Mutter unser

 

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Fridolin Leiber (1853–1912) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Mutter unser im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 

Ich hatte nicht wirklich gedacht, dass ich der Erste bin, der auf die Idee kommt:

„Mutter unser“.

Schon 1999 gab es einen Artikel bei „Die Welt“ und 2014 einen bei „derFreitag.“ Beides offensichtlich Reaktionen auf eine Diskussion, die schon längst im Gange war. Und das Thema ist noch lange nicht vom Tisch.

Ist das Vater-unser nicht mehr gut genug? Geben wir als Christen mal wieder dem Zeitgeist nach? Passen uns an?

Ist ein „Mutterunser“ nicht eine Verfälschung der Bibel? Vielleicht sogar Gotteslästerung?

 

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet …

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jesaja 66,13)

 

Gott ist kein Mann – das ist klar. Wo ist also das Problem von Gott als Mutter zu sprechen? Beides, „Vater“ und „Mutter“, sind sprachliche Bilder, um sich einer Wirklichkeit anzunähern, die sich mit Sprache nie einfangen lässt.

Wie so viele andere Diskussionen in der Christenheit, führt uns die Frage nach der Männlich- bzw. Weiblichkeit Gottes tief hinein in die Grundlagen unseres Glaubens:

  • Wie können wir heutzutage sinnvoll mit den antiken biblischen Texten umgehen?
  • Was ist die zeitlose Wahrheit des Evangeliums, und was ist ihr kultur- und zeitabhängiger Ausdruck?
  • Wer oder was ist eigentlich Gott, und wie können wir halbwegs angemessen von IHM/ IHR reden?

Und es gibt auch Fragen, die mir etwas über mich selbst offenbaren können:

  • Ist mir der Gedanke an einen männlichen, weiblichen oder sächlichen Gott sympathischer?
  • Warum?

 

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Das offene Christus-Experiment Berlin

 

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Meditierende Menschen im Madison Square Park, Manhattan, New York City; von Beyond My Ken (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons
Ich konnte leider noch kein Foto vom „Offenen Christus-Experiment Berlin“ machen, da das erste Treffen ja noch nicht stattgefunden hat.  😉

 

„… Stellt mich auf die Probe“, sagt der Herr, der Herrscher der Welt, „macht den Versuch …“

(Die Bibel, Altes Testament, Maleachi 3,10)

 

Na, neugierig? – Falls ihr selbst nicht in Berlin & Umgebung wohnt, wäre es toll, wenn ihr die Info weiterleitet an Leute, die das vielleicht interessieren könnte.

 

ZUM NAMEN

„Das offene Christus Experiment“. Dies könnte fast eine Bezeichnung für die Geschichte der Christenheit sein. Mir geht es hier allerdings um ein konkretes Projekt in Berlin, bei dem man sich wöchentlich trifft. Die Idee ist geboren. Jetzt brauche ich noch ein paar Leute, die mitmachen. (Ihr verpflichtet euch dabei zu nichts.)

 

DIE IDEE

Es geht um eine kleine Gruppe, ca. 12 Personen, die sich jede Woche 2 Stunden lang treffen. (Darüber hinaus können sich die Teilnehmer natürlich so oft treffen wie sie wollen und Zeit haben). Genaue Uhrzeit und Ort können wir verhandeln, sobald sich ein paar Interessenten gefunden haben.

 

„offen“

Dies soll ein „offenes“ Experiment sein:

  • Keine Begrenzung von Gottes Möglichkeiten durch unsere Konzepte.
  • Keine Festlegung auf eine Konfession oder Tradition.
  • Offenes Ende: Das Langzeit-Experiment endet, wenn keiner mehr da ist bzw. Gott es beendet. (Jeder kann jederzeit aussteigen.)
  • Wir fangen an mit ca. 12 Teilnehmern, aber sind offen für unbegrenztes Wachstum.

 

„Christus“

 

„… wie lautet dieses Geheimnis? Christus in euch – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit!“

(Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Kolossai, 1,27)

 

Ein Glaube an Gottes Wirken durch Jesus Christus in uns ist die Grundlage dieses Experiments:

  • Ohne Gott kann ich gar nichts. Gott jedoch kann alles.
  • Wir fangen mit nichts an (kein Kirchengebäude, kein Geld, kein Pfarrer, keine Organisation, kein Spenderkreis, …) und erwarten Alles von Gott.
  • Wir bitten nicht um Gottes Segen für unsere Pläne, sondern stellen uns einfach IHM zur Verfügung und achten darauf, was er mit uns macht.
  • Christus verbindet alle, die ihm vertrauen. In seiner Liebe werden wir zu einer Art „Organismus“ (Leib Jesu).
  • Gott wirkt auf ein gutes Ziel seiner Schöpfung hin, und mit seiner Hilfe sind wir in der Lage dieses Wirken in unserem Leben und in einer Gruppe aufzuspüren.
  • Wir begegnen uns nicht als Habende, Wissende und Fähige, sondern als Bedürftige. Tag für Tag brauchen wir Gott, um zu leben. Und wir brauchen auch einander, um für ihn richtig brauchbar zu werden.

 

„Experiment“

Ich weiß nicht, was Gott mit dieser Gruppe machen wird. Die Welt heutzutage ist nicht dieselbe wie im Neuen Testament in der Apostelgeschichte. Worum es geht?

  • Es geht um die Praxis, nicht nur um schöne Theorie.
  • Was funktioniert, entscheidet sich im Leben.
  • Das Ergebnis hängt von Gott ab – und von uns.

 

WAS IST ANDERS ?  WAS IST NEU ?

  • Wir orientieren uns weniger an Vergangenem und mehr an der Gegenwart und Zukunft.
  • Wir achten die Erfahrungen und Überzeugungen der Einzelnen und bemühen uns, gemeinsam zu lernen. Die Worte jedes Einzelnen sind wichtig.
  • Wir achten auf die Wirkung dessen, was in der Gruppe passiert. Gott ist gut. Sein Wirken ist heilsam für uns Menschen.
  • Wir verwirklichen nicht ein vorbereitetes Konzept, sondern entscheiden gemeinsam als Gruppe, wie wir auf dem Weg mit Gott vorangehen.

 

ZU MEINER PERSON

Die Frage nach einem besseren Christentum beschäftigt mich schon, solange ich denken kann. Ich bin christlich erzogen und in einer familiären, fundamentalistischen Freikirche mit sehr intensiver Gemeinschaft groß geworden. Später distanzierte ich mich von meinen Wurzeln und bin jetzt Mitglied in der Ev. Kirche und arbeite als Mitarbeiter für Jugendliche im Kirchenkreis Berlin Nord-Ost. Außerdem studiere ich Ev. Theologie an der Humboldt Unversität zu Berlin in Teilzeit.

Dieses Experiment ist mein „Privatvergnügen“ und hat direkt nichts mit meiner Anstellung bei der Kirche oder mit meinem Studium zu tun. Es ist auch kein Experiment im wissenschaftlichen Sinn, sondern es geht konkret nur um die Menschen, die an diesem Experiment teilnehmen und darum, was Gott aus uns macht.

Noch mehr Infos über mich? – Hier klicken.

 

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In der Stille angekommen …

 

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Tonnengewölbe mit Gurtbögen: Abteikirche in Saint-Savin im Westen Frankreichs, by Lechat84 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Ich bin allein. Aber meine Seele kommt trotzdem noch nicht zur Ruhe, und in meinem Kopf wird es nicht still. Die Erlebnisse des Tages zerren noch an mir und eine Fülle von Eindrücken wirken noch nach. Und nachts, in den Träumen, steigen Bilder aus den Tiefen meiner Seele …

Wie macht man das, dass man in der Stille ankommt?

„In der Stille angekommen …“ – Einfache und schöne Worte … aber nicht ganz so leicht umzusetzen. Die Formulierung stammt von einem christlichen Lied von Christoph Zehendner. Wer neugierig geworden ist, kann es sich auf YouTube ansehen:

 

 

Zeit & Stille. Ein einfaches Konzept für unser gestresstes Leben.

Wir alle haben Zeit – theoretisch. Jeden Morgen neu, 24 Stunden am Tag. Wenn wir bewusst unseren Tag gestalten, unser Leben in die Hand nehmen und entscheiden, wofür wir unsere Zeit nutzen, dann haben wir die Chance, in unserem Leben zeitliche Freiräume zu schaffen für das, was wirklich wichtig ist. Noch besser wäre, wenn wir erfasst würden, von den wichtigen Fragen des Lebens selbst, getragen vom Wesentlichen, als nur Getriebene zu sein, von den alltäglichen Dringlichkeiten.

Der moderne Großstadtmensch findet Stille oft nur noch mit Ohren-Stöpseln. Manche suchen Stille in der Natur und auch dort hören wir das Flugzeug sich annähern und wieder entfernen. Es ist allerhöchste Zeit, in einer gestressten und reizüberfluteten Welt, dass wir in unserem eigenen Leben und in der Gesellschaft Freiräume für Zeit und Stille schaffen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass das von alleine passiert oder es andere für uns tun – um unser selbst und anderer willen.

 

Da packte Elija die Angst und er lief um sein Leben … und ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein … „Steh auf und iss! … Du hast einen weiten Weg vor dir.“
Er erhob sich, aß und trank und machte sich auf den Weg. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass er vierzig Tage und Nächte hindurch gehen konnte, bis er zum Gottesberg Horeb kam …
 Da kam ein heftiger Sturm herauf, der Felsen aus den Bergen riss und vor Jahwe zerschmetterte. Doch Jahwe war nicht im Sturm. Nach dem Sturm bebte die Erde, aber Jahwe war nicht im Beben. Nach dem Erdbeben ein Feuer, doch Jahwe war nicht im Feuer. Nach dem Feuer der Ton eines dahinschwebenden Schweigens …
Als Elija das hörte, verhüllte er sein Gesicht mit dem Mantel und stellte sich in den Eingang der Höhle. Da fragte ihn eine Stimme: „Was tust du hier, Elija?“ …
————————————————————————————————————————–
(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, 1. Buch der Könige, 19. Kapitel, Verse 3-13)

 

Menschen suchten die Einsamkeit als einen Ort der Klärung und Berufung: Elija am Horeb (1. Kön. 19), Johannes der Täufer, Jesus (Mk 1,35), …

Das Motiv der Wüste taucht in biblischen Erzählungen immer wieder auf. Ein Ort der Einsamkeit, Kargheit, der Begegnung mit sich selbst. Ein Ort der Vorbereitung.

In der Geschichte waren und sind Klöster Orte der Kontemplation. Nicht unbedingt eine gute Idee für jeden oder für alle Zeit; aber wenn man für sich selbst, für den Augenblick, eine Lösung gefunden hat, um mehr Zeit für Stille zu finden, hat man schon eine ganze Menge gewonnen.

Habt ihr selbst schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder habt ihr Tipps, wie man es schafft „in der Stille anzukommen“?

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikel. Den älteren Artikel mit Kommentaren findet ihr hier.]

 

Heilige Texte = gute Texte ?

 

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Der Anfang der Gutenberg-Bibel [Text von Hieronymus (* ca 347, † 420), Druck durch Johannes Gutenberg (* ca. 1400, † 1468), Illustrationen von verschiedenen Angestellten], public domain, via Wikimedia Commons

 

Die Frage selbst scheint schon ein bisschen blasphemisch und ein bisschen absurd: Wenn heilige Texte keine guten Texte sind, was dann?

Ich bin mit der Bibel aufgewachsen, und sie hat mich ein Leben lang begleitet. Wenn ich auf eine einsame Insel müsste und könnte nur  ein  Buch mitnehmen, wäre die Frage für mich nur,  welche Bibel-Ausgabe  ich mitnehme. Und doch gibt es immer noch Teile der Bibel, denen ich nicht viel abgewinnen kann. Liegt das an mir oder am Text?

Als ich in der Oberschule war, beschloss ich, in einem Jahr die Bibel durchzulesen, und ich hab es auch geschafft.  🙂  Ca. 3 Kapitel Altes Testament und 1 Kapitel Neues Testament pro Tag. Ich hätte natürlich auch einfach Alles von vorne bis hinten durchlesen können, aber ich wollte nicht so lange aufs Neue Testament warten müssen.

Manchmal war es so spannend, dass ich nach 3 Kapiteln gar nicht aufhören wollte, und andere Male war es ziemlich öde. – Darf man das überhaupt zugeben? – 3. Buch Mose / Leviticus / Wajikra ist für einen Teenager nicht unbedingt fesselnde Lektüre. – Wie wär’s mit etwas Harry Potter? Oder Stephen King?

Es ist allerdings auch eine absurde Vorstellung, dass antike heilige Texte für Kinder, Teenager oder auch Erwachsene spannende Lektüre sein müssen. Wenn man dies von den Texten oder deren Lesern verlangt, ist man in Gefahr, die Texte so verbiegen zu wollen, dass sie für den Leser interessant werden. Auch sich selbst oder anderen vorzumachen, dass man die biblischen Texte ganz toll findet, klingt nicht nach einer christlichen Strategie.

Oft habe ich es erlebt, dass man mit Gewalt versucht die Texte zu „aktualisieren“:

 

Dies sind aber die Namen der Männer, die euch beistehen sollen: von Ruben: Elizur, der Sohn Schedëurs; von Simeon: Schelumiël, der Sohn Zurischaddais; von Juda: Nachschon, der Sohn Amminadabs; von Issachar: Netanel, der Sohn Zuars; von Sebulon: Eliab, der Sohn Helons; von den Söhnen Josefs: von Ephraim: Elischama, der Sohn Ammihuds; und von Manasse: Gamliël, der Sohn Pedazurs; von Benjamin: Abidan, der Sohn des Gidoni; von Dan: Ahiëser, der Sohn Ammischaddais; von Asser: Pagiël, der Sohn Ochrans; von Gad: Eljasaf, der Sohn Deguëls; von Naftali: Ahira, der Sohn Enans.

(Die Bibel, Altes Testament, 4. Buch Mose / Numeri / Bemidbar, 1. Kapitel, Verse 5-15)

 

„Wie kannst du diese Verse heute praktisch in deinem Alltag anwenden?“

Die Gefahr, dass man gerade bei diesem Zitat „falsche Schlüsse“ zieht, ist sicherlich gering: Man „zieht“ wahrscheinlich einfach gar nichts. Für Bibelforscher vielleicht interessante Verse, aber wieviel Zeit und Nachschlagewerke braucht man, um von diesen Versen etwas für sein Leben zu lernen?

Bei anderen Versen ist es viel einfacher, etwas Praktisches abzuleiten:

 

Nun gebe ich dir noch einen persönlichen Rat: Trink nicht länger nur Wasser. Du bist so oft krank, und da würde etwas Wein deinem Magen gut tun.

(Neues Testament, Paulus‘ 1. Brief an Timotheus)

 

Das, was man hier lernen kann, scheint auf der Hand zu liegen. Bei anderen Versen, hingegen, ist es nicht ganz so einfach. Aber wenn man lange genug auf einem Vers herumgekaut hat, kann man da vielleicht auch etwas Brauchbares heraussaugen. Dies ist auch nicht unbedingt schlecht, aber die Frage ist, ob das, was man gelernt hat, der Text auch lehren wollte.

Selbst bei einem göttlichen Gebot, wie „Du sollst den Sabbat heiligen!“, kann ich mich fragen, ob das auch für mich heute gilt. (Gott hat es schließlich nicht direkt zu mir gesagt.) Und noch schlimmer wird es, wenn man jemand anderem einen Bibelvers unter die Nase reibt und behauptet: „Dies ist Gottes Wille für  dein  Leben heute !“

Man kann aus vielen Büchern irgendwelche mehr oder weniger guten Ideen ableiten – auch aus der Bibel. Wie kann ich aber überprüfen, ob ich einen biblischen Text auf eine sinnvolle Weise benutzt habe, bzw., ob ich ihn „richtig“ verstanden habe?

Was sind überhaupt  gute  Texte?  Was macht einen guten Text aus?  „Gut“ für was oder wen?

Das Prädikat „gut“ hat mindestens zwei Aspekte:

1. Hat es der Schreiber geschafft, das auszudrücken, was er sagen wollte? Hat der Herausgeber des Textes, den Text so veröffentlicht, dass er die gewünschte Wirkung erzielt hat? Hat der Text „funktioniert“?

2. Kann der Leser dem Text etwas Positives abgewinnen? Bewirkt das Lesen des Texts etwas Gutes im Leser?

Die erste Frage ist schwer zu beantworten, da wir nur wenig oder gar nichts über den unmittelbaren Zusammenhang der Texte wissen.

Die zweite Frage wird wohl am besten der Leser selbst beantworten können.

Texte werden auch nicht dadurch gut oder besser, dass sie jahrhundertelang verehrt werden. Im Gegenteil, macht der zeitliche Abstand zur Zeit der Entstehung das Verstehen immer schwieriger. Wer bestimmt überhaupt, welche Texte heilig sind? Und gibt es da Unterschiede oder sind alle heiligen Texte gleich heilig? Sind wir irgendwie in der Lage Prozent von Heiligkeit zu messen, oder ist es Gott allein, der sagen könnte, wie heilig ein Text ist? Ist Heiligkeit zeitlos oder hat sie ein Verfallsdatum?

Ein wesentliches Merkmal der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) ist, dass sie die klassischen Buchreligionen verkörpern. Heilige Texte sind fundamental; in diesem Sinne sind auch alle drei Religionen fundamentalistisch. Deshalb ist die folgende Frage für alle drei Religionen von zentraler Bedeutung:

Können unsere heiligen Texte für den heutigen Menschen noch gute Texte sein? Oder anders formuliert: Wie muss man mit diesen Texten umgehen, damit sie für Menschen heute gut sein können?

Wir hätten gerne ein Paradies. Ein Schlaraffenland. Kein Stress. Mit Bedienung. Alles Inklusive. Rundum-Sorglos. Wir hätten auch gerne Texte, die uns einfache Antworten geben und alles für uns regeln. Nicht viel anstrengendes Nachdenken. Einfach umrühren – und fertig! Instant-Glauben aus der Bibel-Tüte. Das Leben ist schon anstrengend genug.

Deshalb ist die Bibel auch für manche Christen nicht mehr so attraktiv. Man liest lieber sein Andachtsbuch oder sein Kalender-Blättchen oder guckt einen christlichen Film. Man lässt andere für sich denken und Entscheidungen treffen, und lässt sich die Bibel und den christlichen Glauben erklären: „Es sage mir doch bitte jemand, was ich glauben und wie ich leben soll! Bibel und Theologie ist mir zu kompliziert.“

Die Verantwortung für die Entscheidungen in unserem Leben und in unserem Glauben kann uns kein Mensch und auch kein heiliger Text abnehmen. Die geistliche Reife eines Frommen drückt sich auch nicht darin aus, dass er die biblischen Texte möglichst wörtlich nimmt.

Gute Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie uns begleiten; uns auf unterschiedliche Art und Weise ein Stückchen weiter helfen. Sie bewahren uns vorm Absturz eher, indem sie uns in der Schwebe halten, als dass sie uns in ein Paradies retten, wo uns nichts mehr passieren kann. Sie helfen eher, indem sie unsere Situation erhellen, als dass sie die eindeutige Richtung weisen.

Das Lesen eines von Gottes Geist inspirierten oder benutzten Text kann zur inneren Klärung in meiner Seele beitragen. Der Zweck ist in erster Linie nicht ein Zuwachs an Wissen, sondern die Veränderung des  ganzen  Menschen im Sinne Gottes.

Es ist ja gerade eine erstaunliche Tatsache bzgl. der Bibel, dass diese Texte bis heute gelesen, studiert und geschätzt werden. Es gibt biblische Texte, die Kinder mögen, und Texte, die Professoren mit Begeisterung studieren. Es gibt wohl kaum ein zweites Buch, mit dem Menschen sich so intensiv beschäftigt haben, und das schon für so viele Menschen ein Lebensbegleiter gewesen ist.

Eine abergläubische Verehrung der Bibel und ein schlechter Umgang mit ihren Texten erschweren leider so manchen Lernprozess. Die biblischen Texte sind für uns heute immer noch ein großer Schatz; aber wie wir mit ihnen umgehen, ist entscheidend dafür, ob diese Texte gut für uns sind, oder nicht. Kein Text ist so heilig, dass er nicht auch missbraucht werden und Schaden anrichten kann.

Für mich als Christ sind die biblischen Texte vor allem gut, weil ich durch sie Jesus kennenlerne. Dazu ist eines der Evangelien dann sicherlich auch besser geeignet als z.B. Numeri / 4. Buch Mose. Aber alle biblischen Texte sind Zeugnisse der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Und vor diesem Hintergrund fange ich dann auch an zu verstehen, wer Jesus war, wie er gelebt hat, was er wollte und warum er eine solche Wirkung hatte, dass heute auf der ganzen Welt eine gute Nachricht über ihn verbreitet wird.

Wenn wir doch bloß gute, verstehbare Worte finden könnten für die Menschen unserer Welt heute. Worte, die neugierig machen. Worte eines Vetrauens, wie es Jesus gelehrt und vorgelebt hat:

 

Dein Vertrauen hat dir geholfen.

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 22,9)

 

netzwerktheologie | It’s the theology, stupid!

Lesenswert.

Netzwerk Theologie in der Kirche

Ein Kommentar von Tobias Graßmann (@luthvind)

Der Kirchentag 2017 ist vorbei und er hat mich irgendwie nicht genug interessiert, um dafür mein Seminar abzusagen und meine Familie einzupacken. Kann sein, dass ich da was verpasst habe.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ich gar nichts mitbekommen hätte. Denn so ein Kirchentag sorgt ja auch für Debattenstoff. Debatten sind erst einmal gut. Wenn ich meiner Twitter-Timeline trauen darf, drehten die sich dieses Mal vor allem um den richtigen Umgang mit der AFD. Aber irgendwie ging es auch um Früchtetee und Tassengrößen, was dann mit der großen Frage zu tun haben soll, wieso zu Kirche die falschen Leute kommen und die richtigen entsprechend wegbleiben. Wobei das mit falsch und richtig natürlich niemand so deutlich ausspricht. Muss man auch nicht, ist ja Allen klar.

Man kann diese Fragen immer wieder einmal stellen. Aber man wird in der Diskussion kaum weiterkommen, wenn man das zentrale…

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Liebe fragt. Frag würdig!

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Mutter mit Kind. Fotografie von Gertrude Käsebier (1890) [Public domain], via Wikimedia Commons

Religion ist schon längst nicht mehr selbstverständlich. Als ein frommer Mensch wird man hinterfragt. Und manche Fragen könnten vielleicht sogar beiden weiterhelfen: Dem Fragenden und dem Hinterfragten.

Es gibt viel Frag-würdiges in unserer Welt – auch in der Christenheit. Fragen an einen Christen könnten vielleicht sein:

  • Wenn dir die Bibel so wichtig ist, warum liest du dann so wenig darin?
  • Wie kannst du Aussagen über die gesamte Bibel machen, wenn du die Texte darin gar nicht so gut kennst?
  • Wozu liest du in der Bibel (wenn du denn mal darin liest)?
  • Mit welchen Erwartungen gehst du an die Bibel heran? Welche Fragen meinst du, durch das Studium der Bibel beantworten zu können, und welche nicht?
  • Ist eine gute Bibelkenntnis alles, was wir heute brauchen, um gut im Glauben leben zu können, oder brauchen wir noch etwas Anderes? Was wäre gegebenenfalls das Andere?

Manchmal trampeln wir einfach weiter auf einem ausgetretenen Pfad, weil wir uns nie gefragt haben, ob es auch anders geht.

Manches ist fragwürdig, weil es einfach „problematisch“ ist. Es kann dann allerdings auch sein, dass eine Sache so sehr problematisch ist, dass sie schon die Zeit gar nicht wert ist, sich damit zu beschäftigen.

Es gibt einfache Fragen, die relativ schnell zu beantworten sind, und es gibt Fragen, die gehen so tief und weit, dass eine umfassende Antwort gar nicht möglich ist.

In manchen Fällen muss man erst einmal schon eine ganze Menge verstanden haben, um bei einem Problem, genau die richtige Frage stellen zu können. Und es gibt Momente, da lässt sich in einer einzigen Frage die ganze Situation auf den Punkt bringen – auch wenn noch keiner eine Antwort hat. – Gut Fragen ist eine Kunst.

Auf der Webseite von Forbes wird auf Sokrates hingewiesen: Die Fähigkeit, gute Fragen stellen zu können, als Leadership Skill. Sokrates scheint ein Meister des Fragens gewesen zu sein. Die „Sokratische Methode“ ist ja sogar ein fester Begriff geworden, für den es sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel gibt.

 

Auch von Jesus sind Fragen überliefert. Hier eine Auswahl:

 

Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?

(Die Bibel, Neues Testament, Lukas-Evangelium, 2. Kapitel, Vers 49)

Was sucht ihr?

(Johannes-Evangelium 1,38)

Ist es deine Sache, liebe Frau, mir zu sagen, was ich zu tun habe?

(Johannes 2,4)

Willst du gesund werden?

(Johannes 5,6)

Als Jesus die Menschenmenge sah, die zu ihm kam, fragte er Philippus: »Wo können wir so viel Brot kaufen, dass alle diese Leute zu essen bekommen?« Jesus wollte ihn mit dieser Frage auf die Probe stellen …

(Johannes 6,5-6)

Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen?

(Matthäus 8,26)

Habt ihr das alles verstanden?

(Matthäus-Evangelium 13,51)

Du als Lehrer Israels weißt das nicht?

(Johannes 3,10)

Und da ihr mir nicht einmal glaubt, wenn ich über die irdischen Dinge zu euch rede, wie werdet ihr mir dann glauben können, wenn ich über die himmlischen Dinge zu euch rede?

(Johannes 3,12)

Wie solltet ihr auch glauben können?

(Johannes 5,44)

Wenn ihr aber dem nicht glaubt, was Mose geschrieben hat, wie wollt ihr dann dem glauben, was ich euch sage?

(Johannes 5,47)

Warum seid ihr so empört?

(Johannes 6,43)

Wollt ihr etwa auch weggehen?

(Johannes 6,67)

 

Am Anfang der Bibel tritt auch eine Schlange auf und stellt eine Frage an Eva, um sie zu verführen (Bereschith / Genesis / 1. Mose 3,1); und im Buch Hiob stellt sogar der Satan eine Frage an Gott (Hiob 1,9).

Sogar Gott selbst fragt. (Wo Gott es doch nun bestimmt nicht nötig hat, sich Informationen einzuholen.) Gleich auf den ersten Seiten der Bibel geht’s los:

 

Adam, wo bist du?

(Bereschith / Genesis / 1. Mose 3,9)

Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?

(3,11)

Hast du etwa von den Früchten gegessen, die ich euch verboten habe?

(3,11)

Was hast du bloß getan?

(3,13)

Warum bist du so zornig und blickst so grimmig zu Boden?

(4,6)

Wo ist dein Bruder Abel?

(4,9)

 

Es gibt in unserem Leben manche Themen und Situationen, wo es die Sache nicht wert ist nachzufragen. Jeder Mensch, wäre aber eigentlich schon unserer Fragen würdig, und die Zeit wert, um mit ihm oder ihr zu reden. Jeder Mensch – unendlich geliebt, unendlich wertvoll. Die Würde des Menschen ist begreifbar. Auch wenn miteinander reden manchmal echt schwer ist, und es sicherlich auch Situationen gibt, wo man ein Gespräch besser abbricht.

Es gibt Scharen von Menschen, die so gerne mit jemand reden würden, der auch zuhört. Eins der wertvollsten Geschenke ist ein offenes Ohr. Und manche Menschen wollen schon gar nicht mehr reden, weil es zu oft schief gegangen ist.

Menschen sind würdig unserer Fragen, unserer Neugier. Wie viel Unentdecktes schlummert in einem Menschen? Wie viel Schönheit, die noch nie jemand gesehen hat? Wie viel Einsamkeit? Es gibt noch so viele wichtige Fragen zu stellen – zum richtigen Zeitpunkt. Zum Beispiel:

Gibt es in deinem Leben Platz für mich?

Wie viel Liebe könnten Menschen erfahren, wenn unsere Fragen zeigen würden, dass uns an ihnen liegt? Wie viel Rohes, könnte beim Sprechen Gestalt gewinnen und verstanden werden? Wie viel Ängste und Schuld, von denen keiner weiß? Wie viel Heilung könnte geschehen? Wie viel Verirrtes einen Weg finden?

Es kann manchmal auch passieren, dass sich jemand verarscht vorkommt, wenn wir Fragen stellen; nämlich dann, wenn wir Fragen stellen, aber nicht wirklich an der Antwort interessiert sind. Manchmal stellt man Fragen, weil man hofft dadurch dann ein Sprungbrett zu haben, um seine eigenen Ideen loszuwerden. Der Andere fühlt sich dann zu Recht getäuscht.

Echtes Fragen ist auf den Anderen gerichtet. Es ist ein Ausdruck von wirklichem Interesse. Im Fragen kann Nächstenliebe – vielleicht sogar Feindesliebe – sichtbar werden.

Wenn wir fragen, sollten wir würdig fragen (d.h. auf eine würdige Art und Weise), mit Respekt vor der Privat- und Intimsphäre des Anderen und auch vor der Bedeutung des Themas. Unsere Worte und der Klang unserer Stimme könnten Interesse und Wohlwollen erkennen lassen. Und das natürlich nicht geheuchelt, sondern aus der Aufrichtigkeit unseres Herzens.

Liebe und tu, was du willst.“ (Augustinus)

Wäre es nicht toll, wenn wir Christen einen Ruf hätten als Menschen, die nachfragen?

„Christen … das sind doch die, die immer nachfragen!“
[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel mit Kommentaren findet ihr hier.]

 

besseres Bibelverständnis

lutherbibel
By Torsten Schleese [Public domain], via Wikimedia Commons

angreifbar

Wer sich für ein besseres Bibel-Verständnis interessiert, lässt eine Schwäche erkennen und macht sich vielleicht sogar angreifbar. – Wenn du dies liest, ist es also schon zu spät. 😉 – Er lässt ja erkennen, dass er sein eigenes Verständnis für mangelhaft hält oder Mängel zumindest nicht ausschließt. Für jemanden, der schon mit Überzeugung die Bibel gepredigt hat, nicht unbedingt ein einfacher Schritt.

Sich als schwach zu präsentieren kostet Mut, und braucht Vertrauen, dass dabei auch etwas Gutes herauskommen kann. Es ist auch eine Frage von Charakter, persönlicher Integrität und Authentizität. Auch keine ganz einfachen Angelegenheiten, aber für die Sache Gottes unbedingt notwendig.

 

… „Gott widersetzt sich den Hochmütigen, nur den Demütigen erweist er Gnade.“

(Die Bibel, Neues Testament, 1. Brief von Petrus, 5. Kapitel, Vers 5)

 

Die Klärung der Frage, wie wir mit unseren heiligen Texten umgehen, ist eine der wichtigsten Fragen der Christenheit; und die Diskussion dieser Frage macht auch Konfessionen, Kirchen und andere christliche Institutionen angreifbar.

Ehrfurcht vor Gott und der Größe des Themas ist ein guter Ausgangspunkt auf dem Weg zu einem besseren Bibelverständnis.

Jesus

Als Christen glauben wir nicht, dass es die Bibel ist, die uns erlöst, sondern unser Vertrauen zu Jesus. Die biblischen Texte sind für uns wichtig, weil wir durch sie Jesus kennenlernen. Offensichtlich haben einige der biblischen Texte dafür größere Bedeutung als andere.

Gott begegnen

Bibelkenntnis ist nicht das Ziel des Evangeliums, sondern die Erlösung von Menschen. Die biblischen Texte erzählen davon, wie Menschen Gott begegnen und schaudern. Wenn Licht in die Dunkelheit unseres Lebens bricht, passiert etwas mit uns. Manche Menschen geraten sogar in eine Krise. – Wenn biblische Texte dazu dienen, dass Menschen heil werden, dann ist das eine gute Nachricht.

Zu viel Bibel?

Die Beschäftigung mit der Bibel kann auch ablenken von Wichtigerem oder Flucht vor Problemen sein. Wir brauchen Gottes Hilfe und Leitung, um die biblischen Texte und die Beschäftigung mit ihnen zu einem guten und sinnvollen Bestandteil unseres Alltags zu machen. In welchem Umfang die Beschäftigung mit der Bibel eine gute Sache ist, entscheidet nicht der Pfarrer und auch nicht ich selbst, sondern meine Lebensumstände.

Bevor man sich hastig der Bibelwissenschaft widmet oder mit seiner Bibel in einem Kämmerlein zur intensiven Lektüre einschließt, sollte man auch versuchen abzuschätzen, was machbar ist und was man erwartet. Seit mehr als 2000 Jahren haben viele Menschen große Teile ihrer Lebenszeit diesen heiligen Texten gewidmet. Dennoch sind noch viele, auch grundsätzliche, Fragen offen. Am Ende steht oft eine persönliche Einschätzung und eine Entscheidung, was man denn glauben will.

Die eigenen Vorstellungen und Erwartungen

Manche Christen scheinen zu denken, dass sie das „RICHTIGE“ Bibelverständnis kaufen können, indem sie entsprechende Produkte erwerben. Was man kauft, ist aber natürlich immer nur die Darstellung eines Menschen – egal welche christliche Organisation dies auch abgesegnet haben mag. Gute Bibel-Kommentare präsentieren nicht nur EINE Sichtweise, sondern stellen die Breite der Diskussion zu einzelnen Bibelstellen dar.

Keiner von uns liest die Bibel „objektiv“. Wir bringen alle ein kulturell geprägtes Vorverständnis mit und lesen die Bibel durch unsere persönliche „Brille“. Ein tolles Projekt zu diesem Thema ist Worthaus, welches jetzt bereits ins siebente (!) Jahr geht.

Was erwartest du, wenn du dich mit der Bibel beschäftigst?

Dies ist keine unwichtige Frage. Hast du die Vorstellung, dass sich all die einzelnen Verse wie bei einem Puzzle zu einem Gesamtbild zusammensetzen werden, dass dann alle wichtigen Fragen beantwortet? Oder erwartest du eher einzutreten in eine Diskussion aus unterschiedlichen Stimmen zu dem Glauben an den einen wahren Gott? Oder rechnest du damit historische Beispiele zu finden, wie Glauben vor 2000 Jahren funktioniert hat? Oder …? …

Die Texte wurden allerdings alle NICHT geschrieben, um UNSERE Erwartungen zu erfüllen. Wenn wir uns falsche Vorstellungen und Erwartungen bewusst machen, kann dies vielleicht Enttäuschungen oder Missverständnisse verhindern. Vielleicht würde es sich für dich ja sogar lohnen, wenn du einmal wild drauf los schreibst, was dir zur Bibel für Assoziationen und Gedanken kommen und danach auch versuchst auszuformulieren, welche Gefühle, Meinungen, Überzeugungen, u.ä., du in Bezug auf die Bibel hast und was du dir erhoffst.

Wieviel kommt, z.B., zusammen, wenn du alles aufschreibst, was du sicher über die Entstehung der biblischen Texte, ihre Überlieferung und die Entstehung des biblischen Kanons weißt?

Sind dir bei dir selbst schon einmal Fehleinschätzungen oder Irrtümer in Bezug auf die Bibel aufgefallen?

Wäre es dir lieber, die Bibel wäre anders, oder findest du die Bibel gut, so wie sie ist (inklusive aller Geschlechtsregister und schwierigen Stellen)? Kennst du die Bibel überhaupt gut genug, um sagen zu können, dass du sie so gut findest, wie sie ist? (Ist die Frage vielleicht schon ein Sakrileg?)

Grundverständnis

Um richtig zu verstehen, was eine (christliche) Bibel objektiv ist, braucht man nur 1 Minute:

Eine Bibel ist eine Sammlung von Schriften, die grundlegend für das Christentum geworden sind. – War noch nicht einmal ganz eine Minute. 😉

Damit ist natürlich längst noch nicht alles gesagt. Aber es ist, glaube ich, ein sehr guter Ausgangspunkt; insbesondere dann, wenn man mit anderen Menschen ins Gespräch über diese Texte kommen will. Apologetische Gehirnakrobatik über die „Wahrheit des Wortes Gottes“ ist ein gewagtes Unterfangen. (Mit welcher Testmethode verifiziert man Göttlichkeit?)

Eine grobe Kenntnis von biblischen Motiven und biblischer Erzähltradition ist eine große Hilfe, wenn man einen Einzeltext verstehen möchte. Das kleine Emergent-Büchlein von Dominik Sikinger „Wie die Bibel Sinn macht“  (2013) gibt einen guten Überblick.

Qualität von Bibelübersetzungen

Wichtig ist, dass du das Meiste beim Lesen verstehst, sonst ist es für dich keine gute Übersetzung. Wenn man die verschiedenen Übersetzungen vergleicht, merkt man, dass es keine gewaltigen Unterschiede im Inhalt gibt. Wichtig beim Bibellesen ist, dass man größere zusammenhängende Texte liest und sich nicht an einzelnen Wörtern aufhängt. Dann versteht man auch was.

objektiv

Der objektive Zugang zu den biblischen Texten ist natürlich der wissenschaftliche; was in Bezug auf die Bibel dann der bibel-, religions- oder literaturwissenschaftliche wäre. (Allerdings ist nicht überall, wo „Wissenschaft“ drauf steht, auch Wissenschaft drin; und auch bei „echter“ Wissenschaft gibt es Qualitätsunterschiede.)

Allgemeinverständlich gibt es bei Wikipedia ein Bibel-Portal; für den, der es wissenschaftlicher mag, auch noch eins von der Deutschen Bibelgesellschaft. Darüber hinaus gibt es natürlich noch eine Fülle weiterer Informationsquellen im Netz.

Es geht bei der wissenschaftlichen Annäherung an die biblischen Texte, sowohl darum, wie die Texte in ihrer Zeit gemeint waren, als auch, um die Wirkung, die sie danach gehabt haben. Beides lässt sich natürlich nicht 100%ig erfassen.

Zum Verstehen der Bibel aus ihrer Kultur heraus gibt es im Englischen zwei bedeutende, relative neue Veröffentlichungen: Die „Jewish Study Bible“ und das „Jewish Annotated New Testament„. (Mir ist leider nicht bekannt, ob es Vergleichbares auf Deutsch gibt oder geplant ist.)

subjektiv

Es gibt ein „subjektives“ Verstehen oder Erahnen dessen, was ein Text Gutes in deinem eigenen Leben bewirken kann. Dies gilt für dich. Es ist kein „objektives Bibelverstehen“, das so auch für jemand anders gelten muss. Aber wenn du anderen davon erzählst und die dann neugierig auf die Bibel werden, dann passiert vielleicht auch etwas Gutes im Leben der anderen.

Das Potential der biblischen Texte ist allerdings nicht nur positiv. Biblische Texte oder einzelne Verse haben auch Schaden angerichtet und tun es immer noch. Die Beurteilung dessen, ist natürlich auch eine Frage der persönlichen Einschätzung. Die Erzählung von Jesu Versuchung in der Wüste, sollte uns zu Denken geben:

Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«

Neues Testament, Matthäus-Evangelium 4,6

Die Einteilung in objektiv und subjektiv ist natürlich auch nur ein Modell, dass nicht 100%ig passt. Es gibt kein 100%ig objektives Verstehen von Texten. Sprache ist ein wildes Wesen und Ausdruck kollektiver geistiger Prozesse. Sprachwissenschaftliche Analysen und Aussagen haben immer eine gewisse Begrenztheit.

Allgemein muss man allerdings schon sagen, dass zu einem besseres Verstehen der biblischen Texte notwendigerweise auch eine verbesserte Kenntnis der Originalsprachen und Kulturen der Bibel gehört, und damit verbunden die Frage, wie sich dies in anderen Sprachen & Kulturen wiedergeben lässt. Diese Aufgabe muss nicht jeder einzelne Gläubige stemmen, aber es ist eine wichtige Aufgabe für die Christenheit.

besser

Die Frage nach einem BESSEREN Bibelverständnis kann man „objektiv-wissenschaftlich“ verstehen, im Sinne von: Welche Erklärungen machen im Licht des derzeitigen Forschungsstandes mehr Sinn. Man kann sich allerdings auch fragen: Besser wofür oder wozu?

Ein großes Thema in den biblischen Texten ist die Verwirklichung der guten Absicht Gottes für seine Schöpfung. Jeglicher Lernzuwachs in Sachen Bibel muss sich an diesem großen Ziel messen lassen. (Werte- und ziellose Wissenschaft fände ich höchtst problematisch angesichts der extrem ernsten Situation der Menschheit.)

Eine regelmäßige Kontroll-Frage beim Bibelstudium könnte sein: Führt meine Beschäftigung mit der Bibel wirklich dazu, dass ich mehr so werde, wie Gott mich haben möchte, und der ganze Rest der Schöpfung auch? (Oder sollte ich bei meinem Studium etwas ändern?)

Die Frage, ob es einen guten Gott gibt und was genau seine Absichten sind, dies ist natürlich wieder eine Frage des persönlichen Glaubens. In der Bibel können wir lesen, was fromme Menschen in der Antike dazu gesagt haben; und, ich meine, davon können wir auch eine Menge lernen.

anfangen

Die Bibel ist ein dickes Buch. Man kann nicht alles auf einmal lesen, und man muss auch nicht unbedingt ganz vorne anfangen. Die Bibel besteht aus mehr als 200 Einzeltexten. Wenn dir schon ein Text aufgefallen ist, der dich interessiert, dann wäre das vielleicht ein guter Anfangspunkt.

Ich habe für mich selbst das Verstehen der biblischen Texte als ein lebenslanges Projekt ins Auge gefasst. Natürlich kann man mit Lebens-Entscheidungen nicht warten, bis man eine passende Bibelkenntnis erworben hat. Wir müssen im Leben, privat und auch als Glaubensgemeinschaft manchmal Entscheidungen treffen, die nicht aufschiebbar sind. Im Ringen um diese Entscheidungen, wird es wichtig sein, zu welchem Verständnis der biblischen Texte und zu welchem Umgang mit der Bibel wir bis dahin gekommen sind.

Wenn Gott wirklich etwas mit der Überlieferung dieser Texte zu tun hatte, dann haben wir Grund zu hoffen, dass sie gut sind für uns und andere.