Dorothea Wendebourg im Deutschlandfunk

 

Letztes Jahr hörte ich bei Prof. Wendebourg Kirchengeschichte V an unserer Theologischen Fakultät. Jetzt war sie zum Interview beim Deutschlandfunk:

Kritik an Evangelischer Kirche in Deutschland: „Bei uns wird immer rumgebastelt“

 

Eintauchen ins Leid

 

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Vincent van Gogh: Der gute Samariter (nach Delacroix), 1890 [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Wir leben in einer Multi-Options-Gesellschaft. Wir genießen das vielfältige Angebot. – Aber wer würde schon gern freiwillig leiden? Ist das nicht Masochismus? Krank?

 

… stark wie der Tod ist die Liebe
und ihre Leidenschaft so unentrinnbar wie das Totenreich.
Ihre Glut lodert wie Feuer;
sie ist eine Flamme des Herrn.
Große Wassermassen können die Liebe nicht auslöschen,
Ströme sie nicht überfluten.
Und wenn einer seinen ganzen Besitz hergäbe, um sich die Liebe zu erkaufen,
so würde man nur über ihn spotten …
(Bibel / Tanach, Hoheslied, 8. Kapitel, Verse 6-7)

 

Liebe ist freiwillig. Man kann sie nicht kaufen und nicht erzwingen. Sie wendet sich aus sich selbst heraus dem anderen zu – weil dies ihr Wesen ist.

Liebe führt mich ins Leiden. Mitleid ereignet sich spontan in mir, weil ich mich selbst in meinem Menschsein in dir wiedererkenne. Du bist ich – und ich bin du. Dein Schmerz ist mein Schmerz. Die Liebe jedoch ist es, die nicht zulässt, dass ich mich abwende, um mich selbst zu schützen. Sie macht mein Herz weich und wendet mich dir zu. Sie führt mich ins Leiden.

Alles ist miteinander verbunden. Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft, von der ich mich nicht verabschieden kann. Wir sind wie  ein Organismus. Dein Problem ist auch mein Problem.

 

 … der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

(Neues Testament, Lukas-Evangelium 19,10)

 

Ich bin nicht gut im Leiden. Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich mich nicht wohl fühle. Aber es ist die göttliche Liebe, die mich magisch anzieht; das Vorbild von Jesus und alles Leid um mich herum, die nicht locker lassen …

 

… Angst und Entsetzen überfielen Jesus …
»Ich zerbreche beinahe unter der Last, die ich zu tragen habe …«
»Abba, Vater, alles ist dir möglich. Lass diesen bitteren Kelch des Leidens an mir vorübergehen …«
Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte.
(Markus-Evangelium 12,33-36; Lukas-Evangelium 22,44)

 

Jesus hat uns vorgelebt, was wir ihm nachmachen sollen. Er ist dem Leiden nicht ausgewichen – um unsertwillen.

 

… Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und auf meinem Weg hinter mir hergehen.

(Markus-Evangelium 8,34)

 

Christsein ist kein Spaziergang, und die Liebe Christi in uns ist ein todesmutiger Trieb. Das Blut der Märtyrer bezeugt dies durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag.

 

Glücklich zu preisen sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Glücklich zu preisen seid ihr, wenn man euch um meinetwillen beschimpft und verfolgt und euch zu Unrecht die schlimmsten Dinge nachsagt. Freut euch und jubelt! Denn im Himmel wartet eine große Belohnung auf euch. Genauso hat man ja vor euch schon die Propheten verfolgt. Ihr seid das Salz der Erde …
(Matthäus-Evangelium 5,10-13)

 

In vieler Hinsicht ist das Christentum eine Gegenkultur zur weltlichen Kultur, die uns alltäglich umgibt. Himmelreich an Stelle von egoistischen Individualismus, und Erbarmen anstatt Spaßkultur.

 

Sandra Hauser | Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

 

Sandra Hauser auf ihrem Blog „Integrales Christsein“ über die Bedeutung von Religion für die kulturelle Entwicklung der Menschheit; insbesondere bzgl. der Geschichte des Christentums und der westlichen Kultur:

Religion als Förderband: Mittel zur Bewusstseinsentwicklung der Menschheit

 

Jesus. Punkt.

 

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Gerard van Honthorst [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… in Antiochia kam für die Jünger und Jüngerinnen zum ersten Mal die Bezeichnung »Christen« auf.

——-

(Bibel, Neues Testament, Apostelgeschichte, 11. Kapitel, Vers 26)

 

„Christus“ ist der Name, über den sich alle Christen definieren. Wenn man in der Bibel die Apostelgeschichte liest, bekommt man den Eindruck, dass die Bezeichnung „Christen“ ursprünglich eine Fremdbezeichnung durch Nicht-Christen gewesen ist. Offensichtlich erschien „Christen“ als ein passender Name für die Anhänger von Jesus aus Nazareth, mit dem sich dann auch innerhalb kurzer Zeit die Christen selbst identifiziert haben.

 

Wer dagegen leidet, weil er ein Christ ist, der braucht sich nicht zu schämen. Er soll Gott dafür danken, dass er zu Christus gehört und seinen Namen trägt.

(Neues Testament, 1. Brief von Petrus, 4,16)

 

Es ist interessant, dass sich nicht ein anderer Name durchgesetzt hat. Mann hätte die Anhänger von Jesus ja auch einfach Jesuaner oder Jesuiten  😉  nennen können. Aber offensichtlich stand das Bekenntnis  “ Jesus ist der  Christus “ (hebr. „Jeschua Ha-Maschiach“) im Vordergrund. Auch moderne Jesus-gläubige Juden nennen sich oft „messianische Juden“ und nicht „Jesuaner“ o.ä.

Was die ersten (jüdischen!) Christen von den anderen Juden unterschied, waren auch nicht ihre heiligen Texte (sie hatten ja dieselben Texte), sondern ihr Bekenntnis, dass Jesus aus Nazareth der in diesen alten Texten verheißene Messias Gottes ist. Die ersten Christen hätten niemals „Biblianer“ o.ä. genannt werden können, denn die Bibel gab es noch nicht. Erst im Laufe der Kirchengeschichte rückte die Bibel immer mehr ins Zentrum des christlichen Glaubens.

 

Als Bibel … bezeichnet man eine Schriftensammlung, die im Judentum und Christentum als Heilige Schrift mit normativem Anspruch für die ganze Religionsausübung gilt.

(Wikipedia)

[Interessant, dass der Verfasser des Wikipedia-Artikels hier offensichtlich keinen großen Unterschied in der Funktion der heiligen Texte bei Judentum und Christentum sieht.]

 

Im Zentrum des Glaubens der ersten Christen stand jedenfalls noch unangefochten der Mensch Jesus aus Nazareth, vom dem sie glaubten, dass er in einzigartiger Weise durch Gottes Geist befähigt und bevollmächtigt worden war, Gottes Plan der Erlösung auszuführen.

 

… im Namen von Jesus, dem Messias aus Nazaret, … In keinem anderen ist Rettung zu finden, denn unterm ganzen Himmel gibt es keinen vergleichbaren Namen. Nur dieser Name ist den Menschen gegeben worden. Durch ihn müssen wir gerettet werden.
(Apostelgeschichte 4,10-12)

 

Das Meiste aus dem Leben von Jesus kennen wir nicht. Erstaunlicherweise hat er uns auch selbst keinen einzigen Text hinterlassen.

Den einzigen Jesus, den wir kennen, ist der Jesus der frühchristlichen Überlieferung. In dieser Überlieferung hat die Wirkung, die von diesem Menschen ausging, eine schriftliche Gestalt gefunden. Und auf diese Wirkung, die Jesus hatte und immer noch hat, kommt es an.

 

 Jetzt lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir …

(Paulus‘ Brief an die Galater, 2,20)

 

Nur 4 (!) Texte über das Leben von Jesus sind in unserem neuen Testament enthalten. Die restlichen 23 Texte sind Texte aus dem Leben der frühen Christenheit. Dies mag auch damit zu tun haben, dass die ersten Christen überzeugt waren, dass Jesus auch nach seiner Himmelfahrt immer noch gegenwärtig ist, in der Gemeinschaft seiner Anhänger.

Das wäre doch ein einfaches Christentum, wenn einfach alle dazu gehörten, die Azubis bei Jesus sind; alle, die sich mit Jesus auf den Weg gemacht haben und einen Ausbildungsvertrag mit ihm eingegangen sind.

 

 

Jesus, höchster Name,
teurer Erlöser, siegreicher Herr.
Immanuel, Gott ist mit uns,
herrlicher Heiland, lebendiges Wort.

Er ist der Friedefürst und der allmächt’ge Gott,
Ratgeber wunderbar, ewiger Vater,
und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter,
und seines Friedensreichs wird kein Ende sein.

 

(Klassiker der Anbetungsmusik aus den 70er Jahren)

 

Hier noch einmal für die Ohren:  Jesus, höchster Name

Unterschiedliche Überzeugungen und Traditionen müssen uns als Christen nicht blockieren, trennen und Kraft kosten, sondern können uns helfen zu verstehen, wer wir als Menschen sind und wer Jesus war und ist.

Bereicherung durch die Perspektiven der anderen anstatt Begrenzung des eigenen Blicks. Freiheit des Denkens an Stelle eines Diktats der Tradition und Mehrheitsmeinung. Nicht menschliche Macher, sondern nur  ein  Chef:  Jesus.

Uns als Christen definieren über das, was uns verbindet, und nicht durch das, was uns trennt: Orthodoxie, liberales Christentum, Fundamentalismus, Katholizismus, Protestantismus, Methodismus, Baptismus, Biblizismus, …

Einfach Christen. Einfach Jesus.  Jesus einfach.

Punkt.

 

Safi Nidiaye | Das Gott-Experiment

 

Heute für mich neu entdeckt: Safi Nidiaye.

Sie hat eine Meditations-Methode entwickelt, die sie „Körperzentrierte Herzensarbeit“ nennt.

Webseite

YouTube-Kanal

Einen guten Eindruck kriegt man hier: Herz öffnen statt Kopf zerbrechen – Wieder fühlen lernen

Hab mir auch gleich ein Buch von ihr bestellt:

Das Gott-Experiment

Das Gott-Experiment (YouTube-Vorstellung bei MYSTICA.TV)

 

Wasser

 

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Nebel auf dem Ibar in Mitrovica, Kosovo, by AgronBeqiri (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Wasser. Atmosphäre. Luftfeuchtigkeit, Nebel und Wasserdampf. Wolken. Regen. Schnee und Eis. Arktis. 5 Ozeane und mehr als 2 Drittel der Erdoberfläche. Zwischen 2 und 3 Viertel des menschlichen Körpers. Es gibt kaum einen Stoff, der größere Bedeutung für unser Leben hat. – Woher kommt dieser Saft des Lebens?

Am Anfang unserer Bibeln steht die Erzählung von der Erschaffung unseres Universums:

 

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde …

——-

(Allererster Vers unserer Bibeln bzw. des jüdischen Tanach: Bereschith / Genesis / 1.Buch Mose, 1. Kapitel, Vers 1)

 

Auffällt beim genauen Lesen, dass der Anfang unserer Bibeln erstaunlicherweise nicht erklärt, wo das Wasser herkommt. Es ist einfach gegeben. Allgegenwärtig, und fast übermächtig und bedrohlich. Gott selbst ist es dann, der einen Hohlraum im Wasser schafft und dem Wasser befiehlt sich im Meer zurückzuziehen, so dass trockenes Land zum Vorschein kommen kann.

Für den Anfang der Bibel gilt dasselbe, das man auch über den Rest der Bibel sagen muss: Die Bibel wurde nicht direkt für uns geschrieben. Die biblischen Texte entstanden in einer Zeit, in der der Glaube an viele Götter selbstverständlich war. Polytheismus war so selbstverständlich, wie heute bei uns Atheismus oder Agnostizismus. Wenn wir diese alten Texte lesen, müssen wir – um sie richtig zu verstehen – versuchen, sie zu lesen, wie ein antiker Mensch sie gelesen hat. (Keine leichte Aufgabe.)

 

In vielen Religionen des Altertums wurden Gewässer allgemein und vor allem Quellen, als Heiligtum verehrt.

(Wikipedia)

 

In der Mesopotamischen Religion war das Meer, wie vieles andere auch, eine Gottheit. Der jüdische Glaube hingegen ist strickt monotheistisch. Es gibt keine Konkurrenz zu dem einen Gott, der alles umfasst und ordnet. Das harmonische Bild seiner Schöpfung wird nur ein bisschen gestört durch das Tohuwabohu auf der Erde in Vers 2:

 

Und die Erde war wüst und leer (Tohuwabohu), und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.

——-

(Bereschith / Genesis / 1.Buch Mose, 1. Kapitel, Vers 2)

 

Es wird aber alles gut – beziehungsweise sehr gut. Nachdem Gott mit der Erschaffung des Menschen seine Schöpfung vollendet hat, ist alles sehr gut (Vers 31). Eine Störung im Paradies tritt dann erst im 3. Kapitel auf, durch die Schlange und den Menschen, Verführung und Vertreibung.

In diesen Erzählungen Argumente für die Debatte „Schöpfung oder Evolution“ zu suchen, erscheint mir, als ein ziemlich schiefer Blick auf diese Texte. Kaum vorstellbar, dass diese Frage die Leser damals bewegt hat. Schon die gelegentliche Bezeichnung „Schöpfungsbericht“ ist irreführend, da man die Erzählung wohl kaum als einen Bericht im modernen Sinn verstehen kann.

Offenbar bestand auch kein „naturwissenschaftliches“ Interesse des Textes zu klären, wo denn das Wasser herkommt. Erstaunlich, angesichts der überwältigen Bedeutung des Wassers, damals und heute. – Aber das Wasser ist einfach nur so da.

Die biblischen Texte sind nicht geschrieben worden, um moderne Neugier zu befriedigen. Es sind Texte, die von dem einen Gott erzählen, von dem alles herkommt und zu dem alles hingeht. Der alles umfasst und der den Durst unserer Seele stillt:

 

»Wer Durst hat, soll zu mir kommen und trinken! Wenn jemand an mich glaubt, werden aus seinem Inneren, wie es in der Schrift heißt, Ströme von lebendigem Wasser fließen.« Er sagte das im Hinblick auf den Geist, den die empfangen sollten, die an Jesus glaubten.
——-
(Jesus im Neues Testament, Johannes-Evangelium 7,38)

 

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