Das offene Christus-Experiment Berlin

 

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Meditierende Menschen im Madison Square Park, Manhattan, New York City; von Beyond My Ken (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons
Ich konnte leider noch kein Foto vom „Offenen Christus-Experiment Berlin“ machen, da das erste Treffen ja noch nicht stattgefunden hat.  😉

 

„… Stellt mich auf die Probe“, sagt der Herr, der Herrscher der Welt, „macht den Versuch …“

(Die Bibel, Altes Testament, Maleachi 3,10)

 

Na, neugierig? – Falls ihr selbst nicht in Berlin & Umgebung wohnt, wäre es toll, wenn ihr die Info weiterleitet an Leute, die das vielleicht interessieren könnte.

 

ZUM NAMEN

„Das offene Christus Experiment“. Dies könnte fast eine Bezeichnung für die Geschichte der Christenheit sein. Mir geht es hier allerdings um ein konkretes Projekt in Berlin, bei dem man sich wöchentlich trifft. Die Idee ist geboren. Jetzt brauche ich noch ein paar Leute, die mitmachen. (Ihr verpflichtet euch dabei zu nichts.)

 

DIE IDEE

Es geht um eine kleine Gruppe, ca. 12 Personen, die sich jede Woche 2 Stunden lang treffen. (Darüber hinaus können sich die Teilnehmer natürlich so oft treffen wie sie wollen und Zeit haben). Genaue Uhrzeit und Ort können wir verhandeln, sobald sich ein paar Interessenten gefunden haben.

 

„offen“

Dies soll ein „offenes“ Experiment sein:

  • Keine Begrenzung von Gottes Möglichkeiten durch unsere Konzepte.
  • Keine Festlegung auf eine Konfession oder Tradition.
  • Offenes Ende: Das Langzeit-Experiment endet, wenn keiner mehr da ist bzw. Gott es beendet. (Jeder kann jederzeit aussteigen.)
  • Wir fangen an mit ca. 12 Teilnehmern, aber sind offen für unbegrenztes Wachstum.

 

„Christus“

 

„… wie lautet dieses Geheimnis? Christus in euch – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit!“

(Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Kolossai, 1,27)

 

Ein Glaube an Gottes Wirken durch Jesus Christus in uns ist die Grundlage dieses Experiments:

  • Ohne Gott kann ich gar nichts. Gott jedoch kann alles.
  • Wir fangen mit nichts an (kein Kirchengebäude, kein Geld, kein Pfarrer, keine Organisation, kein Spenderkreis, …) und erwarten Alles von Gott.
  • Wir bitten nicht um Gottes Segen für unsere Pläne, sondern stellen uns einfach IHM zur Verfügung und achten darauf, was er mit uns macht.
  • Christus verbindet alle, die ihm vertrauen. In seiner Liebe werden wir zu einer Art „Organismus“ (Leib Jesu).
  • Gott wirkt auf ein gutes Ziel seiner Schöpfung hin, und mit seiner Hilfe sind wir in der Lage dieses Wirken in unserem Leben und in einer Gruppe aufzuspüren.
  • Wir begegnen uns nicht als Habende, Wissende und Fähige, sondern als Bedürftige. Tag für Tag brauchen wir Gott, um zu leben. Und wir brauchen auch einander, um für ihn richtig brauchbar zu werden.

 

„Experiment“

Ich weiß nicht, was Gott mit dieser Gruppe machen wird. Die Welt heutzutage ist nicht dieselbe wie im Neuen Testament in der Apostelgeschichte. Worum es geht?

  • Es geht um die Praxis, nicht nur um schöne Theorie.
  • Was funktioniert, entscheidet sich im Leben.
  • Das Ergebnis hängt von Gott ab – und von uns.

 

WAS IST ANDERS ?  WAS IST NEU ?

  • Wir orientieren uns weniger an Vergangenem und mehr an der Gegenwart und Zukunft.
  • Wir achten die Erfahrungen und Überzeugungen der Einzelnen und bemühen uns, gemeinsam zu lernen. Die Worte jedes Einzelnen sind wichtig.
  • Wir achten auf die Wirkung dessen, was in der Gruppe passiert. Gott ist gut. Sein Wirken ist heilsam für uns Menschen.
  • Wir verwirklichen nicht ein vorbereitetes Konzept, sondern entscheiden gemeinsam als Gruppe, wie wir auf dem Weg mit Gott vorangehen.

 

ZU MEINER PERSON

Die Frage nach einem besseren Christentum beschäftigt mich schon, solange ich denken kann. Ich bin christlich erzogen und in einer familiären, fundamentalistischen Freikirche mit sehr intensiver Gemeinschaft groß geworden. Später distanzierte ich mich von meinen Wurzeln und bin jetzt Mitglied in der Ev. Kirche und arbeite als Mitarbeiter für Jugendliche im Kirchenkreis Berlin Nord-Ost. Außerdem studiere ich Ev. Theologie an der Humboldt Unversität zu Berlin in Teilzeit.

Dieses Experiment ist mein „Privatvergnügen“ und hat direkt nichts mit meiner Anstellung bei der Kirche oder mit meinem Studium zu tun. Es ist auch kein Experiment im wissenschaftlichen Sinn, sondern es geht konkret nur um die Menschen, die an diesem Experiment teilnehmen und darum, was Gott aus uns macht.

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Der Traum von einem besseren Christentum

 

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Abraham by József Molnár [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Und ich blickte auf, und ich sah ein Meer aus Menschen, die keiner zählen konnte. Menschen aus allen Kirchen und christlichen Organisationen.

Sie waren aufgestanden und haben sich auf den Weg gemacht, ohne den Ort zu kennen, den sie suchen …

 

Dieser Artikel ist kein Aufruf dazu, dass du deine Gruppe verlässt. Es kann zwar sein, dass du dich innerlich schon längst verabschiedet hast und auf der Suche bist. Aber ob und wann der Zeitpunkt zu gehen gekommen ist, musst du selbst entscheiden. Vielleicht ändert sich auch was, und du wirst bleiben?!

Es gibt schon unzählige frustrierte Christen, die allen christlichen Gemeinden und Gruppen den Rücken gekehrt haben und versuchen, allein zurecht zu kommen. Privates Christentum.

 

 

Mit ihm [Jesus] seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

(Die Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Kolosser, Kapitel 2, Vers 12)

 

Abraham ist ein wichtiger Mensch im Judentum, Christentum und Islam. Deshalb werden diese drei Religionen manchmal auch als die „abrahamitischen“ Religionen bezeichnet.

Paulus bezeichnet Abraham im Brief an die Gemeinde in Rom als „Vater aller, die glauben“ (Römerbrief 4,11). Das Richtige, was Abraham getan hatte, war, Gott zu vertrauen. Auf Gottes Wort hin zog er aus seinem vertrauten Leben in eine nicht-vertraute Zukunft. Abraham war Migrant.

Auch die Männer und Frauen, die sich um Jesus als ihren Lehrer geschart hatten, hatten sich im Vertrauen auf Gott auf einen neuen Weg eingelassen. Und dieselbe Lebenskraft Gottes, welche Jesus aus dem Totenreich zurückgeholt hatte, befähigte seine Anhänger dann zu Pfingsten als Zeugen seiner Auferstehung aufzutreten. Petrus zitiert bei dieser Gelegenheit die alte Schrift des jüdischen Propheten Joel, in der es heißt:

 

… dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus und sie werden als Propheten reden.

(Neues Testament, Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 17-18; Joel, Kapitel 3, Verse 1-2)

 

Die ersten Christen hatten durch Jesus eine neue Identität bekommen. Sie waren nicht länger nur Juden, die die Traditionen der Vorväter pflegten, sondern sie waren auch Anhänger des Messias Gottes, Jesus Christus. Sie verstanden sich als Menschen, die unmittelbar von Gottes Geist befähigt werden, Neues zu sehen, von Gott her zu reden und sich von Gott gebrauchen zu lassen.

In der Apostelgeschichte wird für die Nachfolge Jesu auch der Begriff „Weg“ benutzt (Apostelgeschichte, Kapitel 9, Vers 2; Kapitel 19, Vers 23); Nachfolger Jesu wurden als Anhänger „des Weges“ bezeichnet. Sie hatten, wie Abraham, ihre Zelte abgerissen und sich auf einen neuen Weg eingelassen.

Wie innovativ ist das Christentum heute noch? Sind wir inspirierte und von Gottes Geist bewegte Menschen? Vorwärts-gewandt? Unfertig, noch auf dem Weg und lernbereit? Hat christlicher Glaube noch eine kreative Kraft? Oder pflegen wir nur die alten Traditionen unserer Vorfahren und streiten uns über unsere Unterschiede?

Wenn es irgendwo klemmt, liegt es manchmal an mir, manchmal an den anderen und oft an uns allen. Oft wird es keine Veränderung in meinem Leben geben, wenn ich nicht bereit bin, mich selbst zu ändern. Ich kann andererseits Veränderung aber auch nicht alleine leben. Wir brauchen einander, so wie sich unsere Körperteile gegenseitig brauchen und ergänzen. – Leib Jesu.

Viele neue Kirchen oder christliche Projekte sind nach einer Weile wieder verschwunden oder haben ihre Kraft verloren. Ich vermute, dass dabei zwei Dinge eine entscheidende Rolle gespielt haben:

  1. Wir kommen nicht klar mit unseren Unterschieden.
  2. Wir verlieren die Verbindung zu einander. Ein Teil geht voran, während zu viele zurück bleiben.

Vor einer Weile bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass wahrscheinlich nach der Bibel das wichtigste Buch in meinem Leben sein wird: „Gott 9.0„. (Und ich habe schon viele Bücher gelesen…)  Ich stimme zwar nicht mit allem überein, aber habe durch das Buch entscheidende Klarheit über unsere Unterschiede und mein eigenes geistliches Wachstum bekommen. Nach dem Lesen werden die meisten sicherlich auch die Geschichte und die gegenwärtige Situation der Menschheit in einem anderen Licht sehen.

In christlichen Kirchen und Gruppen geht es noch zu viel um die richtige Theorie und man macht sich zu wenig Gedanken über die Praxis. Wenn es uns gelänge, eine Kultur des Aufeinander-achtens zu etablieren, bei der sich Menschen nicht bedrängt oder in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, dann würden auch nicht so leicht Menschen zurückfallen.

Verbindung hat auch mit Verbindlichkeit zu tun. Verbindliches gemeinsames Leben, Beten, Arbeiten, Anbeten, …  – Ein geduldiges und hartnäckiges Warten auf das Wirken Gottes.

 

… »Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!«

(Altes Testament / Tanach, Bereschit / Genesis / 1. Mose 32,27)

 

 

Glaube an die Bibel ǂ Glaube an Jesus

 

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Christus Pantokrator, Ikone im Katharinenkloster auf dem Sinai (6. Jh), ,by Anonymous ([1]) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Ein Glaube an die Bibel ist nicht dasselbe wie ein Glaube an Jesus, sondern geht über den Glauben an Jesus hinaus. Die allerersten Christen hatten noch keine „christliche“ Bibel, so wie wir sie kennen. Die neutestamentlichen Schriften entstanden erst in den nachfolgenden Jahrzehnten. Die ersten Christen waren Juden, die dieselben heiligen Texte lasen, wie die anderen frommen Juden ihrer Zeit. Die „christliche“ Bibel als Sammlung in einem Buch ist sogar erst Jahrhunderte später entstanden.

Für einen Glauben an Jesus brauchen wir natürlich gute historische Zeugnisse, denn das Leben und Sterben von Jesus waren ja historische Ereignisse. Wir haben da sicherlich auch kaum bessere Quellen als die neutestamentlichen Texte; deshalb sind diese Texte für uns auch unendlich wertvoll. Die neutestamentlichen Texte selbst präsentieren sich allerdings nicht als heilige Texte. Wir haben im Neuen Testament keine Texte, die sich selbst so darstellen wie z.B. die jüdische Tora oder die Schriftpropheten in unserem Alten Testament (abgesehen vielleicht von der Offenbarung des Johannes).

 

Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. Wenn du gehorchst den Geboten des HERRN, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, …
Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Devarim / Deuteronomium / 5. Mose, 30. Kapitel, Verse 15-16)

 

Die ersten Christen gingen mit ihren Texten auch anders um, als es viele Christen heutezutage mit ihren Bibeln tun. Das frühe Christentum war keine Buchreligion, mit der „christlichen“ Bibel als heiliges Buch. Dies macht deutlich, dass sich das Christentum verändert hat. Die Jesus-Anhänger wurden ja auch „Christen“ und nicht „Biblianer“ genannt.

Wir sehen im Neuen Testament selbst wie z.B. Paulus um seine Anerkennung unter den Gläubigen kämpfen musste (er war ja auch nicht einer von den Zwölf Aposteln). Heute würde vielleicht jemand sagen: „Hey Leute, natürlich hat Paulus recht. Seine Briefe stehen doch in der Bibel!“  😉

Den biblischen, insbesondere den neutestamentlichen Texten, wurde eine Bibel-Ideologie übergestülpt, weil man ein einheitliches heiliges Buch haben wollte. Dies war auch eine Macht-Frage. Aus einer spirituellen Jesus-Bewegung wurde eine erstarrte Buchreligion unter der viele fromme Christen noch heute leiden. Verbunden mit einer Menge kirchlicher Strukturen, etablierten religiösen Traditionen und so mancher Schein-Heiligkeit.

 

„Jésus annonçait le royaume, et c’est l’Église qui est venue.“  /

„Jesus kündete das Reich Gottes an und gekommen ist die Kirche.“

(Alfred Loisy)

 

Natürlich beinhaltet ein Bibel-Glaube auch einen gewissen Jesus-Glauben. Entscheidend ist allerdings, ob ich Jesus auch die vollständige Macht über mein Leben gebe, oder ob ich es lieber versuche mit einem heiligen Buch zu regeln. Texte lassen sich leichter kontrollieren als der Geist Gottes …

Der Weg Jesu ist ein spiritueller Weg. Er reicht hinab bis in die Abgründe unserer Seele. Er heilt die Wurzel unseres Lebens. Durch den Entschluss, Kontrolle und Macht aufzugeben, eröffnet sich ein Raum des Vertrauens, in dem Gott uns verändern und gebrauchen kann für die Heilung und Vollendung seiner Schöpfung.

 

Jesus‘ Handgepäck

 

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Aristotle [public domain, CC0], via Wikimedia Commons

 

Anders, als die hippen modernen Städte-Touristen, easyjetete Jesus nicht durch den Vorderen Orient, sondern lief zu Fuß, über die staubigen Straßen und Wege des römischen Palästina. – Wieviel Gepäck kann man da wohl dabei haben?

Jesus war auch nicht als Tourist unterwegs, sondern als Wanderprediger; und von ihm selbst sind die Worte überliefert, in denen er auf den mangelnden Komfort seines Lebens und das seiner Jünger hinweist:

 

… »Meister«, sagte er, »ich will dir folgen, wohin du auch gehst.« Jesus erwiderte: »Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.«

(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 8. Kapitel, Verse 19-20)

 

Archäologen und Jesus-Forscher wären bestimmt ganz aus dem Häuschen, wenn sie noch ein paar Utensilien von Jesus‘ Camping-Ausrüstung ausgraben würden. – Vielleicht sogar seinen Rucksack? – Aber Wanderprediger hinterlassen nun mal nicht gerade viel archäologische Spuren.

Für uns als Christen heute ist die Frage allerdings viel interessanter, was Jesus nicht im Gepäck hatte.

Jesus kam in die Welt wie wir alle: Nackt und bloß, als ein Baby. Babys haben selbstverständlich kein Handgepäck, und Jesus brachte auch nichts mit. Später verließ er dann sein Zuhause, um als Wanderprediger von Ort zu Ort zu ziehen. Es wird nicht erzählt, dass er irgendwas von Zuhause mitnahm. Auch in den Erzählungen über sein Wirken wird nicht berichtet, dass er irgendwelche heiligen Gegenstände oder Ähnliches dabei hatte. Nach einer relativ kurzen Zeit als Wanderprediger (höchstens 3 Jahre) wird er hingerichtet und begraben. Es wird in den biblischen Texten wiederum nicht erzählt, dass er seinen Jüngern irgendetwas vererbte. Und auch in der unmittelbaren Zeit danach wird nicht davon erzählt, dass noch irgendwelche Sachen von Jesus vorhanden gewesen wären.

Das bisher Gesagte wird viele Christen nicht beeindrucken. Es gibt allerdings bei der Angelegenheit ein Detail, dass viele Christen beeindrucken sollte.

Die jüdischen Messias-Erwartung zur Zeit von Jesus gründete sich u.a. auf einen Vers in der Tora:

 

Er wird euch einen Propheten wie mich senden, einen Mann aus eurem Volk. Auf den sollt ihr hören!

(Die Bibel / Tanach, Devarim / Deuteronomium / 5. Mose 18,15)

 

Insbesondere das Matthäus-Evangelium versucht auf z.T. subtile Weise zu zeigen, dass der Mann, Jesus aus Nazareth, dieser erwartete „neue Mose“ ist. Dieser neue Mose hat seinem Volk aber KEINE neue Tora gebracht.

Es gibt zwar die Szene in der Synagoge, in der Jesus aus den heiligen Texten vorliest, aber es gibt meines Wissens keine einzige Szene, in der Jesus zusammen mit seinen Jüngern die heiligen Texte studiert. Auch wird nirgends behauptet, Jesus hätte Texte verfasst, obwohl er sicherlich die Möglichkeit gehabt hätte, da auch wohlhabendere Menschen zu seinen Anhängern zählten.

Auch in den Szenen, wo Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet, gibt er ihnen NICHT den Auftrag, heilige Texte, Glaubensbekenntnisse oder Katechismen zu verfassen, sondern weist auf die Sendung des Heiligen Geistes hin. Und auch in der Zeit nach Pfingsten gibt es KEINEN himmlischen Auftrag, heilige Texte zu verfassen. Es gibt einen Beschluss in Briefform in der Apostelgeschichte, im 15. Kapitel. Aber auch dieser Brief ist weit davon entfernt, ein Gründungsdokument des Christentums zu sein.

Der neue Bund, von dem schon Jeremia redet (Kapitel 31) besteht ja auch nicht mehr in dem Befolgen von fixierten schriftlichen Anweisungen, sondern im Geist Gottes und Jesu.

 

Denkt daran: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, ist in euch und bleibt in euch. Deshalb seid ihr nicht darauf angewiesen, dass euch jemand belehrt. Nein, der Geist Gottes, mit dem ihr ausgerüstet seid, gibt euch über alles Aufschluss, und was er euch lehrt, ist wahr und keine Lüge. Darum bleibt in Christus, wie Gottes Geist es euch gelehrt hat!

(Neues Testament, 1. Brief des Johannes 2,27)

 

Jesus investierte sich nicht in Texte, sondern in Menschen. Seine Jünger hatten IHN selbst, seine Gegenwart, seine Worte und die Kraft, die von ihm ausging. Sie hatten den GESAMTEINDRUCK des Sohnes Gottes, inklusive all der Eindrücke, die man nicht beschreiben oder in Worte fassen kann. Volles Leben. Live und echt. Von Mensch zu Mensch.

Wie eigenartig, dass sich Menschen später doch wieder ein heiliges Buch in Form der Bibel gemacht haben. Die historischen Zeugnisse über Jesus brauchen wir und auch die heiligen Schriften der Juden zu seiner Zeit; aber eine „christliche“ Heilige Schrift oder ein Dogma von der Unfehlbarkeit der Bibel braucht niemand, der im Geist Gottes leben will.

 

In der Kraft des Heiligen Geistes habt ihr begonnen, und jetzt wollt ihr aus eigener Kraft das Ziel erreichen? Seid ihr wirklich so unverständig?

(Paulus‘ Brief an die Galater 3,3)

 

HINWEIS ZUM BILD : Das Bild zeigt als Beispiel einen Papyrus aus dem 1. Jahrhundert. Zu sehen ist die Verfassung von Athen (Papyrus 131 der British Library). Von Jesus selbst sind keine Texte überliefert. Auch von seinen Jüngern gibt es kein vergleichbares Gründungsdokument des Christentums.

 

Ein biblisches Ruhekissen

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Friedrich Wilhelm Schadow [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Es gibt eine Schläfrigkeit, die zum Tod führt, und manch einer, der so vor sich hin döst, hat sich mit Bibelversen gut abgepolstert.

Gesunder Schlaf ist wichtig. Schlafstörungen können eine große Belastung sein und haben die Macht, das Leben auf den Kopf zu stellen. Manche Menschen schlafen nicht gut, weil der fernsehende Nachbar schwerhörig oder die Matratze zu weich ist. Andere schlafen nicht gut, weil ihre Seele aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Auch wenn der Körper erschöpft ist, kann der ganze Mensch sich doch nicht entspannen.

Viele Menschen sehnen sich nach Geborgenheit. Wir brauchen einen Ort, wo wir uns sicher fühlen können. Kein Mensch kann pausenlos kämpfen. Und wenn wir ein Bedürfnis haben, machen wir uns auf die Suche …

 

Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.

(Jesus aus Nazareth in: Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 11. Kapitel, Vers 28)

 

Der Weg Jesu ist nicht der leichte, breite Weg. Das Evangelium ist kein attraktives Angebot für Schnäppchenjäger. Es kostet das ganze Leben und ist gleichzeitig gratis. Geschenkt. Gefragt ist nicht, was wir haben, sondern wer wir sind. Die Ruhe, die Jesus verspricht, erwächst aus Vertrauen. Vertrauen zu Gott. Gott schenkt Frieden, der über unser Verstehen hinausgeht.

Aber um unsere Angst im Zaum zu halten, suchen wir Sicherheit, und um Bedrohungen abzuwenden, wollen wir kontrollieren. Glaube ist Antwort auf die Stimme Gottes. Völlige Hingabe an ein himmlisches Du, das wir nicht sehen können, über das wir nicht verfügen können, das wir nicht beweisen, nicht kontrollieren und nicht vorzeigen können. Die einzige Sicherheit, die wir im Glauben haben, ist die Sicherheit, die aus diesem Vertrauen erwächst. Dies ist dann allerdings eine Sicherheit mit ewigen Dimensionen.

Für viele Menschen ist der Verlust der eigenen Kontrolle eine Horrorvorstellung. Wir alle haben nicht nur gute Erfahrungen im Umgang mit Menschen gehabt; und die Vorstellung von Gott sprengt sowieso all unsere Vorstellungskraft. Unbekanntes kann Angst machen.

 

Als das ganze Volk erlebte, wie es blitzte und donnerte, Posaunenschall ertönte und der Berg rauchte, bekam es große Angst und blieb zitternd in weiter Ferne stehen. Die Leute sagten zu Mose: »Wir haben Angst, wenn Gott so mit uns redet. Wir werden noch alle umkommen! Sprich du an seiner Stelle zu uns, wir wollen auf dich hören.« Da sagte Mose zum Volk: »Ihr müsst keine Angst haben. Gott ist nur gekommen, um euch auf die Probe zu stellen …

(Altes Testament, Tora, 2. Mose / Exodus / Schemot 20,18-20)

 

Nur Vertrauen kann Angst überwinden. Ver-trauen hat auch etwas mit trauen zu tun. Sich trauen ein Wagnis einzugehen und Schritte ins Ungewisse zu gehen – in ein neues Land des Vertrauens, das Gott uns zeigt. Wie Abraham, Vater des Glaubens für Juden und Christen.

Weil wir Gott nicht vertrauen wollen, suchen wir uns Sicherheiten, über die wir mehr Kontrolle haben: Glücksbringer; Rituale, die wir nach Bedarf anwenden können; Glück, das man sich kaufen kann; Argumente, die wir verstehen; Bibelverse, die man auswendig lernen kann und ein Denkgebäude, das uns Halt gibt; ein christliches Glaubenssystem, das uns einleuchtet, und das man auch anderen erklären kann; Dogmen, die uns sagen können, das alles in Ordnung ist.

Wir erzählen einander nicht mehr die biblischen Geschichten oder von den Erfahrungen des Glaubens aus unserem eigenen Leben, sondern lernen den „richtigen“ Glauben aus Katechismen und vom Predigerpult. Wir haben uns in den vergangenen 2000 Jahren ein Denkgebäude aus Bibelversen gebaut, in dem wir meinen sicher zu sein. Mit dem Dogma von der Unfehlbarkeit der Bibel haben wir uns ein Machtinstrument geschaffen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen und unsere Interessen zu verteidigen. Eine selbst-gemachte Religion, und die Bibel als Götze.

 

So riss sich denn das ganze Volk die goldenen Ringe ab, die an ihren Ohren hingen, und sie brachten sie zu Aaron … und machte ein gegossenes Kalb … Und sie sagten: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat. Als Aaron das sah, baute er einen Altar vor ihm, und Aaron rief aus und sagte: Ein Fest für JAHWE ist morgen!

(2. Mose / Exodus / Schemot 32,3-5)

 

Vielleicht entsteht bei manch einem, der meine Texte liest, der Eindruck, ich wollte Gläubige verunsichern. Das stimmt nicht ganz. Ich möchte eine falsche Sicherheit erschüttern, um wahre Sicherheit zu finden – Sicherheit des Glaubens, Geborgenheit und Orientierung durch Jesus. Eine selbst-gemachte Sicherheit ist ein marodes Fundament. Jesus sagt lapidar: „Meine Schafe hören meine Stimme.“ (Johannes 10,27)

 

Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist. Wer sich meine Worte nur anhört, aber nicht danach lebt, der ist so unvernünftig wie einer, der sein Haus auf Sand baut. Denn wenn ein Wolkenbruch kommt, die Flut das Land überschwemmt und der Sturm um das Haus tobt, wird es aus allen Fugen geraten und krachend einstürzen.

(Matthäus-Evangelium 7,24-27)

 

Das feste Fundament von dem Jesus in der Bergpredigt spricht, ist weder die Bibel noch ein in sich geschlossenes christliches Glaubenssystem aus Bibelversen. Es ist das Hören UND TUN der Worte Jesu. Ein Leben aus dem Vertrauen zu Gott.

 

Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen … Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen! So erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne für Böse wie für Gute scheinen, und er lässt es regnen für Fromme und Gottlose … Wenn du beten willst, geh in dein Zimmer, schließ die Tür, und dann bete zu deinem Vater, der auch im Verborgenen gegenwärtig ist; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dich belohnen … euer Vater weiß genau, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn um etwas bittet … sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz … Zerbrecht euch also nicht mehr den Kopf mit Fragen wie: ‚Werden wir genug zu essen haben? Und was werden wir trinken? Was sollen wir anziehen?‘ Mit solchen Dingen beschäftigen sich nur Menschen, die Gott nicht kennen. Euer Vater im Himmel weiß doch genau, dass ihr dies alles braucht. Sorgt euch vor allem um Gottes neue Welt, und lebt nach Gottes Willen! Dann wird er euch mit allem anderen versorgen. Deshalb sorgt euch nicht um morgen … Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet … Wenn schon ihr hartherzigen Menschen euren Kindern Gutes gebt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes schenken, die ihn darum bitten …

(Bergpredigt, Matthäus 5-7)

 

Manche arbeiten an einem Bibelverständnis und einem theologischen System, welches dann den Gläubigen Sicherheit für ihren Glauben und ihr Leben liefern soll, und Antworten auf alle Fragen. – Was für eine Sicherheit wird das dann sein?

Fundamentalismus ist ein Konzept, das nicht zum Leben passt. Es tut uns selbst nicht gut, und auch nicht anderen. Ich bin selbst in einer fundamentalistischen Gemeinde aufgewachsen und habe mich jahrelang mit dieser Tradition herumgeschlagen und lange gebraucht, um zu verstehen, dass man mit den biblischen Texten auch anders umgehen kann.

Ich verstehe, dass Menschen ein unterschiedliches Bedürfnis nach Sicherheit haben. Dies ist auch abhängig von unseren Lebensumständen und von der Erfahrung im Glauben. Ich möchte nicht, jemandes Glauben an Jesus beschädigen, sondern zu einem besseren Verstehen beitragen. Paulus sagt im Galaterbrief, dass die Tora den Gläubigen als etwas Vorübergehendes gegeben wurde, solange sie noch nicht mündig waren, wie Kinder. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, wo wir durch den Geist Gottes im Glauben mündig und erwachsen werden können und sollen.

Man kann sich aus Bibelversen eine Hängematte stricken, in der sich gut ein Nickerchen machen lässt – und man verpennt das Leben. Man kann sich aber auch immer wieder von diesen alten Texten inspirieren und herausfordern lassen und von Jesus lernen, Gott zu vertrauen.

 

Jeder weiß, dass ihr selbst ein Brief Christi seid, den wir in seinem Auftrag geschrieben haben; nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes; nicht auf steinerne Gesetzestafeln wie bei Mose, sondern in menschliche Herzen. Das wagen wir nur deshalb zu sagen, weil wir Gott vertrauen … Wir verkünden nicht länger die Herrschaft des geschriebenen Gesetzes, sondern das neue Leben durch Gottes Geist. Denn der Buchstabe tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.

(Paulus im 2. Korintherbrief 3,3-6)

 

Aber viele Christen schlafen weiter in ihrem aus Bibelversen gezimmerten Denkgebäude – bis der Sturm kommt …

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel mit Kommentaren findet ihr hier: https://schmillblog.wordpress.com/2016/11/23/mit-der-bibel-schlafen.]

 

Allergisch auf Frommes

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Allergietest auf der Haut, by Wolfgang Ihloff (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons

Es ist mal wieder so weit. Die meiste Zeit des Jahres kann ich mit meiner Pollenallergie ganz gut leben; aber im Moment ist sie wirklich lästig. – Haaatschi!!! – Probleme lassen sich halt nur bis zu einem gewissen Grad ausblenden. Schon blöd, dass mein Körper sich von etwas bedroht fühlt, was eigentlich gar nicht gefährlich ist.

Manche Menschen reagieren allergisch auf Christliches oder Religiöses. Ein Gefühl der Abneigung und des Unbehagens, das sie vielleicht nicht einmal selbst ganz verstehen. Es gibt sogar welche, die sich aufregen und aggressiv werden …

Ich bin in einer frommen Familie und einer kleinen christlichen Freikirche aufgewachsen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich als Heranwachsender manchmal dachte: „Ich mag das ganze Fromme eigentlich nicht so wirklich …“ – Worauf sich dann natürlich ein entsprechendes schlechtes Gewissen einstellte. Frommes muss man doch mögen, oder?

Gefühle hat man einfach. Auch wenn sie stören, kann man sie nicht sofort abschalten. Sinnvoller als abschalten wäre sowieso sich zu fragen, wo die Gefühle herkommen und welche Bedeutung sie haben.

Wenn Menschen allergisch auf „Frommes“ reagieren, müssen sie irgendwann & irgendwie einmal Frommes als etwas Negatives kennengelernt haben. Dies kann einfach ein Vorurteil oder eine Geschmacksfrage sein. Es ist allerdings leider auch gut möglich, dass sich etwas Schlechtes als fromm präsentiert hat, obwohl es echter Frömmigkeit gar nicht entsprach. Wer echten, gesunden christlichen Glauben nicht kennt, hat kaum eine Chance eine „Fälschung“ zu erkennen.

Schon der Begriff „fromm“ selbst ist problematisch. Auch manche Christen empfinden ihn als negativ, weil man leicht eine oberflächliche Form von Religiosität damit verbindet. Ich selbst mag das alte Wort „fromm“, weil ich dabei an Charakter und Lebensstil denke. Eine mögliche Alternative „gläubig“, oder vielleicht sogar „christlich gläubig“, wird leider zu oft sehr theoretisch verstanden. Beim christlichen Glauben geht es aber unbedingt darum, wie man (auch im Alltag) lebt und was für ein Mensch man wirklich ist.

Ich habe lange gebraucht, unterscheiden zu lernen, zwischen dem, was als „christlich“ präsentiert wird, und dem, was wirklich der Überlieferung des Mannes aus Nazareth entspricht; und ich bin damit auch noch lange nicht fertig.

Unser „christliches“ Abendland wurde so nachhaltig durch „christliches“ Gedankengut und kirchliche Praxis geprägt, dass man genau hinschauen muss, um erkennen zu können, wieviel davon wirklich auf den jüdischen Messias Jesus zurückgeht und was nur als „christlich“ etikettiert wurde. Was wir brauchen, ist nichts Geringeres als eine neue Reformation. Aber diesmal richtig.

Ich hasse und verachte eure religiösen Feste und kann eure feierlichen Zusammenkünfte nicht riechen. Ich will eure Brand- und Speiseopfer nicht haben; die Friedensopfer eurer Mastkälber will ich nicht sehen! Hört auf mit dem Lärm eures Lobpreises! Eure Anbetungsmusik werde ich mir nicht anhören. Stattdessen will ich Recht fließen sehen wie Wasser und Gerechtigkeit wie einen Fluss, der niemals austrocknet.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, das Buch des Propheten Amos, 5. Kapitel, Verse 21-24)

Religionskritik an der eigenen Religion ist ein Wesensmerkmal der jüdisch-christlichen Überlieferung. Und es ist oft gerade diese selbstkritische Distanz zur eigenen Überzeugung und Praxis, die bei denen fehlt, die den christlichen Glauben für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.

Es gibt zu viel Falsches und Missverständliches, was mit dem Brustton der eigenen Überzeugung als die absolute „christliche Wahrheit“ präsentiert wird. Zu viel „christlichen“ Murx, der in einer Aura von Heiligkeit und mit dem Anspruch auf Vollkommenheit einherschreitet. Der eigene Glaube wird mit „doch so einleuchtenden und logischen“ Argumenten verteidigt, welche nur die überzeugen können, die sich sowieso überzeugen lassen wollen, und welche statt brillianter Intelligenz eher ein zu niedriges intellektuelles Niveau offenbaren.

So manche „christliche“ Institution ist eine geistliche und geistige Ruine. Kritische Fragen sind nicht erwünscht. Alle sind schon gleichgeschaltet und auf Linie gebracht. Statt Echtheit und Natürlichkeit trifft man auf Heuchelei und Verstellung. Es ist eng, muffig und stickig, bedrückend und beklemmend. Kein Ort, wo kranke Seelen aufatmen können.

Das alte Deutsch einer Lutherübersetzung oder von schönen alten Kirchenliedern ist nicht christlich, sondern einfach alt. Viele Kirchen mögen Christen über lange Zeit ein wertvoller Versammlungsort gewesen sein – aber verstaubt sind sie trotzdem. Talare, Weihrauch, Altäre, Kirchenglocken, etc. stammen aus einer vergangenen Zeit. Ob sie in der Zukunft geeignet sein werden, etwas von Jesus deutlich werden zu lassen, ist die Frage. (Man kann sich auch fragen, ob sie das überhaupt jemals wirklich getan haben.)

Blödheit wird nicht dadurch besser, dass man es für Gott oder Jesus tut. Auch wirkt so manches Gut-gemeinte verkrampft und angestrengt, ängstlich und besorgt, und aus manchem Frommen leuchtet nur ein schwacher Schein des Wesen Jesu hervor. Und Gott weiß, wie oft das bei mir selbst der Fall war und ist. – Herr, erbarme dich!

„Bessere Lieder müßten sie mir singen, daß ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müßten mir seine Jünger aussehen!“

(aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“)

Das Leben wäre oft einfacher, wenn wir in einer Schwarz-Weiß-Welt leben würden: Gut oder schlecht? Richtig oder falsch? Ja oder Nein? – Aber unsere Welt ist bunt mit unendlich vielen Schattierungen. Oft müssen wir sagen: Sowohl, als auch. Nicht ganz falsch, und nicht ganz richtig. Etwas hat Vor- und Nachteile.

Auch das real-existierende Christentum ist seinem Selbstverständnis nach eigentlich mangelhaft und relativ. Nur Gott ist absolut und allmächtig. Wir hingegen sind begrenzt, und unser Tun und Verstehen bleibt immer bruchstückhaft und unvollkommen. Nichts Konkretes in dieser Welt ist so heilig, dass es nicht auch Schattenseiten hätte. Gerade unser Mangel begründet unser Bedürfnis nach Gott, den wir selbstverständlich auch weiterhin brauchen, nachdem wir Christ geworden sind.

Von Christus heißt es, dass er sich erniedrigte und Mensch wurde, und dass er sich nicht geschämt hat, uns Schwester und Brüder zu nennen (Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Philipper 2,5-8; Hebräerbrief 2,11). Sollten nicht gerade Christen, die als begnadigte Sünder leben, kein Problem damit haben, Mängel und Fehler zuzugeben und anderen Sündern einladend zu begegnen? Anstelle als Glaubenshelden und Superheilige umherzuwandeln, dürfen wir andere unsere Schwächen und Fehler sehen lassen. Schwachheit ist eine Strategie des Wirken Gottes in dieser Welt. Jesus bejahte menschliche Schwachheit, um für uns zu leben und zu sterben.

Ist Bescheidenheit nicht auch eine christliche Tugend? Wäre es nicht dem Weg Jesu angemessener, die Kompliziertheit vieler Entscheidungen anzuerkennen und auf die eigene Begrenztheit hinzuweisen, als mit irgendwelchen Auslegungstricks Antworten auch auf die schwierigsten Fragen herbeizuzaubern? An der Seite von Menschen mit zu leiden und ungelöste Probleme auszuhalten, anstatt durch „theologische“ Schnellschüsse die Intaktheit des eigenen, mangelhaften Weltbildes zu beschützen?

Wenn Menschen auf „Frommes“ allergisch reagieren, so ist dies leider allzu oft eine richtige und gesunde Reaktion, weil das, was sich fromm gibt, nicht wirklich der Frömmigkeit von Jesus entspricht.

Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand. Die Liebe vergeht niemals …

… was wir erkennen, ist immer nur ein Teil des Ganzen …

(Die Bibel, Neues Testament, der erste Brief des Apostel Paulus
an die Gemeinde in Korinth, 13,4-9)

… Richtet eure Gedanken ganz auf die Dinge, die wahr und achtenswert, gerecht, rein und unanstößig sind und allgemeine Zustimmung verdienen; beschäftigt euch mit dem, was vorbildlich ist und zu Recht gelobt wird.

(Paulus‘ Brief an die Philipper, 4,8)

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel mit Kommentar findet ihr hier.]

HIMMELFAHRT

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„Jesus‘ Ascension to Heaven“ von John Singleton Copley [Public domain], via Wikimedia Commons

Vier unserer Feiertage erinnern an wichtige Ereignisse in den Erzählungen über den Mann aus Nazareth: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt. – Es ist zwar noch nicht ganz so weit, aber ihr könnt diesen Post ja in 9 Wochen noch mal lesen.  😉

Ich habe, wenn ich an Himmelfahrt denke, immer die Szene auf dem Ölberg im Kopf, wo Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet und dann auf einer Wolke gen Himmel entschwindet und zwei Engel dabei sind. Diese Vorstellung stammt von der Beschreibung im ersten Kapitel der Apostelgeschichte. Am Ende des Johannes-Evangeliums kommt diese Szene überhaupt nicht vor. In der ursprünglichen Fassung von Markus kommt dies Szene wahrscheinlich auch nicht vor. Einige Handschriften haben allerdings ein paar Verse am Ende von Markus, wo Jesus den Jüngern bei einer Mahlzeit erscheint, zu ihnen spricht und dann „in den Himmel aufgenommen wird“. Auch keine Szene mit Berg und Wolke und Engeln.

Am Ende von Matthäus erscheint Jesus den Jüngern erstaunlicherweise auf einen Berg in Galiläa und es wird gar nichts von einer Himmelfahrt erzählt. Nur am Ende vom Lukas-Evangelium finden wir auch eine Himmelfahrt in der Nähe von Jerusalem und Bethanien (Ölberg), was als Buch natürlich eine große Nähe zur Apostelgeschichte hat. Die Apostelgeschichte knüpft genau an der Stelle wieder an.

Ich war überrascht, dass sich die Szene, so wie ich sie im Kopf hatte, nur in der Apostelgeschichte findet. Was wollen all diese Erzählungen zum Ausdruck bringen? Und in welcher Form finden wir das in den restlichen neutestamentlichen Schriften? Und knüpft all das an Motive an, die den Menschen zur Zeit Jesu schon vertraut waren?

[Eine neuere erweiterte Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]