Was ist mit den Teenagern los?

 

Tennager in Moskau
Teenager in Moskau, von Alagich Katya [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Sorgt sich unsere Gesellschaft um ihre Jugend? Besteht Anlass zur Sorge? Wer oder was beeinflusst und prägt die Jugendlichen, und welche Interessengruppen versuchen, sie an sich zu binden?

 

Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.

Napoléon Bonaparte

 

Wenn wir zurückblicken in unsere deutsche Geschichte, finden wir schnell Beispiele für die gezielte Beeinflussung der Jugend (Nationalsozialismus, DDR, …). Es muss auch nicht die gesamte Jugend sein, die erreicht und überzeugt wird. Eine ausreichende Zahl, eine kritische Masse, ist genug. Ein nachhaltiges System der Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen dient der Stabilisierung einer Bewegung, einer Organisation oder eines Systems.

Darüber hinaus hat die Erziehung von Kindern und Jugendlichen natürlich auch einfach die Aufgabe, das Fortbestehen und Wohlergehen der eigenen Familie oder Gruppe zu sichern. Früher war diese Erziehungsaufgabe noch gleichförmiger. Durch den beschleunigten historischen Wandel in den vergangenen beiden Jahrhunderten (gesteigerte Produktivität, Industrialisierung, moderne Wissenschaft, technische Neuerungen, …) ist es heute allerdings gar nicht mehr so leicht zu sagen, was eine gute Erziehung ist. Auf was für eine Zukunft sollen wir die Kinder und Jugendlichen denn vorbereiten? Und vor welchen Gefahren müssen wir sie ständig beschützen?

Wenn es nicht gelingt, Jugendliche dafür zu gewinnen, sich auf positive Weise in die Gesellschaft miteinzubringen und für ein nachhaltiges Gemeinwohl der Menschheit zu sorgen, so wird es genug Interessengruppen geben, die mehr als bereit sind, Geld, Kraft und Zeit von Jugendlichen für ihre eigenen Zwecke zu gebrauchen. Jugendliche sind eine wichtige Konsumentengruppe und potentielle Mitarbeiter und Unterstützer für alles Mögliche.

Welche Rolle spielt der christliche Glaube in diesem Zusammenhang? Gibt es ein spezielles Interesse des Christentums an der Jugend? Vielleicht sogar eine Art christliche Theologie für junge Leute?

Religion im Allgemeinen und der christliche Glaube im Besonderen haben kulturgeschichtlich eine gewaltige Bedeutung für die Erziehung, auch wenn diese nicht immer positiv war und ist. Glaube kann helfen, Leben zu deuten und sich in ihm zurechtzufinden. Wir glauben ja sowieso alle etwas, auch wenn unser Glaube nicht immer eine religiöse Gestalt hat. Religion hat den Vorteil, dass die Tradition einer religiösen Gemeinschaft die individuelle Prägung durch die Eltern relativieren und so vor den immer vorhandenen Macken und Einseitigkeiten schützen kann. Sie erweitert das Familienleben, gibt einen weiten Horizont.

Im Gegensatz zum Judentum, wo Religion doch sehr eine ethnische Angelegenheit ist, ist das Christentum nicht die Religion eines bestimmten Volkes. Man wird auch nicht Christ durch die Geburt, sondern dadurch, dass man irgendwann, wenn man von der Wahrheit des christlichen Glaubens überzeugt worden ist, die Entscheidung trifft, mit Jesus zu leben. Wie sollte oder kann eine Erziehung aussehen, die Jugendliche zu diesem Glauben führt?

Ein klassischer Bibelvers zur Jugend dürfte wohl dieser sein:

 

Niemand verachte dich wegen deiner Jugend; du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit.

(Neues Testament, 1. Brief des Paulus an Timotheus, 4. Kapitel, Vers 12)

 

Auch Kinder und Jugendliche tragen Verantwortung, und mit wachsenden Fähigkeiten und größer werdender Freiheit wächst diese mit. Ich denke, es ist gut, sie schon früh an das bewusste Übernehmen von Verantwortung heranzuführen. Dies eröffnet die Möglichkeit, Potential zu entfalten und Persönlichkeit und Charakter zu formen. Manche Kinder werden künstlich klein gehalten, indem die Eltern und andere Menschen im Leben der Kinder viele Aufgaben übernehmen.

Übernehmen von Verantwortung setzt die Fähigkeit eigenverantwortlichen Denkens und Handelns voraus. Diese Fähigkeit zu fördern, ist eine der wichtigsten erzieherischen Aufgaben. Bei einer christlichen Erziehung betrifft dies dann auch den Glauben:

Erziehung zu einem mündigen Glauben.

Jugendliche sind Teil einer Kultur, die das gesamte zukünftige gesellschaftliche Leben beeinflussen wird. Deswegen ist es sehr wichtig, dass die Jugend auch eine Stimme hat, die gehört wird – auch in den Kirchen und Gemeinden. Wir brauchen engagierte Jugendliche, die sprachfähig und kreativ sind, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, und wir brauchen eine Kultur, die solche Jugendliche hervorbringt.

Teenager. Kein Kind mehr, aber auch noch nicht ganz erwachsen. Ein Vorrecht und eine wichtige Aufgabe der Jugend ist zu hinterfragen. Das Leben muss dahingehend abgeklopft werden herauszufinden, was zukunftstauglich ist. Ein Glaube und Traditionen, die Jugendliche nicht mehr erreichen, werden wohl bald in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Was ist mit den Teenagern los?

Diese Frage können wohl am besten die Teenager selbst beantworten. Und wir täten gut daran, hinzuhören …

 

Progressive Theologie

 

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Innenansicht eines Stanford-Torus. Gemälde von Donald E. Davis [Public domain], via Wikimedia Commons

Seit September gibt es die Facebook-Gruppe „Progressive Theologie“ mit inzwischen 50 Mitgliedern, schon über 100 Beiträgen und Diskussion.

 

„Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.“

(Bereschit / Genesis / 1. Mose 19,26)

 

Theologie ist oft rückwärtsgewandt und beschäftigt sich mit Ideen aus der Vergangenheit. In dieser Gruppe geht es um gute, bessere Theologie für die Zukunft. Mir ist dabei auch ganz wichtig, dass es nicht eine Diskussion zwischen „Experten“ ist, sondern dass die wichtigen theologischen Themen endlich auch mehr in die breite Christenheit hineinkommen.

Theologie wird meist auf Professoren-Schreibtischen gemacht. Dort bringt sie noch nicht viel. Was wir brauchen, ist ein Denken über Gott und ein Reden von Gott, dass für Menschen funktioniert und im Alltag spürbar ist. Kann dies eine Theologie sein, die von Profis dem einfachen Gläubigen verklickert werden muss?

 

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden …

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jirmejahu / Jeremia, 31. Kapitel, Verse 31-34)

 

Schon in den biblischen Texten selbst erkennen wir eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und seinen Menschen. Manche sprechen von einer fortschreitenden Offenbarung. Eine grundlegende Frage in der Christenheit ist, in welchem Umfang sich das Reden von Gott nach dem Abfassen der biblischen Texte noch ändern darf. Das Beantworten dieser Frage ist von entscheidender Bedeutung für das geistliche Leben der Christenheit heute und für das christliche Leben eines jeden einzelnen. Dabei ist zu erwarten, dass verschiedene Christen diese Frage auch unterschiedlich beantworten werden, denn unsere Traditionen sind unterschiedlich und unsere persönlichen Erfahrungen und Rahmenbedingungen auch.

Es gibt schon viele gute Projekte und Webseiten zu Themen wie Bibel, Theologie, christlicher Glaube, Kirche, Religionen, …  Die Beschäftigung mit Vergangenem nimmt bei Religionen notwendigerweise auch einen großen Raum ein, da Überlieferung wichtig ist, damit gute Traditionen nicht abreißen und wichtige Werte nicht verloren gehen.

Gerade in der jüdisch-christlichen Überlieferung begegnet uns allerdings auch eine starke Ausrichtung auf die Zukunft (messianische Erwartungen, Wiederkunft Christi, …). Der Geist Gottes ist eine innovative Kraft. In dieser Facebook-Gruppe soll es darum gehen, wie unsere Überlieferung für die Zukunft fruchtbar sein kann und was wir an Neuem brauchen. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet ihr schon Links zu interessanten Inhalten, Projekten, …

Ich habe beim flüchtigen Googeln keinen einheitlichen Begriff „Progressive Theologie“ gefunden. Er wird z.B. auch für bestimmte islamische Theologie benutzt. Könnt ihr euch erinnern, ob und in welchem Zusammenhang ihr den Begriff schon einmal gehört habt? (Im Englischen gibt auch den Begriff „Progressive Christianity„.)

 

Das Anbrechen der christlichen Weltherrschaft

 

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„The Ascension“, attributed to Dosso Dossi [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.

(Jesus im Matthäus-Evangelium; die Bibel, Neues Testament, Matthäus 28. Kapitel, Vers 18)

 

Vier unserer deutschen Feiertage erinnern an wichtige Ereignisse aus den Erzählungen über den Mann aus Nazareth: Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Himmelfahrt. Ein jedes Jahr wiederkehrendes Zeichen dafür, wie tief unsere abendländische Kultur durch den christlichen Glauben geprägt worden ist.

„Himmelfahrt“. Wer in Deutschland lebt, kennt dieses Wort ziemlich bald. Nicht jeder verbindet damit allerdings noch etwas Religiöses. Wer sich ein kleines bisschen auskennt, weiß allerdings, dass das Wort sich auf die Himmelfahrt von Jesus bezieht.

 

… aufgefahren in den Himmel …

(aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis)

 

Ich selbst bin christlich aufgewachsen und habe, wenn ich an Himmelfahrt denke, immer die Szene auf dem Ölberg im Kopf, wo Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet und dann auf einer Wolke gen Himmel entschwindet und zwei Engel dabei sind. Diese Vorstellung stammt von der Beschreibung im ersten Kapitel der Apostelgeschichte. Am Ende des Johannes-Evangeliums kommt diese Szene überhaupt nicht vor. In der ursprünglichen Fassung von Markus kommt dies Szene wahrscheinlich auch nicht vor. Einige Handschriften haben allerdings ein paar Verse am Ende von Markus, wo Jesus den Jüngern bei einer Mahlzeit erscheint, zu ihnen spricht und dann „in den Himmel aufgenommen wird“. Auch keine Szene mit Berg und Wolke und Engeln.

Am Ende von Matthäus erscheint Jesus den Jüngern erstaunlicherweise auf einen Berg in Galiläa und es wird gar nichts von einer Himmelfahrt erzählt. Nur am Ende vom Lukas-Evangelium finden wir auch eine Himmelfahrt in der Nähe von Jerusalem und Bethanien (Ölberg), was als Buch natürlich eine große Nähe zur Apostelgeschichte hat. Die Apostelgeschichte knüpft genau an der Stelle wieder an.

Ich war überrascht, dass sich die Szene, so wie ich sie im Kopf hatte, nur in der Apostelgeschichte findet. Was wollen all diese Erzählungen zum Ausdruck bringen? Und in welcher Form finden wir das in den restlichen neutestamentlichen Schriften? Und knüpft all das an Motive an, die den Menschen zur Zeit Jesu schon vertraut waren?

Menschen in der Antike, so z.B. Ägypter, Griechen und Römer, kannten das religiöse Motiv der Himmelfahrt. So finden wir bei den Römern die Himmelfahrt des Romulus und die Griechen hatten die Legende von der Aufnahme des Herakles in den Olymp. Wahrscheinlich waren dem antiken Menschen solche Vorstellungen sogar vertrauter als dem Menschen heute.

Auch im Judentum finden wir dieses Motiv. So wird Henoch von Gott hinweggenommen, ohne dass er stirbt (Genesis 5,24), und ebenso Elija (2. Könige 2,11). Aus späterer Zeit stammt die apokryphe Schrift der Himmelfahrt des Mose.

 

Und weil er mit Gott wandelte, nahm ihn Gott hinweg und er ward nicht mehr gesehen.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Bereschith /Genesis / 1. Mose, 5. Kapitel, Vers 24)

 

Was in dem Motiv der Himmelfahrt zusammenfließt und zum Ausdruck kommt, ist religionsgeschichtlich im Einzelnen nicht ganz einfach zu klären. Klar scheint allerdings zu sein, dass es ein Protest gegen die Vergänglichkeit und Glaube an die Unsterblichkeit ist. Das Menschliche geht ins Göttliche über.

 

Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.

(Neues Testament, 2. Brief des Paulus an die Korinther, 5,4)

 

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist von großer Bedeutung in der jüdisch-christlichen Überlieferung und ist auch in anderen Kulturen und Religionen zu finden. Es entspricht der Sehnsucht von vielen Menschen auch heute, dass ihr Leben nicht nur für sie selbst, sondern auch für andere Menschen von Bedeutung ist – auch über den Tod hinaus.

Befreites, unaufhaltsames Leben, das auch der Tod nicht mehr aufhalten kann. Anteilhaben an der Lebenskraft Gottes, die sich in seiner Schöpfung Bahn bricht. Ein spirituelles Sein, gegründet auf einer mystischen Vereinigung mit dem Anfänger des christlichen Glaubens: Jesus.

 

… Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben …
(Johannes-Evangelium, 11,25-26)

 

Die christliche Weltherrschaft besteht nicht im Durchsetzen „christlicher Werte“, sondern im Hereinbrechen der Wirklichkeit Gottes in seine Welt. Wahre Macht liegt nicht bei den Mächtigen dieser Welt (egal ob römischer Kaiser oder amerikanischer Präsident), sondern im Vertrauen zu Gott. Menschen, die von Gottes Geist erfasst und belebt worden sind, können nicht nur in ihrem eigenen Leben herrschen, sondern können auch Mitarbeiter Gottes sein dabei, die Strukturen des Bösen in dieser Welt auszuhebeln.

 

… die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom, 5,5)

 

Schalom. Gottes ewiges Friedensreich bricht an. Liebe ist stärker als der Tod.

Die unheimliche Nähe zwischen Gott und der Macht

 

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Weitere Einzelheiten Ludwig XIV. im Krönungsornat (Porträt von Hyacinthe Rigaud, 1701) [Public domain], via Wikimedia Commons

… von Gottes Gnaden?

Wenn wir zurückblicken in die Geschichte, so ist die Nähe zwischen Religion und Macht kaum zu übersehen. In den biblischen Texten lesen wir auch davon, und auch heute, in unseren Tagen, reden mächtige Männer und Frauen von Gott.

Wie sieht es aus mit unserer Gottesvorstellung? Ist die Herrlichkeit Gottes vergleichbar mit dem Prunk eines absolutistischen Alleinherrschers? Gott ist doch der Alleinherrscher, oder? Ist der Gott des Jesus von Nazareth ein Gott im Monarchen-Gewand?

 

Da rief Jesus sie zu sich und sagte: „Ihr wisst, wie die Herrscher sich als Herren aufspielen und die Großen ihre Macht missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein. Wer bei euch groß sein will, soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben.
(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 20 Kapitel, Verse 25-28)

 

Das Bild des Königs wird in den biblischen Texten für Gott selbst gebraucht und wird dann auch in der christlichen Tradition in Bezug auf Jesus entfaltet. Das sprachliche Bild vom Monarchen ist allerdings nicht unproblematisch. Sind doch alle souveränen Herrscher, die Menschen aus eigener Erfahrung kennen, immer nur mangelhafte Menschen, mit Stärken und Schwächen.

Sehr interessant ist auch die Kritik an der Monarchie in den biblischen Texten selbst. Als in der Epoche der Richterzeit Gottes Diener Samuel alt geworden war, sagten alle Ältesten Israels zu ihm:

 

So setze nun einen König über uns, der uns richte, wie ihn alle Heiden haben … Der HERR aber sprach zu Samuel: Gehorche der Stimme des Volks in allem, was sie zu dir gesagt haben; denn sie haben nicht dich, sondern mich verworfen, dass ich nicht mehr König über sie sein soll.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, 1. Samuel 8, 4-7)

 

Macht ist ein wichtiges Thema in der Bibel. Auch bei Jesus. Jesus hat den Willen zur Macht. Er hat sich diese Macht allerdings nicht selbst genommen, sondern sie ist ihm gegeben worden.

 

Ich habe von Gott alle Macht im Himmel und auf der Erde erhalten …

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 28. Kapitel, Vers 18)

 

Macht bedeutet Möglichkeiten und Kraft zu Veränderung. Gott wird uns für so manches nicht gebrauchen können, wenn wir uns davor drücken von ihm bevollmächtigt zu werden. Dies funktioniert bei Jesus allerdings anders, als wir es ständig in dieser Welt erleben. Die Autorität der Anhänger von Jesus ist eine Autorität, die aus dem Dienen erwächst und von Gott geschenkt wird. Sie ist eine Macht zum Dienen.

 

 

spirituality to go

 

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Simon von Cyrene, Lebendiger Kreuzweg, Ulm, Karfreitag 2011, by Unterillertaler (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

 

Spiritualität sofort zum Mitnehmen! Einfach einstreuen, umrühren, fertig! Jetzt besonders günstig! Zum Mitnehmen und zum Weiterverschenken!

 

Eine uralte und wesentliche Frage aller Religionen: Wie kann man Spiritualität weitergeben? Wie kann man sie lehren? Überliefern?

Oder aus der Konsumenten-Perspektive: Kann man Spiritualität irgendwo (ein)kaufen? Möglichst billig? („Geiz ist geil.“)

Es gibt eine Fülle religiöser Produkte: Kirchenmitgliedschaften, Guru-Vorträge, Jüngerschaft-Trainings, Ikonen, Gottesdienste, Yoga-Kurse, religiöse Fernsehprogramme, Marienbilder, esoterische Bücher, Buddha-Statuen, Bibel-Fernkurse, …

 

… sein Geist hob mich empor und brachte mich in ein weites Tal, das mit Totengebeinen übersät war …  ‚Sprich zu diesen dürren Knochen, und fordere sie auf: Hört, was der Herr euch sagt: Ich erfülle euch mit meinem Geist und mache euch wieder lebendig!‘

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Hesekiel, 37. Kapitel, Verse 1-5)

 

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr seid wie die gepflegten Grabstätten: von außen sauber und geschmückt, aber innen ist alles voll stinkender Verwesung.

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 23,27)

 

Ein wesentlicher Aspekt des jüdischen Glaubens ist die Weitergabe der Worte und Offenbarungen Gottes. Erzählungen von den großen Taten Gottes in der Vergangenheit. Heilige Texte. Das Christentum erwuchs aus der jüdischen Religion. Bibeln können wir heute in unserem Land kaufen – geistliches Leben nicht.

Ein wesentlicher Aspekt des Wirkens Jesu: Wie kommt Gottes ewiges Friedensreich zu den Menschen?

Die Botschaft des Täufers Johannes war: Der göttliche Holzfäller hat schon mit Augenmaß die Axt dem Baum an die Wurzel gelegt. Nur noch einen Augenblick und er holt aus und der Tag Jahwes bringt den Fall und das Gericht über alle Ungerechtigkeit der Menschen. Tut Buße!

Jesus sah das Wirken Gottes wie das Wachsen eines Senfkorns und das Durchsäuern eines Sauerteigs, und er investierte sein Leben in Menschen.

Ein paar wenige Menschen wählte er besonders aus, und unter diesen noch einmal einen engsten Kreis. Gottes Wirken in Menschen, mit Menschen, durch Menschen …  –  wobei einige begabter zu sein scheinen als andere, die Botschaft vom Wirken Gottes weiterzugeben.

Echtes geistliches Leben gibt es nicht als Fertigprodukt zu kaufen und lässt sich auch nicht als Instant-Variante zubereiten: Einmal umrühren – fertig!

Spiritualität braucht Zeit und Ruhe. Kein besonders interessantes Angebot für die moderne „Ich will  JETZT  Spaß haben“-Mentalität.

Leben aus Gott ist wie der Wind: Man sieht nicht, woher es kommt oder wohin es geht. Es entsteht da, wo sich Menschen Gott zuwenden und auf ihn einlassen. Geistliches Leben lässt sich nicht konservieren, eindosen, verkaufen, weitergeben, definieren, kategorisieren oder verwalten. Es ist verborgen in Gott und in den Herzen von Menschen, die zu Gott gehören.

Wenn die Sonne scheint, kann man sich ihr zuwenden. Wenn man einem Menschen begegnet, kann man sich ihm zu- oder von ihm abwenden. Aber wie wendet man sich Gott zu?

Menschen hatten da auch schon verschiedene Ansätze. Manche suchen Gott in Kirchen, manche in ihrem eigenen Herzen, manche in der Natur, …  –  Jesus sagt zu den Frommen seiner Zeit:

 

„Ihr forscht in der Heiligen Schrift, weil ihr meint, in ihr das ewige Leben zu finden, doch sie spricht ja gerade von mir!“

(Johannes-Evangelium 5,39)

 

Unter den ersten Christen wurde verkündigt:

Wer Jesus hat, hat das Leben. Wer Jesus nicht hat, hat das Leben nicht.

(1. Johannes-Brief 5,12)

 

Als Jesus selbst noch auf den staubigen Wegen Israels umherzog, rief er den Menschen zu: „Hört mir alle zu und versteht, was ich euch sage!“, „Lernt von mir … „, „Folgt mir nach …“, …  (Matthäus 16,24:)  „Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und auf meinem Weg hinter mir hergehen.“

Spirituality to go !

 

Ein biblisches Ruhekissen

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Friedrich Wilhelm Schadow [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Es gibt eine Schläfrigkeit, die zum Tod führt, und manch einer, der so vor sich hin döst, hat sich mit Bibelversen gut abgepolstert.

Gesunder Schlaf ist wichtig. Schlafstörungen können eine große Belastung sein und haben die Macht, das Leben auf den Kopf zu stellen. Manche Menschen schlafen nicht gut, weil der fernsehende Nachbar schwerhörig oder die Matratze zu weich ist. Andere schlafen nicht gut, weil ihre Seele aus dem Gleichgewicht gekommen ist. Auch wenn der Körper erschöpft ist, kann der ganze Mensch sich doch nicht entspannen.

Viele Menschen sehnen sich nach Geborgenheit. Wir brauchen einen Ort, wo wir uns sicher fühlen können. Kein Mensch kann pausenlos kämpfen. Und wenn wir ein Bedürfnis haben, machen wir uns auf die Suche …

 

Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.

(Jesus aus Nazareth in: Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 11. Kapitel, Vers 28)

 

Der Weg Jesu ist nicht der leichte, breite Weg. Das Evangelium ist kein attraktives Angebot für Schnäppchenjäger. Es kostet das ganze Leben und ist gleichzeitig gratis. Geschenkt. Gefragt ist nicht, was wir haben, sondern wer wir sind. Die Ruhe, die Jesus verspricht, erwächst aus Vertrauen. Vertrauen zu Gott. Gott schenkt Frieden, der über unser Verstehen hinausgeht.

Aber um unsere Angst im Zaum zu halten, suchen wir Sicherheit, und um Bedrohungen abzuwenden, wollen wir kontrollieren. Glaube ist Antwort auf die Stimme Gottes. Völlige Hingabe an ein himmlisches Du, das wir nicht sehen können, über das wir nicht verfügen können, das wir nicht beweisen, nicht kontrollieren und nicht vorzeigen können. Die einzige Sicherheit, die wir im Glauben haben, ist die Sicherheit, die aus diesem Vertrauen erwächst. Dies ist dann allerdings eine Sicherheit mit ewigen Dimensionen.

Für viele Menschen ist der Verlust der eigenen Kontrolle eine Horrorvorstellung. Wir alle haben nicht nur gute Erfahrungen im Umgang mit Menschen gehabt; und die Vorstellung von Gott sprengt sowieso all unsere Vorstellungskraft. Unbekanntes kann Angst machen.

 

Als das ganze Volk erlebte, wie es blitzte und donnerte, Posaunenschall ertönte und der Berg rauchte, bekam es große Angst und blieb zitternd in weiter Ferne stehen. Die Leute sagten zu Mose: »Wir haben Angst, wenn Gott so mit uns redet. Wir werden noch alle umkommen! Sprich du an seiner Stelle zu uns, wir wollen auf dich hören.« Da sagte Mose zum Volk: »Ihr müsst keine Angst haben. Gott ist nur gekommen, um euch auf die Probe zu stellen …

(Altes Testament, Tora, 2. Mose / Exodus / Schemot 20,18-20)

 

Nur Vertrauen kann Angst überwinden. Ver-trauen hat auch etwas mit trauen zu tun. Sich trauen ein Wagnis einzugehen und Schritte ins Ungewisse zu gehen – in ein neues Land des Vertrauens, das Gott uns zeigt. Wie Abraham, Vater des Glaubens für Juden und Christen.

Weil wir Gott nicht vertrauen wollen, suchen wir uns Sicherheiten, über die wir mehr Kontrolle haben: Glücksbringer; Rituale, die wir nach Bedarf anwenden können; Glück, das man sich kaufen kann; Argumente, die wir verstehen; Bibelverse, die man auswendig lernen kann und ein Denkgebäude, das uns Halt gibt; ein christliches Glaubenssystem, das uns einleuchtet, und das man auch anderen erklären kann; Dogmen, die uns sagen können, das alles in Ordnung ist.

Wir erzählen einander nicht mehr die biblischen Geschichten oder von den Erfahrungen des Glaubens aus unserem eigenen Leben, sondern lernen den „richtigen“ Glauben aus Katechismen und vom Predigerpult. Wir haben uns in den vergangenen 2000 Jahren ein Denkgebäude aus Bibelversen gebaut, in dem wir meinen sicher zu sein. Mit dem Dogma von der Unfehlbarkeit der Bibel haben wir uns ein Machtinstrument geschaffen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen und unsere Interessen zu verteidigen. Eine selbst-gemachte Religion, und die Bibel als Götze.

 

So riss sich denn das ganze Volk die goldenen Ringe ab, die an ihren Ohren hingen, und sie brachten sie zu Aaron … und machte ein gegossenes Kalb … Und sie sagten: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat. Als Aaron das sah, baute er einen Altar vor ihm, und Aaron rief aus und sagte: Ein Fest für JAHWE ist morgen!

(2. Mose / Exodus / Schemot 32,3-5)

 

Vielleicht entsteht bei manch einem, der meine Texte liest, der Eindruck, ich wollte Gläubige verunsichern. Das stimmt nicht ganz. Ich möchte eine falsche Sicherheit erschüttern, um wahre Sicherheit zu finden – Sicherheit des Glaubens, Geborgenheit und Orientierung durch Jesus. Eine selbst-gemachte Sicherheit ist ein marodes Fundament. Jesus sagt lapidar: „Meine Schafe hören meine Stimme.“ (Johannes 10,27)

 

Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist. Wer sich meine Worte nur anhört, aber nicht danach lebt, der ist so unvernünftig wie einer, der sein Haus auf Sand baut. Denn wenn ein Wolkenbruch kommt, die Flut das Land überschwemmt und der Sturm um das Haus tobt, wird es aus allen Fugen geraten und krachend einstürzen.

(Matthäus-Evangelium 7,24-27)

 

Das feste Fundament von dem Jesus in der Bergpredigt spricht, ist weder die Bibel noch ein in sich geschlossenes christliches Glaubenssystem aus Bibelversen. Es ist das Hören UND TUN der Worte Jesu. Ein Leben aus dem Vertrauen zu Gott.

 

Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen … Liebt eure Feinde und betet für alle, die euch verfolgen! So erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne für Böse wie für Gute scheinen, und er lässt es regnen für Fromme und Gottlose … Wenn du beten willst, geh in dein Zimmer, schließ die Tür, und dann bete zu deinem Vater, der auch im Verborgenen gegenwärtig ist; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dich belohnen … euer Vater weiß genau, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn um etwas bittet … sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz … Zerbrecht euch also nicht mehr den Kopf mit Fragen wie: ‚Werden wir genug zu essen haben? Und was werden wir trinken? Was sollen wir anziehen?‘ Mit solchen Dingen beschäftigen sich nur Menschen, die Gott nicht kennen. Euer Vater im Himmel weiß doch genau, dass ihr dies alles braucht. Sorgt euch vor allem um Gottes neue Welt, und lebt nach Gottes Willen! Dann wird er euch mit allem anderen versorgen. Deshalb sorgt euch nicht um morgen … Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet … Wenn schon ihr hartherzigen Menschen euren Kindern Gutes gebt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes schenken, die ihn darum bitten …

(Bergpredigt, Matthäus 5-7)

 

Manche arbeiten an einem Bibelverständnis und einem theologischen System, welches dann den Gläubigen Sicherheit für ihren Glauben und ihr Leben liefern soll, und Antworten auf alle Fragen. – Was für eine Sicherheit wird das dann sein?

Fundamentalismus ist ein Konzept, das nicht zum Leben passt. Es tut uns selbst nicht gut, und auch nicht anderen. Ich bin selbst in einer fundamentalistischen Gemeinde aufgewachsen und habe mich jahrelang mit dieser Tradition herumgeschlagen und lange gebraucht, um zu verstehen, dass man mit den biblischen Texten auch anders umgehen kann.

Ich verstehe, dass Menschen ein unterschiedliches Bedürfnis nach Sicherheit haben. Dies ist auch abhängig von unseren Lebensumständen und von der Erfahrung im Glauben. Ich möchte nicht, jemandes Glauben an Jesus beschädigen, sondern zu einem besseren Verstehen beitragen. Paulus sagt im Galaterbrief, dass die Tora den Gläubigen als etwas Vorübergehendes gegeben wurde, solange sie noch nicht mündig waren, wie Kinder. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, wo wir durch den Geist Gottes im Glauben mündig und erwachsen werden können und sollen.

Man kann sich aus Bibelversen eine Hängematte stricken, in der sich gut ein Nickerchen machen lässt – und man verpennt das Leben. Man kann sich aber auch immer wieder von diesen alten Texten inspirieren und herausfordern lassen und von Jesus lernen, Gott zu vertrauen.

 

Jeder weiß, dass ihr selbst ein Brief Christi seid, den wir in seinem Auftrag geschrieben haben; nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes; nicht auf steinerne Gesetzestafeln wie bei Mose, sondern in menschliche Herzen. Das wagen wir nur deshalb zu sagen, weil wir Gott vertrauen … Wir verkünden nicht länger die Herrschaft des geschriebenen Gesetzes, sondern das neue Leben durch Gottes Geist. Denn der Buchstabe tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.

(Paulus im 2. Korintherbrief 3,3-6)

 

Aber viele Christen schlafen weiter in ihrem aus Bibelversen gezimmerten Denkgebäude – bis der Sturm kommt …

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel mit Kommentaren findet ihr hier: https://schmillblog.wordpress.com/2016/11/23/mit-der-bibel-schlafen.]

 

neolog | Und was glaubst Du?

 

Noch vor ein paar Jahren hätte man kaum geglaubt, dass Religion und Glaube wieder einen so großen Raum in den Medien einnehmen würden. Die Frage, was jemand glaubt, erscheint vielen Menschen wieder interessant und relevant.

 

Der multi-autor Neolog-Blog bemüht sich um einen möglichst weiten christlichen Glauben. Letzte Woche wurde dort ein Artikel von Pastor Marko Jesske aus Frankfurt/M. veröffentlicht, in dem er ein persönliches Glaubensbekenntnis abgibt und über Veränderungen des Glaubens schreibt:

http://neolog-blog.de/und-was-glaubst-du/