Verkaufe alles, was du hast!

 

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Einsammeln der Kollekte in einer schottischen Kirche. Gemälde von John Phillip, via Wikimedia Commons – Public domain

 

„Verkaufe alles, was du hast!“ – Radikaler Minimalismus?

Sorry, wenn ich dir mit dieser Aufforderung zu nahe getreten bin. Die Idee stammt nicht von mir….

 

Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn:

„Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“

Aber Jesus sprach zu ihm:

„Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als der eine Gott. Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.«…“

Er aber sprach zu ihm:

„Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf.“

Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm:

„Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!“

Er aber wurde betrübt über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

Und Jesus sah um sich und sprach zu seinen Jüngern:

„Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!“

.
(Markus-Evangelium 10. Kapitel, Verse 17-23 – Bibel, Neues Testament)

 

Wenn wir ein bisschen mehr in den Evangelien lesen, werden wir auch merken, dass Jesus nicht allen Menschen dasselbe sagt. Er hat auch nicht alle dazu aufgefordert, ihm hinterher zu gehen.

 

 

Geh nach Afrika!

 

„Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden…“

.
(Apostelgeschichte 8,26 – Neues Testament)

 

„… geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Jüngern…“

.
(„Missionsbefehl“ von Jesus im Matthäus-Evangelium 28,19 – Neues Testament)

 

Wenn wir ein bisschen mehr im Neuen Testament lesen, werden wir allerdings feststellen, dass nicht alle Christen nach Süden geschickt wurden, und dass auch nicht alle Christen dazu aufgefordert werden, als Wanderprediger durch die Welt zu ziehen.

Es geschieht allerdings immer wieder, dass Christen einen Vers aus der Bibel nehmen und meinen, er muss für alle gelten

 

 

Hätte nicht einer gereicht?

 

„…die sieben Leuchter sind sieben Gemeinden.

Schreib an den Engel der Gemeinde in Ephesus…

An den Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Pergamon…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Thyatira…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Sardes…

Schreib an den Engel der Gemeinde in Philadelphia…“

.
(Offenbarung 1-3 – Neues Testament)

 

Sieben Gemeinden bekommen sieben jeweils unterschiedliche Briefe, und es gibt auch noch etliche andere Briefe in der Bibel, und nicht in allen steht dasselbe.

Wenn man in einem einzigen Text alles Wichtige hätte sagen können, warum haben dann Jesus und die Apostel nicht schon einen solchen „Universal-Text“ verfasst? – Es ist doch gerade die Vielfalt an Texten, Menschen und Situationen, die uns zum Denken anregt und uns hilft, das Wesentliche besser zu verstehen.

Wenn schon den Menschen in der Antike, nicht allen dasselbe gesagt worden ist, warum behaupten dann manche Christen heute, dass Gott durch die biblischen Texte allen Menschen dasselbe sagen will?

Der normative Missbrauch der Bibel macht keinen Sinn!

Gottvertrauen braucht keine Glaubenszwänge und kein todsicheres theologisches System.

 

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir…“

.
(Jesus im Johannes-Evangelium 10,27 – Neues Testament)

 

„Hungrige Missionierende“ (9. Teil): Ein erneuert werdendes Bewusstsein

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Computer-Simulation der verzweigten Architektur der Dendriten von Pyramidenzellen (Neuronen), von Hermann Cuntz via Wikimedia Commons – CC BY 2.5 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.5)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Ein erneuert werdendes Bewusstsein

Göttlicher Geist schenkt auch einen weiten Blick und macht Menschen zu Visionären. Gottes Absicht ist immer noch größer als unser Verstehen. Sie ist der Ausgleich unseres Mangels und das Ziel der Weltgeschichte: Die Rückkehr ins Paradies. Bis hin zu unserem Ziel der Fülle Christi (Eph 4,13) befinden wir uns auf einem Weg des Segens und des Mangels.

Schon im ersten Teil unserer Bibeln (Altes Testament) wird deutlich, dass Gottes Absicht größer ist, als die Fürsorge für ein einzelnes Volk. Das Buch Jona, z.B., ist ein erstaunliches Dokument jüdischer Feindesliebe (Ninive war eine Metropole der Feinde Israels).

 

„…Und ich sollte kein Mitleid haben mit Ninive, dieser große Stadt, in der mehr als 120.000 Menschen leben, die Gut und Böse nicht unterscheiden können, und dazu noch so viele Tiere?“

.
(Mit diesen Worten Gottes endet das kleine Buch „Jona“, Jona 4,11 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

Es ist diese Perspektive, die sich dann schon in der ersten Generation der Christen Bahn bricht: Die gute Nachricht eines liebenden Gottes für alle Völker. Kein Platz bleibt mehr für die Vorherrschaft eines einzelnen Volkes. Universalisierung des Glaubens an einen einzigen, einenden Gott. Menschen aller Völker werden Schwestern und Brüder…

Schon die ersten Christen taten sich schwer damit, die Konsequenzen aus dieser großartigen Vision zu verstehen. Heftige Streitigkeiten begleiteten das Christentum von Anfang an. Gleichzeitig erlebten sie allerdings auch die außerordentliche zusammenführende und verbindende Kraft des Glaubens an den Mann aus Nazareth. So war die Vision der einen Menschheitsfamilie gleichzeitig auch Auftrag an die Christen, eine solche Einheit zu verwirklichen und vorzuleben.

 

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Kapelle des Heiligen Ananias aus dem 1. Jahrhundert; Foto von Axilera via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

 

„Ich bete darum, dass sie alle eins sind – sie in uns, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast.

Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich nun auch ihnen gegeben, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir – so sollen sie zur völligen Einheit gelangen, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass sie von dir geliebt sind, wie ich von dir geliebt bin.“

.
(Johannes-Evangelium 17,21-23 – Neues Testament)

 

Es ist sicherlich kein Zufall, dass es einer der späteren neutestamentlichen Texte ist, in dem Jesus betet: “…dass sie alle eins seien (Joh 17,21)” Der Text verweist zugleich auch auf die Quelle dieser Einheit: Das Geheimnis der Einheit von Jesus und Gott. In den darauffolgenden Jahrhunderten wurde dann gerade das Definieren dieses Geheimnisses der Anlass, aufgrund dessen sich Menschen, die sich Christen nannten, bis aufs Blut bekämpft haben. Eine der vielen Fragwürdigkeiten in der Geschichte der Christenheit. Und der Streit darüber hat bis heute nicht aufgehört!

Als Schüler von Jesus sind wir Lernende. Die Bezeichnung “Lernende” setzt Mangel voraus. Wir sind Menschen, die auf ein klares Ziel hin reifen. Unser Bewusstsein wird erneuert und unsere Sinne geschärft, um das Wirken Gottes in unserer Zeit und Welt und in unserem persönlichen Leben immer besser wahrzunehmen und immer mehr damit übereinzustimmen. – Sattheit macht uns dumpf und träge, Hunger schärft unsere Sinne.

 

„Das soll dazu führen, dass wir alle in unserem Glauben und in unserer Kenntnis von Gottes Sohn zur vollen Einheit gelangen und dass wir eine Reife erreichen, deren Maßstab Christus selbst ist in seiner ganzen Fülle. Denn wir sollen keine unmündigen Kinder mehr sein…“

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(Epheserbrief 4,13-14 – Neues Testament)

 

Teil der Erneuerung des Bewusstseins ist ein moralisches Leben: Übernehmen von Verantwortung für das eigene Leben, Wahrhaftigkeit, Anerkennen von Schuld usw.  Moralität, Wertesysteme und generationsübergreifende Wertetraditionen sind grundlegend nicht nur für das Christentum. Leben mit einem guten Gewissen gibt Stabilität, Klarheit und Kraft.

 

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Die „Zehn Gebote“ vor dem State Capitol in Austin (USA), via Wikimedia Commons – public domain

 

Als moralische Wesen sind wir Teil von Wertesystemen. Wir erlernen Werte beim Aufwachsen in unserem Umfeld und unserer Kultur. Diese Werte sind relativ. Andere Kulturen haben abweichende Werte. Zu einem reifen Menschen gehört die Fähigkeit, über die eigenen Wertesysteme hinaus denken und das Deuten und Bewerten von Situationen in anderen kulturellen Zusammenhängen lernen zu können. – In einer anderen Kultur erfahren wir schnell Mangel, den wir Zuhause nie erlebt hätten…

Die Entstehung von Wertesystemen, Wertevermittlung und generationsübergreifende Wertetradition sind wichtige Themen für Christentum und Mission. Ein geistliches Leben geht allerdings über Moralität noch weit hinaus. Es geht um die Reifung des ganzen Menschen, die Entfaltung allen menschlichen Potentials, die Entwicklung einer persönlichen und kollektiven Spiritualität, das Christusbewusstsein des neuen Menschen und der neuen Schöpfung. Ein Lern- und Reifungsprozess, mit dem wir nie fertig werden.

 

„Liebe ist geduldig, Liebe ist freundlich. Sie kennt keinen Neid, sie spielt sich nicht auf, sie ist nicht eingebildet. Sie verhält sich nicht taktlos, sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sie verliert nicht die Beherrschung, sie trägt keinem etwas nach. Sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, aber wo die Wahrheit siegt, freut sie sich mit.
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Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, immer hofft sie, allem hält sie stand.“
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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 13,4-7 – Neues Testament)
.
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„Die Frucht hingegen, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung…“
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(Paulus im Brief an die Christen in Galatien 5,22-23)

 

Wir sehen uns heute mit Herausforderungen konfrontiert, wie niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Aber wir haben auch Möglichkeiten des Lernens und der Zusammenarbeit wie niemals zuvor. Die modernen Schüler von Jesus tragen mit allem, was ihnen gegeben ist, eine große Verantwortung.

 

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Bild: Emergent Forum / Christoph Bartels

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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„Hungrige Missionierende“ (7. Teil): Solidarität der Suchenden

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Herbst, Foto von Martin.Heiss via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Solidarität der Suchenden

Sattheit macht träge. Hunger setzt uns in Bewegung, auf der Suche nach etwas, das die Sehnsucht unseres Herzens stillt und Körper und Seele satt machen. Unsere Bedürfnisse sind allerdings je nach Lebensphase und -umständen unterschiedlich. Es gibt geistliche Reifungsprozesse…

Der Glaube eines Erwachsenden ist nicht dasselbe, wie der Glaube eines Kindes. Wenn ein Mensch ein Bekehrungserlebnis hin zum Christentum hat, sind damit noch nicht alle Fragen für alle Zeit beantwortet. Die Vielfalt des weltweiten Christentums heutzutage ist nicht identisch mit dem Christentum zur Zeit der ersten Apostel. Wir sind alle noch auf dem Weg und suchen Erfahrungen (Phil. 3,10-12) und Antworten…

 

„Um Christus allein geht es mir. Ihn will ich immer besser kennen lernen: Ich will die Kraft seiner Auferstehung erfahren, aber auch seine Leiden möchte ich mit ihm teilen und mein Leben ganz für Gott aufgeben, so wie es Jesus am Kreuz getan hat…
.
Dabei ist mir klar, dass ich dies alles noch lange nicht erreicht habe und ich noch nicht am Ziel bin. Doch ich setze alles daran, es zu ergreifen, weil ich von Jesus Christus ergriffen bin…“
.
(Paulus im Brief an die Christen in Philippi 3,10-12)

 

Gute Erfahrungen machen uns Hoffnung, Ähnliches könnte sich noch einmal ereignen. Sie öffnen die Augen für die Schönheiten des Lebens: Es gibt erfahrbare Vergebung, die Kraft eines guten Gewissens, echte Liebe, Solidarität aus tiefer Überzeugung, Hilfsbereitschaft im Glauben an zeitlose Werte, Leben in einer größeren Dimension, tieferes Verstehen, erweitertes Bewusstsein, Sinn im Leben,…

Es gibt viele Menschen, die etwas suchen, und manchmal sind die Probleme und Fragen von Christen und Nichtchristen dieselben:

Wie können wir als Menschheit eine Zukunft haben? Wie können wir verantwortungsvoll und nachhaltig leben? Wie macht unser Alltag Sinn? Wie werde ich meine Depressionen los? Wie können wir in Frieden miteinander leben? Wie schaffe ich es, das Richtige zu tun? Wie werde ich glücklich? Wie findet und pflegt man belastbare Beziehungen? Wie funktioniert Familie? Wie wird meine Seele satt?…

Wie könnte Mission im Auftrag Gottes etwas anderes sein, als die Antwort auf die tiefsten Sehnsüchte des Menschen?

 

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Wolken über Afrika; Foto von Muhammad Mahdi Karim via Wikimedia Commons [GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)%5D

 

Das Bild, das die Evangelien von Jesus malen, ist das Bild eines Menschen, der sich radikal mit allen Menschen solidarisiert. Er wendet sich den Ausgegrenzten zu und ruft sogar zur Feindesliebe auf. Der Gott dieses Jesus ist der Gott des Jona, welcher sich auch um die Feinde sorgt – und sogar um die Tiere (Jona 4,11; Matthäus 10,29; Johannes 2,15-16). In der Bergpredigt spricht er zu seinen Jüngern (!):

 

Bittet, so wird euch gegeben;  suchet, so werdet ihr finden;  klopfet an, so wird euch aufgetan.”

.
(Matthäus-Evangelium 7,7 – Hervorhebung von mir)

 

Wir bräuchten in der Christenheit eine deutliche Zäsur: Weg von der Besserwisserei und hin zur Solidarität mit der Not und den Fragen jedes Menschen. Was sich in meinem Leben bewährt hat, sollte ich sicherlich nicht so einfach wieder aufgeben. Es gehört jedoch auch zu einem Leben im Geist Jesu, die Nöte und Fragen anderer wirklich ernst zu nehmen.

Angesichts der Geschichte und Gegenwart der Christenheit wäre ein Beharren auf der Position “man selbst vertrete aber die richtige Variante des Christentums” etwas peinlich. Gelebter Pluralismus und eine Kultur gesunden, konstruktiven Austauschs könnten selbstgemachtes Christentum überwinden (2 Kor 10, 4-5) und uns weit bringen. Da wir noch nicht am Ziel sind, können wir bereits Erreichtes immer wieder in Frage stellen. Wenn man bereit ist, Gutes loszulassen, könnte man vielleicht Besseres empfangen...

 

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Symbol der Ökumene; von Rechtfertigungslehre_St.-Anna_Augsburg, Emkaer derivative work: ARvєδuι via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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„Hungrige Missionierende“ (5. Teil): Mut zum Mangel

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

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Judäische Wüste, Foto von Yuvalr, via Wikimedia Commons – CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

Mut zum Mangel

Schalom” ist einer der überragenden Begriffe der jüdisch-christlichen Überlieferung. Es ist die große Hoffnung jüdisch-christlicher Frömmigkeit, dass Gott selbst all unseren Mangel ausgleichen kann und wird. Das Evangelium ist eine Botschaft von Gnade, Hoffnung und dem Glauben an eine größere, gute Macht. Dies hilft, den Mut aufzubringen, Mängeln fest in die Augen zu sehen. – Mut zur Lücke. Das Kommen des Reiches Gottes hängt nicht davon ab, dass wir alles wissen, alles können und keine Fehler machen.

Buße und Um-denken (metanoia), von denen die neutestamentlichen Texte sprechen, beinhalten das Sehen und Anerkennen von Mangel, damit sich unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein verändern und es besser mit uns werden kann. Christen sind hungrig nach dem Hereinbrechen des Himmelreichs in unsere notleidende Welt und das Leben verlorener Menschen, und hungrig nach persönlicher Veränderung im eigenen Leben und Wachstum zur Fülle Christi hin. Das Wahrnehmen von Mängeln ist somit ein essentieller Bestandteil von Mission – und dabei sind es nicht nur die Ungläubigen, welche die Mängel haben.

 

„Unser Vater im Himmel!
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme…“
.
(Anfang des Vaterunsers – Matthäus-Evangelium, 6. Kapitel)

 

Eine wesentliche Aufgabe von Religion ist Stabilisierung. (Besonders für Menschen in schweren Lebenskrisen eine lebenswichtige Funktion.) Anzuerkennen, dass diese Stabilisierung nur vorläufig und mangelhaft und die eigene Erkenntnis begrenzt ist, erfordert Mut, da es diese Stabilität zu bedrohen scheint. Man kann auch nicht ständig alles in in Frage stellen; wir müssen auch Entscheidungen treffen, um leben zu können.

Man kann Entscheidungen allerdings in Demut und Bescheidenheit treffen, ohne den Anspruch zu erheben, dass alle anderen dieselben Entscheidungen treffen müssen. Wenn ich für mich selbst einen gangbaren Weg gefunden habe, dann ist das schon eine sehr gute Sache. In gewissem Sinne sind ja alle unsere Lösungen vorübergehend und provisorisch.

 

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Sonnenuntergang über Lichtenrade, Foto von Sebastian Rittau, via flickr – creative commons CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

 

Hunger ist unangenehm bis schmerzhaft. Hunger macht Sinn, weil er (grundsätzlich) gestillt werden kann. Hunger ist ein Zustand des Leidens, den man vermeiden möchte, und zugleich eine lebenserhaltende Funktion unseres Körpers. Hunger macht uns rechtzeitig auf Mangel aufmerksam.

Die Bereitschaft zum (geistlichen) Hunger und zum Leiden ist eine wichtige Voraussetzung, um Mängel wahrzunehmen und zu lernen und zu reifen, und eine wichtige Voraussetzung für ein besseres Christentum und eine bessere Mission. Andere Menschen und sich selbst zu lieben, bedeutet auch, bereit zu sein genau hinzuschauen, um besser verstehen und besser helfen zu können. – Der Geist Jesu ist auch ein Geist des kritischen Blicks.

 

“Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? Oder wie kannst du sagen zu deinem Bruder:

‚Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen!‘ –

und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?

Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.”

.
(Jesus in der Bergpredigt, Mt 7,3-5)

 

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„Dieses Toilettenpapier hat einen Produktionsfehler, eignet sich möglicherweise aber noch zum gewöhnlichen Gebrauch.“ via Wikimedia Commons – slgckgc [CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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„Hungrige Missionierende“ (1. Teil): Überlegenheit oder Unterordnung?

Die Bedeutung von Mängeln und Mangel für die Mission

 

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Der katholische Ritus der Fußwaschung (in Bezug auf die Fußwaschung Jesu) im Palast „Paço da Ribeira“ durchgeführt durch den portugiesischen König Johann V.; via Wikimedia Commons – public domain

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”
.
(Worte von Jesus aus der Bergpredigt – Bibel, Neues Testament, Matthäus-Evangelium 5. Kapitel, Vers 6)

 

In einer Welt, in der Millionen von Menschen physisch hungern, erscheint es fast zynisch, das Wort “Hunger” als Metapher zu verwenden. Gleichzeitig steigt die Weltbevölkerung noch immer dramatisch an, und durch die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und die atomare Bedrohung ist die Zukunft der Menschheit gefährdet wie niemals zuvor. Christliche Mission geschieht heute unter anderen Vorzeichen und Rahmenbedingungen als vor 2000 Jahren.

Mein Eindruck ist, dass vieles, was sich heute als christliche Mission präsentiert, diese Bezeichnung kaum verdient, wenn man die Überlieferung von Jesus als Maßstab nimmt. Der Begriff “christlich” ist dabei allerdings ähnlich problematisch wie eine 2000-jährige Geschichte von Christianisierung und Ansprüchen “christlicher” Deutungshoheit; wobei die Auswirkungen der Mängel umso gravierender sind, desto höher der Anspruch auf die eigene Deutung und Bedeutung ist.

 

„…Es sollten sich nicht so viele in der Gemeinde um die Aufgabe drängen, andere im Glauben zu unterweisen. Denn ihr wisst ja: Wir, die andere lehren, werden von Gott einmal nach besonders strengen Maßstäben beurteilt.“

.
(Jakobusbrief 3,1 – Neues Testament)

 

Eine bessere Mission ist ohne ein besseres Christentum schwer vorstellbar. Es geht in diesem Text um Fragen nach dem Wesen des Christentums und christlicher Identität, sowie um die Unterscheidung zwischen besseren und schlechteren Ausdrucksformen christlicher Tradition. Es ist ein Text über die Bedeutung des Wahrnehmens von Mangel und Mängeln für die Erneuerung und Belebung von Christentum und Mission. Was ich im Einzelnen damit meine, kann ich in dieser kurzen Serie von Texten nur andeuten. Ich will auch versuchen einige Ansätze aufzuzeigen, wie sich diese Situation verbessern könnte.

Dies ist der erste Post zu einer Serie über Mission und Christentum. – Ich will dich mitnehmen auf einen Weg des Mangels…

 

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Vincent van Gogh: Der gute Samariter (nach Delacroix), 1890, via Wikimedia Commons – public domain

Der Weg Jesu

Ein Begriff ist nur sinnvoll, wenn verstanden wird, was damit gemeint ist. Der Begriff “christlich” wird heutzutage auf so vielfältige Weise benutzt, dass man Zusammenhänge und Hintergrundinformationen benötigt, um zu ahnen, was wohl genau verstanden werden soll. Mit der Verneinung “unchristlich” ist es ähnlich. – Dies alles hat auch mit dem Profil und der Vielfalt der christlichen Religion zu tun.

Da allerdings alles letztlich historisch auf den jüdischen Mann Jesus aus Nazareth zurückgeht, erscheint es mir sinnvoll bei der Überlieferung über diesen Mann anzufangen. Dabei zählen die biblischen Texte sicherlich zu den wichtigsten Quellen.

 

»…Für wen halten die Leute eigentlich den Menschensohn?«
.
Die Jünger erwiderten:
.
»Einige meinen, du seist Johannes der Täufer. Manche dagegen halten dich für Elia und manche für Jeremia oder einen anderen Propheten von früher.«
.
»Und ihr – für wen haltet ihr mich?«, fragte er sie.
.
Da antwortete Simon Petrus: »Du bist der Christus, der von Gott gesandte Retter! Du bist der Sohn des lebendigen Gottes.«
.
(Matthäus-Evangelium 16,13-16)

 

Überlegenheit oder Unterordnung?

Seitdem der Wanderprediger und Wunderheiler Jesus aus Nazareth über die staubigen Wege Palästinas gegangen ist, versuchen Menschen zu verstehen, welche Bedeutung Leben und Tod dieses Mannes für sie hat. Entstehung und Fortbestand des Christentums sind Zeugnis von der außerordentlichen Wirkung dieses Menschen. Gleichzeitig fällt allerdings auch auf, dass sich seine Anhänger noch nie völlig einig gewesen zu sein scheinen, was die Deutung dieses Phänomens “Jesus” betrifft. Ein Mangel an Einheitlichkeit scheint auch die öffentliche Wahrnehmung dieses Mannes von Anfang an begleitet zu haben (Mt 16,13-16).

Die Entstehung des Christentums bezeugt sowohl die Anziehungskraft, als auch den missionarischen Eifer der Anhängerschaft von Jesus. Bis heute fühlen sich manche Menschen vom christlichen Glauben und christlicher Gemeinschaft angezogen. Auch gibt es viele, welche ein tiefgreifendes Bekehrungserlebnis in Hinwendung zum Christentum erfahren.

 

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Sonnenaufgang von Fondachelli-Fantina (Montagna di Verná / Monti Peloritani, Gebirge im Nordosten von Sizilien) Foto von Girtompir, via Wikimedia Commons – CC0

 

Mission geschieht nicht nur aus Gehorsam gegenüber einem Auftrag, sondern auch aus einem inneren Drang heraus, Wertvolles, welches man selbst empfangen hat, mit anderen zu teilen. Dabei merkt man jedoch schnell, dass die meisten Menschen den Wert einer christlichen Botschaft nicht erkennen; und man merkt auch bald, dass sich selbst die Christen nicht darüber einig sind, was denn genau diese Botschaft überhaupt ist. Die neutestamentlichen Texte erzählen in unterschiedlicher Weise von Jesus, und auch schon im Judentum zur Zeit Jesu waren die messianischen Vorstellungen unterschiedlich.

In der Botschaft vom Kreuz (1 Kor 1,18) verdichtet sich dann allerdings ein Aspekt des Lebens Jesu, welcher knapp in dem Vers zusammengefasst ist:

 

“Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.”

.
(Markus-Evangelium 10,45 – Neues Testament)

 

Das Vorbild Jesu wird zur Vorgabe für die innere Haltung christlicher Mission: Nicht von oben herab, sondern als Dienende. Der Geist Jesu ist ein Geist der Demut (Mt 12,15-23; Lk 4,16-22), und Missionieren im Sinne Jesu bedeutet dienen. Dieser Dienst macht nicht einmal vor den Feinden oder dem Sterben für die eigene Überzeugung halt. Der Dienst am Nächsten wurde zu einem grundlegenden Wert des Christentums.

 

“Glücklich schätzen
können sich Menschen,
die hungrig und durstig sind
nach Gerechtigkeit.
Sie werden satt werden.”

 

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Voraus-eilendes Mitleid

 

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Ausgegrabene Steine der Mauer des zweiten Tempels (Jerusalem), die bei der Zerstörung durch die Römer auf die Straße gestürzt sind; Foto von Wilson44691, via Wikimedia Commons – public domain

 

 

„Zu ihnen drehte sich Jesus um und rief:

‚Weint nicht über mich, ihr Frauen von Jerusalem! Weint über euch und eure Kinder!

Es kommt eine Zeit, in der man sagen wird:

‚Glücklich schätzen können sich die Frauen, die keine Kinder bekommen können. Ja, glücklich schätzen können sich alle, die niemals ein Kind geboren und gestillt haben!‘

Die Menschen werden sich wünschen, dass die Berge auf sie herabstürzen und die Hügel sie unter sich begraben, damit ihr Leid ein Ende hat.'“

.
(Lukas-Evangelium 23. Kapitel, Verse 28-30 – Bibel, Neues Testament)

 

Selbstmitgefühl

Ein populärer Begriff zur Zeit: Man ist nicht nur empathisch gegenüber anderen, sondern hat auch Mitgefühl für sich selbst.

Eigentlich ein eigenartiger Begriff: Was auch immer man fühlt, es sind ja immer die eigenen Gefühle; was soll man da mit-fühlen, was man sowieso schon fühlt?

Der Begriff weist auf eine bestimmte Fähigkeit hin: Die Fähigkeit in kritischer Distanz zu sich selbst zu gehen; sich sozusagen selbst über die Schulter zu gucken. Solch eine selbst-betrachtende und selbstkritische Fähigkeit ist ein Kennzeichen einer reiferen Persönlichkeit und ist normalerweise erlernbar.

 

„Erkenne dich selbst!“

.
(Eine vielzitierte Inschrift am Apollotempel von Delphi, als deren Urheber Chilon von Sparta, einer der „Sieben Weisen“, angesehen wird.)

 

Der selbstkritische Blick auf das eigene Leben kann auch ein Blick des Erbarmens sein. So, wie ich gewohnt bin, mich selbst anzuschauen, blicke ich dann wahrscheinlich auch auf meine Mitmenschen.

 

„Warum kümmerst du dich um den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester und bemerkst nicht den Balken in deinem eigenen? Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen:

‚Komm her, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen,‘

wenn du selbst einen ganzen Balken im Auge hast?

Scheinheilig bist du!

Zieh doch erst den Balken aus deinem eigenen Auge, dann kannst du dich um den Splitter in einem anderen Auge kümmern!“

.
(Matthäus-Evangelium 7,3-5 – Bibel, Neues Testament)

 

„Der Mensch prüfe aber sich selbst …“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 11,28 – Bibel, Neues Testament)

 

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Vincent van Gogh: Der gute Samariter (nach Delacroix), 1890, via Wikimedia Commons – public domain

 

Wahrnehmung und Empathie

Faszinierend ist die Empathie von Tieren. Tiere scheinen manchmal etwas zu können, was schon viele Menschen verlernt haben. – Wofür gebrauchen wir Menschen unsere überragende Intelligenz eigentlich?

Trauerhunde, Therapie-Pferde und -Delfine. Bei der tiergestützten Therapie sollte man darauf achten, dass die Tiere Geschäftspartner, und nicht schlecht bezahlte Angestellte sind.

 

 

 und mich sollte nicht jammern … Menschen …, die nicht wissen, was rechts oder links ist, und auch viele Tiere?“

.
(YHWH spricht zu Jona; Jona 4,11 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

Mitleiden mit Tieren

Welche Rechte haben Tiere eigentlich, und wo können sie sie einklagen? – Unsere Mitgeschöpfe sind praktisch meist rechtlos und werden von profitorientierten Menschen wie Produkte mit Barcode behandelt. Wenn sie keiner gebrauchen kann, landen sie oft in der Mülltonne.

Viele Tierarten haben die Intelligenz und Maßlosigkeit des Menschen nicht überlebt.

 

„Gott sah alles, was er gemacht hatte, und da, es war sehr gut…“

.
(Bereschit / Genesis / 1. Mose 1,31 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

Mitleiden mit Menschen

Den Schmerz eines anderen Menschen fühlen. Man braucht dazu keinen Schulabschluss, und es ist erstaunlich, wie man dies schon bei kleinen Kindern beobachten kann.

Die Fähigkeit des Mitleidens ist eine Eigenschaft unserer Seelen. – Wie kommt es, dass wir dann trotzdem alle anderen Lebewesen in systematischer Grausamkeit übertreffen?

 

KZ Auschwitz, Einfahrt
Blick von der Zugrampe innen auf die Haupt­ein­fahrt des KZ Auschwitz-Birkenau, 27. Januar 1945; Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha, via Wikimedai Commons – CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de](https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)

 

„Gott, der Herr, brachte also den Menschen in den Garten Eden. Er übertrug ihm die Aufgabe, den Garten zu pflegen und zu schützen.“

.
(Bereschit / Genesis / 1. Mose 2,15)

 

„… Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet…“

.
(Bereschit / Genesis / 1. Mose 1,28)

 

Mitleiden mit Mutter Erde

Haben wir Menschen da was falsch verstanden oder einfach schlecht gemacht?

In unserer Geschichte haben wir uns die Erde mit Gewalt, wie militärische Besatzer unterworfen.

Wir haben uns in Häuser und Städte hinter Mauern zurückgezogen, haben Felder und Schürfrechte abgesteckt, im Tagebau das Antlitz der Erde aufgerissen und sind im Bergbau tief in sie eingedrungen. – Rechtfertigt der Profit die Folgen?

Atomtests und Chemie-Unfälle haben Erde und Wasser verseucht, und die Müllberge wachsen – Wie viel hält unser Planet noch aus?

 

„Das Meer soll brausen mit allem, was darin lebt;
die Erde soll jubeln mit allen, die darauf wohnen;
die Ströme sollen in die Hände klatschen
und alle Berge vor Freude singen!“

.
(98. Psalm, Vers 7-8 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

 

Vorauseilendes Mitleid

Ist unsere Welt noch zu retten?

Wer kann sagen, wie viel Unheil und Leid uns selbst und andere Menschen und Mitgeschöpfe noch erwartet?

 

„Kyrie, eleison! – Herr, erbarme dich!“

.
(Christliche Liturgie)

 

Wir brauchen noch mehr als Mitleiden mit akutem Leid. Wir brauchen ein präventives Mitleiden. Ein Mitleiden im Blick auf das, was die Welt und einzelne noch erwartet, auch wenn im Moment noch gar nicht akut gelitten wird. Ein vorausschauendes Mitleiden, das Bedrohung wittert und uns in Gang setzt und zum Handeln bewegt, wo wir oder andere auf Gefahr zusteuern.

Wir brauchen Visionäre und Propheten; Zukunftsforscher, Seher, Menschen mit Vorahnung, die schon im voraus spüren, was sich unter der Oberfläche zusammenballt und im Begriff ist, hervorzubrechen und sich zu verwirklichen.

Und kreative Menschen, die herbei-sehen und wirkkräftig in die Existenz sprechen können, was noch nicht da ist. – Kreative „Kulturschaffende“, im besten Sinne des Wortes. Kultur, die bewahrt und schützt und Unheil abwendet.

 

„Jeremia, was siehst du? …“

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(Gott zu Jeremia; Jirmejahu / Jeremia 1,11 – Bibel / Tanach / Altes Testament)

 

Voreiliges Vorauseilen

Man könnte in Panik oder blinden Aktionismus verfallen … – Gute Absichten garantieren leider noch keinen Erfolg.

Wir brauchen ein tiefes Verstehen und ein hartnäckiges Umsetzen dessen, was wir meinen, als richtig erkannt zu haben. Und wir brauchen eine gesunde Spiritualität, die uns verbinden kann und Orientierung gibt.

Veränderung ist ein Prozess. – Wir könnten uns ja schon mal auf den Weg machen …

 

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Abraham, Gemälde von József Molnár, via Wikimedia Commons – public domain

 

nicht zu weit voraus-eilen

Vorauseilen birgt die Gefahr, dass man eine Situation verkompliziert, weil man sie falsch einschätzt. Man ist versucht, Menschen zu bevormunden oder zu etwas zu drängen, weil man eine Bedrohung empfindet, die sich dann vielleicht als unbegründet herausstellt.

Vorsorge hat mit Lebenserfahrung und Erkenntnis zu tun. Je mehr Erfahrungen wir haben und Situationen dadurch schnell und gut erfassen, desto besser können wir auch Vorsorge treffen und uns auf die Zukunft einstellen.

 

„Betet darum, dass ihr nicht im Winter oder am Sabbat fliehen müsst! Denn es wird eine Zeit der Not kommen…“

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(Jesus im Matthäus-Evangelium 24,20-21)

 

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„Got you, daddy!“ von Clarence Goss, USA (Flickr), via Wikimedia Commons – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

Vorauseilende Gnade

Es ist die Schönheit des Lebens, die Güte und Treue Gottes, die uns kitzeln und locken zu einem besseren Leben; die uns begegnen in unserer Not und Hoffnung machen.

Liebe kann den Hunger unserer Seele stillen; und in der Gemeinschaft der Liebenden wird sie berührbar und empfangen … und Menschen werden in Liebende verwandelt. – Vom Saulus zum Paulus.

 

„Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Von diesen dreien aber ist die Liebe das Größte.“

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(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 13,13)

 

Die zweite/nächste Generation

 

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Früheste erhaltene Darstellung der Maria mit Kind in einer Katakombe (2. Jahrhundert) von einem unbekannten Künstler, via Wikimedia Commons – public domain

 

 

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.

Gott sprach:

‚Licht werde!‘ …

[ 6 Tage später  😉 ]

Gott sah alles, was er gemacht hatte, und da, es war sehr gut.“

.
(Bibel / Tanach / Altes Testament, Bereschit / Genesis / 1. Mose, 1. Kapitel)

 

The Next Generation

Wir kennen das Problem aus der Unterhaltungsindustrie: Das Original war noch wirklich gut, aber ein Sequel oder die 2., 3., 4. … Staffel ist dann oft schon nicht mehr so toll.

Ein erfolgreiches Produkt hat meist etwas Besonderes, Originelles, Einzigartiges; aber die nächste Generation ist dann oft nicht mehr ganz so interessant oder die Qualität ist schlechter.

Es gibt kraftvolle, historische Ereignisse, live Events, Kämpfer an vorderster Front, Menschen, die Außergewöhnliches erleben …

Und dann gibt es noch die, die davon berichten und davon weitererzählen.

Wir bemühen uns, bestimmte Gefühle zu erzeugen oder Veränderungen zu erzwingen und werden dabei oft frustriert. Und manchmal ereignen sich Dinge in unserem Leben einfach, die wir nicht geplant hatten und die uns für immer verändern.

 

„… so wie es uns die Augenzeugen berichtet haben, die von Anfang an dabei waren …
.
… allem von Anfang an sorgfältig nachzugehen und es für dich, verehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben …“
.
(Lukas-Evangelium, 1. Kapitel, Verse 2-3; Bibel, Neues Testament)

 

Nachahmung

Es gibt Originale, und es gibt Kopien. Urheberrecht wird geschützt. Man kann das, was einem geschenkt ist, für sich selbst benutzen oder es allen zur Verfügung stellen.

 

„Jeder Mensch wird als Original geboren, aber die meisten sterben als Kopie.“

.
(Kaspar Schmidt / Max Stirner, 1806-1856)

 

„‚Ich gebiete dir durch Jesus, den Paulus predigt: Fahre aus!‘ …

‚Ich kenne Jesus und ich kenne Paulus. Aber wer seid ihr?‘

Und der Besessene stürzte sich auf sie und attackierte sie mit solcher Heftigkeit, dass sie nackt und verletzt aus dem Haus flohen …“

.
(Apostelgeschichte 19,13-16; Neues Testament)

 

Religiöse Menschen haben in der Kulturgeschichte der Menschheit eine schier unglaubliche Fülle an Produkten erzeugt, von der Malerei in einer Katakombe über einen wissenschaftlich-theologischen Bibelkommentar bis hin zur modernen Webseite. Auch hier gibt es allerdings beträchtliche Unterschiede in Qualität und Wirkung.

 

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Altarbibel auf einem lutherischen Altar; Foto von Leon Brooks, via Wikimedia Commons – public domain

 

Gesellschaft in Bewegung

Immer wieder tun sich Menschen zusammen, um etwas Neues zu schaffen oder Verhältnisse zu verändern; vom Nachbarschafts-Projekt bis hin zur Reformation oder Revolution.

Oft gibt es am Anfang eine zündende Idee oder einen Menschen mit einer Vision …

 

 „… und ich sah dort unzählige Knochen verstreut liegen …

‚Sprich zu diesen dürren Knochen …

Ich bringe Geist in euch zurück und mache euch wieder lebendig! … Ich lasse Sehnen und Fleisch um euch wachsen und überziehe euch mit Haut. Meinen Atem hauche ich euch ein, damit ihr wieder lebendig werdet …‘

… hörte ich ein lautes Geräusch und sah, wie die Knochen zusammenrückten, jeder an seine Stelle. Vor meinen Augen wuchsen Sehnen und Fleisch um sie herum, und darüber bildete sich Haut …

‚Du Mensch, ruf den Lebensgeist und befiehl ihm in meinem Namen:

‚Komm, Lebensgeist, aus den vier Himmelsrichtungen und hauche diese toten Menschen an, damit sie wieder zum Leben erwachen!'“

.
(Bibel / Tanach / Altes Testament, Jechesqel / Ezechiel / Hesekiel 37,2-9)

 

Die großen Fragen des Lebens

Dies ist eines der größten Probleme jeder gesellschaftlichen Bewegung, und zugleich die wichtigste Aufgabe jeder Tradition, die für sich beansprucht, belastbare und zeitlose Antworten auf die großen Fragen des Lebens zu geben:

Wie erschaffen wir eine lebensfreundliche Kultur, die in den folgenden Generationen weiterleben wird? – Solche Menschen wären Kulturschaffende im besten Sinne des Wortes.

 

„Wenn eure Kinder eines Tages fragen, was dieser Brauch bedeutet, dann erklärt ihnen:
.
‚YHWH hat uns mit starker Hand aus der Sklaverei in Ägypten befreit …
.
Dieser Brauch soll uns wie ein Zeichen an der Hand oder ein Band um die Stirn daran erinnern, dass YHWH uns mit starker Hand aus Ägypten befreit hat.'“
.

(Bibel / Tanach / Altes Testament, Schemot / Exodus / 2. Mose 13,14-16)

 

Kultur, die sich selbst automatisch auf die nächsten Generationen überträgt. – Mathematiker denken jetzt vielleicht an das Prinzip der vollständigen Induktion.  😉

Wie die sexuelle Fortpflanzung des Menschen funktioniert ist ja recht offensichtlich und auch schon umfangreich erforscht. Aber wie genau funktioniert die geistig-kulturelle Fortpflanzung? Macht so ein Begriff oder so eine Vorstellung überhaupt Sinn?

Sprache spielt in dem Zusammenhang sicherlich eine große Rolle; aber das Thema geht auch über die Bedeutung von Sprache noch weit hinaus. Der Begriff „Mem“ ist hier von Bedeutung.

Tiere haben angeborene Instinkte. Darüber hinaus besitzen sie allerdings auch Verhalten, das sie von den älteren Tieren gelernt haben …

Es käme darauf an, aus unserer menschlichen Natur und aus der gesellschaftlichen Kultur ein harmonisches, organisches Ganzes zu schaffen, das nachhaltig dem Leben dient.

 

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Foto von „The Cookiemonster“ via Wikimedia Commons – CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)

 

Brutpflege

Eltern sorgen sich um ihre Kinder, Kinder um die Eltern, Großeltern um die Enkel, ….

Fürsorge ist einer der großen Schätze einer Gesellschaft.

In der Bewegung, die Jesus aus Nazareth ins Leben gerufen hat, ging es allerdings noch um etwas anderes.

 

„Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“

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(Lukas-Evangelium 14,26)

 

Wenn wir als Christen uns nur um unsere Familien sorgen, haben wir etwas Wichtiges noch nicht verstanden.

 

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„Rebranding Jesus“, Foto von Daniel Silliman – CC BY-NC-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0

 

Das Geheimnis des Heiligen

Jede Gesellschaft lebt von Werten, die über das eigene kleine Leben und die eigene Familie hinausgehen. Weit darüber hinaus gehend gibt es noch zeitlose Werte, die der Nachhaltigkeit allen Lebens dienen.

In einer globalisierten Welt gewinnt das Verstehen darüber, was Werte sind, wie sie entstehen, vermittelt und übertragen werden immer mehr an Bedeutung; denn Werte bestimmen unser Verhalten.

 

 

Das Nachdenken über das, was für uns wertvoll, heilig ist, führt uns auch zum Geheimnis Gottes.

Wer oder was ist Gott für dich? Wie können wir ihn oder sie oder es kennenlernen? Ist der Begriff heutzutage überhaupt noch für alle Menschen sinnvoll? Was für Gottesvorstellungen gibt es? Wo kommen sie her und was haben sie mit spiritueller Erfahrung zu tun?

 

„… trennt euch ganz entschieden von einem Lebensstil, wie er für diese Welt kennzeichnend ist!

… auch von der Habgier, die den Besitz für das Wichtigste hält und ihn zu ihrem Gott macht!“

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(Kolosserbrief 3,5; Neues Testament)

 

 

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Leinengewebe, Foto von Dee.lite, via Wikimedia Commons – public domain

 

Kultur – ein vielschichtiges, komplexes Gewebe

Wie heilige Texte und Religion, so ist auch Kultur ein komplexes, vielschichtiges Gewebe. Eine Fülle von Verbindungen und Beziehungen … historisch gewachsen …

Unser geistiges Wesen ist darauf angelegt, Sinnzusammenhänge herzustellen; und die Vermittlung von Sinn ist auch eine wichtige Aufgabe von Kultur. Wir suchen Halt, Sicherheit und Orientierung in einer Welt die bedrohlich und gefährlich sein kann. – Schönheit hat etwas Beruhigendes …

 

„Wer in schönen Dingen einen schönen Sinn entdeckt – der hat Kultur.“

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(Oscar Wilde (1854 – 1900), eigentlich Oscar Fingal O’Flahertie Wills, irischer Lyriker, Dramatiker und Bühnenautor)

 

Religiöse Erziehung im Judentum

Die Christenheit ist keine ethnische Gemeinschaft mehr, die allein auf Grund der physischen Abstammung besteht. Doch auch schon im Judentum hatte es existentielle Bedeutung für das Volk Gottes, dass Kinder in der Treue zu ihrem Gott YHWH erzogen wurden. Für eine Identität als ein großes Volk braucht man mehr als gemeinsame Gene.

Bildung hat einen sehr hohen Stellenwert in der jüdischen Kulturgeschichte; und es ist eine der auffälligen Leistungen jüdischen Lebens, dass das Judentum es bist heute geschafft hat, in fremden Kulturen eine eigene Identität zu bewahren.

 

„Im Übrigen finden sich alle diese Forderungen im Gesetz des Mose, das seit vielen Generationen in allen Städten verkündet und Sabbat für Sabbat in allen Synagogen vorgelesen wird.“

.
(Apostelgeschichte 15,21)

 

 

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Spielende Kinder, römisches Relief (2. Jh. nach Chr), Louvre, via Wikimedia Commons – CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

 

Generationen – eine Kette mit vielen Gliedern

Wenn man älter wird, wird einem mehr und mehr bewusst, wie groß der Anteil ist, den all die früheren Generationen am eigenen Leben haben. Die Prägung in den frühen Kindertagen durch Eltern und andere; das Leben der Großeltern, dessen Auswirkungen immer noch spürbar sind; historische Ereignisse, die lange Schatten werfen; kulturelle Errungenschaften, die frühere Generationen erkämpft haben …

 

„YHWH, YHWH, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue, der Gnade bewahrt an Tausenden von Generationen, der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt, aber keineswegs ungestraft lässt, sondern die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und vierten Generation.“

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Schemot / Exodus / 2. Mose 34,6-7)

 

Glaube hat mit der persönlichen Biografie zu tun. Auch die Menschen, von denen die biblischen Texte erzählen hatte eine Vergangenheit, und eine Wirkung auf die Menschen in ihrem Leben.

 

„Ich habe deinen aufrichtigen Glauben vor Augen, den Glauben, der zuerst deine Großmutter Loïs und deine Mutter Eunike erfüllte und der nun auch – da bin ich ganz sicher – dein Leben bestimmt.“

.
(Paulus im zweiten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 1,5)“

 

 

Impuls ohne Kraft

Ein neues Projekt anzustoßen braucht oft schon enorme Anstrengungen. Wenn man eine  gute  Idee hat, finden sich häufig andere, die sie unterstützen, und die Dinge nehmen ihren Lauf …

Schon den Gründern selbst fällt es allerdings manchmal nicht leicht, die ursprüngliche Begeisterung frisch zu halten. Noch schwieriger wird es dann bei den Angestellten und der nächsten Generation:

Wird es gelingen Begeisterung zu vermitteln und als Bewegung im Flow zu bleiben?

Häufig erstarren Bewegungen nach einer Weile in Traditionen und Strukturen, und die tiefe innere Verbindung zu den ursprünglichen Ursachen der Bewegung und der Kraft der Entstehung gehen bei den Nachfolgern verloren.

 

„‚… Es ist damit wie beim Wind:
.
Er weht, wo er will. Du hörst ihn, aber du kannst nicht erklären, woher er kommt und wohin er geht. So ist es auch mit der Geburt aus Gottes Geist.‘
.
Nikodemus ließ nicht locker:
.
‚Aber wie soll das nur vor sich gehen?‘
.
Jesus erwiderte:
.
„Du bist ein anerkannter Gelehrter in Israel und verstehst das nicht? …'“
.
(Johannes-Evangelium 3,8-10; Neues Testament)

 

Erfasst und getragen von ewiger Kraft

Eine Bewegung, die aus der Quelle des Lebens schöpft und mit dem Leben verbunden bleibt, dürfte solche kulturellen Nachhaltigkeits-Probleme eigentlich nicht haben.

Und solange es Leben gibt, gibt es Hoffnung, und Hoffnung gibt Kraft.

 

„Zum Beginn des jüdischen Pfingstfestes waren alle, die zu Jesus gehörten, wieder beieinander.
.
Plötzlich kam vom Himmel her ein Brausen wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich versammelt hatten. Zugleich sahen sie etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf jedem Einzelnen von ihnen niederließ. So wurden sie alle mit dem Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in fremden Sprachen zu reden …
.
‚Hört her, ihr Leute aus Judäa und ihr Einwohner von Jerusalem! Ich will euch erklären, was hier geschieht …'“
.
(Apostelgeschichte 2,1-14)

 

 

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„Wellenreiter“ von Jon Sullivan via Wikimedia Commons – public domain

 

Die zweite Generation der Jesus-Bewegung

Eine in manchen Gemeinden populäre Variante des Gemeindewachstums scheint das Kinderkriegen zu sein.  😉

 

„Deshalb möchte ich, dass die jüngeren Witwen wieder heiraten, Kinder zur Welt bringen und sich um ihren Haushalt kümmern.“

.
(Paulus im ersten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 5,14; Neues Testament)

 

Schon bald, nachdem das Christentum entstanden war, gab es Gläubige, die Jesus nicht mehr live erlebt hatten. Und für die Kinder, die dann in christliche Familien hineingeboren wurden, gilt natürlich dasselbe.

Kinder sind heilig. Sie sind der Schatz jeder Gesellschaft und garantieren deren fortbestehen. – Eine religiöse Tradition überträgt sich allerdings nicht unbedingt automatisch auf die Kinder.

Ein paar Jahrzehnte nach Pfingsten waren dann auch die letzten Augenzeugen verstorben, die Jesus noch gesehen und gehört hatten, und es gab neben dem geistlichen Leben, das in religiöser Gemeinschaft erlebt wurde, nur noch die Überlieferung. Dies war sicherlich auch der entscheidende Motor dafür, dass man anfing die Schriften der ersten Christen zu sammeln.

Überlieferung ereignet sich in einem 4-dimensionalen Raum. Alles verändert sich ständig: die Welt, die Sprachen, der Blick auf die Geschichte, die Kultur, die Religion, …

 

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von Jason Hise via Wikimedia Commons (English Wikipedia) – public domain

 

Bibel + Glaubensbekenntnis

Manche betrachten das Christentum als Buchreligion; aber das war es ursprünglich vom Wesen her eigentlich nicht.

Die auffälligste Veränderung gegenüber dem Judentum ist die Weite und Vielfalt des Christentums. In Christus stand nun  allen  Menschen, unabhängig davon zu welchen Völkern sie gehörten, das Heiligtum der Juden weit offen. – Gott kommt zu uns und wohnt in allen Völkern.

Dies war auch verbunden mit einer veränderten Spiritualität. Gegenüber der alten Synagogen-Frömmigkeit scheint nun das persönliche, individuelle Erleben des Einzelnen (im Glauben an Jesus) und das kreative, vielfältige Gestalten des gemeinsamen religiösen Lebens deutlich an Bedeutung zu gewinnen.

 

 Jedem hat Gott seine ganz bestimmte Aufgabe in der Gemeinde zugeteilt. Da sind zunächst die Apostel, dann die Propheten, die verkünden, was Gott ihnen eingibt, und drittens diejenigen, die andere im Glauben unterweisen.

Dann gibt es Christen, die Wunder tun, und solche, die Kranke heilen oder Bedürftigen helfen. Einige übernehmen leitende Aufgaben in der Gemeinde, andere reden in unbekannten Sprachen“

.
(Paulus im ersten Brief an die Christen in Korinth 12,28; Neues Testament)

 

„… der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

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(im zweiten Brief an die Christen in Korinth 3,6; Neues Testament)

 

 

So wie es in Geschichte und Zeitgeschichte schon oft mit gesellschaftlichen Bewegungen passiert ist, so ist dann auch die Christenheit weitgehend erstarrt in Strukturen, Glaubensbekenntnissen, Grundlagen-Papieren und heiligen Texten. Besonders im Protestantismus erlangte die Bibel überragende Bedeutung als  das  Heilige Buch.

 

 

Gott ist kein Schriftsteller

 

Die Bibel diente auch als Machtinstrument für die Kirche, und sie diente zur Stabilisierung des römischen Reiches, das dringend eine religiöse Grundlage brauchte, die besser funktionieren sollte als die althergebrachten religiösen Traditionen.

Glaubensbekenntnisse und Bibel waren Instrumente im Kampf gegen konkurrierende christliche Bewegungen und dienten der Abgrenzung und Vereinheitlichung. – Konsolidierung des Christentums. – Ein Kampf, der im Grunde bis heute andauert.

Dieser Vorgang hat auch zu tun mit den großen Themen der christlichen Theologie:

Christologie, Heiliger Geist (Pneumatologie), Sakrament, Bischof, Kirche (Ekklesiologie), Abendmahl/Eucharistie, TaufeVorherbestimmung/Prädestination, Erwählung, Heiligung und Heiligenverehrung, LiturgieEschatologie / Tausendjähriges Reich, …

 

„Jesus kündete das Reich Gottes an und gekommen ist die Kirche.“

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(Alfred Loisy)

 

War der  „christliche“ Glaube, der auf diese Weise überliefert worden ist, noch identisch mit dem, was Jesus gelehrt hatte? Wo sind die geist-erfüllten Menschen, die es schaffen, die Herzen von Christen unterschiedlicher Traditionslinien wieder mit einander zu verbinden?

Wie ihr wahrscheinlich schon gemerkt habt, bin ich überhaupt kein Fan von Glaubensbekenntnissen. Andererseits scheint es mir allerdings schon so zu sein, dass sie als Bekenntnis der persönlichen Glaubensüberzeugung auch ihren Platz haben. Gut finde ich das Buch von David Steindl-Rast: Credo.

Es wird eine der entscheidenden Fragen bzgl. der Zukunft der Christenheit sein, wie wir mit dem historischen Erbe des bisherigen Christentums umgehen.

 

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Petersplatz im Morgengrauen, mit Petersdom (Vatikan), Foto von Islandoftrees via Wikimedia Commons – CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

 

Nachhaltigkeit als Wesensmerkmal eines Systems

Strukturen und Schriften reichen nicht aus, um religiöses Leben zu konservieren. Es braucht immer auch noch Menschen aus Fleisch und Blut, welche die Schriften sinnvoll nutzen und Strukturen ausfüllen.

 

„Was ich dir vor vielen Zeugen als die Lehre unseres Glaubens übergeben habe, das gib in derselben Weise an zuverlässige Menschen weiter, die imstande sind, es anderen zu vermitteln.“

.
(Paulus im zweiten Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus 2,2; Neues Testament)

 

Und darüber hinaus braucht es noch dieses nicht greifbare Etwas, eine gewisse geistige, fluide Kultur mit spiritueller Qualität, die uns nie völlig verfügbar ist, aber die wir versuchen können aufzuspüren. Ein Wahrnehmen des Lebens und der Wirklichkeit und die Verbindung zur Quelle der Kraft. Dieses „gewisse Etwas“ zu kultivieren wäre eine der wichtigsten Aufgaben christlicher Spiritualität.

Auch die biblischen Texte erzählen ja davon, dass Gott selbst es ist, der seine Schöpfung erhält und den Menschen sucht, der den Lauf der Geschichte gestaltet und ein gutes Ziel für sie hat. Und es war die Überzeugung der ersten Christen, dass dies jetzt durch Jesus geschieht und Gottes himmliches Reich angebrochen ist.

 

„Und wie lautet dieses Geheimnis?

‚Christus in euch  – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit!'“

.
(Kolosserbrief 1,27)

 

Erziehung zum christlichen Glauben

Geht das überhaupt? Oder ist der Titel schon schlecht formuliert? Sollte es vielleicht besser heißen  „Erziehen  im  Glauben“  oder  „Erziehung im Christentum“?

Und ist Erziehung zum Glauben an Jesus dasselbe wie „christliche Erziehung“ oder gibt es da einen Unterschied?

 

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„Lasst doch die Kinder zu mir kommen, und hindert sie nicht daran! Gottes Reich ist ja gerade für solche wie sie bestimmt.“ (Markus 10,14) Gemälde von Carl Heinrich Bloch, 19. Jahrhundert, via Wikimedia Commons – public domain

 

Einen interessanten Artikel von Tobias Faix zum Thema gibt es hier:

„Ist Glaube machbar? Über den Sinn und Unsinn christlicher Erziehung“

Da das Christentum noch nicht ausgestorben ist und so mancher Christ auch schon im christlichen Elternhaus groß geworden ist, scheint es durchaus möglich zu sein, christlichen Glauben über die Generationen hinweg zu überliefern.

 

 

Es gab allerdings nie einen einheitlichen christlichen Glauben, und nach fast 2000 Jahren ist die Vielfalt christlicher Konfessionen, Denominationen, Kirchen, Projekten und Bewegungen schier unübersehbar. Zu welchem christlichen Glauben soll man denn sein Kind erziehen?

 

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(Glaube allein)

Vielleicht mehr als irgendwo sonst, ist es im Protestantismus, dass der Glaube die zentrale Rolle spielt: Er entscheidet über Leben und Tod, über Himmel und Hölle.

Umso wichtiger ist es, was denn genau Wesen und Inhalt des Glaubens sind. – Gedanken sind Kräfte.

Im Protestantismus wurde Glaube immer mehr zu einer Art „Bildungsgut“. Mit dem Buchdruck und der Alphabetisierung und Schulpflicht wurde es immer mehr Menschen möglich, eine Bibel zu besitzen und darin zu lesen. Die Frage,  was  man denn glaubt oder auch was man meint, nicht mehr glauben zu können, rückte bei vielen Menschen in den Vordergrund.

 

„Denn man wird für gerecht erklärt, wenn man mit dem Herzen glaubt; man wird gerettet, wenn man den Glauben mit dem Mund bekennt.“

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(Paulus im Brief an die Christen in Rom 10,10; Neues Testament)

 

Plappernde Fromme und sprachlose Christen

Sobald Menschen den Mund aufmachen, wird es kompliziert. Manche Christen gehen mit ihrem missionarischen Eifer und persönlichen Überzeugungen anderen auf die Nerven, und andere sind sprachlos geworden, weil sie selbst kaum noch verstehen, was sie eigentlich glauben.

Sprache(n) spielt, besonders für den christlichen Glauben, eine überragende Rolle. Man denke nur an die Bibel, die Mission und Bibelübersetzungs-Projekte.

In Diskussionen zwischen Christen erlebe ich es ständig, dass man kaum noch in der Lage ist, mit einander zu reden. Zu unterschiedlich ist die Art und Weise, wie man den christlichen Glauben versteht und lebt, und die Voraussetzungen, von denen man ausgeht. Dabei wäre es angesichts der Globalisierung und der Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, so wichtig, dass wir als Christen wirklich ein Licht für die Welt wären.

 

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Calvary Church bei Nacht; eine „non-denominational evangelical church“ in Charlotte, North Carolina; Foto von Fartbarker, via Wikimedia Commons – public domain

 

Sprachfähige Eltern

Ich glaube, es würde helfen, wenn wir uns von traditionellen christlichen Sprachmustern etwas distanzieren, und neu lernen, das, was wir wirklich von ganzem Herzen glauben, selbst und frisch in Worte zu fassen. Kreativer, kulturschaffender Umgang mit Sprache. Neue Formen wie biblisches Erzählen und Poetry-Slam könnten dabei vielleicht helfen – oder Erlebnispädagogik  😉

 

Ich war in eine verzweifelte Lage geraten – wie jemand, der bis zum Hals in einer Grube voll Schlamm und Kot steckt!
.
Aber er hat mich herausgezogen und auf festen Boden gestellt. Jetzt haben meine Füße wieder sicheren Halt.
.
Er gab mir ein neues Lied in meinen Mund …“
.
(Psalm 40,3-4, Altes Testament / Tanach)

 

Theologen scheinen als Berufsgruppe nicht unbedingt für diese Aufgabe geeignet zu sein. Auch in der Vergangenheit (man denke nur an die Psalmen und Propheten) waren es Poeten, Visionäre, Musiker, Maler, Sänger, Künstler … die spirituellen Menschen geholfen haben, das was sie glauben in Worte zu fassen und religiös sprachfähig zu werden.

 

 

 

Lasst uns die Künstler in uns wecken!

 

Verankert im Hier und Jetzt

Manche von uns haben viel Bibelwissen und können mitreden. Manche haben schon eine lange Geschichte als Christen und tragen mit sich viel liebgewordene christliche Tradition. Wir bringen das dann auch unseren Kindern bei: Glaubensbekenntnis, Katechismus, Christenlehre, Familienandachten, …

Dies bleibt allerdings zum Teil nur Theorie. Ein Christentum für den Kopf, aber das Herz bleibt leer; und das theoretische Wissen hat kaum erkennbare Wirkung im Alltag. In Kirchen und Gemeinden sind manche engagiert und nett, während zuhause die Familie den Bach runtergeht …

 

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber mit dem Herzen sind sie weit weg von mir.“

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(Jeschajahu / Jesaja 29,13, Altes Testament / Tanach)

 

Ich glaube, um gangbare und heilsame Wege für uns selbst, unsere Familien, das Christentum und die Menschheit zu finden, müssen wir dicht bei uns selbst und unser alltäglichen Wirklichkeit bleiben. – Die großen Fragen in Kopf und Herzen bewegen, aber bei mir selbst beginnen. – Die neue Welt beginnt bei mir.

Spiritualität braucht Ruhe und Stille. Sie kann man nicht kaufen oder sich mal schnell als Instant-Produkt in irgendwas einrühren. Man muss im eigenen Leben den nötigen Raum schaffen.

Wenn wir zu einer eigenen Spiritualität finden, die in unserer persönlichen Erfahrung verankert ist und die wir selbst verantworten können, brauchen wir uns auch nicht mehr hinter dem Schwergewicht der Tradition oder den breiten Schultern christlicher Persönlichkeiten verstecken.

 

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„Sky Walker – Heaven of Dreams“ von Hartwig HKD via flickr – CC BY-ND 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0

 

„Darum hat Gott einen neuen Tag festgesetzt, an dem er sein Versprechen erfüllen will. Dieser Tag heißt ‚Heute‘ …

‚Heute, wenn ihr meine Stimme hört, dann verschließt eure Herzen nicht.'“

.
(Hebräerbrief 4,7; Neues Testament)

 

Wir und die Kinder

Kinder sind klein und schwach und abhängig. Sie genießen in der Gesellschaft einen besonderen Schutz – zumindest theoretisch.

Schwache und Kinder genießen in den biblischen Texten auch die besondere Sympathie Gottes:

 

„Da sagte Jesus:
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‚Lasst doch die Kinder! Hindert sie nicht, zu mir zu kommen; denn für Menschen wie sie steht Gottes neue Welt offen.‘
.
Dann legte er den Kindern segnend die Hände auf …“
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(Matthäus-Evangelium 19,14-15; Neues Testament)

 

Ein beliebter Bibelvers. Viel wurde schon gesagt und geschrieben. Christen diskutieren über Kindertaufe, Kinder-Evangelisation, Religionsunterricht für Kinder, …

Alle Kinder der Welt sind unsere Kinder – eine große Menschheitsfamilie. Wir können über die Zukunft von Kindern nachdenken und unser eigenes Leben verändern. Eine bessere Zukunft für Kinder kann bei mir beginnen: in meinem Herzen, meinen Träumen, meinem Alltag, meiner Familie, meinem Engagement …

 

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„Got you, daddy!“ von Clarence Goss from USA (Flickr: Got You Daddy) via Wikimedia Commons – CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)

 

Prägen durch gemeinsame Zeit

Viele Familien verbringen nicht mehr viel Zeit mit einander: Kita, Schule, Arbeit, … – Und die Zeit, die sie zusammen haben, ist manchmal nur Zeit vor dem Fernseher oder Zeit über dem Handy oder Tablet.

Ein tiefergehendes Gespräch mit seinem Kind führen zu können, ist alles andere als selbstverständlich; und das betrifft nicht nur Teenager. Oft braucht man kreative Ideen, um Situationen und Atmosphäre zu schaffen, wo Kinder anfangen aus ihrem Leben zu erzählen.

 

„Alle, die zum Glauben an Jesus gefunden hatten, ließen sich regelmäßig von den Aposteln unterweisen und lebten in enger Gemeinschaft. Sie feierten das Abendmahl und beteten miteinander …

Die Gläubigen lebten wie in einer großen Familie. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam …

Tag für Tag kamen die Gläubigen einmütig im Tempel zusammen und feierten in den Häusern das Abendmahl. In großer Freude und mit aufrichtigem Herzen trafen sie sich zu den gemeinsamen Mahlzeiten.“

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(Apostelgeschichte 2,42-46)

 

More than words … – Das eigene Vorbild

Ein Gedankenexperiment:

Eltern, die nicht sprechen und nicht schreiben können haben ein Kind. Gibt es für sie überhaupt Möglichkeiten ihr Kind christlich zu erziehen oder brauchen sie dazu unbedingt Sprache? Wie sieht es aus mit nicht-sprachlichen Möglichkeiten der Kommunikation und mit anderen Formen von Prägung?

Eltern kennen das: Wir können uns den Mund fusselig reden … – doch Kinder machen oft nicht das, was wir sagen. Aber das Leben, das wir ihnen vorleben, bleibt in ihnen für den Rest ihres Lebens.

Eine rauchende Mutter mag ihrem Kind den guten Rat geben: „Fang bloß nicht an zu rauchen …“ – Aber Kinder scheinen sich mehr an dem zu orientieren, was wir vorleben, als an dem, was wir sagen. Das eigene Vorbild hat wohl mehr Kraft, als unseren Worte.

 

„Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Ihr Heuchler! Ihr versperrt anderen den Zugang zu Gottes himmlischem Reich. Denn ihr selbst geht nicht hinein, und die hineinwollen, hindert ihr auch noch daran.“

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(Matthäus-Evangelium 23,13)

 

 

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Big Spring (Missouri, USA), Foto von Kbh3rd, via Wikimedia Commons – GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)

 

 

Im göttlichen Flow

Wir sind alle bedürftig. Auch Eltern. Es gibt so viel Mangel und Not … und die Herausforderungen und Bedrohungen in unserer Welt können Angst machen.

Wenn wir für uns selbst eine tiefe und reiche Spiritualität gefunden haben, dann fließt sie durch uns auch zu den Menschen in unserem Leben. Das göttliche Leben, das uns erfüllt, wird auch auf unsere Kinder ausstrahlen.

 

„Wer an mich glaubt, wird erfahren, was die Heilige Schrift sagt: Von seinem Inneren wird Leben spendendes Wasser ausgehen wie ein starker Strom.“

.
(Johannes-Evangelium 7,38)

 

Heiligung

Gott macht unsere Seele gesund und „heilt all unsere Gebrechen“. Er ist der gute Hirte, der uns mit allem versorgt. Bei ihm ist kein Mangel. Wenn wir unser Altes loslassen, macht er alles neu.

Er fügt uns ein in die Gemeinschaft der Heiligen. Eine Generation aus Königen und Priestern. Wie  ein  Organismus wirken alle zusammen. Was einer nicht kann, kann der andere. Gott schenkt Befähigung, so wie es der Organismus braucht; und alle wachsen gemeinsam und zusammen der Ganzheit entgegen. Gott ist Liebe.

Christus in uns – die Hoffnung der Herrlichkeit. Immer wieder suchen wir seinen Frieden, und er wird uns geschenkt, in einer Weise, die wir nicht verstehen. Gottes Wirken erfasst uns und führt uns mit sich im Strom des Lebens.

Er macht unser Leben hell und führt uns auf einem guten Weg. Er gießt seine Liebe in unsere Herzen …

Wir sind das Licht der Welt. Unsere Kinder finden Sicherheit und Orientierung in dem Licht, das von uns ausgeht. Unsere Liebe wärmt ihre Seelen.

 

Ich versichere euch: Wer sich Gottes Reich nicht wie ein Kind schenken lässt, der wird ganz sicher nicht hineinkommen.“

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(Lukas-Evangelium 18,17)

 

 

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Selbstporträt von Élisabeth Vigée-Lebrun mit ihrer Tochter, via Wikimedia Commons – public domain

 

Liebe, Vertrauen und Freiheit

Vielleicht besteht eine gute christliche Erziehung gerade in der geschickten Balance zwischen der freiheitlichen Entwicklung des einzelnen Persönlichkeit und der kreativen und kraftvollen Vermittlung zeitloser Werte. – Urvertrauen ins Leben, das befähigt so zu leben, dass es allem Leben dient.

Das Wechselspiel zwischen der Persönlichkeits-Entwicklung und dem Seelenleben des Einzelnen einerseits und dem Leben der Gesellschaft andererseits ist etwas, das unser ganzes Leben bestimmt. Ich bin immer ein Teil von unterschiedlichen Gruppen. Wie ich diese Gemeinschaft erfahre und mitgestalten kann, ist entscheidend für mich selbst und auch die Wirkung, die von mir ausgeht.

Die beste Orientierung in diesem vielschichtigen, komplexen Geschehen bietet meines Erachtens die Integrale Theorie (zumindest hab ich bis jetzt noch nichts Besseres gefunden.).

Vielleicht wird ein tieferes Verstehen von guter Erziehung und dem Überliefern von Werten und Spiritualität an kommende Generationen dazu beitragen, dass das Himmelreich zu uns kommt, von dem Jesus geredet hat.

 

„Reformation war gestern. Die Zukunft des Christentums gehört der Transformation.“

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(Marion Küstenmacher auf dem Cover ihres Buches „Integrales Christentum“)