Der Bibel-Mythos

 

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Alte Bibel; von Ajel auf pixabay.com (CC0 Public)

 

Der Titel ist zugleich die Behauptung:

Ich behaupte, es gibt eine weit verbreitete Vorstellung von der Bibel, die nicht stimmt!

 

Die gewöhnlichen Menschen trachten, so scheint es wenigstens, nach nichts weniger als nach einem der Heiligen Schrift entsprechenden Leben. Vielmehr sehen wir, dass sie fast alle ihre Hirngespinste für Gottes Wort ausgeben und nur darauf bedacht sind, unter dem Deckmantel der Religion andere Leute dazu zu zwingen, dass sie denken wie sie selbst.

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(Baruch de Spinoza (1632 – 1677), eigentlich Benedictus d’Espinoza, holländischer Philosoph; Quelle: Spinoza, Tractatus theologico-politicus, via aphorismen.de)

 

Mythos

Der Begriff „Mythos“ ist hier also nicht streng wissenschaftlich, sondern umgangssprachlich gemeint. Ich meine, dass die Bibel ein religiöses Image hat, das nicht der Wirklichkeit entspricht.

Und dies hat nicht nur speziell mit der  deutschen  Sprache oder Kultur zu tun, sondern ist ein religiös-kulturelles Problem  aller  christlich geprägten Gesellschaften und darüber hinaus.

 

Bibel  (Deutsch)

Bedeutungen:

[1] kein Plural: Titel des Buches (ursprünglich Sammlung von Büchern beziehungsweise Schriften), welches nach christlicher Auffassung Gottes Wort ist
[2] eine Ausgabe von [1]
[3] übertragen: ein bedeutendes Standardwerk in einem bestimmten Gebiet

(Quelle: Wiktionary.org)

 

Das Wort „Bibel“

Sachlich kann man erst einmal festhalten, dass die Bibel eine Sammlung von Schriften ist, welche grundlegend für den christlichen Glauben geworden sind. Diese Aussage, wird wohl niemand bestreiten.  (Auch wenn man über den Wortlaut vielleicht noch Haare spalten könnte.)

Wir assoziieren mit dem Wort „Bibel“ allerdings darüber hinaus noch etwas anderes. Um dieses „andere“ geht es in diesem Post.

 

The books you think I wrote are way too thick.

(aus dem Lied „From God’s Perspective“ von Bo Burnham)

 

Die Bibel als Nachschlagewerk und Einführung ins Christentum?

Das Wort „Bibel“ wird im Deutschen und Englischen (und vermutlich auch noch in weiteren Sprachen) auch für eine bestimmte Art von Büchern benutzt. Es ist, sozusagen, auch die Bezeichnung für eine Art von „Genre“. Es wird benutzt für Bücher, die maßgeblich für ein Wissensgebiet geworden sind.

So könnte man, z.B., von einer “Heimwerker-Bibel” sprechen und gemeint wäre ein allgemein anerkanntes Buch, in dem man alles Wichtige zum Thema “Heimwerken” findet. Es geht dabei sowohl um die Art, wie man das Buch benutzt (praktisches Nachschlagen), als auch um die Zuverlässigkeit der Information und die allgemeine Anerkennung.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

Unsere Bibeln sind gar keine Bibeln!

Die Frage ist nun, ist DIE BIBEL in diesem Sinne überhaupt eine „Bibel“ für den christlichen Glauben? (Ich hoffe, ich verwirre hier niemanden …)

Wer die Bibel auch nur ein bisschen kennt, weiß schon längst, dass die christliche Bibel nicht nur vom Thema, sondern auch vom Wesen her, ein so ganz anderes Buch ist als die Heimwerker-Bibeln, Koch-Bibeln, Auto-Bibeln, usw.  Die Bibel wurde ursprünglich NICHT als EIN Buch konzipiert und veröffentlicht. Sie behandelt eine Vielfalt von Themen, und sie enthält eine Vielfalt von Genres. Sie ist halt über einen sehr langen Zeitraum auf eine sehr eigentümliche Weise entstanden.

Wie konnte es dann überhaupt dazu kommen, dass das Wort „Bibel“ für Bücher benutzt wird, die so ganz anders sind?

 

Bitte gib mir Antworten auf meine Fragen!

 

Bedürftigkeit

Ich denke, es hat damit zu tun, dass die Bibel von den Frommen wie ein Nachschlagewerk benutzt worden ist. – Willst du wissen, was Gott zu diesem Thema meint? Kein Problem! Ich zitiere mal schnell einen passenden Bibelvers. Und da die Bibel im Original ja leider nicht alphabetisch sortiert ist und ohne Inhaltsverzeichnis und Sachregister kommt, haben wir dann etwas nachgebessert und entsprechende Bibelausgaben geschaffen.

Mit einer zusätzlichen Bibel-Konkordanz ist es noch einfacher, und am besten natürlich mit Bibel-Software. Da bleiben kaum noch Wünsche offen. Man muss die Texte selbst auch gar nicht mehr richtig kennen. Mit der Suchfunktion findet man schnell die gewünschte Aussage, die man benutzen will. Wir haben die Bibel in den Griff gekriegt! (Falls dies ein bisschen nach Instrumentalisierung klingt, ist es bestimmt kein Zufall.)

 

… der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

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(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Zauberbuch

Aus unzähligen Filmen kennt man die Szene, wo jemand zum Schwören die Hand auf eine Bibel legt. Sicherlich eher eine symbolische als eine magische Handlung, aber wiederum eine öffentliche Benutzung der Bibel, die bestimmte Vorstellungen erzeugt. Es gibt bei manchen sogar die Vorstellung, dass man mit diesem Buch Dämonen und okkulte Mächte vertreiben kann.

Solange eine Bibel nur im Bücherregal steht, tut sie keinem weh. Wenn aber die Bibel für bestimmte Zwecke benutzt wird, dann formt sich eine gewisse Vorstellung von diesem Buch, selbst bei denen, die nie hineingeschaut haben. Verursacht natürlich von denen, die von der Bibel reden und sie zitieren.

 

… es ist offensichtlich, dass ihr ein Brief seid, den Christus selbst verfasst hat und der durch unseren Dienst zustande gekommen ist. Er ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, und die Tafeln, auf denen er steht, sind nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut; es sind die Herzen von Menschen.

.
(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Wort Gottes?

Nicht alle biblischen Texte präsentieren sich als Wort Gottes. Aber im Laufe der Kirchengeschichte hat man EIN Buch gemacht, das als „Heilige Schrift“ und „Wort Gottes“ verkauft wurde und normativen Charakter für den christlichen Glauben haben sollte. Man wollte so ein Buch haben, und man hat es sich gemacht.

Die historische Analyse dieser Entwicklung ist eine wichtige Aufgabe für alle Kirchen und alle, die meinen, dass diese Texte auch für uns heute noch wertvoll sind. Die entscheidende Frage ist:

Wollen wir die Texte BENUTZEN, oder wollen wir von ihnen LERNEN?

 

Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.

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(Paulus‘ erster Brief an Timotheus, 1,5)

 

Meine Vorstellungen und Gottes Plan

Die Klärung und Überprüfung der eigenen Vorstellungen, die ich von der Bibel habe, ist besonders für  die  Menschen wichtig, denen die Bibel am Herzen liegt. So ist die Klärung dieser Fragen von existenzieller Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft des christlichen Glaubens.

 

[Dies ist eine neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Was hat Hebräisch mit dem Christentum zu tun?

 

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By W.pseudon (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Wenn man einen Juden fragen würde, so würde dieser vielleicht antworten: „Gar nichts!“ – Das stimmt so natürlich nicht ganz. Die allerersten Christen waren ja alle Juden (auch wenn Juden aus Galiläa vielleicht Juden zweiter Klasse waren), Jesus (Jeschua) war ihr Rabbi und Hebräisch war die Sprache ihrer heiligen Texte.

Aber es gibt leider sehr viele Gründe, weshalb die Beziehung zwischen Christen und Juden belastet ist. Eine Verbesserung dieser Beziehung könnte zum Segen für die ganze Menschheit werden – immerhin sind statistisch ein Drittel der Weltbevölkerung Christen.

Die Überwindung der Kluft zwischen Juden, dem auserwählten Volk Gottes, und den anderen Völkern wurde schon in den Texten des Neuen Testaments als einer der bedeutendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte gewertet.

 

… Ihr seid Gott jetzt nahe, obwohl ihr vorher so weit von ihm entfernt lebtet. Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint, die Mauer zwischen ihnen niedergerissen und ihre Feindschaft beendet …
(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Ephesus, 2. Kapitel, Verse 13-14)

 

Hebräisch

Mehr als alle anderen Sprachen ist Hebräisch die Sprache „unserer christlichen“ Bibel, und damit auch die grundlegende Sprache der jüdisch-christlichen Überlieferung vom Glauben an den einen Gott und seinem Messias/Christus (bzw. Messiassen). – Auch wenn manche Liebhaber der King-James-Bible  mit dem Gedanken liebäugeln, ob die wahrhaft göttlich inspirierte Sprache nicht vielleicht doch Englisch ist.

Die meisten biblischen Texte wurden ursprünglich in Hebräisch verfasst, und auch die heiligen Texte der ersten Christen waren fast alles hebräische Texte. (Ein paar Textabschnitte im Alten Testament sind in Aramäisch.)

 

mündlich – schriftlich

In antiken Gesellschaften war Schreiben ein Luxus, der nur von einer kleinen Elite beherrscht wurde. Parallel zur Textproduktion gab es eine breite mündliche Erzähltradition, von der uns natürlich nur das überliefert ist, was in Textform für die Nachwelt erhalten blieb. Hebräisch war zunächst nur eine gesprochene Sprache; und auch nach der Erfindung von hebräischer Schrift war der weit überwiegende Sprachgebrauch selbstverständlich mündlich.

 

Aramäisch

Wie alle Sprachen, so hat auch Hebräisch eine Herkunft und Geschichte. Und wie alle anderen lebendigen Sprachen auch, so hat auch Hebräisch Einflüsse aus anderen Sprachen aufgenommen. Die augenscheinlichste Folge „fremder“ Einflüsse ist die hebräische Quadratschrift selbst, welche noch heute in Gebrauch ist. Diese Schrift wurde vom Reichsaramäisch entlehnt, das Verkehrssprache im Persischen Reich war und auch noch lange nach Alexander dem Großen große Bedeutung in der Region hatte.

Aramäisch war sicherlich auch die Muttersprache Jesu, und wir finden Spuren davon auch im Neuen Testament. (So sind z.B. die letzten Worte Jesu „Eli, Eli, lama asabtani“ ein Zitat aus dem 22. Psalm in  aramäischer  Übersetzung.)

 

 Gegen drei Uhr rief Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« Das heißt übersetzt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

(Neues Testament, Markus-Evangelium 15,34)

 

Griechisch

Mit Alexander breitete sich die griechische Sprache und der Hellenismus im Mittelmeerraum aus, sodass bald auch unter den Diaspora-Juden der Bedarf an griechischer Übersetzung wuchs. Es war dann die Septuaginta, die  große Bedeutung als griechische Übersetzung der hebräischen heiligen Texte erlangte.

Jeder, der schon einmal eine Fremdsprache gelernt hat, weiß, dass es unmöglich ist, eine andere Sprache zu lernen, ohne nicht auch etwas mit der fremden Kultur vertraut zu werden. Sprache transportiert Kultur und ist an sie gebunden.

Der kulturelle Druck, der durch die verbreitete griechische Sprache und dem Hellenismus auf die jüdische Tradition ausgeübt wurde, war enorm, und die Übertragung der heiligen Texte in eine fremde Sprache war eine große Herausforderung. – Bei Übersetzungen geht zwangsläufig immer etwas verloren bzw. wird verändert.

Es ist nur selten möglich den Spielraum für Deutung und Assoziation exakt in einer anderen Sprache zu reproduzieren. – Wie übersetzt man überhaupt ein grammatikalisches System, das grundsätzlich ein bisschen anders funktioniert? – Während Hebräisch und Aramäisch semitische Sprachen sind, ist Griechisch (und auch Latein, Deutsch, Englisch, …) eine indoeuropäische Sprache.

 

Latein

Nach den Griechen kamen die Römer, und in der Kirchengeschichte gewann Latein zunehmend an Bedeutung. Der im Judentum und der hebräischen Sprache verwurzelte Glaube an Jesus den Messias wurde in „fremden“ Sprachen gedacht, formuliert, gepredigt und erklärt. – Ist dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren gegangen? Ist „theos“ oder „deus“ derselbe wie JHWH? Und hatten Christen beim Titel „Christus“ noch dieselben Assoziationen wie Juden beim erwarteten Maschiach?

Ich habe 2015 angefangen ein bisschen Hebräisch zu lernen und empfinde es als wunderbare Bereicherung zum Verstehen der biblischen Texte. (Ist allerdings wirklich nicht einfach.) Auch mit Hebräisch-Kenntnissen und dem „Urtext“ lassen sich allerdings nicht alle Fragen beantworten. Auch führt das gründlichere Studium der biblischen Texte nicht automatisch zu mehr oder besserem Glauben.

 

Heilige Texte

Schreiben von Gott ist der stammelnde Versuch mit Worten menschlicher Kategorien das Geheimnis des ewigen Gottes mit Buchstaben auf Papier zu heften. – Wie funktioniert so etwas überhaupt? Und wie kann es dann noch in eine andere Kultur übertragen werden? Ist das mündliche inspirierte Wort vielleicht besser als alte Texte? Solange Erzählungen noch mündlich überliefert werden, können sie sich an eine veränderte Wirklichkeit anpassen. Wenn sie erst in Textform erstarrt sind, veralten sie, während das Leben weitergeht …

Alle Buchreligionen haben das Problem, dass sich göttliche Offenbarung nicht auf vollkommene Weise in Texten konservieren lässt, weil Sprache sich verändert und erfolgreiche Kommunikation immer vom Zusammenhang abhängt. – Sollte das „richtige“ Verstehen der uralten heiligen Texte wirklich einer kleinen Elite von Altertumswissenschaftlern und Philologen vorbehalten sein, die den ursprünglichen Sinn noch am ehesten rekonstruieren können?

Paulus gab schon vor fast 2000 Jahren einem Mitarbeiter einen Rat:

 

 … Damals habe ich dich gebeten, in Ephesus zurückzubleiben und dafür zu sorgen, dass bestimmte Leute dort keine falschen Lehren verbreiten. Sie sollten sich nicht mit uferlosen Spekulationen über die Anfänge der Welt und die ersten Geschlechterfolgen befassen; denn das führt nur zu unfruchtbaren Spitzfindigkeiten, anstatt dem Heilsplan Gottes zu dienen, der auf den Glauben zielt. Jede Unterweisung der Gemeinde muss nämlich zur Liebe hinführen, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt. Davon haben sich einige abgewandt und haben sich in leeres Gerede verloren. Sie wollen Lehrer des göttlichen Gesetzes sein; aber sie wissen nicht, was sie sagen, und haben keine Ahnung von dem, worüber sie so selbstsicher ihre Behauptungen aufstellen.

(Die Bibel, Neues Testament, der erste Brief von Paulus an Timotheus, 1. Kapitel, Vers 3-7)

 

Authentisch von Gott reden

Wir brauchen ein gründlicheres Nachdenken über göttliche Offenbarung und darüber, wie wir authentisch von Gott reden können – erfasst vom Wirken Gottes in dieser Welt und himmlisch inspiriert. Vielleicht könnte man dann das traditionelle Theologisieren auf niedrigem Niveau überwinden.

Die kolossalen kulturellen Umbrüche, die wir heute erleben, sind eine riesige Chance, das Wesentliche am christlichen Glauben neu zu entdecken. Ein besseres Verstehen unserer jüdischen Wurzeln hilft dabei auch.

 

Ruuuhe !!!

 

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Quelle: publicdomainpictures.net

 

Sabbat. – Wikipedia: „von hebräisch schabat: ‚aufhören‘, ‚ruhen‘“

 

DAS DRITTE GEBOT
Du sollst den Feiertag heiligen.
Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.

(aus Martin Luthers „Kleinen Katechismus“)

 

Es geht mir hier nicht um eine Diskussion „Sonntag gegen Sabbat“, sondern um die grundsätzlichere Frage:  Was machen wir am 7. Tag der Woche? – oder: Was machen wir am Ruhetag?

 

Den Feiertag heiligen

Das bedeutet NICHT: 6 Tage rackern wir uns ab für uns selbst und am siebten Tag rackern wir uns ab für Gott. 6 Tage dienen wir für uns – am 7. Tag Gottesdienst.

 

Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte, und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte. Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn,denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit, die machend Gott schuf.

(Bibel / Tanach, Altes Testament, Bereschit / Genesis / 1. Mose, 2. Kapitel, Vers 2-3, in der Buber-Rosenzweig-Übersetzung)

 

Gott ruhte von allem Machen. Es war sehr gut. Perfekt. Vollendet. Nichts mehr hinzuzufügen.

Zeit nehmen zum Wahrnehmen des sehr guten Wirken Gottes in seiner Welt. Die Weite des Himmels: Von Horizont zu Horizont. Die Wolken ziehen sehen. Unendlich ausgebreitetes Sternenzelt im Nachthimmel. – Betrachten. Riechen. Lauschen. Schmecken. Ausruhen. Entspannen. Regenerieren. Seelenruhe …

 

entspannt

Tiefe Muskel-Verspannungen lösen sich nicht in einer Bildschirmpause. – Und wie lange dauert es, bis sich verkrampfte Seelen entspannen? Hart gewordene Herzen wieder weich werden?

Der 7. Tag. Ein ganzer Ruhetag.

24 Stunden schlafen? – Ich glaub, das schaff ich nicht.

Wann und wo und wie kommst du zur Ruhe?

Können und wollen wir uns das überhaupt leisten? Gibt es nicht einfach viel zu viel zu tun, und zu wenige, die mit anpacken? So viele Hilfsbedürftige und nicht genug Engagement. So viel Dringendes und Drängendes …

Einen ganzen Tag nichts schaffen? Ist das nicht viel zu unproduktiv? Wie viel Leistungsträger gibt es in unserer Republik, die regelmäßig einen Tag pro Woche total ausfallen können? Was würde das für unser Bruttosozialprodukt bedeuten? Würde Deutschland nicht internationale Spitzenpositionen einbüßen müssen, wenn alle Deutschen einmal die Woche gar nichts leisten?

Wir brauchen ja auch Zeit, um uns um unseren Besitz zu kümmern. Alles will gewartet werden, Zimmer geputzt, Nippes staubgewischt. Vermögen verwaltet. Der soziale Status und Netzwerke müssen ständig unterfüttert werden. Nichts passiert von alleine.

Gerate ich selbst nicht auch ins Hintertreffen, wenn ich das mache? Da kann ich doch niemals mehr mithalten mit denen, die einfach durchpowern:  24/7/365? Sind wir nicht auch unersetzbar und müssen unbedingt erreichbar sein – auch am Ruhetag?

Gibt es noch Orientierung bei aller Optimierung?

 

zeitlos – im Hier-und-Jetzt

Sabbat. Ein geschenkter Tag. Keine Verpflichtungen. Ruhe. Abschalten. Die Uhr bleibt 24 Stunden lang stehen. Die Erde hört auf sich zu drehen.

Einen zeitlosen Raum betreten. Kein Zeitdruck. In die Welt Gottes eintauchen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit …

Ein weiter Blick. Erzählen von den Urgroßeltern. Familie planen. Zeit für Kinder. Stress verspielen.

 

Wann?

Es muss nicht unbedingt Sonntag sein. Eigentlich wäre Samstag ja sowieso irgendwie Sabbat-mäßiger.

 

Wo?

Gute Frage. Gibt es überhaupt noch einen Ort in unserem Leben, wo wir wirklich zur Ruhe kommen? Können Kirchengebäude so ein Ort sein? Oder einfach Zuhause? Oder in Gottes Schöpfung? In der Einöde? Bei Verwandten oder Freunden?

 

Mit wem?

Kommen wir zur Ruhe in der Einsamkeit oder eher in der Nähe von Menschen, bei denen wir wir selbst sein können? Einfach so da sein dürfen, wie wir sind? Einem anderen Menschen in die Augen schauen und die Welt um uns herum vergessen. Beziehungen wachsen lassen.

 

Wie?

Vielleicht still sitzen in Meditation. Beten. Vielleicht auch in Bewegung: Unseren ganzen Körper wieder spüren lernen – nicht nur unseren Hintern, auf dem wir zu viel sitzen. Spazieren gehen, wandern, schlendern, tanzen, Ball spielen, uns frei laufen, …

Wie können wir uns an einem Tag abschneiden von all den Schnüren, die an uns zerren?

(Mit oder ohne Smartphone?)

Die Spinne hat uns schon längst gefangen in ihrem Netz, und die Schlinge zieht sich weiter zu …

 

… Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.
(Tanach / Altes Testament, Psalm 127, 1-2)

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

Um Gottes und der Menschen willen: Stürzt doch endlich das Bibel-Dogma vom Sockel!

 

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Altarbibel auf einem lutherischen Altar; von Leon Brooks [Public domain], via Wikimedia Commons

 

[ Dies ist die Überarbeitung eines meiner älteren Artikel, der mit Abstand die heftigsten Reaktionen hervorgerufen hat. Hier findet ihr den älteren Artikel. ]

Dies ist kein Artikel gegen die Bibel. (Ich bin bekennender Bibel-Fan.) Es  ist  allerdings ein Artikel gegen einen schlechten Umgang mit ihr. Und es ist ein Artikel für einen wahrhaft christlichen Glauben im Sinne Jesu. – Es gibt etwas Besseres als Biblizismus: Evangelium! Es gibt eine gute Nachricht.

Die nicht ausreichend geklärte Frage unseres Umgangs mit der Bibel, ist eines der größten Probleme des Christentums. Wir haben einen Hunderte von Jahren alten Bibel-Mythos, der wie ein gewaltiger Klotz am Bein des wunderbaren Evangeliums ist. Es ist mehr als überfällig, dass das Dogma der Unfehlbarkeit der Bibel von seinem Sockel gestoßen wird, um zu einem Glauben im Sinne Jesu und der ersten Christen zurückzukehren. (Wenn all die Frommen der Jahrhunderte Jesus und die biblischen Texte ernster genommen hätten, wäre es nie zu diesem Dogma gekommen.)

 

Wehe euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten …

Weh euch, … die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen.  … Weh euch, ihr verblendeten Führer …

(Jesus von Nazareth; Bibel, Neues Testament, Lukas-Evangelium 11. Kapitel, Vers 46 und Matthäus 23,13-16)

 

Nehmt doch endlich das Joch eurer Bibel-Verehrung von den Schultern so vieler Gläubiger! Jesus hat keinen heiligen Text aufgeschrieben und auch zu Pfingsten kam keine neue Tora vom Himmel. Es war gerade der normative Charakter heiliger Schriften, der in der frühen Christenheit zur Diskussion Stand. Um Gottes und der Menschen willen müssen wir DEUTLICH widersprechen:

Die Bibel ist NICHT das Wort Gottes !!!

Ich sage dies nicht, weil ich GEGEN die biblischen Texte bin, sondern FÜR sie! Und für die MENSCHEN, die sie lesen.

Wer es nicht glauben will, soll doch einfach selbst mal in seiner Bibel nachschauen:

Lukas, zum Beispiel. Behauptet der Verfasser des Lukas-Evangelium an irgendeiner Stelle, dass seine Worte die Worte Gottes wären oder dass er sie von Gott empfangen hätte? Gibt es irgendeinen anderen Vers in der Bibel, der  behauptet, dass das Lukas-Evangelium Gottes Worte sind? Wann hat überhaupt in der Kirchengeschichte sich zum ersten Mal jemand angemaßt zu behaupten, dass dies Evangelium Wort Gottes ist? Und warum?

Die biblischen Texte wurden im Glauben überliefert, dass sie Zeugnisse des Wirken Gottes sind. Dadurch werden sie aber nicht zu vollkommenen Worten Gottes für den modernen Leser. Nehmt doch die Texte selbst ernst, anstatt einfach eure liebgewonnenen Ideen in die Texte hineinzulesen! Und all dies auch noch unter dem Deckmantel von Frömmigkeit und mit dem Anspruch auf Wahrheit!!!

Ich glaube auch, dass Gott spricht. Ich glaube auch, dass er durch einen biblischen Text zu einem Menschen sprechen kann. Dies ist dann aber eine persönliche, subjektive religiöse Erfahrung und sollte auch als solche behandelt werden.

Auch Theologen, die Fundamentalismus ablehnen, sind in ihrem Gebrauch der biblischen Texte und in ihrem Reden über die Bibel nicht immer „sauber“. (Mich eingeschlossen.) Wir, die „Wissenden“, tragen aber Verantwortung dafür, wie wir die Bibel darstellen und welche Erwartungen an diese Texte wir erzeugen.

Wie wäre es, wenn wir endlich einmal eine Bibelausgabe hätten, wo nicht „Bibel“ oder sogar „Heilige Schrift“ drauf steht, sondern „Sammlung der grundlegenden Schriften des Christentums“? Das Wort „Bibel“ allein suggeriert schon eine Homogenität des Buches, die nicht gegeben ist. (Wer weiß schon, dass das Wort „Bibel“ eigentlich ein Plural ist?)

Denen, die sich schon freuen, dass sie jetzt vielleicht auch als Christen endlich machen dürfen, was Spaß macht, sei gesagt:  Ihr durftet schon immer machen, was Spaß macht; es ist nur nicht alles gut!  😉

 

Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht haben über mich.

Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf.

(Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth; 6,12 und 10,23)

 

Das Bibel-Dogma aufzugeben, bedeutet überhaupt nicht, dass christlicher Glaube dadurch beliebig würde, es keine Orientierung mehr gäbe oder die Nachfolge Jesu weniger verbindlich wäre. Aber so vielfältig wie Kulturen und Menschen und das Leben selbst, so vielfältig müssen auch unsere Antworten sein. – Und wer sagt überhaupt, dass ich selbst die richtige Antwort für einen anderen Menschen haben muss?

Haben wir Angst vor der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes?

 

Alle, die sich von Gottes Geist regieren lassen, sind Kinder Gottes. Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er hat euch vielmehr zu Gottes Söhnen und Töchtern gemacht. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: »Abba, lieber Vater!
(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom; 8,14-15)

 

Der Schatten der Bibel

 

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Hieronymus (im Bild) machte im 4. Jahrhundert eine Bibel in lateinischer Sprache, bekannt als „Vulgata“, welche die offizielle Übersetzung der Katholischen Kirche wurde; Marinus van Reymerswaele [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Jahrhunderte, nachdem Jesus aus Nazareth über die staubigen Wege Palästinas gegangen war, hatten Menschen die Idee, man könnte doch, um Klarheit zu schaffen, einige frühchristlichen Texte zusammennehmen und sie gemeinsam mit den vorausgegangenen jüdischen heiligen Schriften in einem Band veröffentlichen. Dies war auch buchtechnisch eine große Leistung. Solche riesigen Bücher (z.B. der Codex Sinaiticus) waren allerdings nicht gerade handlich und wegen des horrenden Preises auch noch nicht als Bestseller geeignet.

Ungefähr ein Jahrtausend (!) später sollte sich dies allerdings ändern. Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und dem Ausbruch der Reformation wurde die Bibel allmählich für viele Menschen zum häuslichen Begleiter in vielen Lebensfragen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die biblischen Texte allerdings schon längst eine gewaltige Wirkungsgeschichte und hatten ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen.

Viele Jahrhunderte lang war die Bibel nicht das weit verbreitete und gern gelesene Buch der Christenheit, sondern es waren Texte für eine sehr begrenzte Leserschaft. Diese wenigen Menschen bestimmten, welche Inhalte die einfachen Gläubigen erreichen würden – und auf welche Weise.

Keine Texte können so heilig sein, dass sie nicht missbraucht werden können. – Aber wer bestimmt, was ein guter, und was ein schlechter Umgang mit diesen Texten ist?

Die Wirkungsgeschichte der Bibel ist gewaltig – und nicht nur positiv. Wer die Schattenseite der Bibel ausblendet, läuft Gefahr, auch in der Gegenwart nicht wahrzunehmen, wo die Bibel Menschen schadet. Bibel verstehen ist Arbeit – auch Schattenarbeit.

Die biblischen Texte sind einer der großen Schätze in meinem Leben. Auch deshalb liegt mir sehr daran, dass auch andere Menschen diese Texte als Bereicherung in ihrem Leben erfahren. Dies ist allerdings leider nicht selbstverständlich …

Bibel. Jetzt. (1)

 

 

soft skills

 

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Selbstporträt von Élisabeth Vigée-Lebrun mit ihrer Tochter [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

 

Dies sind die klassischen Verse zur Inspiration der Bibel. Wenn wir die Verse im Zusammenhang lesen, wird allerdings klar, dass die Inspiration der Bibel hier gar nicht das Thema ist. Ganz abgesehen davon, dass es die Bibel natürlich noch gar nicht gab.

Paulus‘ Verweis auf die Texte, die Timotheus seit seiner Kindheit kennt, legt nahe, dass hier an die heiligen Schriften der Juden (unser Altes Testament) gedacht ist. Auf jeden Fall kann man weder von diesen Versen noch von irgendwelchen anderen Versen in der Bibel ableiten, dass mit diesen Worten all die 66 Bücher gemeint sind, die viele heute als Bibel kennen. Wie schon so oft, hat hier jemand einen Bibelvers gesucht, um seine eigene Meinung zu begründen, und gedacht, diese Verse passen doch ganz gut (was offensichtlich gar nicht der Fall ist).

Der Missbrauch dieser Bibelstelle zur Begründung von Biblizismus lenkt auch von der eigentlichen Aussage ab. Um die Verse von Paulus richtig zu verstehen, dürfen wir nicht unsere heutigen Fragestellungen an den Text herantragen, sondern sollten versuchen, uns einen Eindruck davon zu verschaffen, was Paulus seinem jüngeren Mitarbeiter Timotheus hier vermitteln will.

Paulus schreibt Timotheus, dass er angesichts wachsendem Unglaubens, zunehmender Unmoral und verbreiteter Irrlehre entschlossen für die gesunde Lehre eintreten soll. Dabei betont er die wertvolle Bedeutung der heiligen Schriften für diese Aufgabe. Interessant ist dabei das Wort, das dafür verantwortlich ist, dass diese Verse in der Bibel-Inspiration-Diskussion überhaupt benutzt werden: „theopneustos“. Das Geschriebene am Anfang von Vers 16 wird im griechischen Urtext mit dem Ausdruck „theopneustos“ näher beschrieben: theos = Gott, pneo = ausatmen.

Eine geniale Wortwahl. In diesem einen Wort steckt Schöpfung und Heilsgeschichte. Ein Leser, dem die jüdischen heiligen Texte vertraut sind (Timotheus), hat da eine ganze Menge von Assoziationen:  Der Geist Gottes, der am Anfang der Schöpfung über dem Wasser brühtet; Gottes Atem, der den Acker zu einem lebendigen Menschen belebt; und natürlich auch Gottes Geist, der die Propheten getrieben hat, in Seinem Namen zu reden.

Die populäre NIV übersetzt ins Englische „God-breathed“. Das ist die, meiner Meinung nach, beste Übersetzung, die ich bis jetzt gefunden habe. Eine entsprechend gute Übersetzung ins Deutsche habe ich bis jetzt leider nicht gefunden. Das Wort „eingegeben“, das in deutschen Übersetzungen steht, weckt Assoziationen, die dem Urtext nicht entsprechen. (Deshalb habe ich in den obigen Versen versucht, eine eigene Übersetzung zu machen.)

Wortspiele, die den Deutungsspielraum der Begriffe „ruach“ (das hebräische Wort im Tanach, unserem Alten Testament) und „pneuma“ (das griechische Wort im Neuen Testament) ausnutzen, finden sich auch in anderen neutestamentlichen Texten; z.B. in diesen Versen im Johannes-Evangelium:

 

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist (pneuma) geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist (pneuma) geboren ist, ist Geist (pneuma). Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind (pneuma!) weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist (pneuma) geboren ist.

(Neues Testament, Johannes-Evangelium 3,5-8)

 

Die Verse im Timotheusbrief berühren eine für Christen sehr wichtige Frage: Wie gehen wir mit unseren heiligen Texten um? Oder noch genauer formuliert: Wie benutzen wir sie?

Das Wort „benutzen“ sollte uns schon vorsichtig werden lassen. Die Grenze zur Instrumentalisierung von Texten, denen man göttliche Autorität zuspricht, ist offensichtlich nicht leicht zu ziehen. Durch Worte wie „Belehrung“, „Widerlegung“ und „Korrektur“, die in Übersetzungen zu lesen sind, könnte sich so manch einer zu Wortgefechten mit Bibelversen eingeladen fühlen. Oberlehrerhaftes Verhalten und Rechthaberei sind nicht mehr weit entfernt. Viele Menschen, die entsprechende Erfahrungen in christlichen Kreisen gemacht haben, wissen, was ich meine; und auch die Kirchengeschichte ist leider angefüllt mit Beispielen solchen Verhaltens.

In Versen aus Paulus‘ Brief an die Gemeinde Korinth klingt an, dass Texte im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen eine untergeordnete Rolle spielen:

 

„Wir bilden uns nicht ein, aus eigener Kraft irgendetwas tun zu können; nein, Gott hat uns Kraft gegeben. Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Wir verkünden nicht länger die Herrschaft des geschriebenen Gesetzes, sondern das neue Leben durch Gottes Geist. Denn der Buchstabe tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.

(2. Korinther 3,5-6)

 

Gott lässt sich weder in einem Buch einsperren, noch hat er sein Wirken darauf beschränkt, dass alte, antike Texte gelesen werden. Das Leben selbst besteht nur fort, weil Gott es ständig belebt, und wie beim Wind kann man weder sehen, wo Gottes Wirken herkommt, noch wohin es geht. Im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen kann der Gläubige jetzt geistliches Leben unmittelbar durch Jesus empfangen, und nicht mehr vermittelt durch Priester oder heilige Texte.

Wie Gottes Atem den Acker zum Leben erweckt, so erweckt er auch tote Buchstaben dazu für den geistlichen Menschen nützlich zu sein, um richtig leben zu lernen. Das Ziel ist nicht Wissen, sondern ein Lernprozess, um befähigt zu werden, Gutes zu tun. „soft skills“ anstelle von schlagkräftigen Argumenten. Der Gläubige wird immer mehr zum Beteiligten bei Gottes Plan, sein Schalom, seine ewige Friedensherrschaft in dieser Welt aufzurichten.

 

Glaube an die Bibel ǂ Glaube an Jesus

 

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Christus Pantokrator, Ikone im Katharinenkloster auf dem Sinai (6. Jh), ,by Anonymous ([1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Ein Glaube an die Bibel ist nicht dasselbe wie ein Glaube an Jesus, sondern geht über den Glauben an Jesus hinaus. Die allerersten Christen hatten noch keine „christliche“ Bibel, so wie wir sie kennen. Die neutestamentlichen Schriften entstanden erst in den nachfolgenden Jahrzehnten. Die ersten Christen waren Juden, die dieselben heiligen Texte lasen, wie die anderen frommen Juden ihrer Zeit. Die „christliche“ Bibel als Sammlung in einem Buch ist sogar erst Jahrhunderte später entstanden.

Für einen Glauben an Jesus brauchen wir natürlich gute historische Zeugnisse, denn das Leben und Sterben von Jesus waren ja historische Ereignisse. Wir haben da sicherlich auch kaum bessere Quellen als die neutestamentlichen Texte; deshalb sind diese Texte für uns auch unendlich wertvoll. Die neutestamentlichen Texte selbst präsentieren sich allerdings nicht als heilige Texte. Wir haben im Neuen Testament keine Texte, die sich selbst so darstellen wie z.B. die jüdische Tora oder die Schriftpropheten in unserem Alten Testament (abgesehen vielleicht von der Offenbarung des Johannes).

 

Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. Wenn du gehorchst den Geboten des HERRN, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, …
Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Devarim / Deuteronomium / 5. Mose, 30. Kapitel, Verse 15-16)

 

Die ersten Christen gingen mit ihren Texten auch anders um, als es viele Christen heutezutage mit ihren Bibeln tun. Das frühe Christentum war keine Buchreligion, mit der „christlichen“ Bibel als heiliges Buch. Dies macht deutlich, dass sich das Christentum verändert hat. Die Jesus-Anhänger wurden ja auch „Christen“ und nicht „Biblianer“ genannt.

Wir sehen im Neuen Testament selbst wie z.B. Paulus um seine Anerkennung unter den Gläubigen kämpfen musste (er war ja auch nicht einer von den Zwölf Aposteln). Heute würde vielleicht jemand sagen: „Hey Leute, natürlich hat Paulus recht. Seine Briefe stehen doch in der Bibel!“  😉

Den biblischen, insbesondere den neutestamentlichen Texten, wurde eine Bibel-Ideologie übergestülpt, weil man ein einheitliches heiliges Buch haben wollte. Dies war auch eine Macht-Frage. Aus einer spirituellen Jesus-Bewegung wurde eine erstarrte Buchreligion unter der viele fromme Christen noch heute leiden. Verbunden mit einer Menge kirchlicher Strukturen, etablierten religiösen Traditionen und so mancher Schein-Heiligkeit.

 

„Jésus annonçait le royaume, et c’est l’Église qui est venue.“  /

„Jesus kündete das Reich Gottes an und gekommen ist die Kirche.“

(Alfred Loisy)

 

Natürlich beinhaltet ein Bibel-Glaube auch einen gewissen Jesus-Glauben. Entscheidend ist allerdings, ob ich Jesus auch die vollständige Macht über mein Leben gebe, oder ob ich es lieber versuche mit einem heiligen Buch zu regeln. Texte lassen sich leichter kontrollieren als der Geist Gottes …

Der Weg Jesu ist ein spiritueller Weg. Er reicht hinab bis in die Abgründe unserer Seele. Er heilt die Wurzel unseres Lebens. Durch den Entschluss, Kontrolle und Macht aufzugeben, eröffnet sich ein Raum des Vertrauens, in dem Gott uns verändern und gebrauchen kann für die Heilung und Vollendung seiner Schöpfung.