Ein anderes Evangelium?

 

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Calvary Church bei Nacht; eine „non-denominational evangelical church“ in Charlotte, North Carolina; Foto von Fartbarker, via Wikimedia Commons – public domain

 

Die Lage der Christenheit ist sehr ernst; uns sie ist es nicht erst seit gestern, sondern schon seit langem.

 

„Wenn ihr jedoch wie wilde Tiere aufeinander losgeht, einander beißt und zerfleischt, dann passt nur auf! Sonst werdet ihr am Ende noch einer vom anderen aufgefressen.“

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(Paulus im Brief an die Christen (!) in Galatien; Bibel, Neues Testament; 5. Kapitel, Vers 15)

 

Eine gute Nachricht?

Das ist, was das Wort „Evangelium“ wörtlich bedeutet. Antike Fromme dachten da an Rettung von Gott, Bedrohungen, die abgewendet werden konnten, Überwindung des Bösen und Zukunft, die möglich geworden ist.

Die ersten Christen waren überzeugt, dass sie eine gute Nachricht für die ganze Welt haben. Diese Überzeugung war entstanden durch die Erfahrungen, die sie mit Jesus aus Nazareth als Teil der spirituellen Bewegung gemacht hatten, die von diesem Menschen ausging.

Sie waren überzeugt, dass sie in einer Zeit leben, wo Gottes Geist auf Menschen herabkommt, sie erfasst, neu belebt und befähigt ein Leben zu führen, das Gott gefällt.

 

„Der Geist Gottes dagegen lässt als Frucht eine Fülle von Gutem wachsen, nämlich: Liebe, Freude und Frieden, Geduld, Freundlichkeit und Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung. Gegen all dies hat die Tora nichts einzuwenden.
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Menschen, die zum Messias Jesus gehören, haben ja doch ihre selbstsüchtige Natur mit allen Leidenschaften und Begierden ans Kreuz genagelt.“
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 5,22-24)

 

Was glauben Christen heutzutage noch?

Wenn man sich heutzutage in der christlichen Szene umschaut, ist es gar nicht so leicht zu erkennen, was all diese Christen noch gemeinsam haben. Ich wohne in Berlin und die christliche Szene ist hier (besonders seit dem Mauerfall) sehr bunt geworden. Wenn man mit Christen ins Gespräch kommt, weiß man oft nicht, was einen erwartet, und einem wird dann alles Mögliche erzählt.

Was für eine gute Nachricht haben wir als Christen heutzutage noch für die Menschen um uns herum? Was ist unsere Message an die Welt? Ist das Christentum noch ein gutes Angebot?

 

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Apostel Paulus (rechts mit Buch, Schwert und Halbglatze) und Markus. Eine der beiden Tafeln des Diptychons (Die vier Apostelvon Albrecht Dürer (1526) via Wikimedia Commons – public domain

 

Ein anderes Evangelium

Der bibel-kundige Leser hat es sofort gemerkt:

Der Titel ist eine Anspielung auf einen Bibelvers im Brief des Apostels Paulus an die Christen in Galatien:

 

„Ich wundere mich sehr über euch. Gott hat euch doch in seiner Gnade das neue Leben durch den Messias Jesus  geschenkt, und ihr seid so schnell bereit, ihm wieder den Rücken zu kehren. Ihr meint, einen anderen Weg zur Rettung gefunden zu haben?

Doch es gibt keinen anderen! Es gibt nur gewisse Leute, die unter euch Verwirrung stiften, indem sie die Botschaft vom Messias verfälschen. Wer euch aber einen anderen Weg zum Heil zeigen will als die rettende Botschaft, die wir euch verkündet haben, den wird Gottes Urteil treffen – auch wenn wir selbst das tun würden oder gar ein Engel vom Himmel.

Ich sage es noch einmal: Wer euch eine andere Botschaft verkündet, als ihr angenommen habt, den wird Gottes Urteil treffen!“

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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 1,6-9, in der Übersetzung der „Hoffnung für alle“; die Formulierung „anderes Evangelium“ stammt aus der Luther-Übersetzung)

 

Hatten die Galater Jesus den Rücken gekehrt und sich wieder den Vergnügungen der Welt zugewandt? Oder sich von „modernen“ Irrlehren verführen lassen?

 

Ist Jesus allein nicht genug?

Das Problem war nicht, dass sich die Galater völlig von Jesus abgewandt hätten, sondern dass nachdem Paulus die gute Nachricht vom  neuen  Leben in Jesus verkündet hatte, andere kamen, die gesagt haben: Jesus ist zwar der Messias, aber Jesus allein genügt nicht, sondern ihr müsst auch nach der alten Tora leben.

 

„Allerdings mussten wir uns mit einigen falschen Brüdern auseinander setzen, mit Eindringlingen, die sich bei uns eingeschlichen hatten und ausspionieren wollten, wie wir mit der Freiheit umgehen, die Jesus, der Messias, uns gebracht hat. Ihr Ziel war, uns wieder zu Sklaven der Tora zu machen.

Aber wir haben ihnen nicht einen Augenblick nachgegeben und haben uns ihren Forderungen nicht gebeugt; denn die Wahrheit, die uns mit dem Evangelium gegeben ist, sollte euch unter allen Umständen erhalten bleiben.“

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(Galaterbrief 2,4-5)

 

Die Leute, gegen die sich Paulus im Galaterbrief wehrt, waren Menschen, die sich auf die heiligsten Texte ihrer heiligen Schriften beriefen: Die Tora. Der Galaterbrief selbst zeigt uns also schon, dass es nicht nur theoretisch möglich ist, sondern dass in der Geschichte der Christenheit es schon real passiert ist, dass Menschen mit heiligen Texten ein anderes Evangelium verkündet  haben .

 

„Biblisch an Jesus glauben“

Das Problem der Galater damals scheint mir sehr ähnlich dem Problem, das wir schon seit langem in der Christenheit haben. Vielleicht ist es im Wesentlichen sogar dasselbe. Der Glaube an die Bibel ist bei vielen Christen an die Stelle des Glaubens an Jesus getreten. Jesus wird „verpackt“ in der Bibel und nur wer „biblisch“ an Jesus glaubt, wird gerettet.

 

„Bevor uns Gott diesen Weg des Glaubens geöffnet hat, waren wir unter der Aufsicht des Gesetzes in das Gefängnis der Sünde eingeschlossen. Das sollte so lange dauern, bis Gott den vertrauenden Glauben als Weg in die Freiheit bekannt machen würde,  und das heißt: bis Christus kam.
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So lange war das Gesetz unser Aufseher; es war für uns wie der Sklave, der die Kinder mit dem Stock zur Ordnung anhält. Denn nicht durch das Gesetz, sondern einzig und allein durch vertrauenden Glauben sollten wir vor Gott als gerecht bestehen.
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Jetzt ist der Weg des Glaubens geöffnet; darum sind wir nicht mehr unter dem Aufseher mit dem Stock.“
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(Galaterbrief 3,23-25)

 

Eine andere Welt

Die Welt, in der wir heute leben, ist nicht mehr dieselbe, wie die Welt der ersten Christen. Ganz abgesehen davon, dass die ersten Christen keine Mitteleuropäer waren und nicht Deutsch sprachen.

In unser modernen Zeit verändert sich unsere Gesellschaft und unser Leben schneller als jemals zuvor, und wir stehen vor Herausforderungen, die die Menschheit in ihrer Geschichte noch nie erlebt hat.

 

 

Eine andere Situation

Alle  neutestamentlichen Texte entstanden im Zusammenhang bzw. Umfeld jüdischer Frömmigkeit des 1. Jahrhunderts. Diese religiöse Situation ist für  fast alle  Christen heutzutage eine andere.

Leider trennt das Christentum und das Judentum heute eine tiefe Kluft, die auch durch viel Leid entstanden ist. Die Christenheit hatte sich im Laufe seiner Geschichte schnell von der jüdischen Kultur und seinen jüdischen Wurzeln entfernt. Die Adressaten der neutestamentlichen Texte waren allerdings noch eng mit dieser Kultur verbunden.

 

„… Im Übrigen finden sich alle diese Forderungen im Gesetz des Mose, das seit vielen Generationen in allen Städten verkündet und Sabbat für Sabbat in allen Synagogen vorgelesen wird …
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Der Heilige Geist selbst und unter seiner Führung auch wir haben nämlich beschlossen, euch nur die folgenden unbedingt nötigen Anweisungen zu geben und euch darüber hinaus keine weitere Last aufzuerlegen:
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Esst kein Fleisch, das den Götzen geopfert wurde, unterlasst den Genuss von Blut und von nicht ausgeblutetem Fleisch und haltet euch fern von jeder Unmoral!“
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(Apostelgeschichte; Neues Testament; 15,21-29)

 

Ein anderer Leser

Wir sind auf Grund des historischen Wandels und einer anderen kulturellen und religiösen Situation heutzutage gar nicht mehr in der Lage, die biblischen Texte so zu lesen wie ein antiker Christ im 1. Jahrhundert.

Wen wollen wir fragen, ob wir einen Bibeltext richtig verstanden haben?

Und wie werden wir zu mündigen Christen, die befähigt sind, ihre Glaubensentscheidungen selbst zu vertreten, ohne am Rockzipfel eines Pastors oder Propheten zu hängen?

 

„Euch aber hat der, der heilig ist, Jesus Christus, seinen Geist gegeben, und durch diese Salbung habt ihr alle die nötige Erkenntnis.“

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(Erster Johannesbrief 2,20)

 

Tradition oder Erfahrung? Vermittelte Glaubensinhalte oder unmittelbare Gotteserfahrung?

Manchmal ist der Unterschied kaum erkennbar, aber er ist dennoch fundamental. Ist das Fundament meines Glaubens eine bestimmte christliche Tradition, die ich von anderen gelernt habe, oder ist es meine eigene Wahrnehmung und die Erfahrung, die ich selbst im Glauben an Jesus gemacht habe?

 

„Wer nun auf das hört, was ich gesagt habe, und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut.

Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,24-25)

 

Durch die Überlieferung über Jesus haben wir von ihm gelernt. Aber es ist nicht nur ein theoretisches Wissen, sondern es sind lebendige Worte, die etwas in unserer Seele berühren und uns in ein neues Leben locken. Es ist das unmittelbare geistige Wirken Gottes durch Jesus, das Menschen zu einem neuen Menschen werden lässt. Und das nicht nur am Anfang bei der Bekehrung, sondern auch danach, in einem Leben aus dem Vertrauen.

Ein Leben des Lernens von Jesus kann sich verkehren in ein Leben nach heiligen Texten und schriftlichen Anweisungen; und ein göttliches Buch, eine Heilige Schrift, kann zum Vermittler der Gnade werden. Und da die antiken, biblischen Texte nicht so leicht zu übersetzen und zu interpretieren sind, brauchen wir dann auch noch ein Heer an Experten, Bibel-Lehrern, Schriftgelehrten, Pastoren, Theologen, … die uns verklickern, wie wir die Bibel richtig zu verstehen haben.

 

„Beantwortet mir nur diese eine Frage: Wodurch habt ihr den Geist Gottes empfangen? Indem ihr die Forderungen der Tora erfüllt habt oder weil ihr die Botschaft des Glaubens gehört und angenommen habt?

Wie könnt ihr nur so blind sein! Wollt ihr jetzt etwa aus eigener Kraft zu Ende führen, was Gottes Geist in euch begonnen hat?“

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(Galaterbrief 3,2-3)

 

Die Balance zwischen dem Einzelnen und der Gruppe

Die christliche Traditions-Gemeinschaft ist dennoch wichtig. Es ist in der Gemeinschaft der Liebenden, in der ich selber lerne zu lieben. In einer solchen Gemeinschaft wird man auch sensibel für Gefahren von Gruppendruck und geistlichem Missbrauch sein.

Ein weiterer Grund für die Bedeutung von Gemeinschaft ist die Deutung meiner eigenen Erfahrungen. Ich deute meine persönlichen Gotteserfahrungen im Rahmen meiner kulturellen Prägung und der religiösen Tradition, die ich gelernt habe. Ich kann mich auch irren. Austausch mit anderen schenkt mir zusätzliche Perspektiven und erweitert meinen Horizont.

Wir haben – abgesehen von persönlichen Visionen und Träumen von Jesus – nur den Jesus der Tradition und den in der Gemeinschaft erlebten Jesus durch prophetische Worte und das gemeinsame Leben im Geiste von Jesus. Bei all dem ist eine gesunde Balance zwischen dem Einzelnen und der Gruppe existentiell.

 

„Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,5)

 

Wann wird das „Wir-Gefühl“ zu eng?

Wir sind alle noch Menschen mit unseren persönlichen Interessen und Bedürfnissen; und auch eine christliche Gemeinschaft hat Gruppeninteressen. Wenn Freiheit nicht mehr spürbar ist und Gemeinschaft als einengend empfunden wird, ist das ein Alarmsignal.

Gemeinschaft ist auch Träger von Kultur. In christlicher Gemeinschaft können wir eine liebevolle Kultur schaffen, in der die Botschaft von Jesus Gestalt in Fleisch und Blut gewinnt und christlicher Glaube berührbar und berührend wird.

Liebe und Freiheit eröffnen den Raum, in dem wir lernen, vertrauen und wachsen können. In Freiheit und Liebe lernen wir gemeinsam geistlichen Missbrauch und Gruppendruck einerseits, und ein Dominieren durch Einzelne andererseits zu verhindern und können das Entstehen einer echten Gegenkultur zur Welt erleben.

 

„‚Der Wind weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber woher er kommt und wohin er geht, weißt du nicht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.‘

‚Aber wie kann das geschehen?‘, fragte Nikodemus.

‚Du als Lehrer Israels weißt das nicht?‘, entgegnete Jesus.“

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(Johannes-Evangelium 3,8-10)

 

Das Wesen der Jesus-Bewegung

Die Jesus-Bewegung im ersten Jahrhundert war vom Wesen her eine spirituelle Bewegung, die an die jüdische Kultur und Tradition anknüpfte. Ihre geistliche Kraft entstand aus dem individuellen spirituellen Erleben der einzelnen Gläubigen. Jede Form von Christentum, die sich auf diese Jesus-Bewegung und ihre Texte bezieht, muss dies ernst nehmen, wenn sie nicht in einen inneren Widerspruch geraten will.

Einer der wichtigsten Texte der Christenheit, die sogenannte „Bergpredigt“ von Jesus, stellt einer „äußeren“ Frömmigkeit, die durch Traditionen und ein oberflächliches Erfüllen von Normen der Glaubensgemeinschaft geprägt ist, eine tiefe „innere“ Frömmigkeit gegenüber, bei der äußeres Verhalten und innere Haltung in Übereinstimmung sind.

Es ist dieser „innere Weg“ aus dem Herzen heraus, durch den Glaube und Tradition zu etwas werden können, das als ein in sich stimmiges Ganzes erfahren werden kann.

 

„Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 5,8)

 

Ein anderes Evangelium?

Obwohl wir in einer anderen Zeit und Welt leben, machen auch heute Menschen ähnliche Erfahrungen wie die Christen in Galatien zur Zeit von Paulus. Menschen finden durch den inneren Weg im Vertrauen zu Jesus zu einer Gotteserfahrung und werden erneuert, belebt und befähigt durch seinen Geist. – Es gibt eigentlich noch eine gute Nachricht für Menschen heute!

Wir sind Empfangende. Menschen, die durch diesen inneren Weg des Vertrauens zu Jesus zu Christen werden, erleben dies nicht, weil sie so ein tolles Bibelverständnis haben oder in Übereinstimmung mit der Bibel leben, sondern weil Gott selbst durch seinen Geist dort etwas Neues geschaffen hat.

Wer die Bibel ins Zentrum des Glaubens rückt oder zur Voraussetzung von neuem Leben macht, hat ein  anderes  Evangelium geschaffen, das auch in sich nicht mehr stimmig sein kann, weil die biblischen Text von einer anderen Frömmigkeit reden.

Wenn all diejenigen, die sich so gern „bibeltreu“ nennen doch endlich aufhören würden, die biblischen Texte für ihre Bibel-Ideologie und zur Durchsetzung ihrer eigenen Meinung zu missbrauchen. Anstatt zu versuchen, im Austausch mit anderen zu einem besseren Bibelverständnis und einer tieferen Einsicht in den christlichen Glauben zu finden, lassen sie sich von ihrer Angst dazu verleiten, alles kontrollieren und bestimmen zu wollen und schotten sich ab.

 

„In unserem Inneren fehlt es nicht an Platz für euch; eng ist es in euren eigenen Herzen. Macht es doch wie wir – ich spreche zu euch als zu meinen Kindern – und öffnet auch ihr euch weit!“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 6,12-13)

 

Eine  g u t e  Nachricht

Religion ist eine komplexe Angelegenheit, und auch das mittlerweile fast 2000 Jahre alte Christentum ist vielfältig und vielschichtig. Da kann es schnell passieren, dass ein Mensch, der Jesus lieb hat und Gott gefallen möchte, abhängig wird von den religösen Profis, die ihm den christlichen Glauben erklären.

Oder ein anderer Mensch, bei dem gerade die Hoffnung aufgekeimt ist, dass sein hartes und verrücktes Leben vielleicht doch irgendwie Sinn machen könnte und spirituelle Tiefe spürt, wird frustriert wegen all den endlosen Diskussionen und Streitereien in der Christenheit. – Eine gute Nachricht muss auch für einen Menschen als gut-tuend erfahrbar sein.

Es gibt eine Alternative. Menschen könnten christliche Spiritualität und die Offenbarung Gottes in dem Menschen aus Nazareth wieder als ein kraftvolles, faszinierendes Geheimnis für sich entdecken, das nicht sofort alle Fragen beantwortet, aber den Menschen auf einen spürbar guten Weg bringt.

 

„… Groß und einzigartig ist das Geheimnis unseres Glaubens: In die Welt kam der Messias als ein Mensch, und der Geist Gottes bestätigte seine Würde. Er wurde gesehen von den Engeln und gepredigt den Völkern der Erde. In aller Welt glaubt man an ihn, und er wurde aufgenommen in Gottes Herrlichkeit.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 3,16)

 

Die Zeit ist reif für Veränderung

Heute, nachdem die Bibel-Ideologie schon seit Jahrhunderten ihre Wirkung entfaltet hat, sollten wir klare Glaubensentscheidungen treffen und Konsequenzen für unsere religiöse Praxis ziehen. Jeder für sich persönlich und auch gemeinsam.

Wäre es nicht viel besser, wenn Christentum, anstatt die moderne Zeit bloß misstrauisch zu beäugen und kritisch zu kommentieren, wieder selbst als eine wirklich  gute  Nachricht für Menschen und als gesellschaftliche Kraft erfahrbar würde?

 

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen …

So trägt jeder gute Baum gute Früchte; ein schlechter Baum hingegen trägt schlechte Früchte.“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,16-17)

 

Den Schatten fest im Blick

Viele christliche und andere Persönlichkeiten sind schon über ihren eigenen Schatten gestolpert, und der Schaden ist oft groß. Ich glaube Schattenarbeit ist die wichtigste Hausaufgabe für engagierte Christen. – Haben wir genug Glauben und den Mut uns unserem persönlichen und kollektiven Schatten zu stellen?

Viele Christen lieben schöne Gefühle und mögen es, Jesus im Worship zu feiern oder neue trendige Projekte anzustoßen. Wenn wir nachhaltig arbeiten und Menschen nicht schaden wollen, müssen wir aber unbedingt auch bereit sein, uns die dunklen Seiten unserer Aktivitäten anzuschauen und gerade da genau hinzuschauen, wo Dinge nicht so schön sind und nicht funktionieren.

Es gibt immer auch Wirkungen, die uns überraschen oder die wir eigentlich nicht beabsichtigen. Auch Fresh X oder irgendein anderer moderner Anstrich wird uns nicht retten, wenn wir uns dem negativen Anteil des Christentums und der christlichen Geschichte nicht stellen.

 

 Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 7,3)

 

Eine gute Nachricht auch für die kommenden Generationen

Um den Herausforderungen unserer Zeit begegnen zu können und unsere Kinder gut für die Zukunft vorzubereiten, brauchen wir eine nachhaltig gute christliche Kultur. Einen christlichen Glauben, den wir selbst als einen guten Weg in unserem persönlichen Leben erfahren und der auch unsere Kinder befähigt, sich in unserer real-existierenden modernen Welt zurecht zu finden. Neugieriges Erkunden wäre hier wahrscheinlich hilfreicher als kritische Distanz.

Das beste, was ich in dieser Hinsicht gefunden habe, ist die Integrale Theorie. Integrales Christentum und Integrale Spiritualität sind  meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang die spannendsten Themen zur Zeit und werden zum Glück auch immer bekannter.

Vielleicht wird das Christentum mit Jesus und Jesus mit dem Christentum doch noch zu einer guten Nachricht für die leidende Welt von heute?

 

„Ihr seid das Licht der Welt“

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(Jesus in der Bergpredigt; Matthäus-Evangelium 5,14)

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

jetzt, und hier

 

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Die Insel Vulcano. Foto von Brisk g, von Wikimedia Commons (public domain).

 

 

spürt ihr es nicht ?
wie die erde bebt
völker erzittern
mächte sich verbinden
dicht unter der oberfläche

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nur noch eine kleine weile
nur noch ein augenblick
und es bricht sich bahn
wie eine gewaltige flut

 

 

 

*

 

Mich erinnern unsere Tage an die Zeit zwischen den Weltkriegen.

 

 

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Eine expressionistische Lyrik-Anthologie (1919/1920) vom Ernst Rowohlt Verlag, Berlin.  Antiquariaat Die Schmiede. Wikimedia Commons (public domain).

 

 

Ich reihe mich  nicht  ein, in die Zahl der Weltuntergangs-Propheten.

Es ist etwas im Anbrechen. Etwas Großes. Das Alte verblasst. Mächte schwinden und neue stehen auf; und immer mehr Menschen haben ein anderes Bewusstsein. Die alten Antworten haben für sie keine Kraft mehr.

 

… Siehe, ich mache alles neu! …

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(Bibel, Neues Testament, Offenbarung, 21. Kapitel, Vers 5)

 

Gott ist nicht nur der Erschaffer am Anfang, sondern auch der Erhalter seiner Schöpfung. Er ist das Leben und die Wirklichkeit selbst. Die kreative Kraft. – Die Zellen unseres Körpers erneuern sich alle paar Jahre. Gott macht ständig alles neu.

 

Aus der Vergangenheit kann jeder lernen.
Heute kommt es darauf an, aus der Zukunft zu lernen.

(Hermann Kahn)

 

Man muss nicht ein studierter Gesellschafts- und Politik-Analyst sein, um das Ausmaß der aktuellen Veränderungen zu spüren.

Wenn man in Worte fasst, was man selbst wahrnimmt, entsteht Klarheit. Wenn man darüber mit anderen spricht, entsteht Wirklichkeit.

 

Wenn wir gewillt sind,
das Leben loszulassen,
das wir geplant haben,
können wir das Leben empfangen,
das auf uns wartet.

(Joseph Campbell)

 

Wir blicken aus großer Höhe herab auf einen Hochgeschwindigkeitszug, der über die Oberfläche unserer Welt gleitet. Es ist eine klitzekleine Weiche, die darüber entscheidet, ob der Zug an dem einen Ende der Erde ankommt, oder am anderen.

Wir treffen jeden Tag eine Fülle von Entscheidungen. Große und kleine.

Probieren – geht über studieren.

 

Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?
– Das hängt zum großen Teil davon ab, wohin du möchtest, sagte die Katze.

(Lewis Caroll, Alice im Wunderland)

 

 

Transformierte Bibel

 

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Fruchttaube, Foto von Lip Kee Yap [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

„Transformation“ ist ein populärer Begriff geworden. Man spricht z.B. von der Transformation gesellschaftlicher Verhältnisse. Auch religiöse Vorstellungen und Praktiken können transformiert werden, und für die Zukunft der Menschheit ist dies von großer Bedeutung.

Transformation bedeutet nicht, dass man sich Utopien ausdenkt, sondern dass man bei den bestehenden Verhältnissen ansetzt und Veränderung entstehen lässt.

 

Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst?

(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 7. Kapitel, Vers 3)

 

Für eine Verbesserung des real-existierenden Christentums sollten wir bei uns selbst beginnen. Eine bessere Christenheit entsteht durch bessere Christen.

Dazu brauchen wir auch ein besseres Verständnis und einen besseren Umgang mit den biblischen Texten. Wir brauchen eine Transformation unserer Bibel-Idee; denn die biblischen Texte sind fürs Christentum fundamental.

 

„Transformierte Bibel“

Dieser Titel ist so schwammig, wie der Begriff „Bibel“. Denn die „Original-Bibel“, geschrieben von antiken Propheten und Aposteln, gibt es ja gar nicht. Was wir haben, ist ein Korpus aus antiken Handschriften, durch deren Vergleich Bibelwissenschaftler versuchen ein mögliches Original zu rekonstruieren. Wir haben da bei den biblischen Texten in Prinzip dieselbe Situation wie bei fast allen anderen antiken Texten, wo die Originale nicht mehr vorhanden sind.

Die  Idee  von der Bibel, als von einem vollkommenen, göttlichen Buch, stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Alle Bibelausgaben, die es gibt, – auch die Altar-Bibeln – sind keine vollkommenen, göttlichen Bücher, sondern immer menschliche Rekonstruktions- und Übersetzungsversuche, bei denen immer auch die Erkenntnis und Interpretation der Bibelwissenschaftler mit einfließt.

Alle Bibeln sind menschliche Produkte. In aller Unvollkommenheit sind sie allerdings auch Zeugnisse antiker jüdischer Frömmigkeit und urchristlichen Glaubens; und als solche Zeugnisse sind sie für uns von unschätzbarem Wert. Es ist eine Frage von Wahrhaftigkeit und von gesunder Spiritualität, dass wir Bibelausgaben so gestalten, dass transparent ist, was sie wirklich sind.

 

„transformiert“

Es geht nicht darum, die Texte zu verändern oder die biblischen Inhalte so zu verbiegen, dass moderne Übersetzungen besser in unsere heutige Zeit passen, sondern es geht darum, unsere  Idee  von „Bibel“ zu verbessern und sorgfältiger in unserem Sprachgebrauch („biblisch“, „unbiblisch“) und in unserem Umgang mit diesen Texten zu sein. Die Wirkungsgeschichte biblischer Texte ist nicht nur ein Ruhmesblatt des Christentums.

Bei der Transformation der Bibel-Idee ist es wichtig, bei all dem Guten anzuknüpfen, das diese Texte in der Geschichte der Christenheit und der Menschheit bewirkt haben, und die große Bedeutung zu respektieren, die diese Texte für Millionen von Menschen haben. Bibelworte sind manchmal der Strohhalm, der einen Menschen vorm Untergehen bewahrt …

 

Das geknickte Schilfrohr wird er nicht abbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen …

(Matthäus-Evangelium 12,20)

 

Transformation bedeutet nicht, jetzt alles anders zu machen und mit der Vergangenheit zu brechen, sondern es geht darum, Wertvolles zu bewahren, Schädliches abzulegen und unbrauchbaren Ballast loszulassen.

 

Sie sollen endlich mit diesem sinnlosen Nachforschen in Legenden und Abstammungsverzeichnissen aufhören; das führt zu nichts als zu nutzlosem Gerede und Streit. Es lenkt uns ab von der Aufgabe, die Gott uns gegeben hat und die wir im Glauben ausführen.
Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt. Doch es gibt Leute, die sich darüber hinwegsetzen und sich lieber mit nutzlosem Geschwätz abgeben.
(Paulus‘ erster Brief an Timotheus, 1,4-6)

 

Vom heiligen Buch zum Buch des Lebens

Bibeln sind menschliche Bücher. Von Menschen hergestellt, übersetzt, rekonstruiert, überliefert, abgeschrieben und ursprünglich auch einmal verfasst. Und sie erzählen von Menschen. Von Heiligen und Unheiligen, von Höhen und Tiefen. Und von Jesus aus Nazareth.

 

 In ihm war das Leben, und dieses Leben war das Licht für alle Menschen.

(Johannes-Evangelium 1,4)

 

Menschen, die vom heiligen Geist des Lebens berührt worden sind, erkennen ihn auch in den Seiten der Bibel. Geisterfüllte Spiritualität führt auch zu einem gesunden Umgang mit den biblischen Texten. Im Dialog mit den Texten lernen wir, besser zu verstehen, worum es in der jüdisch-christlichen Überlieferung geht, wer Jesus war und was das Evangelium ist, und wer wir selber sind.

 

Was ist da schon der Mensch, dass du an ihn denkst?
Wie klein und unbedeutend ist er,
und doch kümmerst du dich um ihn.
Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als die Engel,
ja, mit Ruhm und Ehre hast du ihn gekrönt.
Du hast ihm den Auftrag gegeben, über deine Geschöpfe zu herrschen.
Alles hast du ihm zu Füßen gelegt …
(Psalm 8,5-7)
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Viele Christen sind schon in den Startlöchern, bereit Altes loszulassen und sich von Gottes Geist in seine gute, neue Zukunft tragen zu lassen …
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Der Griff zur Bibel

 

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Verbotenes Lesen von Karel Ooms (1876) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

[Den folgenden Artikel bereite ich gerade für das Online-Magazin theologiestudierende.de vor, wo ich mitschreibe.]

 

WOZU BIBELLESEN?

Es gibt viele interessante Bücher, die man lesen könnte, und manche, die man lesen muss. Für Theologie-Studierende ist die Bibel allerdings nicht einfach ein Lehrbuch unter vielen, sie ist DAS Buch. „Christliche Theologie“ ist fast synonym mit „Bibelwissenschaft“.

Die Bibel ist ein sehr dickes Buch. Im ersten Semester kann einem die Bibel wie ein Hochhaus vorkommen, dessen oberste Stockwerke von Nebel und Wolken verhüllt sind. Und wenn man dann irgendwann sein Studium abgeschlossen hat, ist man mit der Bibel noch lange nicht fertig…

Aber nicht jeder Mensch interessiert sich für die Bibel.

 

„Bibel“ ???

Und diejenigen, die wenigstens schon einmal das Wort kennen, wissen deswegen nicht unbedingt auch, was da drin ist.

Es gibt viele verschiedene Gründe, weshalb Menschen zur Bibel greifen; und die folgende Liste ist bestimmt nicht vollständig (die verlinkten Seiten bitte nicht als Empfehlung verstehen, sondern als Illustration):

  1. ANGST:  Ich will nicht in die Hölle kommen. Vielleicht enthält die Bibel wichtige Informationen, die ich noch nicht kenne; oder Gott verdammt mich, weil ich nicht genug in der Bibel gelesen habe. Ich will die himmlische Chance nicht verpassen.
  2. GEHORSAM: Irgendjemand hat mir gesagt, dass ich in der Bibel lesen soll. – Pfarrer, Lehrer, Eltern, Oma, Professor, Arbeitgeber, Kirche…
  3. ANPASSUNG: In meiner Clique lesen alle die Bibel. Ich will mitreden können.
  4. GEMÜTLICHKEIT: Bibellesen versetzt mich in eine so andächtige Stimmung. Und wenn ich mit anderen zusammen in der Bibel lese, ist das so ein schönes Gemeinschaftsgefühl.
  5. ALLGEMEINBILDUNG: Bibelkenntnis gehört einfach zur Allgemeinbildung. Punkt.
  6. GESCHICHTE: Ich bin History-Freak. Geschichte hat mich schon immer fasziniert; und es gibt wohl kaum ein anderes Buch, das kulturgeschichtlich eine so große Bedeutung hat.
  7. NEUGIER: Der Name dieses Buches taucht immer wieder auf. Manche behaupten sogar, dass in der Bibel Prophezeiungen über die Zukunft sind. Ich schau jetzt mal rein und mach mich schlau.
  8. HOFFNUNG: Seit vielen hundert Jahren schon werden diese Texte von Menschen geschätzt. Vielleicht hab ich ja auch was davon, wenn ich in der Bibel lese.
  9. SUCHE: Ich will wissen, was es mit Gott auf sich hat. Die Bibel scheint für diese Frage ein wichtiges Buch zu sein. Zumindest behaupten das viele.
  10. HUNGER & DURST: Ich habe Wissensdurst und Seelenhunger. Ich will wissen, wie Leben besser funktionieren kann; und meine Seele hungert nach Worten, die satt machen.
  11. HÄNGEN GEBLIEBEN: Ich hab angefangen in der Bibel zu lesen, und irgendwas hat mich berührt und gepackt. Es zieht mich immer wieder zu diesem Buch.
  12. ÜBERZEUGUNGSTÄTER: Ich bin überzeugt, dass dieses Buch, mehr als alle anderen Bücher, für mein Leben und das anderer Menschen, wichtig ist.
  13. VERÄNDERUNG: Ich hab den Eindruck, dass das Bibellesen mir und anderen gut tut. Menschen, die viel in der Bibel lesen, sind irgendwie anders.
  14. REFORMATION: Im Christentum ist schon zu viel schief gelaufen, und die gegenwärtige Situation ist vielerorts traurig. Ich gehe zurück zu den biblischen Texten, um zu verstehen, worauf es ankommt.
  15. BEWAFFNUNG: Damit ich in der nächsten Diskussion mit einem Frommen oder Pseudo-Frommen schlagkräftige Bibel-Argumente habe. Vielleicht auch zur Teufel&Dämonen-Abwehr.
  16. GEWOHNHEIT: Bibellesen gehört für mich zur alltäglichen Routine. Bei einem Tag ohne Bibel fehlt mir was.
  17. PFLICHT: Ich muss in der Bibel lesen, weil ich Theologie-Studierender bin. Ich habe keine andere Wahl.

 

Enttäuschung

Es gibt viele mögliche Gründe, warum jemand in der Bibel liest – oder auch nicht. Ich glaube, ich war neun, als ich das erste Mal völlig freiwillig zur Bibel griff. Ich kann mich gar nicht mehr genau erinnern, warum. Ich fing gleich mit dem Neuen Testament an (ein bisschen wusste ich schon über die Bibel) und blieb dann bei Markus stecken, weil mir alles so bekannt vorkam.

Nicht immer, wenn man in der Bibel liest, erzielt man auch die gewünschte Wirkung. Bibellesen kann frustrierend sein; und dies wird man auch kaum verhindern können. Die Bibel wurde nicht unmittelbar für uns geschrieben, und auch nicht, damit wir spannende Lektüre haben. Es ist oft mühsam, wenn man versucht, die ursprüngliche Bedeutung eines Textes herauszufinden. (Übersetzungen verschleiern dies natürlich systematisch im Interesse der Lesbarkeit.)

 

Relevanz

In diesem Artikel geht es um Wirkungsgeschichte und Relevanz. Wie kommt es, dass Menschen überhaupt zur Bibel greifen? – Dass die Bibel kulturgeschichtlich gewaltige Bedeutung hat, kann niemand leugnen. Aber wie wichtig ist die Beschäftigung mit Kulturgeschichte? Was hat der einzelne Mensch oder die gesamte Menschheit davon? Hätten wir vielleicht Wichtigeres zu tun?

Ich bin bekennender Bibel-Fan; und das vor allem wegen Jesus. ER hat’s mir angetan. Und die Bibel ist die beste Quelle, wenn man verstehen will, wer Jesus war und was er wollte. (Auch wenn sicherlich manche biblischen Texte für diese Frage eine größere Bedeutung haben als andere.)

 

Jesus

Wir finden in der Bibel krasse Aussagen über Jesus, wie z.B.:

 

„Ich bin der Weg“, antwortete Jesus, „ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben. Zum Vater kommt man nur durch mich.“

(Neues Testament, Johannes-Evangelium, 14. Kapitel, Vers 6)

 

Wenn man diesen Vers liest oder zitiert, ist damit allerdings noch lange nicht klar, was denn damit genau gemeint ist. Und wenn mir jemand verklickern will, dass er das weiß, würde ich mir einmal genau erklären lassen, wie er denn zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Es werden leider viel zu oft traditionelle Erklärungen wiederholt, die nicht richtig sein müssen.

Wenn wir Jesus besser verstehen wollen, reicht es nicht aus, nur einzelne Verse zu zitieren, sondern wir sollten uns möglichst viele relevante Texte anschauen und versuchen diese im Kontext der Bibel und im Zusammenhang ihrer Zeit zu sehen.

Die Apostel verkündeten Jesus als den Messias. Diesen Titel hatten sie sich nicht selber ausgedacht, sondern ihr Glaubensbekenntnis beruhte auf den heiligen Texten der Juden und deren Interpretation. Ohne diesen Hintergrund zu kennen, kann man die Aussage kaum richtig verstehen.

 

Ihr forscht in der Schrift, weil ihr meint, durch sie das ewige Leben zu finden. Aber gerade die Schrift weist auf mich hin.

(Johannes-Evangelium 5,39)

 

Der Verfasser des Johannes-Evangeliums sah in Jesus offensichtlich die Erfüllung jüdischer Messias-Erwartung. Eine Überzeugung, die wir auch in vielen anderen neutestamentlichen Texten finden.

Auch in der paulinischen Theologie hat Jesus fundamentale Bedeutung. Nicht nur in der persönlichen Berufungsgeschichte des Apostels (Galater 1,12), sondern auch in seiner Verkündigung:

 

… ich hatte mir vorgenommen, eure Aufmerksamkeit einzig und allein auf Jesus Christus zu lenken – auf Jesus Christus, den Gekreuzigten.

(1. Korintherbrief 2,2)

Zeit

Die Bibel wurde nicht für Menschen geschrieben, die keine Zeit haben. Sie ist keine Sammlung von Kalenderblättchen oder guten Zitaten. Wer zur Bibel greift, sollte damit rechnen, dass er Zeit braucht, um herauszufinden, was die Texte damals bedeutet haben und wozu sie heute noch gut sein können. Fragen, die eng verbunden sind mit der Frage, welche Bedeutung die Überlieferung über den Mann aus Nazareth nach fast 2.000 Jahren für uns heute noch hat.

Die Wirkungsgeschichte der biblischen Texte ist komplex und nicht nur positiv. Herauszuarbeiten, wie diese Texte auch heute Gutes bewirken können, ist eine Aufgabe für Menschen mit einem langen Atem und göttlicher Berufung.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier.]

ökumenisch Bibel lesen

 

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By Friedrich Meier-Vermeersch (Eigenes Werk) [CC0], via Wikimedia Commons

 

Viele Christen sehnen sich, nach einer innigeren Verbundenheit und größeren Einigkeit in der Christenheit.

 

Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, waren ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete sein Eigentum als privaten Besitz, sondern alles gehörte ihnen gemeinsam.

(Die Bibel, Neues Testament, Die Apostelgeschichte, 4. Kapitel, Vers 32)

 

Die Christenheit hat manchmal ein schlechtes Image, und das liegt u.a. an ihrer Zerstrittenheit. Das Problem ist nicht, dass es verschiedene christliche Traditionen gibt. Das Problem ist, dass sich Christen bewusst von einander abgrenzen.

Im Ortsteil von Berlin, wo ich wohne, gibt es mindestens vier verschiedene christliche Gemeinden, die mehr oder weniger ihr eigenes Ding machen. Der wesentliche Grund dafür ist, dass die Menschen, die dort hingehen, sich einbinden in Traditionen und Strukturen, die sich von einander abgrenzen. „Christliche“ Glaubensbekenntnisse dienen oft dazu, sich von den „falschen Christen“ zu distanzieren.

Ich bin aufgewachsen in einer kleinen exklusiven Freikirche („Gemeinde Christi“), wo manche glaubten, dass sie die einzig wahren Christen sind, weil sie biblischer sind als alle anderen. Ein „unbiblischer Christ“ ist nach dieser Logik gar kein Christ, und man erhält so eine „künstliche“ Einheit von Christen, die alle dieselbe Meinung haben.

 

 »Ich versichere dir«, entgegnete Jesus, »nur wer durch Wasser und durch Gottes Geist neu geboren wird, kann in Gottes Reich kommen! Ein Mensch kann immer nur menschliches Leben hervorbringen. Wer aber durch Gottes Geist geboren wird, bekommt neues Leben.«
(Neues Testament, Johannes-Evangelium 3,5-6)

 

EIN  LEIB

Die Gemeinschaft der Christen, der Leib Jesu (Epheser 4,4), ist nicht etwas, das wir Christen schaffen und verwalten können, sondern sie ist eine neue Schöpfung Gottes. Die biblischen Texte sind etwas Gemeinsames, das uns verbindet. Aber der eigentliche Grund für unsere Verbundenheit ist nicht ein einheitliches Bibelverständnis.

Viele Veränderungen reifen in unserem Kopf heran. Unsere Wahrnehmung und unser Denken verändern sich, und wir haben dann die Chance, dass sich auch unser Verhalten und die Wirklichkeit verändern.

Wir leben in einer Zeit, wo wir besser als je zuvor verstehen, das Alles mit Allem zusammenhängt. Quantenphysik und Ökosysteme sind dazu nur zwei Stichworte. Dieses neue Bewusstsein trifft in besonderer und tiefer Weise auch auf die Christenheit zu. Wir SIND als Christen ein Organismus, und alles, was die Verbundenheit zwischen Christen stört oder sie von einander trennt, beschädigt diesen Organismus.

Wenn alle Christen die Christenheit als Organismus wahrnehmen und denken lernen, besteht die Chance, dass wir auch praktisch im Alltag immer enger und tiefer mit einander verbunden leben.

 

öKuBi

Dies könnte eine niedliche Abkürzung für eine schöne Sache sein: „Ökumenischer Bibelkreis“. Vielleicht an manchen Orten ein erster Schritt zu einer besseren Christenheit.

Mehr als 6.000 Suchergebnisse für „Ökumenischer Bibelkreis“ in meiner Ecosia-Suchmaschine (die, die Bäume pflanzt). Viele solche Gruppen gibt es offensichtlich schon!

Leider habe ich noch keine zentrale Webseite gesehen, wo es mehr Informationen oder Austausch dazu gäbe. – Wäre es nicht toll, wenn alle, die sich dafür interessieren oder über Erfahrungen austauschen möchten, ein Internet-Portal dafür hätten? Wäre das nicht ein sinnvoller Beitrag für die Ökumene im deutschsprachigen Raum? (Vielleicht sogar mehrsprachig?)

Der Begriff erklärt sich fast von selbst. Es geht um Menschen verschiedener christlicher Traditionen (eben „ökumenisch“), die zusammenkommen, um in der  Bibel zu lesen und darüber zu sprechen. Man muss sich nicht darüber streiten, welche Bibelausgabe man benutzen sollte. Jeder nimmt einfach die Bibel, die er/sie gerne liest, und man tauscht sich aus. Vielfalt schafft unterschiedliche Perspektiven und Bereicherung.

Warum machen Menschen so etwas?

Weiß ich nicht. Ich hab noch keinen gefragt. Ich wünschte, ich hätte schon die Zeit gefunden, mir so etwas einmal persönlich anzuschauen. Jede Gruppe ist natürlich immer nur so gut wie die Menschen, die grad da sind. Ökubi’s sind ganz bestimmt nicht alle gleich.

Ein paar Ideen hätte ich schon, warum so etwas sinnvoll sein kann:

Wenn Christen sich immer nur im Rahmen ihrer eigenen Gruppe und Tradition bewegen, ist der Horizont doch stark begegrenzt. „Ökumenisch“ erweitert den Horizont! Anhänger Jesu sollten sich sowieso für einander und das GEMEINSAME interessieren – egal wo und wie sie zum Glauben gefunden haben. So eine „gemischte“ Gruppe erfordert natürlich Respekt für die Tradition und Glaubenserfahrungen des anderen. (Sollte man ja aber eigentlich sowieso haben. Gerade als Christ!)

Ein zweiter Punkt (der offensichtlich mit dem ersten zusammenhängt) ist das Finden des Wesentlichen am christlichen Glauben. Schon zur Zeit Jesu gab es eine Vielzahl von Texten, Traditionen und religiösen Gruppen im Judentum. Jetzt, nach 2000 Jahren Christentum, ist die Fülle an „Christlichem“ schier unüberschaubar. Es ist unbedingt notwendig zu fragen: Was wollte Jesus von Nazareth eigentlich? Und was hat das mit uns heute zu tun?

Ziel kann auch kaum die Ökumene um jeden Preis sein. Selbst wenn es christliche Kirchen schaffen sollten, sich zu vereinigen, ist damit noch nicht garantiert, dass am Ende auch etwas Gutes dabei herausgekommen ist. Wir brauchen unbedingt ein klares Verständnis von dem, was eigentlich „christlich“ ist!

 

GEFAHREN

Es gibt grundsätzliche Probleme bzgl. ökumenischen Bibelkreisen:

  1.   Die Bibel ist ein dickes Buch. Wie entscheidet man, was man liest? Wo fängt man an?
  2.  Der Teufel steckt im Detail. Man kann sich mit biblischen Detailfragen beschäftigen, bis man schwarz wird. Hat da jemand was davon?
  3.  Die Bibel ist eine Sammlung antiker Schriften. Wenn wir die Bibel lesen, blicken wir zurück in eine längst vergangene Zeit. Es geht aber darum, etwas für heute zu lernen. Wenn man den Blick nicht nach vorne richtet, bleibt man im Alten verhaftet.
  4.  Es ist der Geist, der Leben schafft. Texte sind begrenzte Hilfsmittel – auch heilige Texte. Wir brauchen die Öffnung für und das Streben nach den unbegrenzten Möglichkeiten Gottes. Wo der Geist ist, da ist Freiheit.
  5. Bibelstudium ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. (2. Timotheus 3,16-17)
  6.  Es kommt auf die Wirkung an. Gottes Geist hat bestimmte Wirkungen (Galater 5,22-23). Können die Teilnehmer eines Bibelkreises spüren, dass das gemeinsame Bibellesen diese Wirkungen bei ihnen hat? Können die anderen Teilnehmer der Gruppe wahrnehmen, dass der Einzelne sich zum Positiven verändert?
  7.  Es kommt auf die Liebe an (1. Korinther 13). Lieblos ist auch die Bibel für die Katz.

Hat jemand von euch schon persönliche Erfahrungen mit ökumenischen Bibelkreisen?

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Posts. Den älteren Post mit Kommentar findet ihr hier.]

 

Progressive Theologie

 

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Innenansicht eines Stanford-Torus. Gemälde von Donald E. Davis, via Wikimedia Commons – public domain

 

Seit 2017 gibt es die Facebook-Gruppe „Progressive Theologie“ mit inzwischen fast 300 Mitgliedern. – Nicht nur für Theologen!

 

„Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.“

(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschit / Genesis / 1. Mose 19. Kapitel, Vers 26)

 

Theologie ist oft rückwärtsgewandt und beschäftigt sich mit Ideen aus der Vergangenheit. In dieser Gruppe geht es um gute, bessere Theologie für die Zukunft. Mir ist dabei auch ganz wichtig, dass es nicht eine Diskussion zwischen „Experten“ ist, sondern dass die wichtigen theologischen Themen endlich auch mehr in die breite Christenheit hineinkommen.

Theologie wird meist auf Professoren-Schreibtischen gemacht. Dort bringt sie noch nicht viel. Was wir brauchen, ist ein Denken über Gott und ein Reden von Gott, dass für Menschen funktioniert und im Alltag spürbar ist. Kann dies eine Theologie sein, die von Profis dem einfachen Gläubigen verklickert werden muss?

 

So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden …

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(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Jirmejahu / Jeremia, 31,31-34)

 

Schon in den biblischen Texten selbst erkennen wir eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Gott und seinen Menschen. Manche sprechen von einer fortschreitenden Offenbarung. Eine grundlegende Frage in der Christenheit ist, in welchem Umfang sich das Reden von Gott nach dem Abfassen der biblischen Texte noch ändern darf. Das Beantworten dieser Frage ist von entscheidender Bedeutung für das geistliche Leben der Christenheit heute und für das christliche Leben eines jeden einzelnen. Dabei ist zu erwarten, dass verschiedene Christen diese Frage auch unterschiedlich beantworten werden, denn unsere Traditionen sind unterschiedlich und unsere persönlichen Erfahrungen und Rahmenbedingungen auch.

Es gibt schon viele gute Projekte und Webseiten zu Themen wie Bibel, Theologie, christlicher Glaube, Kirche, Religionen, …  Die Beschäftigung mit Vergangenem nimmt bei Religionen notwendigerweise auch einen großen Raum ein, da Überlieferung wichtig ist, damit gute Traditionen nicht abreißen und wichtige Werte nicht verloren gehen.

Gerade in der jüdisch-christlichen Überlieferung begegnet uns allerdings auch eine starke Ausrichtung auf die Zukunft (messianische Erwartungen, Wiederkunft Christi, …). Der Geist Gottes ist eine innovative Kraft. In dieser Facebook-Gruppe soll es darum gehen, wie unsere Überlieferung für die Zukunft fruchtbar sein kann und was wir an Neuem brauchen. Auf der Facebook-Seite der Gruppe findet ihr schon Links zu interessanten Inhalten, Projekten, …

Ich habe beim flüchtigen Googeln keinen einheitlichen Begriff „Progressive Theologie“ gefunden. Er wird z.B. auch für bestimmte islamische Theologie benutzt. Könnt ihr euch erinnern, ob und in welchem Zusammenhang ihr den Begriff schon einmal gehört habt? (Im Englischen gibt auch den Begriff „Progressive Christianity„.)

 

[aktualisiert 12/2018]

 

Der Traum von einem besseren Christentum

 

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Abraham by József Molnár [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Und ich blickte auf, und ich sah ein Meer aus Menschen, die keiner zählen konnte. Menschen aus allen Kirchen und christlichen Organisationen.

Sie waren aufgestanden und haben sich auf den Weg gemacht, ohne den Ort zu kennen, den sie suchen …

 

Dieser Artikel ist kein Aufruf dazu, dass du deine Gruppe verlässt. Es kann zwar sein, dass du dich innerlich schon längst verabschiedet hast und auf der Suche bist. Aber ob und wann der Zeitpunkt zu gehen gekommen ist, musst du selbst entscheiden. Vielleicht ändert sich auch was, und du wirst bleiben?!

Es gibt schon unzählige frustrierte Christen, die allen christlichen Gemeinden und Gruppen den Rücken gekehrt haben und versuchen, allein zurecht zu kommen. Privates Christentum.

 

 

Mit ihm [Jesus] seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.

(Die Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Kolosser, Kapitel 2, Vers 12)

 

Abraham ist ein wichtiger Mensch im Judentum, Christentum und Islam. Deshalb werden diese drei Religionen manchmal auch als die „abrahamitischen“ Religionen bezeichnet.

Paulus bezeichnet Abraham im Brief an die Gemeinde in Rom als „Vater aller, die glauben“ (Römerbrief 4,11). Das Richtige, was Abraham getan hatte, war, Gott zu vertrauen. Auf Gottes Wort hin zog er aus seinem vertrauten Leben in eine nicht-vertraute Zukunft. Abraham war Migrant.

Auch die Männer und Frauen, die sich um Jesus als ihren Lehrer geschart hatten, hatten sich im Vertrauen auf Gott auf einen neuen Weg eingelassen. Und dieselbe Lebenskraft Gottes, welche Jesus aus dem Totenreich zurückgeholt hatte, befähigte seine Anhänger dann zu Pfingsten als Zeugen seiner Auferstehung aufzutreten. Petrus zitiert bei dieser Gelegenheit die alte Schrift des jüdischen Propheten Joel, in der es heißt:

 

… dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus. Männer und Frauen in Israel werden dann zu Propheten. Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume. Über alle, die mir dienen, Männer und Frauen, gieße ich zu jener Zeit meinen Geist aus und sie werden als Propheten reden.

(Neues Testament, Apostelgeschichte, Kapitel 2, Verse 17-18; Joel, Kapitel 3, Verse 1-2)

 

Die ersten Christen hatten durch Jesus eine neue Identität bekommen. Sie waren nicht länger nur Juden, die die Traditionen der Vorväter pflegten, sondern sie waren auch Anhänger des Messias Gottes, Jesus Christus. Sie verstanden sich als Menschen, die unmittelbar von Gottes Geist befähigt werden, Neues zu sehen, von Gott her zu reden und sich von Gott gebrauchen zu lassen.

In der Apostelgeschichte wird für die Nachfolge Jesu auch der Begriff „Weg“ benutzt (Apostelgeschichte, Kapitel 9, Vers 2; Kapitel 19, Vers 23); Nachfolger Jesu wurden als Anhänger „des Weges“ bezeichnet. Sie hatten, wie Abraham, ihre Zelte abgerissen und sich auf einen neuen Weg eingelassen.

Wie innovativ ist das Christentum heute noch? Sind wir inspirierte und von Gottes Geist bewegte Menschen? Vorwärts-gewandt? Unfertig, noch auf dem Weg und lernbereit? Hat christlicher Glaube noch eine kreative Kraft? Oder pflegen wir nur die alten Traditionen unserer Vorfahren und streiten uns über unsere Unterschiede?

Wenn es irgendwo klemmt, liegt es manchmal an mir, manchmal an den anderen und oft an uns allen. Oft wird es keine Veränderung in meinem Leben geben, wenn ich nicht bereit bin, mich selbst zu ändern. Ich kann andererseits Veränderung aber auch nicht alleine leben. Wir brauchen einander, so wie sich unsere Körperteile gegenseitig brauchen und ergänzen. – Leib Jesu.

Viele neue Kirchen oder christliche Projekte sind nach einer Weile wieder verschwunden oder haben ihre Kraft verloren. Ich vermute, dass dabei zwei Dinge eine entscheidende Rolle gespielt haben:

  1. Wir kommen nicht klar mit unseren Unterschieden.
  2. Wir verlieren die Verbindung zu einander. Ein Teil geht voran, während zu viele zurück bleiben.

Vor einer Weile bin ich auf ein Buch aufmerksam geworden, dass wahrscheinlich nach der Bibel das wichtigste Buch in meinem Leben sein wird: „Gott 9.0„. (Und ich habe schon viele Bücher gelesen…)  Ich stimme zwar nicht mit allem überein, aber habe durch das Buch entscheidende Klarheit über unsere Unterschiede und mein eigenes geistliches Wachstum bekommen. Nach dem Lesen werden die meisten sicherlich auch die Geschichte und die gegenwärtige Situation der Menschheit in einem anderen Licht sehen.

In christlichen Kirchen und Gruppen geht es noch zu viel um die richtige Theorie und man macht sich zu wenig Gedanken über die Praxis. Wenn es uns gelänge, eine Kultur des Aufeinander-achtens zu etablieren, bei der sich Menschen nicht bedrängt oder in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen, dann würden auch nicht so leicht Menschen zurückfallen.

Verbindung hat auch mit Verbindlichkeit zu tun. Verbindliches gemeinsames Leben, Beten, Arbeiten, Anbeten, …  – Ein geduldiges und hartnäckiges Warten auf das Wirken Gottes.

 

… »Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!«

(Altes Testament / Tanach, Bereschit / Genesis / 1. Mose 32,27)