Meine Tipps für Weihnachten

 

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Gemälde von Gerard van Honthorst, via Wikimedia Commons – public domain

 

[ Ich hatte ja schon die Weihnachts-Tipps von Rabbi Schaul (auch bekannt als der Heilige Apostel Paulus) veröffentlicht. Jetzt kommen noch meine Tipps: ]

 

1.  Sei unabhängig von irgendwelchen dahergelaufenen Weihnachts-Tipps  😉

Achte auf dich selbst und schärfe deine Wahrnehmung für deine Mitmenschen. (Du bist ja nicht doof, und mit dem gesunden Menschenverstand kommt man schon ziemlich weit – so man ihn denn benutzt.) – Du brauchst also nicht unbedingt weiterlesen…  😉

 

Niemand kann mehr von dir erwarten, als du willst und kannst.

 

2.  Bewahre die Ruhe!

Du allein kannst sowieso nicht garantieren, dass dieses Weihnachtfest ein Erfolg wird. Sei also ganz entspannt. Es hängt nicht alles von dir ab.

Auch dieses Weihnachten wird bald wieder vorbei und Vergangenheit sein. Und wenn man schon im voraus seine Aufmerksamkeit auf das Schöne im Weihnachten lenkt, wird man vielleicht auch verzaubert …

 

„Stille Nacht, heilige Nacht, …“

 

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Figuren einer Weihnachtskrippe, Foto von Jeff Weese, via Wikimedia Commons – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

3.  Bete für Weihnachten.

Denk dabei nicht nur an dich selbst. Weihnachten ist viel größer als deine kleine Weihnachtsfeier…

 

„aber der Engel sagte zu ihnen:

‚Ihr braucht euch nicht zu fürchten! Ich bringe euch eine gute Nachricht, über die im ganzen Volk große Freude herrschen wird. Heute ist euch in der Stadt Davids ein Retter geboren worden; es ist der Messias, der Herr…‘

‚Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.'“

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(Lukas-Evangelium 2. Kapitel, Verse 10-14 – Bibel, Neues Testament)

 

4.  Fang bei dir selbst an.

Frag dich nicht, was andere tun müssten, sondern was du selbst tun kannst.

 

„… mit dem Maßstab, den ihr an andere anlegt, werdet ihr selbst gemessen werden.

Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du zu ihm sagen:

‚Komm her! Ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen!‘

und dabei hast du selbst einen Balken im Auge!

Du Heuchler! Entferne zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du klar sehen, um auch den Splitter aus dem Auge deines Mitmenschen zu ziehen.“

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(Jesus in der Bergpredigt – Matthäus-Evangelium 7,2-5 – Bibel, Neues Testament)

 

Schau deinem Schatten in die Augen. Wenn dich jemand so richtig nervt, liegt es wahrscheinlich hauptsächlich an dir selbst. – Bitte den Balken entfernen!

 

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Feldkreuz Hochtannbergpass, Foto von böhringer friedrich, via Wikimedia Commons – CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

 

5.  Vergebung

Trenn dich vom Ballast negativer Weihnachtserfahrungen. Wenn du selbst anders bist, kann auch dein Weihnachten anders werden.

Fass für dich selbst den Entschluss, Fehler vergangener Weihnachten nicht zu wiederholen, und überlege, wie du ganz praktisch verhindern kannst, wieder „in die alten Schienen zu rutschen“.

Horche in dich selbst hinein. Gibt es da noch jemand, dem du vergeben oder um Vergebung bitten solltest? – Vielleicht gibt es ja trotz der hektischen Weihnachtsvorbereitungen die Möglichkeit einen Moment zu nutzen, um mit einer anderen Person etwas zu klären, bevor die Jesus-Party steigt.

 

„‚Versteht ihr, was ich eben getan habe, als ich euch die Füße wusch?’…

‚Ihr nennt mich Meister und Herr, und das mit Recht, denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und der Meister, euch die Füße gewaschen habe, sollt auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.'“

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(Johannes-Evangelium 13,12-15 – Bibel, Neues Testament)

 

6.  Nicht den Kopf waschen, sondern die Füße.

Weihnachten ist nicht unbedingt der beste Zeitpunkt, um Diskussionen zu führen und „endlich mal was zu klären“. Bevor man versucht Wortgefechte zu gewinnen, sollte man erst einmal schauen, ob man sich ganz praktisch irgendwie nützlich machen kann.

 

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Red mistletoe, Hopkins River, New Zealand, Foto von William M. Connolley, via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

 

7.  Das Gute, das Wahre, das Schöne.

Das Weihnachtsfest ist aufgeladen mit großen Erwartungen: Weihnachten als Verkörperung des Guten, Wahren und Schönen. Das ist offensichtlich aber kein Automatismus. Vielmehr ist Weihnachten die Aufgabe, das Gute, Wahre und Schöne in jedem Detail der Weihnachtszeit (neu) zu entdecken.

 

„… orientiert euch an dem, was wahrhaftig, vorbildlich und gerecht, was redlich und liebenswert ist und einen guten Ruf hat. Beschäftigt euch mit den Dingen, die auch bei euren Mitmenschen als Tugend gelten und Lob verdienen.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Philippi 4,8 – Bibel, Neues Testament)

 

8. Das Verbindende suchen.

Weihnachten ist der Anlass, dass wir uns Zeit für einander nehmen. Diese Zeit ist schon ein sehr wertvolles Geschenk, das wir einander und uns selbst machen.

Viele Menschen scheinen einfach ausgehungert danach zu sein, als Menschen wahrgenommen und beachtet zu werden. Wir könnten uns die Zeit nehmen, einander zuzuhören. Und wenn wir freiwillig und fröhlich etwas weggeben, kommt eigentlich auch immer irgendwas zurück.

Gibt es Gemeinsames, etwas, das alle an Weihnachten schätzen oder schön finden? (Weihnachtslieder, -musik, -filme, Spiele spielen, alte Geschichte erzählen, alte Fotos, Spazieren gehen…)

 

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Winterlandschaft Ebenthal, Foto von Johann Jaritz, via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 at (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en) or CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

9. Sei kreativ.

Jedes Jahr die alte Leier. – Rituale können sehr schön und wertvoll sein. Aber man könnte (falls die anderen einverstanden sind) auch mal was Neues ausprobieren. Probieren geht über studieren. Abwechslung belebt.

 

„Viele Male und auf verschiedenste Weise sprach Gott in der Vergangenheit durch die Propheten zu unseren Vorfahren. Jetzt aber, am Ende der Zeit, hat er durch seinen eigenen Sohn zu uns gesprochen…

Er ist das vollkommene Abbild von Gottes Herrlichkeit, der unverfälschte Ausdruck seines Wesens…“

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(Hebräerbrief 1,1-3 – Bibel, Neues Testament)

 

10.  Jesus

The reason for the season. Wundervolles Geheimnis der Offenbarung Gottes im Menschen: Gott wird neugeboren …

Der Neugeborene in der Krippe: Schwach und hilflos. Empfangend.

Der tiefste Sinn von Weihnachten ist wohl der:  Wir sind Beschenkte!

 

Fröhliche Weihnachten!

 

 

 

Jesus. Die Biografie.

 

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Jesus als guter Hirte, frühchristliche Deckenmalerei in der Calixtus-Katakombe in Rom (um 250) via Wikimedia Commons – public domain

 

Ich muss euch leider die traurige Mitteilung machen, dass die Biografie von Jesus zur Zeit leider vergriffen ist und auch antiquarisch nicht mehr aufzutreiben ist.

Ich weiß, es wäre ein ganz besonders schönes – und auch zum Anlass so passendes – Weihnachtsgeschenk gewesen, aber ihr müsst euch da doch leider noch was anderes ausdenken.

Scherz!“  😉

Es sieht wohl doch eher so aus, als ob es eine Jesus-Biografie gar nicht gibt.

 

„Das Neue Testament (NT) ist als Glaubensdokument der Urchristen zugleich die wichtigste Quelle der historischen Jesusforschung.“

.
(Wikipedia)

 

Die Autobiografie von Jesus

Das wäre natürlich der absolute Knaller! Jesus schreibt eine Autobiografie über sein Leben als Sohn Gottes.

Tja, leider heißt es auch in diesem Fall:

„Pech gehabt!“ – Leider auch keine Autobiografie.

 

„Jesus sprach:

‚Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet;
und wenn er findet, wird er erschrocken sein;
und wenn er erschrocken ist, wird er verwundert sein,
und er wird über das All herrschen.'“

.
(Thomas-Evangelium, 2. Sprichwort)

 

Es sind zwar entsprechende Texte aufgetaucht, aber die Echtheit ist umstritten.  😉

 

[Leider Französisch. – Was Englisches gibt’s allerdings hier.]

 

2013 wurde eine Autobiografie von Jesus veröffentlicht, deren Verfasser sich  Jürg Amann  nennt. – Scheint wohl auch nicht ganz echt zu sein.  😉  (Vielleicht ist es auch schon vergriffen. Auf der Verlags-Seite hab ich es nicht gefunden.)

Jesus selbst scheint wohl doch eher keinen einzigen Text hinterlassen zu haben. – Wirklich schade! – Und auch eine erstaunliche Tatsache, über die sich kaum jemand ernsthaft Gedanken zu machen scheint. – Auch Schade. – Denn bei allem, was wir über sein Leben „wissen“, wäre es ihm sicherlich möglich gewesen, Texte zu hinterlassen.

 

„Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.
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Im Buch des Propheten Jesaja heißt es:
.
‚Ich sende meinen Boten vor dir her; er wird dein Wegbereiter sein.‘ …
.
In jener Zeit kam auch Jesus aus Nazaret in Galiläa zu Johannes und ließ sich im Jordan von ihm taufen …“
.
(Markus-Evangelium; Bibel, Neues Testament; 1. Kapitel, Verse 1-9)

 

Interviews mit Jesus

Es sind schon Interviews mit Jesus aufgetaucht; aber auch in diesen Fällen ist die Echtheit sehr umstritten.  😉

Schon in den neutestamentlichen Texten wird allerdings von Begegnungen von Menschen mit Jesus nach dessen Tod berichtet:

 

„Später, als ich wieder in Jerusalem war und im Tempel betete, hatte ich eine Vision:

Ich sah Jesus, und er sagte zu mir:

‚Verlass Jerusalem, so schnell du kannst! Lass dich durch nichts aufhalten! Denn die Menschen hier werden nicht annehmen, was du ihnen als mein Zeuge über mich berichtest.‘

‚Aber Herr‘ wandte ich ein, ‚gerade sie müssten mir doch Glauben schenken …'“
.
(Paulus in der Apostelgeschichte; Neues Testament; 22,17-19)

 

Keine Jesus-Biografie!

Also, eine Biografie haben wir leider nicht.  😦

Aber wie wär’s mit einem „Evangelium“?

Jemand ist vielleicht schon der Gedanke gekommen, dass die Evangelien Jesus-Biografien wären; aber, wer anfängt sie zu lesen, merkt bald, dass dies keine Biografien sind, so wie wir sie heute kennen. Dennoch erzählen die Evangelien eine Menge interessanter Details. Das Meiste seiner Lebensgeschichte ist uns allerdings unbekannt.

 

„Schon viele haben die Aufgabe in Angriff genommen, einen Bericht über die Dinge abzufassen, die in unserer Mitte geschehen sind und die wir von denen erfahren haben, die von Anfang an als Augenzeugen dabei waren und dann Diener der Botschaft Gottes geworden sind.
.
Darum hielt auch ich es für richtig, nachdem ich allem bis zu den Anfängen sorgfältig nachgegangen bin, diese Ereignisse für dich, hochverehrter Theophilus, in geordneter Reihenfolge niederzuschreiben, damit du erkennst, wie zuverlässig all das ist, worin du unterrichtet worden bist.
.
In der Zeit, als Herodes König von Judäa war, lebte dort Zacharias …“
.
(Lukas-Evangelium; Neues Testament; 1,1-5)

 

Der Jude Jesus

Meine Oma hatte meine Mutter einmal gefragt:

„Weißt du eigentlich, dass Jesus ein Jude war?!“

Komisch. – Wie kann man das verpassen?

Das Christentum hat sich allerdings auch angestrengt, ihn zu ent-judaisieren. Und das haben die nicht nur mit der Person von Jesus gemacht, sondern auch mit heiligen Texten.

Anscheinend war Jesus sogar nur ein Jude zweiter oder dritter Klasse. Ein Jude aus der Provinz, ein Galiläer; und ein Galiläer aus einem kleinen Kaff, Nazareth.

 

„‚Aus Nazaret?‘

entgegnete Natanaël.

‚Was kann aus Nazaret Gutes kommen?‘

Doch Philippus sagte nur:

‚Komm mit und überzeuge dich selbst!'“

.
(Johannes-Evangelium; Neues Testament; 1,46)

 

Jesus bezieht Stellung zu Weihnachten und den Umständen seiner Geburt

Dank unseres Weihnachtsfestes sind die Umstände der Geburt von Jesus zum Glück hinreichend bekannt.

Jesus‘ erste Wochen außerhalb des Bauchs seiner Mutter waren anscheinend recht dramatisch; wobei man sich fragen muss, wie viel der Kleine davon mitbekommen hat. – Wie oft mögen die Eltern von Jesus ihm wohl von den Umständen um seine Geburt herum erzählt haben?

Weihnachten.  Der  christliche Klassiker! In der Geschichte des Christentums und mittlerweile auch global in vielen Konsumgesellschaften ein echt wichtiges Thema. Komisch, dass Jesus selbst kaum etwas über die Umstände seiner Geburt gesagt zu haben scheint. Zumindest wüsste ich jetzt auf Anhieb keine einzige Bibelstelle, wo Jesus selbst etwas dazu sagt.

 

„Jesus erwiderte:
.
‚Wenn ich mir selbst eine solche Ehre anmaßen würde, wäre sie nichts wert. Aber nun ist es mein Vater, der mich ehrt – er, von dem ihr sagt, er sei euer Gott. Und dabei habt ihr ihn nie gekannt; ich dagegen kenne ihn.
.
Würde ich behaupten, ihn nicht zu kennen, dann wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und richte mich nach seinem Wort.
.
Abraham, euer Vater, sah dem Tag meines Kommens mit jubelnder Freude entgegen. Und er hat ihn erlebt und hat sich darüber gefreut.‘
.
Die Juden entgegneten:
.
‚Du bist noch keine fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben?‘
.
Jesus gab ihnen zur Antwort:
.
‚Ich versichere euch: Bevor Abraham geboren wurde, bin ich.‘
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Da hoben sie Steine auf, um ihn zu steinigen.“
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(Erzählung vom Evangelisten Johannes; Johannes-Evangelium 8,54-58)

 

Die Evangelisten

Eine eigenartige Berufsbezeichnung. – Wie wird man eigentlich „Evangelist“? Gibt es da so was wie eine Ausbildung?

 

„… Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? Wie sollen sie aber predigen, wenn sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht (Jesaja 52,7):
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‚Wie lieblich sind die Füße der Freudenboten, die das Gute verkündigen!‘
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Aber nicht alle waren dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht (Jesaja 53,1):
.
‚Herr, wer glaubte unserm Predigen?‘
.
So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.“
.
(Paulus im Brief an die Christen in Rom 10,14-17)

 

Im Neuen Testament gibt es vier „Evangelisten.“ Einer von ihnen ist Johannes, ein anderer Lukas (oder wer auch immer die Verfasser des Johannes- und Lukas-Evangeliums gewesen sein mögen).

Lukas hat sich ja anscheinend zumindest mal die Mühe gemacht und recherchiert, um aufzuschreiben, was er über Jesus in Erfahrung bringen konnte. Was die Kindheit und Jugend und die ganze Zeit vor dem öffentlichen Auftreten von Jesus betrifft, ist da bei der Recherche allerdings auch nicht gerade viel herausgekommen.

Auf jeden Fall ist das Lukas-Evangelium auch keine Biografie in dem Sinne, was man heute von einer modernen Biografie erwarten würde. Bei den anderen drei Evangelisten sind die Informationen über die Kindheit und Jugend von Jesus allerdings noch deutlich magerer.

 

„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

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(Johannes-Evangelium 1,14)

 

Jesus, Flüchtlingskind.

Matthäus (bzw. der Verfasser des Matthäus-Evangeliums) erzählt von einem unfreiwilligen Abstecher nach Ägypten. Genauer gesagt: Josef und Maria schützten das Leben ihres Kindes, indem sie nach Ägypten flüchteten. (In den heiligen Texten der Juden zu dieser Zeit übrigens keine ganz ungewöhnliche Geschichte.)

Wie alt war Jesus, als er dann nach Nazareth kam?

Im Matthäus-Evangelium heißt es, dass Josef den Auftrag bekommt, nach Israel zurückzukehren, als Herodes gestorben war. Kann man daraus das ungefähre Alter von Jesus bestimmen, als er nach Nazareth kam? Und sind die Erzählungen überhaupt historisch gemeint?

 

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„Rebranding Jesus“ von Daniel Silliman – (CC BY-NC-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/)

 

Angry Young Man

Was hat Jesus eigentlich die ganze Zeit gemacht, bevor er öffentlich in Erscheinung trat? Wie viel kann man spekulieren über seine Beziehung zu Johannes den Täufer, vielleicht sogar zu den Essenern oder anderen gesellschaftlichen Gruppen, und der Zeit, die er eventuell mit ihnen verbracht hat?

Auf jeden Fall hat Jesus, anscheinend im Unterschied zum Rest seiner Familie, irgendwann sein Heimatdorf Nazareth verlassen. (Vielleicht war das auch ein Grund, weshalb die nicht so gut auf ihn zu sprechen waren?)

 

„Doch es musste so kommen, weil sich erfüllen sollte, was in ihrer Tora steht:

‚Sie haben mich ohne Grund gehasst.'“

.
(Johannes-Evangelium 15,25)

 

Jesus, Migrant.

Auf jeden Fall war Jesus Migrant. Er migrierte durch Israel. Und nachdem die ehemaligen Nachbarn und Bekannten aus seinem Heimatdorf versucht hatten ihn umzubringen, wollte er wahrscheinlich auch nicht mehr zurück nach Hause.

Als Wanderprediger verkündete er – wie schon Johannes der Täufer vor ihm – das über die Welt hereinbrechende Himmelreich. Und wie er selbst es tat, so schickte er auch seine Schüler aus, von Ort zu Ort zu gehen:

 

Geht und verkündet:
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‚Das Himmelreich ist nahe.‘
.
Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Was ihr umsonst bekommen habt, das gebt umsonst weiter …“
.
(Matthäus-Evangelium 10,7-8)

 

Auch kam es anscheinend vor, dass Jesus verschiedene Menschen, die sich für Jesus-Nachfolge interessierten, vor der Vorstellung einer komfortablen „christlichen Ausbildung“ warnte:

 

„Die Füchse haben ihren Bau, die Vögel ihre Nester, aber der Menschensohn hat keinen Platz, an dem er sich ausruhen kann.“

(Lukas-Evangelium, 9,58)

 

Jesus, vom Bau

Jesus‘ Adoptiv-Vater war übrigens Bauhandwerker von Beruf. (Die Berufsbezeichnung „Zimmermann“ stimmt wohl nicht so ganz.)

Hatte auch Jesus diesen Beruf erlernt? Vielleicht von seinem Adoptiv-Papa? Hat Jesus später dann auch als Bauhandwerker gearbeitet? Hat er noch irgend etwas anderes gelernt oder einfach ungelernt gemacht? Karriere vielleicht? – So weit ich weiß, haben wir dazu keine Informationen – mit Ausnahme der Karriere, die er später als Wanderprediger und Messias gemacht hat.

 

„‚Für wen halten die Leute den Menschensohn?‘
.
‚Manche halten dich für Johannes den Täufer,‘
.
antworteten sie, ‚manche für Elia und manche für Jeremia oder einen der anderen Propheten.‘
.
‚Und ihr?‘
.
fragte er, ‚für wen haltet ihr mich?‘
.
Simon Petrus antwortete:
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‚Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!‘ …
.
Dann schärfte Jesus den Jüngern ein, niemand zu sagen, dass er der Messias sei.
.
Danach redete Jesus mit seinen Jüngern zum ersten Mal offen darüber, dass er nach Jerusalem gehen und dort von den Ältesten, den führenden Priestern und den Schriftgelehrten vieles erleiden müsse; er werde getötet werden und drei Tage danach auferstehen.“

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(Matthäus-Evangelium 16,13-21)

 

Das „frühere“ Leben eines Superstars

Komisch, dass sich nicht einmal einer der 12 Jünger von Jesus die Zeit genommen hat, eine Biografie von Jesus zu schreiben. Aber vielleicht wussten sie auch einfach gar nicht so viel über das Leben von Jesus. Vielleicht hat Jesus nicht so viel über sein „früheres Leben“ geredet, über die Zeit, bevor er berühmt geworden war.

 

„Während Jesus noch zu der Menge redete, waren seine Mutter und seine Brüder gekommen. Sie standen vor dem Haus und wollten ihn sprechen.
.
Einer aus der Menge sagte zu Jesus:
.
‚Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sprechen!‘
.
Jesus wandte sich zu dem, der ihm diese Nachricht brachte, und erwiderte:
.
‚Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?‘
.
Dann wies er mit der Hand auf seine Jünger und fuhr fort:
.
‚Seht, das sind meine Mutter und meine Brüder!'“
.
(Matthäus-Evangelium 12,46-49)

 

Geschäftige Christen

Und die ersten Christen hatten ja dann auch wirklich alle Hände voll zu tun. Man muss nur mal die Apostelgeschichte lesen. Da war echt was los. Kein Wunder, dass die nicht so richtig die Zeit gefunden haben, nun auch noch eine Jesus-Biografie zu schreiben.

Außerdem war Schreibmaterial damals auch noch teurer, und die Spendeneinnahmen waren wahrscheinlich auch nicht so üppig.

Sie hatten am Anfang auch gar keine Kirchen oder eigenen Gemeindehäuser und trafen sich u.a. einfach im Tempel.

 

„Einmal, als Zacharias vor Gott seinen Dienst als Priester versah, weil seine Abteilung damit an der Reihe war, wurde er nach der für das Priesteramt geltenden Ordnung durch das Los dazu bestimmt, in den Tempel des Herrn zu gehen und das Rauchopfer darzubringen …
.
Draußen wartete das Volk auf Zacharias, und alle wunderten sich, dass er so lange im Tempel blieb.
.
Als er endlich herauskam, konnte er nicht mit ihnen sprechen. Da merkten sie, dass er im Tempel eine Erscheinung gehabt hatte …“
.
(Lukas-Evangelium 1,8-22)

 

Jesus im Heiligtum

Lukas erzählt davon, dass es in der Verwandtschaft von Jesus einen Priester gab, Zacharias, der auch im Tempel Dienst hatte. (Gibt es eigentlich noch andere Texte, die dies berichten?)

Dieser Priester wurde dann auch der Papa von Johannes, dem sogenannten Täufer, der wiederum dann eine der wohl bekanntesten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zur Zeit Jesu wurde. (Find ich schon interessant, dass Jesus solche Leute in seiner Verwandtschaft hatte.)

 

Jesus erwiderte:

‚Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?'“

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(Lukas-Evangelium 2,49)

 

In Lukas 2,49, als Jesus noch ein kleiner Junge und seinen Eltern im Heiligtum abhandengekommen war – Alptraum aller Eltern -, antwortete er ihnen, als sie ihn endlich gefunden hatten:

„Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“

Das Heilige scheint für Jesus kein fremder Ort gewesen zu sein.

Auch in anderen Erzählungen in den Evangelien lesen wir davon, dass Jesus im Tempel war, besonders in den letzten Tagen vor seiner Hinrichtung, als es sogar zu einer öffentlichen Auseinandersetzung im Tempel kam.

 

„In Jerusalem angekommen, ging Jesus in den Tempel und fing an, alle hinauszuweisen, die dort Handel trieben oder etwas kauften. Er warf die Tische der Geldwechsler und die Sitze der Taubenverkäufer um und duldete auch nicht, dass jemand etwas über den Tempelhof trug. Zur Erklärung sagte er ihnen:
.
‚Heißt es nicht in der Schrift: ›Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein für alle Völker‹ Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!‘
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Als die führenden Priester und die Schriftgelehrten davon hörten, suchten sie nach einer Möglichkeit, Jesus zu beseitigen. Sie hatten nämlich Angst vor ihm, weil das ganze Volk von seiner Lehre tief beeindruckt war.“
.
(Markus-Evangelium 11,15-18)

 

Jesus, höchster Name

Mit welchem Namen haben ihn seine Eltern eigentlich gerufen? – Höchstwahrscheinlich nicht „Jesus“.

Auch waren seine Eltern nicht Herr und Frau Christus. – „Christus“ ist  nicht  sein Nachnahme (!), sondern die griechische Übersetzung des hebräischen Wortes „Messias“ (Maschiach = Gesalbter). Ein jüdischer Ehrentitel, der mit entsprechenden Erwartungen und Hoffnungen verbunden war.

„Jesus“ ist die lateinische Version des Griechischen „Ἰησοῦς“. (Waren die Eltern von Jesus vielleicht verkappte Hellenisten?)

Die messianischen Juden nennen Jesus, so weit ich weiß, jedenfalls „Jeschua.“ Aber ist der Name in irgendeiner historischen Quelle belegt? Und wie schreibt man das auf Aramäisch (höchstwahrscheinlich die Muttersprache von Jesus)?

Der eigene Name hat einen besonderen Klang. – Wie mag Jeschuas Name wohl in seinen eigenen Ohren geklungen haben? Und hatte er eine tiefere Bedeutung für ihn?

 

„‚Wer sich von seiner Frau scheidet und eine andere heiratet – es sei denn, seine Frau ist ihm untreu geworden – , der begeht Ehebruch.‘
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Da sagten die Jünger zu Jesus:
.
‚Wenn es zwischen Mann und Frau so steht, ist es besser, gar nicht zu heiraten!‘
.
Er erwiderte:
.
‚Das ist etwas, was nicht alle begreifen können, sondern nur die, denen es von Gott gegeben ist.
.
Manche sind nämlich von Geburt an zur Ehe unfähig, manche werden durch den Eingriff von Menschen dazu unfähig gemacht, und manche verzichten von sich aus auf die Ehe, um ganz für das Himmelreich da zu sein. – Wer es begreifen kann, der möge es begreifen!‘
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Danach wurden Kinder zu Jesus gebracht; er sollte ihnen die Hände auflegen und für sie beten. Aber die Jünger wiesen sie barsch ab.
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Da sagte Jesus:
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‚Lasst die Kinder zu mir kommen …'“
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(Matthäus-Evangelium 19,9-14)

 

Jesus, ein Familienmensch?

War Jesus irgendwann einmal verliebt? Verlobt? Verheiratet? Verwitwet? Papa?

Er war schließlich so richtig Mensch, stimmt’s? Und besonders in der antiken orientalischen Kultur war Familie-gründen Standard.

Was hältst du von der Vorstellung, dass Jesus vielleicht Frau und Kinder hatte? – Sie werden allerdings nirgendwo im Neuen Testament erwähnt. – Vielleicht doch eher keine Frau und keine Kinder? – Oder wurde er vielleicht aus irgendwelchen Gründen von Frau und Kindern getrennt?

Man nimmt an, dass Jesus ungefähr 30 Jahre alt war, als er öffentlich in Erscheinung trat. Eine lange Zeit seit seiner Pubertät …

 

„Es soll euch zuerst um Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit gehen, dann wird euch das Übrige alles dazugegeben.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 6,33)

 

Zu guter Letzt

Ihr habt es im Laufe des Lesens wahrscheinlich schon gemerkt, dass man mit Aussagen über das Leben von Jesus vorsichtig sein muss, da nur schwer zu klären ist, was genau an der Überlieferung historisch ist.

Ich hab diesen Artikel ein bisschen ironisch geschrieben. Nicht, weil ich mich über Jesus lustig machen will (bestimmt nicht!), sondern weil in der Geschichte der Christenheit eine Menge entstanden ist, über das sich Jesus, glaube ich, nicht freuen würde. Zumindest nicht der Jesus, den wir in den biblischen Texten kennenlernen.

 

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Selbst geht ihr nicht hinein, und die, die hineingehen wollen, lasst ihr nicht hinein.“

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(Matthäus-Evangelium 23,13-14)

 

Der Mystiker Jesus

In letzter Zeit tauchen auch Bücher auf, die Jesus als Mystiker diskutieren.

Voll krass! – Geht das überhaupt? Kann ein Sohn Gottes und die zweite Person des dreieinigen Gottes ein Mystiker sein?

 

„In Gott hat ja alles nicht nur seinen Ursprung, sondern auch sein Ziel,
.
und er will viele als seine Söhne und Töchter an seiner Herrlichkeit teilhaben lassen.
.
Aber um diesen Plan zu verwirklichen, war es notwendig, den Wegbereiter ihrer Rettung durch Leiden und Sterben vollkommen zu machen. Er, der sie heiligt, und sie, die von ihm geheiligt werden, haben nämlich alle denselben Vater.
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Aus diesem Grund schämt sich Jesus auch nicht, sie als seine Geschwister zu bezeichnen, etwa wenn er sagt:
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‚Ich will meinen Brüdern verkünden, wie groß du bist, o Gott; mitten in der Gemeinde will ich dir Loblieder singen. (Psalm 22,23)'“

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(Hebräerbrief; Neues Testament; 2,10-12)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Wärst du auch gerne mit Sex-Workern befreundet?

 

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„Au Salon de la rue des Moulins“ von Henri de Toulouse-Lautrec (1894) via Wikimedia Commons – public domain

 

„… Was für ein Schlemmer und Säufer, dieser Freund der Zolleinnehmer und Sünder! …“

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(Kritik von Zeitgenossen von Jesus; Bibel, Neues Testament; Matthäus-Evangelium 11. Kapitel, Vers 19)

 

Was würden wohl deine Familie und deine Freunde dazu sagen?

Jesus hatte keinen guten Ruf zu verlieren. Zumindest nicht in den frommen Kreisen seiner Zeit.

Ein Freund von Nutten und korrupten Kollaborateuren mit der verhassten römischen Besatzungsmacht. – Der Ausdruck „politisch inkorrekt“ wäre eine grobe Verharmlosung. – Jesus hatte nicht nur populäre Menschen unter seinen Freunden. Er hatte ein Herz für die Loser seiner Zeit. Und er suchte das Gespräch mit denen, um die andere einen Bogen machten.

Jesus war eine äußerst umstrittene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens seiner Zeit. Ein Konflikt, der ihn am Ende das Leben kostete.

 

„Dann verließ Jesus die Stadt und ging wie gewohnt zum Ölberg hinaus. Seine Jünger begleiteten ihn …
.
Er entfernte sich ein kleines Stück von ihnen, kniete nieder und betete:
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‚Vater, wenn es dein Wille ist, dann lass diesen bitteren Kelch des Leidens an mir vorübergehen. Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen.‘
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Da erschien ein Engel vom Himmel und gab ihm neue Kraft. Jesus litt Todesängste und betete so eindringlich, dass sein Schweiß wie Blut auf die Erde tropfte.
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Als er nach dem Gebet aufstand und zu seinen Jüngern zurückkehrte, sah er, dass sie eingeschlafen waren, erschöpft von ihren Sorgen und ihrer Trauer.“
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(Lukas-Evangelium; Neues Testament; 22,39-45)

 

Das älteste Gewerbe der Welt

Prostitution. Leider ein zeitloses Thema. Und nicht nur die Sex-Worker selbst haben Probleme, sondern seit je her bringt dieser Beruf auch Probleme für den Rest der Welt mit sich. – Es gibt professionelle Organisationen, die versuchen zu helfen, in diesem komplizierten Milieu. Und es gibt Kirchen, die offene Türen haben.

Die Art und Weise, wie Jesus Nutten begegnete, ist bestimmt ein Aspekt seines Lebens, der Menschen die letzten 2000 Jahre besonders berührt hat. Prostitution geht an die Substanz des menschlichen und gesellschaftlichen Miteinanders. Die nüchterne Bezeichnung „Prostitution“ macht die ganze Angelegenheit nicht harmloser.

Die krasseste Jesus-Erzählung dazu wäre wohl diese:

 

Einmal wurde Jesus von einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Er ging in das Haus dieses Mannes und setzte sich an den Tisch. Da kam eine Prostituierte herein, die in dieser Stadt lebte. Sie hatte erfahren, dass Jesus bei dem Pharisäer eingeladen war. In ihrer Hand trug sie ein Fläschchen mit wertvollem Salböl. Die Frau ging zu Jesus, kniete bei ihm nieder und weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihrem Haar trocknete sie die Füße, küsste sie und goss das Öl darüber.

Der Pharisäer hatte das alles beobachtet und dachte: „Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, müsste er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührt. Sie ist doch eine stadtbekannte Hure!“

„Simon, ich will dir etwas erzählen“, unterbrach ihn Jesus in seinen Gedanken.

„Ja, ich höre zu, Lehrer‘, antwortete Simon.

„Ein reicher Mann hatte zwei Leuten Geld geliehen. Der eine Mann schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig. Weil sie das Geld aber nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden. Welcher der beiden Männer wird ihm nun am meisten dankbar sein?“

Simon antwortete: „Bestimmt der, dem er die größte Schuld erlassen hat.“

„Du hast Recht!“, bestätigte ihm Jesus. Dann blickte er die Frau an und sagte:

„Sieh diese Frau, Simon! Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben, was doch sonst selbstverständlich ist. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mich nicht mit einem Kuss begrüßt. Aber seit ich hier bin, hat diese Frau immer wieder meine Füße geküsst. Du hast meine Stirn nicht mit Öl gesalbt, während sie dieses kostbare Öl sogar über meine Füße gegossen hat. Ich sage dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben; und darum hat sie mir so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.“

Zu der Frau sagte Jesus: „Deine Sünden sind dir vergeben.“

Da tuschelten die anderen Gäste untereinander: „Was ist das nur für ein Mensch! Kann der denn Sünden vergeben?“

.
(Lukas-Evangelium 7,36-50)

 

Neugierig geworden?

EINE BEGEGNUNG, DIE ALLES VERÄNDERTE – DAS GLEICHNIS VON DEN BEIDEN SCHULDNERN (LK 7,36-50) | WORTHAUS 1.2.1

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

berühren

 

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Säugling während des Stillens, Foto von Petr Kratochvil via Wikimedia Commons – public domain

 
Wir verlieren uns schnell in Gedanken und Argumentationen, führen endlose Diskussionen im Kopf und mit anderen Menschen, bleiben hängen in immer wieder denselben Gedankengängen …

Wenn wir versuchen, dicht an einfachen menschlichen Erfahrungen zu bleiben, kann uns das vielleicht davor bewahren, uns in Theorien zu verirren.

Eine der grundlegendsten menschlichen Erfahrungen ist die Berührung und das Berührt-werden. – Notwendig zum Überleben.

 

fühlen

Schon der kleine neue Mensch, der im Bauch der Mama wächst, fühlt. Wahrnehmungen füttern das Gehirn mit Informationen, und die Eindrücke werden zu den ersten Erinnerungen von der Umwelt.

Nach der Strapaze der Geburt – noch bevor das Neugeborene richtig sehen kann – erlebt es Berührungen und Haut; Hände, die es halten und streicheln, und den Körper der Mutter, der ihm alles gibt, was es braucht.

Erwachsene sind gegenüber Kindern übermächtig; und Eltern gehören zu den ersten Allmächtigen, welche sie kennenlernen. Kinder werden berührt und lernen zu berühren.

 

Wohin soll ich gehn vor deinem Geist,
wohin vor deinem Antlitz entlaufen!

.

Ob ich den Himmel erklömme, du bist dort,
bettete ich mir das Gruftreich, da bist du.

.

Erhübe ich Flügel des Morgenrots, nähme Wohnung am hintersten Meer,
dort auch griffe mich deine Hand, deine Rechte faßte mich an.

.

Spräche ich: »Finsternis erhasche mich nur, Nacht sei das Licht um mich her!«,
auch Finsternis finstert dir nicht, Nacht leuchtet gleichwie der Tag,
gleich ist Verfinsterung, gleich Erleuchtung.

.

Ja, du bists, der bereitete meine Nieren, mich wob im Leib meiner Mutter!
Danken will ich dir dafür, daß ich furchtbar bin ausgesondert:
sonderlich ist, was du machst, sehr erkennts meine Seele.

.

Mein Kern war dir nicht verhohlen, als ich wurde gemacht im Verborgnen, buntgewirkt im untersten Erdreich,

.

meinen Knäul sahn deine Augen, und in dein Buch waren all sie geschrieben,
die Tage, die einst würden gebildet, als aber war nicht einer von ihnen.

.
(Bibel / Tanach / Altes Testament, Psalm 139, Verse 7-16)

 

Haut

Berührungen werden durch die Haut vermittelt. Haut an Fingern, Händen, Füßen, Kopf, …

Die Haut. Das größte Organ. Sie schützt uns und ist gleichzeitig eine durchlässige Membrane zwischen Innen und Außen. Sie grenzt uns ab und vermittelt Wahrnehmungen aus der Welt um uns her …

 

 

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„Got you, daddy!“ von Clarence Goss, USA, via Wikimedia Commons (Flickr: Got You Daddy) – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

Hände und Händehalten

Es gibt kaum etwas Niedlicheres als die Finger und Fingernägel von Babys. Und später sind es diese Hände, die die Kinder überall drin haben, und greifen und be-greifen.

Berührungen erhalten ihre Wirkung durch den Zusammenhang. Das Händchenhalten in der Kita fühlt sich für die Kinder anders an, als später das Händehalten mit Freundin oder Freund.

Der Handschlag mit dem neuen Geschäftspartner fühlt sich anders an als das Händeschütteln mit einem alten Freund. Und wenn sich Sportler nach einem Tor in die Arme fallen, ist das anders, als wenn man einen Trauernden in den Arm nimmt.

Wir berühren einander in den Rollen, die wir ausfüllen – und das muss kein künstliches Schauspielern sein. Auch der aufrichtigste und natürlichste Mensch ist in Beziehungen eingebunden, in denen er (s)eine Rolle spielt.

 

Sehende und hörende Hände

Blinde sehen mit den Händen, und Taubstumme können mit den Händen die Sprache erlernen. Und ein alter, sterbender Mensch, der schon blind und taub ist, spürt doch noch eine Berührung, einen Händedruck und ein Händehalten.

 

rühren

In „Berührung“ steckt „rühren“. Das Wort „rühren“ hat mit  Bewegung  zu tun. Berührungen können etwas in Gang setzen: Gedanken, Gefühle, Menschen … – Unsere Worte und Blicke können andere Menschen tief berühren.

 

Blicke, die unsere Seele berühren

Wir können mit Blicken etwas „ab-tasten„. – Auf Neu-Deutsch: Wir „scannen“ unsere Umgebung.

Die Blicke oder die Stimme eines Anderen – oder  einer  Anderen – können mein Herz bewegen und es schneller schlagen lassen, und in meiner Seele rühren …

 

Dein blaues Auge hält so still,
Ich blicke bis zum Grund.
Du fragst mich, was ich sehen will?
Ich sehe mich gesund.

Es brannte mich ein glühend Paar,
Noch schmerzt das Nachgefühl;
Das deine ist wie See so klar
Und wie ein See so kühl.

.
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(Klaus Groths Gesammelte Werke. Vierter Band. Plattdeutsche Erzählungen – Hochdeutsche Gedichte, Kiel und Leipzig, Verlag von Lipsius & Tischer, 1893, S. 176)

 

*

 

Zart wie Windhauch – Wenn Gott uns berührt …

 

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Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle), Foto von Jörg Bittner Unna (Own work) via Wikimedia Commons – CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

 

… Am Tag, da ER, Gott, Erde und Himmel machte,noch war aller Busch des Feldes nicht auf der Erde, noch war alles Kraut des Feldes nicht aufgeschossen, denn nicht hatte regnen lassen ER, Gott, über die Erde, und Mensch, Adam, war keiner, den Acker, Adama, zu bedienen: aus der Erde stieg da ein Dunst und netzte all das Antlitz des Ackers, und ER, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker, er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens,und der Mensch wurde zum lebenden Wesen.

.
(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose 2. Kapitel, Verse 4-7)

 

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, ist ein Lebensspender. Gottes Hauch macht Totes lebendig, und drängt in allem Lebendigen zu Wachstum und Segen und dem Wohl der Schöpfung. – Leben, Generation nach Generation.

Menschen können sich glücklich schätzen, wenn sie als Kinder durch Berührungen Liebe kennengelernt haben – und nicht Missbrauch:

Zart war ich, bitter war’s

Familien sollten die Orte sein, wo Menschen sich sicher und Zuhause fühlen und den Segen Gottes erfahren. Orte, wo der Geist der Liebe, als unsichtbares Band, die Generationen mit einander verbindet.

Liebe. Geist. Lebenshauch. – Flüchtig, nicht greifbar, und doch lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen.

 

 

*

 

… er hauchte sie an und sagte: „Empfangt den Heiligen Geist!“
.
„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben.“
.
.
(Johannes-Evangelium 20,22-23)

 

Jesus

Jesus hatte viele Berührungen mit Menschen – im übertragen Sinn und auch buchstäblich.

Bei einer Erzählung von Jesus spielen Berührungen eine besondere Rolle:

 

… Auf dem Weg … drängte sich die Menge um Jesus. Darunter war auch eine Frau, die seit zwölf Jahren an starken Blutungen litt. Ihr ganzes Vermögen hatte sie für die Ärzte aufgewendet, doch niemand hatte sie heilen können. Sie kam von hinten heran und berührte einen Zipfel seines Gewandes.

Sofort hörte die Blutung auf. „Wer hat mich berührt?“, fragte Jesus. Doch niemand wollte es gewesen sein.

Petrus sagte: „Rabbi, die Menge drängt und drückt dich von allen Seiten!“ Doch Jesus bestand darauf: „Es hat mich jemand angerührt, denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.“

Als die Frau sah, dass sie nicht verborgen bleiben konnte, fiel sie zitternd vor Jesus nieder. Vor allen Leuten erklärte sie, warum sie ihn berührt hatte und dass sie im selben Augenblick geheilt worden war.

„Meine Tochter“, sagte Jesus da zu ihr, „dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“

.
(Die Bibel, Neues Testament, Lukas-Evangelium, 8. Kapitel, Verse 42-47)

 

„Na, warte mal ab! Wie kannst du dir da so sicher sein, dass du geheilt worden bist? Vielleicht ist das ja jetzt nur die Aufregung, und wenn du wieder alleine Zuhause sitzt, ist wieder alles beim Alten: ein ewiges Ausbluten.“

 

Der Erzähler der biblischen Geschichte teilt solch menschliche Skepsis nicht. Für ihn ist ganz klar: Jesus  ist  so! Und wenn Menschen ihn berühren, werden sie gesund.

Berührung kann Kraft kosten und Kraft geben, und Menschen heil werden lassen.

 

Berührungs-Stress

Be-gegen-ungen zwischen Menschen sind oft anstrengend. Mit unseren Augen ver-hand-eln wir unsere Blick-Kontakte, und Augen, die uns anstarren, machen uns nervös. Blicke können Körper und Seelen begrabschen …

Ein Blick kann uns treffen und verletzen; und die strafenden Blicke der Eltern halten die Kinder auf rechter Bahn …

Auch das  Wort  eines Anderen kann uns treffen oder berühren. Wir ringen um Worte, liefern uns Wortgefechte im Schlag-Abtausch oder fummeln uns mit schleimigen Worten in die Seele eines anderen.

Menschen kosten Kraft. Schon eine Begrüßung kann bei manchen Menschen in Stress ausarten: „Sag ich einfach ‚Hallo‘ oder gebe ich die Hand?“ – „Was mach ich, wenn der andere mich umarmt?“ – „Kränke ich jemand, wenn ich nicht umarme?“

Menschen. – Wir können nicht ohne sie leben, und nicht mit ihnen.

Ich habe mein ganzes Leben bisher als moderner Stadtmensch gelebt – in der Anonymität einer Großstadt. Mein Leben berührt ständig das Leben anderer Menschen, und mein eigenes wird berührt: Ein flüchtiger Blick in der U-Bahn oder auf der Straße, ein Lächeln, …

Vor Jahren sah ich einmal ein Plakat, das funktionierte ungefähr so:

 

gemEINSAMkeit

 

Leben, einfach

Für manche Menschen heutzutage ist das eigentlich ganz normale Leben schon zu etwas Seltenem geworden: Zeit mit Familie und echten Freunden verbringen – berühren und berührt werden. Einfach leben.

Wie wäre es, wenn wir selbst in unserer Seele gesund würden, und Menschen, deren Leben durch unsers berührt wird, Heilung erfahren? – Vertrauen  hatte die Frau, die Jesus berührt hat, gesund werden lassen.

 

Berührt werden und berühren

Die Episode mit der gesund-gewordenen Frau ist nur ein Ausschnitt der  ganzen  Geschichte. Hier nun die vollständige Erzählung:

 

Als Jesus ans andere Ufer zurückkam, empfing ihn eine große Menschenmenge, denn sie hatten auf ihn gewartet. Da kam ein Synagogenvorsteher zu ihm, namens Jaïrus. Er warf sich vor ihm nieder und bat ihn, in sein Haus zu kommen, weil seine einzige Tochter, ein Mädchen von zwölf Jahren, im Sterben lag.

Auf dem Weg dorthin drängte sich die Menge um Jesus. Darunter war auch eine Frau, die seit zwölf Jahren an starken Blutungen litt. Ihr ganzes Vermögen hatte sie für die Ärzte aufgewendet, doch niemand hatte sie heilen können. Sie kam von hinten heran und berührte einen Zipfel seines Gewandes.

Sofort hörte die Blutung auf. – „Wer hat mich berührt?“, fragte Jesus. Doch niemand wollte es gewesen sein.

Petrus sagte: „Rabbi, die Menge drängt und drückt dich von allen Seiten!“ Doch Jesus bestand darauf: „Es hat mich jemand angerührt, denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.“

Als die Frau sah, dass sie nicht verborgen bleiben konnte, fiel sie zitternd vor Jesus nieder. Vor allen Leuten erklärte sie, warum sie ihn berührt hatte und dass sie im selben Augenblick geheilt worden war.

„Meine Tochter“, sagte Jesus da zu ihr, „dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“

Während Jesus noch mit ihr sprach, kam jemand aus dem Haus des Synagogenvorstehers und sagte zu Jaïrus: „Deine Tochter ist gestorben. Du brauchst den Rabbi nicht weiter zu bemühen.“

Jesus hörte es und sagte zu dem Vorsteher: „Hab keine Angst! Vertrau mir, dann wird sie gerettet werden!“

Er ging in das Haus, erlaubte aber niemand, ihn zu begleiten, außer Petrus, Johannes und Jakobus und den Eltern des Kindes. Das ganze Haus war voller Menschen, die laut weinten und das Mädchen beklagten. „Hört auf zu weinen!“, sagte Jesus zu ihnen. „Das Kind ist nicht tot, es schläft nur.“

Da lachten sie ihn aus, denn sie wussten, dass es gestorben war. Doch Jesus fasste es bei der Hand und rief: „Kind, steh auf!“ Da kehrte Leben in das Mädchen zurück und es stand gleich auf. Jesus ordnete an, ihr etwas zu essen zu geben.

 

Die Kleine hatte bestimmt großen Hunger.

Eine rührende und berührende Geschichte. – „Jesus fasste es bei der Hand.“ Jesus zieht einen kleinen Menschen aus der Unterwelt zurück ins Leben und verwandelt Trauer und Verzweiflung in Freude und Glück.

Leben aus dem Tod.

 

Salben & Segnen

Auch bei einer anderen Erzählung in den Evangelien spielt Berührung eine Rolle. Hier kostet sie nicht nur Kraft, sondern ist auch in höchstem Maße peinlich. – Allerdings für wen?

„Jesus und die Sünderin“:  EINE BEGEGNUNG, DIE ALLES VERÄNDERTE – DAS GLEICHNIS VON DEN BEIDEN SCHULDNERN  (LK 7,36-50)  |  (Worthaus 1.2.1)

 

Segnen, salben („Christus“ = Messias = hebr. „Maschiach“ = Gesalbter) und Handauflegung spielt in biblischen Texten immer wieder eine Rolle.

Bei Berührungen passiert etwas zwischen Menschen, und das Leben und die Zukunft verändern sich.

 

Heiliges Küssen

Im Römerbrief geht es um Gott und die Welt, Himmel und Hölle, Menschenkrampf und göttliches Leben in heiligem Geist. Und ausgerechnet der Römerbrief endet mit einer langen Liste von Grüßen und mit den Worten:

 

Begrüßt einander mit dem heiligen Kuss …

.
(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom, 16,16)

 

Wenn heilige Texte zu heilsamen Texten werden …

 

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Gebiete mit vorherrschend abrahamitischen (rosa) oder dharmischen (gelb) Religionen; von Dbachmann via Wikimedia Commons [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en]

 

„Heilige Texte“ …

… gibt es nicht nur im Christentum. Von allen Religionen sind es allerdings besonders das Judentum, das Christentum und der Islam (die „abrahamitischen“ Religionen), welche als „Buch-Religionen“ bekannt sind. So schreibt z.B. Wikipedia (es gibt einen ganzen Wikipedia-Artikel zum Thema Buchreligion!):

 

Der klassische Typ der Buchreligion wird durch Judentum, Christentum und Islam verkörpert.

(Wikipedia)

 

„heilig“

Seit wann werden überhaupt  Texte  als  „heilig“  bezeichnet?  Gott selbst, der Absolute, ist doch eigentlich der Heilige. – Kultische Gegenstände werden allerdings auch als heilig bezeichnet (nachzulesen z.B. in der Tora). Wenn man hingegen sich z.B. den 119. Psalm anschaut, immerhin ein Loblied auf die Tora, scheint das Wort „heilig“ dort überhaupt nicht vorzukommen.

Ist der sprachliche Ausdruck „heiliger Text“ schon das Ergebnis einer längeren Entwicklung antiker jüdischer Frömmigkeit? Inwieweit entspricht der Begriff überhaupt jüdischer Frömmigkeit und wo übertragen wir „christliche“ Konzepte von einem heiligen Buch (unserer Bibel) auf das Judentum?

 

heil-sam

Fragen, Fragen, Fragen, … – Oft sind die Dinge nicht mehr so einfach, wenn man dichter herangeht und genauer hinschaut.

Damit unsere heiligen Texte zu heilsamen Texten werden können, müssen wir einen unangemessenen, un-heil-vollen und ungesunden Umgang mit ihnen beenden. Gegenstand eines gesunden Glaubens ist Gott, und nicht ein Götze. (Auch nicht einer aus Papier.)

 

Natürlich bin auch ich nur ein Mensch, aber ich kämpfe nicht mit menschlichen Mitteln. Ich setze nicht die Waffen dieser Welt ein, sondern die Waffen Gottes. Sie sind mächtig genug, jede Festung zu zerstören, jedes menschliche Gedankengebäude niederzureißen, einfach alles zu vernichten, was sich stolz gegen Gott und seine Wahrheit erhebt.
Alles menschliche Denken nehmen wir gefangen und unterstellen es Christus, dem es gehorchen muss.
.
(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ zweiter Brief an die christliche Gemeinde in Korinth, 10. Kapitel, Verse 3-5)

 

fundamentalistisch

Heilige Texte sind von fundamentaler Bedeutung für die abrahamitischen Religionen. In  diesem  Sinn wären alle drei dann auch „fundamentalistisch“.

Das Verhältnis von jüdischen, christlichen und muslimischen Gläubigen zu ihren heiligen Texten ist allerdings vielfältig und vielschichtig, und ich bezweifle, dass sie alle sich gern mit dem Begriff „Buchreligion“ identifizieren würden. Ziel unseres Glaubens ist doch der Schöpfer des Universums selbst, die Quelle des Lebens, und nicht ein Buch.

 

Wer an Gott glaubt, wird göttlich; wer an ein Buch glaubt, wird ein Bücherwurm. – Wir werden zu dem, das wir hingebungsvoll verehren.

 

Insbesondere hat man das Wesen des Christentums mit dem Begriff „Buchreligion“ nicht gut erfasst, denn zumindest das frühe Christentum hatte noch keine christliche Bibel. (Ich warte immer noch darauf, dass mir jemand sagt, wann denn zum ersten Mal jemand eine christliche Bibel in der Hand gehalten hat. – Hab es selbst leider noch nicht herausgefunden.)

 

 Jetzt aber, wo wir dem Gesetz gegenüber gestorben sind, das uns gefangen hielt, unterstehen wir ihm nicht länger. Wir stehen jetzt im Dienst einer neuen Ordnung, der des Geistes, und unterstehen nicht mehr der alten Ordnung, die vom Buchstaben des Gesetzes bestimmt war.

(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom, 7,6)

 

Licht und Schatten

Die fundamentale Bedeutung von heiligen Texten hat positive und negative Aspekte, Licht und Schatten. (Manche kriegen bei dieser Vorstellung wahrscheinlich schon eine Krise. Dies zeigt wie groß unser Bedürfnis nach einem vollkommenen Nachschlagewerk ist.)

Dies ist an sich auch keine besondere Eigenschaft heiliger Texte. Was wir als Menschen schaffen, hat immer (mindestens) zwei Seiten.

Wir sind so verloren, verirrt, schwach und bedürftig, dass wir uns so gerne an etwas Heilem, Vollkommenen, Soliden festhalten möchten. Die Gefahr ist groß, dass wir versuchen uns selber das zu erschaffen, wonach wir uns sehen.

 

Aber der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht (Jesaja 66,1-2):
»Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen«, spricht der Herr, »oder was ist die Stätte meiner Ruhe?
.
(Neues Testament, Apostelgeschichte 7,48-49)

 

aus dem Zusammenhang gerissen

Ein negativer Aspekt bei heiligen Texten ist, dass Texte immer nur ein kleines Bruchstück der ursprünglichen Kommunikation konservieren. Dies ist, im Übrigen, ein entscheidendes Problem jeglicher Verschriftlichung von Kommunikation, dass es sich immer nur um einen Ausschnitt, eine Reduzierung der Wirklichkeit auf Text handelt.

Die Funktion von Kommunikation, die Bedeutung und Wirkung von Worten, ergibt sich immer erst durch den Zusammenhang. Wenn z.B. jemand sagt „Halt die Klappe!“, wissen wir nur durch den Zusammenhang, ob dies eine Aufforderung ist, leise zu sein, oder ob es buchstäblich um das Halten einer Klappe geht.

Bei Verschriftlichung wird Kommunikation auf Buchstaben reduziert und erstarrt als Text, während das Leben weitergeht. Der gesamte außertextliche Zusammenhang (Umstände des Verfassens / Situation, Kenntnisse von Verfasser und Empfänger über einander, kulturelle Bedingungen, Zeitgeschichte, …), der uns erklärt, wie der Text zur Zeit, als er verfasst wurde, gemeint war und wie er genau funktioniert hat, geht immer mehr verloren. Texte können überliefert werden – die komplexen Lebensumstände menschlicher Existenz, in der sie entstanden sind, nicht (nicht vollständig).

 

 Ich hätte euch noch vieles mitzuteilen, aber ich möchte es nicht mit Papier und Tinte tun. Vielmehr hoffe ich, euch demnächst besuchen zu können. Dann werden wir Gelegenheit haben, persönlich miteinander zu reden, …

(2. Brief des Johannes, Vers 12)

 

Je weiter der Leser von der ursprünglichen Kommunikation räumlich und zeitlich entfernt ist, desto schwieriger wird es. Nur das, was mit den Buchstaben einer Schrift auf einem Schreibmaterial codiert werden kann, wird überliefert und bleibt erhalten. Die Texte entfernen sich immer mehr vom Leben – sowohl vom Leben, als sie entstanden sind, als auch vom Leben des Lesers, der sie viel später liest.

Es braucht mühsame historische und literaturwissenschaftliche Arbeit, um sich einen Teil des außertextlichen Zusammenhangs wieder zu erschließen – und auch das geht nur unter Vorbehalt, denn auch unser Wissen über die Zeitgeschichte der Texte und die Umstände, unter denen sie verfasst wurden, bleibt natürlich immer unvollständig, und der Laie ist hier auf die Arbeit von Experten angewiesen.

Wenn wir glauben, dass Gott sich zu konkreten Zeitpunkten in der Vergangenheit, in historischen Situationen und unter den gegebenen Bedingungen offenbart hat und dass dies schriftlich zum jeweiligen Zeitpunkt in der gerade aktuellen Version einer Sprache festgehalten wurde, dann sollten wir auch einräumen, dass ein großer Teil dieser Kommunikation nicht sicher rekonstruierbar ist.

Noch nicht einmal die Sprache, in der Texte verfasst werden, bleibt gleich. Moderne Griechen können z.B. die altgriechischen Texte des Neuen Testaments nicht mehr richtig lesen und verstehen, und wir brauchen Sprachwissenschaftler, um uns unsere modernen Übersetzungen zu machen.

Es gäbe keine einzige gute Bibelübersetzung, wenn es nicht entsprechend kundige Leute mit „Spezialwissen“ gegeben hätte. – Und wie überprüfen wir überhaupt, was eine gute Übersetzung ist? Wir können ja beim Verfasser nicht rückfragen, ob wir ihn auch richtig verstanden haben!

 

… Stückwerk ist unser Erkennen, …
Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse …
(Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth 13, 9-12)

 

nicht vom Himmel gefallen

Keiner der jüdischen oder christlichen heiligen Texte präsentiert sich als ein Text, der vom Himmel gefallen ist. Alle diese Texte sind irgendwann einmal aufgeschrieben und danach weiter überliefert worden. Im Prozess der Überlieferung sind auch zumindest kleinere und vielleicht/wahrscheinlich auch größere Veränderungen vorgenommen worden, und in den meisten biblischen Texten wird kaum etwas zur Erstellung des endgültigen Textes gesagt.

 

„Göttliche Autorität“ am Beispiel Lukas-Evangelium

Das Lukas-Evangelium im Neuen Testament fällt auf, denn der Verfasser sagt am Anfang etwas darüber, warum er diesen Text verfasst hat. (Die anderen drei Evangelien tuen dies nicht.) Er bezieht sich ausdrücklich auf ältere Quellen, sagt aber nichts zu einem göttlichen Auftrag oder göttlicher Inspiration.

Da fragt man sich dann schon, woher z.B. die evangelische Allianz ihr Bekenntnis zur Bibel hat:

 

Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.

 

Hat man sich da vielleicht selber etwas gemacht, das man gerne hätte?

Die evangelische Allianz hat dies natürlich auch nicht neu erfunden, sondern steht damit selbst in einer noch älteren Tradition.

 

Keine unbeschriebenen Blätter

Kein Leser ist ein unbeschriebenes Blatt. Wir haben alle schon unsere persönliche und kulturelle Prägung und unsere Meinungen, Überzeugungen und Vorverständnisse, wenn wir anfangen, unsere heiligen Texte zu lesen.

Es gibt allerdings Hilfsmittel, um sich dessen bewusst zu werden. So hilft der Ansatz der Integralen Theologie das eigene Denken und die biblischen Texte in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Auch Bücher von Theologen, wie „Update für den Glauben“ von Klaus-Peter Jörns oder die Bücher von Paul R. Smith können helfen, einen frischen Blick auf die alten Texte zu bekommen.

 

Der Lesende als der Ort der Offenbarung

Wichtiger noch, als die Frage, was denn genau in den Texten steht, ist die Frage, wie wir sie lesen und wie wir mit ihnen umgehen. (Hab dazu mal eine kleine „Bibel-Serie“ angefangen.) Wenn man heilige Texte instrumentalisiert und als Waffen verwendet, wird menschliche Gemeinschaft zum Schlachtfeld religiöser Argumente.

Ob durch diese Texte auch heute noch etwas Gutes mit uns passieren kann, das kann jeder ausprobieren. Positive Wirkungen des Lesens könnten die beste Werbung für die Texte sein.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
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(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

zeitlose Wahrheit

Es ist selbstverständlich die Überzeugung der abrahamitischen Religionen, dass in diesen Texten etwas überliefert worden ist, das zeitlose Bedeutung hat. Mit dieser Überzeugung bewegen wir uns jetzt allerdings auf der Ebene des Glaubens; ein wissenschaftlicher Zugang kommt hier an seine Grenzen. Die Frage, was wir denn glauben  wollen, schwingt hier immer mit und ist für jeden von uns, egal ob fromm, Atheist, Agnostiker oder irgendwas anderes, eine ganz ent-scheidende Frage.

Heilige Texte können uns beim multi-perspektivischen Erfassen der Wirklichkeit unterstützen. Gerade durch den zeitlichen Abstand und, im Falle der Bibel, den langen Zeitraum, über den die Texte entstanden sind, eröffnet sich ein großer vierdimensionaler Deutungs- und Wirkungsraum, in dem sich viel entdecken lässt, über das Wirken Gottes in seiner Welt.

 

Ein Schatz

Ich bin mit der Bibel aufgewachsen, und sie ist einer der großen Schätze in meinem Leben.

Ein positiver Aspekt von Texten ist, dass Texte uns auf eine Art und Weise mit den Menschen der Vergangenheit verbinden, wie es andere historische Quellen nicht tun können. Die überlieferten heiligen Texte schenken uns auf vielfältige Weise Einblick in das Denken und Leben von frommen Menschen der Vergangenheit und können uns gerade durch den Kontrast zur Gegenwart inspirieren und Neues entdecken lassen.

Unsere heiligen Texte sind keine banalen Alltagstexte, sondern Texte, die man überliefert hat, weil man glaubte, dass sie auch für die Zukunft der Menschheit von Bedeutung sein werden …

 

Wenn unsere heiligen Texte zu heilsamen Texten werden, wird sich unsere Welt verändern.

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Himmelfahrt

[Eine neuere Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]

 

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„Jesus‘ Ascension to Heaven“ von John Singleton Copley [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… während er sie segnete, verließ er sie und wurde in den Himmel hinaufgehoben.

——-

(Bibel, Neues Testament, Lukas-Evangelium, 24. Kapitel, Vers 51)

 

Vier unserer Feiertage erinnern an wichtige Ereignisse in den Erzählungen über den Mann aus Nazareth: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt. – Es ist zwar noch nicht ganz so weit, aber ihr könnt diesen Post ja in 9 Wochen noch mal lesen.  😉

Ich habe, wenn ich an Himmelfahrt denke, immer die Szene auf dem Ölberg im Kopf, wo Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet und dann auf einer Wolke gen Himmel entschwindet und zwei Engel dabei sind. Diese Vorstellung stammt von der Beschreibung im ersten Kapitel der Apostelgeschichte.

 

»… ihr werdet den Heiligen Geist empfangen und durch seine Kraft meine Zeugen sein …«
Nachdem er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen in den Himmel emporgehoben. Eine Wolke verhüllte ihn, und sie sahen ihn nicht mehr.
——-
(Apostelgeschichte 1, 8-10)

 

Am Ende des Johannes-Evangeliums kommt diese Szene überhaupt nicht vor. In der ursprünglichen Fassung von Markus kommt dies Szene wahrscheinlich auch nicht vor. Einige Handschriften haben allerdings ein paar Verse am Ende von Markus, wo Jesus den Jüngern bei einer Mahlzeit erscheint, zu ihnen spricht und dann „in den Himmel aufgenommen wird“. Auch keine Szene mit Berg und Wolke und Engeln.

Am Ende von Matthäus erscheint Jesus den Jüngern erstaunlicherweise auf einen Berg in Galiläa und es wird gar nichts von einer Himmelfahrt erzählt. Nur am Ende vom Lukas-Evangelium finden wir auch eine Himmelfahrt in der Nähe von Jerusalem und Bethanien (Ölberg), was als Buch natürlich eine große Nähe zur Apostelgeschichte hat. Die Apostelgeschichte knüpft genau an der Stelle wieder an.

Ich war überrascht, dass sich die Szene, so wie ich sie im Kopf hatte, nur in der Apostelgeschichte findet. Was wollen all diese Erzählungen zum Ausdruck bringen? Und in welcher Form finden wir das in den restlichen neutestamentlichen Schriften? Und knüpft all das an Motive an, die den Menschen zur Zeit Jesu schon vertraut waren?

 

Henoch ging mit Gott, dann war er nicht mehr da; denn Gott hatte ihn aufgenommen.

——-

(Tanach / Altes Testament, Bereschit / Genesis / 1. Mose 5,24)

 

[Eine neuere Überarbeitung dieses Artikels findet ihr hier.]