Bibel – 1. Johannesbrief 4,16

 

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Graffito in Osttimor; Foto von Tatoli ba Kultura (Tatoli ba Kultura) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Bibel, Neues Testament, Erster Brief von Johannes, 4. Kapitel, Vers 16 b

 

Ὁ θεὸς ἀγάπη ἐστίν, καὶ ὁ μένων ἐν τῇ ἀγάπῃ ἐν τῷ θεῷ μένει, καὶ ὁ θεὸς ἐν αὐτῷ μένει.

(Original, Alt-Griechisches/Koine-Neues-Testament)

 

Deus caritas est : et qui manet in caritate, in Deo manet, et Deus in eo.

(Vulgata)

 

Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

(Lutherbibel 2017)

 

Gott ist Liebe. Wer in der Liebe lebt, lebt in Gott und Gott lebt in ihm.

(Gute Nachricht Bibel)

 

Gott ist Liebe, und wer in dieser Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

(Hoffnung-für-Alle-Übersetzung)

 

Gott ist Liebe, und wer sich von der Liebe bestimmen lässt, lebt in Gott, und Gott lebt in ihm.

(Neue Genfer Übersetzung)

 

God is love; and he that dwelleth in love dwelleth in God, and God in him.

(King James Version)

 

God is love, and whoever abides in love abides in God, and God abides in him.

(English Standard Version)

 

God is love. Whoever lives in love lives in God, and God in them.

(New International Version)

 

God is love. Anyone who leads a life of love shows that he is joined to God. And God is joined to him.

(New International Readers Version)

 

Dieu est amour : celui qui demeure dans l’amour demeure en Dieu, et Dieu demeure en lui.

(Bible du Semeur)

 

Dio è amore, e chi vive nell’amore vive in Dio, e Dio vive in lui.

(La Parola è Vita)

 

Dio è amore; e chi rimane nell’amore rimane in Dio e Dio rimane in lui.

(Nuova Riveduta 2006)

 

Dios es amor. El que permanece en amor, permanece en Dios, y Dios en él.

(Nueva Versión Internacional)

 

God is liefde. Wie blijft liefhebben, blijft één met God.

(Het Boek)

 

Gud er kjærlighet, og den som lever i kjærlighet, lever med Gud og Gud lever med ham.

(En Levende Bok)

 

Gud är kärlek, och den som lever i denna kärlek, fortsätter att leva i gemenskap med Gud, och Gud bor i honom.

(Nya Levande Bibeln)

 

Gud er kærlighed, og de, der lever i kærlighed, lever med Gud, og Gud lever i dem.

(Bibelen på hverdagsdansk)

 

Bůh je láska a ten, kdo miluje, zůstává s Bohem v živém spojení.

(Slovo na cestu)

 

Bůh láska jest, a kdož v lásce přebývá, v Bohu přebývá, a Bůh v něm.

(Bible Kralická)

 

Boh je láska a ten, kto miluje, zostáva s Bohom v živom spojení.

(Nádej pre kazdého)

 

Isten szeretet. Aki szeretetben marad, Istenben marad, és Isten is őbenne.

(Ungarisch)

 

Бог е любов1; и който стои в любовта, стои в Бога, и Бог – в него.

(Veren)

 

Bog je ljubav; tko živi u ljubavi, živi u Bogu i Bog živi u njemu.

(Knjiga O Kristu)

 

Tanrı sevgidir. Sevgide yaşayan Tanrı’da yaşar, Tanrı da onda yaşar.

(Türkçe)

 

Wie abgenutzt ist deine Liebe?

 

[Quelle des Originaltextes: bibelwissenschaft.de, Quelle der Übersetzungen: bibleserver.com]

 

Der Griff zur Bibel

 

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Verbotenes Lesen von Karel Ooms (1876) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

[Den folgenden Artikel bereite ich gerade für das Online-Magazin theologiestudierende.de vor, wo ich mitschreibe.]

 

WOZU BIBELLESEN?

Es gibt viele interessante Bücher, die man lesen könnte, und manche, die man lesen muss. Für Theologie-Studierende ist die Bibel allerdings nicht einfach ein Lehrbuch unter vielen, sie ist DAS Buch. „Christliche Theologie“ ist fast synonym mit „Bibelwissenschaft“.

Die Bibel ist ein sehr dickes Buch. Im ersten Semester kann einem die Bibel wie ein Hochhaus vorkommen, dessen oberste Stockwerke von Nebel und Wolken verhüllt sind. Und wenn man dann irgendwann sein Studium abgeschlossen hat, ist man mit der Bibel noch lange nicht fertig…

Aber nicht jeder Mensch interessiert sich für die Bibel.

 

„Bibel“ ???

Und diejenigen, die wenigstens schon einmal das Wort kennen, wissen deswegen nicht unbedingt auch, was da drin ist.

Es gibt viele verschiedene Gründe, weshalb Menschen zur Bibel greifen; und die folgende Liste ist bestimmt nicht vollständig (die verlinkten Seiten bitte nicht als Empfehlung verstehen, sondern als Illustration):

  1. ANGST:  Ich will nicht in die Hölle kommen. Vielleicht enthält die Bibel wichtige Informationen, die ich noch nicht kenne; oder Gott verdammt mich, weil ich nicht genug in der Bibel gelesen habe. Ich will die himmlische Chance nicht verpassen.
  2. GEHORSAM: Irgendjemand hat mir gesagt, dass ich in der Bibel lesen soll. – Pfarrer, Lehrer, Eltern, Oma, Professor, Arbeitgeber, Kirche…
  3. ANPASSUNG: In meiner Clique lesen alle die Bibel. Ich will mitreden können.
  4. GEMÜTLICHKEIT: Bibellesen versetzt mich in eine so andächtige Stimmung. Und wenn ich mit anderen zusammen in der Bibel lese, ist das so ein schönes Gemeinschaftsgefühl.
  5. ALLGEMEINBILDUNG: Bibelkenntnis gehört einfach zur Allgemeinbildung. Punkt.
  6. GESCHICHTE: Ich bin History-Freak. Geschichte hat mich schon immer fasziniert; und es gibt wohl kaum ein anderes Buch, das kulturgeschichtlich eine so große Bedeutung hat.
  7. NEUGIER: Der Name dieses Buches taucht immer wieder auf. Manche behaupten sogar, dass in der Bibel Prophezeiungen über die Zukunft sind. Ich schau jetzt mal rein und mach mich schlau.
  8. HOFFNUNG: Seit vielen hundert Jahren schon werden diese Texte von Menschen geschätzt. Vielleicht hab ich ja auch was davon, wenn ich in der Bibel lese.
  9. SUCHE: Ich will wissen, was es mit Gott auf sich hat. Die Bibel scheint für diese Frage ein wichtiges Buch zu sein. Zumindest behaupten das viele.
  10. HUNGER & DURST: Ich habe Wissensdurst und Seelenhunger. Ich will wissen, wie Leben besser funktionieren kann; und meine Seele hungert nach Worten, die satt machen.
  11. HÄNGEN GEBLIEBEN: Ich hab angefangen in der Bibel zu lesen, und irgendwas hat mich berührt und gepackt. Es zieht mich immer wieder zu diesem Buch.
  12. ÜBERZEUGUNGSTÄTER: Ich bin überzeugt, dass dieses Buch, mehr als alle anderen Bücher, für mein Leben und das anderer Menschen, wichtig ist.
  13. VERÄNDERUNG: Ich hab den Eindruck, dass das Bibellesen mir und anderen gut tut. Menschen, die viel in der Bibel lesen, sind irgendwie anders.
  14. REFORMATION: Im Christentum ist schon zu viel schief gelaufen, und die gegenwärtige Situation ist vielerorts traurig. Ich gehe zurück zu den biblischen Texten, um zu verstehen, worauf es ankommt.
  15. BEWAFFNUNG: Damit ich in der nächsten Diskussion mit einem Frommen oder Pseudo-Frommen schlagkräftige Bibel-Argumente habe. Vielleicht auch zur Teufel&Dämonen-Abwehr.
  16. GEWOHNHEIT: Bibellesen gehört für mich zur alltäglichen Routine. Bei einem Tag ohne Bibel fehlt mir was.
  17. PFLICHT: Ich muss in der Bibel lesen, weil ich Theologie-Studierender bin. Ich habe keine andere Wahl.

 

Enttäuschung

Es gibt viele mögliche Gründe, warum jemand in der Bibel liest – oder auch nicht. Ich glaube, ich war neun, als ich das erste Mal völlig freiwillig zur Bibel griff. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, warum. Ich fing gleich mit dem Neuen Testament an (ein bisschen wusste ich schon über die Bibel) und blieb dann bei Markus stecken, weil mir alles so bekannt vorkam.

Nicht immer, wenn man in der Bibel liest, erzielt man auch die gewünschte Wirkung. Bibellesen kann frustrierend sein; und dies wird man auch kaum verhindern können. Die Bibel wurde nicht unmittelbar für uns geschrieben, und auch nicht, damit wir spannende Lektüre haben. Es ist oft mühsam, wenn man versucht, die ursprüngliche Bedeutung eines Textes herauszufinden. (Übersetzungen verschleiern dies natürlich systematisch im Interesse der Lesbarkeit.)

 

Relevanz

In diesem Artikel geht es um Wirkungsgeschichte und Relevanz. Wie kommt es, dass Menschen überhaupt zur Bibel greifen? – Dass die Bibel kulturgeschichtlich gewaltige Bedeutung hat, kann niemand leugnen. Aber wie wichtig ist die Beschäftigung mit Kulturgeschichte? Was hat der einzelne Mensch oder die gesamte Menschheit davon? Hätten wir vielleicht Wichtigeres zu tun?

Ich bin bekennender Bibel-Fan; und das vor allem wegen Jesus. ER hat’s mir angetan. Und die Bibel ist die beste Quelle, wenn man verstehen will, wer Jesus war und was er wollte. (Auch wenn sicherlich manche biblischen Texte für diese Frage eine größere Bedeutung haben als andere.)

 

Jesus

Wir finden in der Bibel krasse Aussagen über Jesus, wie z.B.:

 

„Ich bin der Weg“, antwortete Jesus, „ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben. Zum Vater kommt man nur durch mich.“

(Neues Testament, Johannes-Evangelium, 14. Kapitel, Vers 6)

 

Wenn man diesen Vers liest oder zitiert, ist damit allerdings noch lange nicht klar, was denn damit genau gemeint ist. Und wenn mir jemand verklickern will, dass er das weiß, würde ich mir einmal genau erklären lassen, wie er denn zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Es werden leider viel zu oft traditionelle Erklärungen wiederholt, die nicht richtig sein müssen.

Wenn wir Jesus besser verstehen wollen, reicht es nicht aus, nur einzelne Verse zu zitieren, sondern wir sollten uns möglichst viele relevante Texte anschauen und versuchen diese im Kontext der Bibel und im Zusammenhang ihrer Zeit zu sehen.

Die Apostel verkündeten Jesus als den Messias. Diesen Titel hatten sie sich nicht selber ausgedacht, sondern ihr Glaubensbekenntnis beruhte auf den heiligen Texten der Juden und deren Interpretation. Ohne diesen Hintergrund zu kennen, kann man die Aussage kaum richtig verstehen.

 

Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu finden. Aber gerade die Schrift weist auf mich hin.

(Johannes-Evangelium 5,39)

 

Der Verfasser des Johannes-Evangeliums sah in Jesus offensichtlich die Erfüllung jüdischer Messias-Erwartung. Eine Überzeugung, die wir auch in vielen anderen neutestamentlichen Texten finden.

Auch in der paulinischen Theologie hat Jesus fundamentale Bedeutung. Nicht nur in der persönlichen Berufungsgeschichte des Apostels (Galater 1,12), sondern auch in seiner Verkündigung:

 

… ich hatte mir vorgenommen, eure Aufmerksamkeit einzig und allein auf Jesus Christus zu lenken – auf Jesus Christus, den Gekreuzigten.

(1. Korintherbrief 2,2)

Zeit

Die Bibel wurde nicht für Menschen geschrieben, die keine Zeit haben. Sie ist keine Sammlung von Kalenderblättchen oder guten Zitaten. Wer zur Bibel greift, sollte damit rechnen, dass er Zeit braucht, um herauszufinden, was die Texte damals bedeutet haben und wozu sie heute noch gut sein können. Fragen, die eng verbunden sind mit der Frage, welche Bedeutung die Überlieferung über den Mann aus Nazareth nach fast 2.000 Jahren für uns heute noch hat.

Die Wirkungsgeschichte der biblischen Texte ist komplex und nicht nur positiv. Herauszuarbeiten, wie diese Texte auch heute Gutes bewirken können, ist eine Aufgabe für Menschen mit einem langen Atem und göttlicher Berufung.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier.]

soft skills

 

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Selbstporträt von Élisabeth Vigée-Lebrun mit ihrer Tochter [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

 

Dies sind die klassischen Verse zur Inspiration der Bibel. Wenn wir die Verse im Zusammenhang lesen, wird allerdings klar, dass die Inspiration der Bibel hier gar nicht das Thema ist. Ganz abgesehen davon, dass es die Bibel natürlich noch gar nicht gab.

Paulus‘ Verweis auf die Texte, die Timotheus seit seiner Kindheit kennt, legt nahe, dass hier an die heiligen Schriften der Juden (unser Altes Testament) gedacht ist. Auf jeden Fall kann man weder von diesen Versen noch von irgendwelchen anderen Versen in der Bibel ableiten, dass mit diesen Worten all die 66 Bücher gemeint sind, die viele heute als Bibel kennen. Wie schon so oft, hat hier jemand einen Bibelvers gesucht, um seine eigene Meinung zu begründen, und gedacht, diese Verse passen doch ganz gut (was offensichtlich gar nicht der Fall ist).

Der Missbrauch dieser Bibelstelle zur Begründung von Biblizismus lenkt auch von der eigentlichen Aussage ab. Um die Verse von Paulus richtig zu verstehen, dürfen wir nicht unsere heutigen Fragestellungen an den Text herantragen, sondern sollten versuchen, uns einen Eindruck davon zu verschaffen, was Paulus seinem jüngeren Mitarbeiter Timotheus hier vermitteln will.

Paulus schreibt Timotheus, dass er angesichts wachsendem Unglaubens, zunehmender Unmoral und verbreiteter Irrlehre entschlossen für die gesunde Lehre eintreten soll. Dabei betont er die wertvolle Bedeutung der heiligen Schriften für diese Aufgabe. Interessant ist dabei das Wort, das dafür verantwortlich ist, dass diese Verse in der Bibel-Inspiration-Diskussion überhaupt benutzt werden: „theopneustos“. Das Geschriebene am Anfang von Vers 16 wird im griechischen Urtext mit dem Ausdruck „theopneustos“ näher beschrieben: theos = Gott, pneo = ausatmen.

Eine geniale Wortwahl. In diesem einen Wort steckt Schöpfung und Heilsgeschichte. Ein Leser, dem die jüdischen heiligen Texte vertraut sind (Timotheus), hat da eine ganze Menge von Assoziationen:  Der Geist Gottes, der am Anfang der Schöpfung über dem Wasser brühtet; Gottes Atem, der den Acker zu einem lebendigen Menschen belebt; und natürlich auch Gottes Geist, der die Propheten getrieben hat, in Seinem Namen zu reden.

Die populäre NIV übersetzt ins Englische „God-breathed“. Das ist die, meiner Meinung nach, beste Übersetzung, die ich bis jetzt gefunden habe. Eine entsprechend gute Übersetzung ins Deutsche habe ich bis jetzt leider nicht gefunden. Das Wort „eingegeben“, das in deutschen Übersetzungen steht, weckt Assoziationen, die dem Urtext nicht entsprechen. (Deshalb habe ich in den obigen Versen versucht, eine eigene Übersetzung zu machen.)

Wortspiele, die den Deutungsspielraum der Begriffe „ruach“ (das hebräische Wort im Tanach, unserem Alten Testament) und „pneuma“ (das griechische Wort im Neuen Testament) ausnutzen, finden sich auch in anderen neutestamentlichen Texten; z.B. in diesen Versen im Johannes-Evangelium:

 

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist (pneuma) geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist (pneuma) geboren ist, ist Geist (pneuma). Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind (pneuma!) weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist (pneuma) geboren ist.

(Neues Testament, Johannes-Evangelium 3,5-8)

 

Die Verse im Timotheusbrief berühren eine für Christen sehr wichtige Frage: Wie gehen wir mit unseren heiligen Texten um? Oder noch genauer formuliert: Wie benutzen wir sie?

Das Wort „benutzen“ sollte uns schon vorsichtig werden lassen. Die Grenze zur Instrumentalisierung von Texten, denen man göttliche Autorität zuspricht, ist offensichtlich nicht leicht zu ziehen. Durch Worte wie „Belehrung“, „Widerlegung“ und „Korrektur“, die in Übersetzungen zu lesen sind, könnte sich so manch einer zu Wortgefechten mit Bibelversen eingeladen fühlen. Oberlehrerhaftes Verhalten und Rechthaberei sind nicht mehr weit entfernt. Viele Menschen, die entsprechende Erfahrungen in christlichen Kreisen gemacht haben, wissen, was ich meine; und auch die Kirchengeschichte ist leider angefüllt mit Beispielen solchen Verhaltens.

In Versen aus Paulus‘ Brief an die Gemeinde Korinth klingt an, dass Texte im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen eine untergeordnete Rolle spielen:

 

„Wir bilden uns nicht ein, aus eigener Kraft irgendetwas tun zu können; nein, Gott hat uns Kraft gegeben. Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Wir verkünden nicht länger die Herrschaft des geschriebenen Gesetzes, sondern das neue Leben durch Gottes Geist. Denn der Buchstabe tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.

(2. Korinther 3,5-6)

 

Gott lässt sich weder in einem Buch einsperren, noch hat er sein Wirken darauf beschränkt, dass alte, antike Texte gelesen werden. Das Leben selbst besteht nur fort, weil Gott es ständig belebt, und wie beim Wind kann man weder sehen, wo Gottes Wirken herkommt, noch wohin es geht. Im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen kann der Gläubige jetzt geistliches Leben unmittelbar durch Jesus empfangen, und nicht mehr vermittelt durch Priester oder heilige Texte.

Wie Gottes Atem den Acker zum Leben erweckt, so erweckt er auch tote Buchstaben dazu für den geistlichen Menschen nützlich zu sein, um richtig leben zu lernen. Das Ziel ist nicht Wissen, sondern ein Lernprozess, um befähigt zu werden, Gutes zu tun. „soft skills“ anstelle von schlagkräftigen Argumenten. Der Gläubige wird immer mehr zum Beteiligten bei Gottes Plan, sein Schalom, seine ewige Friedensherrschaft in dieser Welt aufzurichten.

 

Besseres Bibelverständnis

 

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von Torsten Schleese [Public domain], via Wikimedia Commons

 

angreifbar

Wer sich für ein besseres Bibel-Verständnis interessiert, lässt eine Schwäche erkennen und macht sich vielleicht sogar angreifbar. – Wenn du dies liest, ist es also schon zu spät. 😉 – Er lässt ja erkennen, dass er sein eigenes Verständnis für mangelhaft hält oder Mängel zumindest nicht ausschließt. Für jemanden, der schon mit Überzeugung die Bibel gepredigt hat, nicht unbedingt ein einfacher Schritt.

Sich als schwach zu präsentieren kostet Mut, und braucht Vertrauen, dass dabei auch etwas Gutes herauskommen kann. Es ist auch eine Frage von Charakter, persönlicher Integrität und Authentizität. Auch keine ganz einfachen Angelegenheiten, aber für die Sache Gottes unbedingt notwendig.

 

… Gott widersetzt sich den Hochmütigen, nur den Demütigen erweist er Gnade.

(Bibel, Neues Testament, 1. Brief von Petrus, 5. Kapitel, Vers 5)

 

Die Klärung der Frage, wie wir mit unseren heiligen Texten umgehen, ist eine der wichtigsten Fragen der Christenheit; und die Diskussion dieser Frage macht auch Konfessionen, Kirchen und andere christliche Institutionen angreifbar.

Ehrfurcht vor Gott und der Größe des Themas ist ein guter Ausgangspunkt auf dem Weg zu einem besseren Bibelverständnis.

 

Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.

.

(Paulus‘ erster Brief an Timotheus, 1,5)

 

Jesus

Als Christen glauben wir nicht, dass es die Bibel ist, die uns erlöst, sondern unser Vertrauen zu Jesus. Die biblischen Texte sind für uns wichtig, weil wir durch sie Jesus kennenlernen. Offensichtlich haben einige der biblischen Texte dafür größere Bedeutung als andere.

 

… bloßes Wissen macht überheblich. Was uns wirklich voranbringt, ist die Liebe.

.

(Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 8,1)

 

Gott begegnen

Bibelkenntnis ist nicht das Ziel des Evangeliums, sondern die Erlösung von Menschen. Die biblischen Texte erzählen davon, wie Menschen Gott begegnen und schaudern. Wenn Licht in die Dunkelheit unseres Lebens bricht, passiert etwas mit uns. Manche Menschen geraten sogar in eine Krise. – Wenn biblische Texte dazu dienen, dass Menschen heil werden, dann ist das eine gute Nachricht.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

Zu viel Bibel?

Die Beschäftigung mit der Bibel kann auch ablenken von Wichtigerem oder Flucht vor Problemen sein. Wir brauchen Gottes Hilfe und Leitung, um die biblischen Texte und die Beschäftigung mit ihnen zu einem guten und sinnvollen Bestandteil unseres Alltags zu machen. In welchem Umfang die Beschäftigung mit der Bibel eine gute Sache ist, entscheidet nicht der Pfarrer und auch nicht ich selbst, sondern meine Lebensumstände.

 

Alle, die sich von Gottes Geist regieren lassen, sind Kinder Gottes.

.

(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom, 8,14)

 

Bevor man sich hastig der Bibelwissenschaft widmet oder mit seiner Bibel in einem Kämmerlein zur intensiven Lektüre einschließt, sollte man auch versuchen abzuschätzen, was machbar ist und was man erwartet.

Seit mehr als 2000 Jahren haben viele Menschen große Teile ihrer Lebenszeit diesen heiligen Texten gewidmet. Dennoch sind noch viele, auch grundsätzliche, Fragen offen. Am Ende steht oft eine persönliche Einschätzung und eine Entscheidung, was man denn glauben will.

 

Die eigenen Vorstellungen und Erwartungen

Manche Christen scheinen zu denken, dass sie das „RICHTIGE“ Bibelverständnis kaufen können, indem sie entsprechende Produkte erwerben. Was man kauft, ist aber natürlich immer nur die Darstellung eines Menschen – egal welche christliche Organisation dies auch abgesegnet haben mag. Gute Bibel-Kommentare präsentieren nicht nur EINE Sichtweise, sondern stellen die Breite der Diskussion zu einzelnen Bibelstellen dar.

 

… So hat es euch ja auch unser lieber Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben, und dasselbe sagt er in allen Briefen, wenn er über diese Dinge spricht. Einiges in seinen Briefen ist allerdings schwer zu verstehen …
.
(Petrus‘ zweiter Brief, 3,15-16)

 

Keiner von uns liest die Bibel „objektiv“. Wir bringen alle ein kulturell geprägtes Vorverständnis mit und lesen die Bibel durch unsere persönliche „Brille“. Ein tolles Projekt zu diesem Thema ist Worthaus, welches jetzt bereits ins siebente (!) Jahr geht.

 

Was erwartest du, wenn du dich mit der Bibel beschäftigst?

Dies ist keine unwichtige Frage. Hast du die Vorstellung, dass sich all die einzelnen Verse wie bei einem Puzzle zu einem Gesamtbild zusammensetzen werden, dass dann alle wichtigen Fragen beantwortet? Oder erwartest du eher einzutreten in eine Diskussion aus unterschiedlichen Stimmen zu dem Glauben an den einen wahren Gott? Oder rechnest du damit historische Beispiele zu finden, wie Glauben vor 2000 Jahren funktioniert hat? Oder …? …

Die Texte wurden allerdings alle NICHT geschrieben, um UNSERE Erwartungen zu erfüllen. Wenn wir uns falsche Vorstellungen und Erwartungen bewusst machen, kann dies vielleicht Enttäuschungen oder Missverständnisse verhindern. Vielleicht würde es sich für dich ja sogar lohnen, wenn du einmal wild drauf los schreibst, was dir zur Bibel für Assoziationen und Gedanken kommen und danach auch versuchst auszuformulieren, welche Gefühle, Meinungen, Überzeugungen, u.ä., du in Bezug auf die Bibel hast und was du dir erhoffst.

Wieviel kommt, z.B., zusammen, wenn du alles aufschreibst, was du sicher über die Entstehung der biblischen Texte, ihre Überlieferung und die Entstehung des biblischen Kanons weißt?

Sind dir bei dir selbst schon einmal Fehleinschätzungen oder Irrtümer in Bezug auf die Bibel aufgefallen?

Wäre es dir lieber, die Bibel wäre anders, oder findest du die Bibel gut, so wie sie ist (inklusive aller Geschlechtsregister und schwierigen Stellen)? Kennst du die Bibel überhaupt gut genug, um sagen zu können, dass du sie so gut findest, wie sie ist? (Ist die Frage vielleicht schon ein Sakrileg?)

 

Grundverständnis

Um richtig zu verstehen, was eine (christliche) Bibel objektiv ist, braucht man nur 1 Minute:

Eine Bibel ist eine Sammlung von Schriften, die grundlegend für das Christentum geworden sind. – War noch nicht einmal ganz eine Minute. 😉

Damit ist natürlich längst noch nicht alles gesagt. Aber es ist, glaube ich, ein sehr guter Ausgangspunkt; insbesondere dann, wenn man mit anderen Menschen ins Gespräch über diese Texte kommen will. Apologetische Gehirnakrobatik über die „Wahrheit des Wortes Gottes“ ist ein gewagtes Unterfangen. (Mit welcher Testmethode verifiziert man Göttlichkeit?)

Eine grobe Kenntnis von biblischen Motiven und biblischer Erzähltradition ist eine große Hilfe, wenn man einen Einzeltext verstehen möchte. Das kleine Emergent-Büchlein von Dominik Sikinger „Wie die Bibel Sinn macht“  (2013) gibt einen guten Überblick.

 

Qualität von Bibelübersetzungen

Wichtig ist, dass du das Meiste beim Lesen verstehst, sonst ist es für dich keine gute Übersetzung. Wenn man die verschiedenen Übersetzungen vergleicht, merkt man, dass es keine gewaltigen Unterschiede im Inhalt gibt. Wichtig beim Bibellesen ist, dass man größere zusammenhängende Texte liest und sich nicht an einzelnen Wörtern aufhängt. Dann versteht man auch was.

 

objektiv

Der objektive Zugang zu den biblischen Texten ist natürlich der wissenschaftliche; was in Bezug auf die Bibel dann der bibel-, religions- oder literaturwissenschaftliche wäre. (Allerdings ist nicht überall, wo „Wissenschaft“ drauf steht, auch Wissenschaft drin; und auch bei „echter“ Wissenschaft gibt es Qualitätsunterschiede.)

Allgemeinverständlich gibt es bei Wikipedia ein Bibel-Portal; für den, der es wissenschaftlicher mag, auch noch eins von der Deutschen Bibelgesellschaft. Darüber hinaus gibt es natürlich noch eine Fülle weiterer Informationsquellen im Netz.

Es geht bei der wissenschaftlichen Annäherung an die biblischen Texte, sowohl darum, wie die Texte in ihrer Zeit gemeint waren, als auch, um die Wirkung, die sie danach gehabt haben. Beides lässt sich natürlich nicht 100%ig erfassen.

Zum Verstehen der Bibel aus ihrer Kultur heraus gibt es im Englischen zwei bedeutende, relative neue Veröffentlichungen: Die „Jewish Study Bible“ und das „Jewish Annotated New Testament„. (Mir ist leider nicht bekannt, ob es Vergleichbares auf Deutsch gibt oder geplant ist.)

 

subjektiv

Es gibt ein „subjektives“ Verstehen oder Erahnen dessen, was ein Text Gutes in deinem eigenen Leben bewirken kann. Dies gilt für dich. Es ist kein „objektives Bibelverstehen“, das so auch für jemand anders gelten muss. Aber wenn du anderen davon erzählst und die dann neugierig auf die Bibel werden, dann passiert vielleicht auch etwas Gutes im Leben der anderen.

Das Potential der biblischen Texte ist allerdings nicht nur positiv. Biblische Texte oder einzelne Verse haben auch Schaden angerichtet und tun es immer noch. Die Beurteilung dessen, ist natürlich auch eine Frage der persönlichen Einschätzung. Die Erzählung von Jesu Versuchung in der Wüste, sollte uns zu Denken geben:

 

Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): »Er wird seinen Engeln für dich Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«

.

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 4,6)

 

Die Einteilung in objektiv und subjektiv ist natürlich auch nur ein Modell, dass nicht 100%ig passt. Es gibt kein 100%ig objektives Verstehen von Texten. Sprache ist ein wildes Wesen und Ausdruck kollektiver geistiger Prozesse. Sprachwissenschaftliche Analysen und Aussagen haben immer eine gewisse Begrenztheit.

Allgemein muss man allerdings schon sagen, dass zu einem besseres Verstehen der biblischen Texte notwendigerweise auch eine verbesserte Kenntnis der Originalsprachen und Kulturen der Bibel gehört, und damit verbunden die Frage, wie sich dies in anderen Sprachen & Kulturen wiedergeben lässt. Diese Aufgabe muss nicht jeder einzelne Gläubige stemmen, aber es ist eine wichtige Aufgabe für die Christenheit.

 

besser

Die Frage nach einem BESSEREN Bibelverständnis kann man „objektiv-wissenschaftlich“ verstehen, im Sinne von: Welche Erklärungen machen im Licht des derzeitigen Forschungsstandes mehr Sinn. Man kann sich allerdings auch fragen: Besser wofür oder wozu?

Ein großes Thema in den biblischen Texten ist die Verwirklichung der guten Absicht Gottes für seine Schöpfung. Jeglicher Lernzuwachs in Sachen Bibel muss sich an diesem großen Ziel messen lassen. (Werte- und ziellose Wissenschaft fände ich höchtst problematisch angesichts der extrem ernsten Situation der Menschheit.)

Eine regelmäßige Kontroll-Frage beim Bibelstudium könnte sein: Führt meine Beschäftigung mit der Bibel wirklich dazu, dass ich mehr so werde, wie Gott mich haben möchte, und der ganze Rest der Schöpfung auch? (Oder sollte ich bei meinem Studium etwas ändern?)

Die Frage, ob es einen guten Gott gibt und was genau seine Absichten sind, dies ist natürlich wieder eine Frage des persönlichen Glaubens. In der Bibel können wir lesen, was fromme Menschen in der Antike dazu gesagt haben; und, ich meine, davon können wir auch eine Menge lernen.

 

anfangen

Die Bibel ist ein dickes Buch. Man kann nicht alles auf einmal lesen, und man muss auch nicht unbedingt ganz vorne anfangen. Die Bibel besteht aus mehr als 200 Einzeltexten. Wenn dir schon ein Text aufgefallen ist, der dich interessiert, dann wäre das vielleicht ein guter Anfangspunkt.

Ich habe für mich selbst das Verstehen der biblischen Texte als ein lebenslanges Projekt ins Auge gefasst. Natürlich kann man mit Lebens-Entscheidungen nicht warten, bis man eine passende Bibelkenntnis erworben hat. Wir müssen im Leben, privat und auch als Glaubensgemeinschaft manchmal Entscheidungen treffen, die nicht aufschiebbar sind. Im Ringen um diese Entscheidungen, wird es wichtig sein, zu welchem Verständnis der biblischen Texte und zu welchem Umgang mit der Bibel wir bis dahin gekommen sind.

Wenn Gott wirklich etwas mit der Überlieferung dieser Texte zu tun hatte, dann haben wir Grund zu hoffen, dass sie gut sind für uns und andere.

 

WORTHAUS

Dekan Manfred Oeming
Einer der Referenten beim Worthaus-Projekt, by Manfred_Oeming (Manfred_Oeming) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Ich bin Worthaus-Fan (worthaus.org). Habe das Projekt durch eine Freundin meiner Mutter kennengelernt und bin begeistert. In den vergangenen Monaten habe ich mir schon viele Vorträge, z.T. zusammen mit anderen, im Netz angeschaut und warte immer noch darauf, dass ich mal einen Vortrag erwische, den ich nicht gut finde.  😉

Hören wir heute die Bibel noch so, wie die antiken Menschen die Texte gehört haben?

Natürlich nicht. Geht ja gar nicht. Wir haben eine andere Muttersprache und (fast) alle lesen die Texte in der Regel auch nicht in der Originalsprache. Da hängt schon eine Menge dran. Denn Sprache ist nicht nur Buchstaben, sondern ist unauflösbar mit der Kultur verbunden, in der sie entstanden ist und gesprochen wird. Jeder, der schon mal richtig eine Fremdsprache gelernt hat, weiß das. Man lernt nicht nur Wörterpaare im Wörterbuch (z.B. Englisch-Deutsch), wo man versucht passende Übersetzungen zu finden, sondern man lernt immer auch die Kultur mit. Jemand ist erst in einer ersprünglich fremden Sprache Zuhause, wenn ihm auch die Kultur vertraut ist.

Wir können selbstverständlich nicht alle mal auf die Schnelle, Hebräisch, Griechisch und Aramäisch lernen. Worthaus.org ist auch kein Sprachen-Lern-Projekt. Die Idee dahinter ist, sich der eigenen Vorstellungen bewusst zu werden, mit denen man an die Bibel herangeht, und zu versuchen die biblischen Texte so zu lesen, wie sie die ursprünglichen Adressaten gelesen haben. Ein Slogan von Worthaus ist „zu versuchen, einen unverstellten Blick zu bekommen“. In diesem Prozess kann man sich dann auch fragen, was die Texte uns heute noch zu sagen haben …