Lernen, schwach zu sein

 

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Cethosia cyane, by AirBete via Wikipedia, (CC BY-SA 3.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

schwach

Warum sollte man das lernen wollen? Schwach sein, ist ja nicht gerade erstrebenswert, oder?

 

… Was nach dem Urteil der Welt ungebildet ist, das hat Gott erwählt, um die Klugheit der Klugen zunichte zu machen, und was nach dem Urteil der Welt schwach ist, das hat Gott erwählt, um die Stärke der Starken zunichte zu machen.

 

(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 1. Kapitel, Vers 27)

 

stark

Demonstration von Stärke ist eine Lebens- und Überlebensstrategie: Imponiergehabe, Muskeln, Beeindrucken, Macht, Abschreckung, Waffen, Einschüchtern, Gewaltandrohung …

 

Der Weg Jesu

Der Weg Jesu erscheint als ein Entgegengesetzter: Das Leben von Schwachheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.

 

 Von sich aus kann der Sohn gar nichts tun, sondern er tut nur das, was er den Vater tun sieht. Was immer aber der Vater tut, das tut auch der Sohn!

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(Neues Testament, Johannes-Evangelium 5,19)

 

zerbrechlich

Schwachheit ist eine grundlegende Lebenserfahrung aller Menschen – vielleicht die grundlegendste überhaupt. Bevor wir die Welt uns er-denken, werden wir im Bauch unser Mutter herumgetragen. Passivität. Geboren-werden. Wir erleiden all die Dinge, die uns als Werdende entgegenkommen.

Auch in der vollen Blüte des Lebens, des Er-wachsen-seins und der Fruchtbarkeit, ist Leben ständig bedroht. Leben existiert nur im Schatten des Todes. Von einer Sekunde zur nächsten kann das Leben zu Ende sein oder eine Katastrophe über uns hereinbrechen, dass nichts mehr so ist, wie wir es kennen.

 

vergänglich

Der Vergänglichkeit unterworfen. Wenn es uns geschenkt ist, alt zu werden, spüren wir, wie die Kräfte nachlassen und wir zerbrechlicher werden. – Es ist nicht erstrebenswert, schwach zu sein; aber die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens zu erkennen und anzuerkennen, ist eine Frage der Wahrheit.

 

Was ist denn der Mensch, Herr, dass du ihn beachtest? Was bedeutet er dir, der vergängliche Mensch, dass du dich mit ihm abgibst? Wie ein Hauch ist der Mensch und sein Leben gleicht dem schwindenden Schatten.

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(Altes Testament / Tanach, Psalm 144, Verse 3-4)

 

Das Wahrnehmen, Bejahen, Annehmen dieser Tatsache erscheint mir als grundlegend für den Weg Jesu.

 

Dem Leben vertrauen

Leben ist ein Geschenk. Jeder Atemzug. Nichts ist selbstverständlich oder verdient, könnte eingefordert werden. Unser Leben kann nur bestehen als Teil von etwas Größerem, das wir nicht in der Hand haben oder kontrollieren können.

Wir brauchen Vertrauen und Mut, um schwach sein zu können. Verabschiedung von Selbsttäuschung. Nachhaltigkeit, anstelle von kurzsichtigen Zielen.

 

… Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Ordnet euch also Gott unter …

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(Neues Testament, Jakobusbrief 4,6-7)

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Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.

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(Psalm 139,5)

 

weich, flexibel und formbar

Starrheit zerbricht, Flexibeles gibt nach. Beim harten Aufschlag geht etwas kaputt – Weichheit kann Energie aufnehmen und einen Schlag abfedern. Elastisch.

 

Der Klügere gibt nach!

 

Ich kann ein Teil des Problems sein, oder ein Teil der Lösung.

Die Bibel benutzt manchmal das Bild des Töpferns. Wir sind der weiche, formbare Ton, und Gott ist der Töpfer, der aus uns etwas machen will, das ihm gefällt.

Vielleicht ist das auch der beste Zugang zu der Bibelstelle, zu der schon so viel gesagt worden ist:

 

… Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.

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(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 18,3)

 

wahrhaftig

Wenn wir die Perfektion, Heiligkeit, Vollkommenheit, zu der wir aufgefordert werden, versuchen darzustellen, sind wir zum Burnout verdammt. Allein das AUSSTRECKEN nach Vollkommenheit ist leb-bar. Ein Leben aus Gnade und Vergebung, des Immer-neu-anfangen-dürfens. Authentisch.

 

Wenn wir behaupten, ohne Schuld zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit.

(1. Brief des Johannes 1,8)

 

Unser Wille und Denken stören, solange wir nicht mit der Wirklichkeit und dem Wirken Gottes übereinstimmen.

 

Im Fluss

Ob wir Öl oder Sand im Getriebe der Herrschaft Gottes sind, entscheidet sich daran, wie sehr wir mit seinem Wesen im Einklang sind. Wir können entweder ein festverwurzelter Stein im Fluss sein, an dem sich das Wasser bricht, oder wir können uns ausrichten an der Strömung des Wirkens Gottes und uns mitnehmen lassen, dahin, wohin Gott uns trägt.

 

… die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes.

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(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom, 8,14)

 

sterben und auferstehen

Manche Menschen, die schon dem Tode nahe, vielleicht todkrank, waren, haben dadurch zu einem intensiven Leben gefunden. Als Christen leben wir unser Leben im Schatten des Kreuzes Jesu, an dem Gott schwach wurde und an dem wir selbst gestorben sind, um zu einem besseren Leben aufzuerstehen.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Papa!

 

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„Got you, daddy!“ von Clarence Goss from USA (Flickr:Got You Daddy) [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

„Papa!“

Damit ist eigentlich schon alles gesagt.

(Meinetwegen darf es auch „Mama!“ sein.)

 

Vertrauen

Gott  so  anreden zu können, mit dem hemmungslosen Vertrauen eines Kindes, das ist Himmelreich. Alle Glaubensverkündigung, alles Evangelisieren und alle Theologie ist eigentlich nur eine Erklärung, wie man dahin kommt und dabei bleibt.

 

Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.

(Bibel, Neues Testament, Markus-Evangelium, 10. Kapitel, Vers 15)

 

„Abba“ und Joachim Jeremias

Vor ca. 50 Jahren erschien ein Buch des bekannten Theologen Joachim Jeremias: „Abba“ (Studien zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte) Offensichtlich war ihm das Wort „Abba“ und was damit zusammenhängt ein ganzes Buch wert.

Das Aramäische Wort „Abba“ (Vater/Papa) kommt dreimal im Neuen Testament vor. Davon finden sich zwei Stellen ausgerechnet bei Paulus.

 

Weil ihr nun seine Kinder seid, schenkte euch Gott seinen Geist, denselben Geist, den auch der Sohn hat. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: »Abba, lieber Vater!«

(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Christen in Galatien, 4. Kapitel, Vers 6)

 

Paulus

Sprach Paulus überhaupt Aramäisch? – Es war wahrscheinlich nicht seine Muttersprache. War er nicht von Tarsus? Aus der Diaspora? Warum finden wir das Wort nicht z.B. in den Petrusbriefen? (Petrus, Simon, stammte ja, im Gegensatz zu Paulus, aus Galiläa – wie Jesus.)

Gerade Paulus war es offensichtlich wichtig, dieses Fremdwort aus dem Aramäischen zu benutzen, um auf das Leben hinzuweisen, dass durch Jesus möglich geworden ist. Manchmal sind es Kleinigkeiten, wie dieses kleine Wort, das nur dreimal vorkommt, die in ihrer Auffälligkeit Indizien sind für etwas Wesentliches.

 

Dann – vierzehn Jahre später – ging ich wieder nach Jerusalem hinauf … Der Grund für meine Reise war, dass Gott mir in einer Offenbarung eine entsprechende Weisung gegeben hatte. Ich legte der Gemeinde von Jerusalem das Evangelium vor, das ich unter den nichtjüdischen Völkern verkünde … Denn ich wollte sicherstellen, dass die Arbeit, die ich getan hatte und noch tun würde, nicht vergeblich war.
(Paulus‘ Brief an die Christen in Galatien, 2,1-2)

 

Verbundenheit

Paulus war die meiste Zeit in der Diaspora unterwegs, um Menschen für die Sache Jesu zu gewinnen. Dabei war ein ständiges, riesiges, alltägliches Problem, wie Christen jüdischer Abstammung und nicht-jüdische Christen zusammenleben können. Die kulturellen Unterschiede waren groß (wie wir aus den neutestamentlichen Schriften leicht erkennen können).

Das aramäische Wort „Abba“ war durch die sprachliche Fremdheit und die Vertrautheit zu Gott, auf die es verweist, eine spielerische Art und Weise die Verbundenheit der gemischten christlichen Gemeinden in der Diaspora zu den Aramäisch sprechenden Christen im jüdischen Mutterland zum Ausdruck zu bringen. Auch die Spenden, die er für Christen in Palästina sammelte, zeigen, wie wichtig ihm diese Verbundenheit war.

 

Briefe an Rom und Galatien

Bei Paulus finden wir das Wort interessanterweise im Römer- und im Galaterbrief. – Haben die beiden irgendetwas gemeinsam? – Seit wann liegt Rom in Galatien?  😉

Römerbrief = „dogmatischster“ Brief an Christen, die er nicht kennt

Galaterbrief = krassester Brief an Christen, die er kennt

In beiden Briefen beschäftigt sich Paulus mit dem Unterschied zwischen dem, was Gott durch die Tora gewirkt hat, und der Erlösung, die durch Jesus möglich geworden ist; im Römerbrief ruhig, im Galaterbrief leidenschaftlich (fast verzweifelnd).

 

»Abba, Vater«, sagte er, »alles ist dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.«

(Markus-Evangelium 14,36)

 

Stünde das Vaterunser bei Markus, hieße es dann Abbaunser?

Wir finden das Vaterunser bei Matthäus und Lukas – aber nicht bei Markus. – Markus ist ja auch das kürzeste Evangelium. Vielleicht hatte er nicht genug Platz.  😉

Wir finden bei Markus allerdings die dritte Stelle, wo das Wort „Abba“ vorkommt. Und erstaunlicherweise benutzt gerade Matthäus in der Parallelstelle dazu das Wort nicht, sondern erzählt die Szene einfach mit dem Wort „Vater“. – Warum kommt „Abba“ nicht auch bei den anderen beiden Synoptikern vor? Oder bei Johannes? (Bin neugierig auf eure Ideen.)

Ich hatte eine Weile die Idee im Kopf, das Wort „Abba“ hätte etwas mit dem Vaterunser zu tun. Wer weiß …, wenn das Vaterunser bei Markus stünde, vielleicht hieße es dann ja „Abbaunser“.

 

„Vatersprache“?

Interessanterweise wird dieses Wort im Deutschen kaum benutzt. Wir sprechen meistens von der „Muttersprache“, wenn wir die erste, vertrauteste Sprache meinen, die ein Mensch als kleines Kind gelernt hat. (Auch dann, wenn beide Elternteile dieselbe „Muttersprache“ besitzen.) – Wie männlich ist, im Gegensatz dazu, noch unsere „christliche Sprache“, wenn wir von Gott reden?

 

„Papa“ oder „Mama“?

In einer patriarchalischen Gesellschaft ist es logischerweise problematisch Gott mit „Mama!“ anzureden – Frauen spielen ja nur die zweite Geige. Gott aber nicht.

In einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind, macht es eine Menge Sinn, Gott mit „Mama!“ anzusprechen, denn es sind die Mütter, die unmittelbarer als die Väter das neue Leben nähren und in die Welt bringen.

Ich las einmal von einem Mann, der versuchte, männlichen, jugendlichen Strafgefangenen Jesus zu erklären. „Gott liebt dich wie ein Vater“ machte für viele keinen Sinn, da ihr Vater immer abwesend gewesen war. „Gott liebt dich wie eine Mutter“ machte für sie eine Menge Sinn, denn es waren bei vielen die Mütter, die sich abrackerten, um ihren Söhnen einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

 

Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr immer noch Angst haben müsstet – sondern einen kindlichen Geist, so dass ihr „Mama“ sagen könnt.

( inspiriert von Römerbrief 8,15  😉 )

 

Integrale Theologie

 

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Auf der Welt vorherrschende Religionen, nach Staaten – Quelle: Wikipedia; von Neitram [public domain]

 

„Integrale Theologie“ (oder „integral theology“). – Macht der Ausdruck Sinn? Braucht man, wenn man von der Integralen Theorie ausgeht, überhaupt noch Theologie?

Falls ja, wie müsste eine Integrale Theologie dann aussehen?

 

Theologie

Was war das noch mal, „Theologie“?

 

Theologie (griechisch θεολογία theología, von θεός theós ‚Gott‘ und λόγος lógos ‚Wort, Rede, Lehre‘) bedeutet „die Lehre von Gott“ oder Göttern im Allgemeinen und die Lehren vom Inhalt eines spezifischen religiösen Glaubens und seinen Glaubensdokumenten im Besonderen.

(Wikipedia)

 

Theologie an wissenschaftlichen Einrichtungen ist oft konfessionelle Theologie (Ev. Theologie, Kath. Theologie, …) und beschäftigt sich viel mit alten Dingen: Alte Sprachen, antike heilige Texte, Alte Geschichte, Kirchengeschichte, …

Was aber ist mit der religiösen Alltagswirklichkeit und der Zukunft? Müsste die praktische Theologie und die Eschatologie nicht mehr Gewicht in der theologischen Ausbildung haben? Wie sieht es aus mit dem praktischen Lebensbezug von Theologie und mit visionären Ansätzen für Kirche und Welt?

Es gibt einen z.T. riesigen Unterschied zwischen der „offiziellen“ Religion (Positionen, die von etablierten religiösen Institutionen wie den großen Kirchen vertreten werden) und der alltäglich erfahrenen und gelebten Religion ihrer Anhänger. Dazu kommt in einer globalisierten Welt die Herausforderung, jeden Tag gemeinsam mit Menschen unterschiedlicher religiösen Überzeugungen zu leben, zu arbeiten, Politik zu betreiben …

 

Qualitätskontrolle

Religiöse Einrichtungen scheinen sich manchmal als „von Gott gegeben“ zu verstehen und zeigen wenig Interesse an der Überprüfung der Qualität ihrer Arbeit. Dabei ist doch ganz entscheidend, was am Ende dabei herauskommt.

 

 Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte hervorbringen und ein schlechter Baum keine guten.
Jeder Baum, der keine guten Früchte hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.
An ihren Früchten also werdet ihr sie erkennen.
(Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 7. Kapitel, Verse 17-20)

 

Bei manchen Anhängern der Integralen Theorie ist der Integrale Weg die Antwort auf ein besonders tiefes Erlebnis, eine außergewöhnliche Belastung oder eine persönliche Krise. In guter biblischer Tradition wird hier die Hilfe Gottes als Rettung aus Not erfahren. Die Kraft Gottes zeigt sich ja gerade in ihrer Wirkung – und nicht in Dogmen oder Glaubenssätzen.

 

Die Frucht hingegen, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung. Gegen solches Verhalten hat kein Gesetz etwas einzuwenden.
(Paulus‘ Brief an die Christen in Galatien 5,22-23)

 

Integrale Theorie

Das „Integrale“ an der Integrale Theorie ist u.a., dass ältere Weltdeutungen nicht bekämpft, sondern integriert werden. So bleiben die unterschiedlichen religiösen und Weisheits-Traditionen nicht sich gegenseitig ausschließende Standpunkte, sondern werden zu sich ergänzenden Zugängen zur Wirklichkeit. Mit Tradition wird nicht gebrochen, sondern es wird an sie angeknüpft und sie wird in ein tieferes und weiteres Verstehen des Lebens geführt.

 

Es gibt sie schon.

Integrale Theologie ist eigentlich schon längst keine Theorie mehr. Sie wird schon betrieben. (Auch wenn sie an Universitäten bis jetzt kaum zu finden ist. – Warum wohl?)

Paul R. Smith, z.B., war jahrelanger Pastor einer Southern Baptist Gemeinde (evangelikal-konservativ). Unter seiner Pastorenschaft entwickelte sich die Gemeinde zu einer integralen Gemeinde. Er hat mittlerweile auch zwei Bücher vorgelegt, in denen er die Integrale Theorie auf die christliche Tradition und die biblischen Texte anwendet.

 

verwurzelt

Der Blick zurück ist wichtig. Man sollte nur nicht in der Vergangenheit hängen bleiben und das Leben verpassen. Der Blick zurück ist wichtig, um mit den eigenen Wurzeln verbunden zu bleiben und die Kontinuität von Tradition in einer Kultur zu gewährleisten.

Auch die Liebe zu meinen Mitmenschen gebietet, Veränderungen so zu vollziehen, dass Menschen, die nicht so schnell mitkommen, sich nicht als Heimatlose und Entwurzelte in einer „schönen neuen Welt“ wiederfinden und irgendwie auf der Strecke bleiben.

Wir brauchen Integrale Theologen, die nicht nur den Wert Integraler Theologie erkennen, sondern auch den Wert der Theologie und der religiösen Traditionen, die Menschen bis heute Halt gegeben haben.

 

Schalom – Frieden – Ganzheit

Big History. Es geht um das ganz Große: Die Vollendung der Schöpfung und des Wirkens Gottes.  Integrale Theologie, als religions-philosophischer und post-konfessioneller Ansatz, könnte ein Weg sein, um alle bisherigen Traditionen und Theologien umfassender und tiefer zu verstehen und einen Weg in die Zukunft der Menschheit zu weisen.

Vielleicht könnte eine Integrale Theologie einen Beitrag leisten, um Kulturen miteinander zu versöhnen und Frieden zu schaffen.

 

 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

(Bergpredigt, Matthäus-Evangelium 5,9)

 

Ruuuhe !!!

 

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Quelle: publicdomainpictures.net

 

Sabbat. – Wikipedia: „von hebräisch schabat: ‚aufhören‘, ‚ruhen‘“

 

DAS DRITTE GEBOT
Du sollst den Feiertag heiligen.
Was ist das?
Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern es heilig halten, gerne hören und lernen.

(aus Martin Luthers „Kleinen Katechismus“)

 

Es geht mir hier nicht um eine Diskussion „Sonntag gegen Sabbat“, sondern um die grundsätzlichere Frage:  Was machen wir am 7. Tag der Woche? – oder: Was machen wir am Ruhetag?

 

Den Feiertag heiligen

Das bedeutet NICHT: 6 Tage rackern wir uns ab für uns selbst und am siebten Tag rackern wir uns ab für Gott. 6 Tage dienen wir für uns – am 7. Tag Gottesdienst.

 

Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte, und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte. Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn,denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit, die machend Gott schuf.

(Bibel / Tanach, Altes Testament, Bereschit / Genesis / 1. Mose, 2. Kapitel, Vers 2-3, in der Buber-Rosenzweig-Übersetzung)

 

Gott ruhte von allem Machen. Es war sehr gut. Perfekt. Vollendet. Nichts mehr hinzuzufügen.

Zeit nehmen zum Wahrnehmen des sehr guten Wirken Gottes in seiner Welt. Die Weite des Himmels: Von Horizont zu Horizont. Die Wolken ziehen sehen. Unendlich ausgebreitetes Sternenzelt im Nachthimmel. – Betrachten. Riechen. Lauschen. Schmecken. Ausruhen. Entspannen. Regenerieren. Seelenruhe …

 

entspannt

Tiefe Muskel-Verspannungen lösen sich nicht in einer Bildschirmpause. – Und wie lange dauert es, bis sich verkrampfte Seelen entspannen? Hart gewordene Herzen wieder weich werden?

Der 7. Tag. Ein ganzer Ruhetag.

24 Stunden schlafen? – Ich glaub, das schaff ich nicht.

Wann und wo und wie kommst du zur Ruhe?

Können und wollen wir uns das überhaupt leisten? Gibt es nicht einfach viel zu viel zu tun, und zu wenige, die mit anpacken? So viele Hilfsbedürftige und nicht genug Engagement. So viel Dringendes und Drängendes …

Einen ganzen Tag nichts schaffen? Ist das nicht viel zu unproduktiv? Wie viel Leistungsträger gibt es in unserer Republik, die regelmäßig einen Tag pro Woche total ausfallen können? Was würde das für unser Bruttosozialprodukt bedeuten? Würde Deutschland nicht internationale Spitzenpositionen einbüßen müssen, wenn alle Deutschen einmal die Woche gar nichts leisten?

Wir brauchen ja auch Zeit, um uns um unseren Besitz zu kümmern. Alles will gewartet werden, Zimmer geputzt, Nippes staubgewischt. Vermögen verwaltet. Der soziale Status und Netzwerke müssen ständig unterfüttert werden. Nichts passiert von alleine.

Gerate ich selbst nicht auch ins Hintertreffen, wenn ich das mache? Da kann ich doch niemals mehr mithalten mit denen, die einfach durchpowern:  24/7/365? Sind wir nicht auch unersetzbar und müssen unbedingt erreichbar sein – auch am Ruhetag?

Gibt es noch Orientierung bei aller Optimierung?

 

zeitlos – im Hier-und-Jetzt

Sabbat. Ein geschenkter Tag. Keine Verpflichtungen. Ruhe. Abschalten. Die Uhr bleibt 24 Stunden lang stehen. Die Erde hört auf sich zu drehen.

Einen zeitlosen Raum betreten. Kein Zeitdruck. In die Welt Gottes eintauchen. Von Ewigkeit zu Ewigkeit …

Ein weiter Blick. Erzählen von den Urgroßeltern. Familie planen. Zeit für Kinder. Stress verspielen.

 

Wann?

Es muss nicht unbedingt Sonntag sein. Eigentlich wäre Samstag ja sowieso irgendwie Sabbat-mäßiger.

 

Wo?

Gute Frage. Gibt es überhaupt noch einen Ort in unserem Leben, wo wir wirklich zur Ruhe kommen? Können Kirchengebäude so ein Ort sein? Oder einfach Zuhause? Oder in Gottes Schöpfung? In der Einöde? Bei Verwandten oder Freunden?

 

Mit wem?

Kommen wir zur Ruhe in der Einsamkeit oder eher in der Nähe von Menschen, bei denen wir wir selbst sein können? Einfach so da sein dürfen, wie wir sind? Einem anderen Menschen in die Augen schauen und die Welt um uns herum vergessen. Beziehungen wachsen lassen.

 

Wie?

Vielleicht still sitzen in Meditation. Beten. Vielleicht auch in Bewegung: Unseren ganzen Körper wieder spüren lernen – nicht nur unseren Hintern, auf dem wir zu viel sitzen. Spazieren gehen, wandern, schlendern, tanzen, Ball spielen, uns frei laufen, …

Wie können wir uns an einem Tag abschneiden von all den Schnüren, die an uns zerren?

(Mit oder ohne Smartphone?)

Die Spinne hat uns schon längst gefangen in ihrem Netz, und die Schlinge zieht sich weiter zu …

 

… Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.
(Tanach / Altes Testament, Psalm 127, 1-2)

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

Lasst endlich die Kinder zu IHM kommen!

 

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Spielende Kinder, römisches Relief, 2. Jh. nach Chr.; Louvre [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Da sagte Jesus: »Lasst doch die Kinder! Hindert sie nicht, zu mir zu kommen; denn für Menschen wie sie steht Gottes neue Welt offen.« Dann legte er den Kindern segnend die Hände auf …
(Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 19.Kapitel, Verse 14-15)

 

Ein beliebter Bibelvers. Viel wurde schon gesagt und geschrieben.

Es wird theologisch dogmatisiert und diskutiert über Kindertaufe, Kinder-Evangelisation, Religionsunterricht für Kinder, … – Das Thema geht uns aber noch viel tiefer und ganz persönlich an. Das Himmelreich beginnt bei mir: in meinem Herzen, meinem Alltag, meiner Familie, …

Eltern kennen das: Wir können uns den Mund fusselig reden … – doch Kinder machen oft nicht das, was wir sagen. Aber das Leben, das wir ihnen vorleben, bleibt in ihnen für den Rest ihres Lebens.

Eine rauchende Mutter mag ihrem Kind den guten Rat geben: „Fang bloß nicht an zu rauchen …“ – Aber Kinder scheinen sich mehr an dem zu orientieren, was wir vorleben, als an dem, was wir sagen.

Manche von uns haben viel Bibelwissen und können mitreden. Manche haben schon eine lange Geschichte als Christen und tragen mit sich viel liebgewordene christliche Tradition. Wir bringen das auch unseren Kindern bei: Glaubensbekenntnis, Katechismus, Christenlehre, Familienandachten, … – Christentum im Kopf und ein leeres Herz. In den Kirchen und Gemeinden sind wir engagiert und nett und zuhause geht die Familie den Bach runter …

 

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Heuchler! Ihr versperrt anderen den Zugang zu Gottes himmlischem Reich. Denn ihr selbst geht nicht hinein, und die hineinwollen, hindert ihr auch noch daran.

(Matthäus-Evangelium 23,13)

 

Wir sind alle bedürftig. Es gibt so viel Mangel und Not …

Kinder sind klein und schwach und abhängig.

Wenn Jesus unser Leben ist, wenn ER uns lebt, dann können auch unsere Kinder zu ihm kommen. Sie werden mit hinein genommen in das göttliche Leben, das aus uns ausfließt.

 

Wer an mich glaubt, wird erfahren, was die Heilige Schrift sagt: Von seinem Inneren wird Leben spendendes Wasser ausgehen wie ein starker Strom.

(Johannes-Evangelium 7,38)

 

Heiligung. Gott macht unsere Seele gesund und „heilt all unsere Gebrechen“. Er ist der gute Hirte, der uns mit allem versorgt. Bei ihm ist kein Mangel. Wenn wir unser Altes loslassen, macht er alles neu.

Er fügt uns ein in die Gemeinschaft der Heiligen. Eine Generation aus Königen und Priestern. Wie  ein  Organismus wirken alle zusammen. Was einer nicht kann, kann der andere. Gott schenkt Befähigung, so wie es der Organismus braucht; und alle wachsen gemeinsam und zusammen der Ganzheit entgegen. Gott ist Liebe.

Christus in uns – die Hoffnung der Herrlichkeit. Immer wieder suchen wir seinen Frieden, und er wird uns geschenkt, in einer Weise, die wir nicht verstehen. Gottes Wirken erfasst uns und führt uns mit sich im Strom des Lebens.

Er macht unser Leben hell und führt uns auf einem guten Weg. Er gießt seine Liebe in unsere Herzen …

Wir sind das Licht der Welt. Unsere Kinder finden Sicherheit und Orientierung in dem Licht, das von uns ausgeht. Unsere Liebe wärmt ihre Seelen.

 

 Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.

(Lukas-Evangelium 18,17)

 

Lasst doch endlich die Kinder zu ihm kommen …

 

Kraft

 

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Wurzeln des Kapokbaums, von Chrishibbard7, English Wikipedia (Self-photographed) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

 

(Jesus Christus; Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, Kapitel 13, Verse 31-32)

 

Die Tage werden länger. Mehr Licht und Sonne. Ein lauer Wind kommt auf. Wärme schmilzt Schnee und Eis. Auferweckung. Verschlafenes Leben bricht hervor, aus Erde, die gefroren war. Bunte Blüten begrüßen freundlich. Farben-Freude. Farben-Fülle. Düfte hängen in der Luft. Lebendiges regt sich und summt durch die Luft. Vögel zwitschern. Ich pack die schwere Winterkleidung zurück in den Schrank und lasse Luft und Sonne an meine Haut.

 

… Ich werde euch Atem einhauchen und euch wieder lebendig machen!

 

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Hesekiel 37. Kapitel, Vers 5)

 

Spazierengehen. Fahrradfahren. Kinder spielen im Freien. Fenster werden geöffnet – frische Luft. Die Welt klingt anders. Frühjahrsputz. Samen werden gesät. Leben pflanzt sich fort.

 

 Ich mache deine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel und … durch deine Nachkommen werden alle Völker der Erde gesegnet sein

 

(1. Mose / Genesis / Bereschit 26,4)

 

Frühjahrsstürme – Unruhe des Wandels. Frühling. Vorbote des Sommers. Ferien, Sonne und Meer. Früchte reifen, Menschen entspannen sich im Park und feiern im Garten. Lautes Lachen und leises Murmeln – bis tief in die Nacht.

 

… die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.

 

(Jesaja 40,31)

 

Auferweckung. Jesus verlässt das Grab. Leben von den Toten. Licht in die Dunkelheit. Heiliger Geist weht in die Schöpfung. Frauen und Männer werden erfasst. Schalom. Gottes ewiges Friedensreich bricht herein. Friedfertige beenden kalten Krieg. Schwerter zu Pflugscharen – Nahrung statt Waffen. Menschen treten in die Freiheit; legen Altes ab und Neues an. Öffnen ihre Herzen, ihre Türen und ihr Leben; laden ein. Lassen sich berühren und machen sich verletzbar.

Seelen heilen. Nervosität weicht der Gelassenheit, Lärm der Ruhe. Die Atmosphäre ist anders geworden. Ein neues Aroma hängt in der Luft. Menschen reichen sich die Hände. Worte der Versöhnung beenden das Schweigen. Verlorenes wird gesucht, Verirrtes findet den Weg. Früchte des Lebens reifen. Mehr als ein neuer Lebensstil. Ein Mensch aus Galiläa: Jesus von Nazareth. Messias. Immanuel. Gott wohnt bei seinen Menschen. Ein neuer Weg.

 

Denn Gottes Reich gründet sich nicht auf Worte, sondern auf seine Kraft.

 

(1. Korinther 4,20)

 

Wie viel wurde schon geredet, geschrieben und gestritten. Gerade auch im Namen des Christentums. Auf Facebook, in Hauskreisen und von der Kanzel: Streit darum wer recht hat, wer biblisch ist, wer die Wahrheit vertritt, …

Das Reich Gottes findet man nicht bei den besten theologischen Erklärungen, sondern dort, wo Gottes Kraft wahrnehmbar ist. Veränderung. Wachstum. Leben. Vertrauen. Liebe. Herrlichkeit. – Wann werden wir endlich aufhören, die Sache Gottes in unsere eigenen Kategorien pressen zu wollen, und die Augen öffnen für das Offensichtliche?

 

… die Frucht, die der Geist wachsen lässt, ist: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung …
.
(Galater 5,22-23)

 

So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte … an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.
.
(Bergpredigt, Matthäus-Evangelium 7,17-20)

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier.]

Göttliche Eltern

the_sacrifice_of_isaac_by_caravaggio„Die Opferung von Isaak“ von Caravaggio, via Wikipedia, public domain

 

Die Übermacht ist zu groß, der Gegner zu stark, der Feind zu unnachgiebig und unangreifbar. Ich hab keine Chance. – Was kann man da noch machen? Und was machen solche Erfahrungen mit uns?

Jeden Tag werde ich zum Opfer. Ich erleide Dinge, die ich nicht gewollt oder verdient habe. Oft nur Kleinigkeiten, aber manchmal auch traumatische Erfahrungen, die mich zu einem anderen Menschen machen.

 

Ihr Väter, behandelt eure Kinder nicht zu streng, damit sie nicht ängstlich und mutlos werden.

(Die Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Kolossai, 3. Kapitel, Vers 21)

 

Die einzigen Götter, die wir jemals zu Gesicht bekommen haben, waren unsere Eltern. Vielleicht war es auch eine alleinerziehende Mama oder der einsame Papa, eine Kinderkrankenschwester oder ein Erzieher im Kinderheim. Die großen Hände, die uns hochgenommen, und die starken Arme, die uns gehalten haben, garantierten Geborgenheit und Umsorgtsein. Oder auch nicht.

Allmächtig, allwissend, oberste Autorität. Kein Wenn, kein Aber. Stimme und Augen, die trösten und leiten. Ihre Worte und ihr Verhalten lehrten Denken und Sprechen. Sie waren eine rätselhafte Quelle von Freud und Leid.

 

Dann griff er nach dem Messer, um seinen Sohn zu töten. ‚Abraham, Abraham!‘, rief da der Engel des Herrn vom Himmel … ‚Leg das Messer beiseite, und tu dem Jungen nichts! …

(Tanach / Bibel (Altes Testament), Tora, Bereschith / Genesis / 1. Mose, 22. Kapitel, Verse 10-12)

 

Wie oft schon ist das Glück von Kindern auf den Altären von Ideologien oder persönlichen Interessen geopfert worden? – Keine Zeit für Kinder; wir sind gerade so beschäftigt …

Wie oft schon sind Kinder von ihrem Schicksal erlöst worden, weil jemand Erbarmen mit einem schwachen Kind hatte und eingriff und eine Wendung herbeiführte; weil sich jemand fand, der Zeit hatte …

Erinnerst du dich noch an deine Kindheit? An Freud und Leid? An die glücklichsten Momente?

 

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Sigmund Freund Porträt von Max Halberstadt [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Kindheit kann sehr harmonisch sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und sich Eltern und Kinder aufeinander einlassen und sich gut aufeinander eingestellt haben. Alles eine Frage der Einstellung. Früher oder später, jedoch, wird auch eine solche Harmonie gestört. und das Aushalten auftretender Spannungen und das Verarbeiten entsprechender Konflikte ist ein notwendiger Teil des Erwachsenwerdens für Kinder und Eltern.

Wir beginnen als Kinder in einem Zustand völliger Abhängigkeit und werden zunehmend Selbst-bewusster und mündiger. Dennoch werden wir uns niemals völlig lösen von der Verbundenheit zu all den Generationen, die vor uns gewesen sind. (Wir haben’s in den Genen und im Gedächtnis.) Wir werden immer auf den Schultern derer stehen, die vor uns gelebt haben.

Wenn wir älter werden und dann vielleicht auch irgendwann einmal selbst Kinder haben, verstehen wir immer besser, dass auch unsere Eltern nur Menschen waren wie wir; dass sie selbst auch einmal die kleinen Kinder von Oma & Opa waren, welche wiederum mal die kleinen Kinder von Uroma & Uropa gewesen waren, welche wiederum … – Wir fangen an zu verstehen, dass wir alle Glieder einer Kette sind, über die das Geheimnis menschlichen Lebens von einer Generation an die nächste weitergegeben wird und immer wieder neu Gestalt annimmt.

Eltern sind nicht allmächtig. Wieviele Eltern wollten schon, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollten? Man hatte so viele Wünsche und Pläne … und es kam ganz anders, als man gehofft hatte.

Eltern und Kinder. Ein Thema so alt wie die Menschheit. Es gibt Tausende von Büchern und Experten, und doch muss jede Generation und jede Familie immer wieder neu dieses Abenteuer bewältigen. Gibt es Ratschläge, die für alle und immer gut sind?

 

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der Herr, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir’s wohlgehe in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.

(Tanach / Altes Testament, Tora, Devarim / Deuteronomium / 5.Mose 5,16)

 

Und viele Jahrhunderte später kommentiert der Apostel Paulus:

 

Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. ‚Ehre Vater und Mutter‘, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: ‚auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden‘. Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Ermahnung des Herrn.

(Die Bibel, Neues Testament, 1. Brief von Paulus an die Gemeinde in Ephesus, 6,1-4)

 

Unsere Eltern zu achten und uns entsprechend zu verhalten, ist wichtig für uns selbst und unsere Gesellschaft. Es ist grundlegend für die Weitergabe des Lebens von Generation zu Generation – und das nicht nur aus praktischen Erwägungen.

Jesus lehrt in der Bergpredigt, gleich im Anschluss an das sogenannte „Vaterunser“:

 

Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

(Matthäus-Evangelium 6,15).

 

Dies gilt im Allgemeinen für alle Menschen – und für Eltern im Besonderen. Wenn ich meinen Eltern nicht vergebe, ist das Band der Generationen an dieser Stelle gerissen; und wenn ich sie nicht annehme, wie sie sind, bleibe ich verwaist zurück.

Kann man ein Gleichgewicht finden zwischen Abhängigkeit und sinnloser Verbitterung? Einen Weg finden vom Zorn und Schmerz zum Trost? Wie könnte man Eltern vergeben? Vielleicht wenn man Liebe kennenlernt, die man nicht verdienen musste?

 

Gott hingegen beweist uns seine Liebe dadurch, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren.

(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom 5,8)

 

Als kleine Kinder erleben wir unsere Eltern wie Götter, und später hören wir Menschen von Gott reden. Gott ist anders als unsere Eltern, aber haben unsere Vorstellungen von Gott vielleicht trotzdem damit zu tun, wie wir unsere Eltern erfahren haben?

Ohnmächtig. So erscheinen wir oft oder fühlen uns selbst. Erfahren wir Gott in unserem Leben nur als eine Macht, der wir ohnmächtig gegenüber stehen, oder auch als eine, die uns hält und trägt, befähigt und ermächigt?