Eintauchen ins Leid

 

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Vincent van Gogh: Der gute Samariter (nach Delacroix), 1890 [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Wir leben in einer Multi-Options-Gesellschaft. Wir genießen das vielfältige Angebot. – Aber wer würde schon gern freiwillig leiden? Ist das nicht Masochismus? Krank?

 

… stark wie der Tod ist die Liebe
und ihre Leidenschaft so unentrinnbar wie das Totenreich.
Ihre Glut lodert wie Feuer;
sie ist eine Flamme des Herrn.
Große Wassermassen können die Liebe nicht auslöschen,
Ströme sie nicht überfluten.
Und wenn einer seinen ganzen Besitz hergäbe, um sich die Liebe zu erkaufen,
so würde man nur über ihn spotten …
(Bibel / Tanach, Hoheslied, 8. Kapitel, Verse 6-7)

 

Liebe ist freiwillig. Man kann sie nicht kaufen und nicht erzwingen. Sie wendet sich aus sich selbst heraus dem anderen zu – weil dies ihr Wesen ist.

Liebe führt mich ins Leiden. Mitleid ereignet sich spontan in mir, weil ich mich selbst in meinem Menschsein in dir wiedererkenne. Du bist ich – und ich bin du. Dein Schmerz ist mein Schmerz. Die Liebe jedoch ist es, die nicht zulässt, dass ich mich abwende, um mich selbst zu schützen. Sie macht mein Herz weich und wendet mich dir zu. Sie führt mich ins Leiden.

Alles ist miteinander verbunden. Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft, von der ich mich nicht verabschieden kann. Wir sind wie  ein Organismus. Dein Problem ist auch mein Problem.

 

 … der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

(Neues Testament, Lukas-Evangelium 19,10)

 

Ich bin nicht gut im Leiden. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich mich nicht wohl fühle. Aber es ist die göttliche Liebe, die mich magisch anzieht; das Vorbild von Jesus und alles Leid um mich herum, die nicht locker lassen …

 

… Angst und Entsetzen überfielen Jesus …
»Ich zerbreche beinahe unter der Last, die ich zu tragen habe …«
»Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch des Leidens an mir vorübergehen …«
Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.
(Markus-Evangelium 12,33-36; Lukas-Evangelium 22,44)

 

Jesus hat uns vorgelebt, was wir ihm nachmachen sollen. Er ist dem Leiden nicht ausgewichen – um unsertwillen.

 

… Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und auf meinem Weg hinter mir hergehen.

(Markus-Evangelium 8,34)

 

Christsein ist kein Spaziergang, und die Liebe Christi in uns ist ein todesmutiger Trieb. Das Blut der Märtyrer bezeugt dies durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag.

 

Glücklich zu preisen sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Glücklich zu preisen seid ihr, wenn man euch um meinetwillen beschimpft und verfolgt und euch zu Unrecht die schlimmsten Dinge nachsagt. Freut euch und jubelt! Denn im Himmel wartet eine große Belohnung auf euch. Genauso hat man ja vor euch schon die Propheten verfolgt. Ihr seid das Salz der Erde …
(Matthäus-Evangelium 5,10-13)

 

In vieler Hinsicht ist das Christentum eine Gegenkultur zur weltlichen Kultur, die uns alltäglich umgibt. Himmelreich an Stelle von egoistischen Individualismus, und Erbarmen anstatt Spaßkultur.

 

Jesus. Punkt.

 

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Gerard van Honthorst [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… in Antiochia kam für die Jünger und Jüngerinnen zum ersten Mal die Bezeichnung »Christen« auf.

——-

(Bibel, Neues Testament, Apostelgeschichte, 11. Kapitel, Vers 26)

 

„Christus“ ist der Name, über den sich alle Christen definieren. Wenn man in der Bibel die Apostelgeschichte liest, bekommt man den Eindruck, dass die Bezeichnung „Christen“ ursprünglich eine Fremdbezeichnung durch Nicht-Christen gewesen ist. Offensichtlich erschien „Christen“ als ein passender Name für die Anhänger von Jesus aus Nazareth, mit dem sich dann auch innerhalb kurzer Zeit die Christen selbst identifiziert haben.

 

Wer dagegen leidet, weil er ein Christ ist, der braucht sich nicht zu schämen. Er soll Gott dafür danken, dass er zu Christus gehört und seinen Namen trägt.

(Neues Testament, 1. Brief von Petrus, 4,16)

 

Es ist interessant, dass sich nicht ein anderer Name durchgesetzt hat. Mann hätte die Anhänger von Jesus ja auch einfach Jesuaner oder Jesuiten  😉  nennen können. Aber offensichtlich stand das Bekenntnis  “ Jesus ist der  Christus “ (hebr. „Jeschua Ha-Maschiach“) im Vordergrund. Auch moderne Jesus-gläubige Juden nennen sich oft „messianische Juden“ und nicht „Jesuaner“ o.ä.

Was die ersten (jüdischen!) Christen von den anderen Juden unterschied, waren auch nicht ihre heiligen Texte (sie hatten ja dieselben Texte), sondern ihr Bekenntnis, dass Jesus aus Nazareth der in diesen alten Texten verheißene Messias Gottes ist. Die ersten Christen hätten niemals „Biblianer“ o.ä. genannt werden können, denn die Bibel gab es noch nicht. Erst im Laufe der Kirchengeschichte rückte die Bibel immer mehr ins Zentrum des christlichen Glaubens.

 

Als Bibel … bezeichnet man eine Schriftensammlung, die im Judentum und Christentum als Heilige Schrift mit normativem Anspruch für die ganze Religionsausübung gilt.

(Wikipedia)

[Interessant, dass der Verfasser des Wikipedia-Artikels hier offensichtlich keinen großen Unterschied in der Funktion der heiligen Texte bei Judentum und Christentum sieht.]

 

Im Zentrum des Glaubens der ersten Christen stand jedenfalls noch unangefochten der Mensch Jesus aus Nazareth, vom dem sie glaubten, dass er in einzigartiger Weise durch Gottes Geist befähigt und bevollmächtigt worden war, Gottes Plan der Erlösung auszuführen.

 

… im Namen von Jesus, dem Messias aus Nazaret, … In keinem anderen ist Rettung zu finden, denn unterm ganzen Himmel gibt es keinen vergleichbaren Namen. Nur dieser Name ist den Menschen gegeben worden. Durch ihn müssen wir gerettet werden.
(Apostelgeschichte 4,10-12)

 

Das Meiste aus dem Leben von Jesus kennen wir nicht. Erstaunlicherweise hat er uns auch selbst keinen einzigen Text hinterlassen.

Den einzigen Jesus, den wir kennen, ist der Jesus der frühchristlichen Überlieferung. In dieser Überlieferung hat die Wirkung, die von diesem Menschen ausging, eine schriftliche Gestalt gefunden. Und auf diese Wirkung, die Jesus hatte und immer noch hat, kommt es an.

 

 Jetzt lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir …

(Paulus‘ Brief an die Galater, 2,20)

 

Nur 4 (!) Texte über das Leben von Jesus sind in unserem neuen Testament enthalten. Die restlichen 23 Texte sind Texte aus dem Leben der frühen Christenheit. Dies mag auch damit zu tun haben, dass die ersten Christen überzeugt waren, dass Jesus auch nach seiner Himmelfahrt immer noch gegenwärtig ist, in der Gemeinschaft seiner Anhänger.

Das wäre doch ein einfaches Christentum, wenn einfach alle dazu gehörten, die Azubis bei Jesus sind; alle, die sich mit Jesus auf den Weg gemacht haben und einen Ausbildungsvertrag mit ihm eingegangen sind.

 

 

Jesus, höchster Name,
teurer Erlöser, siegreicher Herr.
Immanuel, Gott ist mit uns,
herrlicher Heiland, lebendiges Wort.

Er ist der Friedefürst und der allmächt’ge Gott,
Ratgeber wunderbar, ewiger Vater,
und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter,
und seines Friedensreichs wird kein Ende sein.

 

(Klassiker der Anbetungsmusik aus den 70er Jahren)

 

Hier noch einmal für die Ohren:  Jesus, höchster Name

Unterschiedliche Überzeugungen und Traditionen müssen uns als Christen nicht blockieren, trennen und Kraft kosten, sondern können uns helfen zu verstehen, wer wir als Menschen sind und wer Jesus war und ist.

Bereicherung durch die Perspektiven der anderen anstatt Begrenzung des eigenen Blicks. Freiheit des Denkens an Stelle eines Diktats der Tradition und Mehrheitsmeinung. Nicht menschliche Macher, sondern nur  ein  Chef:  Jesus.

Uns als Christen definieren über das, was uns verbindet, und nicht durch das, was uns trennt: Orthodoxie, liberales Christentum, Fundamentalismus, Katholizismus, Protestantismus, Methodismus, Baptismus, Biblizismus, …

Einfach Christen. Einfach Jesus.  Jesus einfach.

Punkt.

 

Lasst endlich die Kinder zu IHM kommen!

 

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Spielende Kinder, römisches Relief, 2. Jh. nach Chr.; Louvre [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Da sagte Jesus: »Lasst doch die Kinder! Hindert sie nicht, zu mir zu kommen; denn für Menschen wie sie steht Gottes neue Welt offen.« Dann legte er den Kindern segnend die Hände auf …
(Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 19.Kapitel, Verse 14-15)

 

Ein beliebter Bibelvers. Viel wurde schon gesagt und geschrieben.

Es wird theologisch dogmatisiert und diskutiert über Kindertaufe, Kinder-Evangelisation, Religionsunterricht für Kinder, … – Das Thema geht uns aber noch viel tiefer und ganz persönlich an. Das Himmelreich beginnt bei mir: in meinem Herzen, meinem Alltag, meiner Familie, …

Eltern kennen das: Wir können uns den Mund fusselig reden … – doch Kinder machen oft nicht das, was wir sagen. Aber das Leben, das wir ihnen vorleben, bleibt in ihnen für den Rest ihres Lebens.

Eine rauchende Mutter mag ihrem Kind den guten Rat geben: „Fang bloß nicht an zu rauchen …“ – Aber Kinder scheinen sich mehr an dem zu orientieren, was wir vorleben, als an dem, was wir sagen.

Manche von uns haben viel Bibelwissen und können mitreden. Manche haben schon eine lange Geschichte als Christen und tragen mit sich viel liebgewordene christliche Tradition. Wir bringen das auch unseren Kindern bei: Glaubensbekenntnis, Katechismus, Christenlehre, Familienandachten, … – Christentum im Kopf und ein leeres Herz. In den Kirchen und Gemeinden sind wir engagiert und nett und zuhause geht die Familie den Bach runter …

 

Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Heuchler! Ihr versperrt anderen den Zugang zu Gottes himmlischem Reich. Denn ihr selbst geht nicht hinein, und die hineinwollen, hindert ihr auch noch daran.

(Matthäus-Evangelium 23,13)

 

Wir sind alle bedürftig. Es gibt so viel Mangel und Not …

Kinder sind klein und schwach und abhängig.

Wenn Jesus unser Leben ist, wenn ER uns lebt, dann können auch unsere Kinder zu ihm kommen. Sie werden mit hinein genommen in das göttliche Leben, das aus uns ausfließt.

 

Wer an mich glaubt, wird erfahren, was die Heilige Schrift sagt: Von seinem Inneren wird Leben spendendes Wasser ausgehen wie ein starker Strom.

(Johannes-Evangelium 7,38)

 

Heiligung. Gott macht unsere Seele gesund und „heilt all unsere Gebrechen“. Er ist der gute Hirte, der uns mit allem versorgt. Bei ihm ist kein Mangel. Wenn wir unser Altes loslassen, macht er alles neu.

Er fügt uns ein in die Gemeinschaft der Heiligen. Eine Generation aus Königen und Priestern. Wie  ein  Organismus wirken alle zusammen. Was einer nicht kann, kann der andere. Gott schenkt Befähigung, so wie es der Organismus braucht; und alle wachsen gemeinsam und zusammen der Ganzheit entgegen. Gott ist Liebe.

Christus in uns – die Hoffnung der Herrlichkeit. Immer wieder suchen wir seinen Frieden, und er wird uns geschenkt, in einer Weise, die wir nicht verstehen. Gottes Wirken erfasst uns und führt uns mit sich im Strom des Lebens.

Er macht unser Leben hell und führt uns auf einem guten Weg. Er gießt seine Liebe in unsere Herzen …

Wir sind das Licht der Welt. Unsere Kinder finden Sicherheit und Orientierung in dem Licht, das von uns ausgeht. Unsere Liebe wärmt ihre Seelen.

 

 Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.

(Lukas-Evangelium 18,17)

 

Lasst doch endlich die Kinder zu ihm kommen …

 

Um Gottes und der Menschen willen: Stürzt doch endlich das Bibel-Dogma vom Sockel!

 

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Altarbibel auf einem lutherischen Altar; von Leon Brooks [Public domain], via Wikimedia Commons

 

[ Dies ist die Überarbeitung eines meiner älteren Artikel, der mit Abstand die heftigsten Reaktionen hervorgerufen hat. Hier findet ihr den älteren Artikel. ]

Dies ist kein Artikel gegen die Bibel. (Ich bin bekennender Bibel-Fan.) Es  ist  allerdings ein Artikel gegen einen schlechten Umgang mit ihr. Und es ist ein Artikel für einen wahrhaft christlichen Glauben im Sinne Jesu. – Es gibt etwas Besseres als Biblizismus: Evangelium! Es gibt eine gute Nachricht.

Die nicht ausreichend geklärte Frage unseres Umgangs mit der Bibel, ist eines der größten Probleme des Christentums. Wir haben einen Hunderte von Jahren alten Bibel-Mythos, der wie ein gewaltiger Klotz am Bein des wunderbaren Evangeliums ist. Es ist mehr als überfällig, dass das Dogma der Unfehlbarkeit der Bibel von seinem Sockel gestoßen wird, um zu einem Glauben im Sinne Jesu und der ersten Christen zurückzukehren. (Wenn all die Frommen der Jahrhunderte Jesus und die biblischen Texte ernster genommen hätten, wäre es nie zu diesem Dogma gekommen.)

 

Wehe euch Schriftgelehrten! Denn ihr beladet die Menschen mit unerträglichen Lasten …

Weh euch, … die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hinein wollen, lasst ihr nicht hineingehen.  … Weh euch, ihr verblendeten Führer …

(Jesus von Nazareth; Bibel, Neues Testament, Lukas-Evangelium 11. Kapitel, Vers 46 und Matthäus 23,13-16)

 

Nehmt doch endlich das Joch eurer Bibel-Verehrung von den Schultern so vieler Gläubiger! Jesus hat keinen heiligen Text aufgeschrieben und auch zu Pfingsten kam keine neue Tora vom Himmel. Es war gerade der normative Charakter heiliger Schriften, der in der frühen Christenheit zur Diskussion Stand. Um Gottes und der Menschen willen müssen wir DEUTLICH widersprechen:

Die Bibel ist NICHT das Wort Gottes !!!

Ich sage dies nicht, weil ich GEGEN die biblischen Texte bin, sondern FÜR sie! Und für die MENSCHEN, die sie lesen.

Wer es nicht glauben will, soll doch einfach selbst mal in seiner Bibel nachschauen:

Lukas, zum Beispiel. Behauptet der Verfasser des Lukas-Evangelium an irgendeiner Stelle, dass seine Worte die Worte Gottes wären oder dass er sie von Gott empfangen hätte? Gibt es irgendeinen anderen Vers in der Bibel, der  behauptet, dass das Lukas-Evangelium Gottes Worte sind? Wann hat überhaupt in der Kirchengeschichte sich zum ersten Mal jemand angemaßt zu behaupten, dass dies Evangelium Wort Gottes ist? Und warum?

Die biblischen Texte wurden im Glauben überliefert, dass sie Zeugnisse des Wirken Gottes sind. Dadurch werden sie aber nicht zu vollkommenen Worten Gottes für den modernen Leser. Nehmt doch die Texte selbst ernst, anstatt einfach eure liebgewonnenen Ideen in die Texte hineinzulesen! Und all dies auch noch unter dem Deckmantel von Frömmigkeit und mit dem Anspruch auf Wahrheit!!!

Ich glaube auch, dass Gott spricht. Ich glaube auch, dass er durch einen biblischen Text zu einem Menschen sprechen kann. Dies ist dann aber eine persönliche, subjektive religiöse Erfahrung und sollte auch als solche behandelt werden.

Auch Theologen, die Fundamentalismus ablehnen, sind in ihrem Gebrauch der biblischen Texte und in ihrem Reden über die Bibel nicht immer „sauber“. (Mich eingeschlossen.) Wir, die „Wissenden“, tragen aber Verantwortung dafür, wie wir die Bibel darstellen und welche Erwartungen an diese Texte wir erzeugen.

Wie wäre es, wenn wir endlich einmal eine Bibelausgabe hätten, wo nicht „Bibel“ oder sogar „Heilige Schrift“ drauf steht, sondern „Sammlung der grundlegenden Schriften des Christentums“? Das Wort „Bibel“ allein suggeriert schon eine Homogenität des Buches, die nicht gegeben ist. (Wer weiß schon, dass das Wort „Bibel“ eigentlich ein Plural ist?)

Denen, die sich schon freuen, dass sie jetzt vielleicht auch als Christen endlich machen dürfen, was Spaß macht, sei gesagt:  Ihr durftet schon immer machen, was Spaß macht; es ist nur nicht alles gut!  😉

 

Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht haben über mich.

Alles ist erlaubt – aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt – aber nicht alles baut auf.

(Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth; 6,12 und 10,23)

 

Das Bibel-Dogma aufzugeben, bedeutet überhaupt nicht, dass christlicher Glaube dadurch beliebig würde, es keine Orientierung mehr gäbe oder die Nachfolge Jesu weniger verbindlich wäre. Aber so vielfältig wie Kulturen und Menschen und das Leben selbst, so vielfältig müssen auch unsere Antworten sein. – Und wer sagt überhaupt, dass ich selbst die richtige Antwort für einen anderen Menschen haben muss?

Haben wir Angst vor der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes?

 

Alle, die sich von Gottes Geist regieren lassen, sind Kinder Gottes. Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er hat euch vielmehr zu Gottes Söhnen und Töchtern gemacht. Jetzt können wir zu Gott kommen und zu ihm sagen: »Abba, lieber Vater!
(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom; 8,14-15)

 

Die steilste Karriere

 

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public domain (CC0), by Hagerty Ryan via pixnio.com

 

… Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? …
.
Jesus schrie noch einmal laut auf und starb.
  .
(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 27. Kapitel, Verse 46-50)

 

Öffentliche Hinrichtung durch Kreuzigung: Das brutale Gesicht des Imperium Romanum. Skrupellose Durchsetzung Römischer Machtinteressen. Jesus von Nazareth ist nicht irgendeines Todes gestorben. Kreuzigung war der Alptraum eines antiken Menschen. Auch heute noch verstummen wir im Anblick derartiger Brutalität.

Die Erzählung von Jesu Ermordung durch den Römischen Staat, von seiner Auferstehung und Himmelfahrt könnte extremer kaum sein. Sein Tod war ein Skandal, und peinlich für seine Anhänger. Er starb nicht alt und lebenssatt, rückblickend auf ein erfolgreiches Lebenswerk; sondern er starb in den besten Jahren eines Mannes, scheinbar ohne viel erreicht zu haben.

 

Da ließen ihn alle im Stich und flohen.

(Markus-Evangelium 14,50)

 

Umso krasser der Unterschied zur frühchristlichen Verkündigung: Der so zu Tode gekommende Mann aus Nazareth ist von Gott selbst rehabilitiert worden, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Und nicht nur das! Der auferstandene Jesus wurde auch in den Himmel aufgenommen und hat jetzt den Ehrenplatz an Gottes Seite, als eine Art „Thronfolger“ von Gott selbst als Weltregent eingesetzt.

Eine gewaltige Provokation sowohl für Juden, als auch für Römer. Nicht dem römischen Kaiser gehört die absolute Macht und unbedingte Loyalität, sondern dem Mann aus Nazareth; dem Retter der Juden und der ganzen Welt, den sich die Juden doch so ganz anders vorgestellt hatten. Nachdem ihr Lehrer nicht mehr da war, waren es Jesu Anhänger, die zu Keimzellen einer Bewegung wurden, die nach und nach die ganze Welt erfasst hat.

Was war geschehen? Was waren das für Menschen, die zu den Trägern dieser Auferstehungsbotschaft wurden?

 

Als sie den Freimut des Petrus und des Johannes sahen und merkten, dass es ungelehrte und einfache Leute waren, wunderten sie sich. Sie erkannten sie als Jünger Jesu.

(Die Bibel, Neues Testament, Apostelgeschichte, 4.Kapitel, Vers 13)

 

Die neutestamentlichen Erzählungen berichten von ganz unterschiedlichen Menschen: Ungebildete und Gelehrte, Arme und Reiche, Sklaven und Sklavenbesitzer, Mächtige und Ohnmächtige, Männer und Frauen, Junge und Alte, Handwerker und Schreibtischtäter. Menschen, die entweder selbst mit Jesus gelebt hatten oder ihm begegnet waren, oder denen von ihm erzählt worden war und die in ihrem Herzen berührt worden sind. Wenn Menschen Liebe und Vertrauen leben, ist es für andere, die auf der Suche sind, leichter die gute Nachricht zu glauben: Immanuel, Gott ist mit uns.

 

Die Gläubigen lebten wie in einer großen Familie. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Wenn es an irgendetwas fehlte, war jeder gerne bereit, ein Grundstück oder anderen Besitz zu verkaufen und mit dem Geld den Notleidenden in der Gemeinde zu helfen …
In großer Freude und mit aufrichtigem Herzen trafen sie sich zu den gemeinsamen Mahlzeiten.
(Apostelgeschichte 2,44-46)

 

Der Gekreuzigte war auferstanden. Verlierer wurden zu Gewinnern. Die Letzten die Ersten. Arme wurden reich beschenkt. Eigen-tum wurde wertlos: Man hatte alles gemeinsam. Die Welt wurde auf den Kopf gestellt. Himmel auf Erden.

 

… alles, was mir früher als Vorteil erschien, habe ich durch Christus als Nachteil erkannt. Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert. Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. … Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe. Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat.

(Paulus im Philipperbrief 3,7-12)

 

So wie der Lehrer das Reich Gottes verkündet und gelebt hatte, so verbreitet sich nun die Herrschaft Gottes auch durch seine Anhänger: Ohne politische oder wirtschaftliche Macht, ohne Gewalt. Nur durch Vertrauen und Liebe, Wort und Tat, und durch eine Kraft, die über menschliche Möglichkeiten hinausgeht. Das Geheimnis der Wirklichkeit und Gegenwart Gottes entfaltet sich in der Geschichte der Menschheit.

Wer selbst von der Botschaft Jesu im Herzen berührt worden ist, kann wahrscheinlich am ehesten verstehen, was damals geschehen ist.

 

 Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.

(Lukas 18,17)

 

motiviert und voller energie

 

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Judäische Wüste; Foto von Yuvalr [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, from Wikimedia Commons

 

Er ist ein außergewöhnliches Kind. Seine Mama hat das schon immer gewusst. Auch Nachbarn und Bekannte machen immer wieder Andeutungen: „Aus dir wird noch mal was ganz Besonderes!“

Doch nichts passiert.

Er wächst auf wie die anderen Jungs in seinem Kaff, irgendwo auf dem Land, weit ab von der Metropole, wo das Leben spielt. Im Schoß seiner Familie wächst er heran, und wird ein Mann.

Eines Tages hört er, wie Leute erzählen, dass im Süden jemand angefangen hat zu predigen, und dass alle Leute zu diesem Prediger rennen. In der Nähe Jerusalems, auf der östlichen Seite des Jordans, hört man die Worte:

 

„Wenn ihr nicht ändert, wie ihr lebt, kommt es zur Katastrophe! Hört endlich auf, das Falsche zu machen und tut das Richtige!“

 

Da verlässt er sein Dorf und seine Familie, und macht sich auf den Weg.

Schon von Weitem sieht er die große Menschenmenge und hört die kräftige Stimme des Predigers. Einige Menschen gehen ins Wasser des Jordan hinein und lassen sich dort untertauchen, um zu zeigen, dass sie entschlossen sind, einen neuen Anfang zu machen. Und auch er steigt hinein in den Jordan und lässt sich untertauchen.

Für einen Augenblick ist er begraben im kalten Wasser. Dann richtet er sich auf. Das Wasser tropft von ihm herab, und er reibt es sich aus den Augen.

Als er die Augen öffnet, erblickt er eine Erscheinung, wie eine Taube, die vom Himmel auf ihn herabkommt, und er hört eine neue Stimme, die vom Himmel kommt:

 

„Du bist  mein  Kind! Ich freu‘ mich so über dich.“

 

Langsam steigt er wieder aus dem Wasser heraus und bahnt sich einen Weg durch die Menschenmenge. Er will allein sein. Es zieht ihn in die Einsamkeit …

Wüste. Nur Himmel über ihm. Nachts leuchten die Sterne.

Sein Name ist übrigens „Jeschu;“ eine Kurzform des beliebten alten hebräischen Namens „Jehoschua.“ – Ein berühmter Mann mit demselben Namen hatte einmal vor langer, langer Zeit das Volk Gottes in das gelobte Land geführt.

Ob der Name wohl eine Bedeutung hat? „Gott ist großzügig“? „Gott rettet“?

Jeschu isst nichts, während er in der Wüste wartet. Und nachdem viele Tage vergangen sind, ist er schwach, und es quält ihn der Hunger.

Nun begegnet er dem Bösen …

„Na, mach doch Brot aus diesem Stein hier! Du Ebenbild Gottes! Als Kind Gottes müsstest du das doch eigentlich können, oder?“

Doch Jeschu antwortet nur:

 

„Um wirklich zu leben, braucht man mehr als Essen.“

 

Eine Weile vergeht.

Ein Abgrund tut sich vor ihm auf. – Heißt es nicht in der Heiligen Schrift: „Er wird Engel schicken, um mich zu retten?“

„Alles loslassen, mich einfach fallen und Gott machen lassen …“

 

„Nein! Es ist nicht gut, Gott herauszufordern. Ich kann Gottes Eingreifen nicht erzwingen …“

 

Wieder vergeht eine Weile.

Immer noch hat Jeschu nichts gegessen; und erneut tritt der Böse an ihn heran:

„Ich habe mehr als du brauchst. Mir ist Alles in dieser Welt  GEGEBEN WORDEN.  Mir gehören alle Mächtigen, alles Geld, aller Reichtum, …

Du brauchst das bloß anzuerkennen, und die Welt wird dir zu Füßen liegen. Ich werde dir  alles  geben, wenn du dich endlich vor mir beugst.“

Da öffnet Jeschu seinen Mund und spricht langsam die Worte:

 

„Hau ab, du Teufel! – Ich weiß nur eins: Gott regiert!“

 

Und der Spuk ist vorbei. Die Engel Gottes kommen zu ihm, herab vom Himmel, und versorgen ihn mit allem, was er braucht.

Vollmacht.

Befähigt, und erfüllt mit der Kraft Gottes, wendet er sich nach Norden. Er lässt die Wüste hinter sich. Auch den Mittelpunkt seines Volkes, Jerusalem, Tempel, Priester und König, die Reichen und Mächtigen lässt er hinter sich und geht zu seinen Leuten aufs Land – zu den einfachen Menschen.

Er trifft die Menschen in den Synagogen und auf den Marktplätzen und spricht mit ihnen. Er sagt:

 

„Das Himmelreich ist schon da! Hier, und jetzt. Es ist schon mitten unter euch. – Es ist in euch.“

 

Und all die kaputten Menschen kommen zu ihm …

und werden heil.

 

(Die Bibel, Neues Testament; Matthäus-Evangelium, Kapitel 1-4)

 

Man nannte ihn „Jochanan“

 

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By Hansueli Krapf This file was uploaded with Commonist. [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Langes Warten auf das Eingreifen Gottes. Die Lage im Land spitzt sich zu. Sehnsucht nach Freiheit, und nach der Herrschaft Gottes. Die Zeit ist reif …

Man hatte ihn Jochanan genannt – „Gott ist gnädig.“ Eigentlich wollte man ihm einen Namen gemäß der Familientradition geben, aber sein Vater hatte geschrieben: Er soll „Jochanan“ heißen!

Später zog er sich zurück in die Wüste.

Wüste. Einsamkeit. Nur der Himmel über ihm.

Ort der Vorbereitung – Ort der Klärung.

Wie hatte wohl sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt ausgesehen?

Wir haben keine Ahnung. Er selbst hat keine Memoiren zurückgelassen, und es wurden auch keine Biografien über ihn geschrieben.

Der kleinbürgerliche Lebensweg im Schoß der Familie war für ihn nicht in Frage gekommen. – So darf es in unserer Heimat doch nicht weitergehn!

Heuschrecken und Honig. -Seine heiligen Texte erzählen von einem anderen Mann vor langer Zeit, der auch schon in auffälliger Kleidung herumgelaufen war …

Die Lage in der römischen Provinz am Rande des Imperiums ist angespannt. Da ertönt die einsame Stimme eines Rufenden in der Wüste:

 

„Es fehlt nur noch ein Augenblick! Die Axt liegt schon am Fuß des Baumes an. Gleich holt ER aus und dann …

Fangt bei euch selbst, in eurem eigenen Leben an! Ändert euer Leben, solange ihr es noch könnt …“

(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 3. Kapitel, Markus 1, Lukas 3, Johannes 1)

 

Und sie kamen. Viele Menschen aus der Großstadt gingen hinaus in die Einöde zu dem Rufer in der Wüste. Sie hatten Hoffnung geschöpft … – Sie waren bereit einen neuen Anfang zu machen.

Aber nicht alle waren begeistert. Seine Autorität wurde in Frage gestellt. – „Was bildet dieser Mann sich überhaupt ein?“  „Was denkst du, wer du bist?“

Er antwortete: „Ich bin eine Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“

Und dann trat ein Mann auf, aus einem Kaff in Galiläa; und der Himmel tat sich auf …

 

Das Himmelreich ist schon da. Hier, und jetzt!

Es ist mitten unter euch,

und es ist in euch.

(Lukas-Evangelium 17,20)