Orthodox und Byzanz

 

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Hagia Sophia; von Dennis Jarvis from Halifax, Canada (Turkey-3019 – Hagia Sophia) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Byzanz

Das Wort hatte für mich schon immer einen gewissen Zauber und etwas Geheimnisvolles. Ein Grund dafür war sicherlich auch, dass ich fast nichts darüber wusste. Beim Kiosk sah ich vor einer Weile eine Zeitschrift: „Geo Epoche: Byzanz“. Eine weitere Erinnerung an ein geheimnisvolles Thema, das sich vielleicht lohnt …

Byzanz. Eine Stadt, ein Reich, eine Epoche, ein Kulturraum.

Das Wort „Byzanz“ stammt von der Lateinischen Version des griechischen Namens  Βυζάντιον (Byzántion). Diese Stadt am Bosporus wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. von dorischen (griechischen) Siedlern als Koloniestadt gegründet. Die Herkunft des Namens ist nicht geklärt. Möglicherweise stammt er vom Personennamen eines legendären griechischen Königs. Der heutige Name der Stadt ist Istanbul. (Übrigens hat sich laut Wiktionary der Name „Istanbul“ aus der Wendung Konstantinou-polis = Konstantins-Stadt entwickelt.)

 

Konstantin

Als der römische Kaiser Konstantin Byzanz 326 bis 330 zur neuen Reichshauptstadt machte, war es schon eine alte Stadt, und bekam den offiziellen Namen „Nova Roma“ („Neues Rom“). Dies war derselbe Konstantin, nach dem auch die „konstantinische Wende“ benannt ist und unter dem das Christentum zur wichtigsten Religion im römischen Reich wurde. Nach dem Tode Konstantins wurde die Stadt offiziell in „Constantinopolis“ („Konstantinopel“) umbenannt.

 

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor zum Verderben ist breit und der Weg dorthin bequem. Viele Menschen gehen ihn. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dorthin schmal! Deshalb finden ihn nur wenige.
———
(aus der sogenannten „Bergpredigt“ von Jesus: Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 7. Kapitel, Verse 13-14)

 

Interessant – aber nicht überraschend – ist, dass der römische Bischof in Rom blieb. In Byzanz gab es zu dieser Zeit wohl auch schon einen Bischof, und im Ostteil des römischen Reiches gab es auch schon andere überregional bedeutende Bischöfe. Der römische Bischof zog also nicht mit dem Kaiser nach Nova Roma um.

Der römische Kaiser behielt allerdings zunächst Einfluss auf die Kirche in Rom. Der römische Patriarch Siricius, zum Beispiel, wurde vom Kaiser Valentinian II. im Jahre 385 in seiner Vorrangstellung im Amt bestätigt.

 

Byzantinisches Reich

Die Teilung der Herrschaft zwischen den Söhnen des Kaisers Theodosius im Jahre 395 wird als Beginn des byzantinischen Reiches angesehen. Der ältere Sohn von Theodosius, Arcadius, wurde erster römischer Kaiser des östlichen Teiles des römischen Reiches. Mit dem Ende der weströmischen Herrschaft schaffte der spätere byzantinische Kaiser Justinian dann auch 554 den weströmischen Hof ab. Dies ist derselbe Justinian der mit dem „Corpus Iuris Civilis“ bleibende Bedeutung für die Rechtsgeschichte hat.

 

Schisma und Trennung

Die Herrschaft im römischen Reich teilte sich 395, aber zum sogenannten großen „Morgenländischen Schisma“ kam es erst mehr als 600 Jahre später „als Humbert de Silva Candida, der Gesandte Papst Leos IX., und Patriarch Michael I. von Konstantinopel sich nach gescheiterten Unionsverhandlungen gegenseitig exkommunizierten.“ (Wikipedia) Dieser Bann hatte allerdings praktisch für die darauf folgende Zeit kaum Bedeutung und zur offiziellen Trennung zwischen West- und Ostkirche kam es erst im 18. (!) Jahrhundert.

 

Hagia Sophia

Eine der bekanntesten byzantinischen Kirchen und eines der bekanntesten Wahrzeichens Istanbuls ist sicherlich die Hagia Sophia. Sie war Krönungskirche der byzantinischen Kaiser und Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel. „Hagia Sophia“ bedeutet „Heilige Weisheit“. (Interessanter Name für eine Kirche.) Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen wurde sie 1453 zur Hauptmoschee.

 

Ausdehnung und Ende des byzantinischen Reiches

Das Byzantinische Reich begann 395 mit der Reichsteilung und endete 1453 mit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen. Mehr als 1000 Jahre! Von Wikipedia hier noch eine Animation über die Ausbreitung:

 

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Wikipedia: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Byzantine_Empire_animated.gif#file

 

550 erstreckte sich das Reich über den gesamten Mittelmeerraum, einschließlich Nordafrikas, bis nach Gibraltar!

 

Multikulti

Wieviel in zeitlicher und räumlicher Ausbreitung vergleichbare Reiche gab es in der Menschheitsgeschichte? (Das Dritte Reich dauerte zum Glück nur 12 Jahre.) Wodurch bekam dieses multi-ethnische Reich seine Stabilität? Können wir daraus noch etwas lernen für Multikulti heute?

Warum sind die meisten Deutschen vertrauter mit dem Römischen Reich als mit dem Byzantinischen Reich?

 

Orthodoxie

Über das Byzantinische Reich gelangten auch orientalische Einflüsse nach Europa und altes Kulturgut der Region wurde an weiter entfernte Regionen und an zukünftige Generationen überliefert. Byzantinische Kultur war von Bedeutung für die Renaissance in Westeuropa und hat eine gewaltige kulturelle Bedeutung für den Balkan, Osteuropa und das orthodoxe Christentum.

 

Die byzantinische Kultur und Denkweise hat alle orthodoxen Völker tief geprägt.

(Wikipedia)

 

Westeuropa und weite Gebiete der restlichen Welt wurden durch römisch-katholisches Christentum geprägt. Da die Reformation eine Gegenreaktion auf den Katholizismus war, sind auch überwiegend protestantische Regionen somit indirekt durch katholische Frömmigkeit beeinflusst. (Abgesehen davon, dass viele protestantische Regionen ja vorher sowieso katholisch waren.)

Was wäre bei unserem Verständnis und der Beschreibung unseres Glaubens heute in Deutschland anders, wenn wir nicht aus römisch-katholischem Christentum, sondern aus byzantinisch-orthodoxen Christentum erwachsen wären? Wäre das vielleicht sogar in unseren säkularen Kultur spürbar? Und wenn ja: wo und wie?

 

Dialog

In einer globalisierten Welt kann sich kaum eine Tradition der Auseinandersetzung mit anderen Traditionen entziehen. So gibt es auch ein Nachdenken über andere Traditionen im orthodoxen Christentum. Bei „orthodoxes-forum.de“ gibt es z.B. eine Diskussion zum Thema „Römisch-Katholisch vs Orthodox“ mit immerhin 29 Beiträgen.

 

Glaube als Konsumartikel?

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By collection by User:jobas (self-made from Other photos) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Auch Christen sind Konsumenten. Und da fragt man sich dann halt so, als Otto-Normalchrist, was das Christentum so im Angebot hat.

Das Sortiment ist leider etwas unübersichtlich. Auch steht außen leider nicht immer auch das drauf, was innen drin ist. Mogelpackungen sind leider keine Seltenheit. (Und das auch noch im Namen Gottes!) Auch der Preis stimmt nicht immer. Manches wird als kostenlos angepriesen, was dann am Ende ziemlich teuer wird. Versteckte Kosten. Qualitätsstandards sind auch noch ein Thema für sich. Oder gesetzliche Regulierung.

Da gibt es die richtig alten Kirchen. Römisch-katholisch oder orthodox? Optisch oft sehr beeindruckend, und mit dem Staub von Jahrhunderten.

Oder vielleicht etwas Protestantisches für die, die etwas moderner und aufgeklärter sein wollen? Leider ist im protestantischen Segment die Vielfalt so unübersichtlich, dass es kaum möglich ist, eine allgemeine Bewertung oder Empfehlung abzugeben. Interessierten dürfte es da schwer fallen, eine Entscheidung zu treffen, und fast täglich kommen neue Produkte dazu.

Wie wär’s mit etwas Mystischem oder Charismatischem? Diese Artikel sind leider manchmal etwas schwer zu finden, da diese Marke noch nicht fest etabliert ist, und der Markt sich noch nicht so richtig konsolidiert hat.

Ganz aktuell gibt es jetzt auch Anbetung im Stil von Rockkonzerten für die jungen Menschen von heute. Die Qualität kann leider nicht immer mit weltlichen Konzerten mithalten, aber es soll uns schließlich keiner vorwerfen können, unser Sortiment wäre veraltet und wir gingen nicht mit der Mode.

Bio-Produkte selbstverständlich. Viele Kirchengemeinden haben Umweltprojekte, die auf der Webseite schnell zu finden sind.

Es gibt natürlich auch Spezialprodukte für Sondergruppen, wie ethnische Kirchengemeinden oder Gruppen für Menschen mit speziellen Problemen. Da ist das Angebot dann auch oft recht übersichtlich, wenn man weiß, wo man suchen muss.

Auch Regionales ist im Angebot. Christliche Gruppen, die sich besonders für ihre Nachbarschaft einsetzen und dort präsent sind.

Rundum-sorglos-Pakete findet man natürlich auch, von Gemeinden, die größer und finanziell etwas besser gestellt sind. Mit professioneller Kinderbetreuung, eigenen Seelsorgern und Sozialarbeitern. Spezielle Kleingruppen für alle Altersklassen und Selbsthilfegruppen für alle Probleme, die so anfallen. Gruppengefühl und praktische Hilfe fürs Diesseits und den Freifahrtschein fürs Jenseits.

Was darf’s denn sein?

Und hätten Sie gerne die Standard-Mitgliedschaft oder darf’s auch ein bisschen mehr sein? Wollen Sie vielleicht sogar Miteigentümer als Genossenschaftsmitglied werden? Oder stehen Sie mehr auf Aktien mit Dividenden? Warum sollte man von seiner Frömmigkeit nicht auch ein bisschen profitieren?

Die Anzahl der Menschen, die sich für Religion interessieren, ist begrenzt. Manchmal hat man den Eindruck, dass das Angebot größer ist als die Nachfrage. Das führt natürlich zu verschärftem Konkurrenzkampf. Da braucht man Kundenbindungsprogramme, um seine Schäfchen an sich zu binden, und gleichzeitig eine aggressivere Werbung nach außen. Deutliche Abgrenzung von Mitbewerbern durch ein geschärftes eigenes Profil.

Was war nochmal das Wesentliche am Christentum?

Christlicher Glaube ist KEIN Konsumartikel. Und christliche Gruppen, die den Glauben so präsentieren, sind schon auf die schiefe Bahn geraten. Wenn Christentum kein gesellschaftliches Korrektiv mehr ist, hat es seine Existenzberechtigung verloren. Das Himmelreich muss eine erkennbare Alternative zur Welt sein. Licht in der Dunkelheit. Keine künstlichen, selbstgemachten Leuchten aus grellen, blinkenden Neon-Schriftzügen, sondern Licht von Gott, das scheint durch Menschen, die ihm gehören.

Ich hatte schon oft eine Diskussion über christliche Vielfalt mit meiner Mutter. Sie findet es ganz toll, dass es so viele verschiedene Konfessionen und Gemeinschaften gibt, weil dann jeder etwas Passendes für sich findet. Ich halte dagegen, dass Vielfalt nichts bringt, wenn sie nicht für den Einzelnen in seiner Glaubensgemeinschaft erlebbar ist. Ich kann von den Ansichten, Traditionen und Erfahrungen eines anderen Christen nur etwas lernen, wenn ich sie kennenlerne. Solange all die Frommen zusammenklucken, die einer Meinung sind, schmoren sie nur im eigenen Saft.

Auch für Menschen, die auf der Suche sind, wirkt das unüberschaubare Angebot und die Streitereien zwischen Christen wohl eher abschreckend. Wäre es nicht viel besser, wenn Menschen sehen könnten, wie herzlich lieb wir Christen einander haben, und wie wir in einer Nachbarschaft gemeinsam unseren Glauben leben trotz ernsthafter Meinungsunterschiede? Würde nicht gerade die Einheit in der Vielfalt auch mit Schwierigkeiten deutlich machen, worauf es eigentlich ankommt?

Was eigentlich besagt das Christentum?

Hier dazu mehr:  http://www.patmos.de/wendepunkte-p-8508.html