Ein anderes Evangelium?

 

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Calvary Church bei Nacht; eine „non-denominational evangelical church“ in Charlotte, North Carolina; Foto von Fartbarker, via Wikimedia Commons – public domain

 

Die Lage der Christenheit ist sehr ernst; uns sie ist es nicht erst seit gestern, sondern schon seit langem.

 

„Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen.“

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(Paulus im Brief an die Christen (!) in Galatien; Bibel, Neues Testament; 5. Kapitel, Vers 15)

 

Eine gute Nachricht?

Das ist, was das Wort „Evangelium“ wörtlich bedeutet. Antike Fromme dachten da an Rettung von Gott, Bedrohungen, die abgewendet werden konnten, Überwindung des Bösen und Zukunft, die möglich geworden ist.

Die ersten Christen waren überzeugt, dass sie eine gute Nachricht für die ganze Welt haben. Diese Überzeugung war entstanden durch die Erfahrungen, die sie mit Jesus aus Nazareth als Teil der spirituellen Bewegung gemacht hatten, die von diesem Menschen ausging.

Sie waren überzeugt, dass sie in einer Zeit leben, wo Gottes Geist auf Menschen herabkommt, sie erfasst, neu belebt und befähigt ein Leben zu führen, das Gott gefällt.

 

„Der Geist Gottes dagegen lässt als Frucht eine Fülle von Gutem wachsen, nämlich: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Freundlichkeit und Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung. Gegen all dies hat die Tora nichts einzuwenden.
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Menschen, die zum Messias Jesus gehören, haben ja doch ihre selbstsüchtige Natur mit allen Leidenschaften und Begierden ans Kreuz genagelt.“
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 5,22-24)

 

Was glauben Christen heutzutage noch?

Wenn man sich heutzutage in der christlichen Szene umschaut, ist es gar nicht so leicht zu erkennen, was all diese Christen noch gemeinsam haben. Ich wohne in Berlin und die christliche Szene ist hier (besonders seit dem Mauerfall) sehr bunt geworden. Wenn man mit Christen ins Gespräch kommt, weiß man oft nicht, was einen erwartet, und einem wird dann alles Mögliche erzählt.

Was für eine gute Nachricht haben wir als Christen heutzutage noch für die Menschen um uns herum? Was ist unsere Message an die Welt? Ist das Christentum noch ein gutes Angebot?

 

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Apostel Paulus (rechts mit Buch, Schwert und Halbglatze) und Markus. Eine der beiden Tafeln des Diptychons (Die vier Apostelvon Albrecht Dürer (1526) via Wikimedia Commons – public domain

 

Ein anderes Evangelium

Der bibel-kundige Leser hat es sofort gemerkt:

Der Titel ist eine Anspielung auf einen Bibelvers im Brief des Apostels Paulus an die Christen in Galatien:

 

„Ich wundere mich sehr über euch. Gott hat euch doch in seiner Gnade das neue Leben durch den Messias Jesus  geschenkt, und ihr seid so schnell bereit, ihm wieder den Rücken zu kehren. Ihr meint, einen anderen Weg zur Rettung gefunden zu haben?

Doch es gibt keinen anderen! Es gibt nur gewisse Leute, die unter euch Verwirrung stiften, indem sie die Botschaft vom Messias verfälschen. Wer euch aber einen anderen Weg zum Heil zeigen will als die rettende Botschaft, die wir euch verkündet haben, den wird Gottes Urteil treffen – auch wenn wir selbst das tun würden oder gar ein Engel vom Himmel.

Ich sage es noch einmal: Wer euch eine andere Botschaft verkündet, als ihr angenommen habt, den wird Gottes Urteil treffen!“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 1,6-9, in der Übersetzung der „Hoffnung für alle“; die Formulierung „anderes Evangelium“ stammt aus der Luther-Übersetzung)

 

Hatten die Galater Jesus den Rücken gekehrt und sich wieder den Vergnügungen der Welt zugewandt? Oder sich von „modernen“ Irrlehren verführen lassen?

 

Ist Jesus allein nicht genug?

Das Problem war nicht, dass sich die Galater völlig von Jesus abgewandt hätten, sondern dass nachdem Paulus die gute Nachricht vom  neuen  Leben in Jesus verkündet hatte, andere kamen, die gesagt haben: Jesus ist zwar der Messias, aber Jesus allein genügt nicht, sondern ihr müsst auch nach der alten Tora leben.

 

„Allerdings mussten wir uns mit einigen falschen Brüdern auseinander setzen, mit Eindringlingen, die sich bei uns eingeschlichen hatten und ausspionieren wollten, wie wir mit der Freiheit umgehen, die Jesus, der Messias, uns gebracht hat. Ihr Ziel war, uns wieder zu Sklaven der Tora zu machen.

Aber wir haben ihnen nicht einen Augenblick nachgegeben und haben uns ihren Forderungen nicht gebeugt; denn die Wahrheit, die uns mit dem Evangelium gegeben ist, sollte euch unter allen Umständen erhalten bleiben.“

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(Galaterbrief 2,4-5)

 

Die Leute, gegen die sich Paulus im Galaterbrief wehrt, waren Menschen, die sich auf die heiligsten Texte ihrer heiligen Schriften beriefen: Die Tora. Der Galaterbrief selbst zeigt uns also schon, dass es nicht nur theoretisch möglich ist, sondern dass in der Geschichte der Christenheit es schon real passiert ist, dass Menschen mit heiligen Texten ein anderes Evangelium verkündet  haben .

 

„Biblisch an Jesus glauben“

Das Problem der Galater damals scheint mir sehr ähnlich dem Problem, das wir schon seit langem in der Christenheit haben. Vielleicht ist es im Wesentlichen sogar dasselbe. Der Glaube an die Bibel ist bei vielen Christen an die Stelle des Glaubens an Jesus getreten. Jesus wird „verpackt“ in der Bibel und nur wer „biblisch“ an Jesus glaubt, wird gerettet.

 

„Bevor uns Gott diesen Weg des Glaubens geöffnet hat, waren wir unter der Aufsicht des Gesetzes in das Gefängnis der Sünde eingeschlossen. Das sollte so lange dauern, bis Gott den vertrauenden Glauben als Weg in die Freiheit bekannt machen würde,  und das heißt: bis Christus kam.
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So lange war das Gesetz unser Aufseher; es war für uns wie der Sklave, der die Kinder mit dem Stock zur Ordnung anhält. Denn nicht durch das Gesetz, sondern einzig und allein durch vertrauenden Glauben sollten wir vor Gott als gerecht bestehen.
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Jetzt ist der Weg des Glaubens geöffnet; darum sind wir nicht mehr unter dem Aufseher mit dem Stock.“
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(Galaterbrief 3,23-25)

 

Eine andere Welt

Die Welt, in der wir heute leben, ist nicht mehr dieselbe, wie die Welt der ersten Christen. Ganz abgesehen davon, dass die ersten Christen keine Mitteleuropäer waren und nicht Deutsch sprachen.

In unser modernen Zeit verändert sich unsere Gesellschaft und unser Leben schneller als jemals zuvor, und wir stehen vor Herausforderungen, die die Menschheit in ihrer Geschichte noch nie erlebt hat.

 

 

Eine andere Situation

Alle  neutestamentlichen Texte entstanden im Zusammenhang bzw. Umfeld jüdischer Frömmigkeit des 1. Jahrhunderts. Diese religiöse Situation ist für  fast alle  Christen heutzutage eine andere.

Leider trennt das Christentum und das Judentum heute eine tiefe Kluft, die auch durch viel Leid entstanden ist. Die Christenheit hatte sich im Laufe seiner Geschichte schnell von der jüdischen Kultur und seinen jüdischen Wurzeln entfernt. Die Adressaten der neutestamentlichen Texte waren allerdings noch eng mit dieser Kultur verbunden.

 

„… Im Übrigen finden sich alle diese Forderungen im Gesetz des Mose, das seit vielen Generationen in allen Städten verkündet und Sabbat für Sabbat in allen Synagogen vorgelesen wird …
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Der Heilige Geist selbst und unter seiner Führung auch wir haben nämlich beschlossen, euch nur die folgenden unbedingt nötigen Anweisungen zu geben und euch darüber hinaus keine weitere Last aufzuerlegen:
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Esst kein Fleisch, das den Götzen geopfert wurde, unterlasst den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch und haltet euch fern von jeder Unmoral!“
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(Apostelgeschichte; Neues Testament; 15,21-29)

 

Ein anderer Leser

Wir sind auf Grund des historischen Wandels und einer anderen kulturellen und religiösen Situation heutzutage gar nicht mehr in der Lage, die biblischen Texte so zu lesen wie ein antiker Christ im 1. Jahrhundert.

Wen wollen wir fragen, ob wir einen Bibeltext richtig verstanden haben?

Und wie werden wir zu mündigen Christen, die befähigt sind, ihre Glaubensentscheidungen selbst zu vertreten, ohne am Rockzipfel eines Pastors oder Propheten zu hängen?

 

„Euch aber hat der, der heilig ist, Jesus Christus, seinen Geist gegeben, und durch diese Salbung habt ihr alle die nötige Erkenntnis.“

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(Erster Johannesbrief 2,20)

 

Tradition oder Erfahrung? Vermittelte Glaubensinhalte oder unmittelbare Gotteserfahrung?

Manchmal ist der Unterschied kaum erkennbar, aber er ist dennoch fundamental. Ist das Fundament meines Glaubens eine bestimmte christliche Tradition, die ich von anderen gelernt habe, oder ist es meine eigene Wahrnehmung und die Erfahrung, die ich selbst im Glauben an Jesus gemacht habe?

 

„Wer nun auf das hört, was ich gesagt habe, und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut.

Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,24-25)

 

Durch die Überlieferung über Jesus haben wir von ihm gelernt. Aber es ist nicht nur ein theoretisches Wissen, sondern es sind lebendige Worte, die etwas in unserer Seele berühren und uns in ein neues Leben locken. Es ist das unmittelbare geistige Wirken Gottes durch Jesus, das Menschen zu einem neuen Menschen werden lässt. Und das nicht nur am Anfang bei der Bekehrung, sondern auch danach, in einem Leben aus dem Vertrauen.

Ein Leben des Lernens von Jesus kann sich verkehren in ein Leben nach heiligen Texten und schriftlichen Anweisungen; und ein göttliches Buch, eine Heilige Schrift, kann zum Vermittler der Gnade werden. Und da die antiken, biblischen Texte nicht so leicht zu übersetzen und zu interpretieren sind, brauchen wir dann auch noch ein Heer an Experten, Bibel-Lehrern, Schriftgelehrten, Pastoren, Theologen, … die uns verklickern, wie wir die Bibel richtig zu verstehen haben.

 

„Beantwortet mir nur diese eine Frage: Wodurch habt ihr den Geist Gottes empfangen? Indem ihr die Forderungen der Tora erfüllt habt oder weil ihr die Botschaft des Glaubens gehört und angenommen habt?

Wie könnt ihr nur so blind sein! Wollt ihr jetzt etwa aus eigener Kraft zu Ende führen, was Gottes Geist in euch begonnen hat?“

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(Galaterbrief 3,2-3)

 

Die Balance zwischen dem Einzelnen und der Gruppe

Die christliche Traditions-Gemeinschaft ist dennoch wichtig. Es ist in der Gemeinschaft der Liebenden, in der ich selber lerne zu lieben. In einer solchen Gemeinschaft wird man auch sensibel für Gefahren von Gruppendruck und geistlichem Missbrauch sein.

Ein weiterer Grund für die Bedeutung von Gemeinschaft ist die Deutung meiner eigenen Erfahrungen. Ich deute meine persönlichen Gotteserfahrungen im Rahmen meiner kulturellen Prägung und der religiösen Tradition, die ich gelernt habe. Ich kann mich auch irren. Austausch mit anderen schenkt mir zusätzliche Perspektiven und erweitert meinen Horizont.

Wir haben – abgesehen von persönlichen Visionen und Träumen von Jesus – nur den Jesus der Tradition und den in der Gemeinschaft erlebten Jesus durch prophetische Worte und das gemeinsame Leben im Geiste von Jesus. Bei all dem ist eine gesunde Balance zwischen dem Einzelnen und der Gruppe existentiell.

 

„Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,5)

 

Wann wird das „Wir-Gefühl“ zu eng?

Wir sind alle noch Menschen mit unseren persönlichen Interessen und Bedürfnissen; und auch eine christliche Gemeinschaft hat Gruppeninteressen. Wenn Freiheit nicht mehr spürbar ist und Gemeinschaft als einengend empfunden wird, ist das ein Alarmsignal.

Gemeinschaft ist auch Träger von Kultur. In christlicher Gemeinschaft können wir eine liebevolle Kultur schaffen, in der die Botschaft von Jesus Gestalt in Fleisch und Blut gewinnt und christlicher Glaube berührbar und berührend wird.

Liebe und Freiheit eröffnen den Raum, in dem wir lernen, vertrauen und wachsen können. In Freiheit und Liebe lernen wir gemeinsam geistlichen Missbrauch und Gruppendruck einerseits, und ein Dominieren durch Einzelne andererseits zu verhindern und können das Entstehen einer echten Gegenkultur zur Welt erleben.

 

„‚Der Wind weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber woher er kommt und wohin er geht, weißt du nicht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.‘

‚Aber wie kann das geschehen?‘, fragte Nikodemus.

‚Du als Lehrer Israels weißt das nicht?‘, entgegnete Jesus.“

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(Johannes-Evangelium 3,8-10)

 

Das Wesen der Jesus-Bewegung

Die Jesus-Bewegung im ersten Jahrhundert war vom Wesen her eine spirituelle Bewegung, die an die jüdische Kultur und Tradition anknüpfte. Ihre geistliche Kraft entstand aus dem individuellen spirituellen Erleben der einzelnen Gläubigen. Jede Form von Christentum, die sich auf diese Jesus-Bewegung und ihre Texte bezieht, muss dies ernst nehmen, wenn sie nicht in einen inneren Widerspruch geraten will.

Einer der wichtigsten Texte der Christenheit, die sogenannte „Bergpredigt“ von Jesus, stellt einer „äußeren“ Frömmigkeit, die durch Traditionen und ein oberflächliches Erfüllen von Normen der Glaubensgemeinschaft geprägt ist, eine tiefe „innere“ Frömmigkeit gegenüber, bei der äußeres Verhalten und innere Haltung in Übereinstimmung sind.

Es ist dieser „innere Weg“ aus dem Herzen heraus, durch den Glaube und Tradition zu etwas werden können, das als ein in sich stimmiges Ganzes erfahren werden kann.

 

„Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 5,8)

 

Ein anderes Evangelium?

Obwohl wir in einer anderen Zeit und Welt leben, machen auch heute Menschen ähnliche Erfahrungen wie die Christen in Galatien zur Zeit von Paulus. Menschen finden durch den inneren Weg im Vertrauen zu Jesus zu einer Gotteserfahrung und werden erneuert, belebt und befähigt durch seinen Geist. – Es gibt eigentlich noch eine gute Nachricht für Menschen heute!

Wir sind Empfangende. Menschen, die durch diesen inneren Weg des Vertrauens zu Jesus zu Christen werden, erleben dies nicht, weil sie so ein tolles Bibelverständnis haben oder in Übereinstimmung mit der Bibel leben, sondern weil Gott selbst durch seinen Geist dort etwas Neues geschaffen hat.

Wer die Bibel ins Zentrum des Glaubens rückt oder zur Voraussetzung von neuem Leben macht, hat ein  anderes  Evangelium geschaffen, das auch in sich nicht mehr stimmig sein kann, weil die biblischen Text von einer anderen Frömmigkeit reden.

Wenn all diejenigen, die sich so gern „bibeltreu“ nennen doch endlich aufhören würden, die biblischen Texte für ihre Bibel-Ideologie und zur Durchsetzung ihrer eigenen Meinung zu missbrauchen. Anstatt zu versuchen, im Austausch mit anderen zu einem besseren Bibelverständnis und einer tieferen Einsicht in den christlichen Glauben zu finden, lassen sie sich von ihrer Angst dazu verleiten, alles kontrollieren und bestimmen zu wollen und schotten sich ab.

 

„In unserem Inneren fehlt es nicht an Platz für euch; eng ist es in euren eigenen Herzen. Macht es doch wie wir – ich spreche zu euch als zu meinen Kindern – und öffnet auch ihr euch weit!“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 6,12-13)

 

Eine  g u t e  Nachricht

Religion ist eine komplexe Angelegenheit, und auch das mittlerweile fast 2000 Jahre alte Christentum ist vielfältig und vielschichtig. Da kann es schnell passieren, dass ein Mensch, der Jesus lieb hat und Gott gefallen möchte, abhängig wird von den religösen Profis, die ihm den christlichen Glauben erklären.

Oder ein anderer Mensch, bei dem gerade die Hoffnung aufgekeimt ist, dass sein hartes und verrücktes Leben vielleicht doch irgendwie Sinn machen könnte und spirituelle Tiefe spürt, wird frustriert wegen all den endlosen Diskussionen und Streitereien in der Christenheit. – Eine gute Nachricht muss auch für einen Menschen als gut-tuend erfahrbar sein.

Es gibt eine Alternative. Menschen könnten christliche Spiritualität und die Offenbarung Gottes in dem Menschen aus Nazareth wieder als ein kraftvolles, faszinierendes Geheimnis für sich entdecken, das nicht sofort alle Fragen beantwortet, aber den Menschen auf einen spürbar guten Weg bringt.

 

„… Groß und einzigartig ist das Geheimnis unseres Glaubens: In die Welt kam der Messias als ein Mensch, und der Geist Gottes bestätigte seine Würde. Er wurde gesehen von den Engeln und gepredigt den Völkern der Erde. In aller Welt glaubt man an ihn, und er wurde aufgenommen in Gottes Herrlichkeit.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 3,16)

 

Die Zeit ist reif für Veränderung

Heute, nachdem die Bibel-Ideologie schon seit Jahrhunderten ihre Wirkung entfaltet hat, sollten wir klare Glaubensentscheidungen treffen und Konsequenzen für unsere religiöse Praxis ziehen. Jeder für sich persönlich und auch gemeinsam.

Wäre es nicht viel besser, wenn Christentum, anstatt die moderne Zeit bloß misstrauisch zu beäugen und kritisch zu kommentieren, wieder selbst als eine wirklich  gute  Nachricht für Menschen und als gesellschaftliche Kraft erfahrbar würde?

 

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen …

So trägt jeder gute Baum gute Früchte; ein schlechter Baum hingegen trägt schlechte Früchte.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,16-17)

 

Den Schatten fest im Blick

Viele christliche und andere Persönlichkeiten sind schon über ihren eigenen Schatten gestolpert, und der Schaden ist oft groß. Ich glaube Schattenarbeit ist die wichtigste Hausaufgabe für engagierte Christen. – Haben wir genug Glauben und den Mut uns unserem persönlichen und kollektiven Schatten zu stellen?

Viele Christen lieben schöne Gefühle und mögen es, Jesus im Worship zu feiern oder neue trendige Projekte anzustoßen. Wenn wir nachhaltig arbeiten und Menschen nicht schaden wollen, müssen wir aber unbedingt auch bereit sein, uns die dunklen Seiten unserer Aktivitäten anzuschauen und gerade da genau hinzuschauen, wo Dinge nicht so schön sind und nicht funktionieren.

Es gibt immer auch Wirkungen, die uns überraschen oder die wir eigentlich nicht beabsichtigen. Auch Fresh X oder irgendein anderer moderner Anstrich wird uns nicht retten, wenn wir uns dem negativen Anteil des Christentums und der christlichen Geschichte nicht stellen.

 

 Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,3)

 

Eine gute Nachricht auch für die kommenden Generationen

Um den Herausforderungen unserer Zeit begegnen zu können und unsere Kinder gut für die Zukunft vorzubereiten, brauchen wir eine nachhaltig gute christliche Kultur. Einen christlichen Glauben, den wir selbst als einen guten Weg in unserem persönlichen Leben erfahren und der auch unsere Kinder befähigt, sich in unserer real-existierenden modernen Welt zurecht zu finden. Neugieriges Erkunden wäre hier wahrscheinlich hilfreicher als kritische Distanz.

Das beste, was ich in dieser Hinsicht gefunden habe, ist die Integrale Theorie. Integrales Christentum und Integrale Spiritualität sind  meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang die spannendsten Themen zur Zeit und werden zum Glück auch immer bekannter.

Vielleicht wird das Christentum mit Jesus und Jesus mit dem Christentum doch noch zu einer guten Nachricht für die leidende Welt von heute?

 

„Ihr seid das Licht der Welt“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 5,14)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Was hat Hebräisch mit dem Christentum zu tun?

 

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By W.pseudon (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Wenn man einen Juden fragen würde, so würde dieser vielleicht antworten: „Gar nichts!“ – Das stimmt so natürlich nicht ganz. Die allerersten Christen waren ja alle Juden (auch wenn Juden aus Galiläa vielleicht Juden zweiter Klasse waren), Jesus (Jeschua) war ihr Rabbi und Hebräisch war die Sprache ihrer heiligen Texte.

Aber es gibt leider sehr viele Gründe, weshalb die Beziehung zwischen Christen und Juden belastet ist. Eine Verbesserung dieser Beziehung könnte zum Segen für die ganze Menschheit werden – immerhin sind statistisch ein Drittel der Weltbevölkerung Christen.

Die Überwindung der Kluft zwischen Juden, dem auserwählten Volk Gottes, und den anderen Völkern wurde schon in den Texten des Neuen Testaments als einer der bedeutendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte gewertet.

 

… Ihr seid Gott jetzt nahe, obwohl ihr vorher so weit von ihm entfernt lebtet. Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint, die Mauer zwischen ihnen niedergerissen und ihre Feindschaft beendet …
(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Ephesus, 2. Kapitel, Verse 13-14)

 

Hebräisch

Mehr als alle anderen Sprachen ist Hebräisch die Sprache „unserer christlichen“ Bibel, und damit auch die grundlegende Sprache der jüdisch-christlichen Überlieferung vom Glauben an den einen Gott und seinem Messias/Christus (bzw. Messiassen). – Auch wenn manche Liebhaber der King-James-Bible  mit dem Gedanken liebäugeln, ob die wahrhaft göttlich inspirierte Sprache nicht vielleicht doch Englisch ist.

Die meisten biblischen Texte wurden ursprünglich in Hebräisch verfasst, und auch die heiligen Texte der ersten Christen waren fast alles hebräische Texte. (Ein paar Textabschnitte im Alten Testament sind in Aramäisch.)

 

mündlich – schriftlich

In antiken Gesellschaften war Schreiben ein Luxus, der nur von einer kleinen Elite beherrscht wurde. Parallel zur Textproduktion gab es eine breite mündliche Erzähltradition, von der uns natürlich nur das überliefert ist, was in Textform für die Nachwelt erhalten blieb. Hebräisch war zunächst nur eine gesprochene Sprache; und auch nach der Erfindung von hebräischer Schrift war der weit überwiegende Sprachgebrauch selbstverständlich mündlich.

 

Aramäisch

Wie alle Sprachen, so hat auch Hebräisch eine Herkunft und Geschichte. Und wie alle anderen lebendigen Sprachen auch, so hat auch Hebräisch Einflüsse aus anderen Sprachen aufgenommen. Die augenscheinlichste Folge „fremder“ Einflüsse ist die hebräische Quadratschrift selbst, welche noch heute in Gebrauch ist. Diese Schrift wurde vom Reichsaramäisch entlehnt, das Verkehrssprache im Persischen Reich war und auch noch lange nach Alexander dem Großen große Bedeutung in der Region hatte.

Aramäisch war sicherlich auch die Muttersprache Jesu, und wir finden Spuren davon auch im Neuen Testament. (So sind z.B. die letzten Worte Jesu „Eli, Eli, lama asabtani“ ein Zitat aus dem 22. Psalm in  aramäischer  Übersetzung.)

 

 Gegen drei Uhr rief Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« Das heißt übersetzt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

(Neues Testament, Markus-Evangelium 15,34)

 

Griechisch

Mit Alexander breitete sich die griechische Sprache und der Hellenismus im Mittelmeerraum aus, sodass bald auch unter den Diaspora-Juden der Bedarf an griechischer Übersetzung wuchs. Es war dann die Septuaginta, die  große Bedeutung als griechische Übersetzung der hebräischen heiligen Texte erlangte.

Jeder, der schon einmal eine Fremdsprache gelernt hat, weiß, dass es unmöglich ist, eine andere Sprache zu lernen, ohne nicht auch etwas mit der fremden Kultur vertraut zu werden. Sprache transportiert Kultur und ist an sie gebunden.

Der kulturelle Druck, der durch die verbreitete griechische Sprache und dem Hellenismus auf die jüdische Tradition ausgeübt wurde, war enorm, und die Übertragung der heiligen Texte in eine fremde Sprache war eine große Herausforderung. – Bei Übersetzungen geht zwangsläufig immer etwas verloren bzw. wird verändert.

Es ist nur selten möglich den Spielraum für Deutung und Assoziation exakt in einer anderen Sprache zu reproduzieren. – Wie übersetzt man überhaupt ein grammatikalisches System, das grundsätzlich ein bisschen anders funktioniert? – Während Hebräisch und Aramäisch semitische Sprachen sind, ist Griechisch (und auch Latein, Deutsch, Englisch, …) eine indoeuropäische Sprache.

 

Latein

Nach den Griechen kamen die Römer, und in der Kirchengeschichte gewann Latein zunehmend an Bedeutung. Der im Judentum und der hebräischen Sprache verwurzelte Glaube an Jesus den Messias wurde in „fremden“ Sprachen gedacht, formuliert, gepredigt und erklärt. – Ist dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren gegangen? Ist „theos“ oder „deus“ derselbe wie JHWH? Und hatten Christen beim Titel „Christus“ noch dieselben Assoziationen wie Juden beim erwarteten Maschiach?

Ich habe 2015 angefangen ein bisschen Hebräisch zu lernen und empfinde es als wunderbare Bereicherung zum Verstehen der biblischen Texte. (Ist allerdings wirklich nicht einfach.) Auch mit Hebräisch-Kenntnissen und dem „Urtext“ lassen sich allerdings nicht alle Fragen beantworten. Auch führt das gründlichere Studium der biblischen Texte nicht automatisch zu mehr oder besserem Glauben.

 

Heilige Texte

Schreiben von Gott ist der stammelnde Versuch mit Worten menschlicher Kategorien das Geheimnis des ewigen Gottes mit Buchstaben auf Papier zu heften. – Wie funktioniert so etwas überhaupt? Und wie kann es dann noch in eine andere Kultur übertragen werden? Ist das mündliche inspirierte Wort vielleicht besser als alte Texte? Solange Erzählungen noch mündlich überliefert werden, können sie sich an eine veränderte Wirklichkeit anpassen. Wenn sie erst in Textform erstarrt sind, veralten sie, während das Leben weitergeht …

Alle Buchreligionen haben das Problem, dass sich göttliche Offenbarung nicht auf vollkommene Weise in Texten konservieren lässt, weil Sprache sich verändert und erfolgreiche Kommunikation immer vom Zusammenhang abhängt. – Sollte das „richtige“ Verstehen der uralten heiligen Texte wirklich einer kleinen Elite von Altertumswissenschaftlern und Philologen vorbehalten sein, die den ursprünglichen Sinn noch am ehesten rekonstruieren können?

Paulus gab schon vor fast 2000 Jahren einem Mitarbeiter einen Rat:

 

 … Damals habe ich dich gebeten, in Ephesus zurückzubleiben und dafür zu sorgen, dass bestimmte Leute dort keine falschen Lehren verbreiten. Sie sollten sich nicht mit uferlosen Spekulationen über die Anfänge der Welt und die ersten Geschlechterfolgen befassen; denn das führt nur zu unfruchtbaren Spitzfindigkeiten, anstatt dem Heilsplan Gottes zu dienen, der auf den Glauben zielt. Jede Unterweisung der Gemeinde muss nämlich zur Liebe hinführen, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt. Davon haben sich einige abgewandt und haben sich in leeres Gerede verloren. Sie wollen Lehrer des göttlichen Gesetzes sein; aber sie wissen nicht, was sie sagen, und haben keine Ahnung von dem, worüber sie so selbstsicher ihre Behauptungen aufstellen.

(Die Bibel, Neues Testament, der erste Brief von Paulus an Timotheus, 1. Kapitel, Vers 3-7)

 

Authentisch von Gott reden

Wir brauchen ein gründlicheres Nachdenken über göttliche Offenbarung und darüber, wie wir authentisch von Gott reden können – erfasst vom Wirken Gottes in dieser Welt und himmlisch inspiriert. Vielleicht könnte man dann das traditionelle Theologisieren auf niedrigem Niveau überwinden.

Die kolossalen kulturellen Umbrüche, die wir heute erleben, sind eine riesige Chance, das Wesentliche am christlichen Glauben neu zu entdecken. Ein besseres Verstehen unserer jüdischen Wurzeln hilft dabei auch.

 

Das Ende des Weisung-Prinzips

 

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Die „Zehn Gebote“ vor dem State Capitol in Austin (USA) (public domain, via Wikimedia Commons)

 

„Kann mir mal bitte jemand sagen, was ich machen soll?“

„Führer befiehl! Wir folgen …“

Wir Menschen sind unendlich bedürftig; und es ist so leicht und bequem, Verantwortung und Führung an jemand anders zu delegieren. (Wenn ich nur das tue, was mir gesagt wird, kann mir am Ende wenigstens niemand vorwerfen, es wäre alles meine Schuld. Stimmt’s?)

In der Buber-Rosenzweig-Übersetzung werden die sogenannten „Fünf Bücher Mose“ (die Tora) im Alten Testament unserer Bibeln „Die fünf Bücher der Weisung“ genannt. Obwohl die traditionelle Übersetzung in unserem Neuen Testament „Gesetz des Mose“ ist, wird jeder, der sie liest, sofort erkennen, dass es überhaupt gar kein Gesetzestext ist, so wie wir es erwarten würden. Die Tora enthält auch viele Erzählungen (z.B.  die berühmte Josephserzählung); und die eigentlichen Gesetzestexte kommen sogar in zwei Versionen vor (Deuteronomium), die noch nicht einmal identisch sind. Diese Beobachtungen sollten uns schon stutzig werden lassen.

Im Brief an die Galater versucht viele Jahrhunderte später der bedeutende Apostel Paulus den Sinn und die begrenzte Bedeutung der Tora deutlich zu machen. Polemisch stellt er sie als eine Art „Kinderbetreuung“ dar:

 

Das Gesetz war also unser Aufseher, unter dessen strenge Hand Gott uns gestellt hatte, bis Christus kam; denn es war Gottes Plan, uns auf der Grundlage des Glaubens für gerecht zu erklären.  Und jetzt, wo die Zeit des Glaubens da ist, stehen wir nicht mehr unter der Kontrolle jenes Aufsehers.
(Galaterbrief 3,24-25)

 

In der jüdischen Messiaserwartung haben, neben anderen, zwei Textstellen besondere Bedeutung. Die eine ist die Verheißung des ewigen Königtums an David im 2. Samuelbuch, Kapitel 7; die andere ein Vers aus dem 5. Teil der Tora:

 

Ich will ihnen einen Propheten, wie du [Mose] es bist, aus der Mitte ihrer Brüder erwecken und meine Worte in seinen Mund legen; der soll alles zu ihnen reden, was ich ihm gebieten werde.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Tora, Devarim / 5. Buch Mose / Deuteronomium, 18. Kapitel, Vers 18)

 

Es ist das zentrale Bekenntnis des christlichen Glaubens, dass Jesus der Christus, der Messias, ist. Der Autor des Matthäus-Evangeliums, zum Beispiel, versucht, zum Teil auf subtile Art und Weise, zu zeigen, dass der Jesus aus Nazareth jener Messias der jüdischen Erwartung ist: Jesus ist ein zweiter Mose.

Auffällig ist, dass dieser neue Mose aber keine neue Tora mit dabei hatte. Die sogenannte Bergpredigt (Matthäus 5-7) ist kein Gesetzestext und kein „Update“ der Tora. Das Matthäus-Evangelium erzählt von der Verkündigung des Himmelreichs und beschreibt die Menschen, die dazu gehören.

Offensichtlich hielt es Jesus auch nicht für nötig oder sinnvoll, selbst einen heiligen Text zu schreiben. Es gibt in der christlichen Überlieferung keinen Text, der den Anspruch erhebt, von Jesus selbst geschrieben worden zu sein. Und auch die ersten Christen haben sich nicht zusammengesetzt, um eine neue Tora zu verfassen.

Warum?

 

Seht, es werden Tage kommen – Spruch des Herrn -, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war Spruch des Herrn. Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe – Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, Klein und Groß, werden mich erkennen – Spruch des Herrn. Denn ich verzeihe ihnen die Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.

(Tanach / Altes Testament, Jeremia 31,31-34)

 

WESEN STATT WEISUNG

Der Autor des Hebräerbriefes deutet die Vergebung, von der in Jeremia 31 gesprochen wird, als die Vergebung, die durch Jesu Opfer gekommen ist (Hebräerbrief 10,14-18), und erklärt, wie das Neue in Jesus besser ist als das Alte.

Es geht um eine Veränderung des Wesens, die durch Vergebung möglich wird. Kein Verurteilung mehr. Ich darf sein. Es ist eine religiöse Erfahrung, die zu mir kommt und durch die ich ein neuer Mensch werde – vom Geist Gottes geboren (Johannes-Evangelium, 3. Kapitel).

Verinnerlichung. Der Wille Gottes kommt nicht mehr von außen zu mir in der Form von Anweisungen, sondern das Verstehen des Willen Gottes entsteht in meinem Herzen. Leben im Geist (Römerbrief, 8. Kapitel).

 

GEISTERFÜLLTES CHRISTENTUM

Wie wächst man in eine gesunde Spiritualität hinein?

Wie müsste eine Kirche und wie müssten Gemeinden aussehen, in denen ein solches Christentum spürbar ist? Wie sieht gesunde christliche Gemeinschaft aus?

Welche Rolle spielen heilige Texte noch für uns?

Welche Bedeutung haben Formen und Rituale?

Wie müssten die „geistlichen Profis“ (Pfarrer, Bischöfe, Seelsorger, Prediger, Älteste, …) eines solchen Christentums aussehen? Wie wird man zum spirituellen Begleiter und geistlichen Hirten?

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier.]

 

Progressive Theologie

 

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Innenansicht eines Stanford-Torus. Gemälde von Donald E. Davis, via Wikimedia Commons – public domain

 

Seit 2017 gibt es die Facebook-Gruppe „Progressive Theologie“ mit inzwischen fast 300 Mitgliedern. – Nicht nur für Theologen!

 

„Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.“

(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschit / Genesis / 1. Mose 19. Kapitel, Vers 26)

 

Theologie ist oft rückwärtsgewandt und beschäftigt sich mit Ideen aus der Vergangenheit. In dieser Gruppe geht es um gute, bessere Theologie für die Zukunft. Mir ist dabei auch ganz wichtig, dass es nicht eine Diskussion zwischen „Experten“ ist, sondern dass die wichtigen theologischen Themen endlich auch mehr in die breite Christenheit hineinkommen.

Theologie wird meist auf Professoren-Schreibtischen gemacht. Dort bringt sie noch nicht viel. Was wir brauchen, ist ein Denken über Gott und ein Reden von Gott, dass für Menschen funktioniert und im Alltag spürbar ist. Kann dies eine Theologie sein, die von Profis dem einfachen Gläubigen verklickert werden muss?

 

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden …

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(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jirmejahu / Jeremia, 31,31-34)

 

Schon in den biblischen Texten selbst erkennen wir eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und seinen Menschen. Manche sprechen von einer fortschreitenden Offenbarung. Eine grundlegende Frage in der Christenheit ist, in welchem Umfang sich das Reden von Gott nach dem Abfassen der biblischen Texte noch ändern darf. Das Beantworten dieser Frage ist von entscheidender Bedeutung für das geistliche Leben der Christenheit heute und für das christliche Leben eines jeden einzelnen. Dabei ist zu erwarten, dass verschiedene Christen diese Frage auch unterschiedlich beantworten werden, denn unsere Traditionen sind unterschiedlich und unsere persönlichen Erfahrungen und Rahmenbedingungen auch.

Es gibt schon viele gute Projekte und Webseiten zu Themen wie Bibel, Theologie, christlicher Glaube, Kirche, Religionen, …  Die Beschäftigung mit Vergangenem nimmt bei Religionen notwendigerweise auch einen großen Raum ein, da Überlieferung wichtig ist, damit gute Traditionen nicht abreißen und wichtige Werte nicht verloren gehen.

Gerade in der jüdisch-christlichen Überlieferung begegnet uns allerdings auch eine starke Ausrichtung auf die Zukunft (messianische Erwartungen, Wiederkunft Christi, …). Der Geist Gottes ist eine innovative Kraft. In dieser Facebook-Gruppe soll es darum gehen, wie unsere Überlieferung für die Zukunft fruchtbar sein kann und was wir an Neuem brauchen. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet ihr schon Links zu interessanten Inhalten, Projekten, …

Ich habe beim flüchtigen Googeln keinen einheitlichen Begriff „Progressive Theologie“ gefunden. Er wird z.B. auch für bestimmte islamische Theologie benutzt. Könnt ihr euch erinnern, ob und in welchem Zusammenhang ihr den Begriff schon einmal gehört habt? (Im Englischen gibt auch den Begriff „Progressive Christianity„.)

 

[aktualisiert 12/2018]

 

Die erste Bibel

 

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Giulio Romano [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Heutzutage gibt es Bibelausgaben in einer fast unüberschaubaren Fülle. (Schon allein die vielen, vielen Übersetzungen in die unterschiedlichen Sprachen und Dialekte …) Darüber freue ich mich sehr, denn die Bibel ist mir in meinem eigenen Leben sehr wertvoll geworden, und deshalb freue ich mich, wenn möglichst viele Menschen die Chance haben, sie kennenzulernen. – Ich muss allerdings zugeben, dass nicht alle Bibelausgaben gleich gut sind.

Dass es Bibeln gibt, war für mich immer eine Selbstverständlichkeit, und auch kulturgeschichtlich ist die Präsenz der Bibel in unserer Region fest verankert. Das war aber nicht immer so …

Ein Quantensprung in der Buchherstellung war die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg. Das erhöhte die Produktivität enorm und war für die Verbreitung der Bibel von größter Bedeutung. In der Zeit davor war das selbständige Lesen biblischer Texte einer kleinen Zahl besonders previligierter Menschen vorbehalten. Anderthalbtausend Jahre hatte das Christentum so existiert. Diese historische Tatsache sollten sich alle Bibel-Fans einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wann hat überhaupt jemand das erste Mal eine Bibel in der Hand gehalten? Ich habe ein bisschen recherchiert, aber habe die Antwort auf diese Frage leider noch nicht herausbekommen. (Weiß es vielleicht jemand von euch?)

… vielleicht der Codex Sinaiticus?

Falsch!

Der Codex Sinaiticus war zwar ein Meilenstein in der Entwicklung der Buchherstellung im Allgemeinen und ist eine der bedeutendsten Handschriften der biblischen Texte überhaupt, er enthielt aber z.B. den Hirten des Hermas. Viele Christen heutzutage würden ein Buch, welches den Hirten des Hermas enthält, nicht als „richtige“ Bibel akzeptieren. Was eine „richtige“ Bibel denn aber überhaupt ist oder sein sollte, ist eine Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. (Muss man sie überhaupt beantworten?)

Auch war der Codex so groß und schwer, dass man ihn schwerlich in einer Hand halten konnte. Seine Herstellung war ein beachtliches Projekt. Nur ein finanzstarker Investor konnte ein solches Projekt stemmen. Kein Wunder das Spekulationen aufkamen, dass kein geringer als der römische Kaiser selbst für die Herstellung verantwortlich gewesen sein könnte. Historisch ist allerdings nur wenig über die Entstehung dieser Handschrift aus dem 4. Jahrhundert bekannt.

Bekannt ist allerdings, dass Konstantin anscheinend die Produktion von „50 Bibeln“ in Auftrag gab. – Brauchte Konstantin eine einheitliche Textgrundlage für eine einheitliche christliche Religion zur Stabilisierung seines Reiches?

Die biblischen Texte waren schon im zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung alle vorhanden und wurden überliefert und gelesen. Aber von wem? Es war Athanasius der Große, der das erste Mal in seinem „Osterbrief“ alle 27 Bücher des Neuen Testaments auflistet, die wir auch heute noch als Neues Testament in unseren Bibeln haben. Aber welche Autorität hat Athanasius bzgl. der Überlieferung des christlichen Glaubens? Und was ist mit der alttestamentlichen Sammlung? Wann wurde das erste Mal eine Bibel produziert, die alle 66 Bücher unserer protestantischen Bibel hatte? (Manche andere christliche Konfessionen haben übrigens bis heute „andere“ Bibeln.)

Wer war überhaupt durch all die Jahrhunderte für die Überlieferung und Verbreitung der Bibel verantwortlich? Wer hat es finanziert und warum? Verloren die biblischen Texte ihre Unschuld als sie zu Komplizen kirchlicher und weltlicher Machtansprüche gemacht worden sind? Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass heilige Texte zur Durchsetzung von Interessen instrumentalisiert wurden …

Das obige Bild von der Taufe des römischen Kaisers Konstantin enthält auch ein Buch. Auch wenn das Gemälde Raffaels erst 1000 Jahre nach Konstantin entstanden ist und wohl kaum eine historische Szene darstellt, so bringt es doch etwas vom Verhältnis von Kirche und Macht zum Ausdruck und macht mich nachdenklich. Welche Rolle spielen heilige Texte im Verhältnis von Kirche und Macht, und wie haben sie durch die gesamte Geschichte hindurch funktioniert?

Die meisten Christen erlebten ihren Glauben lange, lange Zeit nicht als etwas, wo sie selbst als mündige Gläubige die textlichen Grundlagen ihres Glaubens studieren konnten. Was also glaubten die Christen durch all die Jahrhunderte, und warum? Wie hat Christentum über einen so langen Zeitraum fuktioniert?

 

Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir …

(Jesus aus Nazareth, in der Bibel, Neues Testament, Johannes-Evangelium, Kapitel 10, Vers 27)

 

Es ist mein Eindruck, dass die Verfügbarkeit der Bibel heutzutage auch nicht bei allen Frommen nur positive Auswirkungen hat. Man kann sich darüber freuen, dass man für alle Fälle ein Nachschlagewerk hat und es im Bücherregal verstauben lassen. (Wollten die biblischen Texte überhaupt jemals ein Nachschlagewerk für alle Fälle sein?)

Die entscheidende Frage ist: Glauben wir, dass Gott sich am besten in einem Menschen, Jesus aus Nazareth, offenbart hat, oder glauben wir, dass Gott sich am besten in einem Buch offenbart hat? Entweder – oder!

Es ist eine Frage der Priorität. Wenn ich glaube, dass Gott sich am besten im Menschen Jesus offenbart hat, dann sind die biblischen Texte für mich wichtig, weil sie die beste historische Quelle sind, um zu verstehen, wer Jesus ist. Wenn ich glaube, dass Gott sich am besten in einem Buch offenbart hat, tritt Jesus in den Hintergrund, und ich habe mit den Texten etwas, über das ich verfügen und das ich instrumentalisieren kann. Es ist eine Machtfrage: Benutze ich etwas oder lasse ich mich benutzen (von Jesus)?

Ein großer Problem ist, dass in der christlichen Praxis vieles als Selbstverständlich vorausgesetzt wird, was nicht gut durchdacht oder klar definiert ist. Dadurch existieren Grauzonen, in denen christlicher Glaube sein Profil verliert.

Die Macht zu haben, eine Bibel als EIN Buch in die Hand nehmen zu können, beeinflusst auch unser Verhältnis zu ihr und unseren Umgang mit ihr. Und es kann auch die Art und Weise beeinflussen, wie wir unseren Glauben verstehen und leben: „Wir haben die Stimme Gottes in den Griff gekriegt!“

Wie sollten wir mit den biblischen Texten umgehen? Wie wollen wir mit den biblischen Texten umgehen?

Wir haben es in der Hand …

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier: https://schmillblog.wordpress.com/2016/11/19/die-allererste-bibel-der-weltgeschichte]

 

Orientierung von oben

 

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By MarianSigler (Own work) [CC0, Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

 

Hat „Orientierung“ etwas mit „Orient“ zu tun? – Immerhin, Jesus selbst war  orientalischer  Jude!

Ganz schön krass. Da haben wir doch immer gedacht, Christentum sei etwas Abendländisches … (Deutsche Leitkultur, usw. …)

Moment mal: Luther war doch Deutscher, oder? – Sein echter Name war allerdings nicht Luther, sondern Lüder, Luder, Loder, Ludher, Lotter, Lutter oder Lauther. „Luther“ war sozusagen sein Künstlername.

Und Saint Patrick war auch kein Ire, sondern kam aus Britannien. Auch ziemlich krass. Und verwirrend. Da denkt man, man hat alles so schön in seinen Schubladen sortiert, und dann kommt wieder irgend was und bringt da Unordnung rein.

Orientierung. Gut ausgeschildert. Alles schön geradlinig auf der Autobahn des Lebens. Mit Leitplanken auf beiden Seiten, damit man auch schön schnell fahren kann. – Da soll mir doch bitte keiner meine Vorurteile durcheinanderbringen! Für sowas hab ich keine Zeit. Das Leben ist kurz …

 

Und es wird ein Zweig hervorgehen aus dem Stumpf Isais und ein Schößling hervorbrechen aus seinen Wurzeln. Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rats und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jesaja, Kapitel 11, Verse 1-2)

 

In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen.

(Neues Testament, Johannes-Evangelium 1,4-5)

 

Was würde wohl passieren, wenn Jesus unsere Denkgewohnheiten durcheinander brächte, und in unsere muffigen Denkgebäude frischen Wind?

Aus welcher Richtung kommt die Stimme in der Nacht und wo führt sie hin?

Komm zu mir …

Folge mir nach …

(Matthäus-Evangelium 11,28; 9,9)

 

Die jüdisch-christliche Überlieferung ist ein großer Schatz. Wenn wir neugierig wären und im Vertrauen zu Gott verankert, dann würden wir auch veraltete, wertlose Traditionen loslassen und neue Wege finden. Unsere alten heiligen Texte könnten uns wieder inspirieren. Wir könnten unsere Segel hissen, und Gottes ewiger Wind des Lebens würde unser Lebensboot in die richtige Richtung schieben.