Tobias Faix | Jahreslosung 2018: Gottessehnsucht und Alltagspragmatismus – Über die Sehnsucht des Menschen und die Hoffnung des Glaubens

 

Tobias Faix auf seinem Blog zur diesjährigen Jahreslosung:

„Jahreslosung 2018: Gottessehnsucht und Alltagspragmatismus: Über die Sehnsucht des Menschen und die Hoffnung des Glaubens.“

 

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Geliebt und gehasst: Christmas is coming soon to a place near you

 

New Life
By The Cookiemonster [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Weihnachten. Nur eine leere Verpackung? Tradition ohne Bedeutung? Hübsch eingepackt – aber nichts drin? Eine Mogelpackung?

Was feiern wir noch mal?

Auch für die Menschen, die wirklich noch die Erzählung von der Geburt von Jesus aus Nazareth ernst nehmen, stellt sich die Frage, welchen Sinn das Feiern von etwas macht, das 2000 Jahre her ist? Mit welchen frommen, oder auch weniger frommen, Weihnachtstricks können wir diesem Spitzenprodukt christlicher Tradition wieder Bedeutung für das Leben der Menschen verschaffen? Und ist dieses Anliegen überhaupt sinnvoll? Gibt es vielleicht Wichtigeres zu tun?

Weihnachten ist kein jüdisches Fest und es war auch kein Feiertag der ersten Christen. Die Frage, ob Weihnachten überhaupt ein christliches Fest ist, kann man stellen. Und das in mehr als einer Hinsicht.

Wenn man in diesen Tagen um sich schaut, können einem bei dem Marktführer christlicher Feiertage schon Zweifel kommen: die umsatzstärkste Zeit des Jahres, ein Exzess unseres Wirtschaftssystems, Hochkonjunktur für die Müllabfuhr … und wir alle machen mit – alle Jahre wieder.

Aber inmitten aller „Jingle Bells“ ist auch noch eine kleine, leise Stimme zu hören –
für alle, die lauschen:

 

Und ein Spross wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais,
und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen.
Und auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN,
der Geist der Weisheit und des Verstandes,
der Geist des Rates und der Kraft,
der Geist der Erkenntnis und Furcht des HERRN

(Die Bibel / Tanach, Jesaja, 11. Kapitel, Verse 1-2)

 

Es ist ein Ros entsprungen
aus einer Wurzel zart,
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wohl zu der halben Nacht.

 

(https://de.wikipedia.org/wiki/Es_ist_ein_Ros_entsprungen)

 

 

Hat der Weihnachtsfrust und die enttäuschten Erwartungen auf familiäre Harmonie vielleicht auch etwas damit zu tun, dass wir den Mittelpunkt des Lebens verloren haben?

Gleichgewicht verloren. Sinn aus den Fugen geraten. Verirrte müssten sich wieder finden lassen …

Hoffnung. Licht in der Dunkelheit. Ein Gedenktag, der Orientierung geben kann. Gott wird Mensch. Majestät wird zum Kind. Großes ganz klein. Große Erwartungen nicht an uns selbst, unsere Familie und Verwandten oder an einen alljährlichen Feiertag, sondern große Erwartungen an den, der aus dem Senfkorn einen Baum wachsen lässt. Glaube, der Berge versetzt.

Auch heute noch suchen Menschen einen Ort der Ruhe und Sicherheit – wie Maria & Josef. Und auch heute noch sucht Jesus eine Welt, die er auf den Kopf stellen kann. Vielleicht kann der Advent Gottes in seine Welt noch einmal, diese Welt verzaubern. Vielleicht fängt es in deinem Leben an.

 

Progressive Theologie

 

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Innenansicht eines Stanford-Torus. Gemälde von Donald E. Davis [Public domain], via Wikimedia Commons

Seit September gibt es die Facebook-Gruppe „Progressive Theologie“ mit inzwischen 50 Mitgliedern, schon über 100 Beiträgen und Diskussion.

 

„Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.“

(Bereschit / Genesis / 1. Mose 19,26)

 

Theologie ist oft rückwärtsgewandt und beschäftigt sich mit Ideen aus der Vergangenheit. In dieser Gruppe geht es um gute, bessere Theologie für die Zukunft. Mir ist dabei auch ganz wichtig, dass es nicht eine Diskussion zwischen „Experten“ ist, sondern dass die wichtigen theologischen Themen endlich auch mehr in die breite Christenheit hineinkommen.

Theologie wird meist auf Professoren-Schreibtischen gemacht. Dort bringt sie noch nicht viel. Was wir brauchen, ist ein Denken über Gott und ein Reden von Gott, dass für Menschen funktioniert und im Alltag spürbar ist. Kann dies eine Theologie sein, die von Profis dem einfachen Gläubigen verklickert werden muss?

 

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden …

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jirmejahu / Jeremia, 31. Kapitel, Verse 31-34)

 

Schon in den biblischen Texten selbst erkennen wir eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und seinen Menschen. Manche sprechen von einer fortschreitenden Offenbarung. Eine grundlegende Frage in der Christenheit ist, in welchem Umfang sich das Reden von Gott nach dem Abfassen der biblischen Texte noch ändern darf. Das Beantworten dieser Frage ist von entscheidender Bedeutung für das geistliche Leben der Christenheit heute und für das christliche Leben eines jeden einzelnen. Dabei ist zu erwarten, dass verschiedene Christen diese Frage auch unterschiedlich beantworten werden, denn unsere Traditionen sind unterschiedlich und unsere persönlichen Erfahrungen und Rahmenbedingungen auch.

Es gibt schon viele gute Projekte und Webseiten zu Themen wie Bibel, Theologie, christlicher Glaube, Kirche, Religionen, …  Die Beschäftigung mit Vergangenem nimmt bei Religionen notwendigerweise auch einen großen Raum ein, da Überlieferung wichtig ist, damit gute Traditionen nicht abreißen und wichtige Werte nicht verloren gehen.

Gerade in der jüdisch-christlichen Überlieferung begegnet uns allerdings auch eine starke Ausrichtung auf die Zukunft (messianische Erwartungen, Wiederkunft Christi, …). Der Geist Gottes ist eine innovative Kraft. In dieser Facebook-Gruppe soll es darum gehen, wie unsere Überlieferung für die Zukunft fruchtbar sein kann und was wir an Neuem brauchen. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet ihr schon Links zu interessanten Inhalten, Projekten, …

Ich habe beim flüchtigen Googeln keinen einheitlichen Begriff „Progressive Theologie“ gefunden. Er wird z.B. auch für bestimmte islamische Theologie benutzt. Könnt ihr euch erinnern, ob und in welchem Zusammenhang ihr den Begriff schon einmal gehört habt? (Im Englischen gibt auch den Begriff „Progressive Christianity„.)

 

Lösen von Vertrautem

 

Wellenreiten
„Wellenreiter“ von Jon Sullivan via Wikimedia Commons [public domain]

 

Gottes Kommen kündigt sich darin an, dass wir fühlen: So darf ich nicht bleiben!

(Friedrich Rittelmeyer, protestantischer Pfarrer und Gründer der Christengemeinschaft; zitiert aus „Gott 9.0“, S.19)

 

Vertrautes gibt uns Sicherheit und macht unser Leben leichter …

… und die Zufriedenheit mit dem Vertrautem ist der größte Feind des Besseren. – Warum etwas Gutes aufgeben, wenn ich noch nicht kenne, was vielleicht besser sein könnte?

 

»Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!« – »Komm!«, sagte Jesus. Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu. Doch als er merkte, wie heftig der Sturm war, fürchtete er sich. Er begann zu sinken. »Herr«, schrie er, »rette mich!« Sofort streckte Jesus seine Hand aus und hielt ihn fest. »Du Kleingläubiger«, sagte er, »warum hast du gezweifelt?«

(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 14. Kapitel, Verse 28-31)

 

Ein anderes Bild:

Der Wasserspiegel steigt. Noch sitzt das Boot fest auf dem Grund. Aber dann kommt der Moment, wo ich merke, dass sich das ganze Boot bewegt und schwankt. Das Boot hat die Bodenhaftung verloren. Ich bin unterwegs. Die Landratte ist auf dem Weg ins offene Meer hinaus. Und mein Boot trägt.

Wer meint „ich glaube nur, was ich sehe,“ täuscht sich selbst. Realismus ist eine Illusion. Wir erfassen nie die gesamte Wirklichkeit. Wir wissen noch nicht einmal genug, um abschätzen zu können, wie viel uns zur Allwissenheit noch fehlt. Wir können nicht beurteilen, ob wir viel oder wenig wissen, und wir können auch nicht sicher sein, welchen Wert unser Wissen im Zusammenhang mit dem großen Ganzen hat, da wir das große Ganze noch nicht vollständig kennen.

Darum aber geht es im Glauben an Gott: Um das große Ganze. Das Unbegrenzte, Absolute. – Wir, hingegen, sind begrenzt. Unsere Wahrnehmungen und unser Verstehen sind ganz offensichtlich mangelhaft.

 

Gottesfurcht ist Anfang der Erkenntnis …

(Tanach / Altes Testament, Sprüche 1,7)

 

Glauben heißt, sich vom Vertrauten zu lösen. Leap of Faith. Sprung des Glaubens. Es ist ein Lebensstil, der dem Wissen um die eigene Begrenztheit entspricht und der offen ist für neue Erfahrungen; offen dafür, Neues zu lernen. Umso schlimmer ist es, wenn sich vermeintlich „Gläubige“ als die „Wissenden“ präsentieren, die alle Antworten besitzen. Besserwisser, die es offensichtlich nicht mehr nötig haben, von anderen zu lernen, da sie ja schon die Wahrheit besitzen.

So, wie es nicht möglich ist, alles zu wissen, so ist es allerdings auch nicht möglich zu leben, ohne Entscheidungen zu treffen. Wir müssen uns durchs Leben wurschteln, obwohl wir wissen, dass unser Verstehen der Wirklichkeit mangelhaft ist. Wir sind schwach und bedürftig. Menschen, die Hilfe und Orientierung brauchen.

Um glauben zu können, muss man auch nicht alles aufgeben, was sich schon bewährt hat. Aber man muss die totale Selbstkontrolle und seine Eigenwilligkeit aufgeben, wenn man will, dass man von  Gott  bewegt wird und für ihn brauchbar ist. Man muss Gott das Ruder überlassen. Kontrollfreaks tun sich schwer mit dem Evangelium.

Ich hab mich im Leben schon oft im Kreis gedreht. Gegrübelt und gegrübelt und bin immer wieder an denselbem Punkt angekommen. Auch so manche Diskussion zwischen Christen erscheint als festgefahren. Vielleicht ließen sich sinnlose Debatten und Spaltungen der Christenheit überwinden, wenn wir mehr bereit wären loszulassen und uns von Gott auf eine höhere Ebene heben ließen.

Was wir brauchen ist eine gute Kraft, die uns trägt und ans Ziel bringt. Eine Kraft, die über unsere eigenen Möglichkeiten hinaus geht. Es geht schließlich nicht nur um uns, sondern um alle Menschen und die gesamte Schöpfung. Wir brauchen einen Lebensstil, der einladend ist, und offen für die Möglichkeiten Gottes; Konzepte, durch die sich die guten Absichten Gottes verwirklichen können.

 

Darum gleicht jeder, der meine Worte hört und danach handelt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten und wenn der Sturm tobt und mit voller Wucht über das Haus hereinbricht, stürzt es nicht ein; es ist auf felsigen Grund gebaut.

(Matthäus-Evangelium 7,24-25)

 

Dieses feste Fundament findet man nur in der relativen Unsicherheit des Glaubens.

 

Das offene Christus-Experiment Berlin

 

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Meditierende Menschen im Madison Square Park, Manhattan, New York City; von Beyond My Ken (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons
Ich konnte leider noch kein Foto vom „Offenen Christus-Experiment Berlin“ machen, da das erste Treffen ja noch nicht stattgefunden hat.  😉

 

„… Stellt mich auf die Probe“, sagt der Herr, der Herrscher der Welt, „macht den Versuch …“

(Die Bibel, Altes Testament, Maleachi 3,10)

 

Na, neugierig? – Falls ihr selbst nicht in Berlin & Umgebung wohnt, wäre es toll, wenn ihr die Info weiterleitet an Leute, die das vielleicht interessieren könnte.

 

ZUM NAMEN

„Das offene Christus Experiment“. Dies könnte fast eine Bezeichnung für die Geschichte der Christenheit sein. Mir geht es hier allerdings um ein konkretes Projekt in Berlin, bei dem man sich wöchentlich trifft. Die Idee ist geboren. Jetzt brauche ich noch ein paar Leute, die mitmachen. (Ihr verpflichtet euch dabei zu nichts.)

 

DIE IDEE

Es geht um eine kleine Gruppe, ca. 12 Personen, die sich jede Woche 2 Stunden lang treffen. (Darüber hinaus können sich die Teilnehmer natürlich so oft treffen wie sie wollen und Zeit haben). Genaue Uhrzeit und Ort können wir verhandeln, sobald sich ein paar Interessenten gefunden haben.

 

„offen“

Dies soll ein „offenes“ Experiment sein:

  • Keine Begrenzung von Gottes Möglichkeiten durch unsere Konzepte.
  • Keine Festlegung auf eine Konfession oder Tradition.
  • Offenes Ende: Das Langzeit-Experiment endet, wenn keiner mehr da ist bzw. Gott es beendet. (Jeder kann jederzeit aussteigen.)
  • Wir fangen an mit ca. 12 Teilnehmern, aber sind offen für unbegrenztes Wachstum.

 

„Christus“

 

„… wie lautet dieses Geheimnis? Christus in euch – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit!“

(Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Kolossai, 1,27)

 

Ein Glaube an Gottes Wirken durch Jesus Christus in uns ist die Grundlage dieses Experiments:

  • Ohne Gott kann ich gar nichts. Gott jedoch kann alles.
  • Wir fangen mit nichts an (kein Kirchengebäude, kein Geld, kein Pfarrer, keine Organisation, kein Spenderkreis, …) und erwarten Alles von Gott.
  • Wir bitten nicht um Gottes Segen für unsere Pläne, sondern stellen uns einfach IHM zur Verfügung und achten darauf, was er mit uns macht.
  • Christus verbindet alle, die ihm vertrauen. In seiner Liebe werden wir zu einer Art „Organismus“ (Leib Jesu).
  • Gott wirkt auf ein gutes Ziel seiner Schöpfung hin, und mit seiner Hilfe sind wir in der Lage dieses Wirken in unserem Leben und in einer Gruppe aufzuspüren.
  • Wir begegnen uns nicht als Habende, Wissende und Fähige, sondern als Bedürftige. Tag für Tag brauchen wir Gott, um zu leben. Und wir brauchen auch einander, um für ihn richtig brauchbar zu werden.

 

„Experiment“

Ich weiß nicht, was Gott mit dieser Gruppe machen wird. Die Welt heutzutage ist nicht dieselbe wie im Neuen Testament in der Apostelgeschichte. Worum es geht?

  • Es geht um die Praxis, nicht nur um schöne Theorie.
  • Was funktioniert, entscheidet sich im Leben.
  • Das Ergebnis hängt von Gott ab – und von uns.

 

WAS IST ANDERS ?  WAS IST NEU ?

  • Wir orientieren uns weniger an Vergangenem und mehr an der Gegenwart und Zukunft.
  • Wir achten die Erfahrungen und Überzeugungen der Einzelnen und bemühen uns, gemeinsam zu lernen. Die Worte jedes Einzelnen sind wichtig.
  • Wir achten auf die Wirkung dessen, was in der Gruppe passiert. Gott ist gut. Sein Wirken ist heilsam für uns Menschen.
  • Wir verwirklichen nicht ein vorbereitetes Konzept, sondern entscheiden gemeinsam als Gruppe, wie wir auf dem Weg mit Gott vorangehen.

 

ZU MEINER PERSON

Die Frage nach einem besseren Christentum beschäftigt mich schon, solange ich denken kann. Ich bin christlich erzogen und in einer familiären, fundamentalistischen Freikirche mit sehr intensiver Gemeinschaft groß geworden. Später distanzierte ich mich von meinen Wurzeln und bin jetzt Mitglied in der Ev. Kirche und arbeite als Mitarbeiter für Jugendliche im Kirchenkreis Berlin Nord-Ost. Außerdem studiere ich Ev. Theologie an der Humboldt Unversität zu Berlin in Teilzeit.

Dieses Experiment ist mein „Privatvergnügen“ und hat direkt nichts mit meiner Anstellung bei der Kirche oder mit meinem Studium zu tun. Es ist auch kein Experiment im wissenschaftlichen Sinn, sondern es geht konkret nur um die Menschen, die an diesem Experiment teilnehmen und darum, was Gott aus uns macht.

Noch mehr Infos über mich? – Hier klicken.

 

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Der Traum von einem besseren Christentum

 

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Abraham by József Molnár [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Und ich blickte auf, und ich sah ein Meer aus Menschen, die keiner zählen konnte. Menschen aus allen Kirchen und christlichen Organisationen.

Sie waren aufgestanden und haben sich auf den Weg gemacht, ohne den Ort zu kennen, den sie suchen …

 

Dieser Artikel ist kein Aufruf dazu, dass du deine Gruppe verlässt. Es kann zwar sein, dass du dich innerlich schon längst verabschiedet hast und auf der Suche bist. Aber ob und wann der Zeitpunkt zu gehen gekommen ist, musst du selbst entscheiden. Vielleicht ändert sich auch was, und du wirst bleiben?!

Es gibt schon unzählige frustrierte Christen, die allen christlichen Gemeinden und Gruppen den Rücken gekehrt haben und versuchen, allein zurecht zu kommen. Privates Christentum.

 

 

Mit ihm [Jesus] seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

(Die Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Kolosser, Kapitel 2, Vers 12)

 

Abraham ist ein wichtiger Mensch im Judentum, Christentum und Islam. Deshalb werden diese drei Religionen manchmal auch als die „abrahamitischen“ Religionen bezeichnet.

Paulus bezeichnet Abraham im Brief an die Gemeinde in Rom als „Vater aller, die glauben“ (Römerbrief 4,11). Das Richtige, was Abraham getan hatte, war, Gott zu vertrauen. Auf Gottes Wort hin zog er aus seinem vertrauten Leben in eine nicht-vertraute Zukunft. Abraham war Migrant.

Auch die Männer und Frauen, die sich um Jesus als ihren Lehrer geschart hatten, hatten sich im Vertrauen auf Gott auf einen neuen Weg eingelassen. Und dieselbe Lebenskraft Gottes, welche Jesus aus dem Totenreich zurückgeholt hatte, befähigte seine Anhänger dann zu Pfingsten als Zeugen seiner Auferstehung aufzutreten. Petrus zitiert bei dieser Gelegenheit die alte Schrift des jüdischen Propheten Joel, in der es heißt:

 

… dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus und sie werden als Propheten reden.

(Neues Testament, Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 17-18; Joel, Kapitel 3, Verse 1-2)

 

Die ersten Christen hatten durch Jesus eine neue Identität bekommen. Sie waren nicht länger nur Juden, die die Traditionen der Vorväter pflegten, sondern sie waren auch Anhänger des Messias Gottes, Jesus Christus. Sie verstanden sich als Menschen, die unmittelbar von Gottes Geist befähigt werden, Neues zu sehen, von Gott her zu reden und sich von Gott gebrauchen zu lassen.

In der Apostelgeschichte wird für die Nachfolge Jesu auch der Begriff „Weg“ benutzt (Apostelgeschichte, Kapitel 9, Vers 2; Kapitel 19, Vers 23); Nachfolger Jesu wurden als Anhänger „des Weges“ bezeichnet. Sie hatten, wie Abraham, ihre Zelte abgerissen und sich auf einen neuen Weg eingelassen.

Wie innovativ ist das Christentum heute noch? Sind wir inspirierte und von Gottes Geist bewegte Menschen? Vorwärts-gewandt? Unfertig, noch auf dem Weg und lernbereit? Hat christlicher Glaube noch eine kreative Kraft? Oder pflegen wir nur die alten Traditionen unserer Vorfahren und streiten uns über unsere Unterschiede?

Wenn es irgendwo klemmt, liegt es manchmal an mir, manchmal an den anderen und oft an uns allen. Oft wird es keine Veränderung in meinem Leben geben, wenn ich nicht bereit bin, mich selbst zu ändern. Ich kann andererseits Veränderung aber auch nicht alleine leben. Wir brauchen einander, so wie sich unsere Körperteile gegenseitig brauchen und ergänzen. – Leib Jesu.

Viele neue Kirchen oder christliche Projekte sind nach einer Weile wieder verschwunden oder haben ihre Kraft verloren. Ich vermute, dass dabei zwei Dinge eine entscheidende Rolle gespielt haben:

  1. Wir kommen nicht klar mit unseren Unterschieden.
  2. Wir verlieren die Verbindung zu einander. Ein Teil geht voran, während zu viele zurück bleiben.

Vor einer Weile bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass wahrscheinlich nach der Bibel das wichtigste Buch in meinem Leben sein wird: „Gott 9.0„. (Und ich habe schon viele Bücher gelesen…)  Ich stimme zwar nicht mit allem überein, aber habe durch das Buch entscheidende Klarheit über unsere Unterschiede und mein eigenes geistliches Wachstum bekommen. Nach dem Lesen werden die meisten sicherlich auch die Geschichte und die gegenwärtige Situation der Menschheit in einem anderen Licht sehen.

In christlichen Kirchen und Gruppen geht es noch zu viel um die richtige Theorie und man macht sich zu wenig Gedanken über die Praxis. Wenn es uns gelänge, eine Kultur des Aufeinander-achtens zu etablieren, bei der sich Menschen nicht bedrängt oder in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, dann würden auch nicht so leicht Menschen zurückfallen.

Verbindung hat auch mit Verbindlichkeit zu tun. Verbindliches gemeinsames Leben, Beten, Arbeiten, Anbeten, …  – Ein geduldiges und hartnäckiges Warten auf das Wirken Gottes.

 

… »Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!«

(Altes Testament / Tanach, Bereschit / Genesis / 1. Mose 32,27)

 

 

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public domain via publicdomainpictures.net

 

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

 

Dies sind die klassischen Verse zur Inspiration der Bibel. Wenn wir die Verse im Zusammenhang lesen, wird allerdings klar, dass die Inspiration der Bibel hier gar nicht das Thema ist. Ganz abgesehen davon, dass es die Bibel natürlich noch gar nicht gab.

Paulus‘ Verweis auf die Texte, die Timotheus seit seiner Kindheit kennt, legt nahe, dass hier an die heiligen Schriften der Juden (unser Altes Testament) gedacht ist. Auf jeden Fall kann man weder von diesen Versen noch von irgendwelchen anderen Versen in der Bibel ableiten, dass mit diesen Worten all die 66 Bücher gemeint sind, die viele heute als Bibel kennen. Wie schon so oft, hat hier jemand einen Bibelvers gesucht, um seine eigene Meinung zu begründen, und gedacht, diese Verse passen doch ganz gut (was offensichtlich gar nicht der Fall ist).

Der Missbrauch dieser Bibelstelle zur Begründung von Biblizismus lenkt auch von der eigentlichen Aussage ab. Um die Verse von Paulus richtig zu verstehen, dürfen wir nicht unsere heutigen Fragestellungen an den Text herantragen, sondern sollten versuchen, uns einen Eindruck davon zu verschaffen, was Paulus seinem jüngeren Mitarbeiter Timotheus hier vermitteln will.

Paulus schreibt Timotheus, dass er angesichts wachsendem Unglaubens, zunehmender Unmoral und verbreiteter Irrlehre entschlossen für die gesunde Lehre eintreten soll. Dabei betont er die wertvolle Bedeutung der heiligen Schriften für diese Aufgabe. Interessant ist dabei das Wort, das dafür verantwortlich ist, dass diese Verse in der Bibel-Inspiration-Diskussion überhaupt benutzt werden: „theopneustos“. Das Geschriebene am Anfang von Vers 16 wird im griechischen Urtext mit dem Ausdruck „theopneustos“ näher beschrieben: theos = Gott, pneo = ausatmen.

Eine geniale Wortwahl. In diesem einen Wort steckt Schöpfung und Heilsgeschichte. Ein Leser, dem die jüdischen heiligen Texte vertraut sind (Timotheus), hat da eine ganze Menge von Assoziationen:  Der Geist Gottes, der am Anfang der Schöpfung über dem Wasser brühtet; Gottes Atem, der den Acker zu einem lebendigen Menschen belebt; und natürlich auch Gottes Geist, der die Propheten getrieben hat, in Seinem Namen zu reden.

Die populäre NIV übersetzt ins Englische „God-breathed“. Das ist die, meiner Meinung nach, beste Übersetzung, die ich bis jetzt gefunden habe. Eine entsprechend gute Übersetzung ins Deutsche habe ich bis jetzt leider nicht gefunden. Das Wort „eingegeben“, das in deutschen Übersetzungen steht, weckt Assoziationen, die dem Urtext nicht entsprechen. (Deshalb habe ich in den obigen Versen versucht, eine eigene Übersetzung zu machen.)

Wortspiele, die den Deutungsspielraum der Begriffe „ruach“ (das hebräische Wort im Tanach, unserem Alten Testament) und „pneuma“ (das griechische Wort im Neuen Testament) ausnutzen, finden sich auch in anderen neutestamentlichen Texten; z.B. in diesen Versen im Johannes-Evangelium:

 

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist (pneuma) geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist (pneuma) geboren ist, ist Geist (pneuma). Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind (pneuma!) weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist (pneuma) geboren ist.

(Neues Testament, Johannes-Evangelium 3,5-8)

 

Die Verse im Timotheusbrief berühren eine für Christen sehr wichtige Frage: Wie gehen wir mit unseren heiligen Texten um? Oder noch genauer formuliert: Wie benutzen wir sie?

Das Wort „benutzen“ sollte uns schon vorsichtig werden lassen. Die Grenze zur Instrumentalisierung von Texten, denen man göttliche Autorität zuspricht, ist offensichtlich nicht leicht zu ziehen. Durch Worte wie „Belehrung“, „Widerlegung“ und „Korrektur“, die in Übersetzungen zu lesen sind, könnte sich so manch einer zu Wortgefechten mit Bibelversen eingeladen fühlen. Oberlehrerhaftes Verhalten und Rechthaberei sind nicht mehr weit entfernt. Viele Menschen, die entsprechende Erfahrungen in christlichen Kreisen gemacht haben, wissen, was ich meine; und auch die Kirchengeschichte ist leider angefüllt mit Beispielen solchen Verhaltens.

In Versen aus Paulus‘ Brief an die Gemeinde Korinth klingt an, dass Texte im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen eine untergeordnete Rolle spielen:

 

„Wir bilden uns nicht ein, aus eigener Kraft irgendetwas tun zu können; nein, Gott hat uns Kraft gegeben. Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Wir verkünden nicht länger die Herrschaft des geschriebenen Gesetzes, sondern das neue Leben durch Gottes Geist. Denn der Buchstabe tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.

(2. Korinther 3,5-6)

 

Gott lässt sich weder in einem Buch einsperren, noch hat er sein Wirken darauf beschränkt, dass alte, antike Texte gelesen werden. Das Leben selbst besteht nur fort, weil Gott es ständig belebt, und wie beim Wind kann man weder sehen, wo Gottes Wirken herkommt, noch wohin es geht. Im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen kann der Gläubige jetzt geistliches Leben unmittelbar durch Jesus empfangen, und nicht mehr vermittelt durch Priester oder heilige Texte.

Wie Gottes Atem den Acker zum Leben erweckt, so erweckt er auch tote Buchstaben dazu für den geistlichen Menschen nützlich zu sein, um richtig leben zu lernen. Das Ziel ist nicht Wissen, sondern ein Lernprozess, um befähigt zu werden, Gutes zu tun. „soft skills“ anstelle von schlagkräftigen Argumenten. Der Gläubige wird immer mehr zum Beteiligten bei Gottes Plan, sein Schalom, seine ewige Friedensherrschaft in dieser Welt aufzurichten.