Lernen, schwach zu sein

 

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Cethosia cyane, by AirBete via Wikipedia, (CC BY-SA 3.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

 

schwach

Warum sollte man das lernen wollen? Schwach sein, ist ja nicht gerade erstrebenswert, oder?

 

… Was nach dem Urteil der Welt ungebildet ist, das hat Gott erwählt, um die Klugheit der Klugen zunichte zu machen, und was nach dem Urteil der Welt schwach ist, das hat Gott erwählt, um die Stärke der Starken zunichte zu machen.

 

(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 1. Kapitel, Vers 27)

 

stark

Demonstration von Stärke ist eine Lebens- und Überlebensstrategie: Imponiergehabe, Muskeln, Beeindrucken, Macht, Abschreckung, Waffen, Einschüchtern, Gewaltandrohung …

 

Der Weg Jesu

Der Weg Jesu erscheint als ein Entgegengesetzter: Das Leben von Schwachheit als Übereinstimmung mit der Wirklichkeit.

 

 Von sich aus kann der Sohn gar nichts tun, sondern er tut nur das, was er den Vater tun sieht. Was immer aber der Vater tut, das tut auch der Sohn!

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(Neues Testament, Johannes-Evangelium 5,19)

 

zerbrechlich

Schwachheit ist eine grundlegende Lebenserfahrung aller Menschen – vielleicht die grundlegendste überhaupt. Bevor wir die Welt uns er-denken, werden wir im Bauch unser Mutter herumgetragen. Passivität. Geboren-werden. Wir erleiden all die Dinge, die uns als Werdende entgegenkommen.

Auch in der vollen Blüte des Lebens, des Er-wachsen-seins und der Fruchtbarkeit, ist Leben ständig bedroht. Leben existiert nur im Schatten des Todes. Von einer Sekunde zur nächsten kann das Leben zu Ende sein oder eine Katastrophe über uns hereinbrechen, dass nichts mehr so ist, wie wir es kennen.

 

vergänglich

Der Vergänglichkeit unterworfen. Wenn es uns geschenkt ist, alt zu werden, spüren wir, wie die Kräfte nachlassen und wir zerbrechlicher werden. – Es ist nicht erstrebenswert, schwach zu sein; aber die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens zu erkennen und anzuerkennen, ist eine Frage der Wahrheit.

 

Was ist denn der Mensch, Herr, dass du ihn beachtest? Was bedeutet er dir, der vergängliche Mensch, dass du dich mit ihm abgibst? Wie ein Hauch ist der Mensch und sein Leben gleicht dem schwindenden Schatten.

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(Altes Testament / Tanach, Psalm 144, Verse 3-4)

 

Das Wahrnehmen, Bejahen, Annehmen dieser Tatsache erscheint mir als grundlegend für den Weg Jesu.

 

Dem Leben vertrauen

Leben ist ein Geschenk. Jeder Atemzug. Nichts ist selbstverständlich oder verdient, könnte eingefordert werden. Unser Leben kann nur bestehen als Teil von etwas Größerem, das wir nicht in der Hand haben oder kontrollieren können.

Wir brauchen Vertrauen und Mut, um schwach sein zu können. Verabschiedung von Selbsttäuschung. Nachhaltigkeit, anstelle von kurzsichtigen Zielen.

 

… Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Ordnet euch also Gott unter …

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(Neues Testament, Jakobusbrief 4,6-7)

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Du umschließt mich von allen Seiten und legst deine Hand auf mich.

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(Psalm 139,5)

 

weich, flexibel und formbar

Starrheit zerbricht, Flexibeles gibt nach. Beim harten Aufschlag geht etwas kaputt – Weichheit kann Energie aufnehmen und einen Schlag abfedern. Elastisch.

 

Der Klügere gibt nach!

 

Ich kann ein Teil des Problems sein, oder ein Teil der Lösung.

Die Bibel benutzt manchmal das Bild des Töpferns. Wir sind der weiche, formbare Ton, und Gott ist der Töpfer, der aus uns etwas machen will, das ihm gefällt.

Vielleicht ist das auch der beste Zugang zu der Bibelstelle, zu der schon so viel gesagt worden ist:

 

… Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.

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(Neues Testament, Matthäus-Evangelium 18,3)

 

wahrhaftig

Wenn wir die Perfektion, Heiligkeit, Vollkommenheit, zu der wir aufgefordert werden, versuchen darzustellen, sind wir zum Burnout verdammt. Allein das AUSSTRECKEN nach Vollkommenheit ist leb-bar. Ein Leben aus Gnade und Vergebung, des Immer-neu-anfangen-dürfens. Authentisch.

 

Wenn wir behaupten, ohne Schuld zu sein, betrügen wir uns selbst und verschließen uns der Wahrheit.

(1. Brief des Johannes 1,8)

 

Unser Wille und Denken stören, solange wir nicht mit der Wirklichkeit und dem Wirken Gottes übereinstimmen.

 

Im Fluss

Ob wir Öl oder Sand im Getriebe der Herrschaft Gottes sind, entscheidet sich daran, wie sehr wir mit seinem Wesen im Einklang sind. Wir können entweder ein festverwurzelter Stein im Fluss sein, an dem sich das Wasser bricht, oder wir können uns ausrichten an der Strömung des Wirkens Gottes und uns mitnehmen lassen, dahin, wohin Gott uns trägt.

 

… die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Kinder Gottes.

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(Paulus‘ Brief an die Christen in Rom, 8,14)

 

sterben und auferstehen

Manche Menschen, die schon dem Tode nahe, vielleicht todkrank, waren, haben dadurch zu einem intensiven Leben gefunden. Als Christen leben wir unser Leben im Schatten des Kreuzes Jesu, an dem Gott schwach wurde und an dem wir selbst gestorben sind, um zu einem besseren Leben aufzuerstehen.

 

[Dies ist die neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Die steilste Karriere

 

young girl examines walnut while acorn picking
public domain (CC0), by Hagerty Ryan via pixnio.com

 

… Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? …
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Jesus schrie noch einmal laut auf und starb.
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(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 27. Kapitel, Verse 46-50)

 

Öffentliche Hinrichtung durch Kreuzigung: Das brutale Gesicht des Imperium Romanum. Skrupellose Durchsetzung Römischer Machtinteressen. Jesus von Nazareth ist nicht irgendeines Todes gestorben. Kreuzigung war der Alptraum eines antiken Menschen. Auch heute noch verstummen wir im Anblick derartiger Brutalität.

Die Erzählung von Jesu Ermordung durch den Römischen Staat, von seiner Auferstehung und Himmelfahrt könnte extremer kaum sein. Sein Tod war ein Skandal, und peinlich für seine Anhänger. Er starb nicht alt und lebenssatt, rückblickend auf ein erfolgreiches Lebenswerk; sondern er starb in den besten Jahren eines Mannes, scheinbar ohne viel erreicht zu haben.

 

Da ließen ihn alle im Stich und flohen.

(Markus-Evangelium 14,50)

 

Umso krasser der Unterschied zur frühchristlichen Verkündigung: Der so zu Tode gekommende Mann aus Nazareth ist von Gott selbst rehabilitiert worden, indem er ihn von den Toten auferweckt hat. Und nicht nur das! Der auferstandene Jesus wurde auch in den Himmel aufgenommen und hat jetzt den Ehrenplatz an Gottes Seite, als eine Art „Thronfolger“ von Gott selbst als Weltregent eingesetzt.

Eine gewaltige Provokation sowohl für Juden, als auch für Römer. Nicht dem römischen Kaiser gehört die absolute Macht und unbedingte Loyalität, sondern dem Mann aus Nazareth; dem Retter der Juden und der ganzen Welt, den sich die Juden doch so ganz anders vorgestellt hatten. Nachdem ihr Lehrer nicht mehr da war, waren es Jesu Anhänger, die zu Keimzellen einer Bewegung wurden, die nach und nach die ganze Welt erfasst hat.

Was war geschehen? Was waren das für Menschen, die zu den Trägern dieser Auferstehungsbotschaft wurden?

 

Als sie den Freimut des Petrus und des Johannes sahen und merkten, dass es ungelehrte und einfache Leute waren, wunderten sie sich. Sie erkannten sie als Jünger Jesu.

(Die Bibel, Neues Testament, Apostelgeschichte, 4.Kapitel, Vers 13)

 

Die neutestamentlichen Erzählungen berichten von ganz unterschiedlichen Menschen: Ungebildete und Gelehrte, Arme und Reiche, Sklaven und Sklavenbesitzer, Mächtige und Ohnmächtige, Männer und Frauen, Junge und Alte, Handwerker und Schreibtischtäter. Menschen, die entweder selbst mit Jesus gelebt hatten oder ihm begegnet waren, oder denen von ihm erzählt worden war und die in ihrem Herzen berührt worden sind. Wenn Menschen Liebe und Vertrauen leben, ist es für andere, die auf der Suche sind, leichter die gute Nachricht zu glauben: Immanuel, Gott ist mit uns.

 

Die Gläubigen lebten wie in einer großen Familie. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Wenn es an irgendetwas fehlte, war jeder gerne bereit, ein Grundstück oder anderen Besitz zu verkaufen und mit dem Geld den Notleidenden in der Gemeinde zu helfen …
In großer Freude und mit aufrichtigem Herzen trafen sie sich zu den gemeinsamen Mahlzeiten.
(Apostelgeschichte 2,44-46)

 

Der Gekreuzigte war auferstanden. Verlierer wurden zu Gewinnern. Die Letzten die Ersten. Arme wurden reich beschenkt. Eigen-tum wurde wertlos: Man hatte alles gemeinsam. Die Welt wurde auf den Kopf gestellt. Himmel auf Erden.

 

… alles, was mir früher als Vorteil erschien, habe ich durch Christus als Nachteil erkannt. Ich betrachte überhaupt alles als Verlust im Vergleich mit dem überwältigenden Gewinn, dass ich Jesus Christus als meinen Herrn kenne. Durch ihn hat für mich alles andere seinen Wert verloren, ja, ich halte es für bloßen Dreck. Nur noch Christus besitzt für mich einen Wert. Zu ihm möchte ich um jeden Preis gehören. … Ich meine nicht, dass ich schon vollkommen bin und das Ziel erreicht habe. Ich laufe aber auf das Ziel zu, um es zu ergreifen, nachdem Jesus Christus von mir Besitz ergriffen hat.

(Paulus im Philipperbrief 3,7-12)

 

So wie der Lehrer das Reich Gottes verkündet und gelebt hatte, so verbreitet sich nun die Herrschaft Gottes auch durch seine Anhänger: Ohne politische oder wirtschaftliche Macht, ohne Gewalt. Nur durch Vertrauen und Liebe, Wort und Tat, und durch eine Kraft, die über menschliche Möglichkeiten hinausgeht. Das Geheimnis der Wirklichkeit und Gegenwart Gottes entfaltet sich in der Geschichte der Menschheit.

Wer selbst von der Botschaft Jesu im Herzen berührt worden ist, kann wahrscheinlich am ehesten verstehen, was damals geschehen ist.

 

 Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.

(Lukas 18,17)

 

Macht

 

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Judäische Wüste; Foto von Yuvalr [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, from Wikimedia Commons

 

ER  IST  ein außergewöhnliches Kind. Seine Mama hat das schon immer gewusst. Auch Nachbarn und Bekannte machen immer wieder Andeutungen:

 

„Aus dir wird noch mal was ganz Besonderes!“

 

Und dann passiert …

nichts.

Er wächst eigentlich einfach so auf wie die anderen Jungs in seinem Kaff, irgendwo auf dem Land, weit ab von den Metropolen, wo das Leben spielt …

Keine Ahnung.

Die Zeit vergeht …

Jahr für Jahr, für Jahr …

Im Schoß seiner Familie wächst er heran.
Aus dem Jungen wird ein Mann.

Eines Tages kommt eine Frau ins Dorf und erzählt:

 

Leute, stellt euch vor! Unten im Süden, noch auf der östlichen Seite des Jordan, in der Nähe Jerusalems, hat so’n komischer Typ angefangen öffentlich zu predigen:

„Gottes Gericht steht kurz bevor! Tut Buße! Wenn ihr nicht ändert, wie ihr lebt, kommt es zur Katastrophe! Hört endlich auf, das Falsche zu machen und fangt an richtig zu leben!“

Und die ganzen Leute rennen zu ihm hin und lassen sich im Jordan taufen; als Zeichen, dass sie wirklich mit ihrem alten Leben brechen wollen, und um sich vorzubereiten auf das, was kommt …

 

Da verlässt er seine Familie und sein Dorf, und macht sich auf den langen Weg nach Süden.

Schon von Weitem sieht er die große Menschenmenge, und hört die kräftige Stimme des Predigers. Er bahnt sich einen Weg durch die Menschen und reiht sich ein in die Schar derer, die sich taufen lassen.

Endlich ist er an der Reihe. Für einen Augenblick ist er begraben im kalten Wasser des Jordan …

Dann richtet er sich auf.

Das Wasser tropft von ihm herab, und er reibt es sich aus den Augen. Als er die Augen öffnet, erblickt er eine Erscheinung am Himmel, wie eine Taube, die vom Himmel auf ihn herabkommt, und er hört eine Stimme:

 

„Du bist  mein  Kind!

Ich bin so stolz auf dich.“

 

Ganz langsam steigt er aus dem Wasser heraus und bahnt sich erneut einen Weg durch die Menge. Er flieht vor den Menschen. Er braucht jetzt Zeit für sich allein, und er geht in die nahe gelegene Wüste. Es zieht ihn in die Einsamkeit …

Wüste. Nur Himmel über ihm. Nachts leuchten die Sterne.

Sein Name ist übrigens „Jeschua;“ eine Kurzform des beliebten alten hebräischen Namens „Jehoschua.“ – Ein berühmter Mann mit demselben Namen hatte einmal vor langer, langer Zeit nicht weit von hier das Volk Gottes in das gelobte Land geführt.

Der Name hatte ursprünglich sicherlich auch einmal eine Bedeutung. Vielleicht sollte er bedeuten „Gott ist großzügig“ oder „Gott rettet“.

Jeschua isst nichts, während er in der Wüste wartet. Und nachdem vierzig Tage vergangen sind, ist er völlig entkräftet, und der Hunger quält ihn …

Da begegnet er dem Bösen.

„Na, du Ebenbild Gottes! Mach doch einfach Brot aus diesem Stein hier! Als Kind Gottes müsstest du das doch eigentlich können, oder?“

Doch Jeschua antwortet nur:

 

„Um wirklich zu leben, braucht ein Mensch mehr als Essen.“

 

Eine Weile vergeht.

Dann tut sich ein Abgrund vor ihm auf. Es zieht seinen Blick in die Tiefe …

„Ich kann nicht mehr.“

„Einfach loslassen … mich fallen lassen … Gott machen lassen …“

„Heißt es nicht in den Heiligen Schriften: ‚Er wird Engel schicken, um mich zu retten?‘ “

 

„Nein, …. nein! Ich kann doch nicht Gott herausfordern. Ich kann sein Eingreifen doch nicht erzwingen. Gott wird alles machen – zu seiner Zeit  …“

 

Wieder vergeht eine Weile.

Immer noch hat Jeschua nichts gegessen, und noch einmal tritt der Versucher an ihn heran und flüstert in sein Ohr:

„Ich habe mehr als du brauchst. Mir ist Alles in dieser Welt  GEGEBEN WORDEN.  Mir gehören doch alle Mächtigen, alles Geld, aller Reichtum, …

Du brauchst das bloß endlich anerkennen, und die Welt wird dir zu Füßen liegen. Mit mir kriegst du  alles , wenn du dich nur endlich vor mir beugst.“

Da öffnet Jeschua seinen Mund und spricht langsam die Worte:

 

„Hau ab, du Teufel! – Ich weiß nur eins: Gott regiert!“

 

Und im selben Augenblick ist der Spuk vorbei. Die Engel Gottes kommen zu ihm, herab vom Himmel, und versorgen ihn mit allem, was er braucht.

Voll-Macht.

Gestärkt, befähigt, und erfüllt mit der Kraft Gottes, wendet sich Jeschua nun nach Norden. Er lässt die Wüste hinter sich. Auch den Mittelpunkt seines Volkes, Jerusalem, Tempel, Priester und König, die Reichen und Mächtigen lässt er hinter sich und geht zurück zu seinen Leuten aufs Land – zu den einfachen Menschen.

Er trifft sie in den Synagogen und auf den Marktplätzen und spricht mit ihnen. Er sagt ihnen:

 

Das Himmelreich ist schon da! – Hier, und jetzt.

Es ist schon mitten unter euch.

Es ist in euch.

 

Und all die kaputten Menschen kommen zu IHM …

… und werden heil.

 

(Die Bibel, Neues Testament; Matthäus-Evangelium, Kapitel 1-4)

 

Man nannte ihn „Jochanan“

 

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By Hansueli Krapf This file was uploaded with Commonist. [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Langes Warten auf das Eingreifen Gottes. Die Lage im Land spitzt sich zu. Sehnsucht nach Freiheit, und nach der Herrschaft Gottes. Die Zeit ist reif …

Man hatte ihn Jochanan genannt – „Gott ist gnädig.“ Eigentlich wollte man ihm einen Namen gemäß der Familientradition geben, aber sein Vater hatte geschrieben: Er soll „Jochanan“ heißen!

Später zog er sich zurück in die Wüste.

Wüste. Einsamkeit. Nur der Himmel über ihm.

Ort der Vorbereitung – Ort der Klärung.

Wie hatte wohl sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt ausgesehen?

Wir haben keine Ahnung. Er selbst hat keine Memoiren zurückgelassen, und es wurden auch keine Biografien über ihn geschrieben.

Der kleinbürgerliche Lebensweg im Schoß der Familie war für ihn nicht in Frage gekommen. – So darf es in unserer Heimat doch nicht weitergehn!

Heuschrecken und Honig. -Seine heiligen Texte erzählen von einem anderen Mann vor langer Zeit, der auch schon in auffälliger Kleidung herumgelaufen war …

Die Lage in der römischen Provinz am Rande des Imperiums ist angespannt. Da ertönt die einsame Stimme eines Rufenden in der Wüste:

 

„Es fehlt nur noch ein Augenblick! Die Axt liegt schon am Fuß des Baumes an. Gleich holt ER aus und dann …

Fangt bei euch selbst, in eurem eigenen Leben an! Ändert euer Leben, solange ihr es noch könnt …“

(Die Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium, 3. Kapitel, Markus 1, Lukas 3, Johannes 1)

 

Und sie kamen. Viele Menschen aus der Großstadt gingen hinaus in die Einöde zu dem Rufer in der Wüste. Sie hatten Hoffnung geschöpft … – Sie waren bereit einen neuen Anfang zu machen.

Aber nicht alle waren begeistert. Seine Autorität wurde in Frage gestellt. – „Was bildet dieser Mann sich überhaupt ein?“  „Was denkst du, wer du bist?“

Er antwortete: „Ich bin eine Stimme, die in der Wüste ruft: Ebnet den Weg für den Herrn!“

Und dann trat ein Mann auf, aus einem Kaff in Galiläa; und der Himmel tat sich auf …

 

Das Himmelreich ist schon da. Hier, und jetzt!

Es ist mitten unter euch,

und es ist in euch.

(Lukas-Evangelium 17,20)

 

 

 

Gottes extra scharfes Wort ǂ Bibel

 

Rasierklinge
Rasierklinge; von Hafenbar, via Wikimedia Commons (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en)

 

Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens; und kein Geschöpf ist vor ihm unsichtbar, sondern alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, mit dem wir es zu tun haben. Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesus, den Sohn Gottes, so lasst uns das Bekenntnis festhalten!
(Die Bibel, Neues Testament, Brief an die Hebräer, 4. Kapitel, Verse 12-14)

 

Ich bin aufgewachsen mit dem Vers „das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert …“ (Hebräer 4,12). Und irgendwie war immer klar, dass damit die Bibel gemeint sein sollte.

Dabei ist eigentlich offensichtlich, dass der Autor des Hebräerbriefs gar  nicht  die Bibel gemeint haben  kann , da diese ja noch gar nicht existiert hat.

Der Vergleich mit dem „zweischneidigen Schwert“ ist uns heute fremd. Aber die Bedeutung scheint klar: Das Wort Gottes ist ganz besonders scharf. Etwas, das extra scharf ist, schneidet besonders gut und man kann sich daran auch leicht verletzen. („Messer, Gabel, Scher‘ und Licht …“)

Nehmen wir einmal an, die Aussage „schärfer als jedes zweischneidige Schwert“ würde auch für die biblischen Texte gelten. Dann müssten wir mit diesen Texten sehr vorsichtig umgehen – denn man könnte leicht sich selbst oder andere verletzen. Und es gibt Menschen, die von solchen Verletzungen berichten.

 

… das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert …

(Hebräerbrief 4,12)

 

Woran dachte ein Christ des ersten Jahrhunderts, wenn er den Ausdruck „Wort Gottes“ hörte? An die Worte christlicher Propheten der frühen Christenheit? Die Worte, die in den christlichen Versammlungen verkündigt wurden? Die Worte der Apostel? Erzählungen über Jesus? Jesus Christus selbst? Worte, die der Christ selbst in seinem Herzen oder in Visionen zuvor gehört hatte?

Auf der Webseite eines Predigtpreises finden wir eine Predigt von Joost Reinke über Hebräer 4,12, in der er „Gottes Wort“ mit Jesus Christus identifiziert. Wenn man den Vers im Zusammenhang liest, sicherlich ein naheliegender Gedanke.

Wenn mich jemand fragt, wie ICH etwas gemeint habe, dann tue ich mich manchmal schwer. Mir ist selbst nicht immer ganz klar, was ich eigentlich meine. – Bezieht sich nicht auf diesen Beitrag.  😉 – Aber zumindest bin ich der richtige Ansprechpartner, um zu erklären, was ich mir denn bei meiner eigenen Aussage gedacht habe. (Falls ich überhaupt gedacht habe).

Bei der Aussage einer anderen Person ist das schon ganz etwas anderes. Wenn ich mich anschicke, eine andere Person zu interpretieren, dann sollte ich das mit Respekt, Sorgfalt und Zurückhaltung tun. Es handelt sich schließlich um das geistige Eigentum von jemand anderen.

Tja, wie ist das nun mit dem Wort Gottes?

Sind wir der richtige Ansprechpartner, um zu erklären, was Gott sich bei seinen Worten denkt? Welche Worte sind überhaupt GOTTES Worte? Inwieweit sind wir autorisiert, dazu etwas zu sagen? Und falls wir uns überhaupt trauen, etwas dazu zu sagen: Auf welche Art und Weise sollten wir dies tun?

 

… stellt euch vor, ihr alle verkündet prophetische Botschaften. Wenn jetzt jemand dazukommt, der vom Glauben nichts oder nicht viel weiß, macht alles, was ihr sagt, ihm bewusst, dass er ein Sünder ist. Durch alles, was er hört, sieht er sich zur Rechenschaft gezogen, und seine verborgensten Gedanken kommen ans Licht. Er wird sich niederwerfen, um Gott anzubeten, und wird ausrufen: »Gott ist wirklich in eurer Mitte!«
(1. Korintherbrief 14,24-25)

 

Prophetisches Reden. Vielleicht etwas, dass mir und dir noch nicht so vertraut ist. Menschen, die von Gott inspiriert und aus ihm heraus in eine aktuelle Situation hinein sprechen. – Ist die Ähnlichkeit zur Aussage über das „Wort Gottes“ in Hebräer 4 nicht auffällig?

 

Das soll also euer Ziel sein: ein Leben, das von der Liebe bestimmt wird. Bemüht euch aber auch um die Fähigkeiten, die uns durch Gottes Geist gegeben werden, und wenn ich das sage, denke ich vor allem an die Gabe des prophetischen Redens.

(1. Korinther 14,1-2)

 

Paulus geht hier davon aus, dass prophetisches Reden eine Gabe Gottes ist. Wir können es uns also nicht einfach nehmen. Es ist ein Geschenk, das wir zwar erstreben sollen, bei dem wir aber auch darauf warten müssen, dass es uns gegeben wird.

Wir alle wollen mitreden. Kommunikation ist auch sehr wichtig. Wenn wir aber nicht aus Gott heraus, prophetisch, reden können, dann wäre es manchmal besser, unsere Klappe zu halten.

 

 

… das Wort Gottes ist LEBENDIG …

 

Gottes Wort ist lebendig. Es ist nicht einfach ein alter Text. Sobald etwas aufgeschrieben worden ist, ist es fixiert, starr, unabänderlich …

Es gibt einen Unterschied zwischen schriftlicher und mündlicher Überlieferung – insbesondere auch im Judentum. Solche Überlegungen führen uns sehr tief hinein in die Kulturgeschichte der Menschheit und in ein Nachdenken über Begriffe wie „Tradition“ und „Offenbarung“, starre und flexible kulturelle Systeme und den Umgang mit Literatur.

Dabei fällt auch auf, dass Jesus selbst es offensichtlich nicht für wichtig hielt, schriftliche Texte zu hinterlassen. Meines Wissens gibt es nicht eine einzige Handschrift, die für sich in Anspruch nimmt, von Jesus selbst geschrieben oder diktiert worden zu sein.

Wie viele Mythen und Märchen, so erzählen auch die biblischen Texte von dem epischen Kampf der Menschheit zwischen Gut und Böse.

 

… Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.
(Paulus‘ Brief an die Epheser, 6,10-17)

 

Paulus versteht unter dem „Wort Gottes“ hier etwas, das man „nehmen“ kann. Gesprochen zu einer Zeit, in der es noch keine Bibeln gab und auch die allermeisten Christen keine Tora-Rollen zu Hause hatten.

Die Idee des „Ergreifens des Wortes Gottes“ hat auch etwas Gefährliches an sich. Dies wird deutlich, wenn man vom „Instrumentalisieren“ des Wortes Gottes sprechen würde. Wenn wir über die Worte Gottes verfügen können, dann können wir sie auch missbrauchen.

Mit biblischen Texte ist dies in der Vergangenheit und Gegenwart auch immer wieder gemacht worden. Dabei wurde ihnen oft eine göttliche Autorität zugesprochen, die sie für sich selbst häufig gar nicht in Anspruch nehmen. (Welche biblischen Texte präsentieren sich denn explizit als die Worte Gottes?)

Bei allen warnenden Worten ist es allerdings auch sehr wichtig, dass wir den unschätzbaren Wert des Leben-schaffenden Reden Gottes erkennen.

Die biblischen Texte erzählen von einem Gott, der spricht. Noch bevor ein Menschenohr da war, um das Wort Gottes zu hören, sprach Gott unsere Welt aus dem Nichts ins Dasein (Genesis 1). Gottes Wort gestaltet. Er sendet es aus, und es verwirklicht seine gute Absicht. Im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums stehen die berühmten Worte über das „Logos„, durch das alles erschaffen worden war und das Fleisch geworden ist …

 

… In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen …

(Johannes 1)

 

Wenn wir einem gütigen Menschen begegnen, mag uns dies beschämen, weil wir erkennen, dass wir selbst nicht so sind. Die Begegnung spricht zu uns. Sie erhellt unser Leben. Güte ist anziehend – aber das Erkennen der eigenen Mangelhaftigkeit ist auch schmerzhaft.

Jesus war ein lebendiger Mensch aus Fleisch und Blut wie wir. Er erlitt höllische Qualen. Er wurde zu Tode gefoltert. Aber seine Hinrichtung ist unsere Berichtigung. Durch seinen Schaden und sein Leiden werden wir heil.

Die Jesus-Bewegung endete nicht am Kreuz. Jesus ist auferstanden. Er lebt in uns und begegnet uns auch im bedürftigen Nächsten. Ich bin du – und du bist ich. In Christus vereint Gott alle Menschen.

 

In der Vergangenheit hat Gott immer wieder und auf vielfältige Weise durch die Propheten zu unseren Vorfahren gesprochen. Doch jetzt, in dieser letzten Zeit, sprach Gott durch seinen Sohn zu uns. Durch ihn schuf Gott Himmel und Erde, und ihn hat er auch zum Erben über alles eingesetzt. In dem Sohn zeigt sich die göttliche Herrlichkeit seines Vaters, denn er ist ganz und gar Gottes Ebenbild …
(Hebräer 1)

 

In den biblischen Texten redet Gott auf vielfältige Weise: in Träumen, durch Engel, durch Menschen, seine Propheten, durch Jesus oder auch selbst direkt vom Himmel.

Wie redet Gott heute zu mir und dir? Wohin gehen wir, um seine Stimme zu hören?

 

… Heute, wenn ihr meine Stimme hört, dann verschließt eure Herzen nicht …
(Hebräer 3,7-9)

 

Auch wenn’s weh tut …

Gottes Sprechen dient unserer Heilung und der Verwirklichung seines herrlichen Friedens. Schalom.

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels. Den älteren Artikel mit Kommentaren findet ihr hier.]

 

Jahreslosung 2018 im Zusammenhang

 

Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst

(Die Bibel, Neues Testament, Offenbarung, 21. Kapitel, Vers 6)

 

[Die Worte „Gott spricht“ scheinen im Originaltext gar nicht vorzukommen, sondern der Jahreslosung hinzugefügt worden zu sein. Wenn ich den Text lese, ist mir gar nicht gleich klar, wer denn derjenige ist, der hier spricht.]

 

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I, Kbh3rd [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons
.

Wie nett. Wiedereinmal ein schöner Bibelvers, der uns angenehm berührt:

Man wird bedient mit einem frischen Durstlöscher – und es kostet gar nix!

Angeboten wird frisches, kühles Mineralwasser. Kein lauwarmes, muffig schmeckendes, abgestandenes altes Wasser aus einer verstaubten Flasche oder einem trüben Tümpel. – Wenn das realexistierende Christentum doch bloß auch immer so frisch und lebendig schmecken würde …

Gratis! Dies ist ein Angebot, das sich jeder leisten kann. Kein Luxus-Angebot (nur echt, wenn teuer) für eine Zwei-oder-mehr-Klassengesellschaft. Gerechtigkeit. Chancengleichheit. Hier hat sich offensichtlich schon ein großzügiger Sponsor gefunden, der dieses Angebot finanziert.

Das apokalyptische Buch der Offenbarung ist voll von Bildern. Auch bei der Jahreslosung geht es eigentlich nicht um Wasser, sondern um das, was wir unbedingt zum Leben brauchen. Und das in sehr guter Qualität. Jeder darf hier seiner Fantasie freien Lauf lassen, was der Verfasser der Offenbarung schreiben würde, wenn er seinen Text heutzutage verfassen würde …

Die Jahreslosung in diesem Jahr stammt aus dem vorletzten Kapitel des Buches der Offenbarung. Sie wurde von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ausgewählt.

Bei Bibelversen ist es immer keine schlechte Idee sich den Zusammenhang anzuschauen:

 

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.
Die Feigen aber und Ungläubigen und Frevler und Mörder und Hurer und Zauberer und Götzendiener und alle Lügner, deren Teil wird in dem Pfuhl sein, der mit Feuer und Schwefel brennt; das ist der zweite Tod.
(Verse 1-8)

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Im 21. Kapitel der Offenbarung wird „das neue Jerusalem“ in einer herrlichen Vision als die Belohnung für die „Überwinder“ dargestellt. Gegensatz dazu bildet ein brennender Pfuhl, mit dem die Übeltäter bestraft werden.

Lob und Tadel. Belohnung und Bestrafung. Zuckerbrot und Peitsche. Erfolg oder Gefängnis. Himmel oder Hölle. Ein Dualismus der unser ganzes Leben begleitet.

Wenn man die Jahreslosung im Zusammenhang liest, klingt sie nicht mehr ganz so freundlich; denn im Hintergrund drohen die Qualen des brennenden Pfuhls für die Ungehorsamen. Das herrliche Leben ist offensichtlich doch nicht ganz so billig, wie es den Anschein haben mag, wenn man nur den einzelnen Vers der Jahreslosung liest.

Die Jahreslosung ist sicherlich gut gemeint. Wir alle brauchen Hoffnung. Sie zeigt allerdings auch mal wieder, wie problematisch es ist, einfach einzelne Bibelverse zu zitieren, und sie damit notwendigerweise aus dem Zusammenhang zu reißen.

Die Jahreslosung ist kein Gratis-Angebot für Menschen, die Jesus noch nicht kennen. Das neutestamentliche Buch „Offenbarung“ wurde für Christen geschrieben, um ihnen Mut zu machen und sie herauszufordern, alle Hindernisse zu überwinden, indem sie Gott und Christus vertrauen.

Glaube wird oft Missverstanden als ein Lippenbekenntnis zu einer bestimmten religiösen Weltanschauung. Scheinbar billige Gnade. Aber echter Glaube ist in Wirklichkeit immer lebensgestaltend. Ein Glaube, der keine Wirkung hat, ist ein toter Glaube.

Und die Wirkung deines Glaubens sollte sich eigentlich zu allererst in deinem persönlichen Leben zeigen – deinem Alltag, deinen Beziehungen, Freundschaften, in deiner Familie, in der Schule, an deinem Arbeitsplatz, in deiner Nachbarschaft, an deinem Konsumverhalten, deinen Interessen & Hobbys, …

Was wir wirklich glauben, zeigt sich nicht durch das Bejahen eines Glaubensbekenntnisses, sondern in unserem Leben:

Lass mich sehen, wie du lebst, und ich sage dir, was du glaubst!

Die Behauptung der Jahreslosung ist (in guter jüdisch-christlicher Tradition):

Es lohnt sich, Gott zu suchen und ihm treu zu sein. Gott macht unsere Seele satt und gibt uns Zukunft.

 

Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten; denn sie werden satt werden.

(Matthäus-Evangelium, Bergpredigt, Seligpreisungen, 5. Kapitel, Vers 6)

 

 

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Selbstporträt von Élisabeth Vigée-Lebrun mit ihrer Tochter [Public domain], via Wikimedia Commons

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

 

Dies sind die klassischen Verse zur Inspiration der Bibel. Wenn wir die Verse im Zusammenhang lesen, wird allerdings klar, dass die Inspiration der Bibel hier gar nicht das Thema ist. Ganz abgesehen davon, dass es die Bibel natürlich noch gar nicht gab.

Paulus‘ Verweis auf die Texte, die Timotheus seit seiner Kindheit kennt, legt nahe, dass hier an die heiligen Schriften der Juden (unser Altes Testament) gedacht ist. Auf jeden Fall kann man weder von diesen Versen noch von irgendwelchen anderen Versen in der Bibel ableiten, dass mit diesen Worten all die 66 Bücher gemeint sind, die viele heute als Bibel kennen. Wie schon so oft, hat hier jemand einen Bibelvers gesucht, um seine eigene Meinung zu begründen, und gedacht, diese Verse passen doch ganz gut (was offensichtlich gar nicht der Fall ist).

Der Missbrauch dieser Bibelstelle zur Begründung von Biblizismus lenkt auch von der eigentlichen Aussage ab. Um die Verse von Paulus richtig zu verstehen, dürfen wir nicht unsere heutigen Fragestellungen an den Text herantragen, sondern sollten versuchen, uns einen Eindruck davon zu verschaffen, was Paulus seinem jüngeren Mitarbeiter Timotheus hier vermitteln will.

Paulus schreibt Timotheus, dass er angesichts wachsendem Unglaubens, zunehmender Unmoral und verbreiteter Irrlehre entschlossen für die gesunde Lehre eintreten soll. Dabei betont er die wertvolle Bedeutung der heiligen Schriften für diese Aufgabe. Interessant ist dabei das Wort, das dafür verantwortlich ist, dass diese Verse in der Bibel-Inspiration-Diskussion überhaupt benutzt werden: „theopneustos“. Das Geschriebene am Anfang von Vers 16 wird im griechischen Urtext mit dem Ausdruck „theopneustos“ näher beschrieben: theos = Gott, pneo = ausatmen.

Eine geniale Wortwahl. In diesem einen Wort steckt Schöpfung und Heilsgeschichte. Ein Leser, dem die jüdischen heiligen Texte vertraut sind (Timotheus), hat da eine ganze Menge von Assoziationen:  Der Geist Gottes, der am Anfang der Schöpfung über dem Wasser brühtet; Gottes Atem, der den Acker zu einem lebendigen Menschen belebt; und natürlich auch Gottes Geist, der die Propheten getrieben hat, in Seinem Namen zu reden.

Die populäre NIV übersetzt ins Englische „God-breathed“. Das ist die, meiner Meinung nach, beste Übersetzung, die ich bis jetzt gefunden habe. Eine entsprechend gute Übersetzung ins Deutsche habe ich bis jetzt leider nicht gefunden. Das Wort „eingegeben“, das in deutschen Übersetzungen steht, weckt Assoziationen, die dem Urtext nicht entsprechen. (Deshalb habe ich in den obigen Versen versucht, eine eigene Übersetzung zu machen.)

Wortspiele, die den Deutungsspielraum der Begriffe „ruach“ (das hebräische Wort im Tanach, unserem Alten Testament) und „pneuma“ (das griechische Wort im Neuen Testament) ausnutzen, finden sich auch in anderen neutestamentlichen Texten; z.B. in diesen Versen im Johannes-Evangelium:

 

Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist (pneuma) geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen. Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch, und was aus dem Geist (pneuma) geboren ist, ist Geist (pneuma). Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind (pneuma!) weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist (pneuma) geboren ist.

(Neues Testament, Johannes-Evangelium 3,5-8)

 

Die Verse im Timotheusbrief berühren eine für Christen sehr wichtige Frage: Wie gehen wir mit unseren heiligen Texten um? Oder noch genauer formuliert: Wie benutzen wir sie?

Das Wort „benutzen“ sollte uns schon vorsichtig werden lassen. Die Grenze zur Instrumentalisierung von Texten, denen man göttliche Autorität zuspricht, ist offensichtlich nicht leicht zu ziehen. Durch Worte wie „Belehrung“, „Widerlegung“ und „Korrektur“, die in Übersetzungen zu lesen sind, könnte sich so manch einer zu Wortgefechten mit Bibelversen eingeladen fühlen. Oberlehrerhaftes Verhalten und Rechthaberei sind nicht mehr weit entfernt. Viele Menschen, die entsprechende Erfahrungen in christlichen Kreisen gemacht haben, wissen, was ich meine; und auch die Kirchengeschichte ist leider angefüllt mit Beispielen solchen Verhaltens.

In Versen aus Paulus‘ Brief an die Gemeinde Korinth klingt an, dass Texte im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen eine untergeordnete Rolle spielen:

 

„Wir bilden uns nicht ein, aus eigener Kraft irgendetwas tun zu können; nein, Gott hat uns Kraft gegeben. Nur durch ihn können wir die rettende Botschaft verkünden, den neuen Bund, den Gott mit uns Menschen geschlossen hat. Wir verkünden nicht länger die Herrschaft des geschriebenen Gesetzes, sondern das neue Leben durch Gottes Geist. Denn der Buchstabe tötet, Gottes Geist aber schenkt Leben.

(2. Korinther 3,5-6)

 

Gott lässt sich weder in einem Buch einsperren, noch hat er sein Wirken darauf beschränkt, dass alte, antike Texte gelesen werden. Das Leben selbst besteht nur fort, weil Gott es ständig belebt, und wie beim Wind kann man weder sehen, wo Gottes Wirken herkommt, noch wohin es geht. Im neuen Bund Gottes mit seinen Menschen kann der Gläubige jetzt geistliches Leben unmittelbar durch Jesus empfangen, und nicht mehr vermittelt durch Priester oder heilige Texte.

Wie Gottes Atem den Acker zum Leben erweckt, so erweckt er auch tote Buchstaben dazu für den geistlichen Menschen nützlich zu sein, um richtig leben zu lernen. Das Ziel ist nicht Wissen, sondern ein Lernprozess, um befähigt zu werden, Gutes zu tun. „soft skills“ anstelle von schlagkräftigen Argumenten. Der Gläubige wird immer mehr zum Beteiligten bei Gottes Plan, sein Schalom, seine ewige Friedensherrschaft in dieser Welt aufzurichten.