Sandra Hauser | Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

 

Sandra Hauser auf ihrem Blog „Integrales Christsein“ über die Bedeutung von Religion für die kulturelle Entwicklung der Menschheit; insbesondere bzgl. der Geschichte des Christentums und der westlichen Kultur:

Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

 

Worthaus | Unsere Geschichte

 

Es lohnt sich, übrigens, auch mal auf der Worthaus-Webseite herumzulesen. Gut (bzw. sehr gut) sind nämlich nicht nur die Vorträge, sondern auch das gesamte Konzept. – Da haben sich ein paar Leute mal richtig Gedanken gemacht …  😉

Die Geschichte von „Worthaus“

 

Was ist mit den Teenagern los?

 

Tennager in Moskau
Teenager in Moskau, von Alagich Katya [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Sorgt sich unsere Gesellschaft um ihre Jugend? Besteht Anlass zur Sorge? Wer oder was beeinflusst und prägt die Jugendlichen, und welche Interessengruppen versuchen, sie an sich zu binden?

 

Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.

Napoléon Bonaparte

 

Wenn wir zurückblicken in unsere deutsche Geschichte, finden wir schnell Beispiele für die gezielte Beeinflussung der Jugend (Nationalsozialismus, DDR, …). Es muss auch nicht die gesamte Jugend sein, die erreicht und überzeugt wird. Eine ausreichende Zahl, eine kritische Masse, ist genug. Ein nachhaltiges System der Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen dient der Stabilisierung einer Bewegung, einer Organisation oder eines Systems.

Darüber hinaus hat die Erziehung von Kindern und Jugendlichen natürlich auch einfach die Aufgabe, das Fortbestehen und Wohlergehen der eigenen Familie oder Gruppe zu sichern. Früher war diese Erziehungsaufgabe noch gleichförmiger. Durch den beschleunigten historischen Wandel in den vergangenen beiden Jahrhunderten (gesteigerte Produktivität, Industrialisierung, moderne Wissenschaft, technische Neuerungen, …) ist es heute allerdings gar nicht mehr so leicht zu sagen, was eine gute Erziehung ist. Auf was für eine Zukunft sollen wir die Kinder und Jugendlichen denn vorbereiten? Und vor welchen Gefahren müssen wir sie ständig beschützen?

Wenn es nicht gelingt, Jugendliche dafür zu gewinnen, sich auf positive Weise in die Gesellschaft miteinzubringen und für ein nachhaltiges Gemeinwohl der Menschheit zu sorgen, so wird es genug Interessengruppen geben, die mehr als bereit sind, Geld, Kraft und Zeit von Jugendlichen für ihre eigenen Zwecke zu gebrauchen. Jugendliche sind eine wichtige Konsumentengruppe und potentielle Mitarbeiter und Unterstützer für alles Mögliche.

Welche Rolle spielt der christliche Glaube in diesem Zusammenhang? Gibt es ein spezielles Interesse des Christentums an der Jugend? Vielleicht sogar eine Art christliche Theologie für junge Leute?

Religion im Allgemeinen und der christliche Glaube im Besonderen haben kulturgeschichtlich eine gewaltige Bedeutung für die Erziehung, auch wenn diese nicht immer positiv war und ist. Glaube kann helfen, Leben zu deuten und sich in ihm zurechtzufinden. Wir glauben ja sowieso alle etwas, auch wenn unser Glaube nicht immer eine religiöse Gestalt hat. Religion hat den Vorteil, dass die Tradition einer religiösen Gemeinschaft die individuelle Prägung durch die Eltern relativieren und so vor den immer vorhandenen Macken und Einseitigkeiten schützen kann. Sie erweitert das Familienleben, gibt einen weiten Horizont.

Im Gegensatz zum Judentum, wo Religion doch sehr eine ethnische Angelegenheit ist, ist das Christentum nicht die Religion eines bestimmten Volkes. Man wird auch nicht Christ durch die Geburt, sondern dadurch, dass man irgendwann, wenn man von der Wahrheit des christlichen Glaubens überzeugt worden ist, die Entscheidung trifft, mit Jesus zu leben. Wie sollte oder kann eine Erziehung aussehen, die Jugendliche zu diesem Glauben führt?

Ein klassischer Bibelvers zur Jugend dürfte wohl dieser sein:

 

Niemand verachte dich wegen deiner Jugend; du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit.

(Neues Testament, 1. Brief des Paulus an Timotheus, 4. Kapitel, Vers 12)

 

Auch Kinder und Jugendliche tragen Verantwortung, und mit wachsenden Fähigkeiten und größer werdender Freiheit wächst diese mit. Ich denke, es ist gut, sie schon früh an das bewusste Übernehmen von Verantwortung heranzuführen. Dies eröffnet die Möglichkeit, Potential zu entfalten und Persönlichkeit und Charakter zu formen. Manche Kinder werden künstlich klein gehalten, indem die Eltern und andere Menschen im Leben der Kinder viele Aufgaben übernehmen.

Übernehmen von Verantwortung setzt die Fähigkeit eigenverantwortlichen Denkens und Handelns voraus. Diese Fähigkeit zu fördern, ist eine der wichtigsten erzieherischen Aufgaben. Bei einer christlichen Erziehung betrifft dies dann auch den Glauben:

Erziehung zu einem mündigen Glauben.

Jugendliche sind Teil einer Kultur, die das gesamte zukünftige gesellschaftliche Leben beeinflussen wird. Deswegen ist es sehr wichtig, dass die Jugend auch eine Stimme hat, die gehört wird – auch in den Kirchen und Gemeinden. Wir brauchen engagierte Jugendliche, die sprachfähig und kreativ sind, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, und wir brauchen eine Kultur, die solche Jugendliche hervorbringt.

Teenager. Kein Kind mehr, aber auch noch nicht ganz erwachsen. Ein Vorrecht und eine wichtige Aufgabe der Jugend ist zu hinterfragen. Das Leben muss dahingehend abgeklopft werden herauszufinden, was zukunftstauglich ist. Ein Glaube und Traditionen, die Jugendliche nicht mehr erreichen, werden wohl bald in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Was ist mit den Teenagern los?

Diese Frage können wohl am besten die Teenager selbst beantworten. Und wir täten gut daran, hinzuhören …

 

Die unheimliche Nähe zwischen Gott und der Macht

 

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Weitere Einzelheiten Ludwig XIV. im Krönungsornat (Porträt von Hyacinthe Rigaud, 1701) [Public domain], via Wikimedia Commons

… von Gottes Gnaden?

Wenn wir zurückblicken in die Geschichte, so ist die Nähe zwischen Religion und Macht kaum zu übersehen. In den biblischen Texten lesen wir auch davon, und auch heute, in unseren Tagen, reden mächtige Männer und Frauen von Gott.

Wie sieht es aus mit unserer Gottesvorstellung? Ist die Herrlichkeit Gottes vergleichbar mit dem Prunk eines absolutistischen Alleinherrschers? Gott ist doch der Alleinherrscher, oder? Ist der Gott des Jesus von Nazareth ein Gott im Monarchen-Gewand?

 

Da rief Jesus sie zu sich und sagte: „Ihr wisst, wie die Herrscher sich als Herren aufspielen und die Großen ihre Macht missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein. Wer bei euch groß sein will, soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.
(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 20 Kapitel, Verse 25-28)

 

Das Bild des Königs wird in den biblischen Texten für Gott selbst gebraucht und wird dann auch in der christlichen Tradition in Bezug auf Jesus entfaltet. Das sprachliche Bild vom Monarchen ist allerdings nicht unproblematisch. Sind doch alle souveränen Herrscher, die Menschen aus eigener Erfahrung kennen, immer nur mangelhafte Menschen, mit Stärken und Schwächen.

Sehr interessant ist auch die Kritik an der Monarchie in den biblischen Texten selbst. Als in der Epoche der Richterzeit Gottes Diener Samuel alt geworden war, sagten alle Ältesten Israels zu ihm:

 

So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben … Der HERR aber sprach zu Samuel: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, 1. Samuel 8, 4-7)

 

Macht ist ein wichtiges Thema in der Bibel. Auch bei Jesus. Jesus hat den Willen zur Macht. Er hat sich diese Macht allerdings nicht selbst genommen, sondern sie ist ihm gegeben worden.

 

Ich habe von Gott alle Macht im Himmel und auf der Erde erhalten …

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 28. Kapitel, Vers 18)

 

Macht bedeutet Möglichkeiten und Kraft zu Veränderung. Gott wird uns für so manches nicht gebrauchen können, wenn wir uns davor drücken von ihm bevollmächtigt zu werden. Dies funktioniert bei Jesus allerdings anders, als wir es ständig in dieser Welt erleben. Die Autorität der Anhänger von Jesus ist eine Autorität, die aus dem Dienen erwächst und von Gott geschenkt wird. Sie ist eine Macht zum Dienen.

 

In der Stille angekommen …

 

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Tonnengewölbe mit Gurtbögen: Abteikirche in Saint-Savin im Westen Frankreichs, by Lechat84 (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Ich bin allein. Aber meine Seele kommt trotzdem noch nicht zur Ruhe, und in meinem Kopf wird es nicht still. Die Erlebnisse des Tages zerren noch an mir und eine Fülle von Eindrücken wirken noch nach. Und nachts, in den Träumen, steigen Bilder aus den Tiefen meiner Seele …

Wie macht man das, dass man in der Stille ankommt?

„In der Stille angekommen …“ – Einfache und schöne Worte … aber nicht ganz so leicht umzusetzen. Die Formulierung stammt von einem christlichen Lied von Christoph Zehendner. Wer neugierig geworden ist, kann es sich auf YouTube ansehen:

 

 

Zeit & Stille. Ein einfaches Konzept für unser gestresstes Leben.

Wir alle haben Zeit – theoretisch. Jeden Morgen neu, 24 Stunden am Tag. Wenn wir bewusst unseren Tag gestalten, unser Leben in die Hand nehmen und entscheiden, wofür wir unsere Zeit nutzen, dann haben wir die Chance, in unserem Leben zeitliche Freiräume zu schaffen für das, was wirklich wichtig ist. Noch besser wäre, wenn wir erfasst würden, von den wichtigen Fragen des Lebens selbst, getragen vom Wesentlichen, als nur Getriebene zu sein, von den alltäglichen Dringlichkeiten.

Der moderne Großstadtmensch findet Stille oft nur noch mit Ohren-Stöpseln. Manche suchen Stille in der Natur und auch dort hören wir das Flugzeug sich annähern und wieder entfernen. Es ist allerhöchste Zeit, in einer gestressten und reizüberfluteten Welt, dass wir in unserem eigenen Leben und in der Gesellschaft Freiräume für Zeit und Stille schaffen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass das von alleine passiert oder es andere für uns tun – um unser selbst und anderer willen.

 

Da packte Elija die Angst und er lief um sein Leben … und ging eine Tagereise weit in die Wüste hinein … „Steh auf und iss! … Du hast einen weiten Weg vor dir.“
Er erhob sich, aß und trank und machte sich auf den Weg. Die Speise gab ihm so viel Kraft, dass er vierzig Tage und Nächte hindurch gehen konnte, bis er zum Gottesberg Horeb kam …
 Da kam ein heftiger Sturm herauf, der Felsen aus den Bergen riss und vor Jahwe zerschmetterte. Doch Jahwe war nicht im Sturm. Nach dem Sturm bebte die Erde, aber Jahwe war nicht im Beben. Nach dem Erdbeben ein Feuer, doch Jahwe war nicht im Feuer. Nach dem Feuer der Ton eines dahinschwebenden Schweigens …
Als Elija das hörte, verhüllte er sein Gesicht mit dem Mantel und stellte sich in den Eingang der Höhle. Da fragte ihn eine Stimme: „Was tust du hier, Elija?“ …
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(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, 1. Buch der Könige, 19. Kapitel, Verse 3-13)

 

Menschen suchten die Einsamkeit als einen Ort der Klärung und Berufung: Elija am Horeb (1. Kön. 19), Johannes der Täufer, Jesus (Mk 1,35), …

Das Motiv der Wüste taucht in biblischen Erzählungen immer wieder auf. Ein Ort der Einsamkeit, Kargheit, der Begegnung mit sich selbst. Ein Ort der Vorbereitung.

In der Geschichte waren und sind Klöster Orte der Kontemplation. Nicht unbedingt eine gute Idee für jeden oder für alle Zeit; aber wenn man für sich selbst, für den Augenblick, eine Lösung gefunden hat, um mehr Zeit für Stille zu finden, hat man schon eine ganze Menge gewonnen.

Habt ihr selbst schon ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder habt ihr Tipps, wie man es schafft „in der Stille anzukommen“?

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikel. Den älteren Artikel mit Kommentaren findet ihr hier.]

 

Jesus im künstlichen Koma

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Feldkreuz Hochtannbergpass, by böhringer friedrich (Own work) [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons

Wie kann es sein, dass es in der Geschichte der Christenheit schon seit langer, langer Zeit Christen gibt, die sich gegenseitig verketzern und manchmal sogar totgeschlagen haben? Was ist das denn für ein Jesus, an den da geglaubt wird? Und warum haben wir heute immer noch eine schier unüberschaubare Zahl von Konfessionen, Kirchen, Gruppen und Projekten, die oft „nicht so gerne“ zusammenarbeiten wollen? Wenn nicht einmal wir, als Christen, das können, was soll denn da erst die anderen machen?

 

Zuerst höre ich, dass es Spaltungen in euren Gemeindeversammlungen gibt, und zum Teil glaube ich das. Denn es müssen ja Parteien unter euch sein, damit sichtbar wird, wer von euch sich im Glauben bewährt.

(Die Bibel, Neues Testament, Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth, 11. Kapitel, Verse 18-19)

 

Paulinische Ironie.

Wir reden vom Evangelium, der guten Nachricht. Wie gut kann die Boschaft sein, wenn der Zustand der Christenheit so aussieht? Ist da vielleicht etwas schlecht gelehrt oder falsch verstanden worden? Und gibt es Christen, die das Problem erkennen?

In manchen Kirchen und Gruppen scheint Jesus in einem künstlichen Koma gehalten zu werden. Man benutzt gerne seinen Namen, aber ihm wirklich die Kontrolle zu überlassen … – wollte man das wirklich „riskieren“? Da könnte sich ja dann vielleicht so einiges ändern

Man bekennt Jesus als „Herr“ in seinem Glaubensbekenntnis und singt seine Lieder – aber sind es wirklich mehr als Lippenbekenntnisse? Man möchte zur Gruppe gehören, aber möchte man auch an der Seite Jesu leben? – „Vielleicht ist es ja doch besser, wenn ich da bleibe, wo ich bin, mit meinem vertrauten Gemeindealltag …“

Gottes Wort an Abraham, den Vater unseres Glaubens:

 

Geh fort aus deinem Land, verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! …

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose 12,1)

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BIBEL. JETZT. (4) – Fantasie

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By grin (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons

Um die Bibel zu lesen braucht man ZEIT – und das nicht nur, weil es so viele Seiten sind. Die biblischen Texte wurden nicht für SMS-Leser geschrieben, und auch nicht für Menschen, die mal schnell etwas in einem dicken Buch nachschlagen wollen. Es sind Worte für Suchende, die entschlossen sind, sich alle Zeit zu nehmen, die nötig ist, um das Wesentliche am Leben aufzuspüren.

Und es gibt noch eine weitere Zutat für den Bibel-Genuss: FANTASIE. (Darf man Bibellesen überhaupt genießen? Oder ist es eher eine Pflichtübung, die ein bisschen weh tun muss?) – Einer findet eine Perle nach langem Suchen, und ein anderer stolpert zufällig über eine Schatztruhe. Bibelstudium funktioniert nicht immer oder für alle gleich.

Fantasie – wozu braucht man so was eigentlich?

Manche Texte sind fantastisch. Sie ziehen unsere Aufmerksamkeit auf sich und fesseln uns mit Stricken von Assoziationen. Worte und Szenen ziehen uns in die Erzählung hinein, und in unserer Fantasie werden wir Beobachter und Akteure. Wir er-fantasieren uns Deutungen der Wirklichkeit und sehen danach auch unsere eigene Welt und unser Leben mit neuen Augen:

Eine Liebeserklärung.

Wir brauchen Fantasie, um uns in Erzählungen hineinzufühlen und mit Charakteren zu identifizieren. Wie würde ich handeln? Und wie würde es mir dabei gehen? Wie würde ich fühlen? Was würde ich denken? – Fantasie ist ein Geschenk Gottes. Hätte er uns nicht so gemacht, wären wir fantasielos. – Braucht man Fantasie, um die Wahrheit zu erkennen?

Buchstaben auf Papier. Der Buchstabe tötet, aber Gottes Geist macht lebendig. Die Schallwellen von Wörtern würden gar nichts in uns bewegen, wenn sie nicht Erinnerungen wecken würden und Bilder in unseren Seelen entstehen ließen. Der glimmende Funke Gottes in den Herzen der Menschen, angefacht durch den göttlichen Hauch.

 

… Eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer Visionen.

(Die Bibel / Tanach, Prophet Joel, 3. Kapitel, Vers 1)

 

Wenn wir uns etwas nicht vorstellen können, so sagt dies nicht unbedingt etwas über die Wahrheit aus, aber auf jeden Fall etwas über unsere Vorstellungskraft:

Es ist stockdunkel – plötzlich bricht Licht herein. Der Himmel wird ausgeweitet. Luft zum Atmen. Die ausgedehnten Wassermassen ziehen sich zurück – fester Boden. Halme und Blättchen wachsen aus der Erde. Es raschelt. Es fängt an zu krabbeln und zu flattern. Große und kleine Flossen bewegen das Wasser der Ozeane und die Hufe von Herden treten das Gras. Früchte reifen in Bäumen und Büschen, und Samen werden prall am Halm. Die Sonne erwärmt das Antlitz der Erde. Nachts funkeln Sterne am Himmel und ein Mond lächelt auf eine friedliche Welt. Das Lüftchen des Schöpfers bewegt Zweige und Blätter. Ein nackter Mann sieht zum ersten Mal eine nackte Frau. Paradies. Alles im Überfluss, und alles sehr gut. Zeit zum Ausruhen und Genießen.

Eine Schlange spricht – verführerisch. Dämonische Intelligenz. Eine schöne, saftige Frucht hängt am Baum. Gemischte Gefühle. Spaltung der Seele. Kräftiges Reinbeißen. Scham. Gott geht spazieren. Wo bist du, Mensch?

Ausreden. Kriechen im Staub der Erde. Vertreibung. Ein Engel mit einem flammenden Schwert. Heimatlos. Ein Bruder wird von Eifersucht gepackt und erschlägt seinen eigenen Bruder. Blut versickert im Acker. Eltern verlieren ihre beiden Kinder an einem Tag. Gewalt eskaliert. Ein einsamer Bußprediger schleppt Holz. Die Tierwelt im Kahn. Unglaubliche Wassermassen – fast alle ertrinken. Eine unüberschaubare Zahl von Leichen. Leben in der Rettungskapsel. Eine Taube mit einem frischen Olivenzweig. Ein Regenbogen.

Ein alter besoffener Mann liegt nackt da. Segen und Fluch. Jäger und Gejagtes. Menschen bauen einen Turm. Lautes Plappern und Schnattern, und Worte werden nicht mehr verstanden. Migration. Eine alter Mann zieht mit seinen Leuten wie ein Zigeuner in einem fremden Land herum.

 

… Sieh hinauf zu den Sternen am Himmel! Kannst du sie zählen? – So unzählbar werden deine Nachkommen sein.

(1. Mose / Genesis /Bereschith 15,5)

 

Ein Körper aus Feuer zieht zwischen zerteilten Tierleibern hindurch. Ein Vater ist mit seinem Sohn auf dem Weg, um ihn für Gott zu schlachten. Zwei Töchter haben Sex mit ihrem eigenen Vater und werden auch noch schwanger. Ein junger Mann hat Träume und ein hübsches Kleid, und später macht die Frau des Chefs sich an ihn ran. Geschwister erkennen ihren eigenen Bruder nicht. Wiedersehen mit einem Tot-Geglaubten. Eingewanderte Migranten vermehren sich wie die Kaninchen. Babys werden getötet.

Junger Mann aus gutem Hause sucht nach dem Sinn seines Lebens und tötet. Aus einem brennenden Dornbusch hört Mann eine Stimme. Mann empfängt eine himmlische Berufung – will aber nicht. Gottes Zorn. Apokalyptische Tage in Ägypten. Sklaven werden befreit. Eine Säule aus Feuer in der Nacht. Militär versinkt im Meer. Tanzende am Ufer. Eltern erzählen Kindern Geschichten. Menschen laufen in der Wüste herum.

Heißer Sand. Trockene Kehlen und knurrende Bäuche. Gedanken an Fleisch, Fisch, Gurken, Melonen, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Murrende Menschen. Mineralwasser sprudelt aus dem Felsen, Essen fällt vom Himmel. (Was ist das?) Der Finger Gottes schreibt Buchstaben in Steinplatten. Gott lehrt richtig leben. Der Abgrund der Erde öffnet sich und verschlingt eine ganze Sippe, und das Feuer Gottes frisst eine Gruppe Männer. Eine Kupferschlage wird auf einen Fahnenmast gehängt. Mann und Frau werden beim Sex mit einer Lanze durchbohrt. Der große Mann Gottes bleibt draußen und wird begraben. Seine Grabstätte gerät in Vergessenheit.

Geheimagenten bei einer Nutte. Ein aufgestauter Jordan und ein Volk überquert das trockene Flussbett. Ein Steinhaufen aus Findlingen als Denkmal. Posaunen ertönen und Stadtmauern brechen in sich zusammen. Weites Land. Fruchtbare Felder und Wohnhäuser. Lebensraum. Milch und Honig. Land der Verheißung und der Götzen.

Guerrillas fallen ein – rauben und töten. Ein Superheld mit tollen Haaren rächt die Guten und kämpft gegen die Bösen – doch eine Frau bringt ihn zu Fall. Ein Ehemann zerlegt seine vergewaltigte Frau in Stücke aus Fleisch mit Knochen. Blutige Kämpfe zwischen Verwandten. Der Hunger treibt eine Familie ins Exil. Eine Schwiegermutter wird nicht im Stich gelassen. Ein Schuh wird überreicht. Söhne gehen nicht auf den Wegen des Vaters. Ein Kind wird Gott geweiht. Ein Volk bekommt einen König, und Gott verliert.

Vom Hirten zum Krieger. Loyalität gegenüber dem König bis aufs Blut. Eine Nation expandiert. Ein berühmter und mächtiger König wird wegen Ehebruch zur Rede gestellt. Der Sohn intrigiert gegen den berühmten Vater. Ein Volk wird gezählt. Entscheidung für die Pest. Wie der Vater, so nicht die Söhne. Entscheidung für Weisheit. Unvorstellbarer Reichtum. Ein Gebäude wird für Gott errichtet und die Herrlichkeit Gottes zieht ein! Himmlischer und irdischer Glanz. Weise, aber nicht schlau genug. Leben mit einem Harem.

Ein unerfahrener Thronnachfolger trifft eine Fehlentscheidung. Ein Königreich bricht auseinander. Konkurrenz zwischen Brüdern und Nachbarn. Machtpolitik. Instrumentalisierte Religion. Falsche Propheten. Kriminelle Machenschaften und faule Kompromisse. Menschen verstecken sich in Höhlen. Feuer fällt vom Himmel. Ein leises Säuseln. Gegenwart Gottes. Der Fluss des Jordans wird unterbrochen und zwei Männer gehen mit trockenen Füßen hindurch. Ein Wagen aus Feuer fährt Richtung Himmel.

Ein Mann ist allein auf dem Feld und ein Löwe brüllt in der Nähe – die Angst fährt in die Knochen. Landarbeiter und Kleinbauern werden ausgebeutet. Gott redet. Ein neues Imperium entsteht. Ein gewaltiges Schlachten. Zwangsumsiedlungen.

 

… da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Thron, und die Säume seines Gewandes füllten den Tempel. Serafim standen über ihm. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel: mit zweien bedeckte er sein Gesicht, mit zweien bedeckte er seine Füße, und mit zweien flog er … Wen soll ich senden, und wer wird für uns gehen?

(Jesaja 6,1-8)

 

Der Mund eines Mannes wird mit einer glühenden Kohle berührt. Ein uraltes Buch wird bei Sanierungsarbeiten entdeckt. Internationale Machtverhältnisse ändern sich. Ein Volk ist verkommen. Eine heilige Stadt wird belagert. Ein Prophet wird zum Verräter. Exitus. Exil.

Ein uralter Mann auf einem Thron. Ein Menschensohn auf einer Wolke. Ein Mann isst eine Schriftrolle, und sie schmeckt süß wie Honig. Visionen von Engel.

 

Der ganze Körper der Engel, ihr Rücken und ihre Flügel waren überall mit Augen bedeckt. Auch die Räder, die „Wirbelwind“ genannt wurden, waren voller Augen. Jeder Engel hatte vier Gesichter: das eines Engels, das eines Menschen, das eines Löwen und das eines Adlers.

(Hesekiel 10,12-14)

 

Ein Feld voller Skelette. Die Skelette bekommen Sehnen, Muskeln und Haut und richten sich auf. Auferstehung. Neuanfang.

Im Talgrund, zwischen den Myrtenbäumen, das Schnauben von rotbraunen, blutroten und weißen Pferden. Ein Engel unterhält sich mit Gott. Eine fliegende Schriftrolle, und eine Frau in einer Tonne unter einem Deckel aus Blei. Ruinen werden wieder aufgebaut. Die Wände hallen wieder von den Lobgesängen Gottes.

Gott als Hirte. Satan erscheint am göttlichen Hof. Hiobsbotschaften. Unerträgliche Schmerzen, lautes Klagen, Asche und zerrissene Kleidung. Schöne Frauen. Grübeln über die Weisung Gottes – bei Tag und bei Nacht. Weinende Menschen an den Ufern. Harfen in die Bäume und an den Nagel gehängt. Ein langes Warten.

 

… Er war weder stattlich noch schön. Nein, wir fanden ihn unansehnlich, er gefiel uns nicht! Er wurde verachtet, von allen gemieden. Von Krankheit und Schmerzen war er gezeichnet. Man konnte seinen Anblick kaum ertragen. Wir wollten nichts von ihm wissen, ja, wir haben ihn sogar verachtet. Dabei war es unsere Krankheit, die er auf sich nahm; er erlitt die Schmerzen, die wir hätten ertragen müssen …

(Jesaja 53,2-4)

 

Engelserscheinung im Tempel und ein Priester wird stumm. Wie in uralter Zeit kriegt ein altes Ehepaar trotzdem noch ein Kind; und ein Engel besucht ein Mädchen. Weise kommen aus einem fernen Lande angereist, und folgen einem Stern. Geburt in einem Stall. Ein Neugeborenes im Futtertrog. Gold, Weihrauch, Myrre. Hirten nachts auf dem Feld unter Sternen. Friede auf Erden. Auftragsmord an Kindern. Flucht ins Ausland. Asyl. Das eigene Kind geht in der Menge verloren. Ein Außenseiter predigt in der Wüste. Die Axt wurde schon dem Baum an die Wurzel angelegt: Nur noch ein Augenblick! Menschen werden untergetaucht im Jordan.

Irgendwas Taubenähnliches kommt vom Himmel herab und landet auf einem Mann. Stunden der Entscheidung in der Wüste. Worte von oben herab: „Selig sind, die ein reines Herz haben.“ Über eine Öllampe wird eine Schüssel gestülpt. Eine Stadt liegt auf einem Berg. Salz wird geschmacklos. Männer als Mogelpackungen: Außen „hui“, innen „pfui“.

Ein Mann geht auf dem Wasser. Eine Nutte geht einfach in das Haus eines Frommen und fasst seinen Gast an. Eine Frau verschenkt ihr ganzes Geld! Eine andere verliert ihres – und findet es wieder! Arbeiter bekommen denselben Lohn, obwohl die einen viel weniger gearbeitet haben. Ein korrupter Verwalter veruntreut das Eigentum seines Chefs: Gottlose sind cleverer als Fromme. (Schade, eigentlich.) Geiz ist bescheuert!

Eine unhygienische Frau berührt in einem Menschengedränge einen Mann. Blinde sehen. Lahme gehen. Arme werden reich. Tote werden aufgeweckt. Todesgefahr in Seenot – und ein Mann schläft. Worte beruhigen die Sturmböen. Menschen werden von einem einstürzenden Turm erschlagen. Ein Machthaber veranstaltet ein Gemetzel.

 

Jerusalem, Jerusalem, … Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!

(Matthäus-Evangelium 23,37)

 

Ein Unschuldiger wird vom eigenen Freund für Geld verraten. Ein Mann schwitzt Blut und Wasser mitten in der Nacht. Ein Auszubildener überschätzt sich, scheitert an sich selbst und weiß kaum wohin vor Gram. Ein entkräfteter Körper bricht unter einen schweren Last zusammen. Handgelenke werden an einen Holzstamm genagelt. Ein Vorhang zerreißt. Der Anführer ist tot. Gräber öffnen sich. Zwei Männer machen kehrt, weil ihnen ein Toter begegnet.

Zungen aus Feuer. Eine gute Nachricht wird verkündet. Botschaft Jesu an die Völker. Wunder geschehen. Menschen fassen Vertrauen. Ein Mann und eine Frau fallen tot um. Befürworter und Gegner. Progrome. Ein grelles Licht.

 

 … Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Du schlägst vergeblich gegen den Stock des Treibers aus!

(Apostelgeschichte 26,14)

 

Blind und sehend. Der Verfolger wird zum Getriebenen und Gejagten. Ein Mann im Korb. Ein Mann in der Wüste. Apostel für die Völker. Ein Schiff im Sturm, verzweifelte Menschen. Schiffbrüchige retten sich auf eine Insel. Eine giftige Schlange beißt zu. Reise ins Zentrum der Macht.

 

Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen.

(Galaterbrief 5,15)

 

Satan schleicht umher wie ein brüllendes Raubtier. Ein Mensch wird auf eine Insel verbannt. Eine Stimme wie eine Posaune. Eine menschenähnliche Gestalt zwischen sieben goldenen Leuchtern:

… bekleidet mit einem Gewand, das bis auf die Füße reichte, und um die Brust trug er einen Gürtel aus Gold. Sein Haupt und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, leuchtend weiß wie Schnee, und seine Augen wie Feuerflammen; seine Beine glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht, und seine Stimme war wie das Rauschen von Wassermassen. In seiner Rechten hielt er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein scharfes, zweischneidiges Schwert und sein Gesicht leuchtete wie die machtvoll strahlende Sonne. Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! …

(Offenbarung 1,13-17)

Ein Mann in den Wolken. Jammern und Klagen. Schwerter werden umgeschmiedet zu Pflügen.
Eine Stadt kommt vom Himmel herab, geschmückt wie eine Braut …

„Danach sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen; auch das Meer gab es nicht mehr. Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat. Und vom Thron her hörte ich eine mächtige Stimme rufen:

‚Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen!…'“

(Offenbarung 21,1-3 )

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Posts. Den älteren Post findet ihr hier]

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