Deine Bibel, meine Bibel – Über das willkürliche Deuten biblischer Texte

 

Gott ist kein Schriftsteller

 

Übersicht

1.  Wozu Bibel lesen?

2.  Bibel „verstehen“ oder „deuten“?

3.  Vorstellungen von der Bibel

4.  Über den Umgang mit heiligen Texten

5.  Die Stimme Gottes im Herzen des Menschen

 


 

1.  Wozu Bibel lesen?

Es gibt viele unterschiedliche Gründe, weshalb Menschen zur Bibel greifen. Was dabei am Ende herauskommt, hängt davon ab, was Menschen antreibt.

 

„Bittet Gott, und er wird euch geben! Sucht, und ihr werdet finden! Klopft an, und euch wird die Tür geöffnet!“

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(Jesus in der Bergpredigt; Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 7. Kapitel, Vers 7)

 


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2.  Bibel „verstehen“ oder „deuten“?

Über das willkürliche Deuten biblischer Texte

 

Die beiden deutschen Worte „verstehen“ und „deuten“ sind in ihrer Bedeutung nicht identisch. Das Wort „verstehen“ suggeriert ein eher passives Erkennen des Sinns oder einer Absicht, wobei ein „richtiges Verstehen“ meist implizit ist („ich verstehe dich“); während das Wort „deuten“ ein aktiveres Herstellen eines Sinnes bezeichnet, bei dem die Subjektivität und mögliche Fehlerhaftigkeit in der Bedeutung mitschwingt.

 

„Denn was wir erkennen, ist immer nur ein Teil des Ganzen …“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth; Neues Testament; 13,9)

 

Willkür

“ Willkürliches  Deuten.“ – Klingt irgendwie nicht so gut. – Was soll bei Willkür schon Gutes herauskommen? – Wer Willkür am eigenen Leib erfahren hat, wird wohl eher einen weiten Bogen darum machen.

 

„Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“

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(Johann Jakob Wilhelm Heinse)

 

„Ganzheitliches Bibelverständnis“

Dies war der ursprüngliche Titel der ersten Version dieses Artikels, welcher übrigens der allererste Artikel meines Blogs war. Ihr findet ihn schnell, wenn ihr „Ganzheitliches Bibelverständnis“ in eine Suchmaschine eingebt. (Der Ausdruck „Ganzheitliches Bibelverständnis“ scheint wohl nicht so gebräuchlich zu sein. Ich mag ihn allerdings immer noch.)

Ich würde den ursprünglichen Artikel heute nicht mehr so formulieren. Deswegen also nun hier: die zweite Version  🙂

 

„Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.

Dieses Ziel haben jene Leute aus den Augen verloren, und daher ist alles, was sie von sich geben, leeres Gerede.  Sie wollen Lehrer des Gesetzes sein, das Gott durch Mose gegeben hat, und dabei verstehen sie nichts von dem, wovon sie reden und worüber sie solche selbstsicheren Behauptungen aufstellen.“

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(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,5)

 

„Bibelverständnis“

Warum ist dieser Begriff problematisch? – Weil er suggeriert, dass man biblische Texte „richtig verstehen“ kann. Ich glaube zwar auch, dass es biblische Texte gibt, die man richtig verstehen kann; aber das Problem liegt darin, dass Juden und Christen schon sehr viel Zeit und Kraft damit verbracht haben, sich über das „richtige Verständnis“ biblischer Texte streiten.

Wie kann man denn überprüfen, ob man einen Text richtig verstanden hat? – Wir können die Menschen, welche die Texte aufgeschrieben haben, ja nicht mehr fragen. Und wenn wir Gott fragen … was würde er wohl antworten?

 

 

Der erste Artikel meines Blogs

Der erste Artikel meines Blogs (also die erste Version dieses Artikels) basierte auf einer E-Mail, die ich Wolfgang Nestvogel als Anfrage an sein Bibelverständnis geschrieben hatte, nachdem ich einen Vortrag von ihm gehört hatte. – Leider habe ich nie eine Antwort bekommen, und wir haben uns nie über sein Bibelverständnis austauschen können.

Wolfgang Nestvogel ist Rektor der Akademie für Reformatorische Theologie (ART) und Pastor der Bekennenden Evangelischen Gemeinde (BEG) Hannover (Quelle: wolfgang-nestvogel.de).

Tja, wir alle glauben halt, was wir glauben wollen …

 

„… niemals wurde eine Prophetie durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Auftrag Gottes geredet.“

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(Zweiter Petrusbrief; Neues Testament; 1,21)

 

will-kür-lich

Wenn wir einen Text lesen (was schon einmal voraussetzt, dass wir die Sprache verstehen), dann versuchen wir un-willkürlich – sozusagen vollautomatisch – ihn zu deuten. Es gibt gar kein Verstehen ohne Interpretation. Wir merken das, wenn wir z.B. eine Gebrauchsanweisung oder juristisches Kleingedrucktes lesen, wo wir zwar die einzelnen Worte eigentlich kennen, aber es trotzdem für uns keinen Sinn ergibt.

In „will-kür-lich“ steckt das Wort „Wille“. Wir  wollen ,  dass die Worte für uns Sinn machen. Unser Verstand ist dafür gemacht, Sinnzusammenhänge herzustellen. Dadurch ist es uns möglich zu lernen. – Wenn wir etwas falsch gedeutet haben, können wir die Deutung korrigieren. Wenn wir jedoch gar keinen Sinn erkennen können, geht das Gelesene höchstwahrscheinlich wieder verloren, weil es sich mit keiner Bedeutung in unserem Leben verbinden kann. Es bleibt nichts hängen.

 

„Wenn jemand die Botschaft vom Himmelreich hört und nicht versteht, ist es wie mit der Saat, die auf den Weg fällt. Der Böse kommt und raubt, was ins Herz dieses Menschen gesät worden ist.“

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(Jesus im Matthäus-Evangelium 13,19)

 

„ganzheitlich“

Es geht mir um einen gesunden Umgang mit den biblischen Texten, der möglichst viele Aspekte berücksichtigt, uns selbst positiv verändert und auch keine (oder möglichst wenig) unerwünschte Nebenwirkungen hat. Ein Umgang, der die Bibel für uns selbst und die Menschen unserer Zeit wertvoller macht.

Dies wollen im Grunde wahrscheinlich irgendwie die meisten Bibelleser. Aber wie können wir die Wirkungen überprüfen? Besteht überhaupt die Gefahr, dass Bibellesen unerwünschte Nebenwirkungen hat? Kann man zu viel in der Bibel lesen? Die Bedeutung der Bibel überschätzen?

 

„…alles, was in der Schrift steht, ist von Gottes Geist eingegeben, und dementsprechend groß ist auch der Nutzen der Schrift: Sie unterrichtet in der Wahrheit, deckt Schuld auf, bringt auf den richtigen Weg und erzieht zu einem Leben nach Gottes Willen.

So ist also der, der Gott gehört und ihm dient, mit Hilfe der Schrift allen Anforderungen gewachsen; er ist durch sie dafür ausgerüstet, alles zu tun, was gut und richtig ist.“

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(Paulus in seinem zweiten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 3,16-17)

 

schwarz-weiß

Schwarz-Weiß-Denken ist so schön einfach. Das macht es auch so attraktiv. Es ist so praktisch. Nicht unbedingt immer leicht anzuwenden, aber es gibt immer eine eindeutige Orientierung: Klare Ansagen und eine bestimmte Richtung …

Aber unser Leben hat nicht nur viele Grau-Stufen. Leben ist bunt. Wild. Nicht in den Griff zu kriegen …

Schwarze Buchstaben auf weißem Grund. Der Versuch Bedeutendes ans vergängliche Papier zu heften.

Als Christen glauben wir ja eigentlich, dass Gott sich am besten nicht in heiligen Texten, sondern in einem Menschen aus Fleisch und Blut offenbart hat: Dem Juden Jesus aus Nazareth in Galiläa, geboren in Bethlehem zur Zeit der römischen Besatzung, noch vor der Zerstörung des jüdischen Tempels in Jerusalem und der Auslöschung jüdischen gesellschaftlichen Lebens in Palästina im zweiten Jahrhundert nach Christus.

 

„Ihr selbst seid unser Empfehlungsbrief, geschrieben in unsere Herzen, ein Brief, der allen Menschen zugänglich ist und den alle lesen können. Ja, es ist offensichtlich, dass ihr ein Brief seid, den Christus selbst verfasst hat und der durch unseren Dienst zustande gekommen ist.

Er ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, und die Tafeln, auf denen er steht, sind nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut; es sind die Herzen von Menschen.“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 3,2-3)

 

menschlich – göttlich

Wenn fromme Menschen heilige Texte lesen, tun sie dies im Glauben, dass es nicht nur Worte von Menschen sind, sondern dass Gott selbst hier spricht. Es ist diese Doppelnatur heiliger Texte, die sie so kraftvoll sein lassen. Menschlich. Göttlich. Schwierig und gefährlich und nicht in den Griff zu kriegen …

Mich erinnert dies an die uralten Diskussionen und Spekulationen über die Natur von Jesus … – all die christologischen Streitereien. So alt wie das Christentum selbst. Die Doppel-Natur von Jesus. – Gott. Mensch. Nicht in den Griff zu kriegen …

 

„Es geht mir darum, dass ihr gestärkt und ermutigt werdet und dass ihr in Liebe zusammenhaltet. Dann werdet ihr eine tiefe und umfassende Erkenntnis erlangen, ein immer größeres Verständnis für das Geheimnis Gottes.
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Christus selbst ist dieses Geheimnis; in ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen. Ich sage das, damit euch niemand mit kluger Überredungskunst auf einen falschen Weg führt.“
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(Kolosserbrief; Neues Testament; 2,2-4)

 

„ganzheitlich“ oder „homogen“

Das Wort „ganzheitlich“ hier bitte nicht mit „homogen“ verwechseln. Ich behaupte nicht, dass die Bibel einen „homogenen“ Inhalt besitzt und widerspruchsfrei wäre. (Eher glaube ich das Gegenteil.)

Auch gegenüber einem „homogenen“, einheitlichen Bibelverständnis bin ich skeptisch. Bei der Vielfalt all der Texte und Autoren … – sollte es da wirklich eine  Auslegungsmethode geben, die für alle passt?

 

„Viele Male und auf verschiedenste Weise sprach Gott in der Vergangenheit durch die Propheten zu unseren Vorfahren. Jetzt aber, am Ende der Zeit, hat er durch seinen Sohn zu uns gesprochen …“
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(Brief an die Hebräer; Neues Testament; 1,1-2)

 

„Bibelverständnis“

Das Thema an sich ist riesig. Ich möchte das mal in meinem Kopf sortieren in die Bereiche „die Vorstellung, die ich von der Bibel habe“ und „wie ich mit ihr umgehe“. – Die beiden Aspekte hängen natürlich zusammen und beeinflussen sich wechselseitig.

Dazu fallen mir dann auch noch Fragen ein, wie:

 

Warum beschäftigst du dich eigentlich mit der Bibel?

Hat sich das bis jetzt für dich gelohnt? Bringt dir das was? Was genau?

Was wünschst du dir von der Bibel?

 

Ich hab mir die Fragen auch selbst grad gestellt, und war überrascht …

 

„Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“

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(aus der „Glaubensbasis der Evangelischen Allianz vom 2. September 1846, überarbeitet 2018„)

 


 

3.  Vorstellungen von der Bibel

Dekonstruktion eines Ideals: Sind die biblischen Texte Gottes Worte an dich heute?

 

„Bibel = Wort Gottes?“

„Die Bibel ist das Wort Gottes.“ – Eine Aussage, die man immer noch hört. (Interessant, dass es bei der Glaubensbasis der Ev. Allianz nicht so formuliert worden ist.) – Aber wer dürfte so etwas eigentlich behaupten?

Glaubst du das?

Falls ja, bist du selbst durch das Studium der Texte zu dieser Erkenntnis gelangt oder haben es dir andere über die Bibel gesagt?

Das meiste, was über die Bibel gesagt wird und gesagt worden ist, wird von Menschen gesagt, die keine theologische Ausbildung besitzen, Übersetzungen benutzen und kaum Kenntnisse von Textkritik und der Entstehung der Bibel besitzen.

 

„Wenn ich in Sprachen rede, die von Gott eingegeben sind – in irdischen Sprachen und sogar in der Sprache der Engel – , aber keine Liebe habe, bin ich nichts weiter als ein dröhnender Gong oder eine lärmende Pauke.“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 13,1)

 

„Das Wort Gottes“

Dies ist eigentlich ein symbolischer Ausdruck. – Wir kennen Worte nur als Bestandteile menschlicher Sprache.

Welche Sprache spricht Gott? Keine? Alle? Hat Gott eine Muttersprache?

Paulus erwähnt im eben zitierten Vers im ersten Brief an die Christen in Korinth die Sprache von Engeln. Aber ich kenne eigentlich nur menschliche Sprache.

 

„‚Ihr Männer, liebe Brüder und Väter, hört mir zu, wenn ich mich jetzt vor euch verantworte.‘
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Als sie aber hörten, dass er auf Hebräisch zu ihnen redete, wurden sie noch stiller …“
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(Paulus in der Apostelgeschichte; Neues Testament; 22,1-2)

 

Heilige Sprachen

Von der Religionsgeschichte her kennen wir das Phänomen, dass manchmal Sprachen als „heilig“ betrachtet werden – z.B. das Hebräische im Judentum oder das Arabische des Koran im Islam. Dahinter steht die Überzeugung, dass Gott sich sprachlich offenbart hat, und das Bewusstsein, dass jede Sprache eine, ihr eigene, Natur besitzt, welche sie von anderen Sprachen unterscheidet.

Wenn Gott eine Sprache erwählt hat, um sich durch sie zu offenbaren, wird diese dadurch heilig. Nicht alle Juden fanden es z.B. so toll, dass ihre heiligen Schriften ins Griechische übersetzt worden waren (Septuaginta), und die Übersetzung des Koran in andere Sprachen ist auch für manche Muslime ein heikles Thema.

Natürliche Sprachen sind lebendig und verändern sich. Gott aber verändert sich nicht. (Oder doch?) – Kann es überhaupt eine heilige Sprache geben? – Beim Hebräischen sehen wir in der Geschichte, wie es über Jahrhunderte zu einer liturgischen Sprache erstarrt gewesen war, bevor es dann in der Neuzeit wiederbelebt wurde. (Wobei das moderne Ivrit nicht mit Biblischen Hebräisch identisch ist.)

Interessant ist, dass im Christentum meines Wissens „heilige Sprache“ nie so richtig ein Thema war. Vielleicht liegt das daran, dass unsere Bibel ja ursprünglich in mehreren Sprachen (Hebräisch, Aramäisch, Griechisch) geschrieben worden ist.

Sind vielleicht irgendwie alle Sprachen heilig? Offenbart sich Gott in den Worten, die Menschen einander sagen und die von Generation an Generation weitergegeben werden? Offenbart er sich vielleicht gerade auch in der lebendigen Veränderung von Sprache?

Im biblischen Narrativ ist die Entstehung von Sprachen ein Schöpfungsakt Gottes:

 

„… Wir werden hinuntersteigen und dafür sorgen, dass sie alle in verschiedenen Sprachen reden. Dann wird keiner mehr den anderen verstehen!“

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose 11,7)

 

Kommunikation

Ich bin überzeugt, dass viel zu viel Fromme nicht genug darüber nachdenken, was Kommunikation eigentlich ist, und wie sie funktioniert. – Müsste jemandem, dem die Veränderung von lebendigen Sprachen bewusst ist, es nicht eigenartig und problematisch erscheinen, dass Gott sich in einem Text für alle Menschen aller Zeiten offenbart?

Während ich diese Zeilen schreibe, merke ich ständig, wie schwierig es ist, genau das auszudrücken, was ich sagen will. Es soll ja auch nicht missverstanden werden können. – Wer schreibt, will verstanden werden. – Wir alle kennen das vom SMS- und Briefe-Schreiben. Man möchte nicht zu viele Worte machen, aber auch nicht etwas so verkürzen, dass es missverständlich ist. Jeder, der es gewöhnt ist, öffentlich zu sprechen, oder wer regelmäßig Texte verfasst, dem ist diese Spannung vertraut.

Was man mit Worten ausdrücken kann, ist auch so begrenzt. Wir hätten oft so viel zu sagen … so große Gefühle … tiefe Gedanken …

 

Ich habe noch so vieles auf dem Herzen, aber das möchte ich euch lieber persönlich sagen und nicht schreiben …“

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(Johannes‘ zweiter Brief; Neues Testament; Vers 12)

 

Wer kann die Bibel lesen, wie ein antiker Gläubiger?

Niemand, weltweit, beherrscht die biblischen Sprachen auf muttersprachlichen Niveau. Und diese Situation ist nicht neu. Es war schon immer so, seitdem Bibeln produziert worden sind. – Verlage suchen für Übersetzungen Menschen, welche die jeweiligen Sprachen auf muttersprachlichen Niveau beherrschen. Für Bibel-Übersetzungen kann es solche kompetenten Leute naturgemäß leider einfach nicht geben.

Wer in der Lage ist, zwei Sprachen auf (annähernd) muttersprachlichem Niveau zu sprechen und Bücher im Original und Übersetzung vergleichen kann, der weiß genau, dass eine Übersetzung immer eine Reduzierung bzw. Veränderung des ursprünglichen Inhalts ist. In Bezug auf Bibel-Übersetzungen müsste man hier eigentlich ins Nachdenken kommen – gerade bei so schwer greifbaren Themen wie „Glaube“, „Geist“ und „Frömmigkeit“.

Wir müssen auch davon ausgehen, dass nicht alle Verfasser der biblischen Texte die jeweiligen Sprachen, die sie benutzten, auf muttersprachlichen Niveau beherrscht haben. Das Griechisch, das in der Offenbarung benutzt wird, soll z.B. etwas eigenartig sein. – Konnte der Verfasser kein besseres Griechisch oder hat er den Text absichtlich so geschrieben? – Schwer zu sagen …

Übrigens sprach Jesus mit ziemlicher Sicherheit Aramäisch. Die Evangelien sind aber alle in Griechisch.

 

„Fassungslos hörte jeder die Jünger in seiner eigenen Sprache reden.

‚Wie ist das möglich?‘, riefen sie außer sich. ‚Alle diese Leute sind doch aus Galiläa, und nun hören wir sie in unserer Muttersprache reden …'“

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(Apostelgeschichte 2,6-8)

 

Die Bibel im Original lesen?

Pech gehabt. Die Originale der biblischen Texte haben wir leider nicht mehr. Ist bei antiken Texten eigentlich auch nichts Ungewöhnliches. Von den allermeisten Texten wird allerdings auch nicht angenommen, dass sie heilig sind.

 

„… Wer diesen Worten etwas hinzufügt, dem wird Gott all das Unheil zufügen, das in diesem Buch beschrieben wurde. Und wer etwas von diesen prophetischen Worten wegnimmt, dem wird Gott auch seinen Anteil am Baum des Lebens und an der Heiligen Stadt wegnehmen, die in diesem Buch beschrieben sind.“

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(Offenbarung von Johannes; Neues Testament; 22,18-19)

 

Wie gut sind die Rekonstruktionsversuche?

Schwer zu sagen … – Meines Wissens ist es bisher noch nicht gelungen einen soliden Rekonstruktionsvorschlag für alle Texte herzustellen, weil der zeitliche Abstand zwischen den Handschriften und Originalen zum Teil ziemlich groß ist, und der Zustand relevanter Handschriften teilweise kaum eine eindeutige Rekonstruktion zulassen. In den Bibelübersetzungen sind diese Probleme in der Regel natürlich – das Lesen soll ja einigermaßen „Spaß“ machen – nicht mehr zu erkennen.

 

„Bei Karpus in Troas ließ ich meinen Mantel zurück. Bring ihn mit, wenn du kommst, und ebenso die Buchrollen, vor allem die Pergamente.“

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(Paulus im zweiten Brief an Timotheus 4,13)

 

Gibt es in der Christenheit überhaupt eine einheitliche Bibel?

Weder das Alte noch das Neue Testament ist zu einem bestimmten Zeitpunkt vom Himmel gefallen, sondern sie sind beide über einen längeren Zeitpunkt entstanden, und die Diskussion über den biblischen Kanon, also die Frage, welche Schriften zur Bibel gehören sollen, hat nie aufgehört. – Diese Aussage ist natürlich abhängig davon, wen man als Christ akzeptiert. Wenn man nur die Gläubigen als Christen anerkennt, welche dieselbe Bibel benutzen, hat man hier keine Probleme.

Wann wurde überhaupt die allererste Bibel hergestellt?

Es geht beim Problem des Kanons hauptsächlich um die Frage der Kanonisierung der alttestamentlichen Texte, also quasi um die Kanonisierung der jüdischen Bibel. – Gab es aber im Judentum überhaupt jemals ein dem evangelikalen Fundamentalismus entsprechendes Bibelverständnis? Und wenn ja, wann? Und wer hat es vertreten? – Mir ist so etwas jedenfalls noch nicht begegnet – außer bei den sogenannten „messianischen Juden“, die das vom Christentum übernommen haben.

Auffällig ist, dass Juden Unterschiede zwischen ihren heiligen Texten machen. Am heiligsten ist die Tora.

Meines Wissens war auch der Kanon der jüdischen Bibel zur Zeit der ersten Christen noch gar nicht abgeschlossen. Juden benutzten damals ja Schriftrollen – und nicht  ein  dickes Buch.

Das Wort „Bibel“ kommt in der Bibel selbst natürlich nicht vor. Die Bibel als „feste“ Sammlung entstand ja erst Jahrhunderte, nachdem der letzte biblische Text verfasst worden war.

 

„… weil du der Stimme von JHWH, deines Gottes, gehorchst und hältst seine Gebote und Rechte, die geschrieben stehen im Buch dieses Gesetzes …

Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor, den Tod und das Böse … dass du … wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst …“

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(Bibel / Tanach / Altes Testament; Devarim / Deuteronomium / 5. Mose 30,10-15)

 

„Freeze!“

Jeder biblische Vers ist zu einem festen Zeitpunkt in der Geschichte unter ganz bestimmten sprachlichen und außersprachlichen Rahmenbedingungen in einer festen Form erstarrt und wurde von dem Zeitpunkt an – mehr oder weniger gut – bis heute überliefert. In der Regel lässt sich dieser Zeitpunkt noch nicht einmal genau datieren.

Deshalb ist wissenschaftliche Bibelauslegung und Bibelübersetzung nichts für Anfänger; denn dabei geht es – unter Verwendung aller zur Verfügung stehenden Mittel – um das Ausloten des Deutungs-Raumes eines Textes. (Schon die Rekonstruktion des Deutungs-Raums der einzelnen altsprachlichen Worte ist nicht einfach – wie Altsprachler wissen.)

Selbst alle „Urtext-Varianten“ des biblischen Textes sind nur Rekonstruktionsversuche, da die historischen Handschriften der biblischen Texte leider nicht in allem übereinstimmen. – Wenn es anders wäre, bräuchte man keine Textkritik.

 

„Von oben kommen nur gute Gaben und nur vollkommene Geschenke; sie kommen vom Schöpfer der Gestirne, der sich nicht ändert und bei dem es keinen Wechsel von Licht zu Finsternis gibt.“

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(Brief von Jakobus; Neues Testament; 1,17)

 

Kontext, Kontext, Kontext

Sprache ist  immer  untrennbar mit einem konkreten, zeitlichen kulturellen Kontext verbunden. Jeder, der schon einmal versucht hat, eine Fremdsprache zu lernen, kann das verstehen. Eine Sprache zu lernen, bedeutet, auch eine Kultur zu lernen.

Manche Worte beschreiben grundlegende menschliche Erfahrungen, wie Atmen, Essen, Laufen, usw. – aber selbst da gibt es Nuancen (tief/flach atmen, schnell/langsam laufen/gehen/rennen …). Andere Worte haben einen sehr spezifischen Kontext, wie z. B. Passah, Abendmahl, Weihnachten, …

Sprache ist grundsätzlich der Veränderung in der Zeit unterworfen, was man sofort merkt, wenn man Luther im Original liest, oder wenn man an die Bedeutung von Worten wie „toll“ oder „geil“ denkt. (Wenn man älter wird, merkt man immer mehr, wie sich die eigene Muttersprache verändert.)

In den religiösen Schriften wird nun der Text durch die Tradition konserviert, aber löst sich zunehmend von dem historischen und sprachlichen Kontext. Es wird zunehmend schwieriger den Text richtig zu interpretieren, da sich Kultur und Sprache des Lesers verändern und Wissen um Anlass und Zusammenhänge des Verfassens der Texte immer mehr abnimmt. Die Gefahr von Missverständnissen steigt.

Um einen Text richtig zu interpretieren, muss man versuchen, den ursprünglichen Kontext zu rekonstruieren. Inwieweit einem das jeweils gelungen ist, kann man kaum überprüfen. – Je fremder einem Leser der ursprüngliche historische Kontext ist, desto schwieriger wird es zu verstehen, was der Verfasser mit dem Text bezwecken wollte.

 

„… wer Freude hat am Gesetz von JHWH und darüber nachdenkt – Tag und Nacht.“

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(Erster Psalm, Vers 2)

 

Die Bibel, ein vollkommenes, fehlerfreies Buch? Eine zuverlässige Quelle der Wahrheit?

Dies dürfte jemand eigentlich nur behaupten, wenn er dies persönlich Text für Text und Vers für Vers überprüft hat. Aber wie sollte so etwas funktionieren? Wir haben ja noch nicht einmal die Originale?

Und was ist mit Wahrheit gemeint? Müssen alle Details einer Erzählung historisch korrekt sein?

Wie wollen wir die Historizität einer biblischen Aussage überprüfen, wenn es dazu gar keine anderen historischen Quellen gibt?

Die Korrektheit historischer Dokumente ist ja auch nicht nur ein theologisches Thema und ist auch immer relativ zum wissenschaftlichen Standpunkt des Historikers. – Und auch „wissenschaftliche Erkenntnis“ verändert sich …

Und wie wollte man als kleiner Mensch die Korrektheit von Aussagen über die Schöpfung oder Gott selbst beurteilen? – Die Frage nach der Wahrheit der Bibel führt ganz tief hinein in grundlegende erkenntnistheoretische philosophische und religiöse Fragen. Wer versucht, sich an diesen Fragen vorbei zu schummeln, leistet sich selbst und anderen einen schlechten Dienst.

Und  selbst wenn  wir sicher sein könnten, dass unsere Bibeln fehlerfrei wären und absolute, göttliche Autorität besäßen, welche praktische Bedeutung hätte dies, wenn wir nicht überprüfen können, ob wir einen Text richtig verstanden haben?

Ist der Glaube an eine vollkommene Bibel nicht nur ein persönliches Glaubensbekenntnis und ein frommer Wunsch mancher Christen, weil wir Menschen so gerne etwas Zuverlässiges haben, an das wir uns klammern und über das wir verfügen können?

Selbst der Apostel Petrus, einer der 12 Jünger von Jesus, soll ja schon vor fast 2000 Jahren geschrieben haben, dass Paulus schwer zu verstehen ist. – Wie können wir da heutzutage sicher sein, dass wir einen Text richtig verstanden haben? Und ist so ein rechthaberischer Umgang mit der Bibel überhaupt sinnvoll und gut?

 

„… Es gibt in ihnen [den Briefen von Paulus] allerdings einige schwierige Stellen. Die werden von unverständigen Leuten missdeutet, die im Glauben nicht gefestigt sind. Aber so verfahren diese Leute ja auch mit den übrigen Heiligen Schriften. Sie verurteilen sich damit selbst zum Untergang.“

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(Zweiter Petrusbrief 3,16)

 

„Ich präsentiere Ihnen: Das WORT GOTTES“

Wie kann ein Mensch Texte, die offensichtlich auch von Menschen geschrieben worden sind und deren Rekonstruktion und Übersetzung von Menschen gemacht worden sind, als „Wort Gottes“ präsentieren? Ist das nicht immer auch ein Anspruch auf Deutungshoheit und Anmaßung göttlicher Autorität für menschliche Interpretationen, Überzeugungen und Meinungen?

Auch das Hören und Lesen biblischer Texte ist immer schon ein Interpretationsvorgang. – Der Sinn von Worten entsteht immer erst durch den Zusammenhang. – Wie groß ist da die Gefahr, dass man anstatt das Reden Gottes aus einem biblischen Text zu hören, doch nur seine eigenen Gedanken hört und sie mit der Stimme Gottes verwechselt?

Die Überzeugung, dass Gott durch heilige Texte zu mir redet, und was er mir durch sie sagt, ist immer auch eine Glaubensentscheidung, die ich dann besser auch vor mir selbst und anderen vertreten kann.

 

„… Es sollten sich nicht so viele in der Gemeinde um die Aufgabe drängen, andere im Glauben zu unterweisen. Denn ihr wisst ja: Wir, die andere lehren, werden von Gott einmal nach besonders strengen Maßstäben beurteilt.“

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(Jakobusbrief; Neues Testament; 3,1)

 

Gott ist kein Schriftsteller

Ganz offensichtlich erheben die meisten Texte in der Bibel gar nicht den Anspruch, dass Gott sie geschrieben oder gesprochen hat. Und bezüglich der Bibelverse, wo der Schreiber sagt „Gott hat gesagt“, können wir ihn leider nicht mehr fragen, was genau er denn damit meint und wie das zustande kam. – Ich kenne persönlich niemanden, der behauptet, dass Gott zu ihm direkt gesprochen hat, und wenn ich mal jemand treffen sollte, würde ich mich wahrscheinlich fragen, was es denn damit auf sich hat.

Die Entstehung vieler biblischen Texte liegt im Dunkel, und wir können oft nur vom Text selbst her versuchen zu rekonstruieren, wer, wann genau, warum, etc. etwas geschrieben hat. Das ist die Aufgabe von Theologen; und die sind oft auch nicht einer Meinung.

Die antike Welt war eine andere als unsere heutige. Die Kulturen waren selbstverständlich polytheistisch geprägt und vor diesem Hintergrund, mit Göttern, Halb-Göttern, Mythen, Orakeln, Ritualen, etc., erzählten Juden und Christen von dem  einen  Gott und der Rettung der Menschheit. – Musste ein Reden von Gott damals nicht notwendigerweise anders sein als heute? Worum geht es beim Leben mit Gott eigentlich?

 

„Gott ist Liebe, und die in der Liebe bleiben, bleiben in Gott, und Gott in ihnen.“

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(Erster Brief von Johannes 4,16b)

 

Jesus war kein Schriftsteller!

Wir glauben an Jesus, aber wir haben keinen einzigen Satz, den Jesus selbst aufgeschrieben hat. Obwohl viele Christen über Jesus reden oder schreiben, habe ich noch nie gehört, dass sich jemand über diese erstaunliche Tatsache Gedanken gemacht hat.

 

“ … der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 3,6)

 

Probe am Exempel: Paulus erster Brief an die Christen in Korinth

Beispiele sind eine tolle Methode, Dinge zu erklären und ein Gefühl für Themen zu bekommen.

 

„Bei euch bringt es doch tatsächlich jemand fertig, seinen Streit mit einem anderen Gemeindeglied vor einem weltlichen Gericht auszutragen, statt die Sache von denen entscheiden zu lassen, die zu Gottes heiligem Volk gehören!“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 6,1)

 

Manche sagen mit Verweis auf diesen Vers, dass es uns als Christen verboten ist, gegen andere Christen vor Gericht zu ziehen. Das klingt für mich wie ein Verweis auf einen Gesetzestext. Der Text ist aber nicht aus der Tora oder einem anderen biblischen Gesetzestext, sondern aus einem Brief. – Ich finde Paulus‘ Standpunkt auch gut und würde mich dem vom Grundsatz her anschließen. Aber wie kommt jemand darauf, dass diese Worte wörtlich Worte Gottes sind und ein Christ sich deswegen daran halten muss? Nur weil sie in der Bibel stehen?

 

„Nun zu eurer Anfrage im Hinblick auf die, die noch unverheiratet sind. Ich habe diesbezüglich keine ausdrückliche Anweisung vom Herrn; aber weil der Herr mir sein Erbarmen erwiesen und mich in seinen Dienst gestellt hat, könnt ihr meinem Urteil vertrauen …

 Eins ist sicher, Geschwister: Es geht immer schneller dem Ende zu. Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt, beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt …

Wenigstens ist das meine Meinung, und ich denke, dass auch ich den Geist Gottes habe.“

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(7,25-40)

 

Laut Paulus‘ eigener Aussage sind doch mindestens diese 16 Verse nicht Gottes-, sondern Menschen-Wort! Er beruft sich vorsichtig auf eine gewisse Autorität, eine gewisse Inspiration, aber macht gleichzeitig deutlich, dass er diese Anweisungen  NICHT  direkt von Gott oder Jesus bekommen hat.

Jetzt könnte man natürlich sagen:

„Auch diese 16 Verse sind Gottes Wort – Paulus hat das nur nicht gewusst.“

Oder man könnte sagen:

„Die Bibel ist überall da Gottes Wort, wo nicht ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es nicht Gottes Wort ist.“

Aber werden solch eigenartige Gedankenspiele wirklich der Natur der Texte gerecht? Tragen wir hier nicht ganz offensichtlich unsere eigenen Vorstellungen an die Bibel heran und machen sie uns so zu recht, wie wir sie haben wollen?

 

„Was ich verkünde, ist nicht meine eigene Lehre; es ist die Lehre dessen, der mich gesandt hat. Wenn jemand bereit ist, Gottes Willen zu erfüllen, wird er erkennen, ob das, was ich lehre, von Gott ist oder ob ich aus mir selbst heraus rede.“
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(Jesus im Johannes-Evangelium 7,17)

 

Heilige Texte im Vergleich:  Die Bibel und der Koran

Für mich war es sehr hilfreich die Bibel mit dem Koran zu vergleichen.

Manche Christen gehen mit der Bibel um, wie manche Muslime mit ihrem Koran umgehen. Es gibt aber deutliche Unterschiede im Charakter der beiden Bücher und in ihrer Entstehung.

Bei Wikipedia heißt es:

 

„Ein wichtiges Kennzeichen des Korans ist seine Selbstreferentialität. Das bedeutet, dass der Koran sich an vielen Stellen selbst thematisiert.“

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(Wikipedia)

 

In der Bibel finden wir dies so nicht, und können es so auch gar nicht finden, weil die Bibel anders entstanden ist. Die erste Bibel wurde erst Jahrhunderte nach dem Abfassen des letzten neutestamentlichen Textes gemacht. Deshalb gibt es keinen Bibelvers, der die Bibel selbst zum Thema hat.

Wir finden in der Bibel auch  keine einzige  Verheißung oder Andeutung, dass es einmal ein solches heiliges Buch wie die Bibel geben wird!!

Stattdessen lesen wir in der Bibel Verse wie diese:

 

„… Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
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Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: ‚Erkenne den HERRN‘, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß“

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Jeremia 31,33-34)

 

„Denkt daran: Der Heilige Geist, mit dem Christus euch gesalbt hat, ist in euch und bleibt in euch. Deshalb seid ihr nicht darauf angewiesen, dass euch jemand belehrt.

Nein, der Geist Gottes, mit dem ihr ausgerüstet seid, gibt euch über alles Aufschluss, und was er euch lehrt, ist wahr und keine Lüge. Darum bleibt in Christus, wie Gottes Geist es euch gelehrt hat!“

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(Erster Brief von Johannes 2,27)

 

Bibel = Anthologie?

Wie wäre es, wenn wir die Bibel einfach als Anthologie der historisch wichtigsten christlichen Schriften lesen würden? Und wenn auf unseren Bibelausgaben nicht „Heilige Schrift“, sondern „Sammlung der grundlegenden Schriften des Christentums“ stehen würde?

Wie wär’s, wenn anstatt uns über die Inspiration der Bibel zu streiten, wir mehr ausprobieren würden, ob die Texte  uns  zu einem besseren Leben inspirieren? – Jemand hat mal gesagt, dass ihn nicht die Stellen in der Bibel beunruhigen, die er nicht versteht, sondern die, welche er versteht.

 

„Prüft jedoch alles und behaltet das Gute!“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Thessalonich 5,21)

 


 

4.  Über den Umgang mit heiligen Texten

 

Willkür?

Wir alle machen mit den biblischen Texten, was wir wollen. (Wie könnte es auch anders sein?) Wichtig ist, dass wir uns dessen bewusst sind, unsere Motivation klären, uns transparent darüber austauschen und auch bereit sind, selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen und nicht versuchen, sie auf andere abzuschieben.

Bei Gottesvertrauen und Wiedergeburt geht es um Gotteserfahrungen im Menschen. Bibel-Traditionen, Dogmen, traditionelle Glaubensbekenntnisse und „christliche“ Normen hingegen werden von außen an den Menschen herangetragen. Es ist, meiner Meinung nach, von entscheidender Bedeutung, ob ein Mensch die Stimmigkeit dieser äußeren Dinge in sich selbst erfahren kann.

 

„Von diesen Worten [der Predigt über Jesus] waren die Zuhörer bis ins Innerste getroffen:

‚Liebe Brüder, was sollen wir jetzt tun?‘, fragten sie Petrus und die anderen Apostel.

Ändert eure Einstellung‘, erwiderte Petrus …“

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(Apostelgeschichte 2,37-38)

 

Zwei Aspekte

Beim Umgang mit der Bibel kann man auch wieder zwei Aspekte berücksichtigen:

Zum einen, wie ich die Bibel für mich selbst benutze, und dann, wie ich sie gegenüber anderen benutze. Hängt natürlich auch wieder beides zusammen.

 

„Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern … und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“
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(Matthäus-Evangelium 28,19-20)

 

Biblizismus

Ist es eine den Texten und Sachverhalten angemessene Strategie, alles wörtlich zu nehmen (Biblizismus), außer dann, wenn es offensichtlich nicht funktioniert? Wird die Bibel da nicht zum magischen Zauberbuch? Was für eine Bibel-Ideologie steckt da dahinter?

Lenkt uns das Kopfzerbrechen über Bibelverse und das Streiten über die Bibel nicht ab von dem, worum es eigentlich geht?

Manche biblischen Texte präsentieren sich selbst als das Reden Gottes (z.B. ein Teil der alttestamentlichen Schriftpropheten). Doch die meisten tun dies nicht. Und selbst wenn alle  biblischen Texte sich als direkte Worte Gottes an die Adressaten der Texte präsentieren würden, woher wüssten wir, dass Gott uns heutzutage, 2000 (!) Jahre später, dasselbe durch die Texte sagen will? (Den Menschen in biblischen Zeiten hat Gott ja auch nicht allen dasselbe gesagt. – Vergleicht mal Gottes Anweisungen durch die Propheten Jeremia, Jesaja, etc.)

Und  selbst wenn  er uns heute durch sie dasselbe sagen wollte, wie könnten wir überprüfen, ob wir ihn richtig verstanden haben? Und wie abhängig sind wir im Verstehen biblischer Texte von einem Heer von Textkritikern, Altertums-Wissenschaftlern, Altsprachlern, Bibel-Übersetzern, Bibel-Experten, Theologen, Pfarrern, Pastoren, Predigern, Bibel-Lehrern, Bibel-Gesellschaften, Verlagen, Kommentatoren, … und von kirchlichen Traditionen, persönlichen Prägungen und Glaubensentscheidungen  ANDERER ? Sollte ein gesunder Umgang mit der Bibel uns nicht auch zu mündigen Christen machen, die ihren Glauben selbst verantworten können und nicht auf theologisch Gebildetere verweisen müssen?

Fragen, Fragen, Fragen … und die Antworten, die ich darauf meistens bekomme, laufen darauf hinaus, dass Menschen, die Gottes Geist besitzen, verstehen, was Gott ihnen sagen will. – Aber wozu brauchen wir dann heilige Texte, wenn Gott sowieso seine Kinder unmittelbar durch seinen Geist belebt, inspiriert, Verstehen seines Willens schenkt und leitet?

 

„Alle, die sich von Gottes Geist regieren lassen, sind Kinder Gottes.“

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(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom 8,14)

 

Wie viel Anstrengungen wurden schon von Christen unternommen, um ein fundamentalistisches Bibelverständnis zu verteidigen, das eine mehr als wacklige Grundlage hat. – Lässt sich die Zeit und Kraft nicht besser investieren?

Wenn einem Bibel-Leser heutzutage ein biblischer Text persönlich wertvoll wird, braucht er dann noch eine theologische Theorie, die dies rechtfertigt?

 

“ Die Tora von JHWH ist vollkommen,
sie belebt und schenkt neue Kraft …
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Die Weisungen von JHWH sind zuverlässig und erfreuen das Herz …
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Sie lassen sich nicht mit Gold aufwiegen, sie sind süßer als der beste Honig.“
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(Psalm 19,8-11)

 

Wenn die Bibel so toll ist, warum lesen wir Christen dann nicht mehr darin?

Warum haben so viele Christen Probleme, sich fürs Bibellesen zu begeistern?

Wer kann schon erklären, worum es im langen Jesaja-Buch geht? Oder wann hast du das letzte Mal Leviticus gelesen? – Viele Christen kennen nur ein paar Lieblingsverse.

Ein verehrtes Buch, das im Bücherregal einstaubt. – Biblische Texte sind oft keine gefällige Lektüre.

 

„… die Legenden und endlosen Geschlechtsregister, mit denen sie sich befassen, führen nur zu Spekulationen, statt dass sie den Glauben fördern und damit der Verwirklichung von Gottes Plan dienen.“

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(Paulus im ersten Brief an Timotheus 1,4)

 

Woher stammt überhaupt die fundamentalistische Bibel-Ideologie?

Die ersten Christen konnte sie offensichtlich noch nicht besitzen, denn da gab es die Bibel ja noch gar nicht.

Wie alt ist das fundamentalistische Bibelverständnis, das uns heute so vertraut ist? Genauer gesagt: Wann hat in der Geschichte das erste Mal jemand die Überzeugung gehabt, dass die 66 Bücher unserer heutigen protestantischen Bibel das fehlerfreie Wort Gottes an alle Menschen für alle Zeit sind, und wie schnell und auf welche Weise hat sich diese Überzeugung ausgebreitet?

Ich hab schon verschiedene Leute gefragt und selbst etwas recherchiert, aber es ist gar nicht so leicht, da ein klares Bild zu bekommen. Scheint ein bisschen komplexer zu sein …

 

 

Hermeneutik

Hermeneutik ist die Wissenschaft vom Verstehen von Texten und ein Bereich der Theologie. Dort scheint man nun mehr und mehr mit allgemeinen literaturwissenschaftlichen Methoden an die Bibel heranzugehen. Ein Ansatz, den ich an sich sinnvoll finde und der sich sicherlich auch schon als fruchtbar erwiesen hat.

Aber braucht man für religiöse, heilige Texte nicht auch eine spezielle religionswissenschaftliche Hermeneutik? Und ist es nicht unbedingt notwendig, religiöse Texte innerhalb ihrer religiösen Tradition zu verstehen? – Die Komparative Theologie und der inter-religiöse Dialog kann uns hier bestimmt auch noch sensibler werden lassen und ein Stück weiter bringen.

Ein angemessener Umgang mit der Bibel muss differenziert sein und der Vielfalt und dem Inhalt der Texte, sowie dem Wissen über die Entstehungsgeschichte dieser Sammlung Rechnung tragen.

 

„JHWH ernst nehmen, ist der Anfang aller Erkenntnis …“

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Mischle / Sprüche 1,7)

 

Wie können wir richtig leben? Wie sollten wir leben?

Manche Menschen greifen zur Bibel, weil sie Rat und Orientierung suchen in einer immer komplexer werdenden Welt. Religion war traditionell eine der großen gesellschaftlichen Kräfte, die Menschen verbunden und gemeinsames Leben gestaltet hat.

Heutzutage ist Kirche „out“ und Spiritualität „in“ wie schon lange nicht mehr. – Welche Rolle spielt die Bibel dabei?

Die Frage des Bibelverständnis ist eng verbunden mit christlicher Ethik. In den Diskussionen der Christenheit geht es oft um ethische Fragen (Homosexualität, Geschlechterrollen, Scheidung, Abtreibung, …), bei denen dann die entsprechenden Bibelverse in die Diskussion eingebracht werden.

 

„Sündigt deine Schwester oder dein Bruder, so weise sie oder ihn zurecht …“

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(Matthäus-Evangelium 18,15)

 

Ethik – Gebote & Verbote

Die Bibel hat weit mehr als nur eine ethische Dimension. Aber gerade die ethischen Fragen sind oft dafür verantwortlich, dass Christen sich wegen Bibelversen in die Haare kriegen, und sie dominieren manchmal christliche Diskussionen. – Ist das sinnvoll, wenn moralische Fragen im Vordergrund stehen?

Wie müsste ein Umgang mit der Bibel aussehen, damit er bei ethischen Entscheidungen hilfreich ist?

Wenn man sich an einzelnen Bibelversen festbeißt, bleibt man immer in einem antiken Christentum hängen und von Theologen abhängig. Allein wenn sich der christliche Diskurs über biblische Texte mit dem spirituellen Leben des Einzelnen verbindet, kann er wirklich hilfreich sein. Eine Hilfe zur Orientierung ist etwas anderes als eine eindeutige Anweisung.

 

„Wir alle, die der Glaube an Christus zu geistlich reifen Menschen gemacht hat, wollen uns ganz auf dieses Ziel ausrichten. Und wenn eure Einstellung in dem einen oder anderen Punkt davon abweicht, wird Gott euch auch darin die nötige Klarheit schenken.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Philippi 3,15)

 

Situationsethik

Die theologische Diskussion um Situationsethik hat ganz viel mit Bibelverständnis zu tun und macht gut das Dilemma zwischen dem Bedürfnis des Menschen nach Rat und Orientierung und dem Umgang mit den biblischen Texten deutlich.

Man hat der Situationsethik, glaube ich, zu Recht vorgeworfen, dass der Mensch damit überfordert ist. Kein Mensch kann in einer Situation rein logisch eine perfekte Entscheidung treffen. Alleine schon deshalb nicht, weil unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit immer begrenzt ist.

Aber wer sagt, dass wir vollkommene Denkfähigkeit besitzen müssen? Oder Vollkommenes leisten? Wie wäre es, wenn wir getragen von Gnade und Vertrauen leben könnten, die der Geist Gottes schenkt? – Und aus vielen Situationen werden wir gar nicht herauskommen, ohne anderen etwas schuldig zu bleiben.

 

„Bleibt niemand etwas schuldig! Was ihr einander jedoch immer schuldet, ist Liebe …“

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(Paulus im Brief an die Christen in Rom 13,8)

 

Der harte Gemeinde-Alltag

Was sollten wir z. B. Lesben und Schwulen heute von der Bibel her sagen? Oder Geschiedenen, die wieder geheiratet haben und vielleicht sogar Kinder aus zweiter Ehe haben? Oder Gläubigen, die mit einem Ungläubigen zusammenleben und ein gemeinsames Kind haben? (Spielen die Kinder in den Bibelversen überhaupt eine Rolle?)

Früher hätte ich bei solchen Fragen fast reflexartig mit der Konkordanz passende Bibelverse gesucht. Heute graut mir vor Christen, die auf alle Fragen eine „passende“ Bibel-Antwort parat haben. Als hätte sich die letzten 2000 Jahre nichts geändert …

 

„…  wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“

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(Paulus im zweiten Brief an die Christen in Korinth 3,17)

 

Guter Rat teuer

Es ist natürlich wenig hilfreich, wenn man Menschen nur sagt „da musst du tun, was du für richtig hältst“. Und doch kennt sicherlich jeder viele Situationen, in denen man einfach keinen Rat hat; wo man nur einfach dem anderen zur Seite stehen kann. Aber vielleicht ist die wortlose Unterstützung oft genau das, was der andere braucht, um für sich selbst zu einer Entscheidung zu finden.

In der oben zitierten, „berühmten“ Bibelstelle zur Inspiration (2. Tim. 3,16-17) geht es auch um viel mehr als nur um Wissen über biblische Gebote. Es geht um eine Veränderung des Menschen und Befähigung zum guten Leben.

Wir sind manchmal schwach und möchten uns an andere anlehnen. Aber über kurz oder lang sollte jeder lernen, selbst die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen und ein reifer Christ zu werden. Leben bedeutet Veränderung. Wenn ein Mensch nicht reifer wird, stimmt etwas nicht.

 

„Eigentlich müsstet ihr längst in der Lage sein, andere zu unterrichten; stattdessen braucht ihr selbst wieder jemand, der euch die grundlegenden Wahrheiten der Botschaft Gottes lehrt. Ihr habt sozusagen wieder Milch nötig statt fester Nahrung.“

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(Brief an die Hebräer 5,12)

 

„norma normans“

Die Bibel als Norm für Glaube und Leben (siehe „Glaubensbasis der Ev. Allianz“). Ein immer noch aktuelles Thema. – Welche Auswirkungen hatte dieses Denken in der Kulturgeschichte der Menschheit? Und warum gab es gerade im Protestantismus so viele Spaltungen, Konfessionen und Denominationen?

Da es das Christentum schon gab, bevor der erste neutestamentliche Text geschrieben wurde, kann die Bibel keine notwendige Voraussetzung fürs Christentum sein. Es gab unter den ersten Christen allerdings die mündliche Überlieferung, charismatische Gaben und den praktischen Gemeinde-Alltag.

 

„… so hat Christus denn auch seine Gemeinde beschenkt:
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Er hat ihr die Apostel gegeben, die Propheten und Verkündiger der rettenden Botschaft, genauso wie die Hirten und Lehrer, welche die Gemeinde leiten und im Glauben unterweisen. Sie alle sollen die Christen für ihren Dienst ausrüsten, damit die Gemeinde, der Leib von Christus, aufgebaut und vollendet wird.
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Dadurch werden wir im Glauben immer mehr eins werden und miteinander den Sohn Gottes immer besser kennen lernen. Wir sollen zu mündigen Christen heranreifen, zu einer Gemeinde, die ihn in seiner ganzen Fülle widerspiegelt.“
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(Epheser-Brief; Neues Testament; 4,11-13)

 

Wer braucht heilige Texte?

Wenn Gott der Christenheit ein heiliges Buch als Maßstab hätte geben wollen, warum hat er das dann nicht schon im 1. oder 2. Jahrhundert gemacht? – Zu Pfingsten kam nicht ein Update der Tora, sondern der Heilige Geist! – Jahrhundertelang lebte die Christenheit mit einer Vielzahl von jüdischen und christlichen Texten (von denen viele nicht Eingang in die Bibel gefunden haben), aber ohne eine heilige Bibel.

Bei manchen Menschen befriedigt eine Bibel ein Bedürfnis nach Sicherheit. Aber diese Sicherheit ist trügerisch. Denn der Besitz eines heiligen Buches wird uns nicht retten. Unsere einzige Sicherheit besteht im Wirken Gottes. Dies ist eine Sicherheit des Glaubens.

 

„Darum gleicht jeder, der meine Worte hört und danach handelt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut …“

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(Bergpredigt, Matthäus-Evangelium 7,24)

 

Heilige Texte und Glaubens-Systeme als Machtinstrumente

Der Glaube an die Bibel ist bei vielen Christen Teil eines theologischen Systems. Ein Glaube an die Bibel (wie auch immer er aussieht) kann allerdings niemals identisch mit dem Glauben der ersten Christen sein, denn die ersten Christen hatten die Bibel noch nicht.

Manche verteidigen solch ein theologisches System und monolithisches Bibelverständnis, das sich im Laufe der Kirchengeschichte herausgebildet hat. Man geht dabei von dem Ergebnis einer Entwicklung aus und schaut durch diese Brille zurück in die Vergangenheit.

Solch ein „christlicher“ Glaube kann dann allerdings kein „biblischer“ Glaube mehr sein – selbst wenn er sich „bibeltreu“ schimpft -, denn er geht ja klar über das hinaus, was wir in den biblischen Texten selbst lesen und stülpt ihnen eine deutlich jüngere Bibel-Ideologie über.

Warum machen Menschen das?

Es ist interessant sich anzuschauen, welchen Einfluss der Römische Kaiser und die „Verstaatlichung des Christentums“ unter Konstantin auf die Entstehung der Bibel hatten.

Heilige Texte, Rituale, Sakramente, etc. lassen sich kirchlich verwalten. Der Heilige Geist jedoch nicht.

 

„Der Wind weht, wo er will. Du hörst zwar sein Rauschen, aber woher er kommt und wohin er geht, weißt du nicht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“

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(Jesus im Johannes-Evangelium 3,8)

 

Das beste Projekt zum Thema Bibel und christlicher Glaube, das ich kenne, ist das Worthaus-Projekt. Zimmer sagt da auch was zu „Brillen“ und einem unverstellten Blick:

 

 

Subjektivität

Wenn es uns wirklich um die Sache Jesu geht und nicht um die Verteidigung unseres eigenen persönlichen theologischen Standpunkts, müssen wir bereit sein, unsere theologische Theorie zu hinterfragen – egal wer und wie viele diesen Standpunkt mit uns vertreten oder in der Vergangenheit vertreten haben.

Natürlich kann jeder für sich persönlich an eine perfekte Bibel glauben. – Es gibt auch Amerikaner, die glauben, dass die King-James-Bible die einzig richtige Bibel ist. – Aber mit welchem Recht oder welcher Begründung darf ich andere dazu drängen, dass auch so zu sehen oder sie auffordern, die Konsequenzen, die ich persönlich ziehe, auch zu ziehen?

 

Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach.
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Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit. Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.
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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 13,4-7)

 

Verantwortung

Alles bis jetzt Gesagte zwingt mich dazu, vorsichtig und mit Bescheidenheit über die biblischen Texte zu sprechen. In unserem Umgang mit und Reden über die Bibel muss auch die Begrenztheit und Unvollkommenheit unseres Verstehens zum Ausdruck kommen.

Wenn ich mich von Gott oder meinem Gewissen zum Reden gedrängt fühle, aber mir gleichzeitig die Fehlerhaftigkeit meines Verstehens bewusst ist, stehe ich in einer Spannung, die sich nicht auflösen lässt; und wir brauchen Kraft und Gnade, diese Spannung auszuhalten.

 

„Gottes Wort ist voller Leben und Kraft. Es ist schärfer als die Klinge eines beidseitig geschliffenen Schwertes, dringt es doch bis in unser Innerstes, bis in unsere Seele und unseren Geist, und trifft uns tief in Mark und Bein. Dieses Wort ist ein unbestechlicher Richter über die Gedanken und geheimsten Wünsche unseres Herzens.“

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(Brief an die Hebräer 4,12)

 

Wenn biblische Texte wie ein besonders scharfes Schwert sein können, sollten wir vorsichtig damit umgehen.

Wenn ich das Gefühl habe, mit meinem Auto stimmt vielleicht was nicht, sollte ich vorsichtig weiterfahren oder vielleicht sogar anhalten. Ähnlich ist es mit unserem Bibelverständnis.

Es geht bei diesen Fragen auch nicht um akademische Spielereien, sondern es geht um Sinn und Sinnlosigkeit, Glaube und Verzweiflung, Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod. Um die größten Fragen eines Menschen und der Menschheit.

 

„Wenn keine Offenbarung da ist, verwildert ein Volk …“

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(Mischle / Sprüche 29,18)

 

Nebenbemerkung: Autobiographisches

Gemeinde Christi – Church of Christ (non-instrumental)

 

Ich bin in einer kleinen Freikirche aufgewachsen, einer „Gemeinde Christi“. Das ist eine Denomination, die nach dem 2. Weltkrieg durch amerikanische Missionare nach Deutschland gekommen ist. In den USA heißen diese Gemeinden „Churches of Christ“ (non-instrumental) und die Ausbildungsstätten Pepperdine University, Abilene University, Harding University u.a. sind mit ihnen affiliiert. Die sogenannte „Boston-Bewegung“ / „International Churches of Christ“ sind aus ihnen hervorgegangen.

Entstanden ist diese Denomination aus dem sogenannten „restoration movement“ im 18. Jahrhundert in den USA. Bei den Pionieren, die nach Westen drängten und dort ihre Äcker absteckten, entstand ständig die Situation, dass in einem Dorf Menschen zusammen kamen, die durch unterschiedliche christliche Traditionen geprägt waren.

Damals hatten ein paar Christen (ganz im Sinne der Renaissance – „zurück zu den Quellen“) die Idee, man müsste die Spaltung in der Christenheit überwinden können durch eine Rückkehr zu den Wurzeln. Bald kam es in dieser Bewegung selbst dann allerdings auch wieder zu Spaltungen und neuen Denominationen.

Die Churches of Christ haben das Ziel, neutestamentliches Christentum zu verwirklichen und leben in der Vorstellung, dass sie dies erreichen, indem sie die Bibel möglichst wörtlich nehmen und sogar das Vorbild der ersten Christen als verbindlich für alle Christen ansehen. Dies hat u.a. dazu geführt, dass sie den Gebrauch von Musikinstrumenten im Gottesdienst ablehnen (daher „non-instrumental“).

Die Vielfalt der Meinungen in der frühen Christenheit wird kaum wahrgenommen und die in den neutestamentlichen Schriften zum Ausdruck kommenden Ansichten werden als normativ fürs Christentum aller Zeiten angesehen. Unstimmiges und Widersprüchlichkeiten werden „harmonisiert“. Der protestantische Kanon wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Mit Christen anderer Konfessionen und Denominationen wird grundsätzlich nicht zusammengearbeitet, da die anderen ja nicht so „biblisch“ und damit potentielle Nicht-Wiedergeborene oder sogar Irrlehrer sind.

Heute kann ich kaum noch nachvollziehen, wie unkritisch ich das damals geglaubt habe. Aber wir sind halt alle durch unsere persönliche Geschichte geprägt und glauben, was wir glauben wollen …

 

„… YHWH ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser …“

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(Psalm 23,1-2)

 

5.  Die Stimme Gottes im Herzen des Menschen

 

„… In das Herz des Menschen hat er den Wunsch gelegt, nach dem zu fragen, was ewig ist. Aber der Mensch kann Gottes Werke nie voll und ganz begreifen …“

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Kohelet / Prediger 3,11)

 

„Kür“

In „will-kür-lich“ stehen auch die Buchstaben „k-ü-r„.

 

„Ihr wisst doch, wie es ist, wenn in einem Stadion ein Wettlauf stattfindet: Viele nehmen daran teil, aber nur einer bekommt den Siegespreis.

Macht es wie der siegreiche Athlet:

Lauft so, dass ihr den Preis bekommt!“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 9,24)

 

In manchen Wettkampf-Sportarten gibt es einen Pflicht- und einen Kür-Teil. Im Kür-Teil haben die Sportler viel Freiheit, ihn kreativ zu gestalten – nach ihren Stärken und Schwächen und Vorlieben.

Menschen sind keine Inseln. Wir sind soziale Lebewesen und sind für ein gemeinschaftliches Leben „programmiert“. In der Gemeinschaft müssen Interessen und Bedürfnisse ständig ausgehandelt werden, und die Frage nach der Identität der Gruppe, also das, was verbindet, ist von existentieller Bedeutung.

Auch in religiösen Gemeinschaften findet ein ständiges Ausbalancieren statt: Sowohl im Leben des Einzelnen, als auch im gemeinsamen Leben. In diesem Ausbalancieren haben die Tradition und heilige Texte ihre Bedeutung – aber auch die gelebte, private Spiritualität des einzelnen Gläubigen.

Die Kunst der „sportlichen Frommen“ ist nun die „Kür“: Das kreative Gestalten dieses Ausbalancierens – sowohl im Leben des Einzelnen, als auch im Leben der Gemeinschaft. Dabei müssen sowohl die Bedürfnisse des Einzelnen als auch die der Gemeinschaft berücksichtigt werden. Das organische Bild des Körpers kann hier viel Orientierung geben.

Durch den Austausch über die heiligen Texte entsteht eine Diskurs-Gemeinschaft. Tradition verbindet und sorgt dafür, dass Traditions-Linien nicht abreißen und kulturelle Kontinuität gewährleistet sind. Es ist aber die erlebte Spiritualität des Einzelnen und die Stimmigkeit dieser religiösen Erfahrungen, aus denen sich das religiöse Leben speist.

Menschen stimmen mit ihren Füßen ab. Dort, wo kein geistliches Leben erfahrbar ist, wird auch bald kein geistlicher Mensch mehr hingegen.

Wenn wir einen Bibeltext lesen, versuchen wir in der Regel ihn so zu deuten, dass er wertvoll für uns wird. Das ist ja auch wirklich sinnvoll. – Das Leben ist hart, und wir brauchen Quellen der Kraft und der Inspiration.

 

„… das Reich Gottes gründet sich nicht auf Worte, sondern auf Gottes Kraft.“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 4,20)

 

Beim Lesen geht es ja nicht nur um das „richtige“ Verstehen dessen, was der Verfasser ursprünglich vermitteln wollte, sondern es geht darum, dass ich Gott zu mir reden lasse. Ein kontemplatives Lesen, welches schon eine lange Tradition hat:

 

 

Je mehr mein Wille und mein Denken mit dem Wirken Gottes in unserer Welt und in meinem Leben übereinstimmt, desto mehr höre ich das Reden Gottes durch die biblischen Texte.

 

Ihr seid zur Freiheit berufen … dient einander in Liebe! …
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Lasst den Geist Gottes euer Leben bestimmen …
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… die Frucht, die der Geist wachsen lässt, ist: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Dagegen hat das Gesetz nichts einzuwenden.
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(Paulus an die Christen in Galatien, 5,13-23)

 

Dem, was dem gemeinsamen Leben, was  allem  Leben dient, kann auch ein Reden Gottes durch heilige Texte nicht widersprechen.

Einfach gemeinsam leben.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung meines ersten Blog-Artikels, welchen ihr hier findet.]

 

FRESH X

 

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Blütenknospen der Quitte; von Diako1971 via Wikimedia Commons [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) ]

 

… Geh fort aus deinem Land, verlass deine Heimat und deine Verwandtschaft und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! …
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Durch dich werden auch andere Menschen am Segen teilhaben … Alle Völker der Erde sollen durch dich gesegnet werden.
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(Bibel, Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose, 12. Kapitel, Verse 1-3)

 

Altes Loslassen. Vertrautes aufgeben und aufbrechen in fremde Räume und eine Zukunft, die man noch nicht kennt …

 

FRESH X

Eine tolle Sache. An vielen Orten sind Fromme bereit, Neues zu wagen, und suchen nach neuen Ausdrucksformen: Fresh Expressions. Kirche wird von ihrem Auftrag her verstanden. Missional. Die aus England stammende Bewegung hat auch eine deutsche Webseite. (Da kann man auch ein bisschen zur Geschichte nachlesen.)

 

… macht die Menschen zu meinen Jüngern … und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.
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(Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 28,19-20)

 

Altes Christentum

Von fast 2000 Jahren Kirchengeschichte haben wir eine sehr lange Liste von Ideen, Veränderungen, Reformationen und Restaurationen. Und manchmal war es eine Mischung aus Verbesserung und Verschlechterung. Wir haben heute einen riesigen Haufen kirchlicher Theorie und Praxis, und es ist unbedingt notwendig, darin das Wesentliche des christlichen Glaubens wieder freizulegen.  –  Was wollte der orientalische jüdische Mann aus Nazareth eigentlich?

 

Ich bin gekommen, um auf der Erde ein Feuer anzuzünden; ich wünschte, es würde schon brennen!

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(Neues Testament, Lukas-Evangelium 12,49)

 

Radikales Christentum

Bonhoeffer hatte schon vor 70 Jahren radikale Gedanken über Kirche und Glauben und dieselben Fragen sind heute nicht weniger drängend. In einer Zeit kultureller Umbrüche von gigantischen Ausmaßen haben wir keine Zeit zu verlieren. Zögern und zaghaftes Manövern ist unangemessen, wenn es darum geht, dass verirrte Menschen wieder den Weg finden.

 

… der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

(Lukas-Evangelium 19,10)

 

Gestalt und Wesen

Oft habe ich den Eindruck, dass man einfach nur neue Ausdrucksformen für die ewige Wahrheit der christlichen Lehre finden will. Doch das wird nicht reichen. Es geht vielmehr um die grundsätzliche Frage, was christlicher Glaube eigentlich ist. Wer genauer wissen will, was ich meine, sollte sich Drewermanns Buch „Wendepunkte“ mal anschauen, oder die Gesellschaft für eine Glaubensreform.

 

Wer seine Hand an den Pflug legt und dann nach hinten sieht, der ist für das Reich Gottes nicht brauchbar.

(Lukas, 9,62)

 

Das Christentum, von dem wir in den neutestamentlichen Texten lesen, ist nur ein kleiner Ausschnitt des Wirkens Gottes in seiner Welt. Wir haben heute die Möglichkeit und die Verantwortung für einen weiteren Blick, wie er beispielsweise im Integralen Christentum zum Ausdruck kommt.

 

Gute Absichten

Radikale Wahrhaftigkeit und die Bereitschaft zu einem beharrlichen wahrnehmen der wirklichen Verhältnisse. Ein Ende von Selbsttäuschung und Schönreden. Nicht Wertvolles und Nützliches soll aufgegeben werden, sondern Veraltetes, Totes und unbrauchbar Gewordenes. Dafür brauchen wir klare Visionen und eine geschärfte Wahrnehmung.

Die grundsätzlichen Fragen werden sich nicht über Nacht klären lassen. Aber wir brauchen unbedingt eine selbstkritische Distanz zu Glaubensüberzeugungen und Praxis, und nicht nur die Bereitschaft, Vertrautes loszulassen, sondern wir müssen dies auch tun.

 

Wer diese meine Worte hört und danach HANDELT …

(Matthäus-Evangelium 7,24)

 

Wertvolle Kirche

Haben wir den Mut, Glauben an Jesus radikal zu verstehen? Könnte Kirche wieder ein klares Profil gewinnen und Christentum eine echte Gegenkultur zur Welt sein? Ungefähr im Sinne von „Tod-Leben“, „Licht-Finsternis“, „Himmel-Hölle“, „Sünde-Heiligung“?

 

Ihr seid das Licht der Welt …

(Matthäus 5,14)

 

Schillerndes Christentum

Veränderung allein ist noch kein Zeichen für Verbesserung oder Leben. Totes verändert sich manchmal auch. Es gibt Veränderung zum Besseren und zum Schlechteren, und manchmal hat man dieselbe Soße, nur anders eingefärbt.

Ob etwas besser oder schlechter ist, kann auch eine individuelle Geschichte sein: Für den Einen gut, für den Anderen schlecht.

 

Ganzheitliches Christentum

Es geht nicht nur um die Neugestaltung kirchlichen Lebens, sondern es geht um ein besseres Christsein. Glaube, der alle Aspekte des Lebens umfasst und in allen Facetten des Alltags, der Arbeit und Freizeit und der Sonn- und Feiertage zum Ausdruck kommt. Herzensfrömmigkeit. Neue Menschen.

 

Missio Dei

Der Mut und die Kraft für die nötigen Entscheidungen kann nur aus dem Vertrauen entspringen, dass Gott selbst es ist, der hier am Werk ist. Missio Dei. Gott wirkt in seiner Welt auf sein gutes Ziel hin. Die Herrschaft Gottes ist im Kommen. Und es wird Menschen brauchen, die das Risiko des Glaubens eingehen, mit ihrer ganzen Existenz auf Gott setzen, ihr Kreuz auf sich nehmen und es Jesus nachmachen. Billiger wird es nicht gehen.

 

Wer sich weigert, sein Kreuz auf sich zu nehmen und mir nachzufolgen, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Wer an seinem Leben hängt, wird es verlieren; aber wer es für mich aufgibt, wird es finden.
(Matthäus 10.38-39)

 

Schlechte Nachrichten – Gute Nachrichten

 

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TV-Übertragungswagen des englischsprachigen, staatlich finanzierten Fernsehsenders Russia Today in Moskau; von Jürg Vollmer / Maiakinfo [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, from Wikimedia Commons

 

Nachrichten fallen nicht vom Himmel.

Nachrichten sind Produkte von Journalisten, hergestellt in menschlicher Handarbeit mit subtiler Raffinesse. Im hart umkämpften Nachrichtenmarkt müssen Nachrichten attraktiv sein …

Es gibt Großhändler von Nachrichten:  Die „Deutsche Presse-Agentur (dpa)“, Associated Press (AP), Reuters, usw.  Mit diesen Firmen hat der Endverbraucher normalerweise nichts zu tun. Er/sie kauft seine/ihre Nachrichten beim „Einzelhändler“.

Nachrichten- und Presseagenturen

Zum deutschen Markt heißt es bei Wikipedia (Stichwort „Nachrichten- und Presseagentur„):

Die Marktanteile bei Tageszeitungskunden waren 2006 folgende: 95,7 % DPA, AP 47,1 %, AFP 47,8 %, Reuters 33,3 %, ddp 30,4 % – wobei ddp mittlerweile (Stand: 2016) aufgrund einer Insolvenz vom Markt verschwunden ist.

(abgerufen am 26.05.2018, 21:30 Uhr)

Die Agentur mit dem größten Marktanteil (dpa) ist eine GmbH. Zur Deutschen Presse-Agentur GmbH heißt es bei Wikipedia (Deutsche Presse-Agentur):

Die 185 Gesellschafter der dpa sind ausschließlich Medienunternehmen wie Verlage und Rundfunkanstalten. Damit sind Gesellschafter und Kunden der Agentur größtenteils identisch.

(abgerufen am 26.05.2018, 21:31 Uhr)

Die Medien

Das Objektivitäts-Ideal des Journalismus ist lobenswert. Aber in welchem Umfang lässt sich dieses Ideal in der Nachrichten-Industrie aufrecht erhalten? Und wie viele von denen, die an der Nachrichtenproduktion und -präsentation beteiligt sind, haben an Objektivität noch ein leidenschaftliches Interesse?

Vor fast vier Jahren (29.04.2014), z.B., wurde beim politischen Kabarett „Die Anstalt“ (ZDF) auf Verbindungen zwischen Journalisten und Lobbyisten hingewiesen. Aufgrund von juristischem Druck, entfernte das ZDF später die Folge. Bei YouTube ist sie zur Zeit noch zu finden.

Mir geht es nicht darum, alle Journalisten unter Generalverdacht zu stellen. Andererseits wäre jedoch auch ein blindes Vertrauen in einen sauberen Journalismus angesichts der Gegebenheiten verantwortungslos.

Kultur

Letztendlich ist das Weltbild, das durch die Medien vermittelt wird, eine Art „Fantasiewelt“. Die erzeugte Illusion mag weitgehend mit der Wirklichkeit übereinstimmen; jedoch ist es dem Einzelnen in der Regel nicht möglich nachzuprüfen, in welchen Punkten und in welchem Umfang die Darstellungen der Medien von der Wirklichkeit abweichen.

Es geht allerdings auch nicht nur um Wirklichkeit. Es geht auch um das Bedienen der Interessen der Konsumenten; wozu u.a. auch die Schaffung bzw. Aufrechterhaltung eines gesellschaftlichen Narrativs gehört.

Ein Narrativ stiftet Identität und dient der Wertevermittlung. Vielleicht wird gerade deswegen vermehrt über Narrative gesprochen, weil wir als deutsches Volk kein einheitliches Narrativ besitzen. Früher war es einfacher eine Antwort auf die Frage zu geben: „Was ist deutsch?“ (Auch wenn die Antwort vielleicht falsch wahr.)

Etwas muss wohl dran sein an der Idee des Narrativs. Nach dem Begriff der „linguistischen Wende“ existiert ja seit einiger Zeit auch der Begriff der „narrativen Wende“. In unserer Multi-Options-Gesellschaft gibt es selbstverständlich nicht nur ein Narrativ, sondern es ist eine Vielfalt an Narrativen im Angebot. Kultur als Selbstbedienungsladen: „Bitte bedienen Sie sich!“

Die Verantwortung des Konsumenten

Wenn wir uns als Konsumenten mehr unserer Macht bewusst wären (wir sind ja schließlich diejenigen, die alles finanzieren), dann könnten wir, von unserer Seite der Wirtschaft aus, die Märkte und das Wirtschaftsleben gestalten, anstatt uns mit der Opfer-Rolle zufrieden zu geben. Wir könnten unser eigenes „Nachrichten-Verhalten“ kritisch überprüfen und alle zu Kultur-Erschaffenden werden. Aktivität statt Passivität. Aus der Couch erheben …

Welche Nachrichtenkanäle benutze ich? Welche Zeitung kaufe ich? Welche Webseiten klicke ich an? Welche Nachrichten teile ich? Was für Neuigkeiten frage ich nach? Auf welche Skandale und Eilmeldungen reagiere ich? Welchen Raum gebe ich dem „Aktuellen“ in meinem Leben?

Wo und wann frage ich kritisch nach? Bin ich bereit für Qualitäts-Journalismus auch Geld auszugeben? Mische ich mich selbst ein und trage bei zur Verbreitung von gut gemachten Nachrichten?

Wir können trotz aller eigenen Begrenztheit uns zumindest bemühen, einen sauberen Journalismus zu unterstützen und die Kritik an der Macht der Medien wach zu halten.

Was tun wir als Christen?

Den Kopf in den Sand zu stecken und als Christ nur noch die Bibel zu lesen, kann wohl kaum eine verantwortbare Alternative zum Nachrichten-Konsum sein. Auch als Christen leben wir in einer Informationsgesellschaft, in der Medien eine gewaltige Rolle spielen. Selbst wenn wir nicht mehr mitspielten, würden die anderen ohne uns weiter machen.

Wir können unsere Sinne schärfen. Welche Wirkung hat mein Nachrichten-Konsum in meinem Leben? Was nützt er mir und welche Auswirkungen hat er auf andere Menschen?

Und wir können ein himmlisches Narrativ den Narrativen dieser Welt entgegensetzen:

Gute Nachricht!

Die Gute Nachricht von der Herrschaft Gottes wurde geboren, als der Himmel und die Erde sich küssten. Jesus aus Nazareth. Kreuz und Auferstehung.

Liebe statt Hass. Licht anstelle von Dunkelheit. Aufrichtigkeit statt Lügen. Statt Verirrungen ein Weg der ans Ziel führt. Entschlossenheit statt Ablenkungen. Geduld und Hartnäckigkeit anstelle von Sinnlosigkeit. Kraft statt Erschöpfung. Frieden statt Krieg und Streit. Herz statt Kopf, und Gemeinwohl anstelle von Einzelinteressen. Gemeinschaft statt Egoismus, Befreiung statt Sklaverei. Gerechtigkeit anstelle von Profit-Steigerung. Verantwortung statt Spaßkultur. Einfachheit anstelle von Optimierungswahn. Vertrauen statt Perspektivlosigkeit, Vergebung anstelle von Schulden. Statt Müll und der Zerstückelung des Lebens, das Ewige, Heilige berühren. Leben statt Tod. Menschheitsfamilie statt Einsamkeit.

Es existiert eine gute Nachricht, für alle Menschen dieser Welt. Geboren aus einem guten Geist, auf dem Weg zur Heilung der Welt. Wo Herzen sich berühren und Leben sich verwandelt in Herrlichkeit. Himmel auf Erden …

 

Das Ende des Weisung-Prinzips

 

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Die „Zehn Gebote“ vor dem State Capitol in Austin (USA) (public domain, via Wikimedia Commons)

 

„Kann mir mal bitte jemand sagen, was ich machen soll?“

„Führer befiehl! Wir folgen …“

Wir Menschen sind unendlich bedürftig; und es ist so leicht und bequem, Verantwortung und Führung an jemand anders zu delegieren. (Wenn ich nur das tue, was mir gesagt wird, kann mir am Ende wenigstens niemand vorwerfen, es wäre alles meine Schuld. Stimmt’s?)

In der Buber-Rosenzweig-Übersetzung werden die sogenannten „Fünf Bücher Mose“ (die Tora) im Alten Testament unserer Bibeln „Die fünf Bücher der Weisung“ genannt. Obwohl die traditionelle Übersetzung in unserem Neuen Testament „Gesetz des Mose“ ist, wird jeder, der sie liest, sofort erkennen, dass es überhaupt gar kein Gesetzestext ist, so wie wir es erwarten würden. Die Tora enthält auch viele Erzählungen (z.B.  die berühmte Josephserzählung); und die eigentlichen Gesetzestexte kommen sogar in zwei Versionen vor (Deuteronomium), die noch nicht einmal identisch sind. Diese Beobachtungen sollten uns schon stutzig werden lassen.

Im Brief an die Galater versucht viele Jahrhunderte später der bedeutende Apostel Paulus den Sinn und die begrenzte Bedeutung der Tora deutlich zu machen. Polemisch stellt er sie als eine Art „Kinderbetreuung“ dar:

 

Das Gesetz war also unser Aufseher, unter dessen strenge Hand Gott uns gestellt hatte, bis Christus kam; denn es war Gottes Plan, uns auf der Grundlage des Glaubens für gerecht zu erklären.  Und jetzt, wo die Zeit des Glaubens da ist, stehen wir nicht mehr unter der Kontrolle jenes Aufsehers.
(Galaterbrief 3,24-25)

 

In der jüdischen Messiaserwartung haben, neben anderen, zwei Textstellen besondere Bedeutung. Die eine ist die Verheißung des ewigen Königtums an David im 2. Samuelbuch, Kapitel 7; die andere ein Vers aus dem 5. Teil der Tora:

 

Ich will ihnen einen Propheten, wie du [Mose] es bist, aus der Mitte ihrer Brüder erwecken und meine Worte in seinen Mund legen; der soll alles zu ihnen reden, was ich ihm gebieten werde.

(Die Bibel, Tanach / Altes Testament, Tora, Devarim / 5. Buch Mose / Deuteronomium, 18. Kapitel, Vers 18)

 

Es ist das zentrale Bekenntnis des christlichen Glaubens, dass Jesus der Christus, der Messias, ist. Der Autor des Matthäus-Evangeliums, zum Beispiel, versucht, zum Teil auf subtile Art und Weise, zu zeigen, dass der Jesus aus Nazareth jener Messias der jüdischen Erwartung ist: Jesus ist ein zweiter Mose.

Auffällig ist, dass dieser neue Mose aber keine neue Tora mit dabei hatte. Die sogenannte Bergpredigt (Matthäus 5-7) ist kein Gesetzestext und kein „Update“ der Tora. Das Matthäus-Evangelium erzählt von der Verkündigung des Himmelreichs und beschreibt die Menschen, die dazu gehören.

Offensichtlich hielt es Jesus auch nicht für nötig oder sinnvoll, selbst einen heiligen Text zu schreiben. Es gibt in der christlichen Überlieferung keinen Text, der den Anspruch erhebt, von Jesus selbst geschrieben worden zu sein. Und auch die ersten Christen haben sich nicht zusammengesetzt, um eine neue Tora zu verfassen.

Warum?

 

Seht, es werden Tage kommen – Spruch des Herrn -, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war Spruch des Herrn. Denn das wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe – Spruch des Herrn: Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein. Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, Klein und Groß, werden mich erkennen – Spruch des Herrn. Denn ich verzeihe ihnen die Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.

(Tanach / Altes Testament, Jeremia 31,31-34)

 

WESEN STATT WEISUNG

Der Autor des Hebräerbriefes deutet die Vergebung, von der in Jeremia 31 gesprochen wird, als die Vergebung, die durch Jesu Opfer gekommen ist (Hebräerbrief 10,14-18), und erklärt, wie das Neue in Jesus besser ist als das Alte.

Es geht um eine Veränderung des Wesens, die durch Vergebung möglich wird. Kein Verurteilung mehr. Ich darf sein. Es ist eine religiöse Erfahrung, die zu mir kommt und durch die ich ein neuer Mensch werde – vom Geist Gottes geboren (Johannes-Evangelium, 3. Kapitel).

Verinnerlichung. Der Wille Gottes kommt nicht mehr von außen zu mir in der Form von Anweisungen, sondern das Verstehen des Willen Gottes entsteht in meinem Herzen. Leben im Geist (Römerbrief, 8. Kapitel).

 

GEISTERFÜLLTES CHRISTENTUM

Wie wächst man in eine gesunde Spiritualität hinein?

Wie müsste eine Kirche und wie müssten Gemeinden aussehen, in denen ein solches Christentum spürbar ist? Wie sieht gesunde christliche Gemeinschaft aus?

Welche Rolle spielen heilige Texte noch für uns?

Welche Bedeutung haben Formen und Rituale?

Wie müssten die „geistlichen Profis“ (Pfarrer, Bischöfe, Seelsorger, Prediger, Älteste, …) eines solchen Christentums aussehen? Wie wird man zum spirituellen Begleiter und geistlichen Hirten?

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel findet ihr hier.]

 

Was ist mit den Teenagern los?

 

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Teenager in Moskau, von Alagich Katya [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Sorgt sich unsere Gesellschaft um ihre Jugend? Besteht Anlass zur Sorge? Wer oder was beeinflusst und prägt die Jugendlichen, und welche Interessengruppen versuchen, sie an sich zu binden?

 

Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.

Napoléon Bonaparte

 

Wenn wir zurückblicken in unsere deutsche Geschichte, finden wir schnell Beispiele für die gezielte Beeinflussung der Jugend (Nationalsozialismus, DDR, …). Es muss auch nicht die gesamte Jugend sein, die erreicht und überzeugt wird. Eine ausreichende Zahl, eine kritische Masse, ist genug. Ein nachhaltiges System der Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen dient der Stabilisierung einer Bewegung, einer Organisation oder eines Systems.

Darüber hinaus hat die Erziehung von Kindern und Jugendlichen natürlich auch einfach die Aufgabe, das Fortbestehen und Wohlergehen der eigenen Familie oder Gruppe zu sichern. Früher war diese Erziehungsaufgabe noch gleichförmiger. Durch den beschleunigten historischen Wandel in den vergangenen beiden Jahrhunderten (gesteigerte Produktivität, Industrialisierung, moderne Wissenschaft, technische Neuerungen, …) ist es heute allerdings gar nicht mehr so leicht zu sagen, was eine gute Erziehung ist. Auf was für eine Zukunft sollen wir die Kinder und Jugendlichen denn vorbereiten? Und vor welchen Gefahren müssen wir sie ständig beschützen?

Wenn es nicht gelingt, Jugendliche dafür zu gewinnen, sich auf positive Weise in die Gesellschaft miteinzubringen und für ein nachhaltiges Gemeinwohl der Menschheit zu sorgen, so wird es genug Interessengruppen geben, die mehr als bereit sind, Geld, Kraft und Zeit von Jugendlichen für ihre eigenen Zwecke zu gebrauchen. Jugendliche sind eine wichtige Konsumentengruppe und potentielle Mitarbeiter und Unterstützer für alles Mögliche.

Welche Rolle spielt der christliche Glaube in diesem Zusammenhang? Gibt es ein spezielles Interesse des Christentums an der Jugend? Vielleicht sogar eine Art christliche Theologie für junge Leute?

Religion im Allgemeinen und der christliche Glaube im Besonderen haben kulturgeschichtlich eine gewaltige Bedeutung für die Erziehung, auch wenn diese nicht immer positiv war und ist. Glaube kann helfen, Leben zu deuten und sich in ihm zurechtzufinden. Wir glauben ja sowieso alle etwas, auch wenn unser Glaube nicht immer eine religiöse Gestalt hat. Religion hat den Vorteil, dass die Tradition einer religiösen Gemeinschaft die individuelle Prägung durch die Eltern relativieren und so vor den immer vorhandenen Macken und Einseitigkeiten schützen kann. Sie erweitert das Familienleben, gibt einen weiten Horizont.

Im Gegensatz zum Judentum, wo Religion doch sehr eine ethnische Angelegenheit ist, ist das Christentum nicht die Religion eines bestimmten Volkes. Man wird auch nicht Christ durch die Geburt, sondern dadurch, dass man irgendwann, wenn man von der Wahrheit des christlichen Glaubens überzeugt worden ist, die Entscheidung trifft, mit Jesus zu leben. Wie sollte oder kann eine Erziehung aussehen, die Jugendliche zu diesem Glauben führt?

Ein klassischer Bibelvers zur Jugend dürfte wohl dieser sein:

 

Niemand verachte dich wegen deiner Jugend; du aber sei den Gläubigen ein Vorbild im Wort, im Wandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit.

(Neues Testament, 1. Brief des Paulus an Timotheus, 4. Kapitel, Vers 12)

 

Auch Kinder und Jugendliche tragen Verantwortung, und mit wachsenden Fähigkeiten und größer werdender Freiheit wächst diese mit. Ich denke, es ist gut, sie schon früh an das bewusste Übernehmen von Verantwortung heranzuführen. Dies eröffnet die Möglichkeit, Potential zu entfalten und Persönlichkeit und Charakter zu formen. Manche Kinder werden künstlich klein gehalten, indem die Eltern und andere Menschen im Leben der Kinder viele Aufgaben übernehmen.

Übernehmen von Verantwortung setzt die Fähigkeit eigenverantwortlichen Denkens und Handelns voraus. Diese Fähigkeit zu fördern, ist eine der wichtigsten erzieherischen Aufgaben. Bei einer christlichen Erziehung betrifft dies dann auch den Glauben:

Erziehung zu einem mündigen Glauben.

Jugendliche sind Teil einer Kultur, die das gesamte zukünftige gesellschaftliche Leben beeinflussen wird. Deswegen ist es sehr wichtig, dass die Jugend auch eine Stimme hat, die gehört wird – auch in den Kirchen und Gemeinden. Wir brauchen engagierte Jugendliche, die sprachfähig und kreativ sind, um ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, und wir brauchen eine Kultur, die solche Jugendliche hervorbringt.

Teenager. Kein Kind mehr, aber auch noch nicht ganz erwachsen. Ein Vorrecht und eine wichtige Aufgabe der Jugend ist zu hinterfragen. Das Leben muss dahingehend abgeklopft werden herauszufinden, was zukunftstauglich ist. Ein Glaube und Traditionen, die Jugendliche nicht mehr erreichen, werden wohl bald in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Was ist mit den Teenagern los?

Diese Frage können wohl am besten die Teenager selbst beantworten. Und wir täten gut daran, hinzuhören …

 

Heilige Texte = gute Texte ?

 

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Der Anfang der Gutenberg-Bibel [Text von Hieronymus (* ca 347, † 420), Druck durch Johannes Gutenberg (* ca. 1400, † 1468), Illustrationen von verschiedenen Angestellten], public domain, via Wikimedia Commons

 

Die Frage selbst scheint schon ein bisschen blasphemisch und ein bisschen absurd: Wenn heilige Texte keine guten Texte sind, was dann?

Ich bin mit der Bibel aufgewachsen, und sie hat mich ein Leben lang begleitet. Wenn ich auf eine einsame Insel müsste und könnte nur  ein  Buch mitnehmen, wäre die Frage für mich nur,  welche Bibel-Ausgabe  ich mitnehme. Und doch gibt es immer noch Teile der Bibel, denen ich nicht viel abgewinnen kann. Liegt das an mir oder am Text?

Als ich in der Oberschule war, beschloss ich, in einem Jahr die Bibel durchzulesen, und ich hab es auch geschafft.  🙂  Ca. 3 Kapitel Altes Testament und 1 Kapitel Neues Testament pro Tag. Ich hätte natürlich auch einfach Alles von vorne bis hinten durchlesen können, aber ich wollte nicht so lange aufs Neue Testament warten müssen.

Manchmal war es so spannend, dass ich nach 3 Kapiteln gar nicht aufhören wollte, und andere Male war es ziemlich öde. – Darf man das überhaupt zugeben? – 3. Buch Mose / Leviticus / Wajikra ist für einen Teenager nicht unbedingt fesselnde Lektüre. – Wie wär’s mit etwas Harry Potter? Oder Stephen King?

Es ist allerdings auch eine absurde Vorstellung, dass antike heilige Texte für Kinder, Teenager oder auch Erwachsene spannende Lektüre sein müssen. Wenn man dies von den Texten oder deren Lesern verlangt, ist man in Gefahr, die Texte so verbiegen zu wollen, dass sie für den Leser interessant werden. Auch sich selbst oder anderen vorzumachen, dass man die biblischen Texte ganz toll findet, klingt nicht nach einer christlichen Strategie.

Oft habe ich es erlebt, dass man mit Gewalt versucht die Texte zu „aktualisieren“:

 

Dies sind aber die Namen der Männer, die euch beistehen sollen: von Ruben: Elizur, der Sohn Schedëurs; von Simeon: Schelumiël, der Sohn Zurischaddais; von Juda: Nachschon, der Sohn Amminadabs; von Issachar: Netanel, der Sohn Zuars; von Sebulon: Eliab, der Sohn Helons; von den Söhnen Josefs: von Ephraim: Elischama, der Sohn Ammihuds; und von Manasse: Gamliël, der Sohn Pedazurs; von Benjamin: Abidan, der Sohn des Gidoni; von Dan: Ahiëser, der Sohn Ammischaddais; von Asser: Pagiël, der Sohn Ochrans; von Gad: Eljasaf, der Sohn Deguëls; von Naftali: Ahira, der Sohn Enans.

(Die Bibel, Altes Testament, 4. Buch Mose / Numeri / Bemidbar, 1. Kapitel, Verse 5-15)

 

„Wie kannst du diese Verse heute praktisch in deinem Alltag anwenden?“

Die Gefahr, dass man gerade bei diesem Zitat „falsche Schlüsse“ zieht, ist sicherlich gering: Man „zieht“ wahrscheinlich einfach gar nichts. Für Bibelforscher vielleicht interessante Verse, aber wieviel Zeit und Nachschlagewerke braucht man, um von diesen Versen etwas für sein Leben zu lernen?

Bei anderen Versen ist es viel einfacher, etwas Praktisches abzuleiten:

 

Nun gebe ich dir noch einen persönlichen Rat: Trink nicht länger nur Wasser. Du bist so oft krank, und da würde etwas Wein deinem Magen gut tun.

(Neues Testament, Paulus‘ 1. Brief an Timotheus)

 

Das, was man hier lernen kann, scheint auf der Hand zu liegen. Bei anderen Versen, hingegen, ist es nicht ganz so einfach. Aber wenn man lange genug auf einem Vers herumgekaut hat, kann man da vielleicht auch etwas Brauchbares heraussaugen. Dies ist auch nicht unbedingt schlecht, aber die Frage ist, ob das, was man gelernt hat, der Text auch lehren wollte.

Selbst bei einem göttlichen Gebot, wie „Du sollst den Sabbat heiligen!“, kann ich mich fragen, ob das auch für mich heute gilt. (Gott hat es schließlich nicht direkt zu mir gesagt.) Und noch schlimmer wird es, wenn man jemand anderem einen Bibelvers unter die Nase reibt und behauptet: „Dies ist Gottes Wille für  dein  Leben heute !“

Man kann aus vielen Büchern irgendwelche mehr oder weniger guten Ideen ableiten – auch aus der Bibel. Wie kann ich aber überprüfen, ob ich einen biblischen Text auf eine sinnvolle Weise benutzt habe, bzw., ob ich ihn „richtig“ verstanden habe?

Was sind überhaupt  gute  Texte?  Was macht einen guten Text aus?  „Gut“ für was oder wen?

Das Prädikat „gut“ hat mindestens zwei Aspekte:

1. Hat es der Schreiber geschafft, das auszudrücken, was er sagen wollte? Hat der Herausgeber des Textes, den Text so veröffentlicht, dass er die gewünschte Wirkung erzielt hat? Hat der Text „funktioniert“?

2. Kann der Leser dem Text etwas Positives abgewinnen? Bewirkt das Lesen des Texts etwas Gutes im Leser?

Die erste Frage ist schwer zu beantworten, da wir nur wenig oder gar nichts über den unmittelbaren Zusammenhang der Texte wissen.

Die zweite Frage wird wohl am besten der Leser selbst beantworten können.

Texte werden auch nicht dadurch gut oder besser, dass sie jahrhundertelang verehrt werden. Im Gegenteil, macht der zeitliche Abstand zur Zeit der Entstehung das Verstehen immer schwieriger. Wer bestimmt überhaupt, welche Texte heilig sind? Und gibt es da Unterschiede oder sind alle heiligen Texte gleich heilig? Sind wir irgendwie in der Lage Prozent von Heiligkeit zu messen, oder ist es Gott allein, der sagen könnte, wie heilig ein Text ist? Ist Heiligkeit zeitlos oder hat sie ein Verfallsdatum?

Ein wesentliches Merkmal der abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) ist, dass sie die klassischen Buchreligionen verkörpern. Heilige Texte sind fundamental; in diesem Sinne sind auch alle drei Religionen fundamentalistisch. Deshalb ist die folgende Frage für alle drei Religionen von zentraler Bedeutung:

Können unsere heiligen Texte für den heutigen Menschen noch gute Texte sein? Oder anders formuliert: Wie muss man mit diesen Texten umgehen, damit sie für Menschen heute gut sein können?

Wir hätten gerne ein Paradies. Ein Schlaraffenland. Kein Stress. Mit Bedienung. Alles Inklusive. Rundum-Sorglos. Wir hätten auch gerne Texte, die uns einfache Antworten geben und alles für uns regeln. Nicht viel anstrengendes Nachdenken. Einfach umrühren – und fertig! Instant-Glauben aus der Bibel-Tüte. Das Leben ist schon anstrengend genug.

Deshalb ist die Bibel auch für manche Christen nicht mehr so attraktiv. Man liest lieber sein Andachtsbuch oder sein Kalender-Blättchen oder guckt einen christlichen Film. Man lässt andere für sich denken und Entscheidungen treffen, und lässt sich die Bibel und den christlichen Glauben erklären: „Es sage mir doch bitte jemand, was ich glauben und wie ich leben soll! Bibel und Theologie ist mir zu kompliziert.“

Die Verantwortung für die Entscheidungen in unserem Leben und in unserem Glauben kann uns kein Mensch und auch kein heiliger Text abnehmen. Die geistliche Reife eines Frommen drückt sich auch nicht darin aus, dass er die biblischen Texte möglichst wörtlich nimmt.

Gute Texte zeichnen sich dadurch aus, dass sie uns begleiten; uns auf unterschiedliche Art und Weise ein Stückchen weiter helfen. Sie bewahren uns vorm Absturz eher, indem sie uns in der Schwebe halten, als dass sie uns in ein Paradies retten, wo uns nichts mehr passieren kann. Sie helfen eher, indem sie unsere Situation erhellen, als dass sie die eindeutige Richtung weisen.

Das Lesen eines von Gottes Geist inspirierten oder benutzten Text kann zur inneren Klärung in meiner Seele beitragen. Der Zweck ist in erster Linie nicht ein Zuwachs an Wissen, sondern die Veränderung des  ganzen  Menschen im Sinne Gottes.

Es ist ja gerade eine erstaunliche Tatsache bzgl. der Bibel, dass diese Texte bis heute gelesen, studiert und geschätzt werden. Es gibt biblische Texte, die Kinder mögen, und Texte, die Professoren mit Begeisterung studieren. Es gibt wohl kaum ein zweites Buch, mit dem Menschen sich so intensiv beschäftigt haben, und das schon für so viele Menschen ein Lebensbegleiter gewesen ist.

Eine abergläubische Verehrung der Bibel und ein schlechter Umgang mit ihren Texten erschweren leider so manchen Lernprozess. Die biblischen Texte sind für uns heute immer noch ein großer Schatz; aber wie wir mit ihnen umgehen, ist entscheidend dafür, ob diese Texte gut für uns sind, oder nicht. Kein Text ist so heilig, dass er nicht auch missbraucht werden und Schaden anrichten kann.

Für mich als Christ sind die biblischen Texte vor allem gut, weil ich durch sie Jesus kennenlerne. Dazu ist eines der Evangelien dann sicherlich auch besser geeignet als z.B. Numeri / 4. Buch Mose. Aber alle biblischen Texte sind Zeugnisse der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Und vor diesem Hintergrund fange ich dann auch an zu verstehen, wer Jesus war, wie er gelebt hat, was er wollte und warum er eine solche Wirkung hatte, dass heute auf der ganzen Welt eine gute Nachricht über ihn verbreitet wird.

Wenn wir doch bloß gute, verstehbare Worte finden könnten für die Menschen unserer Welt heute. Worte, die neugierig machen. Worte eines Vetrauens, wie es Jesus gelehrt und vorgelebt hat:

 

Dein Vertrauen hat dir geholfen.

(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 22,9)

 

Spucke, ein Schuh, „Barfüßer“ und Todesstrafe bei Coitus Interruptus

 

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Judaic halizah shoe for declining to marry a childless widow, United States, NY, shoe museum, by Daderot (Own work) [CC0], via Wikimedia Commons

 

Klingt etwas krass – kann man aber in seiner Bibel nachlesen:

 

Juda nahm dann für seinen erstgeborenen Sohn Ger eine Frau namens Thamar. Aber Ger, der Erstgeborene Judas, zog sich das Missfallen des HERRN zu; daher ließ der HERR ihn sterben. Da sagte Juda zu Onan: »Gehe zu der Frau deines Bruders ein und leiste ihr die Schwagerpflicht, damit du das Geschlecht deines Bruders fortpflanzest!« Da Onan aber wusste, dass die Kinder nicht als seine eigenen gelten würden, ließ er, sooft er zu der Frau seines Bruders einging, (den Samen) zur Erde fallen, um seinem Bruder keine Nachkommen zu verschaffen. Dieses sein Tun missfiel aber dem HERRN, und so ließ er auch ihn sterben.

(Die Bibel / Tanach, Tora, Bereschith / Genesis / 1. Mose, 38. Kapitel, Verse 6-10)

 

Die Hauptfigur dieser Erzählung ist eigentlich eine Frau: Tamar. „Berühmt“ geworden ist diese Erzählung allerdings durch den Begriff „Onanie“, eine alternative Bezeichnung für Masturbation, abgeleitet von dem Mann Onan in dieser Erzählung, der von Gott mit dem Tode bestraft wird.

Onan hat allerdings weder masturbiert, noch wurde er bestraft, weil er Coitus Interruptus praktiziert hat, sondern er wurde bestraft, weil er seiner verwitweten Schwägerin keine Kinder machen wollte. Dieser Text hatte leider in der Geschichte „christlicher“ Sexualethik keine gute Wirkungsgeschichte; wie so manch anderer Text auch.

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Es geht in dieser Erzählung also weder um Masturbation noch um Coitus Interruptus, sondern um die Verweigerung Onans, seiner verwitweten Schwägerin, und damit seinem verstorbenen Bruder, Kinder zu machen. Man spricht hier auch von „Schwagerehe“ oder „Leviratsehe„, zu der auch ein paar andere Verse in der Tora etwas zu sagen haben:

 

Wenn ein verheirateter Mann kinderlos stirbt und in der Nähe ein Bruder von ihm lebt, muss dieser die Witwe zur Frau nehmen. Sie soll keinen Mann außerhalb der Familie heiraten, sondern ihren Schwager. Der erste Sohn, den sie dann zur Welt bringt, soll als Sohn des Verstorbenen gelten, damit sein Name in Israel weiterlebt. Will aber der Bruder seine Schwägerin nicht heiraten, dann soll sie zu den führenden Männern gehen, die am Stadttor Gericht halten. Sie soll sagen: »Mein Schwager weigert sich, mich zu heiraten. Er will nicht dafür sorgen, dass der Name seines Bruders weiterlebt.« Die führenden Männer der Stadt sollen ihn rufen und ihn zur Rede stellen. Bleibt er bei seiner Ablehnung, dann soll seine Schwägerin ihm dort vor den führenden Männern einen Schuh ausziehen, ihm ins Gesicht spucken und ausrufen: »So behandelt man jemanden, der die Familie seines Bruders nicht am Leben erhalten will.« Ganz Israel soll es erfahren und ihn und seine Familie von da an
»Barfüßer« nennen.

(Die Bibel / Tanach, Tora, Devarim / Deuteronomium / 5. Mose, 25,5-10)

 

Besonders interessant ist diese Regelung, da sie moderne „christliche“ Moralvorstellungen vom Sex in einer monogamen Beziehung etwas stört. Der Bruder, der seine verwitwete Schwägerin heiraten soll, wird, wenn er alt genug gewesen ist, in der Regel zur damaligen Zeit auch schon verheiratet gewesen sein. Dennoch soll er, auf Gottes Gebot hin, seine Schwägerin heiraten, ohne dass dies als Ehebruch gewertet wird oder moralisch verwerflich ist. Im Gegenteil, wird die  Verweigerung  dieser moralischen und religiösen Pflicht als verwerflich eingestuft und entsprechend geahndet.

Dies ist selbstverständlich KEIN Freibrief für Sex außerhalb einer Beziehung. Die Regelung zeigt aber, dass es in der Bibel kein durchgehendes ABSOLUTES Verbot für Sex außerhalb einer monogamen Beziehung gibt, bzw. auch Polygamie in der Tora für diesen Fall möglich war. Die gesamte Vorstellung mancher Konservativen, dass sich das Sexualverhalten von Christen eindeutig durch Bibelverse regeln lässt, ist an sich natürlich schon eine abenteuerliche Vorstellung.

 

Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

(Die Bibel, Neues Testament, 1. Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth 6,12)

Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf. Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die anderen.

(1. Korintherbrief 10,23-24)

 

Die Frage: „Wie weit darf ich denn gehen ohne gegen Gottes Willen zu verstoßen?“ verrät an sich schon ein schlechtes Verständnis von der Freiheit eines Christen. Vor Gott hat ein Christ  volle  Freiheit und  volle  Verantwortung.