berühren

 

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Säugling während des Stillens, Foto von Petr Kratochvil via Wikimedia Commons – public domain

 
Wir verlieren uns schnell in Gedanken und Argumentationen, führen endlose Diskussionen im Kopf und mit anderen Menschen, bleiben hängen in immer wieder denselben Gedankengängen …

Wenn wir versuchen, dicht an einfachen menschlichen Erfahrungen zu bleiben, kann uns das vielleicht davor bewahren, uns in Theorien zu verirren.

Eine der grundlegendsten menschlichen Erfahrungen ist die Berührung und das Berührt-werden. – Notwendig zum Überleben.

 

fühlen

Schon der kleine neue Mensch, der im Bauch der Mama wächst, fühlt. Wahrnehmungen füttern das Gehirn mit Informationen, und die Eindrücke werden zu den ersten Erinnerungen von der Umwelt.

Nach der Strapaze der Geburt – noch bevor das Neugeborene richtig sehen kann – erlebt es Berührungen und Haut; Hände, die es halten und streicheln, und den Körper der Mutter, der ihm alles gibt, was es braucht.

Erwachsene sind gegenüber Kindern übermächtig; und Eltern gehören zu den ersten Allmächtigen, welche sie kennenlernen. Kinder werden berührt und lernen zu berühren.

 

Wohin soll ich gehn vor deinem Geist,
wohin vor deinem Antlitz entlaufen!

.

Ob ich den Himmel erklömme, du bist dort,
bettete ich mir das Gruftreich, da bist du.

.

Erhübe ich Flügel des Morgenrots, nähme Wohnung am hintersten Meer,
dort auch griffe mich deine Hand, deine Rechte faßte mich an.

.

Spräche ich: »Finsternis erhasche mich nur, Nacht sei das Licht um mich her!«,
auch Finsternis finstert dir nicht, Nacht leuchtet gleichwie der Tag,
gleich ist Verfinsterung, gleich Erleuchtung.

.

Ja, du bists, der bereitete meine Nieren, mich wob im Leib meiner Mutter!
Danken will ich dir dafür, daß ich furchtbar bin ausgesondert:
sonderlich ist, was du machst, sehr erkennts meine Seele.

.

Mein Kern war dir nicht verhohlen, als ich wurde gemacht im Verborgnen, buntgewirkt im untersten Erdreich,

.

meinen Knäul sahn deine Augen, und in dein Buch waren all sie geschrieben,
die Tage, die einst würden gebildet, als aber war nicht einer von ihnen.

.
(Bibel / Tanach / Altes Testament, Psalm 139, Verse 7-16)

 

Haut

Berührungen werden durch die Haut vermittelt. Haut an Fingern, Händen, Füßen, Kopf, …

Die Haut. Das größte Organ. Sie schützt uns und ist gleichzeitig eine durchlässige Membrane zwischen Innen und Außen. Sie grenzt uns ab und vermittelt Wahrnehmungen aus der Welt um uns her …

 

 

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„Got you, daddy!“ von Clarence Goss, USA, via Wikimedia Commons (Flickr: Got You Daddy) – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

Hände und Händehalten

Es gibt kaum etwas Niedlicheres als die Finger und Fingernägel von Babys. Und später sind es diese Hände, die die Kinder überall drin haben, und greifen und be-greifen.

Berührungen erhalten ihre Wirkung durch den Zusammenhang. Das Händchenhalten in der Kita fühlt sich für die Kinder anders an, als später das Händehalten mit Freundin oder Freund.

Der Handschlag mit dem neuen Geschäftspartner fühlt sich anders an als das Händeschütteln mit einem alten Freund. Und wenn sich Sportler nach einem Tor in die Arme fallen, ist das anders, als wenn man einen Trauernden in den Arm nimmt.

Wir berühren einander in den Rollen, die wir ausfüllen – und das muss kein künstliches Schauspielern sein. Auch der aufrichtigste und natürlichste Mensch ist in Beziehungen eingebunden, in denen er (s)eine Rolle spielt.

 

Sehende und hörende Hände

Blinde sehen mit den Händen, und Taubstumme können mit den Händen die Sprache erlernen. Und ein alter, sterbender Mensch, der schon blind und taub ist, spürt doch noch eine Berührung, einen Händedruck und ein Händehalten.

 

rühren

In „Berührung“ steckt „rühren“. Das Wort „rühren“ hat mit  Bewegung  zu tun. Berührungen können etwas in Gang setzen: Gedanken, Gefühle, Menschen … – Unsere Worte und Blicke können andere Menschen tief berühren.

 

Blicke, die unsere Seele berühren

Wir können mit Blicken etwas „ab-tasten„. – Auf Neu-Deutsch: Wir „scannen“ unsere Umgebung.

Die Blicke oder die Stimme eines Anderen – oder  einer  Anderen – können mein Herz bewegen und es schneller schlagen lassen, und in meiner Seele rühren …

 

Dein blaues Auge hält so still,
Ich blicke bis zum Grund.
Du fragst mich, was ich sehen will?
Ich sehe mich gesund.

Es brannte mich ein glühend Paar,
Noch schmerzt das Nachgefühl;
Das deine ist wie See so klar
Und wie ein See so kühl.

.
.
(Klaus Groths Gesammelte Werke. Vierter Band. Plattdeutsche Erzählungen – Hochdeutsche Gedichte, Kiel und Leipzig, Verlag von Lipsius & Tischer, 1893, S. 176)

 

*

 

Zart wie Windhauch – Wenn Gott uns berührt …

 

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Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle), Foto von Jörg Bittner Unna (Own work) via Wikimedia Commons – CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

 

… Am Tag, da ER, Gott, Erde und Himmel machte,noch war aller Busch des Feldes nicht auf der Erde, noch war alles Kraut des Feldes nicht aufgeschossen, denn nicht hatte regnen lassen ER, Gott, über die Erde, und Mensch, Adam, war keiner, den Acker, Adama, zu bedienen: aus der Erde stieg da ein Dunst und netzte all das Antlitz des Ackers, und ER, Gott, bildete den Menschen, Staub vom Acker, er blies in seine Nasenlöcher Hauch des Lebens,und der Mensch wurde zum lebenden Wesen.

.
(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschith / Genesis / 1. Mose 2. Kapitel, Verse 4-7)

 

Der Geist Gottes, der Heilige Geist, ist ein Lebensspender. Gottes Hauch macht Totes lebendig, und drängt in allem Lebendigen zu Wachstum und Segen und dem Wohl der Schöpfung. – Leben, Generation nach Generation.

Menschen können sich glücklich schätzen, wenn sie als Kinder durch Berührungen Liebe kennengelernt haben – und nicht Missbrauch:

Zart war ich, bitter war’s

Familien sollten die Orte sein, wo Menschen sich sicher und Zuhause fühlen und den Segen Gottes erfahren. Orte, wo der Geist der Liebe, als unsichtbares Band, die Generationen mit einander verbindet.

Liebe. Geist. Lebenshauch. – Flüchtig, nicht greifbar, und doch lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen.

 

 

*

 

… er hauchte sie an und sagte: „Empfangt den Heiligen Geist!“
.
„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie nicht vergebt, dem sind sie nicht vergeben.“
.
.
(Johannes-Evangelium 20,22-23)

 

Jesus

Jesus hatte viele Berührungen mit Menschen – im übertragen Sinn und auch buchstäblich.

Bei einer Erzählung von Jesus spielen Berührungen eine besondere Rolle:

 

… Auf dem Weg … drängte sich die Menge um Jesus. Darunter war auch eine Frau, die seit zwölf Jahren an starken Blutungen litt. Ihr ganzes Vermögen hatte sie für die Ärzte aufgewendet, doch niemand hatte sie heilen können. Sie kam von hinten heran und berührte einen Zipfel seines Gewandes.

Sofort hörte die Blutung auf. „Wer hat mich berührt?“, fragte Jesus. Doch niemand wollte es gewesen sein.

Petrus sagte: „Rabbi, die Menge drängt und drückt dich von allen Seiten!“ Doch Jesus bestand darauf: „Es hat mich jemand angerührt, denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.“

Als die Frau sah, dass sie nicht verborgen bleiben konnte, fiel sie zitternd vor Jesus nieder. Vor allen Leuten erklärte sie, warum sie ihn berührt hatte und dass sie im selben Augenblick geheilt worden war.

„Meine Tochter“, sagte Jesus da zu ihr, „dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“

.
(Die Bibel, Neues Testament, Lukas-Evangelium, 8. Kapitel, Verse 42-47)

 

„Na, warte mal ab! Wie kannst du dir da so sicher sein, dass du geheilt worden bist? Vielleicht ist das ja jetzt nur die Aufregung, und wenn du wieder alleine Zuhause sitzt, ist wieder alles beim Alten: ein ewiges Ausbluten.“

 

Der Erzähler der biblischen Geschichte teilt solch menschliche Skepsis nicht. Für ihn ist ganz klar: Jesus  ist  so! Und wenn Menschen ihn berühren, werden sie gesund.

Berührung kann Kraft kosten und Kraft geben, und Menschen heil werden lassen.

 

Berührungs-Stress

Be-gegen-ungen zwischen Menschen sind oft anstrengend. Mit unseren Augen ver-hand-eln wir unsere Blick-Kontakte, und Augen, die uns anstarren, machen uns nervös. Blicke können Körper und Seelen begrabschen …

Ein Blick kann uns treffen und verletzen; und die strafenden Blicke der Eltern halten die Kinder auf rechter Bahn …

Auch das  Wort  eines Anderen kann uns treffen oder berühren. Wir ringen um Worte, liefern uns Wortgefechte im Schlag-Abtausch oder fummeln uns mit schleimigen Worten in die Seele eines anderen.

Menschen kosten Kraft. Schon eine Begrüßung kann bei manchen Menschen in Stress ausarten: „Sag ich einfach ‚Hallo‘ oder gebe ich die Hand?“ – „Was mach ich, wenn der andere mich umarmt?“ – „Kränke ich jemand, wenn ich nicht umarme?“

Menschen. – Wir können nicht ohne sie leben, und nicht mit ihnen.

Ich habe mein ganzes Leben bisher als moderner Stadtmensch gelebt – in der Anonymität einer Großstadt. Mein Leben berührt ständig das Leben anderer Menschen, und mein eigenes wird berührt: Ein flüchtiger Blick in der U-Bahn oder auf der Straße, ein Lächeln, …

Vor Jahren sah ich einmal ein Plakat, das funktionierte ungefähr so:

 

gemEINSAMkeit

 

Leben, einfach

Für manche Menschen heutzutage ist das eigentlich ganz normale Leben schon zu etwas Seltenem geworden: Zeit mit Familie und echten Freunden verbringen – berühren und berührt werden. Einfach leben.

Wie wäre es, wenn wir selbst in unserer Seele gesund würden, und Menschen, deren Leben durch unsers berührt wird, Heilung erfahren? – Vertrauen  hatte die Frau, die Jesus berührt hat, gesund werden lassen.

 

Berührt werden und berühren

Die Episode mit der gesund-gewordenen Frau ist nur ein Ausschnitt der  ganzen  Geschichte. Hier nun die vollständige Erzählung:

 

Als Jesus ans andere Ufer zurückkam, empfing ihn eine große Menschenmenge, denn sie hatten auf ihn gewartet. Da kam ein Synagogenvorsteher zu ihm, namens Jaïrus. Er warf sich vor ihm nieder und bat ihn, in sein Haus zu kommen, weil seine einzige Tochter, ein Mädchen von zwölf Jahren, im Sterben lag.

Auf dem Weg dorthin drängte sich die Menge um Jesus. Darunter war auch eine Frau, die seit zwölf Jahren an starken Blutungen litt. Ihr ganzes Vermögen hatte sie für die Ärzte aufgewendet, doch niemand hatte sie heilen können. Sie kam von hinten heran und berührte einen Zipfel seines Gewandes.

Sofort hörte die Blutung auf. – „Wer hat mich berührt?“, fragte Jesus. Doch niemand wollte es gewesen sein.

Petrus sagte: „Rabbi, die Menge drängt und drückt dich von allen Seiten!“ Doch Jesus bestand darauf: „Es hat mich jemand angerührt, denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist.“

Als die Frau sah, dass sie nicht verborgen bleiben konnte, fiel sie zitternd vor Jesus nieder. Vor allen Leuten erklärte sie, warum sie ihn berührt hatte und dass sie im selben Augenblick geheilt worden war.

„Meine Tochter“, sagte Jesus da zu ihr, „dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“

Während Jesus noch mit ihr sprach, kam jemand aus dem Haus des Synagogenvorstehers und sagte zu Jaïrus: „Deine Tochter ist gestorben. Du brauchst den Rabbi nicht weiter zu bemühen.“

Jesus hörte es und sagte zu dem Vorsteher: „Hab keine Angst! Vertrau mir, dann wird sie gerettet werden!“

Er ging in das Haus, erlaubte aber niemand, ihn zu begleiten, außer Petrus, Johannes und Jakobus und den Eltern des Kindes. Das ganze Haus war voller Menschen, die laut weinten und das Mädchen beklagten. „Hört auf zu weinen!“, sagte Jesus zu ihnen. „Das Kind ist nicht tot, es schläft nur.“

Da lachten sie ihn aus, denn sie wussten, dass es gestorben war. Doch Jesus fasste es bei der Hand und rief: „Kind, steh auf!“ Da kehrte Leben in das Mädchen zurück und es stand gleich auf. Jesus ordnete an, ihr etwas zu essen zu geben.

 

Die Kleine hatte bestimmt großen Hunger.

Eine rührende und berührende Geschichte. – „Jesus fasste es bei der Hand.“ Jesus zieht einen kleinen Menschen aus der Unterwelt zurück ins Leben und verwandelt Trauer und Verzweiflung in Freude und Glück.

Leben aus dem Tod.

 

Salben & Segnen

Auch bei einer anderen Erzählung in den Evangelien spielt Berührung eine Rolle. Hier kostet sie nicht nur Kraft, sondern ist auch in höchstem Maße peinlich. – Allerdings für wen?

„Jesus und die Sünderin“:  EINE BEGEGNUNG, DIE ALLES VERÄNDERTE – DAS GLEICHNIS VON DEN BEIDEN SCHULDNERN  (LK 7,36-50)  |  (Worthaus 1.2.1)

 

Segnen, salben („Christus“ = Messias = hebr. „Maschiach“ = Gesalbter) und Handauflegung spielt in biblischen Texten immer wieder eine Rolle.

Bei Berührungen passiert etwas zwischen Menschen, und das Leben und die Zukunft verändern sich.

 

Heiliges Küssen

Im Römerbrief geht es um Gott und die Welt, Himmel und Hölle, Menschenkrampf und göttliches Leben in heiligem Geist. Und ausgerechnet der Römerbrief endet mit einer langen Liste von Grüßen und mit den Worten:

 

Begrüßt einander mit dem heiligen Kuss …

.
(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom, 16,16)

 

Bibel. Jetzt. (8) – Kontext, Kontext, Kontext

 

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Leinengewebe, by Dee.lite [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Zeit und Fantasie sind wichtig zum Verstehen der Bibel („Bibel. Jetzt.“, Teil 1+2). Kontext ist auch wichtig, und Kontext bedeutet „Zusammenhang“. Ich hätte also schreiben können: Zusammenhang, Zusammenhang, Zusammenhang – etwas mühsam.

 

… So hat es euch ja auch unser lieber Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben, und dasselbe sagt er in allen Briefen, wenn er über diese Dinge spricht. Einiges in seinen Briefen ist allerdings schwer zu verstehen …
.
(Bibel, Neues Testament, Zweiter Brief von Petrus, 3, Kapitel, Verse 15-16)

 

Kontext

Wikipedia erklärt:

 

„Kontext (Sprachwissenschaft), alle Elemente einer Kommunikationssituation, die das Verständnis einer Äußerung bestimmen“

 

Kontext spielt eine Rolle, wenn man miteinander redet und auch wenn man Texte liest. „Kontext“ ist alles, was für das Verstehen einer Äußerung wichtig ist. Man spürt, was damit gemeint ist, wenn man einen Brief (oder E-Mail) schreibt. Während ich schreibe, frage ich mich: Wird der andere das auch so hören, wie ich es sage? – Er hört ja gar nicht den Ton meiner Stimme, sieht nicht das Lächeln oder das Zwinkern mit den Augen …

 

Was würde ich darum geben, gerade jetzt bei euch zu sein und im Gespräch mit euch den richtigen Ton zu finden! Denn ich weiß mir keinen Rat mehr mit euch.

.

(Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Christen in Galatien, 4,20)

 

Missverständnisse

Und manchmal gibt es Missverständnisse. Ironie ist besonders problematisch. Und das Konservieren von Gedachtem oder Gesprochenem in einem Text funktioniert nicht immer perfekt. Es geht meistens etwas verloren.

 

 Ja, es ist offensichtlich, dass ihr ein Brief seid, den Christus selbst verfasst hat und der durch unseren Dienst zustande gekommen ist. Er ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, und die Tafeln, auf denen er steht, sind nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut; es sind die Herzen von Menschen.

.

(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,3)

 

Mit einem Text beim Leser die gewünschte Wirkung zu erzielen ist eine Kunst, und je größer und vielfältiger die Leserschaft desto schwieriger. Je größer der zeitliche und kulturelle Abstand desto schwieriger.

 

Versuche der Rekonstruktion von schriftlicher Kommunikation

Dies alles ist keine spezifisch biblische oder theologische Problematik. Sie ist rein sprachlich. Es ergeben sich aus ihr allerdings wichtige Fragen an die Auslegung aller religiösen Texte, gerade auch die Auslegung der sehr alten:

Inwieweit lässt sich überhaupt der Kontext rekonstruieren? Wie kann man sie heute noch verstehen? Wie wahrscheinlich ist es, dass wir sie richtig verstehen, oder: Wie können wir überprüfen, ob wir richtig verstanden haben? …

Allein diese paar Fragen sollten schon deutlich machen, wie vorsichtig wir mit Formulierungen sein sollten, wie „die Bibel sagt…“ oder „aus der Bibel kann man lernen …“

 

Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.

(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Ein anderer Weg

Und noch eine ganz wichtige Frage: Gibt es vielleicht noch einen anderen Zugang zur Bibel als den „wissenschaftlichen“, theoretischen? Wie können wir als „Laien“ oder auch als Profis sinnvoll mit der Bibel umgehen?

 

… bloßes Wissen macht überheblich. Was uns wirklich voranbringt, ist die Liebe.

.

(Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 8,1)

 

[Fortsetzung folgt … (hoffentlich).]

 

Zurück zu:  Bibel. Jetzt. (7)  –  Ähnliches Thema:  GANZHEITLICHES BIBELVERSTÄNDNIS

 

Wenn heilige Texte zu heilsamen Texten werden …

 

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Gebiete mit vorherrschend abrahamitischen (rosa) oder dharmischen (gelb) Religionen; von Dbachmann via Wikimedia Commons [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en]

 

„Heilige Texte“ …

… gibt es nicht nur im Christentum. Von allen Religionen sind es allerdings besonders das Judentum, das Christentum und der Islam (die „abrahamitischen“ Religionen), welche als „Buch-Religionen“ bekannt sind. So schreibt z.B. Wikipedia (es gibt einen ganzen Wikipedia-Artikel zum Thema Buchreligion!):

 

Der klassische Typ der Buchreligion wird durch Judentum, Christentum und Islam verkörpert.

(Wikipedia)

 

„heilig“

Seit wann werden überhaupt  Texte  als  „heilig“  bezeichnet?  Gott selbst, der Absolute, ist doch eigentlich der Heilige. – Kultische Gegenstände werden allerdings auch als heilig bezeichnet (nachzulesen z.B. in der Tora). Wenn man hingegen sich z.B. den 119. Psalm anschaut, immerhin ein Loblied auf die Tora, scheint das Wort „heilig“ dort überhaupt nicht vorzukommen.

Ist der sprachliche Ausdruck „heiliger Text“ schon das Ergebnis einer längeren Entwicklung antiker jüdischer Frömmigkeit? Inwieweit entspricht der Begriff überhaupt jüdischer Frömmigkeit und wo übertragen wir „christliche“ Konzepte von einem heiligen Buch (unserer Bibel) auf das Judentum?

 

heil-sam

Fragen, Fragen, Fragen, … – Oft sind die Dinge nicht mehr so einfach, wenn man dichter herangeht und genauer hinschaut.

Damit unsere heiligen Texte zu heilsamen Texten werden können, müssen wir einen unangemessenen, un-heil-vollen und ungesunden Umgang mit ihnen beenden. Gegenstand eines gesunden Glaubens ist Gott, und nicht ein Götze. (Auch nicht einer aus Papier.)

 

Natürlich bin auch ich nur ein Mensch, aber ich kämpfe nicht mit menschlichen Mitteln. Ich setze nicht die Waffen dieser Welt ein, sondern die Waffen Gottes. Sie sind mächtig genug, jede Festung zu zerstören, jedes menschliche Gedankengebäude niederzureißen, einfach alles zu vernichten, was sich stolz gegen Gott und seine Wahrheit erhebt.
Alles menschliche Denken nehmen wir gefangen und unterstellen es Christus, dem es gehorchen muss.
.
(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ zweiter Brief an die christliche Gemeinde in Korinth, 10. Kapitel, Verse 3-5)

 

fundamentalistisch

Heilige Texte sind von fundamentaler Bedeutung für die abrahamitischen Religionen. In  diesem  Sinn wären alle drei dann auch „fundamentalistisch“.

Das Verhältnis von jüdischen, christlichen und muslimischen Gläubigen zu ihren heiligen Texten ist allerdings vielfältig und vielschichtig, und ich bezweifle, dass sie alle sich gern mit dem Begriff „Buchreligion“ identifizieren würden. Ziel unseres Glaubens ist doch der Schöpfer des Universums selbst, die Quelle des Lebens, und nicht ein Buch.

 

Wer an Gott glaubt, wird göttlich; wer an ein Buch glaubt, wird ein Bücherwurm. – Wir werden zu dem, das wir hingebungsvoll verehren.

 

Insbesondere hat man das Wesen des Christentums mit dem Begriff „Buchreligion“ nicht gut erfasst, denn zumindest das frühe Christentum hatte noch keine christliche Bibel. (Ich warte immer noch darauf, dass mir jemand sagt, wann denn zum ersten Mal jemand eine christliche Bibel in der Hand gehalten hat. – Hab es selbst leider noch nicht herausgefunden.)

 

 Jetzt aber, wo wir dem Gesetz gegenüber gestorben sind, das uns gefangen hielt, unterstehen wir ihm nicht länger. Wir stehen jetzt im Dienst einer neuen Ordnung, der des Geistes, und unterstehen nicht mehr der alten Ordnung, die vom Buchstaben des Gesetzes bestimmt war.

(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom, 7,6)

 

Licht und Schatten

Die fundamentale Bedeutung von heiligen Texten hat positive und negative Aspekte, Licht und Schatten. (Manche kriegen bei dieser Vorstellung wahrscheinlich schon eine Krise. Dies zeigt wie groß unser Bedürfnis nach einem vollkommenen Nachschlagewerk ist.)

Dies ist an sich auch keine besondere Eigenschaft heiliger Texte. Was wir als Menschen schaffen, hat immer (mindestens) zwei Seiten.

Wir sind so verloren, verirrt, schwach und bedürftig, dass wir uns so gerne an etwas Heilem, Vollkommenen, Soliden festhalten möchten. Die Gefahr ist groß, dass wir versuchen uns selber das zu erschaffen, wonach wir uns sehen.

 

Aber der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht (Jesaja 66,1-2):
»Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen«, spricht der Herr, »oder was ist die Stätte meiner Ruhe?
.
(Neues Testament, Apostelgeschichte 7,48-49)

 

aus dem Zusammenhang gerissen

Ein negativer Aspekt bei heiligen Texten ist, dass Texte immer nur ein kleines Bruchstück der ursprünglichen Kommunikation konservieren. Dies ist, im Übrigen, ein entscheidendes Problem jeglicher Verschriftlichung von Kommunikation, dass es sich immer nur um einen Ausschnitt, eine Reduzierung der Wirklichkeit auf Text handelt.

Die Funktion von Kommunikation, die Bedeutung und Wirkung von Worten, ergibt sich immer erst durch den Zusammenhang. Wenn z.B. jemand sagt „Halt die Klappe!“, wissen wir nur durch den Zusammenhang, ob dies eine Aufforderung ist, leise zu sein, oder ob es buchstäblich um das Halten einer Klappe geht.

Bei Verschriftlichung wird Kommunikation auf Buchstaben reduziert und erstarrt als Text, während das Leben weitergeht. Der gesamte außertextliche Zusammenhang (Umstände des Verfassens / Situation, Kenntnisse von Verfasser und Empfänger über einander, kulturelle Bedingungen, Zeitgeschichte, …), der uns erklärt, wie der Text zur Zeit, als er verfasst wurde, gemeint war und wie er genau funktioniert hat, geht immer mehr verloren. Texte können überliefert werden – die komplexen Lebensumstände menschlicher Existenz, in der sie entstanden sind, nicht (nicht vollständig).

 

 Ich hätte euch noch vieles mitzuteilen, aber ich möchte es nicht mit Papier und Tinte tun. Vielmehr hoffe ich, euch demnächst besuchen zu können. Dann werden wir Gelegenheit haben, persönlich miteinander zu reden, …

(2. Brief des Johannes, Vers 12)

 

Je weiter der Leser von der ursprünglichen Kommunikation räumlich und zeitlich entfernt ist, desto schwieriger wird es. Nur das, was mit den Buchstaben einer Schrift auf einem Schreibmaterial codiert werden kann, wird überliefert und bleibt erhalten. Die Texte entfernen sich immer mehr vom Leben – sowohl vom Leben, als sie entstanden sind, als auch vom Leben des Lesers, der sie viel später liest.

Es braucht mühsame historische und literaturwissenschaftliche Arbeit, um sich einen Teil des außertextlichen Zusammenhangs wieder zu erschließen – und auch das geht nur unter Vorbehalt, denn auch unser Wissen über die Zeitgeschichte der Texte und die Umstände, unter denen sie verfasst wurden, bleibt natürlich immer unvollständig, und der Laie ist hier auf die Arbeit von Experten angewiesen.

Wenn wir glauben, dass Gott sich zu konkreten Zeitpunkten in der Vergangenheit, in historischen Situationen und unter den gegebenen Bedingungen offenbart hat und dass dies schriftlich zum jeweiligen Zeitpunkt in der gerade aktuellen Version einer Sprache festgehalten wurde, dann sollten wir auch einräumen, dass ein großer Teil dieser Kommunikation nicht sicher rekonstruierbar ist.

Noch nicht einmal die Sprache, in der Texte verfasst werden, bleibt gleich. Moderne Griechen können z.B. die altgriechischen Texte des Neuen Testaments nicht mehr richtig lesen und verstehen, und wir brauchen Sprachwissenschaftler, um uns unsere modernen Übersetzungen zu machen.

Es gäbe keine einzige gute Bibelübersetzung, wenn es nicht entsprechend kundige Leute mit „Spezialwissen“ gegeben hätte. – Und wie überprüfen wir überhaupt, was eine gute Übersetzung ist? Wir können ja beim Verfasser nicht rückfragen, ob wir ihn auch richtig verstanden haben!

 

… Stückwerk ist unser Erkennen, …
Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse …
(Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth 13, 9-12)

 

nicht vom Himmel gefallen

Keiner der jüdischen oder christlichen heiligen Texte präsentiert sich als ein Text, der vom Himmel gefallen ist. Alle diese Texte sind irgendwann einmal aufgeschrieben und danach weiter überliefert worden. Im Prozess der Überlieferung sind auch zumindest kleinere und vielleicht/wahrscheinlich auch größere Veränderungen vorgenommen worden, und in den meisten biblischen Texten wird kaum etwas zur Erstellung des endgültigen Textes gesagt.

 

„Göttliche Autorität“ am Beispiel Lukas-Evangelium

Das Lukas-Evangelium im Neuen Testament fällt auf, denn der Verfasser sagt am Anfang etwas darüber, warum er diesen Text verfasst hat. (Die anderen drei Evangelien tuen dies nicht.) Er bezieht sich ausdrücklich auf ältere Quellen, sagt aber nichts zu einem göttlichen Auftrag oder göttlicher Inspiration.

Da fragt man sich dann schon, woher z.B. die evangelische Allianz ihr Bekenntnis zur Bibel hat:

 

Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.

 

Hat man sich da vielleicht selber etwas gemacht, das man gerne hätte?

Die evangelische Allianz hat dies natürlich auch nicht neu erfunden, sondern steht damit selbst in einer noch älteren Tradition.

 

Keine unbeschriebenen Blätter

Kein Leser ist ein unbeschriebenes Blatt. Wir haben alle schon unsere persönliche und kulturelle Prägung und unsere Meinungen, Überzeugungen und Vorverständnisse, wenn wir anfangen, unsere heiligen Texte zu lesen.

Es gibt allerdings Hilfsmittel, um sich dessen bewusst zu werden. So hilft der Ansatz der Integralen Theologie das eigene Denken und die biblischen Texte in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Auch Bücher von Theologen, wie „Update für den Glauben“ von Klaus-Peter Jörns oder die Bücher von Paul R. Smith können helfen, einen frischen Blick auf die alten Texte zu bekommen.

 

Der Lesende als der Ort der Offenbarung

Wichtiger noch, als die Frage, was denn genau in den Texten steht, ist die Frage, wie wir sie lesen und wie wir mit ihnen umgehen. (Hab dazu mal eine kleine „Bibel-Serie“ angefangen.) Wenn man heilige Texte instrumentalisiert und als Waffen verwendet, wird menschliche Gemeinschaft zum Schlachtfeld religiöser Argumente.

Ob durch diese Texte auch heute noch etwas Gutes mit uns passieren kann, das kann jeder ausprobieren. Positive Wirkungen des Lesens könnten die beste Werbung für die Texte sein.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
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(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

zeitlose Wahrheit

Es ist selbstverständlich die Überzeugung der abrahamitischen Religionen, dass in diesen Texten etwas überliefert worden ist, das zeitlose Bedeutung hat. Mit dieser Überzeugung bewegen wir uns jetzt allerdings auf der Ebene des Glaubens; ein wissenschaftlicher Zugang kommt hier an seine Grenzen. Die Frage, was wir denn glauben  wollen, schwingt hier immer mit und ist für jeden von uns, egal ob fromm, Atheist, Agnostiker oder irgendwas anderes, eine ganz ent-scheidende Frage.

Heilige Texte können uns beim multi-perspektivischen Erfassen der Wirklichkeit unterstützen. Gerade durch den zeitlichen Abstand und, im Falle der Bibel, den langen Zeitraum, über den die Texte entstanden sind, eröffnet sich ein großer vierdimensionaler Deutungs- und Wirkungsraum, in dem sich viel entdecken lässt, über das Wirken Gottes in seiner Welt.

 

Ein Schatz

Ich bin mit der Bibel aufgewachsen, und sie ist einer der großen Schätze in meinem Leben.

Ein positiver Aspekt von Texten ist, dass Texte uns auf eine Art und Weise mit den Menschen der Vergangenheit verbinden, wie es andere historische Quellen nicht tun können. Die überlieferten heiligen Texte schenken uns auf vielfältige Weise Einblick in das Denken und Leben von frommen Menschen der Vergangenheit und können uns gerade durch den Kontrast zur Gegenwart inspirieren und Neues entdecken lassen.

Unsere heiligen Texte sind keine banalen Alltagstexte, sondern Texte, die man überliefert hat, weil man glaubte, dass sie auch für die Zukunft der Menschheit von Bedeutung sein werden …

 

Wenn unsere heiligen Texte zu heilsamen Texten werden, wird sich unsere Welt verändern.

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Jahreslosung 2018 im Zusammenhang

 

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst

(Die Bibel, Neues Testament, Offenbarung, 21. Kapitel, Vers 6)

 

[Die Worte „Gott spricht“ scheinen im Originaltext gar nicht vorzukommen, sondern der Jahreslosung hinzugefügt worden zu sein. Wenn ich den Text lese, ist mir gar nicht gleich klar, wer denn derjenige ist, der hier spricht.]

 

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I, Kbh3rd [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons
.

Wie nett. Wiedereinmal ein schöner Bibelvers, der uns angenehm berührt:

Man wird bedient mit einem frischen Durstlöscher – und es kostet gar nix!

Angeboten wird frisches, kühles Mineralwasser. Kein lauwarmes, muffig schmeckendes, abgestandenes altes Wasser aus einer verstaubten Flasche oder einem trüben Tümpel. – Wenn das realexistierende Christentum doch bloß auch immer so frisch und lebendig schmecken würde …

Gratis! Dies ist ein Angebot, das sich jeder leisten kann. Kein Luxus-Angebot (nur echt, wenn teuer) für eine Zwei-oder-mehr-Klassengesellschaft. Gerechtigkeit. Chancengleichheit. Hier hat sich offensichtlich schon ein großzügiger Sponsor gefunden, der dieses Angebot finanziert.

Das apokalyptische Buch der Offenbarung ist voll von Bildern. Auch bei der Jahreslosung geht es eigentlich nicht um Wasser, sondern um das, was wir unbedingt zum Leben brauchen. Und das in sehr guter Qualität. Jeder darf hier seiner Fantasie freien Lauf lassen, was der Verfasser der Offenbarung schreiben würde, wenn er seinen Text heutzutage verfassen würde …

Die Jahreslosung in diesem Jahr stammt aus dem vorletzten Kapitel des Buches der Offenbarung. Sie wurde von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgewählt.

Bei Bibelversen ist es immer keine schlechte Idee sich den Zusammenhang anzuschauen:

 

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.
Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.
(Verse 1-8)

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Im 21. Kapitel der Offenbarung wird „das neue Jerusalem“ in einer herrlichen Vision als die Belohnung für die „Überwinder“ dargestellt. Gegensatz dazu bildet ein brennender Pfuhl, mit dem die Übeltäter bestraft werden.

Lob und Tadel. Belohnung und Bestrafung. Zuckerbrot und Peitsche. Erfolg oder Gefängnis. Himmel oder Hölle. Ein Dualismus der unser ganzes Leben begleitet.

Wenn man die Jahreslosung im Zusammenhang liest, klingt sie nicht mehr ganz so freundlich; denn im Hintergrund drohen die Qualen des brennenden Pfuhls für die Ungehorsamen. Das herrliche Leben ist offensichtlich doch nicht ganz so billig, wie es den Anschein haben mag, wenn man nur den einzelnen Vers der Jahreslosung liest.

Die Jahreslosung ist sicherlich gut gemeint. Wir alle brauchen Hoffnung. Sie zeigt allerdings auch mal wieder, wie problematisch es ist, einfach einzelne Bibelverse zu zitieren, und sie damit notwendigerweise aus dem Zusammenhang zu reißen.

Die Jahreslosung ist kein Gratis-Angebot für Menschen, die Jesus noch nicht kennen. Das neutestamentliche Buch „Offenbarung“ wurde für Christen geschrieben, um ihnen Mut zu machen und sie herauszufordern, alle Hindernisse zu überwinden, indem sie Gott und Christus vertrauen.

Glaube wird oft Missverstanden als ein Lippenbekenntnis zu einer bestimmten religiösen Weltanschauung. Scheinbar billige Gnade. Aber echter Glaube ist in Wirklichkeit immer lebensgestaltend. Ein Glaube, der keine Wirkung hat, ist ein toter Glaube.

Und die Wirkung deines Glaubens sollte sich eigentlich zu allererst in deinem persönlichen Leben zeigen – deinem Alltag, deinen Beziehungen, Freundschaften, in deiner Familie, in der Schule, an deinem Arbeitsplatz, in deiner Nachbarschaft, an deinem Konsumverhalten, deinen Interessen & Hobbys, …

Was wir wirklich glauben, zeigt sich nicht durch das Bejahen eines Glaubensbekenntnisses, sondern in unserem Leben:

Lass mich sehen, wie du lebst, und ich sage dir, was du glaubst!

Die Behauptung der Jahreslosung ist (in guter jüdisch-christlicher Tradition):

Es lohnt sich, Gott zu suchen und ihm treu zu sein. Gott macht unsere Seele satt und gibt uns Zukunft.

 

Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten; denn sie werden satt werden.

(Matthäus-Evangelium, Bergpredigt, Seligpreisungen, 5. Kapitel, Vers 6)

 

 

Lösen von Vertrautem

 

Wellenreiten
„Wellenreiter“ von Jon Sullivan via Wikimedia Commons [public domain]

 

Gottes Kommen kündigt sich darin an, dass wir fühlen: So darf ich nicht bleiben!

(Friedrich Rittelmeyer, protestantischer Pfarrer und Gründer der Christengemeinschaft; zitiert aus „Gott 9.0“, S.19)

 

Vertrautes gibt uns Sicherheit und macht unser Leben leichter …

… und die Zufriedenheit mit dem Vertrautem ist der größte Feind des Besseren. – Warum etwas Gutes aufgeben, wenn ich noch nicht kenne, was vielleicht besser sein könnte?

 

»Herr, wenn du es bist, dann befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen!« – »Komm!«, sagte Jesus. Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser auf Jesus zu. Doch als er merkte, wie heftig der Sturm war, fürchtete er sich. Er begann zu sinken. »Herr«, schrie er, »rette mich!« Sofort streckte Jesus seine Hand aus und hielt ihn fest. »Du Kleingläubiger«, sagte er, »warum hast du gezweifelt?«

(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 14. Kapitel, Verse 28-31)

 

Ein anderes Bild:

Der Wasserspiegel steigt. Noch sitzt das Boot fest auf dem Grund. Aber dann kommt der Moment, wo ich merke, dass sich das ganze Boot bewegt und schwankt. Das Boot hat die Bodenhaftung verloren. Ich bin unterwegs. Die Landratte ist auf dem Weg ins offene Meer hinaus. Und mein Boot trägt.

Wer meint „ich glaube nur, was ich sehe,“ täuscht sich selbst. Realismus ist eine Illusion. Wir erfassen nie die gesamte Wirklichkeit. Wir wissen noch nicht einmal genug, um abschätzen zu können, wie viel uns zur Allwissenheit noch fehlt. Wir können nicht beurteilen, ob wir viel oder wenig wissen, und wir können auch nicht sicher sein, welchen Wert unser Wissen im Zusammenhang mit dem großen Ganzen hat, da wir das große Ganze noch nicht vollständig kennen.

Darum aber geht es im Glauben an Gott: Um das große Ganze. Das Unbegrenzte, Absolute. – Wir, hingegen, sind begrenzt. Unsere Wahrnehmungen und unser Verstehen sind ganz offensichtlich mangelhaft.

 

Gottesfurcht ist Anfang der Erkenntnis …

(Tanach / Altes Testament, Sprüche 1,7)

 

Glauben heißt, sich vom Vertrauten zu lösen. Leap of Faith. Sprung des Glaubens. Es ist ein Lebensstil, der dem Wissen um die eigene Begrenztheit entspricht und der offen ist für neue Erfahrungen; offen dafür, Neues zu lernen. Umso schlimmer ist es, wenn sich vermeintlich „Gläubige“ als die „Wissenden“ präsentieren, die alle Antworten besitzen. Besserwisser, die es offensichtlich nicht mehr nötig haben, von anderen zu lernen, da sie ja schon die Wahrheit besitzen.

So, wie es nicht möglich ist, alles zu wissen, so ist es allerdings auch nicht möglich zu leben, ohne Entscheidungen zu treffen. Wir müssen uns durchs Leben wurschteln, obwohl wir wissen, dass unser Verstehen der Wirklichkeit mangelhaft ist. Wir sind schwach und bedürftig. Menschen, die Hilfe und Orientierung brauchen.

Um glauben zu können, muss man auch nicht alles aufgeben, was sich schon bewährt hat. Aber man muss die totale Selbstkontrolle und seine Eigenwilligkeit aufgeben, wenn man will, dass man von  Gott  bewegt wird und für ihn brauchbar ist. Man muss Gott das Ruder überlassen. Kontrollfreaks tun sich schwer mit dem Evangelium.

Ich hab mich im Leben schon oft im Kreis gedreht. Gegrübelt und gegrübelt und bin immer wieder an denselbem Punkt angekommen. Auch so manche Diskussion zwischen Christen erscheint als festgefahren. Vielleicht ließen sich sinnlose Debatten und Spaltungen der Christenheit überwinden, wenn wir mehr bereit wären loszulassen und uns von Gott auf eine höhere Ebene heben ließen.

Was wir brauchen ist eine gute Kraft, die uns trägt und ans Ziel bringt. Eine Kraft, die über unsere eigenen Möglichkeiten hinaus geht. Es geht schließlich nicht nur um uns, sondern um alle Menschen und die gesamte Schöpfung. Wir brauchen einen Lebensstil, der einladend ist, und offen für die Möglichkeiten Gottes; Konzepte, durch die sich die guten Absichten Gottes verwirklichen können.

 

Darum gleicht jeder, der meine Worte hört und danach handelt, einem klugen Mann, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn dann ein Wolkenbruch niedergeht und die Wassermassen heranfluten und wenn der Sturm tobt und mit voller Wucht über das Haus hereinbricht, stürzt es nicht ein; es ist auf felsigen Grund gebaut.

(Matthäus-Evangelium 7,24-25)

 

Dieses feste Fundament findet man nur in der relativen Unsicherheit des Glaubens.