Sandra Hauser | Heiliger Geist = höherer Bewusstseinszustand = Christusbewusstsein?

 

Sandra Hauser auf ihrem Blog „Integrales Christsein“ über Bewusstsein und Heiligen Geist:  Heiliger Geist = höherer Bewusstseinszustand = Christusbewusstsein?

 

Der Bibel-Mythos

 

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Alte Bibel; von Ajel auf pixabay.com (CC0 Public)

 

Der Titel ist zugleich die Behauptung:

Ich behaupte, es gibt eine weit verbreitete Vorstellung von der Bibel, die nicht stimmt!

 

Die gewöhnlichen Menschen trachten, so scheint es wenigstens, nach nichts weniger als nach einem der Heiligen Schrift entsprechenden Leben. Vielmehr sehen wir, dass sie fast alle ihre Hirngespinste für Gottes Wort ausgeben und nur darauf bedacht sind, unter dem Deckmantel der Religion andere Leute dazu zu zwingen, dass sie denken wie sie selbst.

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(Baruch de Spinoza (1632 – 1677), eigentlich Benedictus d’Espinoza, holländischer Philosoph; Quelle: Spinoza, Tractatus theologico-politicus, via aphorismen.de)

 

Mythos

Der Begriff „Mythos“ ist hier also nicht streng wissenschaftlich, sondern umgangssprachlich gemeint. Ich meine, dass die Bibel ein religiöses Image hat, das nicht der Wirklichkeit entspricht.

Und dies hat nicht nur speziell mit der  deutschen  Sprache oder Kultur zu tun, sondern ist ein religiös-kulturelles Problem  aller  christlich geprägten Gesellschaften und darüber hinaus.

 

Bibel  (Deutsch)

Bedeutungen:

[1] kein Plural: Titel des Buches (ursprünglich Sammlung von Büchern beziehungsweise Schriften), welches nach christlicher Auffassung Gottes Wort ist
[2] eine Ausgabe von [1]
[3] übertragen: ein bedeutendes Standardwerk in einem bestimmten Gebiet

(Quelle: Wiktionary.org)

 

Das Wort „Bibel“

Sachlich kann man erst einmal festhalten, dass die Bibel eine Sammlung von Schriften ist, welche grundlegend für den christlichen Glauben geworden sind. Diese Aussage, wird wohl niemand bestreiten.  (Auch wenn man über den Wortlaut vielleicht noch Haare spalten könnte.)

Wir assoziieren mit dem Wort „Bibel“ allerdings darüber hinaus noch etwas anderes. Um dieses „andere“ geht es in diesem Post.

 

The books you think I wrote are way too thick.

(aus dem Lied „From God’s Perspective“ von Bo Burnham)

 

Die Bibel als Nachschlagewerk und Einführung ins Christentum?

Das Wort „Bibel“ wird im Deutschen und Englischen (und vermutlich auch noch in weiteren Sprachen) auch für eine bestimmte Art von Büchern benutzt. Es ist, sozusagen, auch die Bezeichnung für eine Art von „Genre“. Es wird benutzt für Bücher, die maßgeblich für ein Wissensgebiet geworden sind.

So könnte man, z.B., von einer “Heimwerker-Bibel” sprechen und gemeint wäre ein allgemein anerkanntes Buch, in dem man alles Wichtige zum Thema “Heimwerken” findet. Es geht dabei sowohl um die Art, wie man das Buch benutzt (praktisches Nachschlagen), als auch um die Zuverlässigkeit der Information und die allgemeine Anerkennung.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
 .

(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

Unsere Bibeln sind gar keine Bibeln!

Die Frage ist nun, ist DIE BIBEL in diesem Sinne überhaupt eine „Bibel“ für den christlichen Glauben? (Ich hoffe, ich verwirre hier niemanden …)

Wer die Bibel auch nur ein bisschen kennt, weiß schon längst, dass die christliche Bibel nicht nur vom Thema, sondern auch vom Wesen her, ein so ganz anderes Buch ist als die Heimwerker-Bibeln, Koch-Bibeln, Auto-Bibeln, usw.  Die Bibel wurde ursprünglich NICHT als EIN Buch konzipiert und veröffentlicht. Sie behandelt eine Vielfalt von Themen, und sie enthält eine Vielfalt von Genres. Sie ist halt über einen sehr langen Zeitraum auf eine sehr eigentümliche Weise entstanden.

Wie konnte es dann überhaupt dazu kommen, dass das Wort „Bibel“ für Bücher benutzt wird, die so ganz anders sind?

 

Bitte gib mir Antworten auf meine Fragen!

 

Bedürftigkeit

Ich denke, es hat damit zu tun, dass die Bibel von den Frommen wie ein Nachschlagewerk benutzt worden ist. – Willst du wissen, was Gott zu diesem Thema meint? Kein Problem! Ich zitiere mal schnell einen passenden Bibelvers. Und da die Bibel im Original ja leider nicht alphabetisch sortiert ist und ohne Inhaltsverzeichnis und Sachregister kommt, haben wir dann etwas nachgebessert und entsprechende Bibelausgaben geschaffen.

Mit einer zusätzlichen Bibel-Konkordanz ist es noch einfacher, und am besten natürlich mit Bibel-Software. Da bleiben kaum noch Wünsche offen. Man muss die Texte selbst auch gar nicht mehr richtig kennen. Mit der Suchfunktion findet man schnell die gewünschte Aussage, die man benutzen will. Wir haben die Bibel in den Griff gekriegt! (Falls dies ein bisschen nach Instrumentalisierung klingt, ist es bestimmt kein Zufall.)

 

… der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

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(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Zauberbuch

Aus unzähligen Filmen kennt man die Szene, wo jemand zum Schwören die Hand auf eine Bibel legt. Sicherlich eher eine symbolische als eine magische Handlung, aber wiederum eine öffentliche Benutzung der Bibel, die bestimmte Vorstellungen erzeugt. Es gibt bei manchen sogar die Vorstellung, dass man mit diesem Buch Dämonen und okkulte Mächte vertreiben kann.

Solange eine Bibel nur im Bücherregal steht, tut sie keinem weh. Wenn aber die Bibel für bestimmte Zwecke benutzt wird, dann formt sich eine gewisse Vorstellung von diesem Buch, selbst bei denen, die nie hineingeschaut haben. Verursacht natürlich von denen, die von der Bibel reden und sie zitieren.

 

… es ist offensichtlich, dass ihr ein Brief seid, den Christus selbst verfasst hat und der durch unseren Dienst zustande gekommen ist. Er ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, und die Tafeln, auf denen er steht, sind nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut; es sind die Herzen von Menschen.

.
(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Wort Gottes?

Nicht alle biblischen Texte präsentieren sich als Wort Gottes. Aber im Laufe der Kirchengeschichte hat man EIN Buch gemacht, das als „Heilige Schrift“ und „Wort Gottes“ verkauft wurde und normativen Charakter für den christlichen Glauben haben sollte. Man wollte so ein Buch haben, und man hat es sich gemacht.

Die historische Analyse dieser Entwicklung ist eine wichtige Aufgabe für alle Kirchen und alle, die meinen, dass diese Texte auch für uns heute noch wertvoll sind. Die entscheidende Frage ist:

Wollen wir die Texte BENUTZEN, oder wollen wir von ihnen LERNEN?

 

Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt.

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(Paulus‘ erster Brief an Timotheus, 1,5)

 

Meine Vorstellungen und Gottes Plan

Die Klärung und Überprüfung der eigenen Vorstellungen, die ich von der Bibel habe, ist besonders für  die  Menschen wichtig, denen die Bibel am Herzen liegt. So ist die Klärung dieser Fragen von existenzieller Bedeutung für die Gegenwart und Zukunft des christlichen Glaubens.

 

[Dies ist eine neuere Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Bibel. Jetzt. (8) – Kontext, Kontext, Kontext

 

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Leinengewebe, by Dee.lite [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Zeit und Fantasie sind wichtig zum Verstehen der Bibel („Bibel. Jetzt.“, Teil 1+2). Kontext ist auch wichtig, und Kontext bedeutet „Zusammenhang“. Ich hätte also schreiben können: Zusammenhang, Zusammenhang, Zusammenhang – etwas mühsam.

 

… So hat es euch ja auch unser lieber Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben, und dasselbe sagt er in allen Briefen, wenn er über diese Dinge spricht. Einiges in seinen Briefen ist allerdings schwer zu verstehen …
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(Bibel, Neues Testament, Zweiter Brief von Petrus, 3, Kapitel, Verse 15-16)

 

Kontext

Wikipedia erklärt:

 

„Kontext (Sprachwissenschaft), alle Elemente einer Kommunikationssituation, die das Verständnis einer Äußerung bestimmen“

 

Kontext spielt eine Rolle, wenn man miteinander redet und auch wenn man Texte liest. „Kontext“ ist alles, was für das Verstehen einer Äußerung wichtig ist. Man spürt, was damit gemeint ist, wenn man einen Brief (oder E-Mail) schreibt. Während ich schreibe, frage ich mich: Wird der andere das auch so hören, wie ich es sage? – Er hört ja gar nicht den Ton meiner Stimme, sieht nicht das Lächeln oder das Zwinkern mit den Augen …

 

Was würde ich darum geben, gerade jetzt bei euch zu sein und im Gespräch mit euch den richtigen Ton zu finden! Denn ich weiß mir keinen Rat mehr mit euch.

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(Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Christen in Galatien, 4,20)

 

Missverständnisse

Und manchmal gibt es Missverständnisse. Ironie ist besonders problematisch. Und das Konservieren von Gedachtem oder Gesprochenem in einem Text funktioniert nicht immer perfekt. Es geht meistens etwas verloren.

 

 Ja, es ist offensichtlich, dass ihr ein Brief seid, den Christus selbst verfasst hat und der durch unseren Dienst zustande gekommen ist. Er ist nicht mit Tinte geschrieben, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, und die Tafeln, auf denen er steht, sind nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut; es sind die Herzen von Menschen.

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(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,3)

 

Mit einem Text beim Leser die gewünschte Wirkung zu erzielen ist eine Kunst, und je größer und vielfältiger die Leserschaft desto schwieriger. Je größer der zeitliche und kulturelle Abstand desto schwieriger.

 

Versuche der Rekonstruktion von schriftlicher Kommunikation

Dies alles ist keine spezifisch biblische oder theologische Problematik. Sie ist rein sprachlich. Es ergeben sich aus ihr allerdings wichtige Fragen an die Auslegung aller religiösen Texte, gerade auch die Auslegung der sehr alten:

Inwieweit lässt sich überhaupt der Kontext rekonstruieren? Wie kann man sie heute noch verstehen? Wie wahrscheinlich ist es, dass wir sie richtig verstehen, oder: Wie können wir überprüfen, ob wir richtig verstanden haben? …

Allein diese paar Fragen sollten schon deutlich machen, wie vorsichtig wir mit Formulierungen sein sollten, wie „die Bibel sagt…“ oder „aus der Bibel kann man lernen …“

 

Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.

(Paulus‘ zweiter Brief an die Christen in Korinth, 3,6)

 

Ein anderer Weg

Und noch eine ganz wichtige Frage: Gibt es vielleicht noch einen anderen Zugang zur Bibel als den „wissenschaftlichen“, theoretischen? Wie können wir als „Laien“ oder auch als Profis sinnvoll mit der Bibel umgehen?

 

… bloßes Wissen macht überheblich. Was uns wirklich voranbringt, ist die Liebe.

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(Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 8,1)

 

[Fortsetzung folgt … (hoffentlich).]

 

Zurück zu:  Bibel. Jetzt. (7)  –  Ähnliches Thema:  GANZHEITLICHES BIBELVERSTÄNDNIS

 

Ist die Bibel euer „Goldenes Kalb“?

 

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Nicolas Poussin [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Als Mose so lange Zeit nicht vom Berg herabkam, versammelten sich die Israeliten bei Aaron und forderten ihn auf: ‚Mach uns eine Götterfigur, die uns den Weg zeigt! Wer weiß, was diesem Mose zugestoßen ist, der uns aus Ägypten herausgeführt hat!‘ Aaron schlug vor: ‚Eure Frauen und Kinder sollen ihre goldenen Ohrringe abziehen und zu mir bringen!‘ …

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Er nahm den Schmuck entgegen, schmolz ihn ein und goss daraus ein goldenes Kalb. … Als es fertig war, schrien die Israeliten: ‚Das ist unser Gott, der uns aus Ägypten befreit hat!‘ Daraufhin errichtete Aaron einen Altar vor der Götterfigur und ließ bekannt geben: ‚Morgen feiern wir ein Fest zu Ehren des Herrn!‘

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(Bibel / Tanach / Altes Testament, Schemot / Exodus / 2. Mose, 32. Kapitel, Verse 1-5)

 

Das „Goldene Kalb“

Eigentlich war das sogenannte „Goldene Kalb“ wohl eher ein goldener Jungstier. – Symbol der Kraft und der Macht.

Diese Erzählung aus dem zweiten Buch unserer Bibeln fasziniert mich schon lange. Irgendwie hatte ich früher die Idee in den Kopf gekriegt:  Aha, da sind die Israeliten also so kurze Zeit nach all den Wundern von Gott abgefallen und haben sich heidnischen Götzen zugewandt. Diese Idee war aber falsch.

 

Das ist unser Gott, der uns aus Ägypten befreit hat! … Morgen feiern wir ein Fest zu Ehren des Herrn!“

(Vers 4-5)

 

Das wartende Gottesvolk

Die Israeliten werden unsicher und unruhig, als Mose länger braucht, als sie erwartet haben. Wie ein kleines Kind (oder auch wir Erwachsene) suchen sie Halt, Sicherheit, Stabilität. Und den Fokus der Sicherheit, den sie sich dann selbst erschaffen, ist nicht ein heidnischer Götze, an den sie sich anstelle Jahwes wenden, sondern es ist eine Vergegenständlichung Jahwes, ihres Gottes : „Das ist unser Gott, der uns aus Ägypten befreit hat! … Morgen feiern wir ein Fest zu Ehren des Herrn!“ (Vers 4-5).

Es gibt nicht nur materielle Gottesbilder, sondern auch sprachliche, bei denen nicht mit Gold, Stein, oder anderem Material ein Bild von Gott gemacht wird, sondern mit Worten. Die Ehrfurcht im Judentum vor dem Aussprechen des Gottesnamens könnte für uns schon ein Hinweis darauf sein, wie problematisch es ist, Gott auf sprachliche Weise zu benutzen und für sich zu vereinnahmen.

 

Spöttisch werden sie euch fragen: »Wo ist denn nun euer Christus? Hat er nicht versprochen, dass er wiederkommt? Schon unsere Vorfahren haben vergeblich gewartet. Sie sind längst gestorben, und alles ist so geblieben, wie es von Anfang an war!« …
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Wenn manche also meinen, Gott würde die Erfüllung seiner Zusage hinauszögern, dann stimmt das einfach nicht. Gott kann sein Versprechen jederzeit einlösen. Aber er hat Geduld mit euch …
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So erwartet ihr diesen Tag, an dem Gott kommt, und tut alles dazu, dass er nicht mehr lange auf sich warten lässt …
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Wir alle aber warten auf den neuen Himmel und die neue Erde, die Gott uns zugesagt hat. Wir warten auf diese neue Welt, in der endlich Gerechtigkeit herrscht.
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(Neues Testament, Zweiter Brief von Petrus, 3,4-13)

 

Wartende Christen

Wir können schon in den Texten des Neuen Testaments erkennen, wie die ersten Christen unsicher wurden, als Jesus nicht wiederkam, um das Reich Jahwes aufzurichten. Heute sind fast 2000 Jahre vergangen, und Jesus ist immer noch nicht wiedergekommen.

Wir haben uns allerdings in der Zwischenzeit selbst ein Buch gemacht, dass uns Sicherheit gibt und ein Dogma der Unfehlbarkeit der Bibel formuliert. Ein handfestes Buch, das wir fest im Griff haben, und in dem wir schnell Antworten auf unsere Fragen nachschlagen.

 

Jetzt sehen wir nur ein undeutliches Bild wie in einem trüben Spiegel. Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Jetzt erkenne ich nur Bruchstücke, doch einmal werde ich alles klar erkennen, so deutlich, wie Gott mich jetzt schon kennt.
Was bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe. Von diesen dreien aber ist die Liebe das Größte.
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(Paulus‘ erster Brief an die Christen in Korinth, 13,12-13)

 

Ich und meine Bibel

Es gibt ein Gemeindelied, dass ich eigentlich immer noch mag. Und wenn man daran denkt, dass bis heute Christen ihr Leben aufs Spiel setzen, um die Bibel zu verbreiten, kann man verstehen, warum jemand solch ein Lied schreiben würde. Aber z.B. in der letzten Zeile (ausgerechnet) geht es eindeutig über die Verehrung hinaus, die wir diesem Buch entgegenbringen sollten:

 

KANN NIMMERMEHR DICH LASSEN

1) Kann nimmermehr dich lassen, mein teures Bibelbuch,
Ich fand darin den Heiland, der meine Sünden trug.

Ref.: Nimmermehr, nimmermehr laß ich von meiner Bibel.
Nimmermehr, nimmermehr laß ich mein Bibelbuch.

2) In Trübsal und Verfolgung, in Kummer, Leid und Schmerz
quillt nur aus meiner Bibel, mir Trost ins wunde Herz.

3) Zielt mit dem gift’gen Pfeilen auf mich der Seelenfeind,
greif ich zu meiner Bibel, und Kreuzeslicht mir scheint.

4) Muß bis aufs Blut ich ringen heiß in Gethsemane,
so bringt mir meine Bibel des Heilands Friedensnäh.

5) Drum kann ich dich nicht lassen, geliebtes Bibelbuch,
dein Reichtum schenkt mir alles, was immer ich auch such!

(Text: W. Fetler)

 

[Für diejenigen, die das Lied nicht kennen: Ich hab‘ das Lied im Liederbuch „Jesu Name – nie verklinget“ (Band 1) kennengelernt, welches wir die meiste Zeit in meiner Gemeinde benutzt haben, als ich aufwuchs. „Jesu Name …“ war wahrscheinlich eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Liederbuchreihen aller Zeiten. Jesu Name 1 kann man noch kaufen und wird verlegt vom Hänssler-Verlag (evangelikaler Mainstream).]

 

Die Bibel als Götze

Es ist eine feine Linie zwischen einer guten und einer bösen Verehrung der Bibel, und vielleicht können wir nicht einmal selber immer genau sagen, auf welcher Seite wir stehen. Eine der grundlegendsten Fragen für alle Frommen ist:  Will ich Gott für meine Bedürfnisse und Zwecke benutzen oder ihm vertrauen und mich von ihm benutzen lassen.

Die Israeliten am Berg Sinai machten sich ein goldenes Kalb. Die Kirche erschuf sich die Bibel. Und in den endlosen Diskussionen der Christenheit erscheinen diese Texte immer wieder als heilige Kuh.

Die Bibel ist für mich unendlich wertvoll, weil ich durch sie Jesus kennengelernt habe. Und Christ sein bedeutet, diesem Jesus hinterher zu laufen und von ihm zu lernen, Gott so zu vertrauen, wie er ihm vertraut hat. Dann können unsere heiligen Texte für uns und andere auch zu heilsamen Texten werden.

 

Wenn heilige Texte zu heilsamen Texten werden …

 

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Gebiete mit vorherrschend abrahamitischen (rosa) oder dharmischen (gelb) Religionen; von Dbachmann via Wikimedia Commons [https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en]

 

„Heilige Texte“ …

… gibt es nicht nur im Christentum. Von allen Religionen sind es allerdings besonders das Judentum, das Christentum und der Islam (die „abrahamitischen“ Religionen), welche als „Buch-Religionen“ bekannt sind. So schreibt z.B. Wikipedia (es gibt einen ganzen Wikipedia-Artikel zum Thema Buchreligion!):

 

Der klassische Typ der Buchreligion wird durch Judentum, Christentum und Islam verkörpert.

(Wikipedia)

 

„heilig“

Seit wann werden überhaupt  Texte  als  „heilig“  bezeichnet?  Gott selbst, der Absolute, ist doch eigentlich der Heilige. – Kultische Gegenstände werden allerdings auch als heilig bezeichnet (nachzulesen z.B. in der Tora). Wenn man hingegen sich z.B. den 119. Psalm anschaut, immerhin ein Loblied auf die Tora, scheint das Wort „heilig“ dort überhaupt nicht vorzukommen.

Ist der sprachliche Ausdruck „heiliger Text“ schon das Ergebnis einer längeren Entwicklung antiker jüdischer Frömmigkeit? Inwieweit entspricht der Begriff überhaupt jüdischer Frömmigkeit und wo übertragen wir „christliche“ Konzepte von einem heiligen Buch (unserer Bibel) auf das Judentum?

 

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Fragen, Fragen, Fragen, … – Oft sind die Dinge nicht mehr so einfach, wenn man dichter herangeht und genauer hinschaut.

Damit unsere heiligen Texte zu heilsamen Texten werden können, müssen wir einen unangemessenen, un-heil-vollen und ungesunden Umgang mit ihnen beenden. Gegenstand eines gesunden Glaubens ist Gott, und nicht ein Götze. (Auch nicht einer aus Papier.)

 

Natürlich bin auch ich nur ein Mensch, aber ich kämpfe nicht mit menschlichen Mitteln. Ich setze nicht die Waffen dieser Welt ein, sondern die Waffen Gottes. Sie sind mächtig genug, jede Festung zu zerstören, jedes menschliche Gedankengebäude niederzureißen, einfach alles zu vernichten, was sich stolz gegen Gott und seine Wahrheit erhebt.
Alles menschliche Denken nehmen wir gefangen und unterstellen es Christus, dem es gehorchen muss.
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(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ zweiter Brief an die christliche Gemeinde in Korinth, 10. Kapitel, Verse 3-5)

 

fundamentalistisch

Heilige Texte sind von fundamentaler Bedeutung für die abrahamitischen Religionen. In  diesem  Sinn wären alle drei dann auch „fundamentalistisch“.

Das Verhältnis von jüdischen, christlichen und muslimischen Gläubigen zu ihren heiligen Texten ist allerdings vielfältig und vielschichtig, und ich bezweifle, dass sie alle sich gern mit dem Begriff „Buchreligion“ identifizieren würden. Ziel unseres Glaubens ist doch der Schöpfer des Universums selbst, die Quelle des Lebens, und nicht ein Buch.

 

Wer an Gott glaubt, wird göttlich; wer an ein Buch glaubt, wird ein Bücherwurm. – Wir werden zu dem, das wir hingebungsvoll verehren.

 

Insbesondere hat man das Wesen des Christentums mit dem Begriff „Buchreligion“ nicht gut erfasst, denn zumindest das frühe Christentum hatte noch keine christliche Bibel. (Ich warte immer noch darauf, dass mir jemand sagt, wann denn zum ersten Mal jemand eine christliche Bibel in der Hand gehalten hat. – Hab es selbst leider noch nicht herausgefunden.)

 

 Jetzt aber, wo wir dem Gesetz gegenüber gestorben sind, das uns gefangen hielt, unterstehen wir ihm nicht länger. Wir stehen jetzt im Dienst einer neuen Ordnung, der des Geistes, und unterstehen nicht mehr der alten Ordnung, die vom Buchstaben des Gesetzes bestimmt war.

(Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Rom, 7,6)

 

Licht und Schatten

Die fundamentale Bedeutung von heiligen Texten hat positive und negative Aspekte, Licht und Schatten. (Manche kriegen bei dieser Vorstellung wahrscheinlich schon eine Krise. Dies zeigt wie groß unser Bedürfnis nach einem vollkommenen Nachschlagewerk ist.)

Dies ist an sich auch keine besondere Eigenschaft heiliger Texte. Was wir als Menschen schaffen, hat immer (mindestens) zwei Seiten.

Wir sind so verloren, verirrt, schwach und bedürftig, dass wir uns so gerne an etwas Heilem, Vollkommenen, Soliden festhalten möchten. Die Gefahr ist groß, dass wir versuchen uns selber das zu erschaffen, wonach wir uns sehen.

 

Aber der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind, wie der Prophet spricht (Jesaja 66,1-2):
»Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße; was wollt ihr mir denn für ein Haus bauen«, spricht der Herr, »oder was ist die Stätte meiner Ruhe?
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(Neues Testament, Apostelgeschichte 7,48-49)

 

aus dem Zusammenhang gerissen

Ein negativer Aspekt bei heiligen Texten ist, dass Texte immer nur ein kleines Bruchstück der ursprünglichen Kommunikation konservieren. Dies ist, im Übrigen, ein entscheidendes Problem jeglicher Verschriftlichung von Kommunikation, dass es sich immer nur um einen Ausschnitt, eine Reduzierung der Wirklichkeit auf Text handelt.

Die Funktion von Kommunikation, die Bedeutung und Wirkung von Worten, ergibt sich immer erst durch den Zusammenhang. Wenn z.B. jemand sagt „Halt die Klappe!“, wissen wir nur durch den Zusammenhang, ob dies eine Aufforderung ist, leise zu sein, oder ob es buchstäblich um das Halten einer Klappe geht.

Bei Verschriftlichung wird Kommunikation auf Buchstaben reduziert und erstarrt als Text, während das Leben weitergeht. Der gesamte außertextliche Zusammenhang (Umstände des Verfassens / Situation, Kenntnisse von Verfasser und Empfänger über einander, kulturelle Bedingungen, Zeitgeschichte, …), der uns erklärt, wie der Text zur Zeit, als er verfasst wurde, gemeint war und wie er genau funktioniert hat, geht immer mehr verloren. Texte können überliefert werden – die komplexen Lebensumstände menschlicher Existenz, in der sie entstanden sind, nicht (nicht vollständig).

 

 Ich hätte euch noch vieles mitzuteilen, aber ich möchte es nicht mit Papier und Tinte tun. Vielmehr hoffe ich, euch demnächst besuchen zu können. Dann werden wir Gelegenheit haben, persönlich miteinander zu reden, …

(2. Brief des Johannes, Vers 12)

 

Je weiter der Leser von der ursprünglichen Kommunikation räumlich und zeitlich entfernt ist, desto schwieriger wird es. Nur das, was mit den Buchstaben einer Schrift auf einem Schreibmaterial codiert werden kann, wird überliefert und bleibt erhalten. Die Texte entfernen sich immer mehr vom Leben – sowohl vom Leben, als sie entstanden sind, als auch vom Leben des Lesers, der sie viel später liest.

Es braucht mühsame historische und literaturwissenschaftliche Arbeit, um sich einen Teil des außertextlichen Zusammenhangs wieder zu erschließen – und auch das geht nur unter Vorbehalt, denn auch unser Wissen über die Zeitgeschichte der Texte und die Umstände, unter denen sie verfasst wurden, bleibt natürlich immer unvollständig, und der Laie ist hier auf die Arbeit von Experten angewiesen.

Wenn wir glauben, dass Gott sich zu konkreten Zeitpunkten in der Vergangenheit, in historischen Situationen und unter den gegebenen Bedingungen offenbart hat und dass dies schriftlich zum jeweiligen Zeitpunkt in der gerade aktuellen Version einer Sprache festgehalten wurde, dann sollten wir auch einräumen, dass ein großer Teil dieser Kommunikation nicht sicher rekonstruierbar ist.

Noch nicht einmal die Sprache, in der Texte verfasst werden, bleibt gleich. Moderne Griechen können z.B. die altgriechischen Texte des Neuen Testaments nicht mehr richtig lesen und verstehen, und wir brauchen Sprachwissenschaftler, um uns unsere modernen Übersetzungen zu machen.

Es gäbe keine einzige gute Bibelübersetzung, wenn es nicht entsprechend kundige Leute mit „Spezialwissen“ gegeben hätte. – Und wie überprüfen wir überhaupt, was eine gute Übersetzung ist? Wir können ja beim Verfasser nicht rückfragen, ob wir ihn auch richtig verstanden haben!

 

… Stückwerk ist unser Erkennen, …
Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse …
(Paulus‘ erster Brief an die Gemeinde in Korinth 13, 9-12)

 

nicht vom Himmel gefallen

Keiner der jüdischen oder christlichen heiligen Texte präsentiert sich als ein Text, der vom Himmel gefallen ist. Alle diese Texte sind irgendwann einmal aufgeschrieben und danach weiter überliefert worden. Im Prozess der Überlieferung sind auch zumindest kleinere und vielleicht/wahrscheinlich auch größere Veränderungen vorgenommen worden, und in den meisten biblischen Texten wird kaum etwas zur Erstellung des endgültigen Textes gesagt.

 

„Göttliche Autorität“ am Beispiel Lukas-Evangelium

Das Lukas-Evangelium im Neuen Testament fällt auf, denn der Verfasser sagt am Anfang etwas darüber, warum er diesen Text verfasst hat. (Die anderen drei Evangelien tuen dies nicht.) Er bezieht sich ausdrücklich auf ältere Quellen, sagt aber nichts zu einem göttlichen Auftrag oder göttlicher Inspiration.

Da fragt man sich dann schon, woher z.B. die evangelische Allianz ihr Bekenntnis zur Bibel hat:

 

Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.

 

Hat man sich da vielleicht selber etwas gemacht, das man gerne hätte?

Die evangelische Allianz hat dies natürlich auch nicht neu erfunden, sondern steht damit selbst in einer noch älteren Tradition.

 

Keine unbeschriebenen Blätter

Kein Leser ist ein unbeschriebenes Blatt. Wir haben alle schon unsere persönliche und kulturelle Prägung und unsere Meinungen, Überzeugungen und Vorverständnisse, wenn wir anfangen, unsere heiligen Texte zu lesen.

Es gibt allerdings Hilfsmittel, um sich dessen bewusst zu werden. So hilft der Ansatz der Integralen Theologie das eigene Denken und die biblischen Texte in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. Auch Bücher von Theologen, wie „Update für den Glauben“ von Klaus-Peter Jörns oder die Bücher von Paul R. Smith können helfen, einen frischen Blick auf die alten Texte zu bekommen.

 

Der Lesende als der Ort der Offenbarung

Wichtiger noch, als die Frage, was denn genau in den Texten steht, ist die Frage, wie wir sie lesen und wie wir mit ihnen umgehen. (Hab dazu mal eine kleine „Bibel-Serie“ angefangen.) Wenn man heilige Texte instrumentalisiert und als Waffen verwendet, wird menschliche Gemeinschaft zum Schlachtfeld religiöser Argumente.

Ob durch diese Texte auch heute noch etwas Gutes mit uns passieren kann, das kann jeder ausprobieren. Positive Wirkungen des Lesens könnten die beste Werbung für die Texte sein.

 

… Die Schrift ist Gottes Atem. Sie soll uns unterweisen; sie hilft uns, unsere Schuld einzusehen, wieder auf den richtigen Weg zu kommen und so zu leben, wie es Gott gefällt. So werden wir reife Christen und als Diener Gottes fähig, in jeder Beziehung Gutes zu tun.
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(Paulus in der Bibel, Neues Testament, der zweite Brief an Timotheus, 3. Kapitel, Verse 16-17)

 

zeitlose Wahrheit

Es ist selbstverständlich die Überzeugung der abrahamitischen Religionen, dass in diesen Texten etwas überliefert worden ist, das zeitlose Bedeutung hat. Mit dieser Überzeugung bewegen wir uns jetzt allerdings auf der Ebene des Glaubens; ein wissenschaftlicher Zugang kommt hier an seine Grenzen. Die Frage, was wir denn glauben  wollen, schwingt hier immer mit und ist für jeden von uns, egal ob fromm, Atheist, Agnostiker oder irgendwas anderes, eine ganz ent-scheidende Frage.

Heilige Texte können uns beim multi-perspektivischen Erfassen der Wirklichkeit unterstützen. Gerade durch den zeitlichen Abstand und, im Falle der Bibel, den langen Zeitraum, über den die Texte entstanden sind, eröffnet sich ein großer vierdimensionaler Deutungs- und Wirkungsraum, in dem sich viel entdecken lässt, über das Wirken Gottes in seiner Welt.

 

Ein Schatz

Ich bin mit der Bibel aufgewachsen, und sie ist einer der großen Schätze in meinem Leben.

Ein positiver Aspekt von Texten ist, dass Texte uns auf eine Art und Weise mit den Menschen der Vergangenheit verbinden, wie es andere historische Quellen nicht tun können. Die überlieferten heiligen Texte schenken uns auf vielfältige Weise Einblick in das Denken und Leben von frommen Menschen der Vergangenheit und können uns gerade durch den Kontrast zur Gegenwart inspirieren und Neues entdecken lassen.

Unsere heiligen Texte sind keine banalen Alltagstexte, sondern Texte, die man überliefert hat, weil man glaubte, dass sie auch für die Zukunft der Menschheit von Bedeutung sein werden …

 

Wenn unsere heiligen Texte zu heilsamen Texten werden, wird sich unsere Welt verändern.

 

[Dies ist die Überarbeitung eines älteren Artikels, welchen ihr mit Kommentaren hier findet.]

 

Was hat Hebräisch mit dem Christentum zu tun?

 

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By W.pseudon (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Wenn man einen Juden fragen würde, so würde dieser vielleicht antworten: „Gar nichts!“ – Das stimmt so natürlich nicht ganz. Die allerersten Christen waren ja alle Juden (auch wenn Juden aus Galiläa vielleicht Juden zweiter Klasse waren), Jesus (Jeschua) war ihr Rabbi und Hebräisch war die Sprache ihrer heiligen Texte.

Aber es gibt leider sehr viele Gründe, weshalb die Beziehung zwischen Christen und Juden belastet ist. Eine Verbesserung dieser Beziehung könnte zum Segen für die ganze Menschheit werden – immerhin sind statistisch ein Drittel der Weltbevölkerung Christen.

Die Überwindung der Kluft zwischen Juden, dem auserwählten Volk Gottes, und den anderen Völkern wurde schon in den Texten des Neuen Testaments als einer der bedeutendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte gewertet.

 

… Ihr seid Gott jetzt nahe, obwohl ihr vorher so weit von ihm entfernt lebtet. Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint, die Mauer zwischen ihnen niedergerissen und ihre Feindschaft beendet …
(Bibel, Neues Testament, Paulus‘ Brief an die Gemeinde in Ephesus, 2. Kapitel, Verse 13-14)

 

Hebräisch

Mehr als alle anderen Sprachen ist Hebräisch die Sprache „unserer christlichen“ Bibel, und damit auch die grundlegende Sprache der jüdisch-christlichen Überlieferung vom Glauben an den einen Gott und seinem Messias/Christus (bzw. Messiassen). – Auch wenn manche Liebhaber der King-James-Bible  mit dem Gedanken liebäugeln, ob die wahrhaft göttlich inspirierte Sprache nicht vielleicht doch Englisch ist.

Die meisten biblischen Texte wurden ursprünglich in Hebräisch verfasst, und auch die heiligen Texte der ersten Christen waren fast alles hebräische Texte. (Ein paar Textabschnitte im Alten Testament sind in Aramäisch.)

 

mündlich – schriftlich

In antiken Gesellschaften war Schreiben ein Luxus, der nur von einer kleinen Elite beherrscht wurde. Parallel zur Textproduktion gab es eine breite mündliche Erzähltradition, von der uns natürlich nur das überliefert ist, was in Textform für die Nachwelt erhalten blieb. Hebräisch war zunächst nur eine gesprochene Sprache; und auch nach der Erfindung von hebräischer Schrift war der weit überwiegende Sprachgebrauch selbstverständlich mündlich.

 

Aramäisch

Wie alle Sprachen, so hat auch Hebräisch eine Herkunft und Geschichte. Und wie alle anderen lebendigen Sprachen auch, so hat auch Hebräisch Einflüsse aus anderen Sprachen aufgenommen. Die augenscheinlichste Folge „fremder“ Einflüsse ist die hebräische Quadratschrift selbst, welche noch heute in Gebrauch ist. Diese Schrift wurde vom Reichsaramäisch entlehnt, das Verkehrssprache im Persischen Reich war und auch noch lange nach Alexander dem Großen große Bedeutung in der Region hatte.

Aramäisch war sicherlich auch die Muttersprache Jesu, und wir finden Spuren davon auch im Neuen Testament. (So sind z.B. die letzten Worte Jesu „Eli, Eli, lama asabtani“ ein Zitat aus dem 22. Psalm in  aramäischer  Übersetzung.)

 

 Gegen drei Uhr rief Jesus laut: »Eli, Eli, lema sabachtani?« Das heißt übersetzt: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

(Neues Testament, Markus-Evangelium 15,34)

 

Griechisch

Mit Alexander breitete sich die griechische Sprache und der Hellenismus im Mittelmeerraum aus, sodass bald auch unter den Diaspora-Juden der Bedarf an griechischer Übersetzung wuchs. Es war dann die Septuaginta, die  große Bedeutung als griechische Übersetzung der hebräischen heiligen Texte erlangte.

Jeder, der schon einmal eine Fremdsprache gelernt hat, weiß, dass es unmöglich ist, eine andere Sprache zu lernen, ohne nicht auch etwas mit der fremden Kultur vertraut zu werden. Sprache transportiert Kultur und ist an sie gebunden.

Der kulturelle Druck, der durch die verbreitete griechische Sprache und dem Hellenismus auf die jüdische Tradition ausgeübt wurde, war enorm, und die Übertragung der heiligen Texte in eine fremde Sprache war eine große Herausforderung. – Bei Übersetzungen geht zwangsläufig immer etwas verloren bzw. wird verändert.

Es ist nur selten möglich den Spielraum für Deutung und Assoziation exakt in einer anderen Sprache zu reproduzieren. – Wie übersetzt man überhaupt ein grammatikalisches System, das grundsätzlich ein bisschen anders funktioniert? – Während Hebräisch und Aramäisch semitische Sprachen sind, ist Griechisch (und auch Latein, Deutsch, Englisch, …) eine indoeuropäische Sprache.

 

Latein

Nach den Griechen kamen die Römer, und in der Kirchengeschichte gewann Latein zunehmend an Bedeutung. Der im Judentum und der hebräischen Sprache verwurzelte Glaube an Jesus den Messias wurde in „fremden“ Sprachen gedacht, formuliert, gepredigt und erklärt. – Ist dabei vielleicht etwas Wesentliches verloren gegangen? Ist „theos“ oder „deus“ derselbe wie JHWH? Und hatten Christen beim Titel „Christus“ noch dieselben Assoziationen wie Juden beim erwarteten Maschiach?

Ich habe 2015 angefangen ein bisschen Hebräisch zu lernen und empfinde es als wunderbare Bereicherung zum Verstehen der biblischen Texte. (Ist allerdings wirklich nicht einfach.) Auch mit Hebräisch-Kenntnissen und dem „Urtext“ lassen sich allerdings nicht alle Fragen beantworten. Auch führt das gründlichere Studium der biblischen Texte nicht automatisch zu mehr oder besserem Glauben.

 

Heilige Texte

Schreiben von Gott ist der stammelnde Versuch mit Worten menschlicher Kategorien das Geheimnis des ewigen Gottes mit Buchstaben auf Papier zu heften. – Wie funktioniert so etwas überhaupt? Und wie kann es dann noch in eine andere Kultur übertragen werden? Ist das mündliche inspirierte Wort vielleicht besser als alte Texte? Solange Erzählungen noch mündlich überliefert werden, können sie sich an eine veränderte Wirklichkeit anpassen. Wenn sie erst in Textform erstarrt sind, veralten sie, während das Leben weitergeht …

Alle Buchreligionen haben das Problem, dass sich göttliche Offenbarung nicht auf vollkommene Weise in Texten konservieren lässt, weil Sprache sich verändert und erfolgreiche Kommunikation immer vom Zusammenhang abhängt. – Sollte das „richtige“ Verstehen der uralten heiligen Texte wirklich einer kleinen Elite von Altertumswissenschaftlern und Philologen vorbehalten sein, die den ursprünglichen Sinn noch am ehesten rekonstruieren können?

Paulus gab schon vor fast 2000 Jahren einem Mitarbeiter einen Rat:

 

 … Damals habe ich dich gebeten, in Ephesus zurückzubleiben und dafür zu sorgen, dass bestimmte Leute dort keine falschen Lehren verbreiten. Sie sollten sich nicht mit uferlosen Spekulationen über die Anfänge der Welt und die ersten Geschlechterfolgen befassen; denn das führt nur zu unfruchtbaren Spitzfindigkeiten, anstatt dem Heilsplan Gottes zu dienen, der auf den Glauben zielt. Jede Unterweisung der Gemeinde muss nämlich zur Liebe hinführen, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben kommt. Davon haben sich einige abgewandt und haben sich in leeres Gerede verloren. Sie wollen Lehrer des göttlichen Gesetzes sein; aber sie wissen nicht, was sie sagen, und haben keine Ahnung von dem, worüber sie so selbstsicher ihre Behauptungen aufstellen.

(Die Bibel, Neues Testament, der erste Brief von Paulus an Timotheus, 1. Kapitel, Vers 3-7)

 

Authentisch von Gott reden

Wir brauchen ein gründlicheres Nachdenken über göttliche Offenbarung und darüber, wie wir authentisch von Gott reden können – erfasst vom Wirken Gottes in dieser Welt und himmlisch inspiriert. Vielleicht könnte man dann das traditionelle Theologisieren auf niedrigem Niveau überwinden.

Die kolossalen kulturellen Umbrüche, die wir heute erleben, sind eine riesige Chance, das Wesentliche am christlichen Glauben neu zu entdecken. Ein besseres Verstehen unserer jüdischen Wurzeln hilft dabei auch.

 

12 JüngerInnen, neulich, beim Abendmahl

 

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Weintrauben am Weinstock; fir0002 | flagstaffotos.com.au [GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)%5D, from Wikimedia Commons

 

(Vor ein paar Jahren, irgendwo beim Arbeitskreis Ökumene im Randbezirk einer deutschen Großstadt …)

 

Maria:  Mich hat herzlich verlangt, dieses Abendmahl mit euch zu feiern. Ich freu mich immer so …

Stefan:  Hat euer Papst euch das nicht eigentlich verboten? Kommst du da mit deinem Gewissen klar?

Dagmar:  Komm, lass sie in Ruhe. Falls Maria wegbleibt, sind Christine und ich wieder die einzigen Frauen hier.

Christine:  Es wird echt so langsam Zeit für eine Quotenregelung: 50% Frauen in jedem Gremium! Auch in der Kirche.

Gerhard:  Ich würde mich wohler fühlen, wenn die hier anwesenden Frauen schweigen würden. Es steht geschrieben „Wie es in allen Gemeinden der Heiligen ist, sollen die Frauen in den Gemeinden schweigen.“

Mischa:  Mensch, Gerhard …

Martin:  Ist das hier überhaupt eine Gemeinde?

Klaus-Peter zu Christine:  Nu lass uns mal erst einmal die Sache mit dem ökumenischen Abendmahl-/Eucharistie-Projekt machen. Wir müssen unsere Kräfte bündeln …

Martin zu Maria:  Weißt du, ich freu mich ja, dass du dich freust; aber im Moment wird mir das wirklich etwas zu stressig mit dem ökumenischen Abendmahl jede Woche …

Klaus-Peter:  Es muss unbedingt wöchentlich sein, wegen der Öffentlichkeitswirkung und um den kirchenpolitischen Druck aufrecht zu erhalten.

Tobias:  Also ich könnte jeden Tag Abendmahl feiern.

Paul zu Stefan:  Feiert ihr eigentlich das Abendmahl beim ICF?

Gerhard:  „Und jeden Tag waren sie beständig und einmütig im Tempel und brachen das Brot in den Häusern …“

Dietrich:  Ich finde, es besteht schon eine gewisse Gefahr, dass das Abendmahl zu etwas Alltäglichem wird, wenn man es jede Woche feiert.

Tobias:  Einmal die Woche ist doch nicht  all-täglich.  Ich könnte sogar mehrmals täglich Abendmahl feiern. Ich denke doch sowieso ständig an Jesus und das Kreuz und so …

Dagmar:  Also ich hab Familie. Ich muss auch noch mal an was anderes denken.

Mischa:  Das Abendmahl ist etwas sehr Wertvolles. Es ist für mich Nahrung für die Seele.

Thomas:  Also für mich ist es eher ein Mich-Erinnern an das Wesentliche …

Martin:  Ich könnte mal auf YouTube schauen, ob Siggi Zimmer was dazu sagt.

Dietrich:  „Dies  ist  mein Leib“, und „dies  ist  mein Blut“ …

Gerhard:  Worthaus ist nicht dasselbe wie die Heilige Schrift.

Paul:  Ich möchte nur einen kleinen Moment daran erinnern, dass wir uns nicht über dogmatische Fragen streiten wollten.

Martin:  Genau. Mir geht so viel Theorie auch echt auf den Keks.

(Schweigen)

Martin:  Und ich wollte euch noch sagen, dass ich schwul bin. Ich dachte, es ist besser, wenn ihr es von mir selber hört.

Gerhard zur Gruppe über Martin:  Entweder  ER  geht, oder  ICH  gehe.

Maria:  Gerhard!

Christine zu Gerhard:  Du bist homophob? Ich dachte, du bist Christ?

Dagmar:  Leute, wir haben das hier jetzt schon monatelang gemacht und hatten immer eine gute Zeit.

Mischa:  Es geht nicht darum, dass  wir  eine gute Zeit haben …

Dietrich:  Das mit der Homosexualität ist schon ein schwieriges Thema …

Christine zu Dietrich:  Martin ist nicht ein „Thema“!

Klaus-Peter:  Wir müssen uns auf das ökumenische Abendmahl konzentrieren, sonst verzetteln wir uns!

Gerhard:  Es heißt in der Heiligen Schrift „Tut den Bösen von euch selbst hinaus!“

Tobias:  Wir brauchen als Christen unbedingt mehr Ambiguitätstoleranz. Ein Minimum an social skills sollte man auch unter Christen erwarten können.

Dagmar:  Vor allem brauchen wir eine allgemeinverständliche Sprache, die auch die Frau und der Mann auf der Straße verstehen.

Martin:  Genau. Wir sind hier wieder der typische, gutbürgerliche, fromme Klub … – und ich bin das schwarze Quoten-Schaf.

Stefan:  Häh?

Thomas zu Martin:  Du kamst ja eigentlich auch mal aus gutem Hause, nich?

Tobias zu Stefan:  Er meint, er ist so wie aus dem Gleichnis vom verlorenen, schwarzen Schaf.

Klaus-Peter in die Runde:  Stimmt schon. So Arbeitermilieu oder Schlimmeres ist hier nicht gerade stark vertreten …

Thomas:  Liebe Brüder und Schwestern, wir sind Christen! Wir sollten eigentlich an unserer Liebe erkannt werden.

Stefan:  Liebe, Liebe, Liebe, … ich kann’s schon nicht mehr hören. Dadrunter versteht doch jeder, was er will.

(Schweigen)

Gerhard:  „es müssen auch Parteiungen unter euch sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden.“

Martin:  Wer sind denn die Bewährten?

Tobias zu Klaus-Peter:  Vielleicht sollten wir doch besser Einzelkelche nehmen.

Klaus-Peter:  Also, wir haben uns am Anfang für einen einzelnen Kelch entschieden. Wir rollen die Sache jetzt nicht noch einmal auf.

(Schweigen)

Paul:  Ich möchte euch dazu einladen, gemeinsam eine kleine Meditationsübung zu machen, damit wir uns wieder innerlich zentrieren und zu uns selbst finden.

Thomas:  Ich dachte, es geht hier um Jesus.

Mischa:  Jesus ist doch im Zentrum unserer Seelen.

Maria:  Das mit dem Meditieren ist nicht so mein Ding.

(Schweigen)

Mischa:  Irgendwie bin ich nicht mehr so richtig in Stimmung fürs Abendmahl.

Thomas:  Es kommt nicht auf dein Gefühl an.

Dagmar:  Der Appetit kommt beim Essen.

Maria:  Dagmar!

Paul:  Wir dürfen vielleicht alle noch einmal versuchen uns daran zu erinnern, was uns eigentlich hier zusammengeführt hatte.

(Schweigen)

Dietrich:  Jesus!

(Alle nicken langsam, zustimmend.)

Martin:  Durch Jesus bin ich von den Drogen weggekommen. Ohne ihn hätt ich das nicht geschafft.

Thomas:  „Christen“ kommt von „Christus“ –  „JESUS  CHRISTUS.

Christine:  Wie seid ihr eigentlich alle zum Glauben gekommen?

Gerhard:  Ich bin christlich aufgewachsen. Ich war mein Leben lang in derselben Gemeinde. Ich kenne gar nichts anderes.

Martin:  Oh Gott!

Gerhard:  „Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht zu Nichtigem aussprechen, denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen zu Nichtigem ausspricht.“

Martin:  Entschuldigung.

Christine flüstert Dagmar ins Ohr:  Ich frag mich, ob Gerhard überhaupt ein richtiger Christ ist.

Christine zu Gerhard:  Hast du nie mal gezweifelt oder ’ne Krise gehabt? So’n Bekehrungserlebnis?

Gerhard:  Nein, für mich war immer alles klar, mit Jesus und so. Und mit 14 hab ich mich dann taufen lassen, so mit all den anderen Jugendlichen.

Mischa:  Wow!

Tobias:  Na, ich weiß nicht, ob das so gut ist …

Dagmar flüstert zurück in Christines Ohr:  Das ist nicht deine Aufgabe, das zu beurteilen.

Dietrich:  Jesus ist mein Leben. Ich wüsste gar nicht, wie ich anders leben könnte.

Thomas:  Ich hab mich lange rumgequält mit dem Sinn des Lebens und so. Meine Eltern sind Atheisten. Durch einen Kollegen hab ich dann die Bibel kennengelernt, und das mit Jesus hat mich echt angesprochen und überzeugt.

Martin:  Manchmal ist mir das echt alles zu viel, mit all den Bibelversen und den Streitereien und so. Aber dann denke ich an Jesus und merke: Der lässt mich irgendwie nicht los …

(Schweigen)

(Mischa nimmt das Brot, bricht es und gibt es in die Runde.)

Dietrich:  „Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.“

(Maria nimmt den Kelch, nimmt einen Schluck und reicht ihn weiter.)

Dagmar:  „Dieser Kelch ist der neue Bund zwischen Gott und euch, der durch mein Blut besiegelt wird. Sooft ihr aus diesem Kelch trinkt, denkt an mich und an das, was ich für euch getan habe!“

(Schweigen.)

(Christine fängt an zu singen, und die anderen stimmen ein:)

„Seid still und erkennt, dass ich Gott bin …“

(Thomas hat noch ein paar Kekse mitgebracht und Klaus-Peter ein paar Chips. Maria holt eine Flasche Mineralwasser heraus, und Stefan, Tobias und Dagmar teilen sich den Rest vom Rotwein. – Sie unterhalten sich noch eine ganze Weile über alles Mögliche. Dann verabschieden und umarmen sie sich und gehen nach Hause.)