Ein Märchen von Jesus

 

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Napoleon krönt sich selbst in der Notre Dame 1804 zum Kaiser. [Gemälde von Jacques-Louis David 1806–1807 (Louvre), public domain, via Wikimedia Commons]

 

Es war einmal, vor langer, langer Zeit,
da lebte ein Mann.

Dieser Mann heißt Jesus.

Jesus hilft Menschen und erzählt ihnen von Gott.
Frauen und Männer sind bei ihm, um von ihm zu lernen.

Eines Tages ist er mit seinen Schülern unterwegs. Sie gehen von einem Dorf zu einem anderen. Die Schüler von Jesus reden miteinander. Einer sagt:

„Wisst ihr noch, wie ich Jesus das Wasser von der Quelle gebracht habe? Jesus hat sich so darüber gefreut!“

Ein anderer Schüler sagt:

„Aber über die Früchte, die  ich  ihm später gebracht habe, hat er sich noch mehr gefreut!“

Und noch ein anderer Schüler sagt:

„Ich glaube, er isst am liebsten Brot. Als  ich  ihm gestern das Brot gebacken hab, hat er gesagt, es wäre das beste Brot, das er je gegessen hat.“

Und so gehen die Schüler von Jesus mit ihm auf dem Weg und zanken sich.

Abends setzen sie sich zum Abendessen hin. Jesus fragt sie:

„Worüber habt ihr auf dem Weg geredet?“

Und seine Schüler schweigen. Sie wollen nicht zugeben, dass sie sich gestritten haben.

Da fragt Jesus sie:

„Wollt ihr wissen, wer von euch der Beste ist? Wen ich am meisten mag?“

Da bekommen seine Schüler große Ohren, und sie bitten Jesus:

„Ja, Jesus, bitte sag doch, wen du von uns am besten findest!“

Und Jesus sagt:

„Wer nicht so viel an sich denkt, sondern auch an alle anderen, ist der Beste von euch.“

Da schämen sich alle Schüler von Jesus. Sie merken, dass sie alle nur an sich gedacht haben.

 

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Kampf auf der Karriereleiter. Plastik von Peter Lenk an der Invesitionsbank, Bundesallee 210, Berlin; von Bukk [Public domain, via Wikimedia Commons]

 

[frei nach: Bibel, Zweiter Teil / NT, Markus-Evangelium, 9. Kapitel, Verse 33-35]

 

 

Die Würde des Menschen ist begreifbar.

 

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Der Kyros-Zylinder aus Persien (538 v. Chr.), der gemeinhin als „erste Menschenrechtscharta“ gilt. Foto von Mike Peel (www.mikepeel.net). [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0), via Wikimedia Commons]

 

Die Würde des Menschen ist unantastbar.

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(Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes)

 

Tasten und Greifen

Würde wird gegeben und genommen. Es gibt hochwürdige Würdenträger, Entwürdigendes und Entwürdigte. Es gibt menschen-unwürdiges Denken, Reden und Tun.

 

SEINE Furcht, Anfang ists der Erkenntnis, der Weisheit und Zucht, die die Narren verachten.

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(Bibel, Altes Testament / Tanach, Sprüche/Sprichwörter, 1. Kapitel, Vers 7 – Buber-Rosenzweig-Übersetzung)

 

Die Würde eines Menschen

… aktuell, wie eh und je. Menschenrechte, Menschenwürde, …

Wo kommen die eigentlich her?

Gibt es diese Begriffe schon in den biblischen Texten?

 

Gott sprach: Machen wir den Menschen in unserem Bild nach unserem Gleichnis! Sie sollen schalten über das Fischvolk des Meeres, den Vogel des Himmels, das Getier, die Erde all, und alles Gerege, das auf Erden sich regt. Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn, männlich, weiblich schuf er sie. Gott segnete sie …

.
(Altes Testament / Tanach, Bereschith / Genesis / 1. Mose 1,26-28)

 

Würde aufspüren: Gottebenbildlichkeit

Was für ein Wort! – Es gibt sogar einen Wikipedia-Artikel dazu.

Menschenwürde und Gottebenbildlichkeit. – Ist beides dasselbe? Lässt sich das nur mit dem Kopf erfassen?

Theologische Gehirnakrobatik und viele Fragezeichen …

Tobias Faix hat einen interessanten Artikel dazu auf seinem Blog.

Die Würde des Menschen ist er-tastbar. Schritt für Schritt tasten wir uns vor.

Hat Jesus auch was zu dem Thema gesagt?

 

Wie solltet ihr auch glauben können? Bei euch ist jeder darauf aus, von den anderen Anerkennung zu bekommen; nur die Anerkennung bei dem einen, wahren Gott sucht ihr nicht.

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(Neues Testament, Johannes-Evangelium 5,44)

 

Würdiger Sünder – Würde, unverdient

Menschenwürde ist nichts, das man sich verdienen kann. Sie ist ein Geschenk – wie das Leben selbst.

 

… Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

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(Neues Testament, Erster Brief von Johannes 4,16)

 

Das Heilige berühren

Gott ist der heilige Schöpfer des Lebens. Sein Wirken ist ewige Lebenskraft. Leben ist heilig. Wir Menschen haben Ahnung davon. Sacred Human.

 

Wo ist dein Bruder Abel? …
Gott entgegnete: „Was hast du bloß getan? Das vergossene Blut deines Bruders schreit von der Erde zu mir!
Darum bist du von nun an verflucht …“
Kain aber sprach zu dem HERRN: „Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte…“
.
(Bereschith / Genesis / 1. Mose 4,9-13)

 

Ich halte den zerbrechlichen Körper eines alten, pflegebedürftigen Menschen. Körperkontakt. Berührung. Eine Umarmung. Ein Händedruck.

 

Die Würde des Menschen ist begreifbar.

 

Der Bibel-Mythos

 

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Alte Bibel; von Ajel auf pixabay.com (CC0 Public)

 

Der Titel ist zugleich die Behauptung:

Ich behaupte, es gibt eine weit verbreitete Vorstellung von der Bibel, die nicht stimmt!

 

Die gewöhnlichen Menschen trachten, so scheint es wenigstens, nach nichts weniger als nach einem der Heiligen Schrift entsprechenden Leben. Vielmehr sehen wir, dass sie fast alle ihre Hirngespinste für Gottes Wort ausgeben und nur darauf bedacht sind, unter dem Deckmantel der Religion andere Leute dazu zu zwingen, dass sie denken wie sie selbst.

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(Baruch de Spinoza (1632 – 1677), eigentlich Benedictus d’Espinoza, holländischer Philosoph; Quelle: Spinoza, Tractatus theologico-politicus, via aphorismen.de)

 

Mythos

Der Begriff „Mythos“ ist hier also nicht streng wissenschaftlich, sondern umgangssprachlich gemeint. Ich meine, dass die Bibel ein religiöses Image hat, das nicht der Wirklichkeit entspricht.

Und dies hat nicht nur speziell mit der  deutschen  Sprache oder Kultur zu tun, sondern ist ein religiös-kulturelles Problem  aller  christlich geprägten Gesellschaften und darüber hinaus.

 

Bibel  (Deutsch)

Bedeutungen:

[1] kein Plural: Titel des Buches (ursprünglich Sammlung von Büchern beziehungsweise Schriften), welches nach christlicher Auffassung Gottes Wort ist
[2] eine Ausgabe von [1]
[3] übertragen: ein bedeutendes Standardwerk in einem bestimmten Gebiet

(Quelle: Wiktionary.org)

 

Das Wort „Bibel“

Sachlich kann man erst einmal festhalten, dass die Bibel eine Sammlung von Schriften ist, welche grundlegend für den christlichen Glauben geworden sind. Diese Aussage, wird wohl niemand bestreiten.  (Auch wenn man über den Wortlaut vielleicht noch Haare spalten könnte.)

Wir assoziieren mit dem Wort „Bibel“ allerdings darüber hinaus noch etwas anderes. Um dieses „andere“ geht es in diesem Post.

 

The books you think I wrote are way too thick.

(aus dem Lied „From God’s Perspective“ von Bo Burnham)

 

Die Bibel als Nachschlagewerk und Einführung ins Christentum?

Das Wort „Bibel“ wird im Deutschen und Englischen (und vermutlich auch noch in weiteren Sprachen) auch für eine bestimmte Art von Büchern benutzt. Es ist, sozusagen, auch die Bezeichnung für eine Art von „Genre“. Es wird benutzt für Bücher, die maßgeblich für ein Wissensgebiet geworden sind.

So könnte man, z.B., von einer “Heimwerker-Bibel” sprechen und gemeint wäre ein allgemein anerkanntes Buch, in dem man alles Wichtige zum Thema “Heimwerken” findet. Es geht dabei sowohl um die Art, wie man das Buch benutzt (praktisches Nachschlagen), als auch um die Zuverlässigkeit der Information und die allgemeine Anerkennung.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

Unsere Bibeln sind gar keine Bibeln!

Die Frage ist nun, ist DIE BIBEL in diesem Sinne überhaupt eine „Bibel“ für den christlichen Glauben? (Ich hoffe, ich verwirre hier niemanden …)

Wer die Bibel auch nur ein bisschen kennt, weiß schon längst, dass die christliche Bibel nicht nur vom Thema, sondern auch vom Wesen her, ein so ganz anderes Buch ist als die Heimwerker-Bibeln, Koch-Bibeln, Auto-Bibeln, usw.  Die Bibel wurde ursprünglich NICHT als EIN Buch konzipiert und veröffentlicht. Sie behandelt eine Vielfalt von Themen, und sie enthält eine Vielfalt von Genres. Sie ist halt über einen sehr langen Zeitraum auf eine sehr eigentümliche Weise entstanden.

Wie konnte es dann überhaupt dazu kommen, dass das Wort „Bibel“ für Bücher benutzt wird, die so ganz anders sind?

 

Bitte gib mir Antworten auf meine Fragen!

 

Bedürftigkeit

Ich denke, es hat damit zu tun, dass die Bibel von den Frommen wie ein Nachschlagewerk benutzt worden ist. – Willst du wissen, was Gott zu diesem Thema meint? Kein Problem! Ich zitiere mal schnell einen passenden Bibelvers. Und da die Bibel im Original ja leider nicht alphabetisch sortiert ist und ohne Inhaltsverzeichnis und Sachregister kommt, haben wir dann etwas nachgebessert und entsprechende Bibelausgaben geschaffen.

Mit einer zusätzlichen Bibel-Konkordanz ist es noch einfacher, und am besten natürlich mit Bibel-Software. Da bleiben kaum noch Wünsche offen. Man muss die Texte selbst auch gar nicht mehr richtig kennen. Mit der Suchfunktion findet man schnell die gewünschte Aussage, die man benutzen will. Wir haben die Bibel in den Griff gekriegt! (Falls dies ein bisschen nach Instrumentalisierung klingt, ist es bestimmt kein Zufall.)

 

… der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

.
(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Zauberbuch

Aus unzähligen Filmen kennt man die Szene, wo jemand zum Schwören die Hand auf eine Bibel legt. Sicherlich eher eine symbolische als eine magische Handlung, aber wiederum eine öffentliche Benutzung der Bibel, die bestimmte Vorstellungen erzeugt. Es gibt bei manchen sogar die Vorstellung, dass man mit diesem Buch Dämonen und okkulte Mächte vertreiben kann.

Solange eine Bibel nur im Bücherregal steht, tut sie keinem weh. Wenn aber die Bibel für bestimmte Zwecke benutzt wird, dann formt sich eine gewisse Vorstellung von diesem Buch, selbst bei denen, die nie hineingeschaut haben. Verursacht natürlich von denen, die von der Bibel reden und sie zitieren.

 

… es ist offensichtlich, dass ihr ein Brief seid, den Christus selbst verfasst hat und der durch unseren Dienst zustande gekommen ist. Er ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, und die Tafeln, auf denen er steht, sind nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut; es sind die Herzen von Menschen.

.
(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Wort Gottes?

Nicht alle biblischen Texte präsentieren sich als Wort Gottes. Aber im Laufe der Kirchengeschichte hat man EIN Buch gemacht, das als „Heilige Schrift“ und „Wort Gottes“ verkauft wurde und normativen Charakter für den christlichen Glauben haben sollte. Man wollte so ein Buch haben, und man hat es sich gemacht.

Die historische Analyse dieser Entwicklung ist eine wichtige Aufgabe für alle Kirchen und alle, die meinen, dass diese Texte auch für uns heute noch wertvoll sind. Die entscheidende Frage ist:

Wollen wir die Texte BENUTZEN, oder wollen wir von ihnen LERNEN?

 

Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.

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(Paulus‘ erster Brief an Timotheus, 1,5)

 

Meine Vorstellungen und Gottes Plan

Die Klärung und Überprüfung der eigenen Vorstellungen, die ich von der Bibel habe, ist besonders für  die  Menschen wichtig, denen die Bibel am Herzen liegt. So ist die Klärung dieser Fragen von existenzieller Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft des christlichen Glaubens.

 

[Dies ist eine neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Lernen, schwach zu sein

 

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Cethosia cyane, by AirBete via Wikipedia, (CC BY-SA 3.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

schwach

Warum sollte man das lernen wollen? Schwach sein, ist ja nicht gerade erstrebenswert, oder?

 

… Was nach dem Urteil der Welt ungebildet ist, das hat Gott erwählt, um die Klugheit der Klugen zunichte zu machen, und was nach dem Urteil der Welt schwach ist, das hat Gott erwählt, um die Stärke der Starken zunichte zu machen.

 

(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 1. Kapitel, Vers 27)

 

stark

Demonstration von Stärke ist eine Lebens- und Überlebensstrategie: Imponiergehabe, Muskeln, Beeindrucken, Macht, Abschreckung, Waffen, Einschüchtern, Gewaltandrohung …

 

Der Weg Jesu

Der Weg Jesu erscheint als ein Entgegengesetzter: Das Leben von Schwachheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.

 

 Von sich aus kann der Sohn gar nichts tun, sondern er tut nur das, was er den Vater tun sieht. Was immer aber der Vater tut, das tut auch der Sohn!

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(Neues Testament, Johannes-Evangelium 5,19)

 

zerbrechlich

Schwachheit ist eine grundlegende Lebenserfahrung aller Menschen – vielleicht die grundlegendste überhaupt. Bevor wir die Welt uns er-denken, werden wir im Bauch unser Mutter herumgetragen. Passivität. Geboren-werden. Wir erleiden all die Dinge, die uns als Werdende entgegenkommen.

Auch in der vollen Blüte des Lebens, des Er-wachsen-seins und der Fruchtbarkeit, ist Leben ständig bedroht. Leben existiert nur im Schatten des Todes. Von einer Sekunde zur nächsten kann das Leben zu Ende sein oder eine Katastrophe über uns hereinbrechen, dass nichts mehr so ist, wie wir es kennen.

 

vergänglich

Der Vergänglichkeit unterworfen. Wenn es uns geschenkt ist, alt zu werden, spüren wir, wie die Kräfte nachlassen und wir zerbrechlicher werden. – Es ist nicht erstrebenswert, schwach zu sein; aber die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens zu erkennen und anzuerkennen, ist eine Frage der Wahrheit.

 

Was ist denn der Mensch, Herr, dass du ihn beachtest? Was bedeutet er dir, der vergängliche Mensch, dass du dich mit ihm abgibst? Wie ein Hauch ist der Mensch und sein Leben gleicht dem schwindenden Schatten.

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(Altes Testament / Tanach, Psalm 144, Verse 3-4)

 

Das Wahrnehmen, Bejahen, Annehmen dieser Tatsache erscheint mir als grundlegend für den Weg Jesu.

 

Dem Leben vertrauen

Leben ist ein Geschenk. Jeder Atemzug. Nichts ist selbstverständlich oder verdient, könnte eingefordert werden. Unser Leben kann nur bestehen als Teil von etwas Größerem, das wir nicht in der Hand haben oder kontrollieren können.

Wir brauchen Vertrauen und Mut, um schwach sein zu können. Verabschiedung von Selbsttäuschung. Nachhaltigkeit, anstelle von kurzsichtigen Zielen.

 

… Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Ordnet euch also Gott unter …

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(Neues Testament, Jakobusbrief 4,6-7)

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Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.

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(Psalm 139,5)

 

weich, flexibel und formbar

Starrheit zerbricht, Flexibeles gibt nach. Beim harten Aufschlag geht etwas kaputt – Weichheit kann Energie aufnehmen und einen Schlag abfedern. Elastisch.

 

Der Klügere gibt nach!

 

Ich kann ein Teil des Problems sein, oder ein Teil der Lösung.

Die Bibel benutzt manchmal das Bild des Töpferns. Wir sind der weiche, formbare Ton, und Gott ist der Töpfer, der aus uns etwas machen will, das ihm gefällt.

Vielleicht ist das auch der beste Zugang zu der Bibelstelle, zu der schon so viel gesagt worden ist:

 

… Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.

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(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 18,3)

 

wahrhaftig

Wenn wir die Perfektion, Heiligkeit, Vollkommenheit, zu der wir aufgefordert werden, versuchen darzustellen, sind wir zum Burnout verdammt. Allein das AUSSTRECKEN nach Vollkommenheit ist leb-bar. Ein Leben aus Gnade und Vergebung, des Immer-neu-anfangen-dürfens. Authentisch.

 

Wenn wir behaupten, ohne Schuld zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit.

(1. Brief des Johannes 1,8)

 

Unser Wille und Denken stören, solange wir nicht mit der Wirklichkeit und dem Wirken Gottes übereinstimmen.

 

Im Fluss

Ob wir Öl oder Sand im Getriebe der Herrschaft Gottes sind, entscheidet sich daran, wie sehr wir mit seinem Wesen im Einklang sind. Wir können entweder ein festverwurzelter Stein im Fluss sein, an dem sich das Wasser bricht, oder wir können uns ausrichten an der Strömung des Wirkens Gottes und uns mitnehmen lassen, dahin, wohin Gott uns trägt.

 

… die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes.

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(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom, 8,14)

 

sterben und auferstehen

Manche Menschen, die schon dem Tode nahe, vielleicht todkrank, waren, haben dadurch zu einem intensiven Leben gefunden. Als Christen leben wir unser Leben im Schatten des Kreuzes Jesu, an dem Gott schwach wurde und an dem wir selbst gestorben sind, um zu einem besseren Leben aufzuerstehen.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Sie waren nackt, und sie schämten sich nicht.

 

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Erschaffung Adams (Sixtinische Kapelle) von Michelangelo; Fotografie von Jörg Bittner Unna (Own work) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Der trennende Gott

Worauf wohl der sehnsüchtige Blick Adams gerichtet ist? Und welche Gefühle wohl im Blick Evas zum Ausdruck kommen?

In den Medien ist oft nur ein kleiner Ausschnitt dieses Deckenfreskos zu sehen. – Was auch immer sich Michelangelo bei diesem Gemälde gedacht haben mag; er platzierte jedenfalls einen verhüllten Gott zwischen die nackten Menschen.

 

nackt

Nackt werden wir geboren. Auch die ersten Menschen der zweiten Schöpfungserzählung unserer Bibeln sind nackt. Keine Scham.

 

Die beiden aber, der Mensch und seine Frau, waren nackt, und sie schämten sich nicht.

 

(Tanach / Bibel, Bereschith / Genesis / 1. Buch Mose, 2. Kapitel, Vers 25)

 

Es gibt nur wenige Verse in der Bibel, die mich so tief berühren wie dieser. – Keine Scham. Keine Angst. Schamlose Verletzbarkeit.

Doch schon in jungen Jahren lernen wir, dass Nacktheit ein Problem sein kann …

 

Scham

Die Angst davor, nicht gut genug zu sein unter den kritischen Blicken der anderen, ist wohl eine der tiefsten Überzeugungen, welche wir in uns tragen. Viele kränkende Erfahrungen haben uns dies gelehrt.

Wie wäre es, wenn es Augen gäbe, die bis auf den Grund unserer Seele sähen, ohne dass wir uns schämten?

 

Dein blaues Auge hält so still,
Ich blicke bis zum Grund.
Du fragst mich, was ich sehen will?
Ich sehe mich gesund.

Es brannte mich ein glühend Paar,
Noch schmerzt, noch schmerzt das Nachgefühl:
Das deine ist wie See so klar
Und wie ein See so kühl.

(Klaus Groth)

 

schamlos leben

Wenn ein neuer Mensch in die Welt kommt, sind Hände da, die ihn auffangen und umsorgen, Augen der Liebe, die ihn betrachten. – Auf den ersten Menschen ruhte der wohlwollende Blick ihres Schöpfers.

Wenn wir einander so ansehen könnten, wie Gott uns sieht …

 

Jesus sah ihn voller Liebe an:
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»Etwas fehlt dir noch: Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen. Damit wirst du im Himmel einen Reichtum gewinnen, der niemals verloren geht. Und dann komm und folge mir nach!«
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Als er das hörte, war der Mann tief betroffen. Traurig ging er weg, denn er besaß ein großes Vermögen.
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(Bibel, Neues Testament, Markus-Evangelium, 10,21-22)

 

Sandra Hauser | „Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level

 

Sandra Hauser auf ihrem Blog „Integrales Christsein“ zum Thema Spiritualität:

„Spirituell, aber nicht religiös“ – Menschen auf dem postmodernen Level – Unterschied, aber auch die Verbindung von Spiritualität und Religion

 

Das Ev. Johannesstift. Ein christliches Dorf.

 

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Die Stiftskirche des Ev. Johannesstifts; von Wolfgang Kern (Evangelisches Johannesstift Berlin) [Public domain], via Wikimedia Commons
 
Ein paar Straßen und viele Häuser, in der Mitte die Kirche. Das Evangelische Johannesstift wirkt wie ein christliches Dorf. Wohnhäuser, Büros, ein Lebensmittelgeschäft, Frisör, Kita, Schule, Turnhalle, Sportplatz, Restaurants und Cafés, eine Buchhandlung, Arztpraxen, Diakonie-Station, Berufsfachschulen, ein Festsaal, ein Hotel, eine Wäscherei, eine Tischlerei und andere Werkstätten, eine Gärtnerei, Betriebshöfe, eins der ältesten Hallenschwimmbäder Berlins, eine Reithalle mit Pferdekoppel, ein Senioren-Zentrum, Jugendhilfe-Einrichtungen, ein Krankenhaus und zwei Hospize, Therapie- und Pflegeeinrichtungen, ein Wasserwerk. Auf dem Lageplan bekommt man einen guten Überblick.

[ Ich habe dieses Semester im Rahmen meines Theologie-Studiums auch einen interessanten Kurs zum Thema Diakonie belegt. Dort hielt ich ein Referat über den Johannesstift. Dieser Artikel geht darauf zurück. ]

 

Geschichte

In diesem Jahr feiert das Johannesstift seinen 160. Geburtstag. Der gesellschaftliche Wandel im 19. Jahrhundert hatte zu sozialer Not in den wachsenden Städten geführt. Christen reagierten darauf u.a. mit der Gründung entsprechender Institutionen: Rauhes Haus (1833), Kaiserswerther Diakonie (1836), Magdalenenstift (1840/41), Diakonissenanstalt Dresden (1844), Neukirchener Erziehungsverein (1845), Diakonie Neuendettelsau (1954), Diakonissenhaus Elisabethenstift (1858), Siechenhaus Bethesda (1863), Bethel (1867), Oberlinverein (1871), Gallneukirchen (1877), Caritas (1897), Lobetal (1905), Bethanien/Lötzen (1909), …

Schon davor, im Mittelalter, hatte die zunehmende Urbanisierung der Bevölkerung zur Gründung von sozialen Einrichtungen wie Hospitälern geführt, um den mit der Urbanisierung verbundenen sozialen Problemen zu begegnen. Je weiter sich der Mensch im Laufe der Geschichte von seiner ursprünglichen, natürlichen Lebensweise distanzierte, desto mehr musste er die damit verbundene Not kompensieren.

Johann Hinrich Wichern war es (auf den auch das Rauhe Haus in Hamburg und die Innere Mission in der Ev. Kirche zurückgehen), der 1858 das Ev. Johannesstift gründete. Der ursprüngliche Standort war allerdings in Plötzensee (Berlin, Charlottenburg-Nord). Um 1900 musste das Johannesstift dann von dort weichen, um dem Bau des Westhafens Platz zu machen. Mancher mag darin die Verdrängung der Nicht-Leistungsfähigen an den Rand der Gesellschaft erkennen.

 

Lage

Heute liegt das Johannesstift wunderschön im Spandauer Forst, am Berliner Stadtrand im Nordwesten Spandaus. Für einen Menschen, der in seiner Mobilität eingeschränkt ist, ist es allerdings ein langer Weg bis zu den kulturellen Angeboten der Innenstadt. Man muss erst den Bus nehmen, um am Rathaus Spandau zu U- und S-Bahnanschluss zu gelangen; und selbst dort befindet man sich noch westlich der Havel. Die Entfernung zum Johannesstift war für mich auch der Grund gewesen, warum ich eine Bewerbung auf ein Stellenangebot des Johannesstifts wieder zurückzog. Ich hätte noch vor 4 Uhr morgens aus dem Haus gehen müssen, um rechtzeitig zum Dienstwechsel um 5:45 Uhr auf Arbeit zu sein.

 

Hospitation

Nachdem meine letzte Berufstätigkeit geendet hatte, hatte ich mich u.a. auf ein Stellenangebot hin auch als Betreuungshilfskraft beim Johannesstift beworben und wurde zu einem Bewerbungsgespräch und einer Hospitation eingeladen. Die Begegnung mit den Menschen dort hat mich tief berührt.

Die Bushaltestelle ist nur ein paar Schritte vom Haupteingang und Informations-Pavillion entfernt. Auf dem Gelände selbst war ich dann allerdings noch etliche Minuten unterwegs, bis ich endlich das entsprechende Haus und das richtige Zimmer fand. Bei den Menschen, die ich im Johannesstift traf, hatte ich immer den Eindruck, dass sie gerne dort leben und arbeiten. – Ein Dorf mit einer besonderen Atmosphäre.

Die Begegnung mit den schwerstbehinderten Menschen in einer betreuten Wohngemeinschaft
war eine emotionale Herausforderung. Ich war verunsichert. Ich verstand kaum etwas von dem, was die Bewohner kommunizierten und war mir nicht sicher, wie ich mich verhalten sollte. – Die Betreuer hingegen, welche die Bewohner dort zum Teil über viele Jahre begleitet hatten, konnten sich gut mit den Bewohnern verständigen. – Es verunsicherte mich auch, kaum Augenkontakt zu bekommen. Das Kennenlernen war hier anders, als ich es bis dahin kannte.

Schwachheit und Hilfsbedürftigkeit zu begegnen, kann uns etwas darüber offenbaren, wer wir wirklich sind und was Menschsein und menschliche Gemeinschaft ausmacht. Vielleicht kommt man sogar dahin zu hinterfragen, wer denn die Schwachen und wer die Starken sind …

Die Erfahrungen im Johannesstift erinnerten mich an die Lebensgeschichte von Henri Nouwen, von der ich oft gehört hatte. Er verließ seine Theologie-Professur an der Harvard University, um mit behinderten Menschen zu leben. Die Behinderten wurden zu seinen Lehrern, und durch die Bücher, die er in jener Zeit schrieb, wurde er zu einem international beachteten spirituellen Schriftsteller und Lehrer. Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass wir in den Evangelien fiel von Begegnungen Jesu mit hilfsbedürftigen Menschen lesen.

In modernen Gesellschaften wird die Erfahrung menschlichen Lebens zunehmend zerstückelt: Geboren wird im Krankenhaus, gestorben wird im Krankenhaus; Kinder sind in der KiTa, Schüler in der Schule, die Eltern auf Arbeit; die Großeltern wohnen wo anders, die Nachbarn kennt man nicht und behinderte Menschen werden in abgesonderten Einrichtungen betreut.

Alles hat Vor- und Nachteile. Ein entscheidender Nachteil unserer modernen Lebensweise ist, dass man die Fülle des Lebens immer weniger als etwas stimmiges Ganzheitliches in einer vertrauten Welt (Zuhause, Heimat) erfahren kann. Inklusion ist nach wie vor ein grundlegendes, wichtiges Thema. Der selbst mit einer Behinderung lebende Theologe Ulrich Bach hat dazu auch wichtige Impulse gegeben.

Das Johannesstift ist leider (noch) nicht ganz ein christliches Dorf, weil es keine natürlich gewachsene, gemischte Bevölkerungsstruktur hat. Aber was nicht ist, kann ja noch werden …

 

Integral

Wir verändern uns alle – kollektiv und auch persönlich; und wenn wir Glück haben, bedeutet Veränderung mehr als nur älter werden. Je umfassender und tiefgehender wir mit dem Menschlichen und Menschlichkeit vertraut werden, desto eher können Veränderungen auch positive Reifungsprozesse sein.

Den umfassendsten, interdisziplinären Ansatz, den ich kenne, ist die Integrale Theorie Ken Wilbers. Da sie alle Aspekte des Menschseins umfasst, finden wir auch Begriffe wie „Integrale Medizin“, „Integrale Wirtschaft“, „Integrale Ökologie“ und „Integrale Spiritualität“. Obwohl die aus dem Amerikanischen kommende Integrale Theorie nicht mehr ganz neu ist, ist sie im deutschen Sprachraum doch noch nicht so weit verbreitet. – In diesem Monat kommt das Buch „Integrales Christentum“ von Marion Küstenmacher heraus.

Es bleibt zu hoffen (für das Johannesstift, alle ähnlichen Einrichtungen, unsere Gesellschaft und die ganze Welt), dass wir Schwachheit, Krankheit, Behinderung, Altern, Ohnmacht und Sterben nicht länger aus dem gemeinsamen gesellschaftlichen Leben verdrängen, sondern sie wieder immer mehr integrieren und zu einer gemeinsamen Lebenserfahrung und einem Schatz für die Gegenwart und Zukunft werden lassen.

Schwachheit und Sterben ist ein Lebensprinzip des Himmelreichs.