfrohr sehen, das bei jedem Windhauch hin- und herschwankt? … Oder wolltet ihr einem Propheten begegnen? Ja, Johannes ist ein Prophet, und mehr als das … ich versichere euch: Von allen Menschen, die je geboren wurden, ist keiner bedeutender als Johannes der Täufer … Seit Johannes der Täufer da ist, beginnt Gottes neue Welt, wenn auch andere das mit Gewalt verhindern wollen.

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(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 11,7-12)

 

Wie kann es sein, dass jemand, über den Jesus so große Worte sagte, in der christlichen Dogmatik kaum eine Rolle spielt? Hätte Jesus nicht einfach so auf der Bildfläche erscheinen können, ohne dass ihn jemand ankündigt? (Die Juden hatten doch sowieso schon auf den Messias gewartet.) Was hat dieser Mann heilsgeschichtlich für eine Rolle? Was bedeutet „Vorbereitung“? Was bedeutet das für uns?

Welche Wirkung hatte Johannes auf seine Zeitgenossen? Was machte er in der Wüste und warum taufte er ausgerechnet auf der Ost-Seite des Jordans und nicht etwa im See Genezareth bei den Fischern? Welche Bedeutung hatte er für das Auftreten von Jesus?

Wer war dieser Mann?

Worthaus: Johannes der Täufer – ein prophetisches Phänomen