Blüten, Watte, Kletten und Kleber

 

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Blütenstand der Kletten-Ringdistel; Foto von Franz Xaver via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)

 

Blüten, Watte, Kletten und Kleber. – Was könnte man damit wohl anfangen?

 

„Schönster Herr Jesu …“

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(Titel eines alten Kirchenliedes)

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„He’s the ‚Lily of the Valley,‘ the Bright and Morning Star
He’s the fairest of ten thousand to my soul.“

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(Refrain eines alten Gospel-Songs)

 

Vor fast 2000 Jahren nahm mit dem Mann aus Nazareth eine Bewegung ihren Anfang, die bis heute nicht zum Erliegen gekommen ist. – Erstaunlich

 

Blüten

Farbenprächtige Blüten. – Das Make-up von Frauen kann da kaum mithalten. – Schönheit ist anziehend.

Schönheit wirkt in ihrer Unmittelbarkeit. Der schweifende Blick verweilt dort, und schenkt ihr Aufmerksamkeit. Eine Verbindung entsteht zwischen der sinnlichen Wahrnehmung und dem eigenen Bewusstsein für Schönheit.

 

… Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Psalm 133, Vers 1)

 

Herzens-Schönheit kommt aus der Tiefe eines Lebens. – Es gibt wohl kaum etwas Attraktiveres als wahre Liebe …

Wie müsste wohl eine schöne Frömmigkeit und eine attraktive Spiritualität aussehen?

Welche Bedeutung hat Ästhetik in der Theologie?

 

„Ihr seid das Licht der Welt …“

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(Jesus in der Bergpredigt, Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 5. Kapitel, Vers 14)

 

Blüten haben farbenfrohe Leuchtkraft. Sie sind ein Anziehungspunkt für die Sinne und erregen Aufmerksamkeit, machen neugierig. Sie stimulieren unsere Wahrnehmung.

Kenner können eine Pflanze an den Blüten identifizieren. Die Gestalt der Blüte ist Teil der Identität einer Pflanze. Durch die Blüten sind Pflanzen leichter für uns erkennbar. Blüten geben uns Information und Orientierung. Sie locken Insekten an und werben um Aufmerksamkeit.

Auch Jesus erregte Aufmerksamkeit, und sein Leben hatte ein deutliches Profil. Schon bald hatte er den Ruf eines Freundes der „Zöllner und Sünder“. – Schönheit, von einer anderen Art.

Wie entsteht eine gesellschaftliche Bewegung? Wie führt man Menschen und auseinander-strebende Kräfte zusammen? Wie bündelt man Energie und Ressourcen?

Ein Licht in der Dunkelheit bringt Menschen zusammen. Eine Kerze im Fenster in dunkler Nacht zeigt dem Verlorenen den Weg nach Haus.

Manche Gottesdienste sind kaum mehr als christliche Selbstdarstellung, und manche Gemeinden lediglich Vereine frommer Typen, die nicht gestört werden möchten.

Wie müsste eine anziehend schöne Gemeinschaft von Menschen aussehen?

Es gibt eine Schönheit des Lebens, in all seiner Wildheit und Unberechenbarkeit. Helfende Hände für Menschen in Not. Offene Türen für Einsame. Gastfreundschaft für Fremde. Freundlichkeit für Verbitterte. Herzenswärme für frierende Seelen … – Lichter der Hoffnung und Blüten der Hoch-zeit des Lebens.

 

Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, schön wie eine Braut, die sich für ihren Bräutigam geschmückt hat.

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(Neues Testament, Offenbarung, 21,2)

 

Watte

Watte ist sanft und schützt Zerbrechliches. Lebendiges ist zerbrechlich.

Babys werden weich eingepackt. Weiches, das nachgeben kann, schützt vor Verletzungen. Weiches kann sich auch an harte Stellen und Kanten anpassen.

Nicht alle Lebewesen sind allerdings in gleichem Maße zerbrechlich, und manche haben einen konflikt-freudigeren Lebensstil. Immer wieder prallen wir Menschen aufeinander, und das kann weh tun.

 

Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir. Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Dann werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn dieser Weg ist einfach, und die Last leicht.

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(Matthäus-Evangelium 11,29-30)

 

Von Gruppen, die hart und glatt sind, prallen manche Menschen ab. Eine jesuanische Gemeinschaft, die sich an der Überlieferung von Jesus orientiert, müsste einladend weich und flexibel sein, und einen Ruf haben, der Zaghaften Mut macht, sich zu nähern und anzuschließen. Ein klares jesuanisches Profil, das erkannt wird und leuchtet. Weit ausgestreckte Arme, die auch noch den letzten Verlorenen erreichen.

Wo Menschen sich nahe kommen, lassen sich Spannungen und Konflikte nicht vermeiden. Sie sind auch notwendig, um an ihnen zu wachsen. Es gibt allerdings gewaltige Unterschiede, wie mit ihnen umgegangen wird. Und wer sich angenommen weiß, läuft auch bei Schwierigkeiten nicht gleich davon.

Nicht jeder empfindliche Mensch ist auch sanft. Sanfte Menschen gehen sanft mit anderen Menschen um. Auch Sanftmut kommt aus der Tiefe eines Lebens. Sie entsteht in einem Leben mit Gott.

 

Die Frucht, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung …
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien, 5,22-23)

 

Kletten

Viele biblischen Texte können für uns ein Vorbild sein. Ihre Motive haben sich in der Kulturgeschichte der Menschheit festgesetzt wie Kletten. Gedanken mit Widerhaken. Worte, die sich festsetzen und bleiben. Reizvoll und herausfordernd.

Nachhaltige Kommunikation. Dauerhafte Veränderung. Bilder, die begleiten und verfolgen. Eindrücke und Erfahrungen mit Kraft. Lebensenergie. – Gelockt und gereizt, eingewickelt und verwoben. Gezogen mit Stricken der Liebe.

 

Denkt an den Regen und den Schnee! Sie fallen vom Himmel und bleiben nicht ohne Wirkung: Sie tränken die Erde und machen sie fruchtbar; alles sprießt und wächst. So bekommt der Bauer wieder Samen für die nächste Aussaat, und er hat genügend Brot zu essen.
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Genauso ist mein Wort: Es bleibt nicht ohne Wirkung, sondern erreicht, was ich will, und führt das aus, was ich ihm aufgetragen habe.
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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Jesaja 55,10-11)

 

Es wäre gut, wenn da die Theologen ihre sprachliche Kompetenz, neben ihren altsprachlichen Fähigkeiten noch erweitern würden:

Poesie der Theologie

Vielleicht regt dieses Beispiel auch ein bisschen dazu an:

 

 

 

Denn Gottes Reich gründet sich nicht auf Worte, sondern auf seine Kraft.

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(Paulus im Ersten Brief an die Christen in Korinth, 4,20, Neues Testament)

 

Was am Ende bleibt, ist das Ergebnis. Die Wirkung unseres Denkens und unserer Worte und Taten. Die Frucht eines kurzen oder langen Lebens, und der Ertrag von viel oder wenig Investitionen.

Etwas das gut ist, muss auch gut sein für die, die nach uns kommen.

 

Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.
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(Matthäus-Evangelium 13,31-32)

 

Kleber

Jemand, schon vor längerer Zeit, hatte die Idee den damals beliebten Aufkleber „Jesus lebt“ in „Jesus klebt“ umzuwandeln. – Wie passend für einen Aufkleber. – Es hat auch einen tieferen Sinn:

Jesus verbindet Menschen.

Schon in einem älteren Kirchenlied hieß es ja:

 

„… an dir wir kleben
in Tod und Leben.
Nichts soll uns scheiden …“

 

Menschen verbinden Menschen mit einander. Manche Menschen haben dafür eine besondere Begabung und werden immer wieder zur Keimzelle für neue Gruppen und Netzwerke. Ob dies dann allerdings auch von Dauer ist, hängt von dem ab, was die Menschen darüber hinaus miteinander verbindet.

Eigentlich ist im Universum irgendwie sowieso alles mit allem verbunden. Und noch darüber hinaus verbindet uns  als Menschen  viel mehr, als uns trennt.  Unser Menschsein  verbindet uns und gibt uns eine Identität, die wir nicht abschütteln könnten, selbst wenn wir es wollten. Unser Menschsein klebt an uns, und wir kleben an der Menschheit und ihrer Geschichte.

Das Geheimnis des Lebens verbindet alles Lebende. Unsere Menschlichkeit verbindet uns als Menschheitsfamilie. Eine religiöse Überlieferung verbindet Gläubige. Eine gemeinsame Sprache verbindet eine Sprachgemeinschaft. Gemeinsame Werte und kulturelle Tradition verbindet ein Volk. Eine Gegend verbindet Nachbarn. Menschen, die sich treffen, verbindet Zeit und Ort.

Alles ist uns geschenkt worden. Nichts haben wir als Einzelne in diese Welt hineingebracht, das nicht schon da gewesen wäre, und auch unsere Einzigartigkeit als Individuum haben wir nicht selbst hervorgebracht.

Ein Bewusstsein dessen, das uns anvertraut worden ist, könnte uns alle mit einander verbinden; das, was uns wertvoll ist. – Fürsorge für alles, das lebt.

 

„… Es kommt die Zeit, da werde ich meinen Geist ausgießen über alle Menschen. Männer und Frauen werden die Worte Gottes sprechen. Alte Menschen werden noch Träume haben, und junge Menschen Visionen. Sogar über unfreie Menschen werde ich meinen Geist ausgießen.“
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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Joel 3,1-2)

 

Geist erzeugt eine geistige Bewegung. Der heilige Geist des Lebens und der Liebe lässt eine Gemeinschaft der Liebenden entstehen. Er berührt Menschen, erfasst, erneuert und verbindet sie.

 

… Gott ist Liebe; und die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott, und Gott in ihnen.

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(Neues Testament, Erster Brief von Johannes 4,16)

 

Wie entsteht aus einzelnen Menschen Gemeinschaft und eine gesellschaftliche Bewegung?

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Wenn Menschen in Kontakt kommen ereignet sich etwas: Man verändert sich gegenseitig und Verbindungen entstehen. Wenn Menschen sich treffen, ist es, wie wenn Galaxien sich annähern und beeinflussen, und Neues entsteht. Es entsteht auch eine Kultur der Wahrnehmung und des Umgangs mit einander. Menschliche Gemeinschaft ist wie vielschichtiges, komplexes Gewebe, gesponnen aus vielen Fäden.

Blüten, Watte, Kletten und Kleber. Scheinbar zufällig auf einander treffende Wörter; wie die Menschen in einer Stadt, wenn sie sich begegnen, oder in einen neuen Kiez mit fremden Menschen ziehen.

Die Community der Menschen, die dem Vorbild von Jesus folgen, ist deutlich zu erkennen und anziehend wie eine leuchtende Blüte.

Sie ist weich wie Watte, so dass auch die empfindlichsten Seelen sich nicht verletzen. Einladend und liebevoll, so dass Menschen dort leicht ankommen und sich zuhause fühlen können.

In einer solchen Gemeinschaft entstehen reizvolle, inspirierende, klettige Eindrücke. Bilder und Worte, die hängenbleiben und im Alltag begleiten. Erfahrungen, die die Seele satt machen, und die bleiben.

Mit einer verantwortungsbewussten, herzlichen Liebe, die Menschen verklebt, wie Pech und Schwefel.

Anziehen, annehmen, anreizen und ankleben; und oft alles gleichzeitig.
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Mit Blüten, Watte, Kletten und Kleber bauen wir eine
neue, schöne Welt.

 

jetzt, und hier

 

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Die Insel Vulcano. Foto von Brisk g, von Wikimedia Commons (public domain).

 

 

spürt ihr es nicht ?
wie die erde bebt
völker erzittern
mächte sich verbinden
dicht unter der oberfläche

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nur noch eine kleine weile
nur noch ein augenblick
und es bricht sich bahn
wie eine gewaltige flut

 

 

 

*

 

Mich erinnern unsere Tage an die Zeit zwischen den Weltkriegen.

 

 

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Eine expressionistische Lyrik-Anthologie (1919/1920) vom Ernst Rowohlt Verlag, Berlin.  Antiquariaat Die Schmiede. Wikimedia Commons (public domain).

 

 

Ich reihe mich  nicht  ein, in die Zahl der Weltuntergangs-Propheten.

Es ist etwas im Anbrechen. Etwas Großes. Das Alte verblasst. Mächte schwinden und neue stehen auf; und immer mehr Menschen haben ein anderes Bewusstsein. Die alten Antworten haben für sie keine Kraft mehr.

 

… Siehe, ich mache alles neu! …

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(Bibel, Neues Testament, Offenbarung, 21. Kapitel, Vers 5)

 

Gott ist nicht nur der Erschaffer am Anfang, sondern auch der Erhalter seiner Schöpfung. Er ist das Leben und die Wirklichkeit selbst. Die kreative Kraft. – Die Zellen unseres Körpers erneuern sich alle paar Jahre. Gott macht ständig alles neu.

 

Aus der Vergangenheit kann jeder lernen.
Heute kommt es darauf an, aus der Zukunft zu lernen.

(Hermann Kahn)

 

Man muss nicht ein studierter Gesellschafts- und Politik-Analyst sein, um das Ausmaß der aktuellen Veränderungen zu spüren.

Wenn man in Worte fasst, was man selbst wahrnimmt, entsteht Klarheit. Wenn man darüber mit anderen spricht, entsteht Wirklichkeit.

 

Wenn wir gewillt sind,
das Leben loszulassen,
das wir geplant haben,
können wir das Leben empfangen,
das auf uns wartet.

(Joseph Campbell)

 

Wir blicken aus großer Höhe herab auf einen Hochgeschwindigkeitszug, der über die Oberfläche unserer Welt gleitet. Es ist eine klitzekleine Weiche, die darüber entscheidet, ob der Zug an dem einen Ende der Erde ankommt, oder am anderen.

Wir treffen jeden Tag eine Fülle von Entscheidungen. Große und kleine.

Probieren – geht über studieren.

 

Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?
– Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest, sagte die Katze.

(Lewis Caroll, Alice im Wunderland)

 

 

Macht

 

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Judäische Wüste; Foto von Yuvalr [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, from Wikimedia Commons

 

ER  IST  ein außergewöhnliches Kind. Seine Mama hat das schon immer gewusst. Auch Nachbarn und Bekannte machen immer wieder Andeutungen:

 

„Aus dir wird noch mal was ganz Besonderes!“

 

Und dann passiert …

nichts.

Er wächst eigentlich einfach so auf wie die anderen Jungs in seinem Kaff, irgendwo auf dem Land, weit ab von den Metropolen, wo das Leben spielt …

Keine Ahnung.

Die Zeit vergeht …

Jahr für Jahr, für Jahr …

Im Schoß seiner Familie wächst er heran.
Aus dem Jungen wird ein Mann.

Eines Tages kommt eine Frau ins Dorf und erzählt:

 

Leute, stellt euch vor! Unten im Süden, noch auf der östlichen Seite des Jordan, in der Nähe Jerusalems, hat so’n komischer Typ angefangen öffentlich zu predigen:

„Gottes Gericht steht kurz bevor! Tut Buße! Wenn ihr nicht ändert, wie ihr lebt, kommt es zur Katastrophe! Hört endlich auf, das Falsche zu machen und fangt an richtig zu leben!“

Und die ganzen Leute rennen zu ihm hin und lassen sich im Jordan taufen; als Zeichen, dass sie wirklich mit ihrem alten Leben brechen wollen, und um sich vorzubereiten auf das, was kommt …

 

Da verlässt er seine Familie und sein Dorf, und macht sich auf den langen Weg nach Süden.

Schon von Weitem sieht er die große Menschenmenge, und hört die kräftige Stimme des Predigers. Er bahnt sich einen Weg durch die Menschen und reiht sich ein in die Schar derer, die sich taufen lassen.

Endlich ist er an der Reihe. Für einen Augenblick ist er begraben im kalten Wasser des Jordan …

Dann richtet er sich auf.

Das Wasser tropft von ihm herab, und er reibt es sich aus den Augen. Als er die Augen öffnet, erblickt er eine Erscheinung am Himmel, wie eine Taube, die vom Himmel auf ihn herabkommt, und er hört eine Stimme:

 

„Du bist  mein  Kind!

Ich bin so stolz auf dich.“

 

Ganz langsam steigt er aus dem Wasser heraus und bahnt sich erneut einen Weg durch die Menge. Er flieht vor den Menschen. Er braucht jetzt Zeit für sich allein, und er geht in die nahe gelegene Wüste. Es zieht ihn in die Einsamkeit …

Wüste. Nur Himmel über ihm. Nachts leuchten die Sterne.

Sein Name ist übrigens „Jeschua;“ eine Kurzform des beliebten alten hebräischen Namens „Jehoschua.“ – Ein berühmter Mann mit demselben Namen hatte einmal vor langer, langer Zeit nicht weit von hier das Volk Gottes in das gelobte Land geführt.

Der Name hatte ursprünglich sicherlich auch einmal eine Bedeutung. Vielleicht sollte er bedeuten „Gott ist großzügig“ oder „Gott rettet“.

Jeschua isst nichts, während er in der Wüste wartet. Und nachdem vierzig Tage vergangen sind, ist er völlig entkräftet, und der Hunger quält ihn …

Da begegnet er dem Bösen.

„Na, du Ebenbild Gottes! Mach doch einfach Brot aus diesem Stein hier! Als Kind Gottes müsstest du das doch eigentlich können, oder?“

Doch Jeschua antwortet nur:

 

„Um wirklich zu leben, braucht ein Mensch mehr als Essen.“

 

Eine Weile vergeht.

Dann tut sich ein Abgrund vor ihm auf. Es zieht seinen Blick in die Tiefe …

„Ich kann nicht mehr.“

„Einfach loslassen … mich fallen lassen … Gott machen lassen …“

„Heißt es nicht in den Heiligen Schriften: ‚Er wird Engel schicken, um mich zu retten?‘ “

 

„Nein, …. nein! Ich kann doch nicht Gott herausfordern. Ich kann sein Eingreifen doch nicht erzwingen. Gott wird alles machen – zu seiner Zeit  …“

 

Wieder vergeht eine Weile.

Immer noch hat Jeschua nichts gegessen, und noch einmal tritt der Versucher an ihn heran und flüstert in sein Ohr:

„Ich habe mehr als du brauchst. Mir ist Alles in dieser Welt  GEGEBEN WORDEN.  Mir gehören doch alle Mächtigen, alles Geld, aller Reichtum, …

Du brauchst das bloß endlich anerkennen, und die Welt wird dir zu Füßen liegen. Mit mir kriegst du  alles , wenn du dich nur endlich vor mir beugst.“

Da öffnet Jeschua seinen Mund und spricht langsam die Worte:

 

„Hau ab, du Teufel! – Ich weiß nur eins: Gott regiert!“

 

Und im selben Augenblick ist der Spuk vorbei. Die Engel Gottes kommen zu ihm, herab vom Himmel, und versorgen ihn mit allem, was er braucht.

Voll-Macht.

Gestärkt, befähigt, und erfüllt mit der Kraft Gottes, wendet sich Jeschua nun nach Norden. Er lässt die Wüste hinter sich. Auch den Mittelpunkt seines Volkes, Jerusalem, Tempel, Priester und König, die Reichen und Mächtigen lässt er hinter sich und geht zurück zu seinen Leuten aufs Land – zu den einfachen Menschen.

Er trifft sie in den Synagogen und auf den Marktplätzen und spricht mit ihnen. Er sagt ihnen:

 

Das Himmelreich ist schon da! – Hier, und jetzt.

Es ist schon mitten unter euch.

Es ist in euch.

 

Und all die kaputten Menschen kommen zu IHM …

… und werden heil.

 

(Die Bibel, Neues Testament; Matthäus-Evangelium, Kapitel 1-4)

 

Kraft – statt Krampf

 

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Wurzeln des Kapokbaums, von Chrishibbard7, English Wikipedia (Self-photographed) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, dass die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen.

 

(Jesus Christus; Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, Kapitel 13, Verse 31-32)

 

Die Tage werden länger. Mehr Licht und Sonne. Ein lauer Wind kommt auf. Wärme schmilzt Schnee und Eis. Auferweckung. Verschlafenes Leben bricht hervor, aus Erde, die gefroren war. Bunte Blüten begrüßen freundlich. Farben-Freude. Farben-Fülle. Düfte hängen in der Luft. Lebendiges regt sich und summt durch die Luft. Vögel zwitschern. Ich pack die schwere Winterkleidung zurück in den Schrank und lasse Luft und Sonne an meine Haut.

 

… Ich werde euch Atem einhauchen und euch wieder lebendig machen!

 

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Hesekiel 37. Kapitel, Vers 5)

 

Spazierengehen. Fahrradfahren. Kinder spielen im Freien. Fenster werden geöffnet – frische Luft. Die Welt klingt anders. Frühjahrsputz. Samen werden gesät. Leben pflanzt sich fort.

 

 Ich mache deine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel und … durch deine Nachkommen werden alle Völker der Erde gesegnet sein

 

(1. Mose / Genesis / Bereschit 26,4)

 

Frühjahrsstürme – Unruhe des Wandels. Frühling. Vorbote des Sommers. Ferien, Sonne und Meer. Früchte reifen, Menschen entspannen sich im Park und feiern im Garten. Lautes Lachen und leises Murmeln – bis tief in die Nacht.

 

… die ihre Hoffnung auf den Herrn setzen, bekommen neue Kraft. Sie sind wie Adler, denen mächtige Schwingen wachsen. Sie gehen und werden nicht müde, sie laufen und sind nicht erschöpft.

 

(Jesaja 40,31)

 

Auferweckung. Jesus verlässt das Grab. Leben von den Toten. Licht in die Dunkelheit. Heiliger Geist weht in die Schöpfung. Frauen und Männer werden erfasst. Schalom. Gottes ewiges Friedensreich bricht herein. Friedfertige beenden kalten Krieg. Schwerter zu Pflugscharen – Nahrung statt Waffen. Menschen treten in die Freiheit; legen Altes ab und Neues an. Öffnen ihre Herzen, ihre Türen und ihr Leben; laden ein. Lassen sich berühren und machen sich verletzbar.

Seelen heilen. Nervosität weicht der Gelassenheit, Lärm der Ruhe. Die Atmosphäre ist anders geworden. Ein neues Aroma hängt in der Luft. Menschen reichen sich die Hände. Worte der Versöhnung beenden das Schweigen. Verlorenes wird gesucht, Verirrtes findet den Weg. Früchte des Lebens reifen. Mehr als ein neuer Lebensstil. Ein Mensch aus Galiläa: Jesus von Nazareth. Messias. Immanuel. Gott wohnt bei seinen Menschen. Ein neuer Weg.

 

Denn Gottes Reich gründet sich nicht auf Worte, sondern auf seine Kraft.

 

(1. Korinther 4,20)

 

Wie viel wurde schon geredet, geschrieben und gestritten. Gerade auch im Namen des Christentums. Auf Facebook, in Hauskreisen und von der Kanzel: Streit darum wer recht hat, wer biblisch ist, wer die Wahrheit vertritt, …

Das Reich Gottes findet man nicht bei den besten theologischen Erklärungen, sondern dort, wo Gottes Kraft wahrnehmbar ist. Veränderung. Wachstum. Leben. Vertrauen. Liebe. Herrlichkeit. – Wann werden wir endlich aufhören, die Sache Gottes in unsere eigenen Kategorien pressen zu wollen, und die Augen öffnen für das Offensichtliche?

 

… die Frucht, die der Geist wachsen lässt, ist: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung …
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(Galater 5,22-23)

 

So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte … an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.
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(Bergpredigt, Matthäus-Evangelium 7,17-20)

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier.]

Tobias Faix | Über die Kompetenzen, kirchliches Neuland zu gestalten

 

Tobias Faix auf seinem Blog über das Heranbilden neuer Fach- und Führungskräfte im Christentum:

Über die Kompetenzen, kirchliches Neuland zu gestalten.

 

selbstverständlich

 

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This image is in the public domain because it contains materials that originally came from the U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration, taken or made as part of an employee’s official duties. Via Wikimedia Commons.

 

selbstverständlich

selbst – verständlich

das ist doch selbstverständlich

da muss man sich doch nicht extra bedanken

wieso  weshalb  warum

ich wache auf

es ist morgen

ich liege in meinem bett

selbstverständlich kann nicht jeder mensch erwarten immer in seinem bett aufzuwachen

manche menschen erwachen im krankenhaus

manche im sarg

manche sind unterwegs

manche auf der flucht

selbstverständlich wird nicht überall frühstück angeboten

selbstverständlich gibt es auch menschen die sich genau überlegen müssen wann sie was essen weil sie nicht genug haben

selbstverständlich gibt es nicht überall offene arbeitsstellen oder andere möglichkeiten sich seinen lebensunterhalt zu finanzieren

selbstverständlich können nicht alle familien und staaten sich leisten alle kinder zur schule zu schicken

selbstverständlich gibt es auch viele alleinstehende

selbstverständlich gehören leiden und schmerzen zum leben

selbstverständlich kann man nicht erwarten das unglücke immer nur die anderen treffen

selbstverständlich können menschen nicht immer friedlich miteinander leben

selbstverständlich kommt es bei militärischen auseinandersetzungen auch zu zivilen opfern

selbstverständlich müssen wir alle einmal sterben

selbstverständlich geht auch dieser text einmal zu ende

 

Die Güte des HERRN hat kein Ende, sein Erbarmen hört niemals auf,
es ist jeden Morgen neu! …
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(Die Bibel, Buch der Klagelieder, 3. Kapitel, Vers 22-23)
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Progressive Theologie

 

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Innenansicht eines Stanford-Torus. Gemälde von Donald E. Davis [Public domain], via Wikimedia Commons

Seit September gibt es die Facebook-Gruppe „Progressive Theologie“ mit inzwischen 50 Mitgliedern, schon über 100 Beiträgen und Diskussion.

 

„Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.“

(Bereschit / Genesis / 1. Mose 19,26)

 

Theologie ist oft rückwärtsgewandt und beschäftigt sich mit Ideen aus der Vergangenheit. In dieser Gruppe geht es um gute, bessere Theologie für die Zukunft. Mir ist dabei auch ganz wichtig, dass es nicht eine Diskussion zwischen „Experten“ ist, sondern dass die wichtigen theologischen Themen endlich auch mehr in die breite Christenheit hineinkommen.

Theologie wird meist auf Professoren-Schreibtischen gemacht. Dort bringt sie noch nicht viel. Was wir brauchen, ist ein Denken über Gott und ein Reden von Gott, dass für Menschen funktioniert und im Alltag spürbar ist. Kann dies eine Theologie sein, die von Profis dem einfachen Gläubigen verklickert werden muss?

 

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden …

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jirmejahu / Jeremia, 31. Kapitel, Verse 31-34)

 

Schon in den biblischen Texten selbst erkennen wir eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und seinen Menschen. Manche sprechen von einer fortschreitenden Offenbarung. Eine grundlegende Frage in der Christenheit ist, in welchem Umfang sich das Reden von Gott nach dem Abfassen der biblischen Texte noch ändern darf. Das Beantworten dieser Frage ist von entscheidender Bedeutung für das geistliche Leben der Christenheit heute und für das christliche Leben eines jeden einzelnen. Dabei ist zu erwarten, dass verschiedene Christen diese Frage auch unterschiedlich beantworten werden, denn unsere Traditionen sind unterschiedlich und unsere persönlichen Erfahrungen und Rahmenbedingungen auch.

Es gibt schon viele gute Projekte und Webseiten zu Themen wie Bibel, Theologie, christlicher Glaube, Kirche, Religionen, …  Die Beschäftigung mit Vergangenem nimmt bei Religionen notwendigerweise auch einen großen Raum ein, da Überlieferung wichtig ist, damit gute Traditionen nicht abreißen und wichtige Werte nicht verloren gehen.

Gerade in der jüdisch-christlichen Überlieferung begegnet uns allerdings auch eine starke Ausrichtung auf die Zukunft (messianische Erwartungen, Wiederkunft Christi, …). Der Geist Gottes ist eine innovative Kraft. In dieser Facebook-Gruppe soll es darum gehen, wie unsere Überlieferung für die Zukunft fruchtbar sein kann und was wir an Neuem brauchen. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet ihr schon Links zu interessanten Inhalten, Projekten, …

Ich habe beim flüchtigen Googeln keinen einheitlichen Begriff „Progressive Theologie“ gefunden. Er wird z.B. auch für bestimmte islamische Theologie benutzt. Könnt ihr euch erinnern, ob und in welchem Zusammenhang ihr den Begriff schon einmal gehört habt? (Im Englischen gibt auch den Begriff „Progressive Christianity„.)